Christopher und Ich - Kapitel 25 - 27

 

25

Mein Mund ist trocken, wie die Sahara. Ich kann meine Augen nicht von seiner Statur nehmen, kann mich kaum bewegen. Keines meiner Körperteile will mir gehorchen: mein Herz schlägt viel zu schnell und hastig, mein Mund steht offen, meine Hände liegen schwer wie Steine auf dem Boden und mein Geschlecht zuckt ungewollt in meiner Hose.

„Aufstehen!“, donnert Christophers Stimme durch meinen Gehörgang. Ich blinzel und bete, dass meine Glieder auf diesen Befehl reagieren. Doch scheinbar steckt der durchweg angenehme Schock des anheizenden Angriffs – dieses Anblicks – noch zu tief; verzieht sich bedächtig und nur widerwillig, lässt mich weiterhin gelähmt. Genervt schnalzt mein Herr mit der Zunge. Oh-Oh. Direktpackt Christopher meinen linken Arm und befördert mich mit einem einzigen groben Ruck auf die Beine. „Was hast du an Aufstehen nicht verstanden?!“, schnauzt er mich an. Der Schlagstock unter meinem Kinn, mit dem er dabei meinen Kopf anhebt und Augenkontakt forciert, fühlt sich kalt an; ich schlucke. Das ist so aufregend!

Mein Master zieht den Schlagstock zurück.

„Ah!“, schreie ich auf, als die Metallstange ohne Vorwarnung leicht auf meinen Rücken trifft und Christopher mich mit enormem Druck auf den Boden drückt, mich auf die Knie zwängt. Mein Oberkörper kommt dem Teppich entgegen, meine Hände verhindern einen Aufprall; auf allen Vieren verweile ich aber nur wenige Sekunden, denn Christopher wiederholt seinen Befehl. Noch strenger. Noch lauter. „Aufstehen!“, brüllt er regelrecht.

Wie beim Militär.

Und dieses Mal gehorchen meine Glieder. Unmittelbar springe ich auf, als wenn es um mein Leben ginge. Ich bin kurz davor zu salutieren, aber lasse es dann doch sein; stehe zu ihm gewandt mit gesenktem Haupt, die Hände vor Aufregung zu Fäusten geballt.

„Hast du dich diese Woche angefasst?“, fragt er barsch.

„Nein, Christopher“, antworte ich gehorsam, mein Blick immer noch am Boden haftend.

Brutal packt er mein Gesicht und unsere Augen treffen aufeinander. Seine Finger bohren sich in meine Wange und sein Blick wird aggressiv.

„Antworte lauter!“, schimpft er.

„NEIN, SIR!“, entgleitet es automatisch meinem Mund.

Sekunden vergehen und ich halte die Luft an.

Ich nenne Christopher nie so. Christopher hasst diese Bezeichnung eigentlich.

Aber... aber... sie erscheint mir in diesem abgedrehten Role-Play, das mein Freund gerade begonnen hat, irgendwie... passend...

Und dann passiert es: Christopher grinst und nickt ganz kurz, sagt: „Gut, Niko. Für die nächsten Stunden adressierst du mich genau so, bis unser kleines Tête-à-tête vorbei ist, verstanden?“

„Ja, Sir!“, japse ich.

Mir ist leicht schwindelig, so erregt bin ich mittlerweile. Diese Uniform an diesem hübschen Körper macht mich verrückt! Ich kann nicht glauben, dass Christopher sich diese dunkle, geile Kleidung besorgt hat. Nur wegen mir. Nur für mich. Für uns. Mein erstes Military-Play. Ich bin glücklich, durcheinander und gespannt – und der harte Klaps auf meinen Hintern holt mich zurück aus meinen Gedanken.

„Ausziehen.“

Das braucht Sergeant Christopher mir nicht zwei Mal zu sagen. Eilig werde ich den störenden Stoff los, strampel aus den Hosen, ziehe den Pulli über den Kopf und bin dabei scheinbar zu eilig – und zu achtlos. Mein Freund packt meinen Nacken, und zwar nicht gerade zimperlich, und drückt mich ein weiteres Mal auf den Boden; geht dieses Mal dabei aber selbst mit in die Hocke – damit er mein Gesicht direkt in meine dahin geworfene Hose drücken kann.

„Nennst du das Ordnung?!“, herrscht er mich an und ich muss den Kopf zur Seite drehen, um überhaupt antworten zu können, die Backe flach gegen den Stoff und den Teppich gepresst.

„Nein, Sir!“

„Was soll der Scheiß dann, hm?!“

„Entschuldigung, Sir!“

Ich ernte einen leichten Schlag auf den Hinterkopf. „Räum das auf. Ich erwarte dich in zwei Minuten im Bad!“ Ich gehorche ihm. Aufs Wort. Auf die Minute. Ich rutsche sogar beinahe auf dem kleinen Badezimmerteppich aus, als ich in den Raum haste. Und wieder lasse ich einen intensiven Blick über meinen Freund streifen, über diese Uniform, die seinen schlanken Körper umhüllt, als wäre sie genau für ihn geschaffen worden.

Er stampft auf mich zu und packt mich an meinem Haar, zerrt mich in die kalte Duschkabine.

„Du bist dreckig“, sagt er kalt zu mir. „wir müssen diesen ganzen Dreck von dir abwaschen!“

„Ahhhhh!“, schreie ich, als er das Wasser plötzlich aufdreht. Es ist eiskalt - und es wird nicht wärmer! Konstant bleibt es bei dieser arktischen Temperatur. Die Strahlen sind stark. Ich kann ihnen nicht entkommen, so sehr ich mich winde und strampel; schützend halte ich die Arme vor das Gesicht, in dem naiven Versuch das Wasser von mir fernzuhalten, aber das interessiert Christopher gar nicht. Ohne Rücksicht spritzt mich weiter damit ab.

Gänsehaut. Überall erscheint Gänsehaut. „Ahhhh!“, johle ich weiter, als ich meine Glieder kurz vor dem Erstarren vermeine, randaliere regelrecht in diesem engen Raum.

„Hör auf dich so zu bewegen!“, bellt Christopher daraufhin buchstäblich. „Steh endlich still, verdammt nochmal!“

Seine Stimme ist ein einziger Traum, so zorning-sexy. Atemberaubend. Und ich versuche auch still zu stehen – aber es klappt verdammt noch mal nicht! Und da ist wieder seine Hand, die brutal in mein nasses, kaltes Haar fährt, um mich an meinen Strähnen festzuhalten, während er mich weiter mit diesem frostigen Wasser „abduscht“.

„O Gott, bitte, Sir, bitte...!“, flehe ich jaulend und beiße auf meine Lippe. Es ist so bitter-bitter-kalt.

„Was bitte?“, kommt es barsch zurück.

„Bitte hören Sie auf, Sir!“

Sie.

Bitte hören Sie auf.

Wow. Verrucht.

Mit dem Aussprechen dieser Worte wird mir bewusst, wie sehr es mich antörnt, Christopher so anders anzusprechen. Weil Christopher momentan eigentlich jemand anderes ist. Er ist ein Sergeant, oder ein Offizier – er spielt gerade eine Rolle. Ein Spiel im Spiel sozusagen: Mein Freund ist immer noch mein Freund und Master, aber gleichzeitig auch eine abgefahrene, fiktive Persönlichkeit. Deswegen ist sein Ton noch harscher und aggressiver – normalerweise bellt er seine Befehle nicht so. Wir sind ja auch normalerweise nicht beim Militär...

In unserem „normalen“ Spiel, unserem „normalen“ Tagesablauf, würde ich auch wahrscheinlich nie auf die Idee kommen, ihn mit irgendwelchen anderen Titeln anzusprechen. Ob er mir das Essen verbietet oder mir gerade den Arsch wund prügelt – Christopher ist „Christopher“.

Aber momentan ist Christopher einfach mein „Sir.“. Und ich bin immer noch Christophers Sklave, der aber gerade in die Rolle eines Kadetten abgedriftet ist.

Ob Kilian das kapieren würde, sollte mein Freund ihm davon berichten?

„So, du hast genug, ja?“, zieht Christopher mich auf.

„Ja! Bitte... Sir... ich!“

Ich entscheide, wann hier irgendetwas aufhört, kapiert? Also hör auf zu jammern!“

„...Entschuldigung, Sir!“, winsele ich. Ob meine Lippen sich schon bläulich verfärbt haben?

Genau nach diesem Gedanken kann ich ausatmen! Das Rauschen verklingt, das Wasser ist aus, die extreme Kälte überstanden. Zitternd hocke ich auf dem Boden der Dusche, schlinge meine Arme um meine nackte Haut und versuche mich zu beruhigen. Meine Zähne klappern. Die Gänsehaut ist immer noch so intensiv. Bibbernd bekomme ich gar nicht mit, wie Christopher den Schlauch vorbereitet. Erst, als er mich erneut mit kühler Stimme anweist, aufzustehen, erblicke ich diese minimalistische Vorrichtung, die nun auch mein Inneres reinigen soll.

Dieses Mal ist das Wasser nicht eiskalt. Dieses Mal ist es genau richtig und Christopher für wenige Momente dann auch wirklich wieder „Christopher“ - immer noch unterkühlt und herrisch, aber mit ruhiger und samtiger Stimme, mit der er mich durch die Reinigungsprozedur leitet.

Als er nach dem Handtuch greift und mich damit abtrocknet, ist er allerdings wieder 100% Sergeant. Der eigentlich weiche Stoff in seinen Händen fühlt sich an, als würde er jeden Moment meine Haut aufreißen können, so grob fasst Christopher mich an. Ein Zischen nach dem anderen entweicht meinem Mund, als er meinen Kopf trocken rubbelt und mir dabei zahlreiche Haare ausreißt. „Reiß dich zusammen!“, sind Dinge, die er mir zwischendurch herrisch ins Gesicht schleudert, bis er endlich fertig ist.

„Auf die Knie!“, knurrt er dann und drückt mich schon in die gewünschte Richtung. So wie das Wasser zuvor, fühlt sich nun der Fliesenboden eisig kalt an meiner Haut an. Ich erschaudere. Und noch mehr, als Christopher hinter mich tritt. Ich horche – dann schon spüre ich die harte Sohle der klobigen Stiefel an meinem nackten Rücken; zielstrebig drängt Christopher meinen Oberkörper gen Boden, bis ich abermals auf allen Vieren vor ihm verweile.

„Los, kriech ins Zimmer!“, fordert er mich auf und ich setze mich in Bewegung; komme mir dabei vor wie ein Tier. Mein Besitzer schlendert hinter mir her, der prüfende und aufpassende Blick sitzt direkt in meinem Nacken. Ich werde nervös, je näher wir unserem Paradies kommen, das wir heute in quasi neuen Rollen betreten. „In die Mitte“, befiehlt er und ich krabbele auf meine schwarze Warte-Matte, senke gehorsam mein Haupt und warte auf weitere Anweisungen meines Sergeants, der geradewegs an mir vorbeimarschiert.

Einige Minuten verstreichen im Stillschweigen.

„Herkommen“, erklingt seine Stimme dann.

Es überrascht mich nicht, dass er auf dem Herrenstuhl Platz genommen hat und mich von dort aus mit strengem Blick begutachtet. In seiner Kluft passt er so gut auf diesen Thron; der Schlagstock ist sein Zepter und seine herrische Aura seine Krone. Wie eine Katze schleiche ich auf allen Vieren hoch zu ihm und halte dann zunächst inne.

Kurz erschrecke ich, als er mir mit einer geschmeidigen Beinbewegung seinen rechten Stiefel vor die Nase knallt. Ein kurzer, kleiner dumpfer Aufprall ist das, gefolgt von einem ebenso knappen Kommando.

„Ablecken.“

Was ist das nur für ein Kribbeln...? Noch viel intensiver als vor wenigen Tagen, als ich Christophers nackte Füße demütig geküsst habe, um ihm meine absolute Zugehörigkeit auszudrücken. Um ihm Respekt zu zollen. Nun streicht meine Zunge über das harte, glatte Schuhleder - das eigentlich nach gar nichts schmeckt und doch diesen leicht rauchigen Nachgeschmack zu hinterlassen scheint - und ich fühle mich trotzdem so, als würde ich die Haut seiner Füße direkt berühren.

Seine Stiefel suggerieren seine Überlegenheit. Schon alleine, weil meine Füße von nichts bedeckt, seine aber geschützt sind. Sie sind wie Waffen – er kann mich mit ihnen treten, herum schubsen, mir Schmerzen zubereiten. Sklaven besitzen keine Kleidung. Diese Stiefel machen seine Autorität deutlich – sie sind eine zentrale Insignie seiner Macht über mich.

„Au!“, schrecke ich auf, als es plötzlich klatscht und ein Ziepen durch meine linke Pobacke rast.

„Ordentlicher!“, moniert Christopher mein Vorgehen – und dieses Etwas saust schon wieder schmerzvoll auf meine nackte Haut. Ich riskiere einen knappen Blick; es ist meine heißgeliebte Gerte mit Schlag. Eine Mischung aus Paddel und Fliegenklatsche. Und diese Mischung hat es in sich. Ich lecke seine Stiefel weiter ab und immer wieder trifft das breitere Lederstück am Ende der Gerte auf meinen Körper: auf meinen Hintern, meine Oberarme, meinen Rücken, meine Oberschenkel, meine Seiten.

Immerzu zucke ich zusammen, zische ich auf, stöhne laut.

Bis Christopher mir plötzlich seine Beine entzieht. Mechanisch hebe ich meinen Kopf an, nur um seinem zornigen und zugleich erheiterten Blick zu begegnen. Er steht auf und geht an mir vorbei. Ich kann nicht anders: ich muss ihm hinterher blicken. Kann meine Augen nicht stoppen, die magisch an seinem Hintern haften, seinen breiten Schultern.

In dieser Uniform wirkt er noch viel maskuliner als sonst. Ein wahrer Mann, durch und durch.

Ich muss schlucken und genau in diesem Moment dreht Christopher sich wieder zu mir um, stampft zurück und hält etwas in seinen Händen.

Schon in der nächsten Sekunde kann ich mich davon überzeugen, dass ich richtig lag mit meiner Annahme: es ist mein Halsband, das er mir nun brutal umlegt. Wieder ertönt das barsche Kommando „Aufstehen!“ und ich leiste dem knappen Wort Folge.

Mein steinharter Schwanz wippt dabei spielerisch auf.

Abermals greift Christophers Hand in meinen Nacken und er schiebt mich buchstäblich durch das Zimmer, bis zur Wand, an der er mich fesseln kann, an die er mich ketten kann und genau jenes macht er dann auch. Helle Seile finden ihren Weg um meine Brust, aber auch um meine Handgelenke, die er dann an der Wand fixiert, meine Arme jeweils zur Seite ausgestreckt. Allerdings ist das noch nicht alles, denn Sergeant Christopher dreht sich plötzlich um holt noch etwas dazu. Zwei Klammern, verbunden durch eine glitzernde Kette.

Sein Zeigefinger und Daumen kneifen in das Fleisch ober- und unterhalb meine Brustwarzen und ich schreie auf.

„Bist du bereit, Kleiner?“, fragt er mich eine minimale Spur milder. In seiner freien Hand wartet bereits die grobe Klammer, ihr beißender Mund geöffnet. Ich nicke, auch wenn mein Herz wild gegen den Brustkasten hämmert.

„Ja, Sir!“

„Guter Junge. Und jetzt halt still“, entgegnet Christopher daraufhin und die Klammer kommt näher.

„Aaaaaaaaaaaahhhh!“, entweicht es ungehalten meinem Mund, als das Metall sich in mein Fleisch frisst. Sie zerquetscht meine Brustwarzen nicht, drückt aber qualvoll das ebenfalls sensible Fleisch drumherum zusammen. Und das ist noch nicht alles. Denn diese Pein wird verdoppelt, als Christopher die zweite Klammer auf dieselbe Weise links befestigt.

„Schhhhh...“, macht er, als ich aufjaule. Er gibt mir Zeit, mich an diesen krassen Druck zu gewöhnen.

„...ah!“ Seine Hand legt sich auf meinen Schritt. Ich spüre seine warmen Finger an meinem harten Schwanz, wie sie sich um ihn legen. Vorsichtig gleiten sie auf und ab. Er pumpt mich bedächtig und lässt dann noch seinen Daumen verführerisch über meine Eichel gleiten.

„Besser?“, fragt er dann.

Und ich nicke, sehe ihm in die Augen. „Ja, Sir.“

Dann taucht auch schon wieder dieses teuflische Grinsen auf seinem Gesicht auf. „Dann können wir ja weitermachen“, spricht er ruhig und in seiner Hand taucht plötzlich etwas Rundes auf. O Gott, das ist ein Gewicht; und genau jenes befestigt er nun an der Kette, die die beiden Klammern verbindet.

Ein kehliger Schrei erfüllt unsere unmittelbare Umgebung und ich realisiere erst, als er verklungen ist, dass er von mir stammt. Meine Brustwarzen pochen, es zieht und es ziept. „Haaaa...!“ Ich kneife meine Augen zusammen und presse meine Lippen aufeinander. Christophers Hand streichelt währenddessen zärtlich über meinen entblößten Bauch.

„Schhhh...“, macht er erneut. „Beruhig dich, atme...“

Mein Atem ist laut und ich meine, dass meine Brust zittert. Einatmen, ausatmen – einatmen, ausatmen...

„So ist gut...“, spricht Christopher mir zu, dessen Hand erneut an mein Geschlecht gewandert ist und mich dort reizt und neckt und liebkost; mich aufs Neue die Verbindung von Schmerz und Geilheit und die Vermischung dieser extremen Empfindungen erfahren lässt.

In jener Mischung verweile ich die nächste halbe Stunde – oder ist es eine ganze Stunde? Ich kann es nicht sagen, Zeit zählt nicht und mein Kopf ist gefüllt von so viel anderem. Er ist zu beschäftigt mit der Verarbeitung der Tortur, diesen Eindrücken, Christophers Uniform, seiner extrem strengen Stimme. Und seine Hand reibt mich in den Wahnsinn.

„Willst du kommen?“, fragt er mit tiefer Stimme.

„Ja, Sir!“, keuche ich.

„Wie wär's, wenn du dann um Erlaubnis fragst?“, zieht er mich auf und seine Hand beschleunigt ihr unanständiges Tun. Mein Unterleib zieht sich zusammen und mit jeder zuckenden Bewegung, die meine Erregung vollführt, baumeln diese runden Gewichte an meiner Brust und intensivieren den extremen Schmerz um meine Nippel herum. Ich keuche, ich ächze.

„Bitte erlauben Sie mir zu kommen, Sir!“, presse ich heiser hervor und dann... lässt Christopher meinen Schwanz unmittelbar vor meinem Höhepunkt los. „Fuck!“

Immer und immer wieder wiederholt er dieses Vorgehen.

Mir ist schon ganz schwindelig von dieser Prozedur, diesen fiesen, leeren Versprechungen. Aus einem Gewicht werden zwei, dann drei, schließlich vier und es fühlt sich so an, als könnte mein Fleisch jede Minuten unter diesem Druck reißen. Zwischendurch verpasst Christopher mir dann noch immer wieder leichte Schläge auf meine Brust und meinen Bauch, sodass ich aufzucke – und die Gewichte an meiner Haut ziehen. „Ahhhhhhh, verdammt.... fuck!“, wimmere ich.

Er packt mein Kinn. Seine Augen schimmern verführerisch in dem gedimmten Licht unserer Oase. Ich lecke über meine Lippen – Christopher küsst mich. Verlangend und oh so gierig. Seine Zunge nimmt meinen Mund ein, streicht über ihr Eigentum, neckt mich, während seine Finger über meinen Unterleib nach oben gleiten.

Ich werfe den Kopf in den Nacken, als er die rechte Klammer löst und schreie. Erlösung und noch mehr Pein prallen im Kontrast aufeinander: Zum einen ist ein Teil meines Fleisches wieder frei, zum anderen lastet nun jedoch das Gewicht der vier Kugeln auf meiner linken Seite. „Ahhh...“, kehlige Laute verlassen meinen Mund und endlich – endlich – löst mein Master auch die verbleibende Klammer. „O Gott...“, stammel ich, gefangen in dieser Extase, am Rand des Wahnsinns, getrieben von Verlangen und Schmerz.

„Guter Junge...“, lobt Christopher mich ein weiteres Mal. Doch nun ist die Erregung gar nicht mehr so gut in seiner tiefen Stimme kaschiert... Der Klang jener verursacht einen angenehmen Schauer, oder ist es die Gewissheit, dass auch er angetörnt ist von unserem Spiel?

Er küsst mich schon wieder.

Und ich schreie beinahe in seinen Mund.

Denn Christophers Finger zwicken mich ohne Vorwarnung in das geschundene Fleisch um meine Brustwarzen; und dann fängt er auch noch an mit meinen Nippeln zu spielen, reizt den schon beanspruchten Bereich umso mehr. Ich winde mich, ich reiße an meinen Seilen, meine Zehen bohren sich in den Boden und Christopher beißt hart in meinen Hals.

„Reiß dich zusammen. Ruhig!“, tadelt er mich dann und drängt mich mit meinem Rücken komplett gegen die Wand. Kurz hält er inne mit seinem Tun an meiner Brust. „Atme“, befiehlt er.

Einatmen, ausatmen – einatmen, ausatmen...

Ich versuche mich zu beruhigen.

„Und jetzt bist du komplett still, verstanden?!“, herrscht mein Master mich im nächsten Augenblick schon wieder an; und er beginnt von vorn mit seiner Tortur, zwirbelt meine Brustwarzen, so schnell, so hastig, so rücksichtslos. Ich versuche die Klappe zu halten, atme wild durch die Nase. Mir ist schwindlig; meine Stirn ist verschwitzt, durch meine Venen scheint heißes Blut zu fließen. Es prickelt und kribbelt – und tut unheimlich weh. Alles auf einmal. Wild durcheinander.

Wild.

So geht es weiter.

Christophers Hunger ist heute unbeschreiblich groß.

Ich finde mich auf der Liege wieder, die sich eisig kalt an meinem Rücken anfühlt. Meine Arme und Unterschenkel sind fest zusammengebunden. Seile ziehen sie zur Seite und nach oben, sodass meine Beine ein großes „M“ formen. Ich bin vollkommen geöffnet für meinen Herren. Und dieser vergeht sich seit einer Ewigkeit an mir: Exzessiv und ausführlich weitet er mich, führt immer mehr Gel in meinen After ein, weitet meine Innenwände, massiert meine Prostata – pumpt mich.

„Gefällt dir das?“, will er wissen.

„Ja, Sir!“, keuche ich.

„Ein bisschen mehr Enthusiasmus, verdammt!“, schimpft er und lässt seine Hand schmerzvoll auf meinen Schwanz niedersausen. Ich zucke auf und stöhne.

„Ja, Sir, ich liebe es!“, schreie ich dann unmittelbar hinaus.

Als wäre es zur Belohnung, schiebt Christopher mir dann Zentimeter für Zentimeter mein vermeintliches Lieblingsspielzeug ein: Der schwarze Riesendildo, das auf Websiten unter der Kategorie „Monster“ geführt wird, mit der nicht zu ignorierenden Warnung, dieses Instrument sei wirklich nur etwas für Erfahrene... und Geweitete...

Mein Stöhnen wird lauter, je tiefer das Rubber-Toy in mich drückt, glitschig und weich ist es und doch übt es enormen Druck auf meine Innenwände, meinen süßen Punkt aus. Ich sehe Sternchen. Und das Ganze wird schlimmer, denn Christopher massiert mich – und lässt mich nicht kommen. Er quält mich, er schnauzt mich barsch an und plötzlich ruht eine Kerze in seiner Hand.

Sind es Minuten, sind es Stunden, sind es Tage, die wir hier verbringen? Ich vermag, keine Antwort zu geben, kann nur die stechenden Schmerzen auf meiner Haut verfolgen, die Christopher mit dem heißen Kerzenwachs hervorruft, das er auf meine Glieder nieder tröpfeln lässt.

Über meine Oberschenkel, hin zu meinem Hintern, über meine Brust und Nippel – letztendlich auf meine Hoden.

Wäre ich nicht so eingeschnürt, hätte ich mich durch meine Randale wahrscheinlich schon längst selbst verletzt.

Schlapp fallen meine Arme zur Seite, als Christopher sie aus den Fesseln befreit; ebenso wie meine Beine, aber der Sergeant lässt mir keine Zeit zum Verschnaufen. Er zerrt mich erneut vor den imposanten Herrenstuhl und obschon mein Körper sich nach Ruhe sehnt, kann ich meine Erregung kaum im Zaum halten, als Christopher seine Hose aufknöpft und sein harter, an der Spitze nasser Schwanz zum Vorschein kommt.

Plötzlich hält er auch wieder den Schlagstock in seiner Hand. Jenen klemmt er hinter meinen Kopf und zieht mein Gesicht brutal in seinen Schoß.

„Lutsch ihn!“, befiehlt er mir.

Ich liebe diese Anweisung. Genieße es, an seinem Fleisch zu saugen, Christopher komplett in meinen Mund aufzunehmen, meine Zunge spielerisch über seinen Schaft auf Wanderschaft zu schicken. Mein Master stöhnt. Die Metallstange hinter meinem Kopf drückt gegen meinen Schädel. Christophers Becken bewegt sich. Er stößt immer tiefer in meinen Mund. Ich röchele, schmatzende Geräusche erfüllen den Raum und mir wird immer heißer, weil Christophers Stöße härter und sein Stöhnen immer lauter werden.

Meine Brustwarzen schmerzen, jede Stelle, die immer noch vom trockenen Wachs bedeckt ist ziept, meine Beine pulsieren, malträtiert von den Seilen, meine Arme fühlen sich an, als hätte ich Schwergewichte geschleppt.

Mein gesamter Unterleib brodelt, mit jeder einzelnen Bewegung regt sich dieses Monsterteil in mir und drängt gegen meinen süßen Punkt.

Scheiße, ich will einfach nur kommen...!

Aber es ist mein Herr der seinen Saft in meinen Rachen schießt, der sich ergießt und dabei so erotische Geräusche von sich gibt und so verführerisch dabei aussieht, wie er den Kopf in den Nacken wirft und wie sich seine Hände währenddessen in mein Haar krallen. Allein dieser Anblick reicht und ich meine, abermals kurz vorm eigenen Höhepunkt zu stehen.

Langsam erschlafft sein Glied in meinem Mund. Erst dann zieht er es heraus und schaut auf mich nieder; knöpft sich bedächtig die Hose zu. Doch als er auf das dunkle Material seiner eigenen Uniform blickt, ändert sich seine Miene von zufrieden und befriedigt auf verärgert und finster. Er greift in meine Strähnen und schiebt meinen Kopf erneut in seinen Schoß, meine Nase direkt an die Stelle drückend, die ihm missfällt. Ein kleiner, weißer Fleck.

„Das Sperma deines Vorgesetzten ist heilig, du undankbarer Bengel! Was soll das?!“, tadelt er wütend.

„Entschuldigung, Sir!“, japse ich. „Das wollte ich nicht!“

„Und trotzdem wirst du dafür büßen!“, warnt er mich knurrend.

Meine Glieder zucken. Das Kribbeln ist kaum mehr auszuhalten. Mein Geist will mehr, die Kraft meines Körpers aber bröckelt. Ich stolpere nur noch neben Christopher her, der mich wieder zurück in Richtung Liege zieht. Aber ich darf mich nicht hinlegen, darf mich nicht setzen. Ich stehe da wie ein Betrunkener, schwankend, versuche zu begreifen, was geschieht, als Christopher meine Arme packt und sie zusammenbindet, sie über meinen Kopf anhebt. Dann erst begreife ich, dass die Stricke an der Vorrichtung befestigt sind, die Christopher nun nach oben an die Decke zieht. So wie schon auf der Liege; so wie immer, wenn er mich ins Strappado bringt. Aber jenes hat er heute nicht vor.

Ich sehe ihm in die Augen. Er sieht so verdammt gut aus. Kalt und gefährlich. Verspielt-erotisch. Er lässt die Lederriemen des Floggers bedächtig durch seine Finger gleiten, als er wieder auf mich zukommt, sich dann hinter mich stellt und zunächst zärtlich über meinen Rücken streichelt. Wohlig warm fühlen sich seine Finger an. Sein Atem streicht gleichzeitig sanft über meinen Nacken und ich will gerade die Augen schließen, als Christopher mit dem Flogger ausholt und die unbarmherzigen Riemen auf meinen Hintern rasen.

Auf meine linke Pobacke, meine rechte. Meinen Rücken. Links, und rechts. Wieder auf meinen Hintern. Auf meine Oberschenkel.

Schneller und härter mit jedem einzelnen Schlag. Mein stöhnendes Geschrei wandelt sich über qualvolles Stöhnen zu einem kläglichen Wimmern. Tränen steigen in meine Augen, mein Körper zuckt, ich versuche der Peitsche zu entkommen; halte mich automatisch fest an dem Seil, meine Füße verlassen kurz den Boden, kurz vor dem nächsten Schlag, der durch meinen Körper rast.

Die Tränen kullern über meine Wangen.

Nein, ich weine nicht, weil das Spiel zu weit gegangen ist. Nicht so wie damals. Die Tränen sind eine natürliche Reaktion meines Körpers: zu viel Schmerz musste er ertragen. Aber mein Geist ist hungrig und er ist stärker. Ich weiß das Safewort, ich könnte es beenden – aber ich will nicht.

Ein weiterer Peitschenhieb; ich schreie und genau in diesem Moment tritt Christopher nah an mich heran, legt seine Arme um meinen Oberkörper und zieht meinen Rücken gegen seine uniformierte Brust. Ich stöhne schluchzend, als ich seine Lippen an meinem Ohr spüre, als ich fühle, wir er zärtlich über meine Brust streichelt. Seine Hand umfasst mein Kinn, sein Daumen streicht über meine gespreizten Lippen.

 

„Ich liebe dich“, raunt er in mein Ohr und ich keuche, beiße mir auf die Zunge. Ich kann meinen momentanen Zustand gar nicht beschreiben. Hin und hergerissen bin ich zwischen Entzückung, Geilheit und Erschöpfung. Drifte ab, während ich eigentlich total präsent bin. Mein Freund dreht mich, sodass ich ihm ins Gesicht sehen muss. Er lächelt zärtlich. „Ich bin so stolz auf dich“, wispert er mir zu – und dieses Lob geht mir durch Mark und Bein. Wieder einmal bin ich Wachs in seinen Händen und fließe dahin.

Ich lande in seinem Bett, meine Fesseln entfernt und darf beobachten, wie er sich langsam aus seiner Uniform schält. Mit jedem abfallenden Kleidungsstück verschwindet der Sergeant und als er dann endlich völlig nackt vor mir steht, ist Christopher wieder „Christopher“ – mein sadistischer Freund und strenger Herr. Aber nicht mehr der „Sir“.

Er kommt näher und seine Haut berührt endlich die meinige. Vorsichtig gleitet er über mich und sein warmer Körper schmiegt sich nach und nach an meinen. Er schiebt seine Hand sanft unter meinen Kopf und als sich unsere Augen treffen, lächelt er. Dann vereinen sich unsere Lippen wieder. So sanft und zärtlich, irgendwie liebevoll. Vorsichtig gleitet Christophers Zunge in meinen Mund und meine Finger verfangen sich in seiner blonden Mähne, während unser Kuss nach und nach an Intensität gewinnt, während Christophers Zunge immer forscher und wilder wird und wir uns so leidenschaftlich küssen, als gäbe es kein Ende.

Meine Lippen sind nach einer Weile voller Speichel; immer wieder leckt er über sie, lässt seine Zunge dann wieder probeweise in meinen Mund gleiten und ich komme ihr immerzu entgegen, lade sie ein, empfange sie euphorisch.

Christopher knabbert an meinem Hals, leckt über die dünne Haut dort und schickt ein Prickeln auf Wanderschaft über meinen gesamten Körper. Ich stöhne seicht, als er leicht an meinem Ohrläppchen saugt und mir danach ins Ohr haucht: „Du machst mich so wahnsinnig...“ Doch dann ist er es, der mich wahnsinnig macht – wie so oft, so gekonnt, so unberechenbar, so vollkommen.

Er verteilt kleine Küsse auf meiner Brust, kratzt das Wachs herunter, damit er kurz über meine malträtierten Warzen lecken kann, was mich zum aufschreien bringt; doch dann rutscht er schon tiefer und lässt seine Zunge gemächlich über meinen Bauch hinab wandern.

Und dann gibt er mir den Blow-Job meines Lebens.

Gierig saugt er an mir. Lässt seine Zunge unverblümt über meine Eichel streichen, so als wolle er jeden noch so kleinen Lusttropfen aufsammeln und bloß nichts verschwenden. Er leckt meine gesamte Länge ab, von der Wurzel bis zur Spitze, und zeichnet meine Adern mit seiner Zunge und seinen Lippen nach; er küsst meine Hoden, saugt an ihnen, massiert meine Schenkel und ich winde mich immer noch wie ein Volltrunkener auf den weichen Kissen. Der immer noch nachhallende Schmerz wird von der steigenden Erregung weit abgedrängt.

Es existiert nur noch Christophers flinke Zunge.

Und dieser Anblick... Mein Master zwischen meinen Beinen, mein harter Schwanz in seinem Mund.

„O Gott...“, hauche ich. „d-darf... ich... kommen?“ Doch dann ist es eh schon zu spät und mein Saft fließt ungehalten in Christophers Mund, seinen Rachen hinab und mein Master seufzt dabei wohlig.

Und schluckt alles, was ich zu bieten habe.

Ein lang gezogenes, tiefes Stöhnen verlässt meinen Mund und mit ihm wird die Welt um mich herum schwarz. Komplett dunkel.

Alles rückt weit, weit weg...

Nur am Rande meines Bewusstseins bekomme ich mit, wie Christopher meinen Körper dreht und wie er kühlende Substanzen auf meine Haut aufträgt, die das Ziepen ungemein lindern. Dann wird es wieder wohlig-warm. Und als ich das nächste Mal die Augen öffne, erhellt nur die kleine Nachttischlampe das Schlafzimmer. Ich blinzel einige Male, erkennend, dass ich auf dem Rücken liege. Ich wende meinen Kopf nach rechts. Christopher liegt neben mir, ein aufgeschlagenes Buch in seinen Händen, doch als ich mich auf die Seite drehe, mich ihm zuwende, driftet sein Blick unmittelbar zu mir. Das Buch legt er beiseite und ich rutsche grinsend näher – direkt in seine Umarmung; kuschele mich an ihn und drücke ihm einen keuschen Kuss auf.

„Wie hat es dir gefallen?“, fragt er sanft.

„Du bist so ein heißer Sergeant...“, murmele ich und atme seinen Geruch ein. Er lacht ganz leicht.

„Sehe ich also in der Uniform heißer aus als Dominik?“, neckt er mich und ich kann nicht anders, als zu kichern. Ich rutsche höher und presse meine Lippen wieder auf Christophers Mund, lasse meine Zunge unmittelbar in seinen warmen Mund gleiten und spiele mit seinem Muskel, während seine Hände meinen Rücken auf und ab wandern. Bis wir beide keine Luft mehr bekommen und gezwungen sind, voneinander abzulassen.

Dann schaue ich ihm tief in die Augen und sage ihm die Wahrheit. „Du siehst heißer aus als jeder andere Mann, der mir je über den Weg gelaufen ist und mir über den Weg laufen wird...“

Christopher antwortet nichts. Sein zufriedenes, zärtliches Lächeln sagt alles. Und seine Geste: die in mein Haar greifende Hand, die mich zurück in einen innigen Kuss zieht. „Niko...“, haucht er dann, als ich komplett auf ihn gerutscht bin und meine Arme auf seiner Brust abstütze.

„Hm?“, mache ich und schenke ihm ein Lächeln. Seine Finger streichen zärtlich über meine Oberarme, als er mich so intensiv betrachtet.

„Niko“, setzt er ein weiteres Mal an. „könntest du dir vorstellen, mit mir zusammen zu leben?“

Mein Herz beginnt einen stakkatoartigen Rhythmus zu klopfen.

„W-Was? Ja. Also, klar, ich meine, ich bin so oft hier, ich weiß ja quasi, wie das wäre mit dir zusammen zu wohnen. Also, äh, ich stell mir das ganz entspannt vor, ich meine...“ Meine Stimme bricht ab, weil ich mich mitten im Satz frage: Hat Christopher mir gerade vorgeschlagen, zu ihm zu ziehen? Oder war es wirklich nur eine kleine Zukunftsversion, getrieben von unserem intimen Moment?

Christopher lacht und streicht mir eine Strähne hinters Ohr.

„Niko, willst du mit mir zusammenziehen?“, konkretisiert er nun.

„...also so... jetzt?“, japse ich beinahe unhörbar.

„Ja.“

Einige Sekunden lang kann ich nichts sagen, blicke nur in dieses strahlende Blau.

Und dann, nach kurzer Überlegung, antworte ich endlich.

„...okay. Ich hasse meine Wohnung eh.“

Christopher lacht laut und herzlich und schlingt seine Arme um mich.

„Danke“, haucht er gegen mein Ohr und drückt mir einen leichten Kuss auf die Wange und ich bin einfach nur perplex. Perplex und glücklich.

Ich kann nicht glauben, dass Christopher und ich unsere Beziehung eine Stufe weiter führen, sie festigen werden.

Dass dies auch bald schon mein Heim sein wird.

„Hey, oh!“, rufe ich enthusiastisch aus und blicke in ein etwas verwirrtes Gesicht. „Kann ich das Gästezimmer in meinen PC-Raum umbauen? Dann kann auch mein altes Sofa mit, zwecks Horrorfilme gucken und dabei essen und betrinken, dann saue ich nicht die Wohnzimmer-Garnitur ein. Und, oh!“ Mein Kopf arbeitet auf Hochtouren. „Diese Mietverträge haben ja immer so ne zwei bis drei Monate Frist, aber vielleicht finde ich jemanden vorher. Ich meine – darf ich schon vorher hier einziehen, oder warten wir jetzt noch diese drei Monate?“

Christopher gluckst und schüttelt amüsiert den Kopf.

„Beruhig dich, es ist fast zwei Uhr morgens. Wir klären das Morgen nach dem Frühstück, okay?“

Ich muss selbst über mich lachen. „Okay. Okay, du hast Recht. Aber...“

„Bist du denn gar nicht mehr erschöpft von unserer Session?“, fragt er mich erheitert und wie auf Kommando muss ich gähnen, was meinen Freund noch mehr amüsiert.

Und als das Licht erlischt und ich mich an Christophers heiße Brust kuschel flüstert der noch gegen mein Haar. „Wir können all deine Sachen schon morgen herholen und deine Wohnung leer räumen, wenn es nach mir geht...“

Mir ist schwindelig.

Und wenn mein Körper nicht so geschunden wäre, würde ich diese Nacht wohl gar keinen Schlaf bekommen.

 

 

 

 

26

Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich im Traumland gewandert bin, aber als ich die Augen öffne, schleicht sich das helle Tageslicht bereits durch den Spalt der Gardinen und legt sich sanft auf mein Gesicht; ich muss blinzeln und gähnen, ich strecke mich und zucke zusammen. „Au... verdammt...“, höre ich mich selbst murmeln, als dieser ziepende Schmerz, ähnlich eines Muskelkaters, durch meine Glieder fährt. Ich kann spüren, wo mich gestern heißer Kerzenwachs berührt hat, wo die Lederriemen auf meine Haut gesaust sind und auch der Bereich um meine Brustwarzen kribbelt immer noch ein wenig. Diese teuflischen Klammern.

Ich wende meinen Kopf. Das Bett ist leer, der Platz neben mir schon längst erkaltet. Wo Christopher sich wohl gerade herumtreibt? Ob er schon gefrühstückt hat, ob er schon einkaufen war? Ob er mich gleich begrüßen wird?

Die Gedanken an meinen Freund bringen Erinnerungen des vergangenen Tages zurück. Diese eine besondere Erinnerung, die nicht unbedingt viel mit der extrem harten, Military-Session zu tun hat. Und dann wiederum doch mit ihr zusammenhängt.

Niko, willst du mit mir zusammenziehen?“

Seine Stimme in meinem Kopf verursacht ein angenehmes, warmes Kribbeln in meinem Magen. Das sind die Worte, die er gestern tatsächlich von sich gegeben hat; auf die ich mit einem ja geantwortet habe. Worte, die alles verändert haben.

Werde ich rot? Wahrscheinlich. Das dümmliche Grinsen kann ich jedenfalls nicht ohne Weiteres aus meinem Gesicht radieren. Ich streiche durch meine Haare, setze mich auf und lasse meinen Blick durchs Schlafzimmer wandern.

Ist das nicht verrückt? Christopher und ich in einer Wohnung.

Ist das nicht normal? Christopher und ich in einer Wohnung.

Mein Freund und ich – 24/7, nun wahrscheinlich erst recht...

Das Telefon klingelt und ich zucke zusammen. Es klingelt ein weiteres Mal. Nach dem dritten Klingeln springe ich endlich auf und haste zum Apparat. Doch es ist nur eine nette Dame, die mich gern zu meinem Radioverhalten befragen würde. Ich lege auf. Dann fällt mir auf, dass es so still im Wohnzimmer ist, ebenso wie in der Küche. Ich linse ins Arbeitszimmer, aber auch dort finde ich Christopher nicht. Eine Notiz über seinen Verbleib hat er mir allerdings nicht hinterlassen. Vielleicht ist er wirklich kurz einkaufen gefahren, fürs Frühstück...

Ich erschrecke regelrecht, als ich ins Bad gehe und meinen Freund umgeben von knisternden Schaum vorfinde, mit einem Glas Rotwein in der Hand.

„Hey... guten Morgen“, grüßt er mich und lächelt.

„Äh, hi...“, antworte ich und schlendere auf ihn zu, bis ich am Wannenrand angelangt bin. „Wein am Morgen? Alles OK bei dir?“, frage ich grinsend und doch etwas unsicher.

„Es ist 14 Uhr“, antwortet er gelassen und nimmt einen weiteren Schluck.

„Oh.“ Somit hat sich unser angekündigtes Gespräch „nach dem Frühstück“ wohl nach hinten verschoben. „Warst du schon einkaufen?“, frage ich dämlich.

„Ja“, entgegnet er knapp. Dann herrscht Stille und mich beschleicht ein seltsames Gefühl, weil diese Situation einfach etwas seltsam ist. Christopher badet meistens abends. Ausnahmen sind früher beendete Sessions, Erkältungsbäder oder geplante Chill-Sonntage, aber selbst dann steigt er erst gegen 16 Uhr in die Badewanne.

„Ist wirklich alles in Ordnung?“, hake ich nach und merke, wie meine Kehle langsam trocken wird; ein Zeichen leichter Nervosität. Denkt er über gestern Abend nach? Ist seine Frage vielleicht doch nur aus einer Laune entstanden? Bereut er es jetzt?

Christopher stellt das Glas beiseite und seufzt. Sein Blick ist warm. Er streckt seine nasse, von Schaum benetzte Hand nach mir aus. „Kommst du rein?“, fragt er zärtlich und ich nicke, ergreife die mir gebotene Stütze und lasse mich von ihm in das warme Wasser ziehen. Mein Rücken trifft auf seine Brust und er legt seine Arme um mich, lehnt seinen Kopf auf meiner rechten Schulter an und seufzt erst mal genüsslich.

Mein Freund hat immerzu durchblicken lassen, dass er sich eine Zukunft mit mir vorstellt, die eine gemeinsame Wohnung natürlich involviert. Und allein diese Andeutungen und das Wissen, dass Christopher sich solch ein Leben mit mir vorstellt, hat mich glücklich gestimmt. Eigentlich wusste ich, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis er mich fragen würde. Letztendlich verbringen wir sowieso viel mehr Zeit hier zusammen, als voneinander getrennt. Theoretisch wohne ich hier schon.

Theoretisch.

„Ziehst du deine Uniform auch mal an, wenn wir Party machen gehen?“, frage ich und streichle zärtlich über seinen nassen Unterarm.

„Würde dir das gefallen?“

„Mhhmmm... dann würde ich ganz bestimmt nur dich anschauen... Sir...“, witzele ich und Christopher gluckst leise.

„Aber nur wenn du mich nicht so nennst...“, meint er dann.

„...aber gestern war's doch OK, oder nicht?“

„Na, klar. Sonst hätte ich es dir schon gesagt...“

„Okay“, hauche ich und lehne mich noch ein bisschen weiter zurück gegen seine warme Brust. Christopher haucht mir einen Kuss auf die Wange und ich lächel. Dann umfassen seine Finger ganz vorsichtig mein Kinn und er dreht meinen Kopf in eben dieser Manier zu sich; seine Lippen sinken auf meinen Mund. Zunächst nur ganz vorsichtig und keusch. Doch dann schiebt Herr Lang seine Zunge in meinen Mund und will mehr. Und ich gebe es ihm – eine leidenschaftliche Knutscherei. Natürlich schmeckt er nach Wein.

Tief blickt er mir nach diesem Kuss in die Augen. Es ist mein tiefes Magenknurren, das diesen wunderschönen Moment unterbricht. Oder sollte ich sagen: zerstört? Christopher grinst und ich seufze genervt.

„Sorry“, murmel ich und spüre, wie das Hungergefühl die Oberhand meiner Empfindungen gewinnt.

„Nein, das ist meine Schuld“, sagt er zaghaft, „ich hab dich gestern gar nicht zum Essen kommen lassen.“

„...ja, du hast mich in deinen Mund kommen lassen...“, sage ich grinsend und Christopher seufzt amüsiert.

Aber wo bleibt seine kleine Warnung? Ein „treib es nicht zu weit, Niko“ oder ein neckendes „gewöhn' dich ja nicht dran, wenn hier jemand in den Mund des anderen kommt, dann bin ich es in deinem“ oder ein „muss ich dich daran erinnern, wo dein Platz ist, Sklave“? Es kommt keiner dieser Kommentare, die mich anheizen und die ich so gerne höre. Stattdessen sagt Christopher: „Ich hab frische Brötchen geholt, ich mach dir direkt Frühstück, ja?“

Und dann verlässt sein Körper mich; er steht auf und trocknet sich ab, während ich alleine in der Badewanne hocke und nicht weiß, was ich sagen könnte.

Er wird seine Frage zurückziehen.

Er wird mir sagen, dass es noch zu früh ist.

Er bereut es.

Das Wasser ist angenehm warm und trotzdem wird mir kalt. Ich betrachte das zurückgelassene Weinglas. Es ist fast leer. Ungefähr genauso fühle ich mich plötzlich. Ich kaue konstant auf meiner Unterlippe herum, während ich mich abtrockne und zurück ins Schlafzimmer watschel, um mir irgendwelche Klamotten überzuziehen. Die graue Jeans und den schwarzen Pullover. Witzig, denke ich mir, als ich mich kurz im Spiegel betrachte, genau diese Klamotten spiegeln meine jetzige Laune wider.

Es riecht nach Kaffee. Auf meinem Teller landet Rührei, ich setze mich. Christopher betrachtet mich, er isst nichts, schaut mich bloß nur an. Eine seltsame Spannung herrscht zwischen uns und ich bin sicher, dass dies nicht nur meiner Einbildung entspringt. Sie ist zum Greifen nahe. Ich beiße ab von meinem Brötchen. Mit Nutella. Das Rührei, das Herr Lang für mich gemacht hat, ignoriere ich. Ich ignoriere ihn.

„Niko, was ist los?“, will er von mir wissen, seine Stimme endlich ein wenig strenger, aber das hilft nun auch nicht mehr. Ich weiß, dass etwas mit ihm nicht stimmt.

„Dasselbe könnte ich dich fragen!“, gebe ich also bissig zurück und lege mein Brötchen beiseite. Christopher schweigt. „Achja: Code Red!“, pfeffere ich ihm noch ins Gesicht. Seine Miene wird ernst.

„Okay, ich habe ein Problem“, gibt er letztendlich zu und faltet die Hände zusammen. „Niko, willst du wirklich mit mir zusammenziehen?“ Bevor ich antworten kann, hebt er ermahnend die Hand, signalisiert, ich solle ihn zunächst ausreden lassen. „Eigentlich hatte ich das anders geplant. Ich wollte das in Ruhe mit dir klären, weil es ein großer Schritt für uns beide ist, oder wäre... so etwas sollte man normalerweise an einem gewählten Zeitpunkt besprechen und nicht unbedingt... nach einer extremen Session wie gestern, kurz vorm Einschlafen und völlig aufgewühlt.“

„Also nimmst du es gar nicht zurück?“, schießt es aus mir wie aus einer Pistole, als Christopher Luft für einen weiteren Satz holt. Er hält kurz inne und ich meine, leichte Verwirrung in seinen Augen lesen zu können.

„Was sollte ich zurücknehmen?“, fragt er mich dann automatisch.

„Die Frage, ob ich bei dir einziehe!“

„Was? Natürlich nehme ich es nicht zurück! Wie kommst du denn darauf?!“ Nur wenige Sekunden später seufzt er und fügt an kleinlaut: „okay... ich kann's mir schon denken.“

„Aber wenn das nicht das Problem ist, was dann? Ich will doch mit dir zusammenziehen!“, werfe ich ein.

„...und ich habe dich ganz sicher nicht damit überrumpelt? Ich will dich zu nichts zwingen, Niko und wenn du noch nicht bereit dazu bist, dann warte ich, bis du so weit bist“, sagt er ruhig und lässt mich nicht aus den Augen.

Ich presse meine Lippen aufeinander und suche nach den richtigen Worten. Ich bin aufgewühlt. Auch unglaublich glücklich, aber aufgewühlt und immer noch ein bisschen durcheinander wegen der Gesamtsituation. „Ich bin aber so weit!“, versichere ich ihm also. „Ich meine... das war doch echt nur noch ne Frage der Zeit, oder nicht? Dass du mich fragst.“

„Ich habe in der Tat schon sehr lange darüber nachgedacht“, gibt er nun milde lächelnd zu.

„...echt?“, flüstere ich, obwohl mich das eigentlich nicht überraschen sollte, vor allem nicht nach meiner letzten Aussage. Aber irgendwie... möchte ich mehr davon hören. Christophers Lächeln wird intensiver.

„Schon seit einigen Monaten“, redet er weiter und schaut mir in die Augen. „du bist so oft hier und doch nicht oft genug - so jedenfalls geht’s mir. Und dann gibt’s noch die praktischeren Gründe: wann immer ich dich sehen will, müsste ich nur deinen Namen rufen und nicht noch 20 Minuten mit dem Auto durch die Stadt fahren. Und wir müssten uns nicht ständig verabreden, sondern würden uns täglich bei uns zu Hause begegnen und könnten... direkt loslegen...“, gibt er eine Spur lasziver hinzu. Ich grinse mittlerweile wahrscheinlich wie ein Honigkuchenpferd.

„Dir geht es also nur im schnellen Sex...“, feixe ich grinsend und beuge mich etwas über den Tisch. Das Glücksgefühl in meiner Brust wächst an zu einem großen Ballon.

„Ja, mir geht es nur um den Sex, weil ich sonst keine anderen Gefühle für dich habe und du nur mein Betthäschen bist“, sagt er sarkastisch und schüttelt ungläubig den Kopf. Ich lache. Christopher ergreift meine Hand und drückt sie liebevoll. „Mal im Ernst, Niko“, setzt er an, „ich will, dass du zu mir ziehst, auch wenn ich total nervös bin.“

„...du bist nervös?“, hauche ich kaum hörbar, weil mich seine Bemerkung überrascht.

„Ja“, gibt er milde lächelnd zu.

„Wieso...?“ Ich krame erneut in meinem Gedächtnis, das mir wie so oft keine genaue Antwort geben kann; wenn ich mich allerdings nicht täusche, dann hat er zumindest schon ein Mal mit einem Mann die Wohnung geteilt damals; vor langer Zeit, die mich eigentlich nichts angeht. Vor allem aber, weil dieser Gedanke mir ziemlich missfällt und ich eigentlich nichts Weiteres darüber wissen will. „Das wäre doch nicht das erste Mal, dass du mit jemanden zusammenziehst“, füge ich gleichgültig an, aber meine Stimme zittert und ich lasse meine Augen über den späten Frühstückstisch wandern.

„Niko...“, sagt Christopher beschwichtigend. „Sie mich an. Bitte.“ Ich blicke in angenehmes Blau. „Ich habe bis jetzt nur ein Mal mit einem meiner Exfreunde diesen Schritt gewagt – und es ist schief gegangen. Mittlerweile ist es okay, Adrian war mein erster Freund, das ist zig Jahre her.“

„Ich... ich weiß.“

Adrian! Adrian war sein allererster Freund! Es macht Pling! In meinem Kopf; deswegen kam mir der Name so bekannt vor, als Lukas ihn vor der Gerte erwähnte. Doch mir bleibt keine Zeit, weiter darüber zu sinnieren.

„Aber ich möchte, dass das mit uns beiden funktioniert!“, fährt Christopher mit Nachdruck fort und drückt meine Hand automatisch fester. „weil du mich am glücklichsten von allen gemacht hast und ich mir in meinem Leben keinen anderen vorstellen kann“, beendet er seinen Satz und ich bin die ersten Sekunden danach zu beschäftigt, die Schmetterlingshorde in meiner Magengegend zu kontrollieren, um direkt zu antworten. Aber das ist in Ordnung, denn Christopher spricht anstatt meiner einfach weiter. „Ich weiß, dass das kompliziert wird und wir uns auch als Pärchen dann quasi nochmal neu finden müssen - und ein paar neue Regeln brauchen.“

„Na, klar!“, falle ich ihm ins Wort, weil meine Gedanken Achterbahn fahren. Tief schaue ich ihm in die Augen. Seine Wohnung - sein Königreich. Und jetzt? Mein Mund wird trocken, ich nehme einen Schluck Kaffee. Es hilft nicht, meine Hände werden binnen Sekunden schwitzig. Jetzt erst wird mir so richtig klar: Das Zusammenziehen ist für viele Pärchen ein großer Schritt, aber bei uns beiden bedeutet dieser Schritt noch so viel mehr.

Ich will nicht nur mit meinem Freund zusammenziehen, sondern auch mit meinem Master. Ich beziehe seine Räume, in denen er doch absolute Gewalt über mich hat.

Sein Königreich.

Unruhig rutsche ich auf dem Stuhl herum.

Sollten mir diese Gedanken keine Angst machen? Sollten sie nicht gewisse Zweifel in mir hervorrufen? Sollte nicht irgendwo ein kleines Licht aufleuchten und ein Stimmchen zu mir wispern: „geht das nicht zu weit?“

Ich weiß nicht, ob ich blind bin, oder ob ich langsam schwerhörig werde. Ich weiß nur, dass ich momentan weder das Licht sehen, noch dieses Stimmchen hören kann – ich spüre nur diese seltsame Horde Schmetterlinge in meinem Bauch, die ich nicht mehr im Zaum halten kann. Der Gedanke an den totalen Kontrollverlust regt keine Furcht in mir; er schickt einfach nur ein extremes Kribbeln über meine Haut.

Ich lecke über meine Lippen und schaue Christopher an, der mich mit einem vorsichtigen Lächeln intensiv weiterhin betrachtet. Noch immer ruht meine Hand in der seinigen und sein Daumen streichelt leicht über meinen Handrücken.

Schon seltsam, wenn man dieses Vorgehen kurz objektiv betrachtet: Mit der Hand, mit der er mich normalerweise schlägt, streichelt er mich nun. Es ist eine beruhigende Geste. Eine herrliche Erkenntnis. Unsere Art eine Beziehung zu führen.

Ich schlucke. Mir ist warm.

„Das heißt...“, setze ich dann langsam an. „ich ziehe in dein Reich und... ordne mich komplett unter?“

Christopher holt tief Luft. „Ich fand deinen Vorschlag bezüglich des Gästezimmers nicht schlecht. Ich würde dir den Raum gern zur Verfügung stellen. Du kannst darin tun und lassen was du willst. Das wäre dann dein Reich.“

Ich nicke nachdenklich. „Aber sonst bleibt alles beim Alten, mehr oder weniger?“, hake ich mit zitternder Stimme nach.

Mein Freund seufzt. „Mehr oder weniger, ja...“, sagt er dann.

„Wie stellst du dir das vor?“, hauche ich, meine Stimme so, als wäre ich fiebrig.

Christopher lässt meine Hand los. „Wie wär's, wenn wir uns ins Wohnzimmer begeben, mit Stift und Papier, und ein neues Regelwerk ausdiskutieren und festhalten, hm? Willst du erst aufessen?“, schlägt er vor und deutet auf mein Brötchen, doch da bin ich schon längst aufgestanden.

„Ne, ich esse es später.“ Der krasse Hunger ist wie verflogen, ich springe regelrecht ins Wohnzimmer und Christopher schlendert grinsend hinterher. Nur kurz verschwindet er im Arbeitszimmer, um den erwähnten Block mit Stift zu holen. Dann setzen wir uns zusammen aufs Sofa, seine Hand ruht auf meinem Oberschenkel, als er mir erneut in die Augen sieht.

„Also“, sagt er. „Wir ziehen das durch? Du ziehst zu mir?“

„Davon kannst du ausgehen. So schnell wie möglich. Können wir nicht schon heute einige meiner Sachen herholen und das Gästezimmer umräumen?“, fließt es aus meinem Mund, schneller als ich überhaupt denken kann.

„Langsam, langsam“, lacht Christopher. „Was nicht heißen soll, dass wir es nicht machen – aber das klären wir gleich. Zuerst will ich die Regeln klarstellen, die Basis. Dann kommt die Umsetzung, okay?“

Ich nicke. „Einverstanden.“

„Bevor ich dir meine bevorzugten Regeln vortrage, zu denen ich dein Einverständnis haben will, würde ich gern von dir wissen, was du dir auf keinen Fall vorstellen könntest“, fährt er ruhig fort.

Ich verziehe den Mund. Die Rädchen in meinem Kopf beginnen zu Arbeiten.

„Ähh...“, mache ich und mein Freund sagt.

„Lass dir Zeit. Denk nach. Wenn du willst, hole ich dir wenigstens deinen Kaffee her?“

„Okay.“

Ich grüble, denke an meine einstigen Ängste und grinse dümmlich. Diese Frage ist schwer. Ich liebe unsere Beziehung, ich finde die Art, in der Christopher mich im Alltag bisher gedemütigt hat wunderbar; das Kissen am Fernseher, das Bettverbot bei schlechtem Benehmen, das demütige Warten auf meinen Herren im Flur, die Tatsache, dass ich mich selbst am Tisch erst nach meinem Freund bedienen darf. All diese „Kleinigkeiten“ die das große Ganze formen.

Und das große Ganze ist fantastisch!

Schweigend verweilt derweilen mein Freund neben mir und schenkt mir ein aufmerksames Lächeln, als ich ihn mit meinem Blick streife.

„Okay, ich glaube, ich hab was“, meine ich schließlich.

„Schieß los.“

„Ich glaube.... ich würde es nicht so toll finden, wenn du mir wirklich jedes Treffen mit Frank oder Paul und Markus verbieten würdest.“

„Als wenn ich das machen würde...“, sagt Christopher augenrollend.

„Was?! Du hast gefragt, ich habe geantwortet.“

„Mir ging es eher ums Häusliche. Sachen wie dein Fernseh-Kissen zum Beispiel“, moniert er mich, allerdings ziemlich amüsiert.

„Mein Platz ist auf dem Boden und das soll auch so bleiben“, antworte ich ihm und mein Freund beugt sich näher zu mir.

„Jetzt kommen wir der Sache schon näher.“

„Ach, sag mir einfach, was in deinem Kopf ist und ich sage ja oder nein, bitte?“, flehe ich Christopher an. Er nickt.

„Okay.“

Und ich fühle mich in der Zeit versetzt.

Gott, ich habe die Art, wie er mir seine Regeln beigebracht hat geliebt...

Diese Situation ist mindestens genauso spannend, trotz der mittlerweile gesammelten Erfahrung auf diesem Feld: das hier ist trotzdem neu. Neu und spannend und faszinierend.

„Gut“, setzt mein Freund an und schlägt die Beine übereinander, glättet mit beiden Händen seinen blauen Pullover, der wunderbar zu seinen Augen passt und schaut mir dann wieder in die Augen. „wie schon erwähnt, möchte ich, dass du das Gästezimmer bekommst. Darin kannst du machen was du willst – solange du das Zimmer nicht gänzlich demolierst“, fügt er mit Augenzwinkern an. „Allerdings kann ich dich jederzeit aus diesem Zimmer herausholen, verstanden? Meine Gewalt über dich gilt für die gesamte Wohnung, so wie sie auch für deine momentanen vier Wände gilt, nur dass wir dort eben keine Praktiken durchführen. Dass soll auch in deinem neuen Zimmer so sein. Und wenn du mal wirklich keine Lust oder Kraft hast generell – du kennst das Safeword. Das ändert sich nicht.“

Jenes, das ich bisher nur sehr wenige Male benutzt habe, als sich Magenbeschwerden breit gemacht haben und als ich so sauer auf meinen Vater war, das ich erst mal einige Momente für mich allein brauchte; und für ein Killerspiel, um all diese Aggressionen los zu werden. Aber: es existiert und es funktioniert. Ich nicke Christophers Vorschlag ab, sage: „Okay.“

„Wenn du Privatsphäre willst, dann frag mich vorher, meld dich ab bei mir, frag mich, ob du kurz allein sein darfst und ich werde dir diesen Wunsch gewähren. Aber du musst mich fragen.“

„Ja, Christopher“, hauche ich und klebe förmlich an seinen Lippen.

„Du musst dich ebenfalls bei mir abmelden, wenn du das Haus verlassen willst. Ob's nun Einkaufen oder ein Besuch bei einem Freund ist, oder ein Lerntreffen für die Uni. Und du brauchst meine Erlaubnis, um das Haus zu verlassen.“

„Ja, verstanden, Christopher.“ Theoretisch läuft das so schon die ganze Zeit... Christopher weiß, wo ich bin, mit wem ich unterwegs bin und ich frage ihn auch immerzu, bevor ich mich mit jemanden treffe... ich agiere nur nach eine Erlaubnis.

„Du schläfst weiterhin nackt in unserem Bett. Zudem entscheide ich, ob du mit im Bett schlafen darfst – denn das kommt ganz auf dein Benehmen an.“

Ich schlucke.

„Du wartest jeden Abend nackt und gehorsam auf deinen Knien auf mich, so wie vorher. Vielleicht habe ich ja direkt Lust auf dich, in Feierabendlaune. Also sei bereit.“

Ich presse meine Lippen zusammen und nicke. Seine Worte bescheren mich eine leichte Gänsehaut.

„Wenn ich zuhause bin, bleibt dein Rechner generell aus. Es sei denn, ich erlaube es dir anders.“

„...okay, Christopher.“

„Ich suche deine Klamotten aus. Du hast einfach keinen Geschmack und ich kann dieses erbärmliche Pyjamaoberteil, das du als Haus-Outfit bei dir benutzt nicht mehr sehen und ich werde es in unserer Wohnung nicht tolerieren!“

Mein Lachen kann ich mir nicht verkneifen. Ich besitze wirklich hässliche Sachen. Ein weiterer Punkt für Christopher. „Einverstanden.“

Und wenn ich daran denke, dass er streng meine Garderobe durchforstet und für mich aussucht, was ich anziehen soll, dann intensiviert sich diese Gänsehaut umso mehr. Ich kann seinen taxierenden Blick förmlich an meiner Haut spüren. Eigentlich ist ein Vorgang, der ziemlich von der Erotik losgebunden ist – aber vielleicht berührt es mich gerade so sehr, weil er sich auf psychischer Ebene abspielt. Christopher kontrolliert mich. Und er will noch mehr dieser Kontrolle.

Und ich liebe es.

...wobei er mich natürlich auch sehr knappe Sachen anziehen lassen könnte. Die Latexshorts. Oder die durchsichtigen Netzhemden. So, wie er es schon für Partys macht. Wobei ich mir schwer vorstellen kann, dass mein Freund mich so zur Uni gehen lässt.

„Du zahlst keine Miete, aber dafür... putzt du die Wohnung.“

Ich verschlucke mich fast. „Keine Miete?“ Christopher schüttelt den Kopf.

„Ich will dich auf den Knien den Boden schrubben sehen, und nicht als Name auf dem Kontoauszug.“

„Aber-“

„Wenn du irgendwann arbeitest, können wir darüber gerne noch mal reden, aber so lange du studierst, bist du hier einfach nur mein Freund, mein Sex-Sklave und meine verruchte Putzfrau, klar?“

„...okay, Christopher“, sage ich grinsend und es kribbelt schon wieder.

„Gut. Des Weiteren gibst du mir jeden Morgen einen Blow-Job. Kriegst du das hin?“

„Ja, Christopher“, entgegne ich schneller als schnell.

„Ab dem Tag, an dem du hier einziehst, herrscht für dich übrigens striktes Masturbationsverbot.“

„...was?!“, japse ich und mein blödes, pumpendes Herz verrät meine Aufregung – und meine Geilheit, die Christopher durch all diese Worte auszulösen scheint

„Ja, du hast richtig gehört: du darfst dich nicht anfassen, wenn ich nicht da bin und wenn ich es dir nicht explizit befehle. Ich möchte dich ein wenig keusch halten – und dein Bestes für meine Bespaßung aufsparen. Das verstehst du doch, oder?“, neckt er mich in einem verspielten Sing-Sang. Dieser süße Schuft! „So Niko, was sagst du?“, fragt er letztendlich etwas ernster und rückt wieder ein Stückchen von mir ab.

„Du entscheidest was ich trage, mit wem ich mich treffe, ähm, und auch wann ich zuhause bin?“

Möchtest du genaue Zuhause-Sein-Zeit von mir bekommen?“, fragt er mich.

Es kribbelt, als ich „manchmal“ sage. Ganz leise.

„Kein Problem...“, entgegnet er mild.

„Und...“, spreche ich weiter. „wie ist das mit Telefonaten?“

„Ruf an, wen immer du möchtest. Wenn ich daheim bin, sag mir vorher Bescheid, mit wem du telefonierst. Und wenn ich deine Dienste brauche – legst du auf, egal mit wem du da gerade sprichst und egal worum es geht.“

„Okay, Christopher.“ Eine Weile schweige ich und spiele die Worte meines Masters in meinem Kopf erneut ab.

„Hast du noch irgendwelche Fragen – oder gefällt dir irgendeine Regel nicht?“, hakt er nach.

„Ich... mag die Regeln“, sage ich stupide und bringe Christopher mit meiner kindlichen Aussagen zum lachen. Dann schon zieht er mich plötzlich auf seinen Schoß und ich kann nicht anders: Als sein Gesicht meinem so nahe kommt, muss ich ihn küssen! Ich drücke meine Lippen einfach auf seine und er protestiert nicht, sondern umklammert mich; eine Hand streicht über meine Wange, als ich meinen Mund öffne und seine Zunge sich hinein schlängelt, die meine sucht und sie dann sachte umtänzelt. Sachte knabbert Christopher an meiner Unterlippe.

„Also“, haucht er gegen meine Lippen und hält mich zurück, als ich ihn weiter küssen will. „ich möchte deine endgültige Antwort haben. Bist du bereit hier mit mir unter diesen Regeln zu leben?“

„Ja, bin ich“, antworte ich. „Christopher.“

„Wow...“, haucht er dann plötzlich. „Du hast mich gerade zum glücklichsten Mann der Welt gemacht“, meint er und meine Mundwinkel gleiten in ein breites, zufriedenes und glückliches Lächeln. Diese Schmetterlinge aus meinem Magen haben sich scheinbar in meinem gesamten Organismus ausgebreitet: über prickelt und kitzelt es auf diese sonderbare Weise.

„Code Green...?“, schlage ich vor.

„Code Green“, bestätigt er – dann küssen wir uns. Stürmischer als vorher. Christophers Zunge schiebt sich brutal in meinen Mund, so als wäre es ihm egal, ob ich diesen Kuss überhaupt wollte. Er krallt seine Fingernägel in meinen Nacken und ich kann nicht aufhören, unablässig durch sein hübsches Haar zu streichen; es durcheinander zu bringen. Ich presse meinen Körper weiter gegen ihn, kann nicht fassen, dass wir bald wirklich zusammen wohnen werden, dass...

„Mein Name wird doch an der Klingel zu lesen sein, oder?“, unterbreche ich unseren Kuss abrupt und rücke etwas von ihm ab; Christopher knurrt mich daraufhin regelrecht an, zerrt mich an meinen Haar zurück in einen harschen Kuss und beißt dann schmerzvoll in meine Lippe. „Ah!“

„Zieh deine Klamotten in einer Minute aus, und du bekommst vielleicht eine Antwort“, sagt er dann mit blasiertem Unterton. Nicht eine Sekunde vergeht, da bin ich bereits aufgesprungen und mache mich an den Stoffen zu schaffen, die meinen Körper umhüllen. Ein Teil nach dem anderen landet auf dem Fußboden, bis ich mit semi-harten Schwanz vor meinem Freund stehe. „Nicht schnell genug“, moniert er bloß und ergreift meine Hand, zieht mich zurück zu ihm aufs Sofa. Rittlings sitze ich auf ihm, stütze mich an der Sofalehne ab und blicke in seine Augen, in denen ich dunkles Verlangen lesen kann.

Langsam streichelt er mein Glied. Seine Finger gleiten über die sensible Vorhaut, nur ganz leicht; streichen vorsichtig über meine Hoden. Er lässt mich nicht aus den Augen, keine Sekunde. Auch nicht, während seine Hand allmählich schneller wird und seine Finger endlich Druck auf mein Fleisch ausüben; als er beginnt mich zu pumpen. Und als ich meine Augen schließe, befiehlt er mit tiefer, leicht heiserer Stimme: „Sieh mich an, Niko.“

So starre ich in das magische Blau, während meine Mitte zuckt und Erregung durch meinen Körper braust. Christophers zweite Hand auf meinem Oberschenkel fühlt sich heiß an. An meinem Hintern kann ich mittlerweile mehr als deutlich seine Härte spüren. Ich merke gar nicht, wie sich mein Becken anfängt zu bewegen, wie ich meine Pobacken gegen sein Geschlecht reibe und dabei seicht beginne zu stöhnen, weil die Hand meines Freundes mich zudem intensiver reibt.

„Hey, Niko...“, raunt er in einem solch verführerischen Ton, dass mir die Haare zu Berge stehen. „Wo soll ich dich heute flachlegen? Hier auf dem Sofa? Im Flur, oder auf dem Küchentisch? Was hatten wir noch nicht?“ Bedächtig umkreisen seine Finger meine enthüllte Eichel und ich kann kaum klar denken dabei; vor allem, weil Christopher mich dabei so unheimlich intensiv betrachtet, mich völlig einnimmt mit seinen Augen.

„Mhhhhhh..... ähhhm...“, mache ich und gehe die verschiedenen Erinnerungen wie Karteikarten durch, die durch das Eiltempo so verschwommen wirken und nicht zu erfassen sind. Ein blitzartiger Schmerz durchzuckt meinen Körper; Christophers Fingernägel bohren sich in meine Eichel. Mein Schrei bleibt mir in der Kehle stecken.

„Sag was!“, zischt er.

„Esstisch!!!“, keuche ich.

Abrupt packt er wieder meine Haare und schleudert mich von sich. Ich kippe zur Seite und starre gebannt auf Christopher, der sich seinen Pullover hastig über den Kopf zieht, der seine Hose aufknöpft und sie ebenfalls ohne groß darüber nachzudenken abstreift, auf den Sessel schleudert und dann ungeniert aus seiner teuren Unterhose schlüpft.

Sein Schwanz ist hart, die Spitze nass.

„Denkst du darüber nach, ihn in den Mund zu nehmen, mein Kleiner?“, säuselt mein Herr und ich nicke, weil mir scheinbar jemand die Sprache geraubt hat. Wahrscheinlich ist es einfach der Anblick dieses Fleisches, direkt vor mir, unmittelbar nahe.

Finger in meinen Haaren ziehen meinen Kopf direkt zwischen seine Beine. Er reibt seine Eichel an meinem Mund, den ich begierig öffne. Ich strecke meine Zunge aus und höre Christopher ein „oh, ja...“, seufzen, als seine Spitze eben diese nasse Fläche streift. Bis er genug von dieser Neckerei hat und sein Teil komplett in meinen Mund schiebt. Würzig schmeckt er. Ich lasse meine Zunge kreisen, sauge, schlecke, bewege meinen Kopf so schnell es geht. Bis mein Anwalt genug hat und mir quer durchs Zimmer schleift.

Ich erschrecke regelrecht, als er die Tischdecke achtlos beiseite schiebt, sodass diese tatsächlich geräuschlos zu Boden gleitet. Wenige Sekunden später pralle ich mit meinem Rücken gegen das massive Holz. Christopher pinnt meine Arme über meinem Kopf fest, er leckt über mein Gesicht. „Ich werde dich so hart ficken, dass du morgen nicht mehr laufen kannst...“, wispert er bedrohlich in mein Ohr und beginnt damit, es abzulecken; lässt seine Zähne die Muschel entlang gleiten, spielt mit meinem Ohrläppchen.

Seine Hände gleiten unter meinen Rücken, immer tiefer hinab, bis sie endlich in meine Pobacken kneifen können. Er küsst mich stürmisch. Sein Gewicht ruht auf mir. Seine Haut ist so warm... Seine Finger gleiten in meine Spalte und dann... klingelt das Telefon.

Wir schrecken beide auf und verharren still. Erneut dudelt es laut und unpassend. Christopher schaut mir in die Augen. „Der AB ist an“, sagt er trocken und schiebt seine Zunge brüsk zurück in meinen Mund. Ich grinse in den Kuss hinein und die Maschine mit Christophers Stimme springt an.

...ob wir sie wohl zusammen neu besprechen werden?

In den Moment, in dem Christopher meine Beine spreizt und seine Finger auf meinen Muskelring legt, ertönt der Piepton des Anrufbeantworters und eine aufgeregte Frauenstimme aus dem Lautsprecher ruft: „Chris, bist du da??? Ich bin's, Stella!“ Das ist Christophers Schwester! Mein Freunderstarrt komplett und horcht. „Sind... Bist du da? Weißt du wo Emilie ist? Ich... sie war gestern auf Disco und ist nicht nach Hause gekommen und ich dachte, vielleicht weißt du da etwas?“

Christophers Nichte!

Mein Freund springt unmittelbar auf und hastet zum Telefon.

„Stella?“, geht er ran. „Ja, ich bin's... Nein, ich habe keine Ahnung, wo Emilie ist – ich habe vor zwei Monaten das letzte Mal mit ihr telefoniert...“

Er läuft umher und hüllt sich in einen Bademantel, seine Miene ist ernst, er ist aufgebracht. Nach fünf Minuten der Diskussion, wo Emilie sein könnte, beginnen die beiden Geschwister sich am Telefon anzukeifen. Christopher kritisiert Stellas Erziehung - und ich will gar nicht wissen, was Stella jetzt an Christophers gesamten Lebensstil kritisiert...

Eigentlich bringt wirklich nur Stella Christopher so auf die Palme...

Vorsichtig schleiche ich mich an meinem Freund vorbei und fische meinen Laptop aus meiner Tasche, die er ins Arbeitszimmer verfrachtet hat. Ich fahre ihn hoch, und logge mich auf einer gewissen Website, einem Browser-basierten Chat-Programm, mit einem geheimen Namen an und muss genervt seufzen. Emilie ist online. Ich schreibe sie an. Anstatt eines netten 'Hallos' gibt es ein „Verdammt noch mal, wo steckst du, deine Mutter ruft hier gerade panisch an!“ Sie antwortet nicht. Jedenfalls nicht in den nächsten fünf Minuten, in denen ich Christopher mit aufgebrachter, lauter Stimme Dinge sagen höre wie „ich habe deinen Töchtern keine Flausen in den Kopf gesetzt, als sie hier waren!“ oder auch „Stella, jetzt mach mal bitte Halblang und lass meinen Freund aus der ganzen Sache, oder ich rede nie wieder ein Wort mit dir, hör dir doch mal selbst zu, du bist eine hysterische Furie, kein Wunder, dass deine Tochter Angst hat, nach Hause zu kommen!“.

Das ist nicht gut.

Und dann blinkt endlich das Chatfenster.

„Waaaaaas?!“, schreibt mir Emilie. „Die Alte spinnt!“

„Ruf sie einfach an, okay? Christopher und sie zoffen sich gerade am Telefon wegen dir...“

„SORRY!“

„Wo bist du überhaupt?!“

„Hab bei meinem FREUND übernachtet, weil ich den letzten Nachtbus verpasst hab und wir haben schweinische Dinge gemacht :P SPASS, ich bin bei meiner freundin, weil meine Mutter mich in den Wahnsinn treibt, sorry, ich ruf jetzt an“

Dann ist sie offline und ich massiere meine Schläfen.

Es ist nicht gerade ein berauschendes Gefühl von der 16-Jährigen Nichte deines Freundes so etwas zu hören. Gott sei Dank war es gelogen!

Wenige Augenblicke später stoppt Christophers genervte Stimme plötzlich mitten im Satz. Ich schleiche mich näher und betrachte ihn von der Tür aus, wie er am Esstisch sitzt, auf dem es fast zu phänomenalen Sex zwischen uns gekommen wäre, und in den Hörer spricht: „...ich sagte doch, sie ist nicht verschollen, sondern einfach nur genervt von dir. ...ja... dir auch. Wiedersehen.“ Er knallt den Hörer auf den Tisch und streicht sich fahrig durchs Gesicht.

„Diese Frau...“, murmelt er und schüttelt den Kopf.

Vorsichtig gehe ich auf ihn zu und lege behutsam meine Hände auf seine breiten Schultern, beginne ihn zu massieren. Ich hauche ihm einen Kuss auf seine Stirn und er schenkt mir ein mildes Lächeln. „Sorry, Kleiner...“, murmelt er.

„Ich weiß“, sage ich einfach nur beschwichtigend. Ich hatte das Vergnügen mit Stella zwar nur ein Mal, aber das allein hat mir gereicht.

„Ich muss wohl wirklich nochmal mit Emilie reden“, meint er dann nachdenklich.

„Mhmm“, mache ich.

Ich schlucke und linse ins Arbeitszimmer. Der Laptop ist noch an. Und mein Freund weiß überhaupt nicht, dass ich in Kontakt mit Emilie stehe. Dieses kleine Biest hat mich dazu gezwungen, hinter dem Rücken ihres Onkels. Wobei ich heute wirklich dankbar bin.

„Dieses dumme Kind!“, schimpft er leise weiter und seufzt. „Dass sie nicht einmal Bescheid sagt, wo sie steckt! Ich kann Stella ja verstehen. Sie verliert Emilie langsam. Und deswegen kann ich Emilies Provokationen auch verstehen...“ Er seufzt erneut und ergreift meine Hand, streichelt über meinen Handrücken, während er weiterhin versucht seine Gedanken zu ordnen. „Ich habe langsam nur wirklich Angst, dass Emilie aus ihrer Frustration irgendetwas Dummes anstellt und an die falschen Leute gerät...“

Mir wird ganz kalt. Wieso muss ich überhaupt wissen, wo Emilie war...

„Stella sagte etwas von einem heimlichen Freund“, fährt er fort und ich spüre wie sich Schweiß auf meiner Stirn sammelt.

„Oh“, mache ich deswegen nur. „Naja, sie ist ja auch schon 16...“

„Ja, das problematische Alter“, sagt Christopher seufzend und ich setze mich auf seinen Schoß.

„Das wird schon“, sage ich.

„Ich will einfach nicht, dass sie sich bei irgendwelchen Typen rumtreibt! Mädchen machen so viel dummes Zeug, ich will nicht, dass sie es später bereut...“ Energisch greift er nach dem Telefonhörer. „Ich ruf Stella nochmal an, ich will wissen, wo ihre Tochter war.“

„Nein!“, rufe ich laut aus und will nach dem Telefonhörer greifen, schlage ihn allerdings aus Versehen aus Christophers Hand. Er landet auf dem Fußboden. Das Batteriefach springt offen und die beiden Akkus schießen in verschiedene Richtungen.

„Scheiß! Sorry!“, rufe ich aus und rutsche eilig von Christophers Schoß, suche das Fach und die Batterien zusammen. Eines dieser verflixten Dinger ist unter die Kommode gerutscht. Ich ächze und strecke meine Hand, versuche dieses verfluchte Ding zu ertasten, während mein Freund an mir vorbeirauscht. „Gott!“, stöhne ich, als ich den Akku endlich in meiner Hand halte. Hastig stecke ich alles wieder zusammen und packe den Hörer in die Ladeschale. Es piept ganz kurz und als ich mich umdrehe, steht mein Freund vor mir. Sein Blick ist streng.

„Niko...!“ Seine tiefe Stimme schneidet die Luft wie ein Schwert. „Niko, du hast einen geheimen Chatnamen, unter dem du mit meiner Nichte chattest?“

„Das war nicht meine Idee! Emilie hat mich dazu gezwungen und auch, dir davon nichts zu sagen! Ich meine – ist doch gut gelaufen heute damit, weil...“, versuche ich mich zu erklären, aber seine Miene bleibt finster. Brüsk drückt er mich an meinen Schultern auf meine Knie.

„Ich checke jede Woche deinen PC und du kleiner Bengel ziehst so eine Show ab...“, knurrt er. „Und das Wort meiner Nichte steht also über meinem, ja? So, so...“, säuselt er weiter. „Niko: du sollst keine Geheimnisse vor mir haben, habe ich mich vielleicht nicht deutlich genug ausgedrückt?“

„Entschuldige, Christopher... Ich...“

Plötzlich lacht mein Freund ungehalten. „Ich kann nicht fassen, dass sie Kontakt zu dir hält...“, prustet er.

„Äh...“

„Für die nächsten zwei Wochen kontrolliere ich deine Arbeit am Laptop noch viel mehr. Du zeigst mir deine Aufgaben und sagst mir genau, welche Programme und Websiten du dafür benutzen wirst, ist das klar?!“, fährt er streng fort, so als hätte es dieses Lachen eben gar nicht gegeben.

„Ja, Christopher“, keuche ich.

„Gut.“ Er seufzt. „Aufstehen“, instruiert er dann knapp.

Wir blicken uns in die Augen. Ja, ich bin mir sicher, dass er denselben Film in seinem Kopf fährt, so wie er jetzt seufzt und schief grinst.

„Denkst du auch gerade an den letzten Besuch von Emilie und Marie?“, frage ich leise.

„Leider ja“, meint er dann. „Schon allein deswegen wanderst du jetzt in deine heißgeliebte Sklavenbox, um nochmal alles zu überdenken. Inklusive deines bescheuerten Geheim-Accounts, mein Lieber...“

Dunkelheit umgibt mich stundenlang.

Und ich komme zu dem Erkenntnis: Christopher liebt seine Nichten über alles, aber die Art, wie ich Emilie und Maria kennengelernt habe war nicht unbedingt... die beste.

 

 

27

Christopher und ich waren damals etwa acht Monate zusammen. So wie jetzt bewegte ich mich auch da schon frei in seiner Wohnung, verbrachte die meiste Zeit mit ihm in jenen vier Wänden; wenn wir nicht gerade auswärts essen waren, oder uns auf einer Party herumtrieben, einen Kurztrip irgendwo hin unternahmen, oder wir einfach durch die Stadt schlenderten.

Das Telefon klingelte, es muss gegen Mittag gewesen sein, und die strenge Stimme meines Freundes ertönte am anderen Ende der Leitung. Wie immer war es ein kurzer Kontrollanruf. „Was treibst du schönes, Niko?“

„Ich habe gelernt“, entgegnete ich mit fester Stimme und linste unauffällig auf den Bildschirm meines Laptops, auf dem das pausierte Player-Fenster wie ein düsteres Mahnmal prangte; ich hatte den Streifen in einer doch recht finsteren Szene angehalten.

„Sicher?“, hakte Christopher streng nach.

„Na gut, ich hab ne Pause gemacht und gucke gerade nen neuen Film!“, gab ich zu und ließ mich auf das Sofa sinken.

„Das habe ich mir fast gedacht“, sagte er und schnaubte.

„Entschuldige, Christopher...“

„Ich hoffe, du lässt das langsam, mich anzulügen. Das funktioniert nicht.“

„Sorry, Christopher, kommt nicht mehr vor.“

„Du machst jetzt den Film aus und machst dich an deine Hausaufgaben, oder was auch immer du für die Uni zu tun hast, verstanden?“, sagte er barsch und noch bevor ich antworten konnte, hatte ich das Browser-Fenster bereits geschlossen und die Excel-Tabelle offen gelegt, die ich bearbeiten sollte.

„Schon geschehen, ich halte mich ran.“

„Sehr gut. Ich rufe in einer Stunde noch mal an.“

Damit legte er auf und ich seufzte grinsend, begann zu arbeiten und es war in der Tat befreiend, diese lästige Aufgabe endlich zu erledigen. Wissend, dass vor mir nun ein freies Wochenende lag, klappte ich den Laptop zu und stellte ihn beiseite. Ich streckte mich, drehte die Musik etwas lauter und tapste ins Badezimmer. Es war Freitag und Christopher hatte versprochen, seinen Feierabend heute etwas früher zu beginnen, schließlich wollten wir noch ins Kino.

Ich musste lachen und war mir sicher, jegliche unserer Kinobesuche stets mit den Erinnerungen an den allerersten zu verbinden… Auch wenn ich mir sicher war, dass Christopher jene Lektion nicht wiederholen würde. Es sei denn, ich legte es darauf an. Aber danach war mir heute ganz sicherlich  nicht. An diesem Tag wollte ich einfach nur entspannen.

Ich streckte mich und war drauf und dran, mir was zu Essen zu machen, als plötzlich dieses Schellen meine Aufmerksamkeit auf sich zog – jemand stand vor der Tür. Natürlich zielte mein erster Gedanke gar unbewusst in Richtung Christopher, der mich vielleicht überraschen wollte; persönlich nachprüfen wollte, ob ich auch wirklich meine Aufgaben erledigt hatte. Doch schon nach wenigen Sekunden wurde mir klar, dass das gar nicht sein konnte – Christopher hatte zu tun und noch wichtiger: er klingelte nie an seiner eigenen Haustür. Ich hatte zu klingeln, wenn er es mir nicht anders befahl, er aber war der Hausherr. Er kam und ging wann immer es ihm passte. Also war es wahrscheinlich irgendein Paket – der Postbote wurde oft von den anderen Mietern ins Haus gelassen und klingelte sich dann von Haustür zu Haustür.

Doch anstatt des aufgeweckten Mannes in Gelb, blickte ich in seltsam bekannte blaue Augen. Vor mir standen zwei sehr junge Mädchen, wahrscheinlich Schwestern – denn trotz der verschiedenen Frisuren konnte man die Verwandtschaft deutlich an ihren Gesichtern ablesen. Die Größere warf ihr hellbraunes, leicht gelocktes Haar nach hinten und musterte mich irritiert.

„Wie kann ich euch helfen?“, fragte ich sie also und blickte sie wahrscheinlich ebenso verwirrt an.

„Hier wohnt doch Christopher Lang, oder nicht?“, fragte sie mich nun, anstatt mir direkt zu antworten.

„Äh. Ja. Der ist aber momentan nicht da – ist noch in der Kanzlei.“

„Ich hab dir doch gesagt, dass Onkel Chris arbeitet!“, zischte die Kleinere von der Seite, die ihr ebenfalls hellbraunes Haar kinnlang trug.

Onkel Chris. Die Bezeichnung schlug ein, wie eine Bombe. Natürlich – diese Gesichter hatte ich auf sporadischen Fotos bereits erblickt. Noch bevor ich irgendwie reagieren konnte, sprach die größere Schwester schon wieder mit mir: „Bist du hier der Haushälter oder so?“

„...was?!“, blaffte ich sie an, vermutlich so laut und verärgert, weil der Schock, Christophers Nichten vor seiner Tür zu finden, ohne jedwede Ankündigung oder Vorwarnung, momentan sehr tief saß. „Ich bin Christophers Freund!“

Nach dieser Aussage herrschte einen langen Moment Stille. Die beiden blickten mich mit weit aufgerissenen Augen an, so als müssten sie die eben durch mich geäußerten Worte zunächst in ihre eigene Sprache übersetzen, ehe sie aneinander anstarrten und beide im selben Augenblick eine Art hysterischen, aber kurzen Lach-Schrei entließen.

In jenem Moment raste ein eiskalter Schauer meinen Rücken hinunter. Plötzlich war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob Marie und Emilie von mir wussten, kapierten, dass ihr Onkel wirklich schwul war. Doch die Aussage der Größeren, Emilie, raubte mir diese aufgekeimten Zweifel umgehend: „Aber du bist so jung! Onkel Chris ist doch schon 40!“

„Onkel Chris ist 34“, meinte ich trocken und musste innerlich mit den Augen rollen. Wenigstens hatte sie nicht so etwas wie 'alter Sack' gesagt...

„Dann fast 40“, entgegnete sie zickig und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.

„Wie wäre es, wenn ihr euch dann vorstellt?“, zog ich die beiden grinsend auf, um vom Thema abzulenken.

„Christopher Lang ist unser Onkel, das macht uns zu seinen Nichten und unsere Namen wird er dir sicherlich schon verraten haben, wie oft denn noch!“, zickte die Größere zurück. Im selben Moment klingelte das Telefon. Marie, Emilie und ich starrten einander an.

„Das ist bestimmt Christopher“, sagte ich trocken und sah, wie sich die blauen Augen der beiden Mädchen erneut weiter wurden. So etwas wie Hoffnung, gepaart mit seichtem Schrecken, spiegelte sich in den Augenpaaren wieder. „...wieso kommt ihr nicht rein, dann können wir ihm gleich Bescheid sagen, dass ihr hier seid?“

„Ich mach das!“, schrie Emilie mich plötzlich an, ließ ihre kleine Reisetasche direkt vor meine Füße fallen und stürmte an mir vorbei; ihre kleine Schwester mit einem „nein, ich mach das“ direkt hinterher. Alles passierte so schnell, dass ich gar nicht darauf reagieren konnte. Als ich mich umdrehte, hörte ich Emilie bereits lauthals „Hallo, Onkel Christopher!“ ins Telefon brüllen. Ich schluckte. Ich war verwirrt. Ich konnte mich gerade noch dazu ermahnen, die beiden achtlos zu Boden geworfenen Taschen aufzuheben und sie in die Wohnung zu tragen, bevor ich die Tür mit dem Fuß ins Schloss trat.

Mein Herz pochte wild. Auf dieses Treffen war ich einfach nicht vorbereitet. Ich wusste, dass Christopher seine Nichten liebte – und dass er immense Probleme mit deren Mutter hatte, seiner geliebten Schwester. Dass die beiden hier waren, ohne meinen Freund davon in Kenntnis gesetzt zu haben, konnte nichts Gutes verheißen. Hatte Christopher mir nicht einst erzählt, seine Nichten dürften ihn gar nicht besuchen und wenn, dann nur für einige Stunden, wenn ihre Eltern anwesend waren? Wenn sie überhaupt in der Stadt gastierten?

Ein unheilvolles Gefühl beschlich mich bei diesen Gedanken, die sich in meinem Kopf breit machten und all den Platz dort einnahmen.

Emilie hatte den Hörer in der Hand und hatte es sich zusammen mit ihrer Schwester auf dem Sofa bequem gemacht. „Ja... ja, ich weiß... aber.... Jetzt hör mir doch mal zu, Onkel Chris!“ Urplötzlich sprang sie auf und begann im Wohnzimmer auf und ab zu gehen. Durch die Musik, die immer noch lief, erreichten mich nur Satzfetzen, ich konnte nur genau betrachten, wie sie wild mit den Armen gestikulierte, zuweilen wütend dreinschaute und sich dann wieder Traurigkeit in ihren Blick schlich.

Marie saß währenddessen still auf ihren Platz. Als ich sie ansah, blickte auch sie mich stillschweigend an.

„Ich bin übrigens Niko“, sagte ich, um diese seltsame Stille zwischen uns zu brechen.

„Ich heiße Marie“, entgegnete sie höflich und senkte ihren Blick zu Boden.

„Wie alt bist du, wenn ich fragen darf?“, versuchte ich den Small-Talk am Leben zu erhalten.

„Zwölf“, sagte sie und hob ihren Blick wieder. „Du?“

„Ich bin 21.“

Die Kleine wollte etwas sagen, doch ihre Worte blieben unausgesprochen, stattdessen zierte ihr kindliches Gesicht wieder dieser Ausdruck, wie schon vor wenigen Minuten an der Haustür; die großen Augen und der leicht geöffnete Mund. Wahrscheinlich versuchte sie gerade auszurechnen, wie viele Jahre älter Onkel Chris war. Ich Idiot.

„Was macht ihr hier? Ihr wohnt doch in Wien, oder nicht?“, versuchte ich deswegen erneut das Thema abzulenken. Doch Marie sagte nichts und das brauchte sie auch nicht, denn ihre ältere Schwester hielt mir gerade den Hörer buchstäblich unter die Nase.

„Er will dich sprechen“, sagte sie und suchte bereits den Augenkontakt zu ihrer Schwester und als ich den Hörer entgegnen nahm und mich vom Sofa entfernte, hörte ich die beiden bereits aufgeregt  miteinander flüstern.

„Hey...“, murmelte ich in den Hörer und schloss die Tür des Arbeitszimmers leise hinter mir.

„Das ist mal eine Überraschung, was?“, murmelte Christopher ins Telefon und seufzt.

„Allerdings“, meinte ich und biss mir auf die Lippe. „Ich dachte, das wäre der Postbote oder so...“

Mein Freund lachte. „Das hätte ich wohl auch eher erwartet. Alles andere als das.“

„Ist irgendwas passiert, oder...?“

„Nicht wirklich“, schnitt Christopher mir das Wort ab und ich hörte ihn abermals seufzen, aber seine müde Stimme gewann nun wieder an diesem dunklen Timbre, das ich so liebte. „Meine liebe Emilie hatte einen eskalierenden Streit mit der Mama“, erklärte er mir und ich hörte eine gute Prise Sarkasmus in seiner Stimme mitschwingen.

„Worum ging's denn?“, fragte ich und lasse mich auf den Schreibtischstuhl niedersinken.

„Lappalien. Wie immer. Stella möchte, dass Emilie weiterhin Klavierstunden nimmt, aber Emilie will lieber Volleyball spielen – doch meine Schwester hält nichts von Sport und terrorisiert ihre Tochter deswegen.“

„Und deswegen hat sie sich ne Tasche und ihre Schwester geschnappt und ist in einen Flieger gestiegen?“

„Niko, ich habe auch keine Ahnung, wie die beiden auf diese Idee gekommen sind – Emilie will Stella wahrscheinlich provozieren und das geht natürlich wunderbar, wenn sie, ohne ihr was zu sagen, zu ihrem schwulen Onkel fährt. Marie macht bei sowas natürlich direkt mit.“

„Oh... das ist ja nicht so geil?“

„Richtig, nicht so geil, Niko“, er lachte. „Ich... ich versuche jetzt in den nächsten Stunden nach Hause zu kommen, ich hab Emilie versprochen, dass wir Stella gemeinsam anrufen und das muss sehr bald geschehen, die flippt bestimmt aus, wenn sie merkt, dass ihre Töchter nicht mehr da sind – und wahrscheinlich umso mehr, wenn sie merkt, dass sie bei mir sind...“

„Oh-oh...“, bemerkte ich und musste lachen. Vermutlich, weil ich so nervös war.

„Niko, ich will, dass du dich um die beiden so lange kümmerst. Bestell' bitte was zu essen, die beiden haben Hunger – und du sicherlich auch. Aber davor“, seine Stimme wurde strenger und ernster. „guckst du bitte unauffällig nach, ob irgendetwas im Schlafzimmer herum liegt, oder sonst wo, was uns unangenehm verraten könnte. Und schließ' jetzt sofort das Zimmer ab, verstanden?“

Mein Herz klopfte unstetig in meiner Brust und meine Beine bewegten sich schon, bevor ich bewusst einen Befehl an meine Glieder schicken konnte. Ein Blick, um mir Bestätigung zu verschaffen – die beiden Mädchen saßen immer noch auf dem Sofa und redeten aufgebracht miteinander. Ungesehen huschte ich weiter.

„Ich bin jetzt im Schlafzimmer“, informierte ich Christopher, nachdem ich leise die Tür hinter mir geschlossen hatte und meinen Blick über meine Umgebung schweifen ließ und die Tür zu unserem Spielparadies anvisierte. Ich holte den Schlüssel aus der obersten Schublade heraus. Das Schloss knackte. „Abgeschlossen.“

„Gut. Pass gut auf den Schlüssel auf. Wenn ich da bin, gibst du ihn mir.“

„Okay. Was ist mit den Gummis und dem Gleitgel und so?“, fragte ich ihn, während ich den weiteren Inhalt der obersten Schublade betrachtete.

„Pack sie irgendwo weit unten in die Kommode. Ich glaube zwar nicht, dass Emilie und Marie hier auf Schatzsuche gehen würden, aber ich möchte einfach nur sicher gehen. Das ist das erste Mal, dass die beiden hier alleine sind, ohne Terror-Mami, die sie nicht eine Sekunde aus den Augen lässt....“

„Deine Schwester scheint ja wirklich ein netter Mensch zu sein!“, sagte ich nur zynisch und mein Freund lachte.

„Du hast ihr Wesen erfasst, mein Kleiner. Und nun ab, kümmer' dich um meine Lieblingsnichten.“

„Das sind doch deine einzigen Nichten!“, meinte ich verwirrt und mein Freund schnaubte am anderen Ende der Leitung.

„Das ist der Witz, Niko...“, sagte er spöttisch und ich war mir sicher, dass er gerade erheitert den Kopf schüttelte. „Na, los, ab. Bis dann!“ Er legte auf und ich holte noch einmal tief Luft, bevor ich die Tür öffnete und mich zurück ins Wohnzimmer bewegte. Die beiden stoppten ihre Gespräche, als ich ihnen näher kam und die Musik leiser drehte.

„Ähm, habt ihr Hunger? Soll ich uns vielleicht was bestellen?“

„Das wäre toll!“, rief Marie aus. Wir einigten uns auf Lasagne. Und während wir auf die Lieferung warteten, ließ ich meinen Blick über die beiden wandern. Emilie war 15, aber sie kleidete sich wie eine 18- oder 20-Jährige, mit engen Röhrenjeans und einem dunklen Top, dass bestimmt zu viel ihres Dekolletees entblößte als es für so ein junges Mädchen „anständig“ wäre; und an ihren Ohren baumelten auffällig große, silberne Kreolen. Ihr Gesicht schien viel zu jung für das Make-Up, das sie aufgetragen hatte: dicke schwarze Ringe um ihre Augen und Rouge auf ihren Wangen.

Auch Marie, die noch jünger war, hatte pinkes Lip-Gloss aufgetragen und versucht, ihre Wimpern mit Mascara hervorzuheben. Sie trug einen Minirock aus Jeansstoff und einen grauen Pullover – der Gott sei Dank einen hohen Kragen hatte.

„Was starrst du uns so an?“, fragte Emilie mich plötzlich und riss mich mit ihren Worten aus meinen Gedanken. Wir saßen uns am großen Esstisch gegenüber.

„Äh, was?“, murmelte ich und Emilie zuckte mit den Schulter und strich ihr Top glatt. Marie hingegen betrachtete mich weiterhin eingehend.

„Ist was?“, fragte ich sie und versuchte zu lächeln, da sah das Mädchen leicht verlegen weg. Wie ich hier ein Gespräch zum Laufen bekommen sollte, war mir schleierhaft. Und warum diese beiden  aufgetakelten Teenager eigentlich Christophers geliebte Nichten waren, konnte ich ebenfalls noch nicht so richtig nachvollziehen.

Wir aßen die Lasagne im Stillschweigen. Die beiden sprachen nur ab und an untereinander – über irgendwelche Freunde, einige Jungennamen fielen, dann zickte Emilie ihre jüngere Schwester wegen irgendetwas an. Der Satz „mach mich nicht immer nach!“, fiel. Ich linste aufs Handy, doch mich erwartete keine Nachricht meines Freundes, kein erlösendes 'ich bin gleich da'.

„Habt ihr Süßkram da?“, fragte Emilie mich, als ich die Teller in die Spülmaschine räumte.

„Klar.“ Erneut futterten wir in Stillschweigen auf der Couch, beim plärrenden Fernseher, der Konversationen sowieso fast unmöglich machte. Immerzu wanderten meine Augen zu Christophers Nichten – und ihre Blicke wanderten zu mir.

Ich fragte mich, ob es vielleicht wirklich ein Schock für die beiden gewesen war, den festen Freund ihres Onkels kennenzulernen, der so viel jünger war. Verdammt, war ich nicht in dem Alter der Typen, in die sich solche Teenies wie Emilie normalerweise verknallten, weil sie meinten, die Jungs in ihrem Alter seien ja alle so infantil? Am Telefon hatte ich durch meinen eigenen Schrecken Christopher gar nicht fragen können, inwieweit seine Nichten im Bilde waren; ob sie nur wussten, dass ihr Onkel schwul ist, oder ob sie es selbst schon gesehen hatten – einen Mann an der Seite des Bruders, den Stella so verteufelte. Wahrscheinlich nicht – wenn Stella hier mehr oder minder die Anstandsdame spielte.

Durch diese ganzen Überlegungen wurde mir mulmig zumute und meine eigene Welt der wirren Gedanken hatte mich so in Beschlag genommen, dass ich gar aufsprang, als urplötzlich die Tür ins Schloss krachte. Emilie und Marie sahen auf; und mit einem Mal stürzten sie in Richtung der Haustür.

„Onkel Christopher!“, riefen sie beinahe zeitgleich aus und als ich mich umdrehte, da lagen die beiden schon in den starken Armen meines Freundes und Christopher strahlte regelrecht und verteilte kleine Küsschen auf den Wangen seiner lachenden Nichten.

„Meine Güte, seid ihr schon wieder groß geworden!“, sagte er lachend. „Lasst mich euch ansehen!“, verlangte er und die beiden machten einen Schritt zurück, um sich in einer lässigen, amateurhaften Modelpose hinzustellen. „Wunderschön seht ihr beiden aus, aus euch werden ja langsam richtige junge Frauen!“

„Ich bin schon eine Frau!“, kam es entzückt-empört von Emilie und ich konnte die Augenbraue meines Freundes regelrecht in Zeitlupe in diese skeptische Hochlage rutschen.

„Ach ja…“, sagte er und dieses typische, teuflisch-charmante Lächeln trat auf eine Lippen. „Richtige Frauen brauchen nicht so viel Schminke, das ist doch Teenie-Kram, also wisch' dir mal den Eyeliner gleich im Bad ab.“

„Onkel Chris!“, schimpfte sie, und ihre Stimme nahm diesen fast schon hysterischen Tonfall an. Doch Christopher lachte nur.

„Schon gut, schon gut, Emilie. Ich bin nicht deine Mutter. Nimm' es nur als guten Rat an: weniger ist oft mehr“, zwinkerte er ihr zu und sie schnaubte, konnte aber nicht verhindern, dass sie sein Lächeln doch erwiderte und er drückte sie nochmal und sagte zu ihr: „Du siehst toll aus, Kleines. Ihr seht beide toll aus.“

Wie kann man die Gesichter dieser beiden Mädchen beschreiben: knallrot wie eine Tomate mit einem atemberaubenden, ehrlichen Strahlen, das man wirklich nur von sehr jungen Menschen – Kindern -  kennt, wenn sie noch so unschuldig und gar naiv sind?

„Hätte ich gewusst, dass ihr kommt, hätte ich auch mehr Zeit gehabt, mir Gedanken über ein adäquates Geschenk zu machen. Jetzt müsst ihr euch halt hiermit zufrieden geben“, und damit schnappte er sich seine Aktentasche und zauberte zwei kleine Päckchen daraus – in denen sich jeweils ein Fläschchen Parfüm befand.

„Oah, cool!“, rief Marie direkt.

„Danke, Onkel Christopher!“, flötete auch Emilie und fiel meinem Freund erneut um den Hals, gefolgt von Marie.

Ich kann gar nicht sagen, was für Gefühle dieses kleine Familientreffen in mir auslöste, das sich direkt vor meinen Augen abspielte. Ich kannte Christophers zärtliche Seite bereits sehr gut, aber das hier war nochmal eine gänzlich andere Geschichte jener; eine andere Nuance. Er war so liebevoll und sah den beiden direkt in die Augen, während sie ihm gerade stürmisch und durcheinander aufgeregt etwas erzählten, was völlig an mir abprallte, weil ich nicht meine Augen von seinem weich gezeichnetem Gesicht nehmen konnte, das so viel Liebe und Sorge widerspiegelte, dass es kaum zu fassen war und mich auf diese angenehme Weise durcheinander brachte; und als ich das Trio weiter so stillschweigend beobachtete, richteten sich Christophers Augen endlich auf mich.

Auch mir schenkte er ein Lächeln. „Hat euch Niko denn gut umsorgt?“, fragte er danach seine Nichten.

„Wir haben Lasagne gegessen“, entgegnete Marie und grinste, Emilie sagt gar nichts, ließ ihren Blick zwischen mir und ihrem Onkel wandern und Letzterer kam plötzlich auf mich zu, bis er direkt von mir stand. Christopher hielt inne und wir beide konnten die intensiven Blicke seiner Nichten, die jetzt nur wenige Schritte von uns entfernt standen, deutlich spüren. Taxierende, abwartende Blicke. Neugierige Blicke.

„Hey…“, murmelte er etwas leiser.

„Hi…“, entgegnete ich und die Stimmung, die uns in diesen Augenblicken umgab war seltsam, irgendwie beklemmend und leicht beschämend. Hier standen wir direkt vor seinen Nichten und keiner von uns wusste so richtig, wie er sich zu verhalten hatte. Ich wandte meinen Blick ab und presste meine Lippen aufeinander. Ich wollte nichts Dummes tun, nichts Blödes sagen – ich wusste, wie viel Christopher seine Nichten bedeuteten, aber ich wusste noch nicht, wie weit ich gehen durfte, wie weit ich gehen sollte. Dieser Besuch war so spontan, dass mein Freund und ich gar keine Chance gehabt hatten, uns auf jenen vorzubereiten.

Unerwartet entglitt meinem Master ein Seufzen. Mechanisch richtete sich mein Blick auf ihn und ich hörte ihn dann noch murmeln: „Ach, was soll’s“ – dann schon lagen seine Lippen kurz, vielleicht eine Sekunde lang, auf meinen; er küsste mich keusch und rasch, aber er küsste mich. „Hallo, Niko“, begrüßte er mich ein weiteres Mal. Offiziell. So wie immer. Wenn ich nicht gerade nackt auf dem Boden kniete und seine Heimkehr erwartete.

„Hallo, Christopher“, entgegnete ich, ein wenig in diesem Gedankengang verloren. Er legte seinen Arm um meine Schulter und drehte uns beide so, sodass wir seinen Nichten nun direkt ins Gesicht blicken konnten. Er strahlte.

„Na, wie gefällt euch Niko?“, fragte er dann frech und mir stockte der Atem. Christopher war so direkt und dabei irgendwie total flapsig. Irgendwie… Wie ein cooler Onkel eben.

Emilie und Marie fingen an zu kichern. Ich hatte starre, schockierte Gesichter erwartet, einen Moment der beklemmenden Stille, aber die beiden Mädchen kicherten und ihre Gesichtsfarbe war immer noch von diesem krebsigen Rot geprägt; und wie sie einander sporadisch ansahen, so erheitert.

„Niko ist ja ganz süß, ne…!“, meine Emilie plötzlich ebenso frech und flapsig, ohne einem von uns in die Augen zu sehen, und musste unmittelbar über ihre eigene Aussage so laut lachen, dass sie sich die Hände vor dem Mund hielt und die Flucht aus unserem Blickwinkel in Richtung der Sofaecke ansetzte; und auch Maries Kichern wurde intensiver und sie wieherte beinahe wie ein kleines Pferd. Ob sie wohl noch die Wendy las? Höchstwahrscheinlich nicht.

„Find' ich auch“, hörte ich meinen Freund sagen, dann schon zwickte er mich kurz in die Seite und ich jauchzte auf, was die beiden Mädchen, die sich nun beide wieder auf dem Sofa lümmelten, eine weitere Lach-Attacke bescherte. Christopher hingegen grinste einfach nur, als er mir einen Blick zuwarf, bevor auch wir uns zu den beiden setzten.

„So, meine Lieben, kommen wir zum geschäftlichen Teil“, setzte er nun etwas ernster an und Emilie und Marie verstummten. Seine Worte richtete mein Freund an die Ältere. „Wie abgemacht, lasse ich euch nur hier bleiben, wenn ihr eurer Mutter Bescheid sagt. Und wie abgemacht habe ich euch bis jetzt Zeit gegeben – Niko, hol doch bitte das Telefon her.“

Während der kurzen Zeit, die ich brauchte, um das geforderte Gerät  herzutragen, hörte ich ein Maulen und Meckern und Nörgeln und Zischen, all das aus Emilies Mund. „Kannst du das nicht lieber ganz allein machen, Onkel Chris?“

„Hast du mir nicht eben gesagt, du seist so erwachsen? Erwachsene Menschen stehen zu den Konsequenzen ihres Handelns, mein Schatz“, erwiderte er lässig und unsere Finger streiften sich, als ich ihm das Telefon übergab. Kurz streiften sich dabei auch unsere Blicke. Seine Miene war gelassen, doch mittlerweile hatte sich auch ein kleiner Prozentsatz der Strenge und Ernsthaftigkeit eingeschlichen, die Christopher perfekt beherrschte.

Emilie seufzte laut und genervt und rollte mit den Augen. „Aber du sagst wenigstens am Anfang was!“

„Wie versprochen“, lenkte mein Freund lächelnd ein und seine Nichte seufzte erneut und kaute danach auf ihrer Unterlippe herum, krallte sich ins Sofa und schloss für wenige Augenblicke die Augen, wonach sie ihren Onkel direkt in die Augen sah und sagte: „Bringen wir's hinter uns – und sag ihr, dass wir noch hier bleiben wollen, sonst reden wir nie wieder ein Wort mit ihr!“

„Das musst du ihr schon selbst sagen“, meinte er nur und wählte bereits eine Nummer, die er nicht oft anrief. Es dauerte nicht lang, da hatte er seine Schwester bereits an der Strippe. „Hallo Stella. Du fragst dich bestimmt, wo Emilie und Marie bleiben. Sei beruhigt, sie sind wohlauf und bei mir.“ Dann sagte er eine Weile lang  nichts, sondern lächelte nur ruhig – und bitter – und hörte sich den Wortfluss aus dem Hörer an. Dann sprach er wieder, seine Stimme trocken und emotionslos, so völlig im Kontrast mit seinem heutigen Gesamtauftreten. „Nein, deine wunderbaren Töchter und ich stecken nicht unter einer Decke. Ich hätte ihnen nie erlaubt, einfach so ins Flugzeug zu steigen und zu mir zu fliegen, ohne dein Einverständnis und das weißt du, selbst wenn du mich gern als regelbrechenden Egoisten darstellen willst, der alles tut, um dich in Rage zu bringen, aber das tut nichts zur Sache. Ich gebe dir Emilie nur, wenn du dich jetzt beruhigst, klar?“

Emilie war alles andere als emotionslos am Telefon. Als sie anfing zu weinen und sich mit ihrer Mutter stritt, zog ich es vor, mich zu entfernen. „Ähm“, flüsterte ich zu Christopher, der zu mir aufsah. „Soll ich eben schon mal das Bett im Gästezimmer vorbereiten?“ Er nickte, dann legten sich seine Augen wieder auf seine älteste Nichte, die gerade wieder vorbildlich mit den Augen rollte und ich danach flehend ansah.

Ich weiß nicht, was Emilie ihrer Mutter noch sagte, oder was Christopher seiner Schwester gegen den Kopf warf, als ich die Betten machte. Aber als ich wieder ins Wohnzimmer zurückkehrte, war die Stimmung entspannt und Christophers Nichten grinsten beide und warfen sich diese zufriedenen, glücklichen Blicke zu.

„Unsere beiden hübschen Gäste bleiben noch bis Sonntag“, erklärte mein Freund mir, ehe ich mich wieder neben ihn setzen konnte.

„Oh. Das ist ja toll“, entgegnete ich und ließ mich auf den Platz neben meinem Freund gleiten.

„Und am Sonntag lernst du dann noch meine Schwester kennen – sie lässt es sich nicht nehmen, ihre Töchter selbst abzuholen“, fügte Christopher leicht sarkastisch hinzu.

„Die Alte spinnt!“, fauchte Emilie, grinste aber umgehend.

„Na, na, na!“, monierte Christopher. „So redest du aber nicht über deine Mutter.“

„Du magst sie doch eh nicht. Und sie dich auch nicht!“, mischte sich nun plötzlich Marie ein und ihr große Schwester nickte nahezu anerkennend. Onkel Chris seufzte nur.

„Ich habe aber immer noch Respekt vor ihr und den solltet ihr auch haben. Sie ist eure Mutter und ihr geht es nur um euer Wohl. Selbst wenn sie manchmal nicht so richtig weiß, wie sie das zu Stande bringen soll und ihre Methoden, so wie ihre Einstellungen, oft fraglich sind“, sagte er nur. Dann: „Und damit beenden wir das leidige Thema und gehen ins Kino, was haltet ihr alle davon?“

Natürlich waren die Mädchen begeistert. So begeistert und scheinbar beeinflusst von Christophers Worten, dass sie sich ohne Aufforderung vor unserer Abfahrt frisch machten und das angeprangerte Make-Up entfernten, oder wenigstens minimierten, sodass Emilie nicht mehr aussah wie Kleopatra, sondern wie eine 15-Jährige, die ihre Augen nur ein wenig betonen wollte und Marie wie eine glückliche 12-Jährige, die noch wusste, dass sie ein Kind war und das auch genießen wollte.

Dass ich im Wagen hinten sitzen musste, weil Emilie darauf bestand „neben Onkel Chris“ zu sitzen, machte mir nichts aus. Auch nicht, dass wir uns anstatt des Sci-Fi-Streifens den Christopher mir versprochen hatte, einen animierten Pixar-Film reinzogen. Ich war nur ein wenig enttäuscht, oder sollte man vielleicht sagen neidisch, dass Emilie rechts von meinem Freund und Marie links von ihm saßen und ich mich wie das fünfte Rad am Wagen fühlte, als ich zwischen der 12-Jährigen und einem noch kleineren Kind zu meiner Linken eingequetscht war und versuchte, mich auf  die Handlung der bunten Figuren zu konzentrieren. Mein einziger Trost war die riesige Tüte Popcorn, die ich ganz für mich allein hatte, während Christopher die zweite Jumbo-Tüte auf seinem Schoß hielt und seine Nichten von beiden Seiten wild hineingriffen.

„Alter, du hast ne ganze Ladung allein gefre- äh, gegessen?“, lachte Emilie und schaute die leere, zerknüllte, braune Papptüte ungläubig an, die ich gerade wegschmeißen wollte.

„Äh. Ja“, sagte ich nur und sie fing an lauthals zu lachen.

„Niko ist manchmal ein kleiner Nimmersatt“, kommentierte Christopher und warf mir einen wissenden Blick zu. Er meinte so viel mehr.

Wir fuhren noch in die Stadt. Es war früher Abend. Wir spazierten ein wenig am Fluss entlang, einige Läden hatten noch geöffnet. Christopher fragte seine Nichten über die Schule aus, über die Turnvereine, über Lieblingsfilme, Freunde, Ferientrips und sogar ein wenig über Jungs. Doch beim letzteren Thema kicherten die beiden nur und Emilie ließ lediglich durchblicken, dass sie in einen etwas älteren Schüler verknallt war – mit dem sie sogar schon ein Eis gegessen hatte und mit dem sie gern zusammen wäre, aber das wahrscheinlich unmöglich war, aufgrund verschiedener Faktoren, die sie nicht ausführte. Christopher bohrte nicht nach.

Stattdessen bummelten wir weiter durch die Stadt, Christopher und die beiden vorneweg, schnatternd und lachend, ich hinterher, mit einem breiten Grinsen auf meinem Gesicht.

Mein Freund war als Onkel einfach unheimlich süß. Wie seine Augen leuchteten, als Emilie ein rotes, wallendes Kleid anprobierte, das sie ein wenig aussehen ließ, wie eine Prinzessin aus einem Grimmschen Märchen. Oder wie schallend er lachte, als Marie Unsinn trieb und Hüte bestimmt für die etwas ältere Generation anprobierte und eben diese ältere Generation mit Gehstock authentisch imitierte. Die Mädchen rissen uns mit – und sogar ich blödelte mit Marie herum, die mir irgendwelche hässlichen Sonnenbrillen aufsetzte. Wir streiften weiter durchs Kaufhaus.

„Hey, brauchtest du nicht neue Schuhe fürs Studio?“, fragte Christopher mich plötzlich und deutete auf die Sportabteilung zu unserer Rechten.

„Ach, heute habe ich keine Lust zu gucken“, entgegnete ich und zog ihn ganz leicht an seinem Arm weiter. „Heute sind Emilie und Marie die Stars“, fügte ich lächelnd hinzu – und hätte Christopher am liebsten in die nächste Umkleidekabine gezogen. Einfach nur, um ihn abzuknutschen, weil er so sehr bei meiner Aussage strahlte.

„Danke“, sagte er knapp.

„Wofür?“

„Dass du das hier mitmachst.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ist doch selbstverständlich.“

„Eben nicht“, sagte er, immer noch lächelnd. Dann schon rief Marie nach uns – wir hatten die Schuhabteilung erreicht.

Wir stopften die vollen Einkaufstüten in den Wagen, gingen noch etwas essen, Christopher und ich tranken ein Bier und als mein Freund kurz zu den Waschräumen verschwand, schnappte sich die Größere plötzlich mein Bierglas und nahm einen kräftigen Schluck.

„Sag mal, spinnst du?!“, zischte ich und riss ihr den Trank aus der Hand. „Du bist erst 15!“

„Nawww“, machte sie nur gespielt. „als hättest du mit 15 noch nicht getrunken!“

„Habe ich n... Habe ich nicht!“ Natürlich war ich mit 15 schon besoffen. Aber das hier war Christophers geliebte Nichte. Ein kleines Mädchen. Und um ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen sagte ich trocken: „Aber junge besoffene Weiber sind wahrscheinlich auch der Grund gewesen, warum ich schwul geworden bin.“ Für einen Moment lang sagte sie dann auch wirklich gar nichts. Nur Marie lachte sich schlapp.

Emilie schnaubte. „Ich trinke nie zu viel“, sagte sie dann etwas leiser.

„Na, das ist doch gut.“

„Ha, ha, guter Witz, Emi!“, meinte Marie plötzlich amüsiert und wandte sich umgehend direkt an mich. „Letztes Wochenende mussten sie drei Schulkameraden von so nem Lagerfeuer wegtragen und Lucia hatte Mama noch angelogen, dass die alle etwas Schlechtes gegessen hätten und ihnen deswegen schlecht war und Emi deswegen so kacke aussah! Bacardi, nicht wahr, Emi?“

„Halt deine dämliche Klappe!“, zischte ihre Schwester nur.

„Du hast ne dämliche Klappe!“, schoss Marie zurück.

Das Gefecht begann und milde Beleidigungen wechselten die Seite wie ein Ping-Pong-Ball, während ich nicht einmal zum Schiedsrichter mutierte, sondern stiller Betrachter der befremdlichen Szenerie wurde und versuchte, ungerührt an meinem Bier zu nippen.

„Was ist denn hier los?“, ertönte die Stimme von Onkel Chris, der sich wieder an seinen Platz setzte.

„Nichts“, meinte Emilie nur und schaute genervt weg, ebenso wie ihre Schwester.

Fragend betrachtete Christopher mich. „Ich glaube, es ging um Pferde – oder Nagellack. Oder beides“, sagte ich schulternzuckend und konnte aus dem Augenwinkel betrachten, wie Emilie ein Lachen unterdrückte.

„Ah, ja...“, meinte Christopher und grinste.

Ja, es war ein schöner Abend, dieser Freitag, wenn auch seltsam, denn zum aller ersten Mal waren Christopher und ich nicht allein in seiner Wohnung, als die Uhr Mitternacht anzeigte und ich das erste Mal gähnte und sich abzeichnete, dass wir gleich alle ins Bett gehen würden.

Emilie und Marie machten sich gerade im Bad fertig und mein Freund setzte sich mit einem Gläschen Wein plötzlich neben mich auf die Couch. Er legte seinen Arm um mich und zog mich an sich. Unsere Blicke trafen sich und Christopher lächelte. Er sagte nichts, sondern küsste mich, zunächst nur zaghaft, keusch auf die Lippen – und dann so richtig. Seine Zunge schmeckte nach Wein, als sie sich um meine wand, wie in einem feurigen Tanz. Frech leckte er mir nochmal über die Lippen.

„Hattest du Spaß heute?“, wollte er im Flüsterton wissen.

„Mhmmm...“, bejahte ich und lehnte meinen Kopf an seine Schulter. Die Mädchen wünschten uns eine gute Nacht. An ihrem Lächeln konnte ich ablesen, dass sie den Tag genossen hatten und so langsam, ja so langsam konnte ich verstehen, warum Christopher sie so gerne mochte – und warum sie Christopher gern hatten. Hinter der Teenager-Fassade steckte mehr. Bestimmt.

Wir schlüpften ins Schlafzimmer. Diese Nacht ließ Christopher mich eine Schlafhose tragen, aus milden „Sicherheitsgründen“, wie er grinsend murmelte. Wir schliefen ruhig, ich träumte absolut nichts. Es war herrlich. Und ich wünschte, der Besuch der Nichten wäre so milde geendet und dass sie am nächsten Morgen einfach wieder abgereist wären. Doch natürlich passierte nie das, was man sich wünschte.

Der Samstag begann bereits katastrophal.

Christopher weckte mich unsaft und als ich meine Augen öffnete, stand er bereits komplett bekleidet im Mantel über mir. „Die Kanzlei steht unter Wasser, ich muss sofort hin“, informierte er mich, ehe er mir einen hastigen Kuss auf die Stirn drückte. „Wenn Emilie und Marie wach sind, gehst du los und besorgst ihnen zum Frühstück was auch immer sie wollen, ich lege dir Geld bereit in der Küche. Falls sie mit dir irgendwo hin wollen und ich noch nicht zuhause bin, rufst du mich an und holst dir erst mal meine Erlaubnis, klar?“

„Klar, Christopher...“, murmelte ich immer noch verschlafen und versuchte mich aufzusetzen.

„Okay, ich melde mich. Bis dann.“ Ich war schon wieder in den Schlaf gedriftet, da war die Haustür wahrscheinlich noch gar nicht ins Schloss gefallen. Erst einige Stunden später weckte mich ein zaghaftes Klopfen an der Schlafzimmertür und das ebenso zarte Stimmchen, das vorsichtig rief: „Onkel Christopher?“

Ich rieb den Schlaf aus meinen Augen und zog mir eilig noch ein T-Shirt über den Kopf, bevor ich die Tür öffnete und Marie gegenüber trat. „Morgen“, grüßte ich sie heiser. „Christopher musste in die Kanzlei, da ist wohl n Wasserschaden oder so“, klärte ich sie auf.

„Oh, achso...“

„Ich dusche eben schnell und dann besorge ich uns frisches Gebäck fürs Frühstück, wie wär's?“, schlug ich vor und sie lächelte leicht.

„Okay!“

Das Wasser tat gut und dennoch ließ ich mir nicht viel Zeit. Ich schlüpfte noch im Bad in meine Klamotten und als ich das Wohnzimmer betrat, steckten die beiden Mädchen am großen Esstisch die Köpfe zusammen und tuschelten angeregt. Erst als ich näher an sie herantrat, erkannte ich das Zentrum der Aufmerksamkeit – meinen aufgeklappten Laptop.

„Nanu, was macht ihr denn?“, schreckte ich die beiden auf.

„Wir wollten nicht an den Rechner von Onkel Chris... An den von Mama dürfen wir auch nie wegen wichtiger Sachen... Wir wollten nur Mails checken und so, aber wir hatten dich nicht wecken wollen!“, ratterte Emilie eine Art Entschuldigung herunter und ich musste fast lachen, so erschrocken wirkte sie dabei.

„Ist schon okay“, beruhigte ich sie. „Ich geh jetzt los, Brötchen holen, was darf's sein?“ Sie lächelte und atmete beruhigt aus.

Ich schlenderte durch die Gegend, die Mädels wollten eh noch in Ruhe duschen, wie sie es mir mitgeteilt hatten - ich hatte also Zeit. Die Novemberkälte strich über mein Gesicht und ich steckte die Hände in die Jackentaschen. In den nächsten Tagen sollte ich mir wirklich eine Mütze besorgen. Ich kaufte Hörnchen, Croissants und dunkle Brötchen. Christopher rief mich an, als ich gerade aus der Bäckerei trat. Der Schaden sei nicht so riesig, er müsse aber noch viele Dokumente retten und noch ein wenig mit anpacken. „Noch eine Stunde, dann bin ich wieder da, okay?“

Als ich die Wohnung betrat, hingen die beiden Mädchen immer noch vor dem Rechner. Ungeduscht und weiterhin in den Bademänteln, in denen ich sie schon vor gut einer halben Stunde verlassen hatte. „Internetsüchtig, was?“, zog ich die beiden auf, die abermals beim Ertönen meiner Stimme zusammenzuckten. Für einen Augenblick sagten sie rein gar nichts und starrten mich an, dann sprach Emilie.

„Oh! Du bist ja schon wieder da!“

„Ja, also... wollt ihr denn direkt frühstücken oder macht ihr euch erst mal fertig?“

„Wir... duschen fix. Kannst ja schon mal den Tisch decken. Wenn du magst!“

„Klar.“

Trotzdem wartete ich etwa 20 Minuten allein am gedeckten Frühstückstisch in der Küche und betrachtete gelangweilt die weiche Butter, bis die Mädchen endlich zu mir kamen, mit frisch gewaschenem Haar und nach dem neuen Parfüm duftend, das ihnen ihr Onkel gestern erst geschenkt hatte. Ich lächelte sie an und auch sie blickten mich freundlich an - und doch war dieses Frühstück recht seltsam, weil diese Teenager sich ständig irgendwelche Blicke zuwarfen, die ich partout nicht deuten konnten, ohne jegliche Vorwarnung und ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen losprusteten, und auf meine fragende Blicke, ebenso wie mein fast schon erbärmliches „ist was“ absolut nicht reagierten. Mit der Zeit rückte die Frage in den Vordergrund, ob die beiden sich nicht die ganze Zeit über mich lustig machten.

„Sollen wir dir beim Abräumen helfen?“, fragte Marie.

„Ne, lass mal, macht... was auch immer, ich kümmere mich um die Küche.“

Das brauchte ich den beiden scheinbar nicht zwei Mal zu sagen, so eilig stürmten sie davon. Wahrscheinlich wieder an den Laptop. Um mit irgendwelchen Jungs aus der Klasse zu chatten, peinliche Bilder ihrer Freundinnen bei SchülerVZ oder was auch immer zu bewerten, Bilder von ihren Lieblingsstars zu googeln – oder was auch immer man als junges Mädchen im Netz eben so tat.

Ob die beiden wohl auf Horrorfilme abfuhren?

Ich schlenderte an ihnen vorbei und erblickte nur das Web-ICQ-Fenster, in das die beiden gerade kichernd etwas eintippten und sich erneut erschrocken umdrehten, als sie mich in der Nähe spürten. Teenager und ihre „Geheimnisse“, dachte ich mir nur und ließ mich aufs Sofa fallen, knipste den Fernseher an und ließ mich sinnlos beschallen. Nach einer Weile dann war ich es, der aufschreckte, als die beiden sich auf die Polster plumpsen ließen und mich ziemlich neugierig anblickten.

„Ist Onkel Christopher eigentlich dein erster Freund?“, fragte Emilie mich plötzlich und ich hätte schwören können, dass mir augenblicklich heiß wurde, in einem sehr negativen Kontext.

„....nein...“, antwortete ich deswegen zögerlich und ließ meine Augen zurück auf den Bildschirm wandern.

„Hattest du eigentlich schon mal ne Freundin?“

„....nein....“

Stille. „Und wie lang seid ihr schon zusammen?“

„Knapp acht Monate.“

„Wo hast du Onkel Chris kennengelernt?“, fragte sie weiter.

„Im Park, beim Spazierengehen, an einem Sonntag. Wird das hier ein Verhör?“, lachte ich.

„Ich bin nur neugierig“, sagte sie schulterzuckend. „Sehr neugierig....“, unterstrich sie, wobei sie ihrer Schwester in die Augen sah. Die beiden überkam ein erneuter Lachanfall.

„Achso...“, sagte ich nicht gerade überzeugt und ziemlich in Alarmbereitschaft versetzt.

„Bist du das, naja, Mädchen in der Beziehung, oder eher Onkel Chris?“

„W-Was??!!“, japste ich nur und starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Emilie öffnete gerade ihren Mund, wahrscheinlich um diese völlig unangebrachte und so ungraziös formulierte Frage aus der BRAVO zu erläutern, doch genau in dem Moment rettete mich das wohlbekannte Kratzen im Schloss. „Christopher ist da!“, rief ich völlig überflüssig aus und stürmte mehr als ich ging zur Wohnungstür, um meinen Freund zu empfangen.

„Hey“, begrüßte er mich grinsend und seufzte erst einmal laut, als er aus seinen Schuhen schlüpfte. „Hast du noch Kaffee da?“ Hastig drückte ich ihm einen Kuss auf den Mund, doch ich schaffte es nicht, ihn vor diesem seltsamen Kreuzverhör zu warnen, denn Emilie stand bereits hinter mir und begrüßte ihren Onkel mit einem freudigen. „Hallo, Onkel Chris!“

„Na, Emi – wie geht’s?“

Er nahm Platz auf dem Sofa und gab den beiden ein kleines Update bezüglich der Situation im Büro, während ich neuen Kaffee aufsetzte und erst mit den zwei gefüllten Tassen zurück zu der Gesellschaft stieß. Ich ging auf meinen Freund zu und unsere Hände streiften sich bei der vorsichtigen Übergabe der Kaffeetasse. Ich blickte Christopher tief in die Augen. Ob er meine kleine Warnung erkannt hatte, das wusste ich allerdings nicht.

Ich setzte mich neben ihn, ganz nah, sodass sich unsere Oberschenkel berührten und nippte vorsichtig an dem viel zu heißen Kaffee, verbrühte mir die Zunge und fluchte, während Christopher nur den Kopf schüttelte. „Hattet ihr denn bis jetzt einen schönen Tag?“, fragte er seine Nichten.

„Wir haben ganz toll geschlafen!“, meinte Marie. „Bei uns ist ja Samstag immer Putztag, da weckt Mama uns schon immer gegen neun.“

„Schweinerei“, bekundete ich und Marie musste grinsen.

„Putztag...“, wiederholte Christopher nachdenklich. „Interessant. Ich dachte immer, Stella würde eine Putzfrau einstellen.“

„Hat sie ja auch, aber die macht nur die Wäsche und das Untergeschoss, für unsere Zimmer und den Flur und das Bad und so sind wir ja verantwortlich!“, schimpfte Marie weiter.

„Ja, das nervt total“, pflichtete Emilie ihrer Schwester bei.

„Aber es hat seinen Sinn“, schnitt Christopher ihr die weiteren Mecker-Triaden an und lächelte ruhig. „Nur durch Aufräumen könnt ihr Ordnung lernen und je früher, desto besser.“

„Boah, bist du jetzt schon wieder auf ihrer Seite?“, fauchte Emilie und verdrehte die Augen.

„Ich bin auf niemandes Seite“, sagte mein Freund ruhig. „ich äußere hier nur meine Meinung.“

„Aber du findest doch auch, dass Mama total übertreibt, oder?“

„In sehr, sehr vielen Punkten.“ Die drei grinsten breit,

„Ich finde das übrigens sehr cool, dass du dazu stehst, dass du schwul bist“, sagte die Ältere dann plötzlich. „Das durfte ich dir ja bis jetzt nie so richtig sagen.“

Fast schon hatte ich geglaubt, dass die Fragen von vorhin unter den Tisch gekehrt worden waren, wo sie ohne jegliche Beachtung einfach verpuffen würden; dass ich das Kreuzverhör nie erwähnen müsste.

Christopher nahm gerade seinen ersten Schluck Kaffee zu sich, als Emilie plötzlich weiter sprach: „Stehst du eigentlich auch offen dazu, dass du deinen Freund gerne auspeitscht?“ Wie eine kleine Fontäne spritzte der Kaffee aus Christophers Lippen und verteilte sich tröpfelnd auf dem Teppich und ich saß da wie schockgefrostet. Es dauerte einen Moment, ehe Christopher wieder sprach.

„Emilie! Was soll der Unsinn? Ich darf doch bitten! Jetzt habe ich wegen dir so eine Sauerei veranstaltet, wie kommst du auf solche absurden Ideen?!“ Ungläubig und immer noch ein wenig schockiert schüttelte er den Kopf und wischte sich den Mund mit einem Taschentuch ab.

„Wir haben da ein paar witzigen Peitschen gefunden und die sind ganz sicher nicht fürs Reiten – du findest Pferde doof“, erklärte die 15-Jährige ihrem Onkel mit trockener Stimme und warf ihrer Schwester einen wissenden Blick zu. „Und außerdem sind uns auf Nikos PC genügend SM-Videos entgegen gesprungen“, nahm sie meinem Freund grinsend den Wind aus den Segeln, der gerade etwas erwidern wollte. Oh-Oh.

In meinem eigenen Heimkino inmitten meines Kopfes sprangen Erinnerungen an gewisse Ordner auf, die ich vielleicht nicht so gut in den Wirren meiner Festplatten versteckt hatte, ein Sammelsurium an verschiedenen Clips, mit Notizen im jeweiligen Ordner versehen, wie zum Beispiel: „sollten wir mal probieren“ oder „könnte Chris mal mit mir im Hotel machen“ oder einfach nur „für die Zukunft“. Wunschlisten mit Bildern von bestimmten Spielzeugen – zum Teil ebenfalls mit Notizen bespickt. Großartig. Ich Volldepp. Ich hätte die Mädchen nie an meinen Laptop ran lassen sollen.

Aber... woher kamen die Peitschen?!

Ich wagte es nicht, Christopher anzusehen und starrte deswegen den Teppichboden an. Er räusperte sich und seine Stimme klang endlich wieder gefasst – damit hatte er ja auch eigentlich Erfahrung; sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, unantastbar zu wirken, sich nicht beeindruckt zeigen. „Was für Peitschen habt ihr bitte wo gefunden?“

Nur langsam richteten sich meine Augen auf die schwarzen, handlichen Flogger und das ebenso dunkle Paddel, das Emilie demonstrativ auf den tiefen Tisch vor uns platziert hatte. Jetzt fiel mir auch wieder der Moment ein, in dem ich eben diese Dinge ins Gästezimmer gebracht hatte – um sie zu verstecken; um Christopher einen dämlichen Streich zu spielen, damit er mir den Arsch versohlt.
Oh-Oh.

„Hm“, machte Onkel Chris und ich richtete meinen Blick im Zeitlupentempo auf ihn. Er hatte die Beine übereinander geschlagen und seine Arme vor seiner Brust verschränkt. Christopher schaute mir direkt in die Augen, doch was genau sich in diesem Blau dieses Mal widerspiegelte, das konnte ich dieses Mal nicht ansatzweise dechiffrieren. „Hm“, wiederholte er ein weiteres Mal und seine Augen wanderten zurück zu seinen Nichten. Dann schlich sich plötzlich dieses markante Grinsen auf sein hübsches Gesicht. „Erwischt.“

Das war alles, was er sagte! Und dieses verschmitzte Lächeln, das sein Grinsen dabei ablöste!

Ungläubig starrte ich meinen Freund an. Hatte ich erwartet, dass er weiter alles abstreiten würde, dass er eine große Szene daraus machen würde, dass er den Fund mir in die Schuhe schieben und vor seinen Nichten so tun würde, als wüsste er nicht von diesen grotesken Spielzeugen in seiner Wohnung? Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, auf jeden Fall war es kein simples „erwischt“.

Und auch Emilie und Marie hatten scheinbar mit einer gänzlich anderen Reaktion seitens ihres Onkels gerechnet, denn sie starrten ihn ebenso verdattert an, wie ich es tat. Christopher jedenfalls beugte sich nun etwas vor und stützte seine Arme lässig an seinen Beinen ab. „Aber das ist ein Geheimnis. Und ihr könnt doch ein Geheimnis für euch behalten, oder? Wenn eure Mutter davon erfährt, tja, dann sehen wir uns wahrscheinlich nie wieder“, flötete er fast schon und sah zunächst Marie und dann Emilie tief in die Augen.

Erwischt.

„Okay“, war alles, was Emilie ausdruckslos und wahrscheinlich immer noch ziemlich verwirrt dazu sagte. Als sie sich wieder etwas gefasst hatte - minimal - und ihr Blick wieder an einer gewissen provokativen Selbstsicherheit gewann, die so typisch für rebellierende Teenager war, sprach Christopher weiter.

„Ich frage mich jetzt aber auch natürlich, wie ihr eigentlich auf die Idee gekommen seid, in Nikos privaten Dateien herumzuschnüffeln. Das gefällt mir ganz und gar nicht!“

„Die waren halt da!“, versuchte Emilie sich und ihre Schwester zu verteidigen.

„Keine Dateien sind einfach halt da, erst recht nicht solche Filmchen, für die ihr beide noch viel zu jung seid“, sagte er trocken und blickte seine älteste Nichte weiterhin mit einem strengen Erwachsenenblick an.

„Jahaaa...“, meinte sie etwas genervt. Vielleicht auch, weil der Plan, Onkel Chris irgendwie aus der Ruhe zu bringen, gescheitert war. Warum auch immer sie das vorgehabt hatten. Emilie suchte nach den richtigen Worten und ließ die Schultern hängen. Marie schwieg unterdessen weiter und schaute gar etwas peinlich benommen den Boden an. Ihre Schwester seufzte. „Die waren halt nicht richtig gut versteckt.“

„Immer noch kein Grund, persönliche Ordner zu durchforsten.“

„Jahaaaaa... ich weiß.“

„Aber?“

„Ja, nix aber!“ Sie verschränkte die Arme vor ihrem Körper.

„Du, oder besser gesagt, ihr“, Marie zuckte bei diesem Wort auf, „habt es trotzdem getan.“

„Wir waren halt neugierig!“, blaffte Emilie und seufzte erneut. Auch ihr war die Lage mittlerweile etwas peinlich. So jedenfalls erschien es mir.

„Hachja, diese heimtückische Neugier“, meinte Christopher und lehnte sich zurück. „Vielleicht entschuldigt ihr euch bei Niko, dass ihr seine Privatsachen durchgesehen habt, hm? Würdest du das schön finden, wenn, sagen wir mal deine Mutter, dein Tagebuch liest und dich plötzlich mit der verbotenen Schwärmerei für deinen Lehrer, die scheinbar viel zu weit geht, konfrontiert?“

„Marie, du solltest doch nichts sagen!“, schrie Emilie ihr Schwester erschüttert an. Marie schaute sie an wie... ein Auto und Christopher lachte kalt.

„Liebes – du hast mir gestern den ganzen Abend lang so viele indirekte Details verraten. Ich kann eins und eins zusammenzählen, ich bin Anwalt – ich werde ständig angelogen. Direkt oder indirekt. Ich rieche so etwas und ich puzzle gern Gesprächsfetzen zusammen. In deinem Fall war die Interpretation sehr einfach“, meinte er und Emilie presste die Lippen aufeinander, sodass sie einen dünnen Strich formten. „Siehst du – es ist nicht schön, wenn man sich in sehr private Angelegenheiten mischt, oder?“

Bedächtig nickte sie, ohne einen von uns anzusehen. Dann murmelte sie beinahe geistesabwesend: „Tschuldigung.“

„Ja, tut mir auch leid!“, gab Marie eifrig hinzu und sah mich dabei sogar kurz an.

„...ist schon gut“, murmelte ich, als auch Christopher mich auffordern anblickte. Mir war heiß und kalt zugleich. Erneut war ich maßlos überfordert mit der Situation, in der ich mich überplötzlich befand – und für die dich dieses Mal sogar selbst verantwortlich war.

Erwischt.

„Mir tut es auch leid, dass ihr so etwas über mich erfahren musstet“, fuhr Christopher plötzlich in einem sehr, sehr milden Ton fort und brachte die Mädchen dazu, ihn endlich wieder direkt anzusehen. Er lächelte ganz leicht. „Ich hoffe, unser Verhältnis ändert sich dadurch nicht. Ich hab euch beide furchtbar lieb, wisst ihr das? Und ich hoffe, ihr denkt jetzt nicht anders über mich.“

„Tun wir nicht, echt nicht!“, entglitt Emilie umgehend und sie schüttelte eifrig den Kopf, so als wolle sie ihre Aussage nochmals physisch unterstreichen – und auch Marie schüttelte ebenso heftig ihr Köpfchen und starrte ihren Onkel gar ein wenig erschrocken an.

„Na... dann ist ja gut“, sagte dieser erleichtert und intensivierte sein Lächeln. „Trotzdem würde ich euch nun bitten, die Finger von Nikos und auch meinen Privatsachen zu lassen, das macht man nicht, verstanden?“ Die Mädchen nickten und schauten ihren Onkel weiterhin an. Ihre Blicke hätte man als eine Mischung aus seichter Bewunderung, leichter Angst mit einer Prise Neugier beschreiben können. Christopher seufzte. „Wenn ihr Fragen habt, dann ist jetzt die erste und auch die letzte Gelegenheit dazu; danach sprechen wir nicht mehr darüber, einverstanden?“

Eine Pause entstand und Emilie und Marie blickten sich etwas unsicher von der Seite an. Es war natürlich wieder die Ältere, die sich als erste räusperte und dann vorsichtig fragte: „Ist... macht ihr das oft?“

„Ja“, entgegnete mein Freund. Erneut wurde es still. „Noch etwas?“, hakte er nach – Emilie schüttelte den Kopf und ich fragte mich immer noch, was diese ganze Aktion eigentlich sollte. „Gut, dann hätten wir das ja geklärt. Ihr haltet brav euren Mund – eure Mutter wird eh schon ausflippen, wenn sie Niko kennenlernt und mich dann als Kinderficker deklariert.“ Nach einem weiteren Augenblick der Stille, in dem es mir die Kehle zuschnürte, fingen Emilie und Marie an zu lachen.

„Das wird sie auf jeden Fall tun!“, prustete die Ältere.

„Das glaub ich auch!“, pflichtete die Jüngere ihr bei.

War ich immer noch verwirrt? Mehr als das.
War mir die Situation unangenehm? Mehr als das.
Hatte ich Angst vor dem nächsten privaten Gespräch mit Christopher? Verdammt.

Erst langsam, nachdem Christopher den Fernseher eingeschaltet hatte und den Mädchen einen weiteren Ausflug in die Stadt zum Bowling und zum Essen versprach, beschlich mich langsam die Realität und mir dämmerte, was so eben passiert war.

Ich erwachte bedächtig aus meiner Schockstarre, die mir erlaubt hatte, während der Konfrontation mit Christophers Nichten nicht zu explodieren und durchzudrehen. Ich betrachtete mein Spiegelbild im Badezimmer. Ich hatte uns soeben verraten. Und das nicht vor Frank oder vor Markus und Paul, oder irgendwelchen Arbeitskollegen oder Mandanten von Christopher, sondern vor Christophers minderjährigen Nichten. Ich musste mit ihm sprechen; allein und sofort.

Ich tapste in die Küche und fand Christopher dort allerdings nicht vor. Auch im Arbeitszimmer verweilte er nicht. Im Schlafzimmer stieß ich endlich auf ihn. Ruhig lag er mit dem Rücken auf dem großen Bett, die Hände über sein hübsches Gesicht geschlagen. Er reagierte gar nicht, als ich mich vorsichtig neben ihn setzte. Eine ganze Weile starrte ich ihn einfach nur an. Ich war unsicher, was ich meinem Freund sagen sollte, wie ich diesen desaströsen „Fauxpas“ erklären konnte, wie ich mich dafür entschuldigen könnte.

Langsam dann glitten Christophers Hände von seinem Kopf, den er mir ebenso langsam zuwandte; sein Blick ruhte auf mir. Dann sagte er mit eisiger Stimme: „Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst die Wohnung checken und alles gut verstecken, was uns verraten könnte?“ Abermals war ich wie gelähmt und nicht in der Lage, ihm zu antworten; starrte nur in seine betörenden Kristalle und atmete ein und aus. Das war alles, wozu ich fähig war. Mein Freund setzte sich auf und drehte sich mir noch weiter zu, ohne den Blickkontakt dabei zu brechen. „Was hast du daran nicht verstanden?“, monierte er. Ich schluckte.

„Ich... hatte die Dinger total vergessen.“

„A – gerade deswegen sagte ich: check das Schlafzimmer und den Rest. B – was hatten diese Sachen dort eigentlich zu suchen?“

Erwischt.

„Ich wollte dich ärgern, damit du  mir den Arsch versohlst“, antwortete ich ehrlich und mein Mund fühlte sich dabei unheimlich trocken an.

Christopher schnaubte. „Glaub mir, ich werde dir deinen süßen Hintern noch gerne öfters versohlen, aber nicht für diese Aktion.“ Bedrohlich starrte er mich an. „Nein, mein lieber Niko, für diese Aktion kannst du mit etwas völlig anderem rechnen. Ab jetzt will deinen Rechner jede Woche zur Kontrolle haben: Wenn meine Nichten an deine pikante Videosammlung kommen, dann können es auch deine Kommilitonen oder Freunde, bei denen du deinen Laptop ja gerne einfach mal so offen stehen lässt und wer weiß was für Scheißkram du sonst noch da drauf hast. Und noch etwas: Internet ist für dich ab sofort tabu, das heißt: einen Monat lang keine Horrorfilme im sowieso illegalen Stream und kein dämliches Chatten noch sonst etwas; du wirst einen Monat lang das World Wide Web nur für Uni-Zwecke nutzen, ist das klar?!“

„Ja, Christopher“, flüsterte ich.

„Und außerdem hast du jetzt für diese Zeit ebenfalls eine Weggehsperre. Keine Partys und keine Shoppingtrips oder sonstiges Vergnügen, verstanden?“

„...ja, Christopher.“

„Gut. Und du verbringst die meiste Zeit bei mir, damit ich das auch alles kontrollieren kann.

„Ja, Christopher.“

Die Horrorfilme trafen mich am meisten. Doch ja, ich hatte es verdient. Mehr als verdient. Christopher seufzte und ließ sich wieder nach hinten mit dem Rücken auf die Matratze fallen. Wir schwiegen. Dann räusperte ich mich.

„Das tut mir echt total leid“, bekundete ich leise. „Wirklich.“

„Ich weiß...“, sagte er ebenso leise, ohne mich dabei anzusehen. Dann lachte er plötzlich und  schüttelte den Kopf, strich sich mit beiden Händen erneut über sein nun müde wirkendes Gesicht. „Ich kann einfach nicht glauben, was gerade passiert ist...“, murmelte er. „Heilige Scheiße.“

„...du hast aber echt gut reagiert.“

„Glaub mir“, sagte er lachend und wandte mir erneut seinen Kopf zu. „mir ist der Arsch auf Grundeis gegangen.“

„...was?! Das hat man dir aber so gar nicht angemerkt!“

Mein Freund grinste. „Haben mir die ganzen Jahre als Jurist doch was gebracht.“

„In der Tat...“ Ich kaute auf meiner Unterlippe herum, während Christopher mich die ganze Zeit weiter betrachtete. „Was... Wieso... Ähm. Was sollte das eigentlich von Emilie? Ich meine – was war der Sinn der Aktion? Ich dachte sie mag dich, wieso macht sie dann sowas?“

Christopher lachte und setzte sich erneut auf. „Niko, Emilie ist ein Teenager der unter recht konservativem, völlig übertriebenem Druck zuhause leben muss und gerade in ihrer absoluten Rebellionsphase steckt. Da gehören solche derben Provokation eben dazu – ein wenig herumstochern, Erwachsene auf die Palme treiben, sie denkt da nicht nach und irgendwie kann ich das auch nachvollziehen. Ich hatte auch mal so ne Phase.“

„Du?!“, schrie ich fast schon.

„Ja, ich“, meinte er daraufhin nur gelassen.

„Du bist doch mega behütet aufgewachsen mit Kindermädchen und so ner kacke und hast von Anfang an in der Kanzlei von Daddy geschuftet!“

„Gerade deswegen“, meinte er nur und grinste leicht. Immer noch recht fassungslos starrte ich in seine Augen und konnte mir Onkel Chris partout nicht als rebellierenden Teenie vorstellen. Das war... ziemlich unsexy.

„Hast du nicht rebelliert und Unsinn getrieben, mein Kleiner? Du steckst doch selbst noch mitten in der Spät-Pubertät – wenn du schon Sextoys versteckst, nur um deinen Freund wütend zu machen...“

„Ja, ähm...“

„Emilie hat meinen wunden Punkt, mein tiefstes Geheimnis entdeckt – ist doch klar, dass sie ohne darüber nachzudenken agiert hat. Dass diese Aktion keinen tieferen Sinn hatte, hat man doch direkt gemerkt, als ich es zugegeben hatte. Auch, dass sie eigentlich keine Details darüber wissen möchte – seien wir ehrlich: willst du etwas vom Sexleben deines Onkels oder deiner Tante erfahren?“

„Bloß nicht!“

„Siehst du. Emilie wollte mich zur Weißglut bringen, oder mich mit hochrotem Kopf erleben. Einfach nur so.“

„Ich dachte, sie will dich erpressen oder so...“, nuschelte ich, doch Christopher lachte nur.

„Sie kriegt doch eh alles von mir, was sie will“, bemerkte er dann nur grinsend.

Dass das wirklich so war, das bestätigte unser Ausflug am Nachmittag nur: noch mehr Klamotten, teures Essen, Bowling, DVDs, Bücher. Ich muss sogar zugeben, dass die Stimmung durch diese doch recht unangenehme Konfrontation nicht getrübt war. Vielleicht, weil wirklich alle so taten, als wäre nichts passiert. Ich jedenfalls hatte definitiv vor, diese Schiene weiter zu fahren. Der Abend gipfelte in einem DVD-Abend mit selbst gemachtem Schoko-Fondue. Die Mädchen waren im siebten Himmel. Und dieser Tag wäre fast komplett unschuldig geendet, hätte Emilie mir nicht, nachdem sie aus dem Bad kam und ich jenes betreten wollte ein „gute Nacht, du Masochist“ gewünscht – mit einem teuflischen Grinsen auf ihrem Gesicht.

Onkel Christopher hatte recht. Dreckspubertät.
Ich sagte ihm nichts davon, als ich sein Schlafzimmer betrat.
„Weißt du“, flüsterte er mir ins Ohr, als ich mich an ihn kuschelte und das Licht bereits gelöscht war. „Wenn die beiden nicht hier wären, würde ich dich für die Nacht in die Sklavenbox stecken. Oder dich auf dem Boden schlafen lassen. Also genieß' diese Nacht noch – morgen wird es schon ganz anders für dich aussehen.“ Seine physischen Zärtlichkeiten, die Lippen die ganz sachte an meinem Ohrläppchen nippten und seine heißen Hände, die sich auf meinen Hintern legten, standen im krassen Kontrast zu seinen eben geäußerten, harschen Worten. Christopher war der Wahnsinn.

„Ich liebe dich“, flüsterte ich nur und hörte ihn leise lachen.

„Und ich könnte dir immer noch den Kopf abreißen“, meinte er – schob mein Kinn mit seinem Zeigefinger aber an und  küsste mich leidenschaftlich, sodass ich mir wünschte, nie in den Schlaf abzudriften. Doch genau jenes geschah, weil es in der Natur des menschlichen Organismus lag, zu schlafen.

Das Sonntagsfrühstück war die Hölle. Noch bevor Christopher sich Kaffee eingießen konnte, klingelte das Haustelefon: Stella stieg bereits in ein Taxi und war auf dem Weg hierher. Emilie und Marie, beide unausgeschlafen, stöhnten genervt und ihnen verging der Appetit. „Niko“, wies Christopher mich im milden Ton an. „Zieh dich um.“ So wechselte ich unter seinem wachsamen Auge aus der ausgewaschenen Jeans und dem etwas weiteren Pullover in eine elegantere Hose und ein schwarzes, kurzärmliges Hemd. Christopher trug einen schwarzen Anzug, so als würde er gleich zur Arbeit fahren. „Damit sie wenigstens bezüglich des Outfits die Klappe hält“, murmelte er und zwinkerte mir zu. Dass er alles andere als erheitert über den Besuch seiner Schwester war, das konnte ich ihm an jedem Zentimeter seines Gesichts ablesen.

Die Türglocke schellte und unmittelbar folgte ein langgezogenes „O Gott...“ von Emilie, die dazu auch noch demonstrativ die Augen verdrehte und nur wenige Sekunden später trat eine hochgewachsene blonde Frau zu uns ins Wohnzimmer. Keine Frage: Stella war eine attraktive Frau in den 40ern, die viel Wert auf ihr Äußeres legte, ohne dabei billig zu wirken und dem Trend der künstlichen Jugend zu folgen, wie man sie von Botox-Schlampen aus dem Fernsehen erkennen konnte. Ihr Haar war lang und ihre Augen ebenso blau wie die von Christopher ich schluckte, noch mehr, als mein Freund hinter ihr auftauchte und mir diesen 'na los!'-Blick zuwarf.

„Stella, das ist Niko“, sagte er und wies mit der Hand auf mich. Automatisch reichte ich seiner Schwester die Hand, die sie beinahe sofort ergriff.

„Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte ich und war dankbar, dass ich sie nicht aus Versehen geduzt hatte. Christopher hatte mich schließlich gewarnt.

„...hallo....“, murmelte Stella und starrte mich seltsam lange an. Dann räusperte sie sich und ihre Stimme war fester und kühler als sie wieder sprach. „Ich bin Stella Weinert, ich habe schon von Ihnen gehört. Nett, Sie mal kennenzulernen. Christopher kommt uns ja kaum besuchen“, fügte sie noch kälter an und ich sagte einfach mal gar nichts dazu sondern lächelte debil. Dann schon existierte ich für Stella gar nicht mehr, denn sie warf sich auf ihre Töchter, wie eine Löwin.

„Was hast du dir eigentlich dabei gedacht?! Weißt du, was alles hätte passieren können? Weißt du, was für Sorgen dein Vater und ich uns gemacht haben, Fräulein?“, begannen die sozial vertretbaren Tiraden der blonden Frau, die Christopher so ähnlich sah und doch nicht unterschiedlicher hätte sein können. Die sozial nicht mehr vertretbaren Antworten ihrer Tochter waren durchaus lauter. Benommen stand ich da und starrte das streitende Paar an.

Natürlich war es Christopher, der dazwischen trat und versuchte beide Parteien zu beruhigen – doch nichts half. Stella bellte ihn an, sie beschimpfte ihn als „beschissenes Beispiel“ für ihre Töchter und warf ihm vor, Emilie und Marie gegen sie aufzuhetzen, wogegen Emilie und Marie aber so vehement protestierten, dass es wirklich nur eine Frage der Zeit war, bis die ersten Tränen der Mädchen flossen und sie eben in jener Verfassung, wütend und aufgebracht, in ihr Zimmer stampften, um ihre „scheiß Koffer“ zu holen. Christopher nickte mir zu, ihnen zu folgen und ich tat es.

Emilie fluchte unter ihrer Nase, als ich das Zimmer betrat. „Braucht ihr Hilfe?“ Sie sah mich an mit ihren rötlichen Augen und zog die Nase hoch.

„Sie ist furchtbar. Oder?“

Ich überlegte kurz. Dann nickte ich. „Ja. Ich bemitleide dich.“ Wir lachten, alle drei. Und genau dann steckte mir Emilie einen kleinen Zettel zu.

„Adde mich mal bei ICQ, aber sag Christopher nix davon!“

„Ähm?“

„Tu was ich sage, oder du wirst es bereuen!“

Ich glaubte Emilie aufs Wort. „Okay, okay...“, beruhigte ich sie und steckte den Zettel ein.

Der Abschied war furchtbar. Die beiden umarmten ihren Onkel beinahe minutenlang und ich hörte Emilie immerzu „tut mir leid“ murmeln. Ob sie die Sache mit den Peitschen meinte oder die Gesamtsituation mit ihrer Mutter, ich weiß es nicht. Stella jedenfalls war eisig, als sie sich von ihrem Bruder verabschiedete, der die ganze Zeit über ruhig geblieben war. Mir gab sie nicht einmal die Hand. Und dann, dann fiel die Tür laut ins Schloss und die zankenden Stimmen im Hausflur wurden immer leiser.

Erst dann seufzte Christopher laut und massierte seine Schläfen. „Gott, meine Schwester ist eine Idiotin“, sagte er dann und ließ sich aufs Sofa fallen.

„Soll... ich dir vielleicht ein Bad einlassen?“, fragte ich vorsichtig.

„Und mach mir nen Rotwein auf.“

Das Bad half ihm, er entspannte sich; ich schrubbte seinen Rücken, ich massierte seinen Kopf, ich trocknete ihn ab und als er im Schlafzimmer nackt vor mir stand, war plötzlich wieder dieses fieses Grinsen auf seinem Gesicht. „Niko“, sagte er. „Ich werde dich jetzt so hart ficken, dass du danach nicht mal mehr deinen eigenen Namen weißt.“

Und er tat es.
Weil es ihn beruhigte und weil er all diese Wut, die sich angestaut hatte, in seinen harten Stößen loswerden konnte. Ich zitterte danach. Vollkommen befriedigt lag ich auf dem völlig zerwühlten Bett, von dem Christopher mich ohne jegliche Vorwarnung stieß.

„Autsch!“, zischte ich, als ich auf den Boden plumpste. Wieder begegneten mir diese eiskalten Augen und das süffisante Grinsen. Für die nächsten Tage blieb der Boden mein fester Platz in seiner Wohnung. Rigoros zog er seine Bestrafung durch – und ich liebte es.

Ja, jetzt, wo ich mir all das wieder ins Gedächtnis rufe, muss ich immer noch sagen: dieses Familientreffen war wirklich eines der Seltsamsten.

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