Animal Planet: Die Reportage - Kapitel 24 + Epilog

 

Das Team

Ein paar Stunden waren seit dem Frühstück vergangen. Conny hatte die Zeit genutzt, um sich weiter von den Strapazen der letzten Tage zu erholen. Einigermaßen entspannt lag sie auf dem provisorischen Bett der kleinen Praxis und ordnete ihre Gedanken. Ihr Aufenthalt im Stall mochte vorbei sein, doch es würde wohl noch eine ganze Weile dauern, bis sie ihr Leben als Kuh auch wirklich hinter sich lassen konnte. Nicht nur einmal war sie in den letzten Tagen mit dem furchtbaren Gefühl aus dem Schlaf hochgeschreckt, noch immer im Stall zu sein. Jedes Mal hatte sie einige Augenblicke benötigt um zu realisieren, dass sie ihre Rettung nicht nur geträumt hatte, sondern tatsächlich in Sicherheit war. 

Conny richtete ihren Oberkörper auf und hob den Kopf, als sich die Zimmertür öffnete. Dr. Collins, wie immer in seinen weißen Arztkittel gekleidet, betrat den Raum.
“Na, wie geht es unserer Starreporterin heute?”, erkundigte er sich mit freundlicher, gut gelaunter Stimme. Das Lächeln in seinem bärtigen Gesicht war echt und ermutigte Conny dazu, es zu erwidern. 
“Ganz gut, ich gewöhne mich langsam wieder daran, nicht mehr in einem Stall zu leben”, antwortete sie und strich mit den Fingern über die weiche Decke, als wollte sie sich vergewissern, dass es sich auch ganz sicher nicht um Stroh handelte. 
Dr. Collins lachte. “Das ist ein gutes Zeichen. Wie fühlt sich Ihr Steißbein an?”
Conny wog den Kopf leicht hin und her. “Das unangenehme Pulsieren wird langsam schwächer, oder ich gewöhne mich einfach daran. Aber ein wenig unangenehm ist es noch immer.” 
Der Arzt nickte leicht. “Ja, das war zu erwarten. Ihr Körper hatte sich ein bisschen zu gut mit dem Schweif angefreundet, könnte man sagen. Aber in ein paar Tagen merken Sie nichts mehr davon.” 
Die Journalistin nickte leicht. Auch wenn der Doktor es nicht aussprach wusste sie, dass diese Probleme durch den viel zu langen Aufenthalt im Stall ausgelöst worden waren. Stumm fragte sie sich, wie sehr ihr Körper in Mitleidenschaft gezogen worden wäre, wenn noch weitere Wochen im Stall dazugekommen wären. 

“Ich habe hier noch ein Testergebnis für Sie”, meinte Dr. Collins und zog einen kleinen Zettel aus einer der Taschen seines Kittels. 
Unwillkürlich verkrampfte sich Connys Magen. Direkt nach dem Frühstück hatte sie zusammen mit Perez einen Schwangerschaftstest gemacht. Das er vollkommen ergebnislos geblieben war, hatte nicht gerade eine beruhigende Wirkung auf die Journalistin gehabt. Perez hatte ihr erklärt, dass es vermutlich an den Hormonen lag, die sie kurz vor ihrer Rettung im Stall bekommen hatte, so dass sie Conny ein wenig Blut abgenommen hatte, um einen genaueren Test zu machen. 
“Ja?”, brachte sie unsicher hervor. Sie bemerkte, dass ihre Finger ein wenig zitterten und krallte sie fester in die Decke, den Blick fest auf den Arzt gerichtet. 
Dr. Collins musterte sie einige Sekunden lang, ehe er den Blick senkte. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er das zusammengefaltete Blatt Papier aufgeklappt hatte. “Die Untersuchung Ihrer Blutwerte hat ergeben, dass Sie nicht schwanger sind. Es scheint fast so, als müssten Sie es noch einmal versuchen”, verkündete er mit einem Lächeln auf dem Gesicht. 
Conny fiel ein Stein vom Herzen. Ihr Herz, das zuvor wild gegen ihre Brust geschlagen hatte, machte einen kleinen Hüpfer, während ihr restlicher Körper sich entspannte, als die Last der Ungewissheit von ihr abfiel. Erst jetzt den zweiten Satz des Arztes realisierend schüttelte sie abwehrend den Kopf. “Oh nein, vielen Dank. Ich hab erst einmal genug davon.”
Sie konnte nicht anders, als leise zu lachen. Jetzt, wo sie wusste, dass ihre Aufenthalte auf dem Zuchtbock ohne weitere Konsequenzen geblieben waren, erschien ihr die Erinnerung daran gar nicht mehr so schlimm. Natürlich würde sie das nie zugeben, doch eigentlich hatte sie mit den Bullen durchaus ihren Spaß gehabt. 

Der Doktor legte den Ausdruck des Testergebnisses auf einen kleinen Tisch und richtete seine Aufmerksamkeit anschließend wieder auf seine Patientin. “Ich habe noch eine kleine Überraschung für Sie”, verkündete er, “draußen wartet ein Besucher auf Sie. Natürlich nur, wenn Sie sich dafür fit genug fühlen.” 
Conny verdrängte die Gedanken an den gefliesten Raum mit dem Zuchtbock und warf Dr. Collins einen neugierigen Blick zu. Es war das erste Mal, dass jemand von Außerhalb der Arztpraxis zu ihr kam. Zwar hatte sie am vorherigen Tag zwei kurze Telefonate geführt, jedoch abgesehen von Dr. Collins und Perez niemanden persönlich getroffen. “Wer ist es?”, hakte sie nach, während sie im Kopf verschiedene Möglichkeiten durchging. War es vielleicht Nadine? Ihre Freundin, der sie im Vorfeld von ihrem Vorhaben erzählt hatte, war am Telefon in Tränen ausgebrochen, als sie ihre Stimme gehört hatte. Genau wie Conny es in ihrem Brief verlangt hatte, hatte Nadine nach genau 8 Wochen das Schließfach geöffnet und damit alle Informationen über die Scheinverwandlung erhalten. Sie war schnurstracks zum Geschäftsführer der Tillburg Post gelaufen und hatte ihn mit der Angelegenheit konfrontiert. Offenbar hatte Herr Lübke sie nur mit Mühe beschwichtigen können, damit sie mit ihrem Wissen nicht zur Polizei lief. Sogar mit Erik hatte sie sprechen wollen, und erst, als er ihr mit Nachdruck versichert hatte, dass es Conny gut ging und sie nur noch etwas mehr Zeit brauchen würden, hatte sie schließlich Ruhe gegeben. Conny nahm sich fest vor, ihre Freundin gleich als erstes zu besuchen, sobald sie aus der Praxis entlassen war. 
“Ich kann Ihnen doch die Überraschung nicht verderben”, meinte Dr. Collins gut gelaunt. Seine Patientin noch einmal prüfend musternd wandte er sich schließlich nach kurzem Zögern zur Tür, öffnete sie  und winkte eine Person herein. 

Überrascht starrte Conny den Mann an, der soeben den Raum betrat. Seine schwarzen Haare waren zerzaust, dunkle Augenränder verrieten, dass er in den letzten Tagen nicht besonders viel geschlafen hatte. “Erik?”, entfuhr es der Journalistin in einer ungewohnt hohen Tonlage. 
Der Mann rang sich ein müdes Lächeln ab und hob die Hand. Er machte einen mitgenommenen Eindruck und erinnerte nur Vage an den absolut von sich selbst überzeugten Reporter, den Conny bei der Tillburg Post kennen gelernt hatte. “Hallo Conny.”

Für einige Sekunden herrschte vollkommene Stille im Raum. Verschiedene Gedanken rasten durch Connys Kopf, vollkommen konfus und ungeordnet, so dass sie nicht dazu in der Lage war, einen klaren Satz zu formulieren. Eine Mischung aus Ungläubigkeit, Wut und Scham wallte in ihr auf. 
Kurzentschlossen, ohne wirklich zu wissen, was sie tat, sprang Conny von ihrem Bett, machte einige schnelle Schritte auf Erik zu… und fiel ihm um den Hals. Ihr entfuhr ein leises Schluchzen, als sie den Mann an sich drückte. All die aufwallenden Gefühle, die gerade noch ihr Bewusstsein erfüllt hatten, waren einer immensen Erleichterung gewichen. “Wie… aber…du…?”, brachte sie zusammenhangslos hervor. 
Erik verzog das müde Gesicht zu einem Grinsen und tätschelte ihren Rücken. “Du hast doch wohl nicht an mir gezweifelt?”, fragte er, halb ironisch, halb ernst gemeint. 
Sich ein wenig von ihm lösend wischte Conny sich über die nassen Wangen. Stumm sah sie den Mann an, mit dem sie so viel durchgemacht hatte, von dem sie am Ende geglaubt hatte, dass er sie verraten hatte, und der nun doch hier war. “Du schuldest mir eine Erklärung!”, entschied sie schließlich, noch immer mit den Tränen ringend. 
“Ja, dass tue ich wohl. Was hältst du davon, wenn wir uns hinsetzen?”, schlug Erik vor. 

Einige Augenblicke später hatten Conny und Erik an dem kleinen Tisch Platz genommen, der unweit des Bettes stand. Nachdem er sich sicher war, dass seine Patientin mit der Situation fertig wurde, hatte Dr. Collins den Raum verlassen, so dass sie nun alleine waren. Unwillkürlich musste Conny daran denken, dass sie sich nicht mehr gesehen hatten, seit ihr gemeinsamer Fluchtversuch gescheitert war und Erik sie alleine in dem Zuchtstall zurückgelassen hatte.
“Also… wo soll ich anfangen…”, überlegte Erik laut. Er hatte die Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet und schaute in Richtung der Decke. 
Conny erwiderte: “Wie wäre es mit dem Abend, an dem du mich aus dem Stall holen wolltest?”
Leicht mit dem Kopf nickend stimmte Erik zu. “Ja, das ging gehörig schief. Ich schätze das Meiste hast du dir schon selbst zusammen reimen können. Es war so: Zu diesem Zeitpunkt hatten die Verantwortlichen von BioUdders bereits Verdacht geschöpft. Wir waren also nicht so unbeobachtet, wie wir gedacht haben. Während ich dich aus dem Stall holte, wurde unser Fluchtfahrzeug entdeckt und des Geländes verwiesen. Selbst wenn wir es bis zum Parkplatz geschafft hätten, wären wir von dort aus nicht mehr weiter gekommen.” 
Nun war es die Journalistin, die nickte. “Ja, soweit habe ich es noch mitbekommen.” 
“Gut, gut…”, meinte Erik. Kurz suchte er nach Worten, ehe er fortfuhr: “Nachdem man uns gesehen hatte, blieb mir keine andere Wahl, als dich in den Zuchtstall zu bringen. Sonst hätte ich keine Erklärung dafür gehabt, warum du dich außerhalb deines Stalls befunden hast.” 
“Warte… du wusstest, was für ein Stall das war?”, fragte Conny brüskiert.
Erik hob abwehrend die Hände. “Ja, das wusste ich. Immerhin habe ich fast 3 Monate für BioUdders gearbeitet.” Auf Connys empörten Blick reagierend fügte er hinzu: “Aber du solltest nie dort bleiben. Ich wollte dich noch am gleichen Abend wieder rausholen!” 
“Aber das hast du nicht!” Die Journalistin spürte, wie Wut in ihr aufwallte. Bisher war sie immer davon ausgegangen, dass es ein Unfall gewesen war, dass sie gerade in diesem Stall gelandet war. Das auch Erik nicht gewusst hatte, was sie dort erwartete. Doch jetzt, wo sie die Zusammenhänge kannte, schien ihr dieser Gedanke erstaunlich naiv. Als ob Erik in all den Wochen und Monaten nicht mitbekommen hätte, was es mit diesem Gebäude auf sich hatte. 
“Nein, das habe ich nicht. Weil ich nicht konnte”, erklärte Erik mit Nachdruck in der Stimme. “Du erinnerst dich doch bestimmt an die beiden Männer, die uns erst in diese Situation gebracht haben?” Er wartete die Antwort nicht ab, sondern sprach weiter: “Nachdem ich dich in den Stall gebracht habe, warteten sie bereits vor dem Stall und brachten mich direkt in ein Büro. Dort eröffnete mir der Vice President von BioUdders, dass meine Tarnung aufgeflogen sei. Ich war stundenlang in diesen Raum eingesperrt und wurde regelrecht verhört. Ich hatte überhaupt keine Chance, wieder zu dir zurück zu kehren. Und selbst wenn, hätte ich dich vermutlich nur in noch größere Gefahr gebracht.” 

Ganz langsam beruhigte sich die junge Journalistin wieder. Satz für Satz verarbeitete sie die Worte ihres Gegenübers, ehe sie sich schließlich zu einem leichten Kopfnicken durchringen konnte. Nur zu gut erinnerte sie sich an ihre eigene Begegnung mit Eklund. Das was Erik ihr erzählte, klang nach der Wahrheit. Nur in einem Punkt hatte er nicht Recht. “Ich glaube dir. Nur… nur in Gefahr hättest du mich nicht gebracht. Durch unsere Flucht wussten sie bereits, wonach sie suchen mussten.” 
Erik blinzelte einige Male. “Ja, damit könntest du Recht haben…”
“Was ist dann mit dir passiert?”, hakte Conny nach. 
Ihr Kollege schwieg für einige Augenblicke, ehe er erzählte: “Es gab nur wenig, was sie noch nicht wussten. Dennoch schienen sie Angst vor dem zu haben, was wir möglicherweise veröffentlichen könnten. Also drohten sie mir damit, mich in einen Bullen zu verwandeln, wenn ich nicht kooperieren würde.” Er machte eine kurze Pause und suchte Connys Blick. “Wenn ich nicht darauf eingegangen wäre, hätte ich keine Chance mehr gehabt, dich zu retten. Also habe ich mich auf einen Deal eingelassen. Ich musste mich dazu verpflichten für BioUdders arbeiten, allerdings nicht von Animal Planet aus. Am nächsten Tag wurde ich direkt von dort zu einem Raumgleiter gebracht.”
Die Journalistin sagte nichts. Stumm schaute sie in das müde, gebeutelte Gesicht ihres Kollegen. 
“Sie verfrachteten mich auf eine Raumbasis, irgendwo außerhalb des Sektors. So war ich erst einmal aus dem Spiel. Wirklich gearbeitet habe ich dort allerdings auch nicht, es war eigentlich eher ein Gefängnis. Sie schienen nicht so ganz zu wissen, was sie mit mir anstellen sollten. Ich hatte das Gefühl, dass ich sozusagen ihre Versicherung war, falls doch noch irgendwelche Informationen nach außen gedrungen wären.” 

Conny nickte. Eine Frage drängte sich auf, eine Frage, die sie bereits Dr. Collins gestellt, jedoch keine Antwort erhalten hatte. “Weißt du, wie ich entkommen konnte?” 
Die Worte standen einige Augenblicke im Raum, schienen an den Wänden abzuprallen und durch das kleine Zimmer zu hallen. Schließlich nickte Erik mit dem Kopf. “Ja”, sagte er nur. Doch er spannte sie nur kurz auf die Folter, ehe er erklärte: “Während ich bei BioUdders war, habe ich mich mit ein paar Kollegen angefreundet. Einem von ihnen - Lars - habe ich einen digitalen Brief geschickt. Du weißt schon, einen von dieser Art, die sich nur öffnen lassen, wenn man für 48 Stunden kein Sperrsignal sendet. Lars war schon länger unzufrieden bei BioUdders und wollte kündigen, so dass ich ihm soweit vertraute. In dem Brief standen deine Lebensnummer, der Code deiner Ohrmarke und die Bitte, dich aus den Ställen zu schaffen, falls er nichts mehr von mir hören sollte. Und das hat er wohl offensichtlich auch geschafft. Er fuhr den Transporter.”
Ein Lächeln zeichnete sich auf Connys Gesicht ab. Also hatte Erik sie doch noch gerettet! Zwar war er nicht dazu in der Lage gewesen, sie persönlich in Sicherheit zu bringen, doch auf seine Art hatte er es trotzdem geschafft. “Danke…”, flüsterte sie. 
Das Lächeln erwidernd zuckte Erik mit den Schultern. “Hey, ich hab’s doch versprochen, oder nicht? Aber jetzt erzähl mal, was dir passiert ist, während ich meinen kleinen Weltraumausflug gemacht habe.” 
“Wie bist du eigentlich entkommen?”, wunderte sich Conny, ohne auf die Frage des Mannes einzugehen.
Erik grinste. “Nachdem du nicht mehr in Gefahr warst, ließ sich das arrangieren. Aber jetzt erzähl du erst einmal.” 

Die Journalistin begann zu erzählen. Zuerst ein wenig unsicher, fand sie mit jedem weiteren Satz mehr Halt. So gut es ihre Erinnerung zuließ ging sie ins Detail und ließ nach anfänglichem Zögern auch die heiklen Stellen nicht aus. Ausführlich schilderte sie Erik von ihrem Aufenthalt im Zuchtstall, wie BioUdders versucht hatte, sie in der Zucht einzusetzen und schließlich von ihrer Begegnung mit Eklund. “… Sie hatten also schon lange gewusst, dass ich keine richtige Kuh war. Ich schätze sie wollten dich erst an einen sicheren Ort bringen, bevor sie mich sozusagen offiziell demaskieren, oder sie wollten mich einfach nur dafür bestrafen, dass ich mich eingeschlichen habe. Auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, was sie gemacht hätten, wenn ich tatsächlich… schwanger geworden wäre.” 
Erik, der gebannt zugehört hatte, zuckte leicht mit den Schultern. “Ich glaube das hätte für sie keinen großen Unterschied gemacht. Vermutlich hätte man dich ohnehin nicht auf dem Gelände gelassen, sondern in irgendeinen anderen Betrieb verfrachtet.”
Conny nickte. “Ja, das denke ich mir auch. Ich hab wohl ohnehin großes Glück gehabt, dass sie mich nicht gleich direkt vor Ort verwandelt  haben. Genügend Ärzte hatten sie ja schließlich vor Ort.” 

So unterhielten sie sich noch eine ganze Weile. Schließlich hatten sie beide eine gute Vorstellung davon, was dem jeweils anderen passiert war. Schon eine ganze Weile diskutierten sie nun darüber, in welcher Form sie ihre Informationen veröffentlichen sollten. Erik, der bereits am Vortag wieder auf Animal Planet gelandet war, hatte bereits die ersten Vorbereitungen getroffen. Die Tillburg Post würde in zwei Tagen mit einer Sensationsschlagzeile für Aufsehen sorgen, und Conny konnte es kaum erwarten, ihren Teil dazu beizutragen. 
“Du hast schon so viel gemacht, du solltest dich lieber noch weiter ausruhen”, beschwichtigte Erik halbherzig. Der Tatendrang der jungen Journalistin hatte ihn angesteckt. Die Begeisterung über den gemeinsamen Erfolg wischte ihm die Müdigkeit zumindest teilweise aus dem Gesicht. 
Conny verschränkte die Arme vor dem Oberkörper. “Wagt es bloß nicht, mich jetzt nicht mitschreiben zu lassen. Schließlich habe ich die Informationen erst durch meinen vollem Körpereinsatz beschafft!”
Beide lachten. “Schon gut, ich werde mit Dr. Collins reden. Ich hoffe es spricht nichts dagegen, dass du von hier aus mit an dem Artikel schreibst.”
“Und wenn doch, musst du mich eben hier rausbringen. Darin haben wir jetzt ja schon ein wenig Übung”, verlangte Conny enthusiastisch.
Erneut erfüllte Gelächter den Raum. “Also, abgemacht. Lassen wir es krachen. BioUdders kann sich auf einen Artikel gefasst machen, das ihnen die Milch sauer wird!”  

 

 

Epilog

Grazil schwebten ihre Finger über die flache Tastatur, vollführten einen Reigen aus feinen Bewegungen, als würden sie einen ganz eigenen Tanz zeigen. Bei jeder Berührung mit den Tasten erschien ein Buchstabe auf dem hell schimmernden Monitor, der sogleich zu einem Wort und schließlich zu einem Satz geformt wurde. Eine Vielzahl von Ihnen wurden aneinandergereiht, bis ein langer Absatz entstanden war. Erst jetzt verlangsamten die Finger ihre Bewegungen, hielten kurz inne und beendeten schließlich ihren Tanz. 

Conny nahm die Hände von der Tastatur und lehnte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurück. Kurz überflog sie noch einmal das, was sie in den letzten Minuten geschrieben hatte und nickte, sich selbst zustimmend, mit dem Kopf. “Ja, das passt so”, murmelte sie zufrieden. Ihre Zufriedenheit entsprang nicht nur den letzten Absätzen, sondern wurde zusätzlich dadurch befeuert, dass sie gerade ein weiteres Kapitel abgeschlossen hatte. 
Nachdem der Artikel erschienen und sie selbst wieder ein wenig zur Ruhe gekommen war, hatte Conny den Ratschlag ihrer Freundin Nadine in die Tat umgesetzt und damit begonnen, ihre Erlebnisse in den Ställen von BioUdders niederzuschreiben. Schnell hatte sie festgestellt, dass ihre Geschichte nicht nur spannend und aufgrund der tatsächlich gemachten Erfahrungen einzigartig war, sondern ihr auch sehr dabei half, die eigenen Erlebnisse zu verarbeiten. Je mehr sie aufschrieb, desto weniger Gedanken an ihre Zeit als Milchkuh schienen in ihrem Kopf zu verbleiben und in ihren Träumen heimzusuchen. 

Ein wenig in Gedanken versunken raffte Conny sich auf. Sie machte einen kleinen Abstecher in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Obwohl sie nicht besonders hungrig war, griff sie sich einen Joghurt, schnappte sich einen Löffel aus der Schublade und nahm beides mit zurück in ihr Wohnzimmer. 
Sich wieder auf ihrem Schreibtischstuhl niederlassend, öffnete sie den Yoghurtbecher und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Eingerahmt in einen hölzernen Rahmen hing das Titelblatt der Tillburg Post mit dem Artikel über BioUdders an der Wand. “Skandal bei BioUdders: Massive Verstöße gegen Bioauflagen!”, prangerte die Schlagzeile an. 

Einen Löffel Joghurt in ihren Mund schiebend verzog Conny die Lippen zu einem Lächeln. Inzwischen war es fast drei Monate her, dass sie die Ställe von BioUdders verlassen hatte und wieder in einen Menschen zurückverwandelt worden war. Von ihrem Leben als Milchkuh waren nicht mehr viele Spuren übrig geblieben. Sie hatte ihre Physiotherapie abgeschlossen, ihre Arme hatten sich wieder vollständig erholt. Ihre Haare waren noch immer recht kurz, doch schon bald würden sie wieder lang genug sein, um feine Locken zu bilden. Auch die überschüssigen Pfunde war sie fast vollständig losgeworden, und nach einer Operation durch einen Fachchirurgen sahen auch ihre Brüste wieder ganz normal aus und erinnerten nicht mehr an die prallen und malträtierten Euter einer Kuh. Geblieben waren ihr nur ein paar kleine Narben und die Erinnerungen, die sie nun zu ihrem ersten Werk zusammenfasste.
Deutlich größere Spuren hatte sie hingegen bei BioUdders hinterlassen. Nachdem Erik und sie ihren Artikel veröffentlich hatten, waren die Medien regelrecht über den Milchkonzern hergefallen. Alle Versuche, die Anschuldigungen von sich zu weisen, waren an den unwiderlegbaren Beweisen gescheitert, die sie gesammelt hatten. 
Doch nicht nur die Medien und die Öffentlichkeit hatten sich für den Skandal interessiert. Sowohl die Polizei, als auch das Ministerium für Pets, Halter und Züchter hatten sich über die Hinweise und Belege der Journalisten äußerst erfreut gezeigt. Mehrere führende Manager, darunter auch Eklund, waren festgenommen worden - zudem hatte die Firma das wertvolle Biosiegel verloren. 

Abgesehen davon, dass die Tillburg Post, bis zu diesem Zeitpunkt eine vergleichsweise unbedeutende Tageszeitung auf Animal Planet, über Nacht zu einem der bekanntesten Medien aufgestiegen war und seine Auflage deutlich vergrößern konnte, hatten Erik und Conny noch eine Reihe weiterer Erfolge für sich verbuchen können. In den ersten Tagen und Wochen erhielten sie täglich Einladungen in verschiedene Sendungen und Talkshows, zudem waren sie für die höchste Auszeichnung für investigativen Journalismus nominiert worden. Die Preisverleihung würde in fast genau zwei Wochen stattfinden, doch bereits jetzt herrschte allgemeine Einigkeit darüber, dass die beiden Reporter der Tillburg Post den Titel erhalten würden. 
Anfangs war es für Conny nicht gerade einfach gewesen, mit ihren doch nicht gerade alltäglichen Erlebnissen derart im Rampenlicht zu stehen. Natürlich ließ es sich nicht vermeiden, und sie wollte die Gelegenheit, ihrer Karriere einen außergewöhnlichen Schub zu verpassen, auch nicht ausschlagen. Doch vor laufender Kamera von ihrem Aufenthalt im Stall zu erzählen, war alles andere als einfach und zudem sehr peinlich gewesen. Allerdings hatte Erik ihr immer zur Seite gestanden, war eingesprungen, wenn sie nicht hatte weiterreden können oder wollen und schließlich war sie über den Punkt drüber weg, an dem sie mit Schamgefühlen zu kämpfen hatte. Natürlich war sie bisher nicht auf alle Details - insbesondere die letzten Tage im Zuchtstall - eingegangen, doch das würde sich mit ihrem Buch ändern. 

Den letzten Rest aus dem Becher kratzend musterte Conny das Etikett des Joghurts für einen Moment. Auch dieses Produkt war mit Milch hergestellt worden, die auf Animal Planet gewonnen wurde. Es war noch gar nicht so lange her, dass auch die Milch, die aus ihren Brüsten gewonnen worden war, ihren Weg in den Verkauf gefunden hatte. Ein merkwürdiger, irgendwie abstruser Gedanke, doch Conny gelang es auch nicht, ihn einfach so abzuschütteln. Nach ihrer Verwandlung hatte sie eine Weile überlegt, ob sie in Zukunft auf Milchprodukte verzichten wollte, doch schließlich hatte sie sich dagegen entschieden. Trotz all der Strapazen hatte ihr kurzes Leben als Milchkuh auch schöne Seiten gehabt. Insbesondere so lange sie sich nicht zu sehr auf ihre Flucht fixiert hatte, hatte sie die Zeit sogar ein wenig genossen. 

Conny stellte den leeren Becher zur Seite und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Bildschirm. “Genug Pause gemacht, jetzt wird wieder gearbeitet”, ermutigte sie sich selbst. Aktuell arbeitete sie nur den halben Tag für die Zeitung, die Nachmittage hatte sie sich frei genommen, um ihr Buch zu schreiben. Nach all der Aufregung während und nach Ihres Undercovereinsatzes war sie froh, ein wenig zur Ruhe zur kommen. Ein spöttisches Lächeln zierte ihre Lippen, als sie daran dachte, wie sehr sie sich nach Spannung und Aufmerksamkeit gesehnt hatte. Fürs Erste hatte sie nun jedoch genug davon. Die Ruhe, die ihr “klassischer Journalismus” im Augenblock bot, reichte vollkommen aus.

Die Finger wieder auf die Tastatur legend, bereitete Conny sich innerlich auf das nächste Kapitel vor. Sie hatte sich vorgenommen, in ihrem Buch nichts auszulassen, und an diese selbst auferlegte Regel würde sie sich auch halten. Kurz schloss sie die Augen, erinnerte sich daran, wie sie zwischen den Schenkeln der anderen Kuh gekniet hatte, und formulierte im Kopf den ersten Satz. 
Noch einmal nahm sie die Finger von den Tasten um nach einem nahestehenden Glas zu greifen, trank einen kleinen Schluck und begann schließlich zu tippen. Erneut reihten sich Buchstaben zu Wörtern, die gleich darauf ganze Sätze bildeten. Hin und wieder ein Wort löschend oder einen Satz umschreibend, gestaltete Conny weitere Absätze. Schon bald würde jeder Buchladen auf Animal Planet dieses Werk ausstellen, schon bald würde jeder Bürger des Planeten - und vielleicht sogar der umliegenden Systeme - lesen können, wie das Leben als Milchkuh tatsächlich war. Conny wusste auch schon, wie der Titel ihres Buches lauten würde. Sie hatte die Worte schon im Kopf gehabt, als sie noch mehrfach täglich an der Melkmaschine gestanden hatte. Sie lauteten: “Die Reportage”. 

 

 

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