9 Monate, Kapitel 5 & 6

 

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5: Freundeskreise

 

Mike hatte den Besuch für die Zeit kurz nach Mittag angekündigt. Während des ganzen Vormittags gab er sich wortkarg und zog sich meist in das einzige Zimmer des Hauses zu­rück, das er grundsätzlich verschlossen hielt. Aline hatte dort keinen Zutritt. Sie musste für ihn kochen, ihm das Essen an die Tür bringen und klopfen. Alle Versuche, ihn anzuspre­chen, bügelte er ab.

Aline hatte zwei Probleme. Einerseits wusste sie nicht, ob die Besucher über Blähungen und Flatulenz während einer Schwangerschaft informiert waren (sie wusste nicht einmal, ob die womöglich davon ausgingen, dass Mike urplötzlich zu einer hochschwangeren Ehefrau ge­kommen war oder ob er ihnen irgendeine Legende erzählt hatte) und anderseits hatte sie noch keine Spur von einem Kleidungsstück entdeckt. Erwartete Mike, dass sie die Gäste splitternackt empfing? Angesichts seines Wahns hielt Aline nichts für unmöglich. So, wie sie jetzt aussah, hätte sie das noch weitaus schwerer verkraftet als vor der Veränderung ihres Körpers.

Als sie während des Abwaschs das Geräusch eines sich nähernden Autos hörte, überlegte sie, was wohl peinlicher wäre: die Gäste ganz nackt oder mit einem Spültuch bekleidet zu begrüßen. Sie eilte ins Schlafzimmer und blickte zur Einfahrt. Der Wagen hatte angehalten und ein Mann im Anzug sowie eine Frau in einer Art Sportdress stiegen aus. Was nun?

Aus der Nacktheit resultierte für Aline gleich eine doppelte Beklemmung. Das Mike gegen­über nahezu verschwundene Schamgefühl war wieder da und die Tatsache, dass er offenbar nicht vorhatte, ihr noch auf den letzten Drücker etwas zum Anziehen zu geben, ließ Aline befürchten, dass Peter und Lorene Mitwisser oder sogar Mittäter von Mikes Verbrechen wa­ren. Sie eilte zurück in den Flur und überlegte, ob sie sich verstecken sollte. Natürlich war das ein aussichtsloses Unterfangen aus reiner Panik. Wie aufgezogen eilte sie, soweit ihr Körper ihr so etwas wie »Eile« erlaubte, durch das Haus, als sie Stimmen, von denen eine Mikes war, zur Haustür kommen hörte. Im Wohnzimmer versuchte sie, sich zu sammeln, um dem, was da auf sie zukam, irgendwie gegenübertreten zu können. »Lass uns gleich an die Arbeit gehen«, meinte eine ihr unbekannte Männerstimme. Das musste Peter sein. »Deine Ally kann ich später noch kennenlernen. Lory wird sich mit ihr anfreunden, während wir uns zurückziehen.«

»Sie ist wohl noch in der Küche. Meine Süße ist ein bisschen scheu.«

Aline hörte, wie die Männer in Mikes »geheimes« Zimmer gingen. Von Lorene war kaum etwas zu hören und Aline überlegte, dass sie sich womöglich doch nicht getäuscht hatte, als sie glaubte, dass Lorene beim Aussteigen aus dem Auto barfuß gewesen war.

»Alicia? Ally? Wo steckst Du?« Lorene hatte eine weiche, junge Stimme.

»Im Wohnzimmer. Ich habe nichts an.«

»Natürlich nicht. Ich auch.«

»Was?! Aber … wieso … Du hast doch …«

Lorene kam in den Raum. »Dann sieh mal genauer hin!«

Lorene war etwas kleiner als die selbst schon nicht besonders großgewachsene Aline, trug eine wilde, schwarze Mohawk-Mähne mit gelber Strähne über ihrem stark geschminkten Gesicht, hatte extrem große, ballonartige Brüste an einem ausgesprochen zierlichen Körper und tatsächlich waren ihre Füße nackt … aber nicht nur die. »Da… das … das ist ein Body-Paint!« Aline konnte kaum glauben, was sie sah. Sogar Lorenes Labien waren gelb gefärbt. Lediglich dazwischen blitzte ein winziges Stück ihrer innen ungefärbten Scheide auf. Man musste allerdings sehr genau hinsehen, um das (sofern Lorene gerade eine entsprechende Position einnahm) zu bemerken.

»So ist es. Ich bin genauso splitterfasernackt wie Du. Allerdings sollte das während der Reise hierher möglichst niemand bemerken.«

Aline konnte in ihrer Verwirrung und erneut aufsteigenden Panik nur sagen: »Mike will auch mit mir verreisen.«

Lorene lachte. Es klang ein wenig bitter. »Ich glaube, da musst Du Dir keine großen Sorgen machen. Er ist kein guter Körpermaler und außerdem ist sein Fetisch nicht ganz so strikt, was Nacktheit angeht. Dafür hat er, wie man sieht, auch noch andere Vorlieben. Eine ganz schön große Kugel hat er Dir da verpasst, aber – ganz ehrlich – Du bist wirklich bildhübsch und diese üppigen Formen stehen Dir richtig gut.«

»Dieser riesige Bauch … also … das ist nicht wirklich …«

»Ich weiß. Der ist so wenig auf ›natürliche‹ Weise entstanden wie meine Möpse. Mike ist ein Genie. Schade, dass er das nicht nutzt, um Brustkrebspatientinnen oder Verbrennungsopfern zu helfen. Mit seiner Methode der Zellaufzucht könnte er so vielen Menschen Gutes tun, aber er erfüllt lieber Männerträume.«

»Du weißt, was er macht? Was er mit mir gemacht hat?«

»Klar. Das war nicht das erste Mal. Er hat das perfektioniert, aber immer nur als … ›Dienst­leister‹. In seinem Freundeskreis war es ein offenes Geheimnis, dass er seit seiner Jugend ein ganz bestimmtes Mädchen anhimmelte – seine Traumfrau. Tja. Da steht sie nun leibhaftig vor mir und ich muss zugeben, dass er einen verdammt guten Geschmack hat. Leider ist sein Geschmack so gut, wie sein Gefühl für Recht und Unrecht miserabel ist. Du bist nicht frei­willig hier, oder?«

Aline hatte die wochenlange Tortur tapfer, wie sie fand, ertragen, aber in diesem Moment konnte sie sich nicht mehr beherrschen und sank weinend in sich zusammen. Lorene schaffte es gerade noch, Aline auf das Sofa zu bugsieren. Dort ließ sie die hübsche »Schwangere« erst einmal in aller Stille den Schmerz in Tränen verwandeln und hielt sie lange in ihren Armen. Schließlich meinte sie: »Ruh Dich noch ein wenig aus! Ich gehe unter die Dusche und werde die gelbe Farbe los.«

»Aber die … hffhff … die Rückreise …«, schniefte Aline.

»Peter hat alles dabei. Er ist ein Meister. Er braucht nicht lange, um mich wieder zu tarnen. Bleib einfach noch eine Weile liegen. Ich bin bald zurück und dann können wir reden. Okay?«

»O…hfff…kay.«

Es dauerte tatsächlich nicht lange und Lorene hatte sogar an Abschminktücher gedacht, um Alines tränenverschmierte Augen vom Lidschatten und ihren Mund vom Lippenstift zu rei­nigen. »Ganz schön nass. Das war mal nötig, hm?«

»Und wie! Ich war fast fünf Wochen lang mit Mike allein.«

»Kidnapping? Wusstest Du, wer er ist?«

»Er hat mich aus meiner Wohnung entführt und in eine Art Bunker verschleppt. Ich habe ihn nie gesehen und seine Stimme bis auf wenige Ausnahmen nur über Lautsprecher gehört. Sie kam mir bekannt vor, aber nach Jahren … ich kannte den jungen Mike ja nur als Schul-Nerd, den niemand ernst genommen hatte.«

»Letzteres dürfte sich wohl geändert haben – besonders für Dich.«

»Ja. Spätestens, seit er mir das hier angetan hat.« Sie hielt ihren Bauch und hob ihre weichen Brüste an.

»Niemand ist in der Lage, Zellen schneller und präziser zu reproduzieren als Mike. Meine Möpse und mein Arsch sind sein Werk. Weil er nicht nur Gewebe herstellen kann, sondern auch in der Lage ist, biochemische Prozesse gezielt zu manipulieren, wächst an meinem gan­zen Körper und an den Seiten meines Kopfes kein Haar mehr. Peter hat sich das so ge­wünscht und Mike hat mich nach Peters Vorstellungen ›umgestaltet‹. Ich bin gewissermaßen ein Geschenk unter Freunden.«

»Wie kam es dazu? Wurdest Du auch entführt?«

»Peter meinte, wir sollten einen Spaziergang machen, damit Dein Kreislauf in Schwung kommt. Dabei können wir uns weiter unterhalten, okay?«

»Ja, gern. Mal ein paar Meter zwischen Mike und mir würden mir bestimmt gut tun.«

»Ich sage den Jungs, dass wir aufbrechen.«

Lorene kam nur Sekunden später zurück. »Du sollst nicht ungeschminkt aus dem Haus ge­hen. Komm, ich helfe Dir schnell!«

Allmählich wunderte sich Aline über nichts mehr – auch nicht darüber, dass Lorene nicht einmal auf die Idee zu kommen schien, dass ein Spaziergang womöglich ein Mindestmaß an Bekleidung erfordern könnte. Für sich selbst hatte Aline nach Mikes entsprechenden Bemer­kungen schon gewusst, dass sie nackt bleiben würde, aber Lorene schien tatsächlich nicht mehr als Körperfarbe zu besitzen, auf die sie nunmehr auch noch verzichtete (verzichten musste?).

Trotz all des Irrsinns spürte Aline schon nach wenigen Schritten ein seit Wochen unbekann­tes Gefühl von Freiheit. Weder die Kurzatmigkeit, noch die leichte Übelkeit und auch nicht das ständige Herunterschlucken des eigenen Speichels änderten etwas an dem guten Gefühl. Alines Hoffnung, Lorene könnte etwas zu ihrer Befreiung beitragen, wuchs. Die erzählte zunächst ihre eigene Geschichte.

Die beiden nackten Frauen hatten den kürzesten Weg zum Wald gewählt, auf dem viel Gras und Moos wuchs, so dass sie ihre Fußsohlen schonen konnten. Es war warm an diesem Sommertag und Aline war froh, dass sie wenigstens von Schweißausbrüchen verschont blieb, obwohl sie mit ihrem Bauch bisher noch keine so weite Strecke zurückgelegt hatte.

Lorene wirkte locker und entspannt. Sie schien sich an das Tragen ihrer riesigen Brüste ge­wöhnt zu haben. »Mit 17einhalb habe ich mich in Peter verliebt. Er war sechs Jahre älter als ich und kam mir sehr erwachsen vor. Er war charmant, humorvoll, gebildet und gab mir das Gefühl, auf Händen getragen zu werden, ohne dass ich mich dadurch eingeschränkt fühlte.«

»Klingt nach echtem Traummann.«

»Ja, das dachte ich auch, zumal der Sex mit ihm richtig geil war, denn er hatte Erfahrung und wusste ganz genau, wie er mich auf Touren bringen konnte. Zwei Tage nach meinem acht­zehnten Geburtstag haben wir geheiratet. Wir haben beide italienische Vorfahren und es wurde ein Riesen-Fest. Dabei gab es die erste Situation, die mir nicht so gut gefiel, denn Peter griff häufig zum Weinglas. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er, ich solle ihm keine Vorschriften machen. Sein Tonfall war … nicht nett.«

»Ihr kanntet Euch nur ein halbes Jahr.«

»Ja. Das war total bescheuert, aber ich hatte ja keine Ahnung, dass ich unter dem Einfluss eines Hormoncocktails stand. Heute weiß ich, dass die Neurotrophine, die uns am Anfang sexsüchtig machen, schon nach einem Jahr verschwinden. Ohne es in der Zeit wirklich zu erfassen, hatte ich nach einem halben Jahr Ehe das Gefühl, unglücklich zu sein, denn ich hatte einen Prinzen geheiratet und wachte nach der Hochzeitsnacht neben einem ›Ehemann‹ auf.«

»Das geht wohl vielen Frauen so.«

»Oh, ja! Mein Mann entwickelte sehr schnell Wünsche. Aus Wünschen wurden Anregungen und aus Anregungen wurden Forderungen. Wenn wir unter dem Einfluss unserer Ver­liebtheitshormone stehen, sind wir gern bereit, all dem nachzukommen. In der ersten Zeit erhalten wir dafür ja auch zurück, was uns selbst gefällt. Bei Peter und mir war das auch so, aber nach der Hochzeit und vor allem nach dem ersten Ehejahr entstand ein Missverhält­nis.«

»Und was hast Du dagegen unternommen?«

»Zunächst gar nichts. Meine Röcke wurden immer kürzer, die Absätze meiner Schuhe im­mer höher und insgesamt schien meine Kleidung zu schrumpfen, löchriger zu werden und durchsichtiger. Sie schwand gewissermaßen dahin. Ich wunderte mich darüber, dass Peter so großen Wert auf Äußerlichkeiten legte, aber inzwischen weiß ich natürlich, dass er keine Ausnahme ist … was das angeht. Peter dachte seinerseits, dass alles in Ordnung wäre, weil unser Sexleben funktionierte. Er wusste gar nicht, dass weibliche Sexualität nicht in erster Linie von Anblicken – jedenfalls nicht im positiven Sinn; wir ekeln uns nur oft vor unge­pflegten Kerlen – sondern von Stimmungen und Gefühlen abhängt. Wenn unser Prinz zum Schlaffi, zum bequemen Haustier wird, ist unser Gefühl Langeweile. Wenn er sich als Bru­talo entpuppt, macht er uns Angst … und zwar auf eine sehr unerotische Weise. Peter zeigte gleich beide Seiten. Er hatte sich vorher nur verstellt, um erst mich ins Bett und dann per Heiratsurkunde ein Dauerticket für kostenlosen Sex zu bekommen. Ich vermute, dass ich ihm weiterhin freiwillig alles gezeigt, alles gegeben und alles getan hätte, was er wollte, wenn er dafür im Gegenzug auch mich scharf gemacht hätte – durch sein Wesen, seinen Charme, seinen Witz und seine Stärke. Er ließ in allem nach, aber ich sollte weiter ›liefern‹. Dieses Missverhältnis wuchs von Tag zu Tag.«

»Ich verstehe. Ich hatte auch den einen oder anderen Schauspieler und frage mich heute noch, warum ich das nicht früher gesehen hatte.«

»Das solltest Du Dich nicht fragen. Du kannst nämlich nichts dafür. Zuerst bist Du … sind wir … wir alle im Hormonrausch. Das trifft Männer und Frauen gleichermaßen. Der Haken kommt danach, denn wir fangen an, das gleiche Hormon in Mengen zu produzieren, das vor allem für die Mutter-Kind-Bindung zuständig ist: Oxytocin. Dieses verdammte Zeug lässt uns ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erleben. Es schweißt uns an den Kerl, mit dem wir regelmäßig Sex haben. Ich schätze, die Natur hat das so eingerichtet, damit der Nachwuchs, der ja bis dahin mal so langsam gezeugt und geboren sein sollte, zwei Eltern hat, die sein Überleben sichern, bis er das irgendwann selbst erledigen kann. Dieses Hormon ist wie ein Superkleber. Wir kleben an Kerlen, von denen wir eigentlich ganz genau wissen, dass sie Scheiße sind – entweder von Anfang an und als Schokolade getarnt oder später, wenn sie haben, was sie wollten: Verfügbarkeit zum Sex. So ging es mir auch. Ich hatte da­mals nur keine Ahnung, warum. Ich habe den ganzen frauentypischen Unsinn angestellt – Verdrän­gung, Schuldsuche bei mir selbst, Mitleid mit meinem armen Schatz, den ich doch nicht ein­fach so verlassen konnte, Hoffnung, dass er sich wieder in meinen Traumprinzen zurück­verwandelt und sogar den allergrößten Schwachsinn: Angst, dass mich niemand sonst mehr will. Dabei war mit mir alles in Ordnung. Ich hatte Peter gegenüber nichts falsch gemacht, hätte mir keine Vorwürfe machen sollen, aber zeige mir eine Frau, die nicht dazu neigt, zu­erst die Schuld für jeden Mist, der passiert, bei sich selbst zu suchen! Keine fragt sich, warum Männer das selt­samerweise überhaupt nicht tun.«

»Ich nehme an, weil die sich für die ›Herren der Schöpfung‹ halten, für Ebenbilder eines Gottes, der dann wohl so aussehen muss wie eine Kreuzung aus John Candy, Danny Trejo und Sylvester Stallone, während wir nur ›Gefährtinnen‹ sind, Zugaben, Beiwerk, Spielzeug oder so eine Art pulled Pork. Naja, pulled Ribs trifft es wohl besser.«

»Du hast es erfasst. Es ist uns kaum möglich, rechtzeitig den Absprung zu schaffen, weil die Mischung aus Hormonen und Gehirnwäsche uns zu perfekten Opfern macht. Als ich dann endlich so weit war – das ist ziemlich genau ein Jahr her – war es auch schon zu spät. Ich hatte meine Chance verpasst.«

Ein lauter Furz entwich aus Alines Po. »Tut mir leid. Das soll wohl zu dieser ›Schwanger­schaft‹ dazu gehören. Können wir uns mal irgendwo setzen?«

»Warum nicht gleich hier? Ich helfe Dir.«

Mit Lorenes Unterstützung ließ sich Aline auf einer Lichtung im Gras nieder. Beide fanden den Ort passend für eine Pause. Das Gespräch wollte Aline jedoch nicht pausieren lassen. »Was meinst Du mit ›zu spät‹? Was ist passiert?«

»Mike ist ›passiert‹ - Mike und seine Frankenstein-Forschungen, Mike und seine Zellkultu­ren, Mike und sein Wissen über die Chemie des menschlichen Gehirns, Mike und seine Fä­higkei­ten, diese Chemie zu beeinflussen«.

»Woher kanntest Du ihn?«

»Durch Peter, natürlich. Männer, die den Unterschied zwischen ›gleich‹ und ›gleichwertig‹ nicht kennen und glauben, dass Frauen weniger Wert besitzen, weil sie so ganz anders sind als die Kerle, Typen, die Angst vor allem haben, was anders ist, Feiglinge, latente Rassisten wollen ihre Frauen isolieren, von Freunden, Kontakten und schließlich der gesamten Außenwelt fernhalten. Das machen sie schleichend. Wir bekommen das meist gar nicht rich­tig mit, weil wir so viel Verständnis dafür haben, dass unser Traumprinz unsere Freunde langweilig oder doof oder zickig findet, während er im Kreis seiner Freunde entspannt und glücklich wirkt, was wir ihm ja sooo sehr gönnen! Außerdem wird er nicht müde, uns zu erzählen, dass er am liebsten nur mit uns zusammen sein möchte. Das schmeichelt uns, lässt uns auf Zärtlichkeit und guten Sex hoffen und unterstützt unser Oxytocin-gesteuertes Stre­ben nach allem, was irgendwie ›Bindung‹ bedeutet. Erst später, wenn unsere Freunde keine Zeit mehr für uns haben, weil wir ja normalerweise nur noch im Zweierpack auftreten und niemand mehr den Stinkstiefel an unserer Seite sehen will, fällt uns auf, dass wir nur noch die eine Bezugsperson haben. Bei entsprechender hormoneller Überdosis finden wir das eine Zeit-lang gar nicht so schlimm. Diese Dosis verändert sich aber … immer! Geilheit und Spaß lassen nach, doch unsere ›Bindungsdroge‹ produziert das Gehirn weiterhin. Im Ergebnis finden wir es dann doch schlimm, fühlen uns allein und isoliert … und kommen von dem Arsch, den wir für einen Prinz hielten, dennoch nicht weg – bis wir es einfach nicht mehr aushalten. Ich habe dafür volle zwei Jahre gebraucht und vor einem Jahr war ich endlich soweit, dass mein Großhirn trotz Droge begriff: Trennung ist die einzige Option. Peter be­kam das mit und holte sich Mikes Hilfe unter Kumpels.«

»Ich kenne Mike von früher nur als Einzelgänger. Einen ›Kumpel‹ hätte ich ihm gar nicht zugetraut.«

»Männerfreundschaften sind anders als Freundschaften unter Frauen. Männer bilden gern ›Jagdgesellschaften‹ und schließen sich zu entsprechenden Gruppen zusammen. Das kommt, wie fast alles, was wir tun, direkt aus der Steinzeit. Peter und Mike sind gewissermaßen ›Vereinskameraden‹. Das habe ich allerdings auch erst spät erfahren. Sie kennen sich von einer ›geheimen‹ Plattform im Internet, die man am besten mit einem Pädophilen-Ring ver­gleichen kann.«

»Kinderficker? Das würde zwar zu dem Zeug passen, das Mike so von sich gibt, aber ich dachte, er holt nur sein Frauenbild aus diesem ›Glauben‹.«

»Hahaha! Nein, mit Kindern hat das nichts zu tun, Ally. Dieser ›Club‹, dem sie angehören, nennt sich ›Nachtfalter‹. Mike ist dort nicht aus echter Überzeugung, sondern er rekrutiert auf dieser Plattform Kunden. Peter hingegen ist ein glühender Anhänger der Club-Ziele.«

»Du meinst, die sammeln Schmetterlinge? Das ist doch nur ein Pseudonym, oder?«

»Genau. Die sammeln keine Schmetterlinge, sondern Frauen. Wir sind die ›Schmetterlinge‹. Du musst nur zwei Buchstaben austauschen und dann kennst Du den ›Vereinszweck‹: Nackthalter. Seit einem Jahr trage ich nichts als meine Haut und manchmal etwas Farbe. Immerhin durfte ich auf meinem Kopf einen Teil meiner Haare behalten.«

Aline schwante Übles. »Deshalb ›hält‹ Mike mich nackt?«

»Ich glaube nicht, dass er das immer machen wird. Er ist dabei nicht so konsequent wie Peter und andere ›Clubfreunde‹. Außerdem ist er kein guter Body-Painter.«

»Was machst Du im Winter? Warum machst Du das mit?«

»Im Winter halte ich mich in wärmeren Gefilden auf. Warum ich das mitmache? Aus den gleichen Gründen wie Du: Ich bin von diesen verdammten Zäpfchen abhängig. Ich würde sonst verdursten oder verhungern. Mike ist vermutlich der beste ›rote‹ Genetiker und Epi­genetiker seiner Zeit. Seine Methode, die in-vitro Gentherapie, wendet er an, um unseren Enzymhaushalt genetisch zu verändern. Durch transkriptionelles Gen-Silencing produzieren unsere Organe, insbesondere die Bauchspeicheldrüse, nicht mehr alle Enzyme, die wir zur Verdauung benötigen, so dass diese von außen zugeführt werden müssen. Nur Mike weiß, an welchen Stellen unserer DNA er die Methylierung ansetzen muss. Um herauszufinden, wie man das wieder rückgängig machen kann, würde ein Team von Experten vermutlich Monate brauchen. Gleiches gilt für den Wirkstoff in den Zäpfchen.«

»Wow! Woher kennst Du all diese Fachausdrücke?«

»Bevor Peter sich entschloss, Mikes Hilfe in Anspruch zu nehmen, um meine Nackthaltung zu erzwingen und mir diese Möpse und diesen Arsch zu verpassen sowie sicherzustellen, dass ich nie mehr zum Waxing gehen muss, habe ich Biologie studiert – mit Schwerpunkt Biogenetik und blaue Gentechnik. Ich wollte in der Meeresforschung arbeiten, weil ich denke, dass sich dort langfristig das Überleben der Menschheit entscheidet, weil im Meer die Nahrungskette beginnt. Tja. Auch Mike könnte mit seinem Wissen viel Gutes tun. Stattdes­sen lässt er sich von ein paar Verrückten bezahlen. Gentechnik ist kein ›Teufelswerk‹, wie es die Fanatiker behaupten und in einigen besonders rückständigen Ländern am liebsten total verbieten würden. Sie ist nur Wissen und Wissen ist Macht, die man für oder gegen Men­schen einsetzen kann. Mike hat sich für ›die dunkle Seite der Macht‹ entschieden und Peter ist einer seiner Auftraggeber. Echte Männerfreundschaft eben!« Lorene lachte bitter auf.

»Du bist also auch eine Gefangene wie ich.«

»Was dachtest Du denn?! Hast Du mich für eine Exhibitionistin gehalten? Sogar die tragen wenigstens ab und zu mal etwas Kleidung.«

»Was können wir tun?«

»Wir tun, was Frauen seit Jahrtausenden machen. Wir arrangieren uns mit unserer Lage, machen ›das Beste‹ daraus und … überleben.«

Das war nicht das, was Aline hören wollte. »Ich soll hinnehmen, dass Mike mich in seiner Gewalt hat? Ich soll ihn über mich bestimmen lassen, sein Spielzeug sein, die Projektionsflä­che seines Wahns? Hast Du eigentlich eine Ahnung, was er mir außer dem fetten Bauch und diesen Schwabbeltitten noch angetan hat?«

»Peter hat es mir erzählt. Das machen viele ›Club-Mitglieder‹ auf unterschiedliche Weise. Sie nehmen ihren Opfern die Selbstkontrolle, um sie dadurch gefügiger zu machen. Nacktheit steht in diesem Club an erster Stelle. Es gibt aber zum Beispiel auch Frauen, die ständig in Bondage gehalten werden. Du bist außerdem nicht die einzige dauerhaft Hochschwangere. Ich kenne eine Frau eines Nackthalters, die sich seit zwei Jahren in diesem Zustand befin­det.«

Diesmal kam Alines Übelkeit nicht von den Medikamenten-Reservoirs in ihrem Kugelbauch. »Mike hat gesagt, er will mich neun Monate in diesem Zustand lassen.«

»Kann sein ... falls Du bis dahin so geworden bist, wie er Dich haben will. Viele Nackthalter schaffen das tatsächlich. Du hast bestimmt schon vom Stockholm-Syndrom gehört. Wenn Du das mit totaler Abhängigkeit kombinierst … und wir sind total abhängig von diesen Zäpfchen … und die passenden Hormone sowie Gehirnwäsche zufügst, kannst Du aus ei­nem Opfer allmählich und fast unmerklich eine ›freiwillige‹ Dienerin machen.«

»Wenn das so einfach ist und Mike eine solche Koryphäe – warum manipuliert er uns nicht so, dass wir gleich alles toll finden?«

»Theoretisch wäre das vermutlich sogar möglich. Man könnte für eine Endorphinausschüt­tung sorgen, die immer dann stattfindet, wenn wir vor dem Spiegel stehen, bis wir es für eine Ursache unseres Glücksgefühls halten, nackt zu sein. So würde man uns wohl wirklich in Exhibitionistinnen verwandeln. Es mag sein, dass Mike die Macht dazu hätte, die Frauen der Nackthalter zu glücklichen, zufriedenen Dauernackten zu machen, aber es würde seine Verdienstmöglichkeiten enorm schmälern, wenn alle Opfer immerzu mit allem einverstan­den wären, was ihre Halter verlangen. Sie wären dann nicht mehr auf Mikes ›Dienstleistun­gen‹ angewiesen. Er könnte es mit Dir machen, aber ich glaube, er will Dich ›erziehen‹ und nicht in einen Roboter verwandeln. Er ist in Dich verliebt und hält das für Liebe. Er will nicht gleich Deine ganze Persönlichkeit verändern, weil er die ja zu lieben glaubt. Er manipuliert Dich allmählich

  

»Das wird er nicht schaffen.«

»Meinst Du? Wir können jetzt darüber philosophieren, was die Persönlichkeit eines Men­schen ausmacht – Gene, Erfahrungen, vererbte Erfahrungen oder so Zeug wie ›Seele‹, ›Aura‹ und das ›Sonnengeflecht‹. Tatsache ist, dass wir ständig manipuliert werden – von Eltern, Lehrern, Freunden und von unserer Biologie. Wir verwandeln uns sogar regelrecht. Erinnere Dich an die Pubertät! Das ist wie eine Evolution unserer Persönlichkeit. Ein Eingriff in unser Gehirn, der uns schlagartig zu willenlosen Püppchen unserer Halter machen würde, wäre hingegen eine Revolution. Diese Veränderung wäre so schnell und radikal, dass man uns nicht wiedererkennen würde. Das ist nicht gewollt – nicht von Mike, nicht von Peter und auch nicht von den anderen Idioten, die ihren Spaß mit uns haben wollen.«

»Es muss doch einen Ausweg geben!« Aline hatte das Gefühl, als würde ihr Kopf gleich platzen. Längst sorgten die Tränen dafür, dass sie sich nicht mehr bemühte, die Unmengen an Speichel in ihrem Mund herunterzuschlucken, sondern einfach sabberte, wo die Tränen ohnehin schon die Nässe in ihr Gesicht transportierten.

»Ich kann mir nur zwei ›Auswege‹ vorstellen. Wir können uns umbringen. Das würde dazu führen, dass wir nicht einmal mehr die kleine Freude eines Waldspaziergangs an einem Hochsommertag erleben könnten. Ein ausgiebiges, heißes Bad, eine geschickte Zunge, die uns da leckt, wo es am schönsten ist, ein Sonnenuntergang – alles weg. Außerdem ist es nicht einfach. Ich habe es vor zehn Monaten mal versucht und bin in einen Hungerstreik getreten. Verdursten ist eine Quälerei, gegen die unser Schicksal eher harmlos wirkt und verhungern – nee, das machen wir bestimmt nicht freiwillig. Andere Methoden wie Abfackeln, Zerquet­schen, Würgen, bis die Augen aus den Höhlen platzen – bäh, dazu sind wir doch zu kostbar, oder? Es gibt tatsächlich einen echten Ausweg. Ich habe nur keine Ahnung, wie wir den be­schreiten können. Wir müssen die Zäpfchen loswerden. Das geht nur mit einer erneuten Spritze, in der unser verändertes Erbgut als reparierte Version steckt. Dafür brauchen wir die Rezeptur des Inhalts dieser Spritze. Wir könnten unsererseits Mike entführen und foltern, bis er uns alles verrät oder wir kommen auf andere Weise an das Rezept. Ich weiß nur nicht, wie.«

»Es gibt ein verschlossenes Zimmer im Haus!« Alines Kampfeswille drängte die Verzweif­lung, die während des Gesprächs immer stärker geworden war, wieder zurück.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mike dort einen Safe hat, in dem ein Zettel liegt, auf dem steht: ›Gensequenz zur Wiederherstellung der Verdauung von Sexspielzeugen‹. So einfach wird das nicht gehen. Du musst vorsichtig sein. Wenn er mitkriegt, dass da etwas gegen ihn läuft, ergreift er Gegenmaßnahmen. Sieh uns an! Du weißt, wozu er in der Lage ist. Der ein­zige menschliche Antrieb, der stärker ist als Lust, ist Angst. Deshalb muss er sich weiterhin in Sicherheit wähnen, bis wir genau wissen, dass wir das Rezept haben. Das wird dauern. Schnellschüsse und voreilige Aktionen können zu üblen Konsequenzen führen. Womöglich entscheidet sich Mike, dass ihm seine Sicherheit doch wichtiger ist als die – vermeintliche – Liebe zu Dir.«

»Ich werde vorsichtig sein und bis dahin …«

»… bleiben wir schön brav nackt oder schwanger oder nackt und schwanger oder was auch immer den Kerlen gefällt. Eine andere Option haben wir nicht.«

 

6: Flitterwochen

 

Alines Flatulenz wurde schlimmer und erste Krämpfe kündigten die bevorstehende Leerung ihres Darms an. Lorene half ihr auf und die beiden Frauen versuchten, soweit es Alines Zu­stand zuließ, schnell zurück zum Haus zu kommen. Die »Vorwarnzeit« stellte sich jedoch als zu kurz heraus.

Aline ging nach der Rückkehr sofort unter die Dusche, um sich zu säubern. Sie war gerade da­mit fertig, als sich auch ihr Blasenschließmuskel, hinter dem Aline ja nichts mehr von dem sich aufbauenden Druck spüren konnte, öffnete. Sie musste erneut duschen und das Bade­zimmer reinigen und fürchtete schon, dass Lorene zwischenzeitlich abgereist sein könnte, da sie nach dem Schminken (sie war froh, sich den China-Doll-Lidschatten abgewaschen zu haben, den Lorene ihr aufgelegt hatte) und Verlassen des Bades niemanden sah und hörte. »Lorene? Hallo?«

»Sie ist bei Mike«, drang die unvertraute Stimme Peters von draußen an ihr Ohr. Aline dachte an Lorenes Worte, »eine andere Option haben wir nicht«, überwand ihre Scham und ging hinaus.

Peter begrüßte sie freundlich. Er fand es offenbar normal, fremde, nackte Frauen zu besu­chen. »Schön, dass ich endlich Mikes Traumfrau kennenlerne. Die Schwangerschaft steht Dir. Üppige Weiblichkeit passt gut zu Deinem zarten Teint.«

»Die Sonnenbrille steht Dir. Billiges Machotum passt gut zu Deinen öligen Haaren«. Das hätte Aline gern erwidert, aber sie erinnerte sich an den Inhalt ihrer dummen Bücher und machte sich klar, dass die besonders Schwachen, der Abschaum der Menschheit, einen Hang zum Denunziantentum hatte. Peter zu beleidigen (für Deppen war die Wahrheit stets belei­digend) hätte womöglich Mike aufgebracht und seine Paranoia verstärkt. »Danke. Ich versu­che, mich daran zu gewöhnen. Neun Monate sind eine lange Zeit.«

»Meine Mamma hat sieben Bambini. Eine Frau sollte es für ihre Pflicht und für normal hal­ten, schwanger zu sein.«

»Aller Anfang ist schwer. Ich gebe mir Mühe.«

»Ja, Mike ist sehr glücklich. Ich hoffe, Du wirst dafür sorgen, dass es so bleibt und ihm eine gehorsame Ehefrau sein.«

»Natürlich. Ich lerne meinen Platz im Leben dank Mikes Führung jeden Tag etwas besser kennen. Ich habe mich auch besonders gefreut, Lorene zu begegnen. Sie ist sehr schön und klug.«

»Manchmal etwas zu klug für meinen Geschmack. Mike ist gerade dabei, sie noch ein biss­chen schöner zu machen. Ich habe sie bereits für die Rückreise vorbereitet. Wenn Mike fertig ist, fahren wir und bei Euch geht es ja auch bald los – Flitterwochen, gewissermaßen.«

»Gewissermaßen. Ich bin schon sehr gespannt. Danke übrigens für die Pap…«

»Nicht hier draußen! Das war doch selbstverständlich. Ich stehe tief in Mikes Schuld. Ich habe ihm angeboten, Dir ein hübsches Reise-Outfit anzupassen, aber er bevorzugt etwas Konventionelles. Naja, er weiß immer noch nicht wirklich zu schätzen, auf welche Weise eine Frau am schönsten ist ... und am fügsamsten.«

»Oh, ich denke, das weiß er schon. Zumindest hatte ich in den letzten Wochen den Ein­druck.«

»Immerhin scheinst Du Dich an diesen natürlichen Zustand schon ganz gut gewöhnt zu ha­ben. Wenn Du das ein oder zwei Jahre beibehältst, wirst Du Deine zarte Haut gar nicht mehr verbergen wollen

In diesem Moment wurde die Haustür geöffnet und Lorene kam heraus. Aline hatte aus Peters Bemerkungen entnommen, dass Mike irgendetwas Schlimmes mit Lorene angestellt hatte und tatsächlich sah man es sofort. Aline befürchtete, dass Mike Lorenes Lippen nicht mit Collagen, sondern mit einer weit nachhaltigeren Substanz aufgespritzt hatte. Die wieder Bemalte hielt sich tapfer, aber ihr Lächeln wirkte misslungen. Vermutlich hatte sie Angst, ihre Lippen könnten platzen.

Die »Paare« verabschiedeten sich voneinander und Lorene konnte in einem unbeobachteten Moment Aline noch zuflüstern: »Wir bleiben in Gondagd. Sei worsichdig!«

Zwei Tage und zwei Nächte brauchte Mike noch für die Reisevorbereitungen, wie er es nannte. In dieser Zeit schlief Aline viel, las ein wenig ihre vollkommen hirnrissige Zwangs­lektüre, kochte, putzte und kümmerte sich um den Garten, soweit es ihr Körper erlaubte. Sie versuchte, ein Gefühl für das Volumen ihrer Blase zu bekommen, um den Zeitpunkt heraus­zufinden, an dem sie sich entleerte, aber blieb damit noch im Vagen. Die Flatulenz setzte sich fort und als Aline es einmal rechtzeitig zur Toilette schaffte, war sie regelrecht stolz. Die Übelkeit kam und ging, der Speichelfluss blieb fast konstant hoch, aber den Schnuller brauchte sie vor allem in der Nacht. Ihr Trieb nahm sogar noch zu und Mikes »Assistenz« wurde nahezu unverzichtbar. Aline schämte sich dafür nur noch wenig, weil sie ihre gerin­gen Energien nicht dafür verschwenden wollte, sich über Dinge aufzuregen, die sie ohnehin nicht kontrollieren konnte. Dazu gehörte auch die Schauspielerei. Aline fühlte sich nicht län­ger ohnmächtig und verzweifelt, weil sie jetzt eine Aufgabe und eine Perspektive zu haben glaubte: die Suche nach dem Rezept. Während sie Mikes Wahn zu folgen vorgab, beobach­tete sie ihn sehr genau und unter ganz anderen Aspekten. Sie versuchte, ihn kennenzuler­nen, seine Gewohnheiten herauszufinden und ihn regelrecht zu studieren, damit sie einen Hinweis erhielt, wo er seine Forschungsergebnisse aufbewahrte … und wie sie in das ver­schlossene Zimmer gelangen könnte. Sie putzte mehrmals täglich vor dieser Tür, um den Geräuschen nachzuspüren, die dahinter zu hören waren. Anfangen konnte sie damit jedoch vorläufig gar nichts.

Es wurde immer offensichtlicher, dass ein schneller »Abbruch« illusorisch blieb.

Mike war mit der Entwicklung hochzufrieden. Er wusste, dass der regelmäßige Vollzug sei­ner Ehe mit Alicia auch ganz ohne Gabe von außen dafür sorgte, dass ihre Hirnchemie eine Bindung erzeugen würde, aber die Art, wie sie sich neuerdings für ihn zu interessieren be­gann, übertraf seine optimistischsten Annahmen. Alicia schien sich immer besser an ihren körperlichen Zustand zu gewöhnen und passte sich ihren weiblichen Pflichten zunehmend leichter an. Sie war natürlich noch eine miserable Hausfrau, aber sie hatte bereits viel gelernt. Das Fluchen hatte sie schon früh aufgegeben und ihr Tonfall wurde zunehmend weicher, femininer, braver. Mike hatte dieses schlichte, kleine Haus ganz bewusst ausgewählt, um Alicia mit einer einfachen Lebensweise vertraut zu machen, denn Demut sollte im Leben einer jeden Frau die zentrale Rolle spielen – Demut vor dem Herrn, seiner Schöpfung und vor dem Mann, der stets das Haupt der Frau war, wie es schon der Apostel Paulus verkün­det hatte. Natürlich konnte er nicht erwarten, dass Alicia innerhalb weniger Wochen oder auch Monate alles aufgab, was an Unfug und Lästerei Alines Leben geprägt hatte, doch die Fortschritte schienen unverkennbar zu sein. Aline war die Liebe seines Lebens gewesen und mit Alicia erschuf er eine Version 2.0 – kei­nen anderen Menschen, sondern immer noch die Frau, die er liebte, aber schöner, weiblicher, folgsamer, dienstbarer … das perfekte Geschöpf, um ihm zu gehören, zu gehorchen und ihn zu lieben. Das war es, was er immer gewollt hatte und nun erfüllte er sich seinen Traum mit dem Segen des Herrn. Der verlangte dafür natür­lich – wie immer – Opfer. Alicia würde für kurze Zeit darauf verzichten müssen, ihrem Ge­mahl ihren runden Körper zu präsentieren, aber Mike hatte seinem Weib hübsche Sachen für die Reise besorgt. Auch darin war sie im­mer noch wunderschön.

Freude, Erleichterung, Entspannung – das waren die ersten Reaktionen, als Aline von Mike aufgefordert wurde, sich neu zu schminken, »damit die Farbe des Kleides besser passt«. Zum ersten Mal seit fünf Wochen würde sie nicht mehr nackt herumlaufen. Sie versuchte, ihre Stimmung weitgehend zu verbergen, da Mike ja glaubte, sie würde sich gern vor ihm zeigen. Nachdem sie das Kleid angezogen hatte, musste sie nichts mehr verbergen, denn ihre kurze Hochstimmung verschwand beim Blick in den Spiegel. Das Kleid war weiß mit roten Herzchen, sehr tief ausgeschnitten und recht kurz. In Alines Augen erinnerte es an eine sehr kitschige Geschenkverpackung. Sie fand es scheußlich, aber das war nicht das Schlimmste. Sie vermutete, dass es ihr wohl von nun an mit nahezu jedem Kleid so gehen könnte. Sie fühlte sich darin mit ihrem Acht-Monats-Bauch und den dicken Brüsten schlichtweg … fett.

Sie sah aus wie ein Wal.

Dieses plumpe Bild wurde noch verstärkt, denn Mike fand Flip-Flops an Alines nackten Füßen akzeptabel und es handelte sich um schlichte Gummi-Latschen, wie sie an Stränden oder in den Hinterhöfen sozialer Brennpunkte gern getragen wurden.

Unterwäsche gab es keine. Alines Brüste würden weiter wackeln und statt eines Slips gab es einen Lappen auf dem Autositz, denn häufig waren Alines zahlreiche Furze feucht. Mike holte die Koffer und half Aline beim Einsteigen in einen recht neu aussehenden Van. Sie musste die Augentropfen nehmen und sah schon bald nur noch unterschiedlich helle, kontu­renlose Flächen. Dann fuhren sie in den ersten Teil ihrer »Flitterwochen«.

Landstraßen, Dörfer, Städte – nichts davon konnte Aline sehen, aber sie hörte die unter­schiedlichen Geräuschkulissen. Mehrfach musste Mike anhalten, weil ihre Übelkeit über das schon bekannte Maß hinaus durch Beschleunigung und Verlangsamung gesteigert wurde, deren Grund Aline nicht sehen konnte und deshalb nicht in der Lage war, sich darauf einzu­stellen.

Schließlich wurde die Fahrt angenehmer. Sie hatten offenbar einen Highway erreicht und nach einer Weile schlief Aline ein.

Als sie erwachte, war das Kleid von ihrem Speichel durchnässt und in ihrem Unterleib spürte sie wieder dieses Verlangen, das täglich heftiger zu werden schien. Die Irritation über die verschwommene Sicht währte nur kurz, weil sie sich die Ursache in Erinnerung rief. »Wie lange habe ich geschlafen, Liebling?«

»Ziemlich genau eine Stunde. Wir sind gleich am Ziel, Süße.«

»Ich bin nass. Oben und unten.«

»Dein Darm?«

»Nein. Du weißt schon.«

»Das kann warten. Wir haben einen Termin. Nur ein bisschen Arbeit im Urlaub. Es muss sein.«

»Hm. ›Wir‹? Ich auch?«

»Du ganz besonders. Ein … äh … guter Bekannter interessiert sich für ein paar Veränderun­gen an seiner Frau und hat uns gebeten, mal mit ihm zu reden.«

»Ein ›Bekannter‹? Du meinst einen Nachtfalter.«

Mike hatte Aline auf den Kopf zugesagt, dass Lorene ihr davon erzählt hatte. Es war ihm nicht unangenehm – im Gegenteil. Er war sogar davon ausgegangen, dass ein offenes Ge­spräch die Überzeugung stärken könnte, dass der eingeschlagene Weg nicht verlassen wer­den konnte und es keine Alternative gab. »Genau. Die Anfragen haben deutlich zugenom­men, seitdem im Club bekannt wurde, dass ich eine schwangere Frau halt… äh … habe.«

»Also bin ich so eine Art Vorführ-Dame – eine Promoterin … oder sogar ein Prototyp.«

»Eine Unterstützung. Ich finde das wunderbar, dass wir auf diese Weise zusammenarbeiten können.«

»Ja … äh … das ist großartig und ich unterstütze Dich gern. Eine Frau muss stets loyal zu ihrem Mann sein und ihm bei seinen Aufgaben assistieren, denn er trägt ja auch für sie die Verantwortung und das ist manchmal schwer. Ich dachte nur … es sind unsere Flitterwo­chen …«

Mike lächelte. Er hätte nicht erwartet, dass Alicia sich so sehr auf die Flitterwochen freuen würde, aber das machte ihn natürlich froh. Was sie gerade gesagt hatte, erfreute ihn nicht minder. »Du bist so klug, wie Du schön bist. Natürlich hast Du recht, aber manche Dinge müssen einfach erledigt werden. Erst die Pflicht – dann das Vergnügen! Das wird schon nicht zu kurz kommen, aber Du darfst auch nicht vergessen, dass Dein Weg noch lange nicht zu Ende ist. Du musst noch viel lernen und das, was wir tun, trägt dazu bei.«

»Du wirst das richtige Maß finden, Schatz. Wie immer. Deine Entscheidungen sind gut für mich. Das weiß ich ja.« Zu ihrer Rolle hatte sich zwischenzeitlich ein besonders unangeneh­mer Aspekt hinzugesellt. Mike hatte verlangt, dass sie ihm ihre Lippen öffnen musste, wenn er sie küssen wollte und die Speichelmengen in Alines Mund störten ihn nicht. Ihrer Übel­keit war das recht förderlich. Auch diesmal. Sie ließ sich lieber von ihm ficken als küssen, denn Ersteres brauchte sie wegen ihrer gesteigerten Libido und ihr Bauch verhinderte die Missionarsstellung. Sie sah ihn weder, wenn er sie leckte, noch, wenn er sie von hinten nahm. Das ertrug sie leichter.

Von der Ladefläche des Van holte er ein trockenes Kleid und forderte Aline auf, in das Haus, vor dem sie geparkt hatten, zu kommen, sobald es ihre Sicht zuließ. Er würde dort auf sie warten.

Es dauerte nicht lange, bis Aline sich umziehen konnte und mit dem Gefühl, als hätte sie immer noch eine starke Brille nötig, unsicher zu dem Haus ging. Sie war gespannt.

Mit ihrer wieder zunehmenden Sehschärfe erkannte Aline, dass sie sich in einer recht noblen Wohngegend befand. Von Mike war nichts zu sehen Wenn sie jetzt einfach abbog und bei irgendwelchen Nachbarn klingelte und die bat, die Polizei zu holen … könnte die Mike rechtzeitig erwischen? Würde er das Rezept herausrücken? Wäre man in der Lage, Aline zu behandeln, bevor sie verhungern würde? Im Van musste sich der Reisevorrat an Zäpfchen befinden. Es kam also lediglich darauf an, dass alles schnell genug gehen würde. Ansonsten … wenn Mike nicht reden würde … wenn er entkäme … wenn der Van nicht gesichert würde … wenn Lorene und die anderen Opfer nicht auch gerettet würden, bevor deren Zäpfchen-Vorräte aufgebraucht waren … wenn …

Aline klingelte an der Haustür. Eine Art Hausangestellte öffnete. Sie trug eine Schürze … und sonst nichts auf ihrer extrem blassen Haut.

»Mrs. Montrose? Ich bin Kimberley. Sie werden schon erwartet. »Bitte legen Sie ab!«

»Ablegen? Was? Das Kleid?«

»Alles, natürlich.«

Aline seufzte und kam der Aufforderung nach. Das war ja eine kurze Bekleidungs-Episode gewesen, dachte sie. Dann folgte sie der vorausgehenden Kimberley. Das Haus war modern und luxuriös eingerichtet. Gab Geld den Verrückten die Möglichkeit, ihre Verrücktheiten auszuleben, oder kam womöglich erst zu so viel Geld, wer von vornherein verrückt war?

»Bitte warten Sie einen Moment hier, Mrs. Montrose! Mrs. Cheney hat gleich für Sie Zeit.«

Aline blieb unschlüssig in dem Designer-Zimmer stehen, während Kimberley sich wieder ihren Aufgaben zuwandte. Endlich, dachte Aline, wusste sie, was ein Nacktputz-Service ist. Wo war Mike? Wieso war die Rede von Mrs. Cheney? Sollte sie etwa nicht vom Täter, son­dern vom Opfer begutachtet werden? Absurd! Sie sah sich um. Der Raum, in dem sie sich befand, war ein modernes Wohnzimmer mit Galeriegeschoss. Aline war sich nicht sicher, ob sie es »wohnlich« finden sollte, denn alles wirkte etwas zu stilsicher kombiniert – so, als hätte sich eine Innenarchitektin ausgetobt und die Bewohner wollten das Werk nicht beein­trächtigen, indem sie es bewohnten oder andere schlimme Dinge damit anstellten.

Außerhalb von Alines Blickfeld, irgendwo oben auf der Galerie, näherte sich eine Frauen­stimme. War das Mrs. Cheney?

»… viel zu lange. Wenn Sie erst tausend Ausschüsse befragen müssen, dann sollten Sie Investoren suchen, die ihr Geld ansonsten in Versicherungen anlegen, damit es auch ja schön ›sicher‹ ist. Das dritte P in PPP steht für ›Partnership‹, mein lieber Kongressabgeordneter. Als wir Ihren Wahlkampf finanzierten, gingen wir davon aus, einen Entscheidungsträger zu unterstützen und keinen Amtsschimmel. Wollen Sie denn nicht wiedergewählt werden? […] Oh, bitte! Kommen Sie mir nicht mit ›Sachzwängen‹! […] Ja, natürlich kann man das so machen - in Nordkorea, vielleicht. […] Nein, ich habe genug gehört. Sie regeln das in unserem Sinne oder wir ziehen das Kapital zurück. […] Schon möglich, dass Sie meinen Mann beschwichtigen und bequatschen können, aber auch ein CEO arbeitet mit Kapital, das ihm nicht gehört. Muss ich Sie wirklich darüber belehren … […] Ach. Das dachte ich mir. Ich habe jetzt einen anderen Termin. Beweisen Sie mir, dass Sie keine Fehlinvestition sind und tun Sie das jetzt!« Die Frau hatte gedämpft gesprochen und ihre Stimme nicht angehoben, aber der Tonfall war von solcher Schärfe gewesen, dass Aline sich die Frage stellte, ob es wohl auch Frauen gab, die Nackthalterinnen ihrer Männer waren. Hatte der wahnsinnige Mike etwa einen Mann »geschwängert«?

Was stimmte hier nicht?

Aline rechnete fest damit, einer Managerin im Businesskostüm gegenüberzutreten, aber das Geräusch, das sich über die Treppe näherte, war nicht das Klacken hoher Absätze, sondern das Tappen nackter Füße. Mrs. Cheney, die gerade per Handy einen Kongressabgeordneten wie einen ungezogenen Schuljungen zusammengefaltet hatte, kam splitternackt die Treppe herunter. »Alicia, wie schön! Ich darf doch ›Alicia‹ sagen? Ich bin Patricia-Ann. Trish, wenn Du magst.« Sie reichte der inzwischen konfusen Aline eine perfekt manikürte Hand.

»Ali… Ally. Ich … äh … freue mich.«

»Komm, Ally, setzen wir uns! Ich bin ja schon so gespannt. Ich kann bereits seit Tagen an kaum noch etwas Anderes denken. Seit ich zum ersten Mal von Dir gehört habe, wollte ich Dich unbedingt kennenlernen. Du bist wirklich sehr hübsch.«

Neben dieser gertenschlanken, fitten Schönheit, die allerdings an vielen Stellen nicht so wirkte, als sei sie auf ›natürliche‹ Weise entstanden, kam sich Aline unsäglich plump vor. »Danke, das … äh … ist sehr freundlich.« Trish hatte wohl ein Faible für hübsche Wale, dachte Aline. Was war hier los? Machte sich jemand einen gemeinen Scherz mit ihr? War das alles ein Irrtum, eine Verwechslung? Warum war Trish nackt? Ihr Lächeln war offen und freundlich. Nichts passte hier zusammen.

»Du musst nicht nervös sein. Ich bin nur neugierig. Darf ich Dir ein paar Fragen stellen?«

»Okay. Ich habe aber auch welche.«

»Fein. Das ist eine gute Grundlage. Ich fange an. Ich wüsste gern, wie es sich für Dich an­fühlt, so … eingeschränkt zu sein. Ich meine … Dein Zustand …«

»Es fühlt sich schrecklich an. Ich fühle mich fett, erschöpft, bin ständig müde und mein Kör­per entwickelt ein Eigenleben, das meine ganze Konzentration erfordert. Ich bin immer wie­der mit dieser … ›Schwangerschaft‹ beschäftigt. Dabei kommt es mir vor, als würde ich rein gar nichts tun.«

»Ist es der Bauch oder sind es die Begleiterscheinungen?«

»Der Bauch ist ständig im Weg. Ich muss bald mit der Gymnastik anfangen, um meinen Rücken zu entlasten. Das ist aber nicht das Hauptproblem. Ich galt immer als ziemlich … naja … hübsch und … sexy, aber jetzt fühle ich mich so plump und meine Brüste sind viel größer und irgendwie schwabbelig. Richtig schlimm sind aber die Begleiterscheinungen.«

»Die interessieren mich besonders.«

»Mein Mund ist ständig voll Spucke. Meistens kann ich das mit Schlucken regeln, aber manchmal ist es einfach zu viel. Vor allem in der Nacht. Mir ist sehr oft schlecht, ich habe Blähungen und Durchfall … und Mike hat das alles dadurch noch verschlimmert, dass ich meine Blase nicht mehr spüren und meinen hinteren Schließmuskel nicht mehr benutzen kann.«

»Darüber möchte ich mehr wissen. Du bist also praktisch inkon…«

»Moment! Jetzt bin ich dran. Was soll das Ganze? Ich hatte gedacht, ich werde hier von Mike einem seiner ›Club-Freunde‹ vorgeführt, weil der von Mike Dienstleistungen haben will … wie eine ›Schwangerschaft‹ seiner Frau, zum Beispiel.«

»Mike erklärt Don, meinem Mann, gerade, wie diese Dinge technisch funktionieren. Das ist mir nicht wichtig. Mich interessiert nicht, wie es geht, sondern wie man sich damit fühlt.«

»Wie man sich fühlt? Gedemütigt, erniedrigt, hilflos, wehrlos, vergewaltigt … wie ein Opfer. Wie denn sonst? Wenn Du noch kannst, dann solltest Du Deinen Mann verlassen und Dich in Sicherheit bringen.«

»Ach, Ally! Mike hat Dich, fürchte ich, nicht vollständig informiert. Don liebt mich. Er ist ein wirklich … netter Kerl.« So, wie Trish »netter Kerl« aussprach, klang es wie: »Er hält sich für Napoleon, er entblößt sich vor dem Postboten, er glaubt an die jungfräuliche Geburt, er muss am Abend immer ins Heim zurück«. Trish seufzte. »Das war er schon immer – charmant, höflich, zuvor­kommend. Er ist stets um mein Wohl besorgt. Er trägt mich auf Händen und ist ein echter Kavalier alter Schule ...«

»… der im Moment ziemlich schlechten Umgang hat. Mike ist irre. Er zwingt mich, seinen Wahn mitzumachen, indem er mein Genom manipuliert hat, weshalb ich jetzt auf Medika­mente angewiesen bin, deren Zusammensetzung nur er kennt. Er hat mich damit vollkom­men in der Hand. Musst Du auch Zäpfchen benutzen?«

»Nein, aber ich kenne diese Methode, um Menschen abhängig und gefügig zu machen. Lei­der ist Don so gar nicht der Typ, der mich abhängig und gefügig machen würde.«

Aline traute ihren Ohren nicht. »Leider

»Hast Du nie davon geträumt, beim Sex überwältigt zu werden, ganz passiv zu sein, es Dir hart und schmutzig besorgen zu lassen, hilflos und ausgeliefert hinnehmen zu müssen, wie Dein Partner in Deinen Körper eindringt und mit Dir macht, was er will? Wurdest Du nie nass bei dem Gedanken, wie er Dich fesselt, knebelt, unterwirft und kontrolliert und alles, was Du noch tun kannst, ist, sein Gefäß zu sein? Nichts weiter? Es gibt Studien, nach denen jede dritte Frau solche Phantasien hat und viele davon wollen sie ausleben.«

»Trish, ich glaube, Du verwechselst da etwas. Es ist eine Phantasie. Es träumen auch viele Frauen von einem Vergewaltigungsszenario und finden das hocherotisch – im Traum! Nie­mand will das real erleben. Da ist es nämlich nur furchtbar, zerstörerisch, ein Verbrechen. Ich weiß, dass es einen großen Unterschied zwischen einer ›echten‹ Vergewaltigung und erotischen Fessel- und Unterwerfungsvorstellungen gibt, aber glaubst Du wirklich, dass be­sonders viele von den Frauen in der genannten Studie das über die sexuelle Interaktion mit einem geliebten Partner hinaus wollen? Meine Lage ist nicht sexy. Ich erlebe zwar ziemlich genau das, was Du beschreibst, aber das mache ich nicht freiwillig. Ich bin dabei sogar sehr erregt und bekomme tolle Orgasmen, aber das ist nicht mein Wille, sondern das Ergebnis von Substanzen, die mir zwangsweise verabreicht werden und die meine Libido steigern. Das ist auch ein Verbrechen.«

»Ich will es ja auch im Rahmen der ›sexuellen Interaktion mit einem geliebten Partner‹. Mein ›geliebter Partner‹ hat aber leider keinen eigenen Antrieb dazu. Ich kann mir einen anderen Partner suchen oder meine liebevolle Beziehung weiterführen, während ich woanders versu­che, meiner Neigung nachzugehen oder die Voraussetzungen schaffen, meine Veranlagung auszuleben, ohne dass mein Partner dafür initiativ sein muss. Von diesen drei Möglichkeiten habe ich mich für die dritte Variante entschieden. Nur die ermöglicht es, meinen Partner bei dem dabei zu haben, was mich sexuell wirklich erfüllt.«

»Du versuchst, Dich einem Mann zu unterwerfen, der daran gar kein sexuelles Interesse hat? Wie soll das funktionieren?«

»So, wie es umgekehrt auch funktioniert. Warum soll es denn immer Frauensache sein, den Neigungen der Partner zu entsprechen? Warum sollen immer nur wir es sein, die mit Reiz­wäsche, High-Heels, Schminke oder gar Silikonbrüsten den sexuellen Wünschen der Männer entsprechen? Weil es leichter ist, äußere Bedingungen für eine auf Äußerlichkeiten fixierte Sexualität zu schaffen als charakterliche Voraussetzungen für eine auf Persönlichkeitsmerk­male ausgerichtete Sexualität? Na und? Sollen sich die Jungs doch auch mal Mühe geben! Nicht alle Männer sind Idioten. Es gibt auch welche, die ebenfalls von der Lust ihrer Partner erregt werden, wie wir es immer wieder schaffen. Don hat zunächst auch den Kopf geschüt­telt, als ich ihm gesagt habe, dass er mein Nackthalter werden muss. Dann hat er es aber ver­standen, erlebt, wie es mich erregt und daraus sogar ein eigenes Vergnügen generiert. Es ist für uns beide erfüllend – weil er mich liebt. Wäre Don ein dominanter Mann und hätte er einen eigenen Antrieb, wäre das natürlich einfacher. So muss ich eben dafür sorgen, dass er mich aufgrund von … Gegebenheiten, Sachzwängen dominiert, kontrolliert, besitzt. Mike hat schon viel für mich getan – Augen, Nase, Wangen, Mund, Brüste, Po … Don würde mich auch ohne Korrekturen lieben, aber mich erregt es, wenn ich mich als Sexobjekt fühlen kann und mir dafür nicht nur der relativ kurze Zeitrahmen der ›sexuellen Interaktion‹ bleibt. Ich will es immer. Wer hat eigentlich gesagt, dass eine Frau nicht mindestens so häufig erregt sein soll wie ein Mann? Wir sind es doch, die nicht warten müssen. Wir sind es, die können, bis wir wund sind und unsere Klit schmerzt. Warum sollen wir unsere Lust einschränken? Damit die Kerle nur ja keine Angst vor unserer ›Potenz‹ bekommen und dann womöglich überhaupt keinen mehr hochkriegen? Ist das denn unser Problem?«

»Du willst wissen, wie ich mich fühle, weil Du meinen Zustand für Dich herbeiführen möch-test, um Dich Deinem Mann zu unterwerfen, obwohl der gar kein entsprechendes Be­dürfnis hat? Das klingt … äh - entschuldige - ganz schön verrückt. Meine Antworten können außer-dem kein Kriterium für Dich sein, weil ich dazu gezwungen wurde und Du es freiwil­lig willst. Du wirst Dich dabei auf keinen Fall so fühlen wie ich.«

»Aber Du stehst unter Mikes Kontrolle und musst tun, was er will, oder?«

»Sicher. Das ist ja das Problem, denn er ist nicht nur ein religiöser Spinner. Er ist auch an­sonsten irre und damit meine ich nicht seinen Schwangerschafts-Fetisch. Fetische sind in Ordnung, sofern sie von allen Beteiligten freiwillig ausgelebt werden. Ich meine, dass Mike dazu beiträgt, dass auch noch andere Frauen abhängig und gefügig gemacht werden. So ef­fektiv wie er waren dabei vorher nur Typen wie Paulus oder Mohammed. Er ist ein Verbre­cher und Du nimmst seine ›Dienste‹ in Anspruch. Du hast kein Recht, in Bezug auf andere Frauen von ›uns‹ zu sprechen. Du machst Dich mit denen gemein, die uns missbrauchen, uns klein halten wollen, unsere Verfügbarkeit sicherstellen – nicht, damit wir Spaß haben, sondern ausschließlich, damit die Spaß haben … auf unsere Kosten. Zufälligerweise sind Deine Neigungen so, wie sie nun einmal sind und natürlich willst Du sie ausleben. Ich bin aber nicht wie Du. Ich will frei sein und wenn ich mich von einem Mann fesseln und unterwerfen lassen wollte, dann wäre auch das mein freier Wille. Es ist Dein freier Wille, in Unfreiheit und Abhängigkeit zu leben. Ich respektiere das. Ich habe aber nicht vor, deshalb Mikes Handlungen zu unterstützen. Du kannst Mike sagen, dass er mich jetzt an Hunger und Durst leiden lassen kann, aber ich stehe Dir für weitere Fragen nicht mehr zur Verfü­gung. Such Dir ein anderes Opfer, dessen Schilderungen Dich geil werden lassen! Ich bin nicht wie Du.«

»Ich weiß. Es tut mir leid. Du hast mich missverstanden. Ich wollte mich nicht an Deinen Schilderungen aufgeilen. Ich wollte wissen, was vielleicht für mich geeignet wäre, um meine Ziele besser zu erreichen. Das war egoistisch und rücksichtslos von mir, aber Du hast mir dennoch geholfen. Wenn ich jedoch das, was Dir widerfahren ist, für mich teilweise als er­strebenswert ansehe, bedeutet das nicht, dass ich auf Mikes Seite bin.«

»Du hattest aber keinerlei Skrupel, seine Dienste in Anspruch zu nehmen, um Dich wie ein Sexpüppchen aussehen zu lassen. Er ist für Dich vermutlich ein Lakai wie der Abgeordnete, mit dem Du telefoniert hast. Wie geht das eigentlich – bei Deinem jetzigen Aussehen? Wie nehmen Dich die Männer ernst? Machst Du Deine Geschäfte auch nackt?«

»Ich bin immer nackt, aber mich sieht nur, wen ich dafür aussuche. Das geht alles sehr gut. Ich habe das ganz seltene Privileg, dass Männer mich nicht nur nach meinem Aussehen be­urteilen. Bitte komm mit nach oben! Wir sollten uns noch über ein paar andere Dinge unter­halten.«

Die Frauen setzten ihr Gespräch in Trishs Büro fort.

 

FORTSETZUNG FOLGT

 

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Kommentare

Ich finde diese Story echt cool. Kann man gut Lesen und die Bilder unterstreichen das Ganze auch noch..

 

Wann geht`s weiter???

In reply to by Sklave_Dave

Danke, Dave! Und ich find's cool, wenn Du als ausgewiesener Sklave meinen Kram cool findest. Da bin ich stolz.

Wann? Bald. In ein paar Tagen, schätze ich. Ist alles schon geschrieben. Ich muss nur noch die Bilder einpflegen und verkleinern, weil sie hier sonst je nach Bildschirmauflösung hinter die Navi-Leisten rutschen und das würde hässlich aussehen. Sobald ich dazu Zeit finde, geht's weiter.

Was mir besonders gefallen hat ist, dass Du verschiedene Sichtweisen rein bringst.
Was für den einen die Hölle ist, ist für den anderen die Erfüllung ist sicher etwas zu weit runter gebrochen. Und das zeigt sich ja auch. Zwar erscheinen mir die Figuren eher als Typen, aber es wird auch eindeutig klar, dass jeder ein Individuum ist, dass selbst entscheiden muss.

Zum Schreibstil muss ich sicher nichts sagen. :D Ich glaube der Witz und Lesbarkeit ist nicht bestreitbar.

Auf jedenfall werde ich gespannt auf die weiteren Teile warten.

In reply to by Nora

Vielen Dank, Nora, für diesen anerkennenden Blick auf den Text. Mal sehen, ob mir das gelingt, die Kategorien im Verlauf der Handlung noch etwas aufzuweichen, aber ja - zur Vorstellung erschien mir etwas Typisierung diesmal nötig.

An der Spannungsschraube werde ich noch ein wenig drehen, also bitte ... "stay tuned"!