Christopher und Ich - Kapitel 28 - 30

 

28

Achtung, hierbei handelt es sich um ein Sommerspecial  2012! Geschrieben, um die Wartezeit auf ein neues Kapitel zu verkürzen ;) Hauptstory geht in Kapitel 29 weiter!

 

"Sonne"

Der Sommer lässt auf sich warten. Nur kurz lugt die schrill gelbe Sonne hinter den aufgeplusterten Wolken hervor und lässt den Eisverkäufer im Viertel auf steigende Verkaufszahlen hoffen, die Kinder lachen und den, der Urlaub genommen  hat, aufatmen. Doch im nächsten Moment, nur drei oder vier Minuten später schon, endet es, und eine dunkle Wand schiebt sich vor die lichtspendene Scheibe. Der Wind zieht auf, es regnet. Ich seufze und Christopher schaltet das Autoradio lauter, weil es Punkt 9 Uhr ist und er den Nachrichten lauschen will. Genau deswegen schweige ich und schaue nach draußen.

Eigentlich wollten wir heute in den Wald, einen langen Spaziergang machen, in einem Dorfrestaurant erst kurz zuvor erlegtes Wild essen, doch jetzt wo es donnert und blitzt, dort hinten am Ende der Stadt, weiß ich, dass mein Freund richtig entschieden hat, als er die Pläne heute Morgen spontan umgeworfen hat. Und eigentlich, denke ich mir, während mein Blick wieder zum blonden Adonis neben mir wandert, finde ich unser neues Ziel vielleicht sogar ein bisschen besser als den dunklen Wald.

Christopher wirkt konzentriert, oder eher nachdenklich. Die sonore Reporterstimme informiert uns gerade über den Organspendeskandal in der Republik, der eigentlich gar nicht so neu ist, aber scheinbar gibt es nichts anderes Berichtenswertes. Bis auf das blöde Wetter, doch dafür findet sich kein Platz in den Nachrichten. Er seufzt und schaltet noch vor dem Sport zurück auf die CD. Nick Cave and the Bad Seeds. Akzeptabel.

Schließlich bemerkt Christopher meinen Blick, der nun schon seit einiger Zeit auf ihm ruht.

„Was ist?“, will mein Freund von mir wissen.

„Nichts“, antworte ich ihm und fahre dennoch fort, „ich erfreue mich einfach nur an deinem Anblick.“

„Ist das so?“ Er grinst.

„Das ist in der Tat so, Herr Lang“, meine ich ebenfalls grinsend.

Mein Freund hat sich einige Tage frei genommen. Um zu entspannen. Um einen klaren Kopf zu bekommen. Um Zeit mit mir zu verbringen. Noch mehr Zeit.

Schon ein Jahr wohnen wir zusammen.
Zu Beginn war es ein seltsames Gefühl, plötzlich ein kompletter Teil von Christophers Leben zu sein und seine Wohnung, auch als mein eigenes Heim zu bezeichnen. Jetzt ist es... normal.
Was alles andere bedeutet als... langweilig.

Ich grinse, und Christopher wirft mir erneut einen fragenden Seitenblick zu.

„Was heckst du da schon wieder aus, Niko?“

„Nichts“, entgegne ich unschuldig und schaue wieder nach draußen. Doch das ist eine Lüge.

Mein Freund schnaubt amüsiert. Natürlich glaubt er mir nicht. Aber das ist wohl eines unserer Spielchen. Denn natürlich könnte er mir befehlen, meine wahren Gedanken offen zu legen. Doch er macht es nicht; er will sich überraschen lassen. Das gefällt mir. Ich grinse immer noch leicht, als Christopher auf den noch ziemlich leergefegten Parkplatz fährt.

„Schön“, findet er, als er den Motor abstellt. „Direkt vorm Eingang, so mag ich das.“

„So faul, Herr Lang?“, necke ich ihn und er wirft mir einen ermahnenden Blick zu. Dann steigt er aus.

Der Geruch von Chlor steigt mir unmittelbar in die Nase, als die großen, verglasten Türen hinter und geräuschlos schließen. Es ist warm hier, unheimlich warm; so viel heißer als draußen. Gedämpfte Kinderschreie und plätscherndes Wasser, das Dumpfe Grollen des vibrierenden Springbetts direkt nach einem Sprung erreichen meinen Gehörgang, während wir uns der Kasse nähern.

Wir sind die einzigen Neuankömmlinge und als Christopher unsere Eintrittskarten für die kleine Schwimmoase bezahlt, starre ich durch eine riesige Glaswand hinein in eben jenes künstliche Paradies. Ganz hinten, abgeschirmt von solchen neugierigen Blicken wie dem meinigen, liegt der Bereich, den mein Freund gleich anstreben wird; ich erhasche nur einen kleinen Blick auf die zwei großen Palmen, die wie Wachtürme gen Decke ragen.

„Komm“, sagt Christopher und tippt ganz kurz meine Schulter an, „lass uns reingehen.“ Er lächelt und ich folge ihm.

Der Umkleidebereich ist riesig und verwinkelt und ich bin mir fast sicher, dass ich mich hier allein sicherlich verlaufen würde. Es ist ruhig, bis auf die zuweilen anstrengend und wild plappernden Kinderstimmen, die aus der Ferne ertönen.

„Na“, spreche ich meinen Freund an und blicke ihm in die Augen, „wollen wir in eine der Gruppenkabinen gehen? Da waren doch immer diese tollen Bänke in der Mitte, wenn ich mich recht entsinne. Da könntest du mich wundervoll dran festbinden und mir dann die Seele aus dem Leib ficken...“

„Niko!“, zischt er direkt in mein Ohr, nachdem er mich an meinem Kragen gepackt hat. Kurz lässt er seinen Blick zu beiden Seiten wandern. „Weißt du“, fährt er dann fort in seinem leisen Ton, „auch wenn hier gerade nicht so viel los ist, solltest du trotzdem deine Zunge hüten, hier laufen genug kleine Kinder rum. Verstanden?“

„Ja, Christopher, ich schweige.“

„Du sollst nicht schweigen“, entgegnet er ruhig und lächelt irgendwie kalt. „Du sollst nur deine perversen Gedanken, die wir später gerne alle in die Tat umsetzen können, erst mal bei dir behalten“, fügt er hinzu und geht einfach weiter.  Als ich mit ihm in die Kabine treten will, hält er mich auf und begutachtet mich mit einem skeptischen Blick.

Ja, Christopher macht zwar keinen Hehl daraus, dass er schwul ist, aber manchmal möchte er dann doch lieber diskret bleiben. Vor allem wenn, wie er schon selbst sagte, Kinder involviert sind. Was sagte er einst? Er wolle seine Zeit nicht mit aufgelösten und empörten Elternteilen verschwenden, die eine riesige Affäre aus einer Lappalie machen könnten, weil sie ihr Kind vor dem realen Leben schützen wollten, vor dem sie selbst immer noch wegliefen und es fürchteten. Oder so ähnlich.

Ich seufze und ziehe mich in der angrenzenden Kabine um. Schließlich ist das ja auch ein Befehl meines Masters. Und ich befolge jede seiner Anweisungen; das brauche ich wohl nicht mehr zu erwähnen.

Doch als ich hinaustrete und mit meinem peinlichen pinken Handtuch mit Herzchen, das Christopher mir als kleine Strafe eingepackt hat – schließlich hatte ich getrödelt und war launisch am Morgen – muss ich schlucken. Denn da steht er: ein wahrhaftiger Adonis. Die pechschwarze Badeshorts, die etwas seiner strammen Oberschenkel bedeckt, und gleichzeitig so viel Haut offenbart, sitzt wie angegossen. Seine männliche Beule fällt mir natürlich sofort ins Auge, auch wenn sie eigentlich gut maskiert ist durch den Stoff; und als er sich umdreht und den ersten Schritt in Richtung der Duschen unternimmt, da fallen mir beinahe die Augen aus dem Kopf; anders kann man es nicht sagen. Sein Hintern ist ein einziges Gemälde in dieser Badehose, das man stundenlang betrachten will – weil es die eigene Fantasie ungemein anregt.

„Niko!“, ermahnt mich seine strenge Stimme und mir fällt erst jetzt auf, dass er stehengeblieben ist und sich mir zugedreht hat. „Komm jetzt, ich will endlich ins Wasser!“

Das kurze Abduschen in dieser riesigen Kabine ist eine Tortur, aber ich bleibe stark und blicke die hellen Fliesen unter meinen Füßen an, anstatt seine feuchte Haut zu betrachten. Es funktioniert und selbst, als wir am Schwimmbecken entlanggehen und ich meinen Freund von der Seite ansehe, kann ich mich irgendwie unter Kontrolle halten.

Trotz Ferienzeit ist nicht viel los. Vielleicht auch gerade deswegen; weil viele der Familien ihrem Heim in dieser Zeit entfliehen wollten. Und weil es noch ungemein früh am Morgen ist und der, der ausschlafen kann, diese Möglichkeit auch nutzen will. Nur wir nicht. Wir wollen die freien Liegen ergattern, direkt unter den Palmen im kleinen Beach-Bereich, der auch ohne echten Sand irgendwie tropisch wirkt, mit den aufgestellten Sonnenschirmen und Felsenkonstruktionen; und durch das helle Licht, das die lang ersehnte Sonne imitieren soll.

Vor uns liegt weiter Pool. Einige Meter lang ist das Becken lediglich 1,20 Meter tief; hier kann man Ball spielen, im Wasser herumspringen und letztendlich über eine kleine Felswand klettern und direkt ins Hauptbecken springen – wenn der Bademeister gerade von etwas abgelenkt ist, einer Bikinischönheit zum Beispiel. Oder von solch einem knackigen Männerarsch, wie ihn mein Freund besitzt.

Wir breiten unsere Handtücher aus und stellen unsere Rucksäcke ab. Christopher streckt sich. Er sieht fantastisch aus. Unsere Blicke treffen sich.

„Schwimmen?“ Er nickt in Richtung des blauen Wassers.

„Deswegen sind wir doch hier, Herr Lang, oder wollten sie lieber Schlittschuhlaufen?“, entgegne ich und stolziere an ihm vorbei. Ich muss lachen, als er mir daraufhin einen leichten Klaps auf den Hinterkopf verpasst.

Das Wasser erscheint kalt, als wir die breiten Treppenstufen hinabsteigen. Meine Haare stellen sich auf. „Kalt, kalt, kalt, kalt!“, murmele ich, während ich einfach weitergehe und irgendwann die Augen zusammenkneife und mich in die Hocke fallen lasse, sodass das Wasser mein Kinn berührt. Ich zittere kurz und Christopher lacht.

„Konsequent“, quittiert er mein Tun, während er selbst mit seinen Händen Wasser schöpft und seinen viel zu hübschen Oberkörper damit benässt. Zunächst die Arme, dann seine Brust; und dann gleitet sein Körper graziös ins Wasser und zwei Sekunden später ist er direkt bei mir. Unsere Arme berühren sich ungesehen unter der Oberfläche und ich kann mich gerade noch so zurückhalten, mich gänzlich gegen ihn zu pressen, meine Arme um ihn zu schlingen und ihn ungehalten zu küssen.

Also stoße ich mich vom Beckenboden ab und gleite auf dem Rücken durchs Wasser, weg von ihm. Ich schließe die Augen und bringe meinen Körper mithilfe meiner Beine und Arme weiter ruhig voran. Doch als ich nach einer kurzen Weile die Augen wieder öffne und meinen Körper in eine Senkrechte Position bringe, da streifen meine Arme schon wieder seinen Körper und er grinst mich an.

Dieses Mal versuche ich es mit Brustschwimmen, doch als ich nach dem weiteren Fluchtversuch meinen Kopf drehe, ist er schon wieder direkt bei mir und grinst mich an; dieses Mal streifen seine Beine die meinigen und ich erschaudere. „Na, warte“, murmele ich unter meiner Nase, hole Luft und gleite hinab ins kühle Nass. Die Augen unter Wasser geöffnet zu halten ist kein Problem, doch als ich gerade zu meinem Zug ansetze, packt Christopher, der scheinbar im selben Moment zum Tauchen angesetzt hat wie ich, meinen Arm.

Harsch zieht er mich unter Wasser in seine Richtung und im nächsten Moment prallen unsere Lippen auch schon aufeinander. Unser erster Unter-Wasser-Kuss. Er ist herrlich.

Allerdings auch herrlich kurz. Wir tauchen auf, schauen uns kurz in die Augen - und ich will mehr.  Doch ausgerechnet in diesem Moment ertönt auch schon das Kindergeschrei am Beckenrand und ich kann beobachten, wie eine Mutter mit zwei Kindern die Liegen am Rande in Beschlag nimmt und ihre Sprössling wild durch die Gegend springen. Ich seufze.

„Komm“, meint Christopher. „Lass uns in das Hauptbecken gehen. Ich will ein paar Bahnen schwimmen.“

So ziehen wir von dannen und überlassen den kleineren Pool eben den Kleineren.

Christophers Hintern bewegt sich viel zu lasziv vor meinen Augen. Ob andere ihn wohl auch so sehen? Ob das Großmütterchen, das dort hinten im heißen Wellness-Becken ihre Zeit genießt und uns Vorbeiziehende ansieht, sich jetzt denkt: „Wenn ich doch nur 20 Jahre jünger wäre...!“, und ob die zwei jungen Mädchen, die am Beckenrand bei dem Auffangpool der großen blaue Rutsche tratschen und ihre Blicke über den halbnackten Körper meines Freundes beiläufig wandern lassen, in ihren Gedanken schimpfen: „Wieso kann mein Freund nicht so aussehen?!“; ist das so? Und denkt vielleicht der ebenfalls ziemlich gut durch trainierte Gigolo am Fuße des Springbretts: „Den würde ich wirklich nicht von der Bettkante stoßen...“? Ich frage mich...

Mein Master ist ein hervorragender Schwimmer. Während ich im Nass verschieden Schwimmarten wahllos vermische, um mich über, oder eben unter, Wasser zu halten, zieht er seine exakten Bahnen im Kraulstil durch. Irgendwann mache ich Halt am Ende des Beckens, direkt an der Felskonstruktion, hinter der unser kleines Strandparadies liegt. Einige der Felsen ragen ein bisschen weiter hinaus und bilden ein kleines Dach über mir. Mit dem Rücken lehne ich mich an die Beckenwand und starre meinen Freund an. Je länger ich ihn bei seinen Aktivitäten im Wasser betrachte, desto mehr verstehe ich diese Faszination für die Olympischen Spiele.

Meinte Kilian nicht erst kürzlich, dass er nur die Schwimmwettkämpfe angesehen hat, aufgrund der heißen Schwimmer in knappen Hosen?

Diesem Schwimmer hier könnte ich wirklich stundenlang zusehen. Auch wenn ich momentan nicht all zu viel von diesem himmlischen Körper erblicken kann – meine Fantasie läuft aber auf Hochtouren; wie  so oft. Während ich sein nasses blondes Haar betrachte und seine gut geformten Arme, die aus dem Wasser ragten, mir in die Augen stechen, kribbelt es plötzlich überall.

Kein Wunder.

Wir hatten gestern keinen Sex, keine Session. Der Plan war fit zu sein für die Wanderung. Christopher verbat mir, Hand an mich selbst zu legen. Wie schon die Tage zuvor, an denen er noch so viele Dinge zu erledigen hatte, um Raum für unsere Zweisamkeit zu schaffen, und an denen er zu müde für gewisse Dinge war – und auch mir die Befriedigung verweigerte; weil es ihm so gefiel, mich aufgelöst und geil zu sehen.

Aufgelöst und geil werde ich auch langsam hier in diesem Becken. Und das passt mir gar nicht. Weil ich Christopher nicht schamlos anfassen kann, weil ich mich nicht an seinen nackten Körper in der Dusche pressen kann, weil, weil, weil!

Ich lasse meinen Blick wandern, will meine Gedanken abkühlen lassen.

Der Gigolo und seine laut lachenden Freunde rennen nach draußen; obwohl es gerade nieselt, springen sie jauchzend in das freiliegende Becken. Wahrscheinlich, weil es komplett leer ist. Noch eher, um die jungen Schülerinnen zu beeindrucken, die nun die Jungs tatsächlich von ihrer Bank aus beobachten und dämlich kichern. Aber eines muss ich wohl zugeben: auch wenn die Visagen dieser Möchtegern-Partymacher auf absolute Hirnlosigkeit schließen lassen, so haben die vier da doch ungemein gut trainierte Körper. Ich seufze. Mein Sixpack lässt auf sich warten, aber solange Christopher meine angedeuteten Muskeln attraktiv findet, ist das, schätze ich, wohl okay.

Der zweite Bademeister, der nun mit dem alten Kauz von Kollegen redet, zieht allerdings wohl auch gleich die Blicke der Schicksen auf sich. Er ist jung und tätowiert und hat Arme wie ein... sie sind einfach enorm riesig, sodass ich auf der Stelle beschließe, definitiv nicht ins Becken zu springen, von dort aus, wo es verboten ist. Ärger mit dem Kerl möchte ich mich wirklich nicht einhandeln.

Lautes Kindergeschrei dröhnt plötzlich in meinen Ohren. Ich schaue zur Seite. Ein junger Vater versucht gerade sein Kleinkind zu beruhigen und wiegt es auf den Armen hin und her; Mutti macht derweil ein Urlaubsfoto von den beiden. Die oder der Kleine, ich kann und will das Geschlecht einfach nicht bestimmen, wird in einigen Jahren sicherlich sagen: „Papa, warst du damals aber gutaussehend!“ - und wahrscheinlich über den dann existierenden Bierbauch herziehen; von dem jetzt allerdings noch gar nichts zu erkennen ist.

„Ah!“, japse ich, als unangekündigt Herr Lang plötzlich unmittelbar vor mir aus dem Wasser auftaucht. Er reibt sich die Augen und im nächsten Moment schon pinnt er mich gegen die Beckenwand und ich halte die Luft an. Von diesem ultimativen Körperkontakt bin ich so überrascht, dass ich gar nichts sagen kann. Christophers Brust an meiner, sein Bein zwischen meinen Beinen, seine Beule direkt an meinem immer noch harten Fleisch – die noch hier anwesenden Menschen plötzlich gänzlich egal.

„Was fällt dir eigentlich ein, anderen Männer so lustvoll anzustarren?“, knurrt er mir ins Gesicht und für einen kurzen Moment glaube ich wirklich, dass er ernsthaft wütend ist. Doch dann gleiten seine Mundwinkel in ein minimales, hämisches Grinsen und er wispert: „Das wird Konsequenzen haben, Herr Klaas...“, und driftet graziös auf seinem Rücken davon.

Derweil pocht mein Herz unentwegt und wild in meiner Brust und ich würde ihm am liebsten sofort hinterher stürzen. Aber ich lasse es und klammere mich stattdessen an den Beckenrand, schließe die Augen und atme den Chlorduft ein.

Ich weiß nicht, wie lange ich so verweile. Ich weiß nur, dass mir irgendwann kalt wird und als ich darüber nachdenke, aus dem Wasser zu steigen, befiehlt Christopher es mir bereits. Er steht am Beckenrand, die Hände gegen die Hüften gestemmt und wartet auf mich; er hilft mir aus dem Wasser. Er lächelt. Und er gedenkt, mich noch ein bisschen weiter zu quälen.

Wir trocknen uns ab und legen uns eine Weile auf die Liegen. Es wird wohlig warm und diese pseudo-hawaiianische Musik wirkt irgendwann fast schon beruhigend auf mich. Fast schlafe ich sogar ein, doch mein Hunger gewinnt diesen Kampf; mein Magengrummeln ist so laut, dass selbst Christopher es hört und kurz von seinem Buch ablässt, um mir ins Gesicht zu blicken und zu lachen.

„Worauf hast du Lust?“, fragt er.

„Auf dich“, entgegne ich, „aber auch auf Pommes.“

Christopher lacht. „Sehr romantisch. Und hoch erotisch“, meint er nur und  legt seinen Roman beiseite. „Ich verspüre aber auch ein leichtes Hungergefühl. Auf dich – aber noch mehr auf Pommes“, sagt er zwinkernd.

Wir essen, wir sprechen über die seltsame Komödie, die wir gestern im Fernsehen gesehen haben. Ich erzähle Christopher vom Ende des Films, schließlich hat er jenen nicht mehr mitbekommen, hatte schon längst geschlummert. Wir schlendern zurück zu unseren Liegen; dann schlafe ich wirklich ein.

Mein Master weckt mich einige Zeit später; ganz vorsichtig streichelt er über meine nackte Schulter.

„Hm?“, mache ich und drehe mich um.

„Ich wollte ein wenig in den Wellness-Pool steigen“, sagt er ruhig. „Kommst du mit?“

Natürlich begleite ich ihn. Wir sitzen im herrlich warmen Wasser, mit ein paar Rentnern uns gegenüber, das Kindergeschrei weit weg, und blubberndes Wasser rund um uns herum. Als Christopher unter Wasser plötzlich meine Hand greift und mich dann so charmant anlächelt, wird mir noch wärmer. Ich grinse die Greisin an, die mich gerade ansieht und dann auch lächelt. Auch Christopher schenkt sie ein kurzes Lächeln und ich drücke seine Hand noch ein wenig fester.

Wenn die alte Frau nur wüsste, was diese scheinbar netten jungen Männer, die sie soeben angelächelt hat, eigentlich miteinander treiben... es würde ihre kühnsten Vorstellungen übertreffen.

Ich weiß nicht, wie ich es schaffe, aber Christopher geht tatsächlich noch mit mir rutschen. Und er hat sogar Spaß dabei. Er zieht noch ein paar Bahnen und dann machen wir sogar fast noch eine richtige Wasserschlacht. Es ist 17 Uhr, als wir unsere Sachen packen.

Der Duschraum ist heiß. Dampf steigt auf, und als ich mein Shampoo aus der Tasche hole, stellt Christopher sich splitterfasernackt unter den festinstallierten Duschkopf neben mir. Er beachtet mich nicht, als er das Wasser anstellt und beginnt sich einzuseifen. In den ersten Minuten kann ich mich nicht bewegen, ich schlucke und erst, als ein weiterer Schwimmbadbesucher den Raum betritt, besinne ich mich und schalte auch mein Wasser ein.

„Zieh dich lieber ganz aus“, ertönt plötzlich Christophers Stimme neben mir, die mir einen Schauer über den Rücken jagt. Aber ich will meine herrlich aufgeplusterte, mir fast zu den Knien reichende Schwimmshorts nicht loswerden. Nicht jetzt. Nicht in diesem Stadium.

„Lieber nicht...“, meine ich deswegen so leise es bei diesem Rauschen geht.

Kurz hebt Christopher seine rechte Augenbraue fragend an, und dann streicht Erkenntnis durch sein Gesicht. Er grinst und lässt ab von mir. Ich versuche mich zu beruhigen. Als noch zwei weitere Männer den Duschraum betreten und sich entkleiden, funktioniert es auch. Denn diese Exemplare sind alles andere als attraktiv und dieser Anblick hilft meiner Gefühlslage ungemein.

Als wir durch diese verwinkelten Korridore des Männerbereiches schlendern, ist es alles andere als ruhig. Die angebauten Föne rauschen und rattern, irgendwo knallen Spinttüren und hier und da ertönen Konversationen; auch wenn wir auf den Fluren nur zwei Personen begegnen. Wir holen unserer Kleidung aus den Hauptspints, Christopher sagt „bis gleich“, und kurz bevor er seine Kabinentür zuzieht, reagiere ich. Mit einem Satz stehe ich direkt vor ihm und schiebe im selben Moment schon den Riegel vor die Tür.

Wir sind eingesperrt. In einem Raum, der lediglich so groß ist wie ein kleiner Schrank. Christophers Gesichtsausdruck könnte man als überrascht bezeichnen, und ich gebe ihm auch keine Zeit, diesen zu ändern. Ein halber Schritt und ich presse seinen Rücken gegen die Kabinenwand. Ich schnappe mir seine Handgelenke und dränge sie ebenfalls gegen das grün gestrichene Holz; und Christopher lässt all das zu. Gar ein wenig fasziniert betrachtet er mir und schweigt.

Ich küsse ihn. Ganz leicht lecke ich über seine Lippen, nur um meine Zunge dann gänzlich in seinen Mund zu schieben. Den ganzen Tag habe ich auf diesen Moment gewartet und nun ist er endlich da; und ich möchte ihn so richtig auskosten. Christopher küsst mich erstaunlicherweise leidenschaftlich zurück, er übernimmt sogar die Führung – obwohl mich das eher weniger überrascht. Seine Zunge streicht langsam über die meinige, als meine Finger sich von seinen Handgelenken lösen und über seine nackte Brust fahren, um dann kurz über seine harten Knospen zu streichen. Doch als ich meine Hände weiter nach unten wandern lassen und meine Fingerkuppen das Handtuch berühren, das um seine Hüfte gewickelt ist, bricht mein Freund den Kuss.

Grob packt er meine Arme und schiebt sie weg von seinem Körper. Schade nur, dass ich es dank meiner gekrümmten Finger schaffe, ihm dabei zufällig das Handtuch vom Leib zu reißen. Und was meine Augen da sehen, gefällt mir zum einen; und zum anderen ist es ein klarer Nachweis meines Erfolges: Christopher ist steinhart. Er schnaubt und hebt das Handtuch auf. „Niko“, wispert er bedrohlich, als ich wieder auf ihn zukomme.

„Nur ein bisschen, bitte...“, hauche ich. Und ernte eine seichte Ohrfeige.

„Es wird nicht gebettelt!“, scheltet mein Master mich im Flüsterton, während er das Handtuch scheinbar schützend vor seine Scham hält.

Ich will etwas entgegnen, doch im selbem Moment hören wir schon, wie sich ein Vater mit seinen Kindern nähert; es wird laut und die Kids schreien nach Eis, der Vater versucht zu beruhigen und Christopher mustert mich derweilen mit einem scharfen Blick. Erst, als sich die Stimmen weit entfernt haben, bewegt er sich wieder.

„Nicht hier“, ist alles, was er zu mir sagt. Dann schmeißt er mich aus der Kabine.
Wir sehen uns erst in dem großen, verspiegelten Bereich wieder, in dem sich der Gigolo von vorhin gerade seine Haare stylt. Er geht Gott sei Dank, als ich näher komme. Christopher reicht mir eine Bürste und ich kämme mein zerzaustes Haar.

„Wir müssen dich bald zum Frisör bringen“, sagt mein Freund, als er mich so von der Seite begutachtet.

„Eher zu einem Sexualtherpeuthen, wenn du mich nicht bald nagelst“, entgegne ich, viel lauter als geplant. Ich beiße mir selbst auf die Zunge und kann wohl von Glück sprechen, dass niemand meine Worte mitbekommen hat.  

Christopher schnalzt genervt mit der Zunge – und ich bekomme einen weiteren Schlag auf den Hinterkopf.

„Wenn du weiter machst, lasse ich dich noch eine ganze Weile weiter zappeln, mein Lieber. Und jetzt fön' deine Haare“, ist alles, was er dazu sagt. Dann legt er in Ruhe sein Haar zurecht, während ich meine dunklen Strähnen wild durcheinander puste. Als ich fertig bin und den Trockner abschalte, tritt mein Freund näher an mich heran. Ich schenke ihm einen eher säuerlichen Blick und er grinst nur.

„So trotzig“, wispert es belustigt und bedeutet mir mit einer kurzen Handbewegung ihm zum Auto zu folgen. Erst als er den Motor anstellt und wir vom Parkplatz rollen spricht er wieder mit mir. „Öffne deine Hose.“

Ich tue es.

„Ich will, dass du dich berührst“, sagt er gelassen, während er die Kurve nimmt.

Sachte gleitet meine Hand unter den Bund meiner nun leicht entblößten Boxershorts. Ich beiße mir auf die Unterlippe, als ich mich selbst berühre und beginne, meine Hand in einem sehr langsamen Rhythmus zu bewegen. Damit es nicht so auffällt; schließlich fahren wir durch die Innenstadt.

…ist das Grund, warum ich so aufgeregt bin?

„Niko…“, säuselt Christopher amüsiert und fügt dann kalt an: „Ich weiß, wie du dir einen runterholst und das, was da gerade tust, ist lächerliche Spielerei.“

„…du hast nicht gesagt, ich soll mir einen runterholen. Du sagtest: Fass’ dich an“, bemerke ich flüsternd und ernte eine deftige Ohrfeige, die mein Herz zum Rasen bringt, meine Haut zum kribbeln und meinen Schwanz zum pulsieren.

„Da kümmere ich mich ein paar Tage nicht intensiv um dich und du wirst gleich so frech, du Lausebengel!“, schimpft er. „Jetzt holst du dir einen runter, oder ich schmeiße dich gleich raus. Und zwar ohne deine dämliche Hose, verstanden?“, droht er mir und Gott, ich holemir einen runter; und wie.

Ich kann mein Stöhnen nicht zurückhalten. Vor allem, da Christopher seinen Blick, wann immer er kann, auf mich richtet und sich seine Augen dann auch so intensiv in die meinigen bohren. Selbst als wir an einer Ampel halten, die zweiten in der Reihe, mache ich weiter. Weil er es mir nicht anders befiehlt. Ich spüre seine Lust, ich betrachte seinen Körper. Die straffen Oberschenkel, das glattrasierte Gesicht, die arktischen Augen, das blonde Haar.

An der zweiten Ampel komme ich.

„Hm“, macht Christopher. Irgendwie zufrieden. Er grinst. Und ich versuche mich zu beruhigen.

„Hast du… ein Taschentuch?“, frage ich ihn.

Sein Grinsen wird breiter. „Nein“, entgegnet er dann, noch zufriedener.

Letztendlich wische ich meinen eigenen Saft an meiner frischen Boxershorts ab. Kaum, dass wir zuhause sind, muss ich mich schon wieder umziehen und leicht abduschen. Als ich aus der Kabine trete, sind meine bereitgelegten Sachen jedoch verschwunden. Ich grinse. Christopher lehnt lässig am Türrahmen.

„Komm her…“, lockt er mich verspielt. Und ich komme. Er küsst mich. „Deine Aufmüpfigkeit gefällt mir ganz und gar nicht…“, murmelt er in mein Ohr, nachdem er spielerisch mit seiner Zunge darüber gestrichen ist. „Deswegen gehst du jetzt auf dein Zimmer“, fügt er hinzu. „Und denkst ein bisschen darüber nach.“

…was? Schon wieder keine Session?

Doch ich protestiere nicht.

Komplett nackt lege ich mich ins Bett.
Ich höre die Uhr ticken.
Christopher hat mir meinen Laptop weggenommen. Ich kann nicht mal einen Film schauen.
Aus dem Wohnzimmer höre ich den Fernseher. Nach einer Stunde klingelt jemand. Ich höre Schritte, dann die Stimme von Holger; dann klassische Musik.

Sie spielen Schach.

Das ist also meine Strafe.

Ich kneife die Augen zusammen.

Es ist 22 Uhr, als es ruhig wird in der Wohnung und denn geht endlich die Tür auf. Christopher mustert mich mit einem klaren Blick.

„Und?“, fragt er. „Genug nachgedacht?“

Ich stehe auf und gehe einige Schritte auf ihn zu. „Ja“, sage ich und sinke im nächsten Moment schon auf die Knie. Demütig senke ich mein Haupt. „Ja, Christopher“, wiederhole ich. „Entschuldige.“

Er verzeiht mir.

Fasziniert betrachte ich, wie er das dunkle, kurzärmelige Hemd aufknöpft. Fast schon in Zeitlupe; und wie es dann ebenso langsam zu Boden driftet. Christopher zieht den Zipper seine Hose hinunter. Jedes einzelne Kleidungsstück streift er sich gemächlich vom Leib, bis er ebenso nackt ist wie ich. Erst dann kommt er auf mich zu, ich bin nicht imstande, den Blick von ihm zu nehmen.

Vorsichtig ziehe ich die Bettdecke zur Seite und mein Freund gleitet auf die weiche Matratze. Seine Haut ist erhitzt und sein Blick verspielt.

Meine Nackenhärchen stellen sich auf, als seine Arme meinen Körper umschließen und ich es ihm gleich tue; als er seine Brust an die meinige presst und auch unsere Geschlechter einen leichten Kontakt genießen. Seine Finger streichen durch meine dunklen Strähnchen und seine Zunge zeichnet eine nicht sichtbare Linie entlang meines Halses; sie streicht über meinen Kehlkopf, Christopher leckt über mein Kinn, bis er zu meinen Lippen gelangt und sie mit seinen vereint.

Genüsslich stöhnen wir beide in den Kuss und ich spüre, wie Christophers Geschlecht zuckt.

Mein Master will heute keine Session abhalten.
Er will sich einfach nur mit mir lieben.
Und ich gehorche – weil ich mich ebenso nach ihm sehne.

Gierig ringen unsere Zungen in ihrem heißen Kampf und Christopher schiebt seinen straffen Körper weiter auf mich; bis er sich direkt zwischen meinen Beinen positioniert hat, sein harter Schwanz direkt an meinem.  Er stöhnt, als ich mein Becken leicht anhebe und den Kontakt so noch etwas intensiviere.

„Ich will dich“, haucht er irgendwie doch rau in mein Ohr. Dann schon greift er nach dem Gleitgel, das stets bereit neben meinem Bett liegt, welches eigentlich nie so oft benutzt wird. Ehrlich gesagt kommt es nur selten vor, dass wir hier übereinander herfallen. Schließlich ist das Bett im Hauptschlafzimmer auch viel größer und bequemer. Aber scheinbar hat mein Freund gerade keine Lust auf einen Raumwechsel.

Er will mich hier und jetzt und ich will mich ihm hingeben.

Hier und jetzt.

Seine glitschigen Finger streicheln mich an meiner intensivsten Stelle. Er küsst mich und wir dabei immer wilder. Speichel benetzt unsere Lippen und schon bald habe ich meine Stimme gar nicht mehr unter Kontrolle, ich fange an zu schwitzen; Christopher presst die Lippen zusammen. Er stöhnt, als er sich in mich schiebt.

Aus einem anfänglich spielerischen Akt, wird lustvolles Treiben.

Er nimmt mich hart.
Und schnell.
Und rücksichtslos.
Und ich liebe es.

…am nächsten Morgen, als ich in sein wunderschönes Gesicht blicke und mich frage, was wir heute wohl unternehmen werden, scheint die Sonne.

 

 

…und hier geht die Hauptstory weiter mit:

Kapitel 29

Eine Woche ist bereits vergangen seitdem Christopher mir die alles verändernde Frage gestellt und so mein Leben in eine komplett andere Bahn gelenkt hat. Wie er es schon einst getan hat, als er damals meine Hand ergriff und mich aus meinem tristen Alltag in eine völlig neue, mich so erfüllende Welt riss.

„Niko, könntest du dir vorstellen, mit mir zusammen zu leben?“

Es herrscht Chaos in meiner Bruchbude. Kartons machen einen Gang durch das ehemalige Wohnzimmer fast unmöglich. Große, kleine, mittlere stehen da, sortiert nach Bestimmungsort, und trotzdem irgendwie durcheinander.

Da ist zum Beispiel diese eine Kiste mit alten Klamotten von mir. Ein Teil wird schon sehr bald in der Altkleidersammlung landen. Das betrifft auch das alte Pyjamaoberteil, das ich so oft im Haus getragen habe. Christopher hat bestimmt, welche Klamotten wir wegschmeißen und welche wir behalten werden; ich hatte kein Recht mich einzumischen.

Denn die Kleidung hat er nicht als mein Freund bestimmt, sondern als mein Master.

Mit dem ich ab jetzt ein Dach über dem Kopf teilen werde.

„Du bist bekloppt“, hatte Paul gesagt und mir noch einmal den Vogel gezeigt, um seiner Äußerung zu unterstreichen, als ich ihm von meinem spontanen Umzug erzählte. „Dein Alter wird dich umbringen.“

„Mein Alter ist mir egal“, hatte ich Schultern zuckend darauf geantwortet, auch wenn mir bei dem Gedanken an meinen Vater und der Tatsache, dass ich ihm von meinem Umzug irgendwie mitteilen müsste, sehr, sehr mulmig zumute wurde.

Auch Markus schien erstaunt über meine Entscheidung. „Wow“, sagte er nur, „ging ja fix.“

„Fix? Wir sind zwei Jahre zusammen!“, zischte ich.

„Ja, aber zusammenziehen ist doch krass. Macht man das nicht erst, wenn man irgendwie schon… was weiß ich? Ne halbe Ewigkeit zusammen ist? Fast verheiratet?“

„…entweder bist du plötzlich super konservativ und im 19. Jahrhundert gelandet, oder du brauchst einfach dringend Erfahrung. Geh’ und such dir endlich ne Frau.“

„Such du dir ne Frau! Ha ha!“ Markus lachte dreckig und ich rollte grinsend mit den Augen.

Sein letzter, gewitzelter Kommentar hatte es dann aber doch in sich: „Christopher hat dich echt in der Hand. Pass auf, dass er nicht komplett die Kontrolle über dich ergreift.“

…ich musste grinsen und fast hätte ich auch laut losgelacht.

Wenn Markus nur wüsste!

Der Gedanke an Kilians Kommentar zaubert mir ebenfalls ein Grinsen auf die Lippen. „Endlich habt ihr kapiert, dass es sinnvoller ist zusammenzuziehen“, hatte der Arzt gar ein wenig ernst gesagt, als wir ihm und den anderen bei einem spontan einberufenen Treffen in der Gerte von unseren Plänen erzählten. „Fast schon… süß“, hatte er dann mit einem minimalen Grinsen angefügt und mir dabei tief in die Augen geschaut.

Auch der Rest unserer kleinen Truppe freut sich für uns.

Mona hat sogar schon Ideen für unsere Einweihungsparty gesammelt. Denn, „selbst wenn es keine neue Wohnung ist, es ist ein neues Heim für euch beide - und eine tolle, neue Lebenssituation sollte man feiern!“.

„Mal sehen“, hatte Christopher nur gesagt, doch an seinen Augen konnte ich ablesen, dass er genau das tun würde.

Neues Heim…

Ich wische mir den Schweiß von der Stirn.

Wir sind jetzt schon seit gut einer Stunde am Schuften, schleppen Kartons in den geliehenen Transporter, laufen die Treppen auf und ab - und endlich, endlich ist das Ende in Sicht.

Der letzte dunkelbraune Karton im Flur ist schwer, dennoch komme ich nicht umhin, kurz stehen zu bleiben und einen langen Blick durch meine Wohnung schweifen zu lassen, die plötzlich nackt und wie ein abgetrennter Körperteil erscheint.

Stille umhüllt mich.

Zwei Zimmer liegen vor mir, zu denen ich plötzlich keinerlei Verbindung mehr spüre – all meine Möbel sind fort. Bis auf die Couch, die jetzt in meinem kleinen Zimmer 20 Minuten Autofahrt von hier steht, haben wir alles weggeworfen. Den Tisch, das quietschende Bett, die abgefuckte Kommode, alles.

Die Wände erstrahlen in einem Weiß, das ich in dieser kläglichen Entschuldigung für ein Zuhause nie erwartet hätte; wir haben sie mit Kilian und Holger zusammen gestrichen. Nichts hier erinnert mehr an mein Leben – und doch ist hier so viel passiert.

Mein Unterbewusstsein bombardiert mich mit all diesen Erinnerungen; an meine einsamen Nächte vor dem Rechner, an die wenig bemerkenswerten Momente mit Fremden, an Marcels Gesichtsausdruck, als ich ihm mitteilte, es sei vorbei; an Christophers aller ersten Besuch und die vielen Weiteren.

Unsere Geschichte begann im Park.

Aber so richtig hat sie doch erst hier angefangen, in diesen zwei Zimmern, die ich jetzt verlassen werde.

„Wird da jemand etwa sentimental?“, wispert Christopher plötzlich in mein Ohr und erschreckt mich leicht. Auch er trägt einen Karton, den wirklich allerletzten voll mit meinen Sachen, mit Klamotten, Schuhen, Kleinkram.

„Ein wenig…“

Sachte küsst er mich auf die Lippen und lächelt danach. „War ja auch deine erste eigene Wohnung. Und die letzte.“ Jetzt zwinkert er mir zu und mein Herz macht einen kleinen Sprung.

Einige Sekunden später muss ich allerdings schon wieder schlucken.

Ein Schritt in die gemeinsame Wohnung birgt viele Risiken.

Auch Frank habe ich von diesem Vorhaben erzählt. Mein guter Freund hat mich daraufhin regelrecht zugetextet, mich vor dem Einzug des Alltags gewarnt und mir von seinem Cousin berichtet. „Der ist mit seiner Freundin nach drei Jahren Beziehung zusammengezogen, hat sie sogar geheiratet und jetzt tobt da ein wahnsinniger Krieg, weil die sich plötzlich total hassen. Und vorher waren die das totale Vorzeigepärchen!“

Ich seufze und versuche diese Gedanken wieder zu verdrängen. Ich will das hier. Ich weiß, dass es richtig ist und dass Christopher und ich zusammengehören.

„Kommst du?“, fordert mein Freund mich nun auf und dreht sich zu mir um. Ich seufze und werfe den vorerst letzten Blick in dieses klein Reich, dessen König ich nicht mehr bin. Dann gehen wir, und als sich die Tür schließt, wird mir klar, dass ein wichtiges Kapitel meines Lebens damit soeben zu Ende gegangen ist und nun tatsächlich ein neues beginnt.

Ein seltsam aufregendes, ebenso wie beängstigendes Gefühl ist das. Doch als wir die letzten Kartons in Christophers ehemaliges Gästezimmer bringen und ich mein in den wenigen Tagen hastig vollbrachtes Werk in meinem neuen Territorium betrachte, spüre ich nur noch pure Freude, die es überall auf diese ganz besondere Art kribbeln lässt.

Christopher streckt sich und gähnt.

„Erschöpft?“, ziehe ich ihn auf.

„Und wie“, meint er nur und greift nach meinem Arm.

Wir liegen auf der weichen Matratze des Bettes, das ich wohl kaum als zukünftigen Schlafplatz klassifizieren kann, das sich aber durchaus als angenehmer Ort zum Horror-Streamen und Ausruhen im Allgemeinen eignet; mein privater Ort, an dem ich ein wenig abschalten kann, so wie es mir passt.

Ich gähne leicht – die Anstrengung vom Renovieren macht sich auch bei mir bemerkbar. Langsam lasse ich meinen Blick über den frisch hergestellten Raum wandern. Aus dem ziemlich minimalistischen Gästezimmer – kaum genutzt – ist eine kleine Oase ganz nach meinem Geschmack entstanden.

Die Wände sind dunkelgrün und ich habe mir eine gruselige Ecke eingerichtet: Auf zwei schwarzen Regale verteilt stehen dort meine originalen und legal erworbenen Horrorfilme, meine wenigen Figuren aus verschiedenen Streifen und an der Wand daneben habe ich die die Plakate von Ju-On und Silent Hill angebracht. Ein keines Paradies in meinen Augen.

Je länger ich über den Originalzustand dieses Zimmers nachdenke, desto mehr drängt sich mir eine ganz bestimmte Frage auf: Haben Christopher und ich eigentlich jemals diesen Ort irgendwie zusammen genutzt?

„Hey…“, sage ich im Gedanken versunken, mit einem leichten Grinsen auf den Lippen, „hier haben wir noch nie gevögelt, oder?“

Christophers Atem streicht über meinen Hals. Doch mein Freund reagiert gar nicht auf meine direkte und recht pikante Aussage. Nach einigen Sekunden des intensiven Lauschens, für das ich sogar extra die Luft anhalte, weiß ich wieso: Christopher schläft. Sein Atem geht ruhig und gleichmäßig und nach einer Weile zuckt er dann und wann auf. Was er wohl gerade träumt?

Vielleicht, wie er sich genau hier an mir vergeht, wie seine Hände über meine nackte Haut streicheln und er meine Mitte massiert, wie er in mich eindringt und ich ihn begierig empfange; wie er ungehalten in mich stößt und mich kratzt und beißt und ableckt und wie meine Stimme immer lauter wird, weil ich meine Lust hinausschreien muss?

Meine Hand streichelt durch sein Haar und ich hauche ihm einen sanften Kuss auf die Stirn, ohne ihn aufzuwecken. Durch meine expliziten Gedanken werde ich mir seines Körpergewichts plötzlich sehr bewusst, seiner Arme, die er um mich geschlungen hat, seines Beines, das er quer über meines gelegt hat, als wolle er mich davon abhalten, aufzustehen; seiner Mitte, die gegen die Seite meines Oberschenkels drückt.

Sein Duft, gepaart mit dem leichten Geruch von Farbe steigt in meine Nase. Meine Lippen fühlen sich plötzlich trocken an und ich lecke flink mit meiner Zunge drüber; und genau bei jenem Zug werde ich mir meiner eigenen Erregung bewusst, die sich zentnerschwer auf meinen Körper gelegt hat, und die Christophers Schwere nur noch zu intensivieren scheint.

Aber ich darf mich nicht rühren!

Ich will ihm diesen süßen Schlaf, den er so dringend braucht, nicht rauben. Die letzten Tage hat mein Freund nach der Arbeit meine Sachen mit mir gepackt, Möbel auseinandergebaut und Papierkram erledigt. Nun ist er erledigt und seine Erschöpfung hat Kontrolle über seinen Organismus erlangt, zieht ihn hinab in die unerklärte Welt der Träume. Ja, er träumt ganz sicherlich. Vielleicht sogar tatsächlich von den Dingen, die mir so im Kopfe herum schwirren?

Fünf Minuten vergehen, zehn. In den Wirrungen meines Hirns lege ich mir einen kleinen Plan zusammen und stelle mir die nahende Vorgehensweise in ihrem kleinsten Detail vor: Wie ich Christopher vorsichtig auf den Rücken drehen werde, ohne in dabei zu wecken, wie ich ebenso bedächtig hinabrutschen werde, um ihm den Bund seiner Hose zu öffnen, wie meine Augen sich dann an seinem allmählich sichtbar werdenden Fleisch laben werden – und wie ich langsam seine Männlichkeit mit meiner nassen Zunge traktieren und seine Erregung herbei beschwören und seinen Geist erwecken werde.

Ja, genau das werde ich gleich tun…. Gleich… Gleich.

„…Niko…“, murmelt eine mir sehr bekannte Stimme aus dem Off und ich runzle die Stirn. Es ist komplett dunkel um mich herum und meine Glieder fühlen sich seltsam schwer an, ich kann meine Augen gar nicht öffnen. „Niko“, wiederholt die Stimme meinen Namen nun etwas lauter und mir steigt ein seltsam bekannter Geruch in die Nase; mein Bauch knurrt, im selben Moment öffne ich die Augen. Christopher steht über mir. „Komm’ ich hab gekocht“, sagt er lächelnd.

„Fuck…!“, wispere ich, während ich mich strecke und mein Freund mich belustigt ansieht. „Eigentlich hatte ich vor, dich zu vernaschen.“

„Ich denke da wird sich noch die eine oder andere Gelegenheit ergeben“, entgegnet er zufrieden grinsend.

Wir essen zu Abend und eigentlich ist alles so wie immer. Wir beide sitzen am massiven Küchentisch, ich warte bis mein Meister sich bedient hat, dann die leise Musik, die aus dem Radio dringt, untermalt vom leichten Geklirre des Bestecks auf unseren Tellern, diese entspannte Atmosphäre am Ende eines Tages, die Geborgenheit.

Und doch ist alles anders.

Es ist unser erster Abend in der gemeinsamen Wohnung. Ich bin kein Gast mehr hier. Das hier sind ab heute auch meine vier Wände. Es wird keine Fahrten mehr „nach Hause“ geben. Keine Absprachen mehr, wann wir uns wo treffen. Kein nerviges Packen von Reisetaschen für ein paar Tage. Ich habe alles hier. Alles.

Christopher gießt den Wein ein.

„Auf uns Niko“, sagte er und die dünnen Ränder der Gläser berühren sich gar zärtlich, als wir uns in die Augen sehen und auf unser künftiges Zusammenleben anstoßen.

Er will, dass ich mit im Mietvertrag stehe. „Das regeln wir am besten gleich schon morgen, dann haben wir es hinter uns. Und denk’ dran, dich danach rechtzeitig umzumelden, hörst du?“ Nickend nehme ich noch einen Schluck Wein, der gar nicht mal so schlecht schmeckt. „Vergiss auch nicht, deine Adressänderung der Uni mitzuteilen und der Krankenkasse. Und vor allem deinen Eltern.“

Plötzlich verliert das Getränk seinen Pepp. Ich seufze.

„Ich schreib’ meiner Mutter und meinem Vater ne kurze Mail morgen oder so.“

Christopher legt sein Messer beiseite. „Das meinst du doch jetzt nicht ernst, oder?“

Ich sehe auf. „Doch.“

Die Miene auf seinem Gesicht wird bitter. Er schüttelt den Kopf. „Nein. Vor allem deinem Vater wirst du keine Mail schreiben, er hat es dir bis jetzt ermöglicht, eine eigene Wohnung zu halten und ohne Nebenjob deinem Studium nachzugehen, vergiss das nicht.“

„Dann schreibe ich ihm einen Brief“, witzele ich giftig und Christopher verdreht die Augen.

„Nein, Niko. Das wirst du nicht tun. Du wirst das face-to-face mit ihm klären.“

„Wieso sollte ich?“

„Ist das wirklich dein ernst?“ Sein Blick ist streng.

Ich lecke über meine Lippen. „Du weißt, dass Reden mit meinem Vater nicht gerade leicht ist.“
„Da du in den vergangenen zwei Jahren so gut wie gar nicht mit ihm geredet hast, bis auf Smalltalk dann und wann, könnte es gut sein, dass sich das geändert hat.“

Im ersten Moment bin ich so wütend, dass ich gar nicht weiß, was ich sagen soll. Bis ich ihm ins Gesicht ein „Code Red!“ pfeffere.

„Okay… Code Red“, zischt Christopher und runzelt verärgert die Stirn.

„Ich glaube, es ist immer noch meine Angelegenheit, wie ich meinen Vater über meine neuen Lebensumstände informiere“, sage ich so ruhig es geht.

Wenn es um das Thema Familie geht, bin ich eben sehr leicht reizbar. Aber Christopher doch auch. Eigentlich müsste er mich verstehen. Wahrscheinlich würde er seinem Vater einfach eine SMS schicken, lebte er noch und wäre Herr Lang in meiner Situation.

„Das sehe ich anders“, meint der Anwalt aber nur.

„Erleuchte mich“, fordere ich ihn etwas provozierend heraus und verschränke die Arme vor der Brust.

„In allererster Linie will ich nicht, dass du den wenigen Kontakt, den du mit deinem Vater hast, komplett aufs Spiel setzt. Weißt du wie verarscht und hintergangen er sich fühlen wird, wenn du ihm das so unpersönlich mitteilst? Denn nein, egal was du jetzt sagst, dein Leben interessiert ihn eben doch. Er kann es dir nicht immer zeigen, aber ganz ehrlich: Du hast bis jetzt immer nur an dessen Geburtstag das Telefon ergriffen. Dein Vater aber ruft dich mindestens alle zwei Monate an und fragt dich, wie es dir geht. Dass daraus kein intensives Gespräch entsteht, wundert mich gar nicht. Du kriegst ja nicht mal einen zusammenhängenden Satz über die Lippen und klingst unheimlich gelangweilt und distanziert. Ich glaube, es ist durchaus meine Angelegenheit, weil ich der einzige bin, der dich darauf mal hinweisen kann“, fasst er zusammen.

„Du… Du gibst mir jetzt wirklich die Schuld an dem beschissenen Verhältnis das mein Alter und ich haben?!“ Meine Stimme zittert und Christopher verdreht schon wieder die Augen. In diesem Moment erscheint jenes Blau irgendwie nicht so betörend wie sonst.

„Das sage ich doch gar nicht“, meint er beschwichtigend.

„Doch, tust du…!“

„Nein, Niko, habe ich nicht und jetzt lass diese infantilen Streitereien!“, wirft er energisch ein und seufzt dann.

„Wieso?“, meine ich spöttisch. „Du machst ja offenbar gerne mit.“

Christophers Miene ist finster. Unser Essen wird kalt.

„Hör zu“, setzt er dann erneut an, „ich will einfach nur, dass unser Zusammenziehen nicht zu einem weiteren, riesigen Streitpunkt zwischen deinem Vater und dir wird. Sieh es doch einmal so: Du stellst ihn ja schon vor vollbrachte Tatsachen, das allein wird ihn höchstwahrscheinlich schon etwas auf die Palme bringen und du hast deine spätpubertäre Provokation. Aber gleichzeitig gibst du ihm zu verstehen, dass es wichtig für dich ist, ihn darüber in Kenntnis zu setzen und ich bin mir sicher, dass es das irgendwo auch für dich so ist. Und du kannst ihm, ich sag’s noch einmal, danken, dass er dir bis jetzt hat ermöglichen können zu Studieren und eine eigene Bude zu haben, wie gesagt. Nimm’ das nicht als selbstverständlich hin.“

„Spätpubertäre Provokation…“, murmele ich leise aber voll geladen unter meiner Nase. „Pff!“ Über den Rest kann ich momentan gar nicht nachdenken.

Christopher seufzt. „Okay, das war vielleicht nicht gerade das richtige Wort.“

„Allerdings, Herr Lang. Schließlich weißt du von allen am besten, was zwischen meinen Eltern und mir gelaufen ist. Schade, dass du das so schnell vergessen hast.“ Meine Kehle schnürt sich zu. Unser erster Abend in der gemeinsamen Wohnung und dann so was. Sofort sind wir das zankende Pärchen, das sich zu sehr auf der Pelle hockt, wie von Markus prophezeit.

...und von meinen aggressiven Worten gegenüber Christopher bin ich auch ein wenig überrascht.

„Ach, Mensch, Niko. Ich will nicht, dass wir uns am ersten Abend in der gemeinsamen Wohnung streiten“, kommt es dann mild von meinem Freund, als würde er in meinen Gedanken lesen.

„Dann lass’ das Thema einfach sein“, entgegne ich patzig und ernte ein weiteres, tiefes Seufzen.

„Ich versuche doch nur dir zur helfen…“

„Vielleicht will ich mir ja gar nicht helfen lassen…?!“

Wir blicken einander an. Keiner sagt etwas. Dann klingelt auch noch das Telefon.

„Ich geh schon…“, meint Christopher leise und erhebt sich. Ich kann nicht hören, was er sagt, und ich weiß somit auch nicht, wer da am anderen Ende der Leitung ist, und eigentlich ist es mir auch egal. Unsere abgebrochene Konversation liegt mir schwer im Magen, schwerer als das Essen.

Mein Kopf raucht.

Alles ist scheiße.

Ich stochere in den mittlerweile wirklich kalten Nudeln herum. Einige Minuten sind vergangen, seitdem mein Freund zum Telefon geeilt ist. Wenn ich mich nicht irre, hat er sich mit dem Ding ins Arbeitszimmer verzogen. Langsam könnte er wirklich wiederkommen, damit wir wenigstens noch den Rest des Abends zu retten versuchen. Ich warte; weitere fünf Minuten vergehen.

Ich grinse kalt.

Wahrscheinlich telefoniert er gar nicht mehr, und lässt mich warten, wie er es schon immer getan hat, damit ich über meine Worte noch einmal nachdenken kann. Ein beruhigendes Gefühl. Ein Stückchen unserer wirren Normalität scheint zurückzukehren und ermöglicht es mir, etwas zu entspannen.

Nach weiteren fünf Minuten erhebe ich mich und schlendere langsam zum Arbeitszimmer. Als ich vor der Tür innehalte, muss ich jedoch erkennen, dass ich falsch lag. Christopher unterhält sich noch immer und seiner Tonart nach zu urteilen mit jemandem, den er gut kennt. Fast schon amüsiert ist Herr Lang und die Erkenntnis bringt mich beinahe wieder direkt auf die Palme.

Laut klopfe ich gegen die Tür; man kann es schon fast als Hämmern bezeichnen und das „herein“ von Christopher interessiert mich in diesem Augenblick auch ziemlich wenig, ich wäre wahrscheinlich auch ohne dessen Reaktion ins Zimmer gestürmt.

Aufmerksam blickt er mich an und ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, aber ich weiß nicht was. Eben noch habe ich ihn am liebsten anschreien wollen, jetzt scheint meine Stimme plötzlich kraftlos, als ich ihn so ansehe.

Gefühlschaos, eine Achterbahnfahrt. Seltsam das Ganze. So hatte ich mir unseren ersten Abend nicht vorgestellt.

„Du, ich muss dich jetzt wirklich abwürgen, ich will den Abend mit Niko verbringen, das verstehst du sicherlich“, spricht Christopher in den Hörer, ohne dabei den Blick von mir abzuwenden. „…mhm… ja, ich melde mich wieder. Tschüß!“ Dann ertönt der Piepton, als Christophers Daumen die rote Taste streift, die das Gespräch beendet.

„Danke“, murmele ich, da steht Herr Lang schon auf und blickt mir tief in die Augen, lächelt beschwichtigend und meine Knie werden mal wieder weich.

Ich bin so schwach, wenn es um Christopher geht.

„Es tut mir Leid, Niko“, säuselt er in mein Ohr, als er mich endlich umarmt und mir dann auch direkt einen Kuss auf die Wange drückt. „Ich wollte dich nicht verärgern… Ich mein’s echt nur gut.“

„Ist schon okay…“, nuschele ich, seinen Geruch einatmend. „Wer war das?“, hake ich dann nach, einfach um eine Art normaler Konversation voranzutreiben, in der Hoffnung, das Thema mein Vater sei wenigstens für heute Abend abgehakt.

„…das war Adrian“, antwortet mein Freund mir schließlich und ich versteife mich.

Kann dieser Abend eigentlich noch beschissener werden?

Nicht nur, dass wir uns wegen meiner Familienkiste in die Haare kriegen, nein, jetzt ruft auch noch der erste Verflossene meines Partners an, mit dem das Zusammenwohnen nicht geklappt hat. Ein böses Omen?

„Ich, ähm… soll dich grüßen“, meint mein Freund vorsichtig und streicht mir ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht.

„Danke“, antworte ich etwas säuerlich. „Hat Adrian dich noch einmal erinnert, was bei eurer gemeinsamen Wohnung alles schief gegangen ist? Hast dir noch schnell Tipps geholt, was du jetzt besser machen kannst?“

Kaum dass ich es gesagt habe, bereue ich meine patzigen Worte auch schon wieder. Anstatt den Abend zu retten, mache ich ihn nur schlimmer. Das sagt mir auch Christophers tiefes Seufzen, nach dem er sich mit beiden Händen durchs Gesicht fährt.

Wirklich, was zur Hölle ist los mit mir? Ich will Christopher nicht widersprechen, oder ihm bissige Dinge entgegen zischen.

„Sorry…“, murmele ich.

„Ist schon gut…“, meint er nur und zieht mich erneut in eine Umarmung. „Weißt du…“, sagt er dann, „wir sind beide extrem müde und aufgewühlt und aufgeregt und deswegen sollten wir vielleicht einfach ins Bett gehen, hm? Wir schlafen aus, frühstücken morgen in Ruhe und dann klären wir alles, was wir zu klären haben. In Ruhe und mit klarem Kopf.“

„Musst du nicht morgen den ganzen Tag arbeiten?“

„Ich hab nur einen Termin und den sage ich ab.“

„…cool“, meine ich nur und lächel und dann lächelt auch Christopher.

In seinem großen Bett zu liegen ist nichts Neues, selbst das Muster der Bettwäsche kenne ich in und auswendig. Die Geräusche sind mir vertraut, der gesamte Raum. Mich in kompletter Dunkelheit zurecht zu finden wäre kein Problem. Dennoch ist alles anders in dieser Nacht.

Weil es die erste Nacht in meinem neuen Heim ist.

Christopher kuschelt sich an mich. Sein nackter Oberkörper fühlt sich heiß an meinem Rücken an. Er knabbert an meinem Ohrläppchen, seine Hände auf meinem Bauch und meiner Brust.

„…Christopher…“, flüstere ich.

„…hm?...“

„Code Green?“

„…Code Green… du ungezogener Bengel“, wispert er und dabei kratzt er ganz leicht über meine Brustwarzen. Ich kichere und dann dreht Christopher mich auch an meinen Handgelenken um 180 Grad zu sich um; ich kann seinen Atem an meinen Lippen spüren und in der nächtlichen Dunkelheit gerade so die Konturen seines wunderschönen Gesichts ausmachen.

Christopher fasst mein Kinn an und küsst mich, ich kann, und ich will mich nicht dagegen wehren. Die Finger seiner anderen Hand fahren spielerisch über meine Seite, es kitzelt leicht. Ja, dieser Moment ist schön, vor allem als seine Zunge in meinen Mund dringt und er mich enger an seinen Körper zieht, sodass sich seine Wärme intensiviert, ebenso wie sein Geruch. Meine Hände legen sich auf seine breiten Schultern, die Haut dort ist heiß und geschmeidig.

Ich spüre seine langsam hart werdende Mitte und stöhne leicht, als er mit seiner Zunge meine Halsbeuge erkundet und seine Hände meinen entblößten Pobacken kneten.

...ja, so hatte ich mir diesen ersten Abend in der gemeinsamen Wohnung schon eher vorgestellt...

Christopher verteilt sachte Küsse entlang meiner Brust. Hier und da beißt leicht er hinein. Seine Fingernägel hinterlassen sicherlich sachte Striemen auf meiner hellen Haut. Christophers Berührungen sind so angenehm, so wohltuend... so schön und...

Ich drifte ab.

Als ich meine Augen wieder öffne, dringen Sonnenstrahlen durch den Spalt zwischen den Gardinen. Ich blinzele. Und als ich meinen Kopf zur Seite drehe, blicke ich in zwei verschlafene blaue Augen.

„Hey...“, murmelt mein Freund und gähnt, was furchtbar süß aussieht. Sein blondes Haar ist vollkommen durcheinander, so als hätte er sich die Haare gerauft. Was ich ihm nach unserem gestrigen Fehlstart, wenn man denn so will, gar nicht mal so übel nehmen könnte.

„Guten Morgen, Christopher“, entgegne ich nun und rutsche ein wenig näher, sodass unsere Körper sich berühren. „Entschuldige bitte, dass ich gestern einfach eingeschlafen bin.“

„Wir waren beide müde, Niko.“ Christopher schlingt seine Arme um mich, seine Stimme ist mild.

„Mhm“, mache ich. „Es tut mir trotzdem leid. Und auch, dass ich dir gegenüber so patzig und... aufmüpfig war.“

„Hm. Ein einsichtiger und reumütiger Sklave, so gefällst du mir“,  meint er zufrieden und streicht mir durchs Haar. Unsere Blicke treffen sich und dann fällt mir plötzlich etwas wieder ein. Eine der vielen Regeln, über die Christopher und ich gesprochen haben. „Was ist?“, hakt mein Freund nach, als ich ihn so mit offenem Mund anstarre.

„...ich... Gilt die Regel mit dem morgendlichen Blow-Job eigentlich schon ab heute...?“

Christopher überlegt kurz. „Nicht, dass ich jetzt etwas gegen deine Dienste hätte, aber bis jetzt gilt eigentlich noch keine unserer Regeln, weil wir sie noch nicht in einem Vertrag festgehalten haben...“

„Könnten wir doch heute tun?“

„Das werden wir“, stimmt er zu und im selben Moment zieht er meinen Kopf an meinen dunklen Strähnen harsch zurück; so wie ich es liebe. Härte umspielt seine Gesichtszüge, die eben noch so sanft gewesen sind. „Aber zuerst stehst du auf, holst frische Brötchen, kochst Kaffee und bereitest das Frühstück für deinen Herren vor, verstanden? Und danach räumst du natürlich alles weg und machst den Abwasch.“

Ein Grinsen macht sich nun auf meinem Gesicht breit und es kribbelt in meiner Magengegend. „Ich dachte…“, setze ich verspielt an, „dass noch gar keine von unseren Regeln gilt…?“

Christopher lässt mich los und setzt sich auf, lehnt sich gegen das Kopfteil. Fragend blicke ich meinen Master an. Oder sagen wir eher: erwartungsvoll. Ich werde nicht enttäuscht. Schon eine Sekunde später packt er mich grob am Nacken und schiebt mich in Richtung Bettkante.

„Hol das Paddel“, ist alles, was er sagt, mit dieser faszinierend tiefen Stimme. Unweigerlich driften meine Erinnerungen an seine damalige Regelabfrage mit eben jenem Instrument an die Oberfläche und überschwämmen mich. Als ich mich nicht sofort rühre tritt Christopher nach mir, sein Fuß trifft meinen Oberschenkel und ich rutsche mit einem Satz vom Bett, krache mit dem Po auf den Boden.

„Autsch!“

„Hol das Paddel!“, blafft Christopher und dieses Mal husche ich direkt ins Zimmer.

Mein Freund legt mich übers Knie.

„Denk’ ja nicht, dass du jetzt frech werden darfst, nur weil du kein Gast mehr hier bist“, ermahnt er mich, ehe er das Spielzeug wieder ungehalten auf meine sensible und schon geschundene Haut niedersausen lässt.

„…entschuldige, Christopher“, wimmere ich und kralle mich im Laken fest, und er setzt seine kleine aber ach so fiese Züchtigung fort. Mein Stöhnen und Winseln erfüllt den Raum, mein Hintern ziept und mit jedem seiner Schläge wird es unausstehlicher. Aber ich flehe meinen Herren nicht an, es zu beenden, denn schließlich will ich ihn zufrieden stimmen und ihm deutlich machen, dass ich ein gehorsamer Sklave sein kann und dass ich gewillt bin, seinen Worten Folge zu leisten, ebenso wie seine mit gutem Recht angewandten Strafen zu ertragen.

"Wirst du jetzt brav sein?“, fragt er mich plötzlich und fährt ganz vorsichtig mit seinen Fingern über meine glühende Haut. Selbst diese vorsichtige und sanfte Berührung zwickt grauenvoll in diesem Moment, ich zittere.

„…ja, Christopher“, hauche ich.

„Gut.“

Ich bin steinhart.

Aber das ignoriert Christopher, als er mir hilft, mich einzucremen und mich dann trotz der Schmerzen in meine etwas engere Jeanshose hüpfen und zum Bäcker abziehen lässt. Er liegt noch im Bett, als ich wiederkomme und umgehend den Kaffee aufsetze. Ja, ich kenne mich aus in seiner Küche, in der ich schon sehr bald meine eigenen Kreationen zubereiten werde. Das Kochbuch, welches Christopher mir geschenkt hat, liegt auf dem Fensterbrett und wartet nur darauf, benutzt zu werden.

Als ich die Kaffeetassen aus dem Schrank holen will, bin ich im ersten Moment etwas irritiert, als ich die fünf Becher aus meinem kläglichen Besitz plötzlich hier erblicke. Dann fällt es mir wieder ein: Ich wohne doch jetzt hier. Ein seltsames Gefühl…

Alles so vertraut. Und doch so anders.

Vorsichtig schleiche ich mich ins Schlafzimmer. Christopher ist tatsächlich wieder eingedöst, sein Mund halboffen und die Bettdecke nur halb über seinen Körper gezogen. Vorsichtig nähere ich mich ihm und lasse meine Lippen auf seine Wange sinken, er wird wach und blinzelt.

„Frühstück ist fertig“, informiere ich ihn flüsternd. Er lächelt. Und als er aufsteht gibt er mir tatsächlich einen harten Klaps auf den Hintern; ich jaule auf als der Schmerz in seiner geballten Laden durch meinen Organismus zieht. Christopher lacht. „Setz dich an den Küchentisch, ich bin gleich da.“

Ich starre die frischen Cherrytomaten an, die ich in einer Schüssel drapiert habe. Die Butter, die wir gestern gekauft haben. Die Eier, die schon erkaltet sind. Den Kaffee in der Kanne, der so verführerisch gut riecht. Die braunen, körnigen Brötchen, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen.

Christopher duscht. Ausgiebig. Er rasiert sich, ich höre das Geräusch der kleinen Maschine. Er fönt sich die Haare. Vielleicht legt er sich sogar noch eine Gesichtsmaske auf, geht seinen Kleiderschrank durch oder liest sich einen Artikel auf seinem Smartphone durch.

Er lässt mich warten. Und ich sitze still. Ärgere mich nur, dass ich nicht das Radio eingeschaltet habe, doch das übernimmt mein Freund, der nun endlich in die Küche stolziert kommt.

„Das sieht aber lecker aus“, meint er zum gut gedeckten Tisch. Ich beobachte ihn dabei, wie er sich eines der gut ausgebackenen Brötchen nimmt, wie er sich Kaffee eingießt, wie er genüsslich von dem knusprigen Gebäck, nun mit Kräuterquark belegt, abbeißt und mich dann ansieht. Erst dann greife auch ich nach der Kaffeekanne. Christopher grinst leicht.

„Unser erstes gemeinsames Frühstück in der gemeinsamen Wohnung“, sagt er dann und es kribbelt wieder so extrem in meinem Bauch.

Hoffentlich wird es nur besser als das erste gemeinsame Abendessen…

„Hast du gut geschlafen?“, will er wissen.

„Ja, und du, Christopher?“

„Ich auch.“ Er lächelt und ich tue es ihm gleich. Und plötzlich ist Markus’ Prophezeiung weit, weit weg und erscheint schlichtweg unrealistisch.

Auch wenn wir den neuen Vertrag noch nicht aufgesetzt haben, räume ich ab und erledige den Abwasch. Christopher betrachtet mich dabei und als ich fertig bin, zieht er mich auf seinen Schoß - was gleichermaßen schön wie auch schmerzhaft ist, mein Hintern pocht noch immer, bei jeder Berührung. Es ist herrlich.

„Wollen wir das mit dem Mietvertrag nun regeln?“ Damit geht es los. Mit Christophers Vermieter war schon alles abgesprochen, ich brauche nur noch meine Unterschrift zu setzen. Ein historischer Moment wenn man so will. Als ich den Stift beiseite lege, bin ich immer noch so aufgeregt wie ein Kind, das zum ersten Mal Achterbahn gefahren ist.

Meinen Vermieter rufen wir auch noch an, er und ich haben schon Anzeigen geschaltet für meine Bude und verabreden einen Besichtigungstermin für übermorgen, weil sich schon so viele Interessenten angekündigt haben. Die dreimonatige Kündigungsfrist interessiert den Typen Gott sei Dank nicht, weswegen dieser schnelle Umzug überhaupt möglich ist.

Wobei, Christopher wäre es auch egal, wenn er noch drei Monate meine Wohnung mitbezahlen müsste. Das behauptet er jedenfalls.

Ich denke an meine Wohnung, die so, wie sie in meinen Erinnerungen ist, gar nicht mehr existiert.

Ich kann nicht fassen, dass in diesen mir so bekannten Wänden schon bald jemand anderes sein Unwesen treiben wird. Überhaupt ist alles gerade so… seltsam. Ich habe mir dieses Zusammenziehen ja schon öfters vorgestellt. Jetzt, wo es Realität geworden ist, weiß ich gar nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich glaube ich raffe einfach noch nicht, dass es wirklich passiert.

„Niko?“, reißt Christopher mich aus meinen Gedanken.

„Ja?“

Er sitzt auf seinem Schreibtisch, die Arme vor der Brust verschränkt und blickt streng auf mich hinab. Sein Schreibtischstuhl ist echt gemütlich…

„Bevor wir zum netten Teil des Tages kommen, müssen wir noch etwas klären“, sagt er dann ernsthaft. Ich schweige und schaue ihn weiterhin an. Eigentlich weiß ich, was kommt. Erst recht, als er mir das Telefon vor die Nase hält. „Kompromiss: Du teilst unser Zusammenziehen deinem Vater auf diesem Weg mit. Das ist immer noch besser als nur einen Brief zu schreiben. Hm?“

Ich seufze. Ich will nicht streiten. Aber ich hasse es, dass das Thema wahrscheinlich auch unseren ersten gemeinsamen Nachmittag ruinieren wird.

„Niko…“, raunt Christopher meinen Namen und etwas Bedrohliches schleicht sich in seine Stimme. „Wir werden heute kein Streitgespräch führen wie gestern und wir werden jetzt auch nicht in den Code Red gehen“, sagt er und mein Herz fängt wild in meiner Brust an zu pochen. Das ist in der Tat neu… Dass er ankündigt, unser Master-und-Slave-Verhältnis nicht für eine wichtige Diskussion aussetzen zu wollen. Eigentlich sollte mir das Angst machen, aber im Moment erweckt es einfach nur meine Neugier und macht mich hellhörig. „Wenn ich schon bestimmen soll, was du anziehst, und entscheiden darf, ob du mit Markus oder Paul telefonierst, oder dich mit einem von ihnen oder sonst wem zum Kaffee triffst, und dir die Erlaubnis erteile, aus dem Haus zu gehen, dann kann ich dir ja wohl auch befehlen, deinen Vater anzurufen. Oder siehst du das anders?“

Seine Worte hallen wie ein Echo durch meinen Kopf. Die kleinen Rädchen dort setzen sich in Bewegung.

„Wenn ich sage, du sollst Brötchen holen, tust du es. Wenn ich sage ‚zieh dich aus’, dann reißt du dir sofort deine Klamotten vom Leib. Wenn ich dich anweise, auf Partys nett zu Miriam zu sein, dann bist du das“, spricht er weiter. „Wenn ich dich auf den Boden drücke, dann bleibst du unten, und wenn ich dich anrufe und sage, du sollst sofort herkommen, lässt du alles links liegen und eilst zu mir herbei, weil ich deine Priorität bin, ein Gebot, dem du aus freiem Willen zugestimmt hast, wenn ich dich daran erinnern darf.“

Er beugt sich zu mir herunter und sein Gesicht ist meinem jetzt so nah, dass sich unsere Nasenspitzen fast berühren.

„Niko, korrigier mich, aber ich bin dein Herr, oder nicht?“

„Ja, Christopher, das bist du“, bringe ich nur flüsternd heraus.

„Und wir waren uns doch immer einig, dass dein Gehorsam absolut ist, oder?“

„…ja, Christopher.“ Von Anfang an.

„Wir sind uns auch einig darüber gewesen, dass du nein sagen darfst…“

„…ja…, aber?“

„Aber wir sind eigentlich auch darüber einig, dass ich recht habe, was die Art der Mitteilung an deinen Vater angeht, oder nicht?“

Ich schweige. Es ist… so hart, es zuzugeben. Selbst Christopher gegenüber.

„Niko, willst du deinen Master zufrieden stellen?“

Ich nicke. Bedächtig, die Lippen zusammengepresst. Er kritisiert mich dieses Mal nicht, dass ich ihm nicht auf korrekte Weise geantwortet habe, sondern sagt: „Dann wirst du jetzt das Telefon nehmen und es deinem Vater sagen. Sofort.“

Mein Herz schlägt wild in meiner Brust als ich den schwarzen Hörer entgegennehme und die Nummer, die ich tatsächlich auswendig kann, einfach eintippe. Ohne zu protestieren. Warum auch immer. Ich habe plötzlich gar kein Bedürfnis, mich gegen Christopher zu stellen, der nicht von meiner Seite weicht, mich genau betrachtet, während ich dem Freizeichen lausche. Als ich schon bereit bin es aufzugeben, erklingt die Stimme meines Vaters.

„Hey, Niko! Wie geht’s dir? Ich hab’ ja echt schon lange nichts mehr von dir gehört!“, brüllt er regelrecht hinein, scheinbar gut gelaunt.

Ich bin gespannt, was er gleich sagen wird, wenn ich ihm die Nachricht überbringe.

Mein Vater hat Christopher bis jetzt nur ein Mal gesehen, wir haben uns auf einen Kaffee getroffen bzw. sind ihm in der Stadt über den Weg gelaufen, als er mit seiner „happy family“ auf Shoppingtour war. Was haben die Christopher angestarrt und freundlich sind die auch nicht gerade gewesen und dann kam ja noch die Höhe, als mein Vater mich dann nen Tag später anrief und so etwas von sich gab wie „Junge, der ist doch ein bisschen alt für dich“, in diesem belehrenden Ton.

Mich nervt die Tatsache, dass er sich hat plötzlich in mein Leben einmischen wollen, nachdem er jahrelang einfach nur zugesehen und lediglich Geld auf mein Konto überwiesen hat, wahrscheinlich froh, dass ich ihn nicht zu irgendwelchen regelmäßigen Treffen zwang.

„Hey Papa. Ich, äh… Mir geht’s gut“, fange ich an, nach den richtigen Worten suchend, die ich offensichtlich nicht in Christophers Augen finden kann. „Ich, ähm, es ist was passiert.“

„…was? Ist wirklich alles okay bei?“ Er macht eine kurze Pause. Dann klingt er aufgebrachter. „Hast du wieder was angestellt?“ Wahrscheinlich bezieht sich mein alter Herr auf meine beschissene Autofahrt mit der roten Ampel.

„Nein“, beruhige ich ihn. „Ich gehe auch nicht ins Gefängnis oder werde Vater, da muss ich dich enttäuschen. Ha, ha, ha.“

Mein Vater seufzt. „Also?“

„Ich bin umgezogen.“

„Wie jetzt?“

„Ich bin mit Christopher zusammengezogen“, korrigiere ich meine Aussage und mein Freund ergreift meine Hand und drückt sie ganz leicht, er lächelt und irgendwie tut das meiner Seele gerade sehr gut. Ich schwitze, meine Kehle ist trocken und ich habe einfach eine Scheißangst vor dem, was mein Vater jetzt alles sagen könnte.

So viel zu „mein Alter ist mir egal“…

„Oh!“, macht der nun. Seine Emotionen dahinter kann ich nicht deuten. „Wann denn das?“

„Jetzt erst. Also: Heute ist quasi unser erster gemeinsamer Tag in der gemeinsamen Wohnung. Und mach dir keine Sorgen wegen der alten Bude, es gibt schon zahlreiche Interessenten, also müssen wir jetzt nicht noch extra drei Monate oder so für ne leerstehende Wohnung zahlen“, kläre ich ihn auf und klinge unheimlich nervös dabei.

„Na, das klingt doch gut“, meint er und lacht unsicher. „Achja: wo wohnst du denn jetzt?“

Wir reden tatsächlich kurz über das Viertel und ich verspreche ihm auch die neue Adresse zu mailen. Mittlerweile sitzt Christopher auch wieder auf dem Schreibtischstuhl und ich auf seinem Schoß.

„Was zahlst du denn jetzt an Miete?“, wird mein Alter dann konkreter.

„…äh, eigentlich… gar nichts“, unsicher schaue ich Christopher an, der mir dann plötzlich bedeutet, ihm das Telefon zu geben.

„Wie nichts?“, fragt mein Vater erstaunt.

„Warte, ich geb’ dir eben Christopher.“

Mein Freund hält kurz die Hand über den Mikrofonschlitz und gibt mir wispernd den Befehl, das Zimmer zu verlassen. Dem verleiht er mit einer energischen Handbewegung und einem genervten Gesichtsausdruck Nachdruck, als ich ihn zunächst verdutzt anglotze; dann husche ich hinaus.

Erst als die Tür hinter mir geschlossen ist, fällt ein wenig der Anspannung von mir ab und ich hole tief Luft. Gerade ist so viel auf einmal passiert, ich weiß gar nicht, wohin mit den ganzen Emotionen. Ich habe Christopher gerade erlaubt, mein Veto in dieser Sache zu übergehen. Mehr oder weniger. Aber ich fühle mich nicht schlecht dabei.

Er hat ja Recht: Er befiehlt mir doch eh schon… fast alles?

Wobei… Eigentlich beziehen sich seine Befehle auf all die Sachen, zu denen ich theoretisch ja gezwungen werden möchte.

…und meinen Vater anzurufen, dazu habe ich mich selbst noch nie wirklich durchringen können. Einen Arschtritt habe ich gebraucht. Oder eben eine Ausrede, es zu tun. „Weil Christopher es will“ eben.

Dieser Befehl hatte nicht Betörendes an sich, wie die Anweisung das Paddel zu holen, mit dem er meinen Arsch versohlt hat.

Aber… Christopher hat so auch einfach noch mehr Macht über mich ergriffen. Auf der psychischen Ebene, oder wie auch immer ich das jetzt schubladisieren kann.

Wir haben uns gestern wegen der Sache so in die Haare bekommen, weil ich mich stur gestellt hab. Mit einem Befehl ist jetzt auf einmal alles gelöst und ich fühle mich freier, weil ich es hinter mich gebracht habe.

Der Kommentar mit der spätpubertären Provokation war natürlich daneben – aber dafür hat Christopher sich ja bereits entschuldigt. Er ist nicht immer perfekt, auch dem Anwalt rutschen dann und wann unpassende Kommentare raus. Aber die Sache ist jetzt vom Tisch.

Freude breitet sich in mir aus.

Ich freue mich auch jetzt schon darauf, Christopher in Zukunft nach der Erlaubnis, das Haus zu verlassen, fragen zu müssen. Oder eben, ob ich jemanden anrufen darf. Ich finde sogar den Gedanken spannend, mir meine Einkaufsliste von ihm absegnen zu lassen. Diese… trivialen Dinge, die plötzlich eine ganz andere Bedeutung bekommen.

Ich will das.

Doch je länger ich allein im Wohnzimmer rumhocke, desto geringer wird meine plötzliche Euphorie. Ich schlucke. Dass Christopher mit meinem Vater spricht, habe ich gerade irgendwie total verdrängt. Aber: Noch höre ich meinen Freund nicht herumbrüllen.

Trotzdem mache ich mir Sorgen.

Ich will gerade aufstehen und vorsichtig an der Zimmertür klopfen, da betritt Christopher den Raum. Er lächelt. Schwach, aber er lächelt.

„Habt ihr über das Finanzielle geredet?“, frage ich ihn und er nickt.

„Und über andere Dinge. Zum Beispiel, dass ich es ernst mit dir meine und eine Zukunft mit dir haben will“, erklärt er dann.

„Und dass du nicht mir spielst und mich ausnutzen willst?“, hake ich nach und versuche dabei wie mein Vater zu klingen. Christopher grinst.

„So in etwa“, meint er. „Dein Vater wird dir weiterhin etwas Geld überweisen, weil du ja kein BAföG bekommst. Er hat mir gesagt, er besteht darauf, dass du etwas zur Miete beiträgst. Also sag ihm einfach, dass du es tust. Aber mach es nicht, verstanden?“

„Ja, Christopher. Wenn es wirklich okay ist?“

„Ich glaube was das betrifft, habe ich mich mehr als deutlich ausgedrückt, oder nicht?“

„Ja, Christopher.“

„…gut.“ Er lächelt.

„Außerdem sagt dein Vater deiner Mutter Bescheid und…“, fügt er dann noch an und lässt seinen Blick etwas unsicher durch den Raum streifen, „kommt uns nächste Woche besuchen. Zum Essen. Mit deiner Stiefmutter und deinen Stiefgeschwistern. Und nein, das war wirklich nicht meine Idee, er hat sich selbst eingeladen, und ich habe ja wohl schlecht nein sagen können, oder?“

Ich schlage die Hände über meinem Kopf zusammen.

„Vielleicht hätte ich doch deinen Befehl missachten sollen…“, witzele ich schwach, da zieht Christopher mich an meinen Handgelenken auf die Beine, sodass meine Brust die seinige berührt. Sein Blick ist intensiv, durchdringend. Ich schlucke.

„Nein, Niko“, haucht er. „Das darfst du niemals.“ Seine Stimme verursacht Gänsehaut. Ich ziehe die Luft ein, ehe er mich küsst. „Und jetzt“, fährt er dann fort und zieht mich hinter sich her, „werden wir den neuen Sklavenvertrag unterschreiben.“

…ob Christopher der Einkaufslisten-Zusatz wohl gefallen wird?

Die Gefühlsachterbahn fährt wieder los. So vieles zum Verarbeiten…

 

 

 

 

 

30

 

 

Der Weg zu meiner alten Wohnung ist so vertraut. Am Hauptbahnhof rein in den Bus der Linie 26, zehn Haltestellen lang aus dem Fenster starren und die urbane Szenerie bewundern, ein Mal die Straße überqueren, nach einigen Metern links abbiegen, und: voilá. Ich würde den Weg zu meinem Zuhause blind finden. Aber das ist nicht mehr mein Zuhause.

Das wird mir bewusst, als ich aufschließe und der Geruch von frischer Farbe unmittelbar in meine Nase steigt, und als sich meine Augen dann auf dieses helle, neue Weiß an den Wänden legen; und als ich mitten in einem leeren Raum, dem ehemaligen Wohnzimmer stehe. Hier ist nichts mehr.

Nach etwa fünf Minuten klingelt es an der Tür. Die Besichtigung beginnt.

Von den zehn Angekündigten sind letztlich nur fünf Personen gekommen, die mit zum Teil übertriebener Gründlichkeit alle Ecken der zwei kleinen Zimmer inspizieren und im engen, dunklen Bad die Nase rümpfen. Die einzige, die so etwas wie Begeisterung für die Wohnung aufbringen kann, ist das kleingewachsene Anime-Mädchen.

Jedenfalls lassen ihre pink-violett-schwarzen Haare, der Kapuzenpulli mit den abstehenden, spitzen Katzenohren, die schwarz-weiß gestreifte Strumpfhose unter dem dunklen Tüllrock und ihre mit zahlreichen Anime- und Mangafiguren bestickte Umhängetasche darauf schließen, dass sie auf eben jene japanischen Zeichnungen steht…

Die junge Frau ist mir auf Anhieb sympathisch.

Auch, weil sie ihren Quasi-Konkurrenten Angst macht, wann immer sie sie mit ihren komplett schwarz geschminkten Augen ansieht; die roten Kontaktlinsen lassen sie noch um einiges interessanter bzw. furchteinflößender wirken.

Außer ihr trägt am Ende nur der kleine schüchterne Nerd-Boy seine Kontaktdaten auf dem dafür vorgesehenen Papier ein und lächelt dabei dümmlich.

Die Anime-Dame geht die Räume ein zweites Mal durch, als der Rest schon verschwunden ist. „Ich kann sofort einziehen, ja?“, hakt sie nach und ich nicke.

„Wie du siehst, bin ich schon raus hier. Wenn der Vermieter zustimmt, kannst du schon morgen hier rein, wenn du magst.“

„Klasse!“ Grinsend bleibt sie vor mir stehen. „Du wirst mich ihm doch sicherlich wärmsten empfehlen, oder?“ Sie klimpert mit den künstlichen Wimpern, geplant übertrieben.

„Davon kannst du ausgehen.“

„Klasseee!“

Ihr Name ist Eilin. Aber ich soll sie Chiyo nennen. Und an der Uni direkt einen Kaffee mit ihr trinken; das jedenfalls schlägt sie vor und als die Zahnrädchen in meinem Kopf rattern, während ich versuche nette Worte zu finden, um ihr klarzumachen, dass ich vergeben bin, fügt sie schon salopp an:

„Keine Sorge, ich will nichts von dir. Du bist schwul, ich weiß.“

„…aha?“ Wahrscheinlich sehe ich gerade aus, wie eine Eule. Gefroren in meiner Bewegung, die Augen weit aufgerissen. „Und woher?“

„Schatz“, meint sie bloß frech, „mein Gaydar hat noch nie versagt!“

Ich sage ja: Ich finde sie wirklich nett.

Richtig begeistert bin ich, als wir uns bei unserem zweiten Getränk schon über asiatische Horrorfilme unterhalten. Chiyo gehört ebenso wie ich der Kategorie „Connoisseur“ an. Wir steigern uns richtig rein und lachen gemeinsam über die vereinzelten Kommentare unserer Umwelt, über die Leute, die uns als „Freaks“ bezeichnen. Wahrscheinlich sind wir das auch, zwei Freaks die viel zu süßen Kaffee mit seltsamem Aroma trinken, die zufälligerweise komplett schwarz gekleidet sind, und sich exotische Namen an den Kopf werfen, und von abgetrennten Körperteilen und Geistererscheinungen schwärmen.

Chiyo ist 21 Jahr alt und will endlich aus dem Haus ihrer Mutter ausziehen. Sie studiert, wer hätte das gedacht, Japanologie, will danach noch Medien und Kommunikationswissenschaften nachlegen und optimalerweise irgendwann als Dolmetscherin und Korrespondentin in Tokio leben. Ein hoch angesetzter Plan.

Ich denke an mein schon bald beginnendes Praktikum. Letztendlich hat es nur eine Zusage gegeben; aber eine ist besser als keine, das hat auch Christopher gesagt und mir dabei lobend durchs Haar gestreichelt. In wenigen Monaten geht’s schon los, direkt im Oktober und dann heißt es drei Monate lang nicht zur Uni pilgern sondern zur Stegna GmbH. Einem großen Fachbetrieb für Rollos und Jalousien, ebenso wie Sonnen- und Einbruchschutz. Mein Einsatzort: Abteilungen Controlling und Personal. Eigentlich hatte ich ja zu Daimler gewollt, in die Marketingabteilung, aber meine Noten in dem Fach sind wohl nicht ausreichend gewesen… Was soll’s. Richtig Lust aufs Praktikum habe ich sowieso nicht, das erzähle ich auch Chiyo, die kichert und mich als Faulpelz beschimpft, im selben Atemzug aber versichert, dass sie auch am liebsten für immer studieren würde.

Wir schätzen die freien Tage, die freien Wochenenden, die individuelle Zeiteinteilung beim Lernen.

So sehr, dass ich an diesem Tag tatsächlich meine Vorlesungen „verpassen“ werde, weil das Gespräch mit Chiyo einfach spannender und es sowieso nicht schlimm ist, dass ich nicht hingehe: Ich texte Markus und Paul und die beiden versprechen, für mich zu unterschreiben und mir nachher ihre Notizen vorbeizubringen.

Ich habe das Handy noch gar nicht weggelegt, da fängt es schon wieder an zu vibrieren; Christopher ruft an. Der alltägliche Kontrollanruf in seinen ruhigen fünf Minuten, wenn er seinen zweiten Kaffee trinkt und höchstwahrscheinlich einen Blaubeermuffin verputzt; wahrscheinlich ebenfalls seinen zweiten. Christopher ist wirklich verrückt nach diesen kleinen Küchlein.

„Wie ist es gelaufen?“, will er wissen und ich erzähle ihm, dass ich eine nette Nachmieterin gefunden habe, die die Schlüsselübergabe kaum abwarten kann und dass ich mit eben dieser netten Dame gerade im Café sitze. „Aha“, meint mein Freund daraufhin trocken, „du hast doch in zehn Minuten Vorlesung, oder nicht?“

„…ja und nein…“, meine ich und grinse Chiyo an, die amüsiert die Augenbrauen hebt und das letzte Stück ihres Käsekuchens verspeist.

„Oh nein, Niko“, sagt Christopher mit fester Stimme, „du wirst nicht schwänzen um mit Chiyo weiter Kaffeekränzchen zu halten, du wirst jetzt deinen Arsch bewegen und gefälligst zur Vorlesung gehen, hast du gehört?“ Er lässt mich nicht zu Wort kommen, legt einfach auf, was seinen Befehl nur noch unterstreicht. Ich kaue auf meiner Unterlippe herum.

„Ähm, ich glaube, ich muss doch zur Vorlesung…“

„Macht Schatzi Stress?“, hakt sie frech nach.

„Und wie“, entgegne ich vage grinsend.

„Ist wahrscheinlich auch besser so…“, meint sie und streckt sich. „Ich sollte ja auch lieber hingehen.“ Sie lacht. „Aber vorher zeigst du mir noch ein Foto von Mr. Schatzi, ja?“

„Klar.“ Ich zeige ihr das was ich vor einigen Wochen mit meinem Handy in Christophers Büro gemacht habe; er trägt einen dunkelblauen Anzug, dazu eine schwarze Krawatte, ein weißes Hemd. Er grinst frech, hält einen Kaffeebecher in der Hand.

Sugoi!“, ruft sie aus. „Soll heißen: Toll!“

„Ich weiß…“

„Und wie heißt dein Göttergatte?“

„…Christopher.“

„Süß, wie du dir das so auf der Zunge zergehen lässt.“

Ich gebe ihr nun auch meine Handynummer und verspreche, noch heute meinen Vermieter zu kontaktieren und ihre Daten weiterzugeben, was dann alles hoffentlich zu einem superschnellen Mietvertrag führen wird.

Markus und Paul schauen mich etwas verwirrt an, als ich plötzlich den leeren Stuhl neben ihnen in Beschlag nehme. „Ich hab’s mir anders überlegt“, meine ich bloß und die beiden zucken gelangweilt mit den Schultern. Herrliche männliche Konversation!

Als der Unterricht beginnt, entgleisen meine Gedanken und ich verabschiede mich von der ohnehin schon gestörten Konzentration. Ich denk an nachher. Wenn ich nachhause komme. In dieses neu-alte Reich. Einige Stunden bevor mein Master seine Arbeit beenden wird. Ich werde mich sputen müssen: Heute stehen noch das Saubermachen des Badezimmers sowie das Zubereiten meiner ersten Mahlzeit – von der Christopher nichts weiß - auf dem Programm. Ich will ihn überraschen. Aber irgendwie macht mir das Ganze auch Sorgen.

Klar, es ist ein Anfängerkochbuch und ich denke, Christopher wird es gut gewählt haben. Bilder zeigen mir jeden Schritt, der dazu auch noch mit einfachen, verständlichen Worten beschrieben ist. Was sollte da schon schiefgehen? Und Kartoffelgratin – das macht doch selbst Frank total oft und er ist auch nicht gerade ein Meisterkoch.

Ich denke an die neuen Regeln.

Erst gestern haben wir sie festgelegt und gemeinsam den Vertrag unterzeichnet. „Vielleicht ist das nicht die Endversion“, hat Christopher gesagt. „Wenn etwas nicht funktioniert, dann müssen wir sofort darüber reden und schauen, ob wir es nicht ändern wollen.“ Schließlich ist es auch das erste Mal für meinen Master, dass er so etwas macht. Mit seinem Sklaven zusammenwohnen, in einem 24/7-Verhältnis.

Ob Adrian auch von Anfang an Christophers Sklave gewesen ist? Ob es wohl Streit gegeben hat, weil Christopher 24/7 sein wollte und dieser Typ nicht? Ist es daran zerbrochen?

Warum denke ich eigentlich plötzlich an Adrian? Ich bin zwei Jahre mit Christopher zusammen und erst jetzt mache ich mir tatsächlich Gedanken über seinen Verflossenen? Will ich mich eigentlich selbst verarschen?

Seufzend versuche ich mich auf die Stimme des Dozenten zu konzentrieren, aber es klappt nicht. Es sind nicht nur diese seltsamen Gedanken an den mysteriösen Exfreund, der mich vorher nicht einen feuchten Dreck interessiert hat. Es ist diese neue Lebenssituation, die mich total aufwühlt; sie bringt mich durcheinander, so sehr ich sie auch begrüße.

Der Wecker hat heute um 6 Uhr geklingelt. So verdammt früh… Meine Augen sind noch verklebt gewesen, meine Glieder noch nicht gänzlich erwacht, noch in Schlafstarre gefangen, da hat mein Freund, nein, mein Master, mich bereits am Nacken gepackt und meinen Kopf unter die Decke gedrängt; direkt zwischen seine Beine. Mein Mund direkt an seinem warmen Schwanz, seine Fingernägel schmerzhaft in meinen Hals gebohrt.

„Niko…“, hat er gemurmelt. „Deine Pflichten.“

Und ich bin ihnen nachgekommen, habe ihn geleckt, an ihm gesaugt, eine gefühlte Ewigkeit, bis er sich in meinen Mund ergossen hat. Und als Christopher dann unter die Dusche gegangen ist, hat alles in meinem Innern nach einer weiteren Runde schlaf geschrien; doch mein Nacken war zu starr, meine Augen bereits von der Helligkeit des Lichts gereizt und mein Geist zu unstet, um wieder der Realität zu entfliehen.

Ja, es war geil direkt nach dem Aufwachen so ruppig von ihm behandelt und zu dieser Tat regelrecht gezwungen zu werden. Aber ich bin mir einfach unsicher, ob… es jeden Morgen so geil wird?

Das ist wahrscheinlich ein Gedanke, den ich in mein neues Tagebuch eintragen sollte. Eine neue Regel.

„Der Sklave führt täglich ein Tagebuch, in dem er seine Gedanken und Wünsche, niederschreibt, und seine durchlebten Aufgaben wie auch Verfehlungen und eventuelle Bestrafungen reflektiert. Am Ende der Woche, am Sonntagabend, legt er es dem Master zum Lesen vor und ist dazu verpflichtet, die Inhalte mit seinem Herren im Anschluss zu diskutieren ggf. einige Punkte zu erläutern.“

Als Zusatz steht da noch: „Wird das Pflegen des Tagebuches vernachlässigt, erfolgt eine vom Master gewählte Bestrafung physischer oder psychischer Natur.“

Am liebsten würde ich direkt jetzt schon mit meinem heutigen Beitrag beginnen, aber meine Kommilitonen hocken mir so dicht auf der Pelle, dass sie wahrscheinlich jedes Wort mitlesen könnten; und das würde Christopher ganz sicher nicht gefallen.

Er ruft an, direkt nach der Vorlesung. „Bist du hingegangen?“ Ich bejahe. „Gut. Hast du den Vermieter schon angerufen und ihm die Daten von… wie hieß sie noch gleich… Chiyo mitgeteilt?“ Ich verneine. „Dann mach das jetzt, du hast bis zur nächsten Vorlesung schließlich noch eine halbe Stunde.“ Und wieder legt er einfach auf.

Hastig wähle ich die Nummer, die ich mir am Rande meines Schreibblocks zur Sicherheit notiert habe, Herr Brasch ist begeistert. Ihm ist offenbar scheißegal, wer da wohnt, er sagt mir nur, dass er sich sofort bei der Dame melden wird, um den Mietvertrag aufzusetzen und mir dann einfach mitteilen wird, wann ich zur Schlüsselübergabe erscheinen soll. Der Sack freut sich einfach nur, dass ich alles für ihn übernommen habe und dass er keine Anzeige mehr hat schalten müssen. Dafür ist er wahrscheinlich einfach zu alt, für den Stress.

Ich hole Luft. Die Vorlesung ist vorbei. Ich gehe los.

Rein in die Bahn, in den Bus, einkaufen, wieder in den Bus, auspacken, umziehen, Putzsachen schnappen, schrubben, wischen, abtrocknen, ab in die Küche, Buch aufschlagen, schnibbeln, mischen, schichten, Ofen vorheizen, sich über das Chaos ärgern, wischen, schrubben, abwaschen, abtrocknen.

Schweißperlen zieren meine Stirn, die Uhr tickt. Ich rutsche aus und lege mich beinahe auf die Schnauze, als ich ins Schlafzimmer haste, um mich aus meinen Arbeitsklamotten zu schälen; ich höre schon das Kratzen im Schloss. Fuck!

Ich schaffe es nicht!

Christopher schließt schon die Tür hinter sich, als ich herbeieile und auf die Knie gehe, die Beine spreize und mein Haupt senke. „Niko…“, knurrt er bedrohlich und nähert sich mit festen Schritten. Er hat seine Schuhe noch nicht ausgezogen und seine Jacke ist er offenbar auch noch nicht losgeworden. Christopher beugt sich zu mir herunter und seine Finger greifen nicht gerade zimperlich in mein Haar. Ja, er liebt es einfach, meinen Kopf auf diese Weise nach hinten zu ziehen und den Augenkontakt so zu forcieren. „Ich lasse dir das heute noch einmal durchgehen, aber in Zukunft erwarte ich ein besseres Time-Management von dir, das gehört doch auch zu deinem zukünftigen Job, oder passt du gar nicht mehr in der Uni auf?“

„Doch, Christopher, das tue ich; es tut mir leid.“

Er lässt mich los und ich senke wieder gehorsam den Blick. Jetzt erst zieht er seine Schuhe aus, hängt die Jacke auf und verfrachtet seine Tasche ins Arbeitszimmer, zieht sich um und kommt wieder zu mir. Die Eieruhr in der Küche beginnt schrill zu schellen, mein Freund ist irritiert.

„Hast du etwas in der Mikrowelle?“, fragt er und schaut den Flur hinab.

„Ich habe etwas im Ofen“, antworte ich ihm gehorsam.

„….oh?“, kommt es interessiert von meinem Master. „Dann… solltest du es wohl jetzt herausholen, was?“

„Darf ich?“, frage ich sicherheitshalber nach, bevor ich mich erhebe.

„Aber dalli.“

Mein Freund nimmt am gedeckten Esstisch im Wohnzimmer Platz. Ich habe Kerzen angezündet, das feine Besteck herausgeholt. „Wow, du hast dir ja richtig Mühe gegeben“, bemerkt er, mit dieser total milden Stimme, die meine Knie dann und wann zu Pudding werden lässt.

Er lächelt, als ich eine Portion des Gratins auf seinen Teller balanciere und mein Herz klopf wie wild, denn: es riecht wirklich gut! Und das Gericht sieht auch wirklich gut aus.

Meine Gabel in der Hand betrachte ich gespannt meinen Freund, der den ersten Bissen zu seinem Mund führt. „Riecht wirklich lecker“, merkt er noch an, bevor er das Gemisch aus den dünn geschnittenen Kartoffeln, Lauch, Schinken, Sahne und Käse schließlich probiert.

„…und?“, hake ich mit zittriger Stimme nach, als er kaut. Es vergehen fünf Sekunden. Sechs. Sieben. Mein Freund schluckt und verzieht ungemein das Gesicht. „Oh Mann…“, murmelt er und kann sein Lachen nicht zurückhalten. „Probier selbst“, fordert er mich daraufhin auf und deutet mit seiner Gabel auf meinen gut bestückten Teller.

Ich schiebe mir ein großes Stück Kartoffel in den Mund, beiße hinein und muss, nachdem ich in der ersten Sekunde gedacht habe, es schmeckt herrlich, in der kommenden schon wieder feststellen, dass es grauenhaft ist. Denn ich habe das Gefühl, dass ich in einen Salzstreuer beißen würde, der einen leichten Nachgeschmack einer Käse-Sahne-Sauce hat. Ich schaffe es nicht einmal zu schlucken, sondern spucke es aus.

„Niko, das macht man nicht!“, moniert Christopher, kann sein Kichern aber nicht unterdrücken.

„Es tut mir leid, Christopher…“, murmele ich.

Ich bin wirklich sauer. Auf mich selbst. Wie habe ich das eigentlich schon wieder vermasseln können?

„Ach, Niko...“, meint er nur freundlich und erhebt sich. „Die Geste zählt. Und: wie wäre es, wenn wir es jetzt einfach noch einmal kochen, hm? Das geht doch schnell und wenn ich mich nicht irre, haben wir alles was wir brauchen noch da, hm? Ich helfe dir. Es ist meistens einfacher zu zweit zu kochen, der Lerneffekt ist größer.“

Wir kommen schnell voran. Dieses Mal packe ich auch nicht zu viel Salz in den Kochtopf und in die Auflaufform. Esslöffel mit Teelöffel zu verwechseln und dann auf Gefühl noch etwas nachzuschütten ist nicht gerade… optimal, der erste Lerneffekt.

Das Gratin ist im Ofen, die Eieruhr neu gestellt und Christopher hat sich ein Glas Wein eingeschenkt. Lässig gegen die Küchenzeile gelehnt steht er da und blickt mich an.

„…die Kochschürze kannst du jetzt ablegen“, äußert er seine Gedanken und ich tue, was er von mir verlangt. Sein Blick wandert über meinen nackten Körper. „Komm mal her zu mir“, spricht er weiter, stellt das Weinglas beiseite und streckt seine Hand nach mir aus, die unmittelbar zu meinem Hintern wandert, als ich mich an ihn schmiege. Er küsst mich ganz keusch und zart auf die Lippen. Dann umfasst er plötzlich meine Schultern und drängt mich einen Schritt zurück. Unsere Augen treffen sich. Er begutachtet mich ein weiteres Mal.

Dann schlägt er zu.

„Aaah!“, zische ich, als ich die erste Backpfeife kassiere und gegen den Instinkt ankämpfe, meine Hand schützend über meine pulsierende Wange zu halten.

„Das war für das vermasselte Essen“, kommt es kalt-amüsiert von Christopher, woraufhin er ein zweites Mal ausholt und mir noch eine verpasst. „Das, mein lieber Niko, war für deine Faulheit. Wenn du dieses Semester auch noch eine einzige Vorlesung schwänzen willst, dann kannst du davon ausgehen, dass du keinen einzigen Horrorfilm mehr in diesem Haus mehr finden wirst, habe ich mich klar ausgedrückt?“

„Ja, Christopher!“ Ich nicke hastig und Gänsehaut bildet sich auf meinen Oberarmen.

„Und das, Niko…“, fährt mein Freund fort, während er die Schnalle seines dicken, schwarzen Ledergürtels löst und eben jenen aus den Schlaufen seiner Hosen zieht, „ist für deinen Verstoß gegen unserer neuen Regeln.“

Christopher packt meinen Arm und drängt mich auf alle Viere, manövriert meinen Körper zwischen seine Beine und presst seine Unterschenkel gegen meine Seiten, um mich zu fixieren; ich spüre seinen Blick an meinem Hintern, auf den nun ohne weitere Vorwarnung der zusammengelegte, schwere Gürtel niedersaust. Die Kacheln unter meinen Händen und Knien sind kalt, mein Kopf drückt gegen das Holz des unteren Küchenschrankes und Christopher prügelt weiter auf mich ein; mein Wimmern und Zischen hallt durch den gesamten Raum.

Sein Tadeln kommt gestückelt, mit jedem einzelnen Schlag.

„Hab… ich… dir… nicht… gesagt… du… sollst… mich… immer… um… Erlaubnis… bitten… bevor… du… dich… mit… jemandem… triffst?!“

Chiyo.

Ich atme laut, mein Mund halboffen, die Augen vor Schmerz zusammengepresst, die Hände zu Fäusten geballt. „Entschuldige, Christopher!“ Meine Stimme ist ein einziges Jammern. Mein Hintern pocht und meine Schläfen pulsieren. Gott, dieser Kerl macht mich Verrückt!

Christopher zieht mich ebenso ruppig wie er mich nach unten gedrängt hat wieder hoch, sodass ich ihm erneut gegenüberstehe. Er streicht einige der Haarsträhnen, die mir ins Gesicht gefallen sind, hinter mein Ohr. Ich liebe es, wenn er einer harschen Tat, solch eine milde Geste folgen lässt. Dieses Hin- und Herschalten zwischen barsch und warmherzig; er hat es so drauf.

Wir essen. Dieses Mal schmeckt es. „Denk aber ja nicht, dass das hier zählt“, ermahnt mein Freund mich mittendrin. „Deine Belohnung bekommst du erst, wenn du etwas selbst zubereitest, ohne jedwede Hilfe. Und: Ich erwarte dann auch etwas Anspruchsvolleres als Kartoffel-Gratin, verstanden?“

„Ja, Christopher.“

Nachdem ich den Abwasch erledigt habe führt Christopher seine allererste Inspektion durch. Während ich auf dem Boden knie kontrolliert er penibel das Badezimmer, schaut in alle Ecken, fährt Oberflächen mit seinem Finger nach. Natürlich ist er nicht zufrieden. Seiner Meinung nach habe ich die Dusche nicht gründlich genug geputzt, einige Schlieren auf dem Spiegel stören ihn, ich habe nicht alle Kosmetika-Fläschchen abgestaubt und er kritisiert, dass ich die Handtücher nicht gewaschen habe.

„Musst du heute noch etwas für die Uni tun?“, informiert er sich und als ich verneine, darf ich das Bad erneut putzen. „Komplett von vorn.“ Erst gegen 23 Uhr bin ich fertig und Christopher nickt zufrieden. „Schon besser“, ist allerdings alles, was ich zu hören bekomme. Herrlich.

Mein Schlaf ist tief in dieser Nacht. Ich träume von nichts. Und wieder schellt der Wecker um 6 Uhr morgens. Dieses Mal muss Christopher mich nicht zwischen seine Beine zwängen, ich rutsche selbst hinab. Weil ich mich so über mein vermasseltes Abendessen, ebenso wie die meinen Master nicht zufrieden stellende Putzarbeit schäme, dass ich alles daran setze, es wieder gut zu machen.

Christopher stöhnt und seine Finger fahren durch meine Haarsträhnen; ich nehme ihn tiefer auf. Bis er kommt.

Hätte mir jemand vor zwei Jahren gesagt, dass mein normaler Tagesablauf irgendwann so aussehen wird, hätte ich ihn ausgelacht.

…vielleicht wird das doch nicht so hart mit den täglichen Blow-Jobs?

Die Sonne scheint und endlich kann man den Frühling wieder riechen. Chiyo hat den Mietvertrag unterschrieben, seit unserem Treffen sind nur zwei Tage vergangen und jetzt stehe ich schon wieder in meiner alten Wohnung und schaue meinem verrunzelten Vermieter zu, wie er wie ein aufgescheuchtes Huhn herumläuft und Zählerstände auf seinem Zettel notiert und mir von der Erdbeertorte seiner verstorbenen Frau erzählt, während Chiyo mit einem Zollstock in der Hand ebenfalls wie ein aufgescheuchtes Huhn herumläuft und Höhen und Längen der Wände, Türen und Fenster ausmisst.

Ich weiß noch, wie ich hier eingezogen bin. Auch ich bin rumgelaufen wie ein aufgescheuchtes Huhn, weil auch ich endlich von meinen Eltern bzw. von meiner Mutter losgekommen bin. Sie war auch froh. Alle waren froh. Endlich allein, allein.

…schon seltsam, dass sich solch ein freiheitsliebender Mensch wie ich freiwillig hat versklaven lassen. Als meine Eltern mein Leben lenken wollten, bin ich ausgetickt. Aus Gruppenzwang habe ich noch nie etwas gemacht. Ich habe Ratschläge von anderen nie wirklich ernst genommen, weil ich stets das tat, was ich und nur ich für richtig hielt. Und jetzt?

Jetzt will ich, dass Christopher mir vorschreibt, welche Klamotten ich zu tragen und wann ich zuhause zu sein habe. Ich will, dass er mir den Mund verbietet, dass er über mich verfügt, wie es ihm gefällt.

Schon verrückt.

„Na, los, Niko! Gib mir die Schlüssel!“, fordert Chiyo mich auf.

Ein historischer Moment ist das, als ich die beiden Ausführungen in Chiyos Hand wandern lasse. Mein Paar und das von Christopher.

Jetzt ist es endgültig.

Natürlich war es vorher schon besiegelt, mein Auszug vollbracht, meine Unterschrift unter die neuen Verträge gesetzt. Aber jetzt ist es gefühlsmäßig für mich endgültig. Weil das hier nun offiziell nicht mehr meine Wohnung ist.

Ein seltsames Gefühl.

Chiyo und ich verabreden uns für nächste Woche zum Kaffeetrinken. Dieses Mal denke daran und schreibe Christopher eine Nachricht, in der ich um Erlaubnis für jenes Treffen bitte. Sie wird mir erteilt.

Ja, es ist endgültig. Wir wohnen jetzt zusammen.

Mein Herz klopft wild in meiner Brust, als ich an diesem Abend gehorsam auf meinen Herren warte und er ist zufrieden mit mir, geht in die Hocke und streicht sanft durch mein Haar, über meine Wangen; sein Daumen fährt über meine Lippen.

„Ich hab Lust, dich so richtig fest einzuschnüren…“, murmelt er und ich kann mein Grinsen nicht zurückhalten. Er küsst mich, zärtlich und langsam, nur um mich im nächsten Moment an meinem Arm durch die Wohnung zu zerren, in unser kleines Paradies.

Auf der Matte in der Mitte des Zimmers kniend, während mein Master die Seile aus der Kommode holt, seufze ich zufrieden und lächel dümmlich.

Ja, es ist endgültig. Das hier ist jetzt mein Leben. Dieses Zimmer, ich werde es wahrscheinlich täglich sehen, nicht nur an den Tagen, an denen Christopher mich hierher bestellt. Ich wohne jetzt hier. So richtig.

Wer hätte gedacht, dass ich jemals bei Christopher einziehen würde?

Ich muss an den Tag denken, als ich diese Wohnung zum ersten Mal betreten habe.

 

 

 

 

*

 

 

 

Es waren rund zweieinhalb Monate vergangen seit meinem Geburtstag und dieser ganz besonderen Party, zu der Christopher mich mitgenommen hatte; seitdem er mir klar gemach hatte, was er von mir erwartete und ich seiner Einladung in diese dunkle Welt gefolgt war. Wir waren ein Paar, und nach unserem ersten Mal und den ersten Lektionen der ganz besonderen Art, war Christopher, wann immer er konnte, mich besuchen gekommen, um mir noch mehr zu offenbaren beziehungsweise mehr mit mir anzustellen.

Mein Freund hatte mich oft gefesselt. Das Paddel nannte ich bereits meinen besten Freund. Und eines Abends machte er mich mit dem Flogger bekannt, umspielte zärtlich meinen Körper, ließ die dicken Lederriemen vorsichtig und behutsam über meinen nackten Rücken, meine Seiten, meine Beine, Füße, über meinen Hintern und über mein Geschlechtsteil wandern, um mich dann schrittweise an die härtere Gangart dieser Kuschelpeitsche zu gewöhnen.

Ich liebte es.

Auch die Art, wie er schon damals mit mir umging. Sanft und zärtlich, wenn wir auf meinem Sofa verweilten und einen Film ansahen. Hart und streng, wenn er mir im Schlafzimmer meinen Status klarmachte.

Alles war so aufregend und selbst wenn ich mich allmählich an Christopher Lang an meiner Seite zu gewöhnen begann, waren meine Hände dennoch bei jedem Telefonat schwitzig, denn ich wusste nie, was er mich Neues lehren wollen oder was für Spielzeuge er für unser nächstes Treffen vorschlagen würde, welche Befehle ich befolgen sollte.

Befehle.

Nein, so ganz hatte ich mich an das Sklavendasein dann doch noch nicht gewöhnt. Manchmal kamen Zweifel an meinem Tun auf, wenn ich alleine in meiner Wohnung saß und intensiv über unser Verhältnis nachdachte, über meine eigentliche Art auf niemanden zu hören.

Doch wann immer Christopher sich dann meldete und ich seine Stimme wahrnahm oder ihn sah, waren jene Gedanken wie durch einen Sturm weggefegt.

Ich wollte das. Das Gesamtpaket. Auch wenn vieles mir noch Angst machte.

Zum Beispiel die Ankündigung, dass ich irgendwann mit zu seinem Stammtisch kommen würde. Der Gedanke, dass ich dann an einem Tisch mit fremden Leuten sitzen würde, die offen über BDSM und ihr Praktizieren dessen reden würden, und über die Beziehung zwischen Christopher und mir genauestens Bescheid wüssten, verursachte noch leichte Bauchschmerzen.

„Ich will dich aber nicht überfordern“, sagte Christopher stets mit diesem milden Lächeln.

Und es war ja auch so, dass er mich immerzu fragte, bevor wir einen Schritt weitergingen, etwas Neues ausprobierten. So wie an jenem Abend, als wir wieder einmal in einem Restaurant zu Abend gegessen hatten – italienisch dieses Mal – und mein Freund mich nach Hause brachte.

„Niko…“, setzte er an, nachdem er noch mit hochgekommen war, um mir einen Gutenachtkuss zu geben. „Was hältst du davon, wenn wir das nächste Wochenende bei mir verbringen?“

Ich wusste, was es bedeutete. Das war der nächste bedeutsame Schritt in unserer Beziehung. Was hatte Christopher noch gesagt? Seine Wohnung würde sein Königreich sein, in dem ich ihm absolut gehorchen müsste. Eine noch extreme Unterwerfung als bis jetzt. War ich bereit dafür?

„Ja, Christopher.“ Meine Antwort.

Ich wusste nicht, was mich erwartete. Von einem urigen Verlies in einem verwinkelten Teil des Kellers ging ich nicht aus, auch wenn ich verdammt viele Geschichten jener Art im Netz gelesen hatte – ich versuchte aber nicht an jene zu denken. Ich wusste, dass mein Freund in einer Wohnung lebte. In einer ziemlich großen Wohnung. Ich malte mir aus, dass sie modern eingerichtet war und dass… Christopher die vielen Peitschen, Schnüre und sonstigen Spielzeuge in einer dunklen Kiste in seinem Kleiderschrank lagerte. Oder in einer Kommode. Vielleicht auch unter dem Bett.

Vielleicht, so dachte ich mir, ging es Christopher auch gar nicht so sehr um unser Spielen, wie es ihm darum ging, dass er mich einfach in sein Heim ließ. Dass er die Tür aufhielt und ich mit dem Betreten seiner Wohnung endgültig den Platz an seiner Seite, als sein Freund und sein Sklave einnehmen würde. Ein ehrenhafter Moment. Deswegen das Warten.

Und deswegen war ich auch so schrecklich aufgeregt, als es endlich soweit war und Christopher mich am Freitagabend abholte. Es begann alles so harmlos.

„Hattest du einen schönen Tag?“, fragte er mich und ich runzelte die Stirn.

„Geht so“, antwortete ich ihm ehrlich. Die Uni hatte wieder angefangen und der Lernstress fühlte sich bereits so an, als wäre es das Semesterende. „Die Vorlesungen waren anstrengend. Lang. Sehr lang.“

„Hm, ich hoffe du lernst fleißig?“

„Ich tue soviel wie es eben geht.“

Wir fuhren durch die Stadt, es war noch relativ hell, draußen roch es nach Frühling, so wie es das jetzt tut. 

„Ich hab nen guten Wein besorgt, für nachher“, erläuterte Christopher.

„Cool…“ Nachher. Das bedeutete wohl, dass wir vorher noch etwas machen würden. Oder nicht? Und wenn ja, dann: was?

Christopher lenkte den Wagen nun in Richtung Westen und wir passierten einige große Einkaufsmeilen, einen weiteren kleinen Park, der Erinnerungen an unsere ersten Treffen entfachte, bis wir schließlich vor der Einfahrt der Tiefgarage der ziemlich neuwertigen Wohnanlage ankamen. Ich weiß noch, dass meine Knie zitterten, als wir den Aufzug nahmen. Noch mehr, als wir vor der massiven Holztür stehenblieben, die in sein Reich führte.

Mein Freund blickte mich an, bevor er die Tür aufschloss. Den Vortritt ließ er mir nicht, aber solch einer Behandlung war ich als Sklave nicht würdig, nicht wahr? Blut pulsierte in meinen Adern. Ich setzte mich in Bewegung, folgte ihm und erschrak, als Christopher die Tür ins Schloss stieß; es machte einen lauten Knall und im nächsten Moment schon funkelte er mich gefährlich an. Ich wagte es nicht, mich zu bewegen.

„Niko… Da du eingewilligt hast, mich hier her zu begleiten und das Wochenende in meinen vier Wänden zu verbringen, gehe ich davon aus, dass du bereit bist, dich mir komplett zu unterwerfen. Das hier ist mein Königreich, das habe ich dir bereits mehr als deutlich gemacht und dich langsam an alles herangeführt. Es geht natürlich auch langsam weiter…“, er machte eine bedeutungsvolle Pause und kam mir einen Schritt näher. „Aber ich will, dass wir jetzt einen weiteren Schritt machen. Ab jetzt, wenn du nun Ja sagst, werden wir nicht mehr in deiner Wohnung spielen. Das wird ab sofort dein Zufluchtsort sein. Ab jetzt, werde ich dich hier weiter erziehen. Einverstanden?“

Ich nickte, nur um mich eine Sekunde später selbst zu korrigieren: „Ja, Christopher!“, rief ich eilig, damit mein Freund – mein Master – sich nicht aufregen konnte.

„Gut.“

Gott, dieses simple und doch so viel für mich bedeutende ‚gut’ brachte mich in diesem Moment fast aus dem Häuschen.

„Jetzt zieh’ dich aus.“

Zitterten meine Hände, als ich zunächst die Jacke aufknöpfte um nach und nach aus meinen Klamotten zu steigen, bis ich splitterfasernackt vor ihm stand? Und wie.

„Falt deine Sachen gefälligst ordentlich zusammen“, befahl er.

Befahl er…!

Ich gehorchte und Christopher nahm mit den Stapel ab. „In Zukunft wirst du dir hier direkt nach deinem Ankommen unaufgefordert deine Sachen ausziehen, sie ebenso zusammenfalten und mir übergeben, und dich dann hinknien, so wie ich es dir beigebracht habe. Bis ich dich auffordere aufzustehen, kapiert?“

„Ja, Christopher“, hauchte ich.

Christopher hatte mir zwar schon zu Anfang gesagt, dass ich mich daran gewöhnen müsste, die meiste Zeit die wir zusammen verbringen würden nackt zu sein, doch das hier war eine neue Dimension. In meiner Bude hat er mich auch oft nackt rumlaufen lassen, allerdings um direkt etwas mit mir anzustellen. Und irgendwas sagte mir, dass das nun nicht der Fall sein würde.

Gehorsam sank ich nun auf die Knie und spreizte meine Beine, sodass mein Freund volle Sicht auf mein Geschlechtsteil hatte, platzierte meine Handflächen direkt vor meinen Knien und senkte den Kopf.

Christopher entfernte sich und kam erst nach einigen Minuten wieder. Ich hatte mich nicht einen Millimeter bewegt. „Steh auf.“ Ich tat es und blickte meinen Freund nun wieder an. Er lächelte. „Niko“, sprach er dann mit ruhiger Stimme weiter, „wenn dir das alles zu viel wird, du weißt: der Ampelcode? Okay?“

„Ja… Ja, Christopher.“

„Okay. Dann… zeige ich dir jetzt mal mein Reich, was? Folg mir einfach.“

Seine Wohnung fand ich wirklich groß, wobei so gut wie alles groß im Vergleich mit meiner Bruchbude wirkte. Der Flur weit und hell, das Badezimmer glitzernd und glänzend, mit Dusche und damals noch kleiner Badewanne, das Wohnzimmer zwar modern und doch einladend, die Küche sauber und gut bestückt, das Gästezimmer unbenutzt, das Arbeitszimmer penibel geordnet und schließlich, oder sollte ich sagen, endlich, zeigte er mir das Schlafzimmer.

Zum ersten Mal legten sich meine Augen auf das massive Bett und ich musste schlucken. Zugegeben: das Bett an sich hatte gar nicht so eine heftige Wirkung auf mich. Es ging mir eher um die Sachen, die Christopher darauf gedachte mit mir zu tun und klammheimlich ließ ich meine Augen über die Kommoden, die Nachtschränkchen und den riesigen Kleiderschrank mit den drei Schiebetüren wandern und fragte mich: wo…? Wo lagen die Folterinstrumente? Wo versteckte er sie? Würde er sie gleich hervorholen?

Ich erzitterte, als Christophers Hand sich auf meine Schulter legte. Als er mich intensiv ansah, wurde ich mir meiner Nacktheit wieder bewusst. Ein abgefahrenes Gefühl, ich fühlte mich ausgeliefert. Ich wollte gerade sagen, dass mir seine Wohnung sehr gefällt, als sich meine Augen auf die Tür legten, durch die wir noch nicht gegangen waren.

Hatte Christopher Lang etwas so viele Klamotten, dass er zusätzlich zu seinem Monster-Schrank noch einen begehbaren Kleiderschrank brauchte?

Er sprach nicht, als er jene Tür öffnete. Er sah mich nur an und bedeutete mir einzutreten.

Ja, dieses Mal ließ er mir den Vortritt. Und ich hielt die Luft an.

Das erste, was ich erblickte, war das dicke, schwarze Andreaskreuz, von dem ich so viel gelesen hatte und das ich in so vielen kurzen Sequenzen in den Weiten des World Wide Webs gesehen hatte. Meine Augen labten sich an den Manschetten, an denen Christopher mich an jene Vorrichtung ketten könnte und Gänsehaut bildete sich auf meinen Armen. Meine Härchen stellten sich auf, als meine Augen ihre Wanderung fortsetzten und ich einen Ständer entdeckte, an dem zahlreiche Peitschen befestigt waren und nur darauf warteten, von meinem Meister in die Hand genommen zu werden.

Ich erkannte das Paddel, das Christopher so oft mitgebracht hatte; und den Flogger, mit dem ich ebenfalls schon Bekanntschaft geschlossen hatte. Doch da hingen noch viele mehr und einige von ihnen sahen wirklich gefährlich aus. Wenn Christopher mich damit bearbeiten würde… wäre mein Arsch sicherlich blutverschmiert sein.

Panik vermischt mit Erregung durchfloss mich.

„…du kannst dir alles ansehen und alles anfassen, was immer du willst…“, drang Christophers Stimme leise zu mir, so als würde er aus dem Off zu mir sprechen. Dennoch setzte ich mich daraufhin in Bewegung. Meine Finger strichen vorsichtig über den Rohrstock, über eine Schlaginstrument das aussah wie ein einzelnes, dickes Seil, über eine Gerte, über die vielen fransigen Lederriemen der zwei weiteren Flogger, die drei verschiedenen Paddel.

Dann ging ich weiter, zu der schwarzen Kommode in der linken Ecke. Ich öffnete sie und holte tief Luft. Dildos und Vibratoren. Meine Hand legte sich auf das größte Spielzeug dieser Art; ich konnte ihn mit beiden Händen umfassen. Ein Monsterdildo. Heilige Scheiße, dachte ich mir,wie um alles in der Welt wollte Christopher dieses Ding in mich zwängen?

Ich konnte gar nicht mehr klar denken. Und dabei war das Spielzimmer damals noch gar nicht so voll, wie es jetzt ist. Es standen dort zwar kein Sklaven- und kein Herrenstuhl und auch die Fickmaschine war nicht vorhanden. Aber ich sah mir ein Reizstromgerät an, Christophers Arsenal an Seilen, Ketten, Handschellen und schließlich die Vorrichtungen die wie Sportgeräte wirkten.

Und eine dunkles Möbelstück. Dank meiner Recherchen wusste ich sofort, was das ist. Die Sklavenbox. Eingesperrt in kompletter Dunkelheit.

Ich musste schlucken und etwas revidieren: Christopher hatte zwar kein Verlies, aber er hatte ein Folterzimmer. Ich fühlte mich, als wäre ich aus der realen Welt in eine der Geschichten gestürzt, von denen ich mir so viele zu Gemüte geführt hatte. Das war alles so abgefahren…

„Wow…“, murmelte ich schließlich und drehte mich zu Christopher um, der mich die ganze Zeit über schweigend betrachtet hatte. „Das ist… krass?“

Er lächelte, vielleicht etwas peinlich berührt und wusste nicht so ganz, wohin mit seinen Händen. Ein sehr… seltenes Bild. Wo war der überhebliche, arrogante, ach so selbstsichere Anwalt hin?

„Ich… habe den Raum schon sehr lange nicht mehr benutzt…“, meinte er nur. „Ich hab viele der Sachen dann und wann wohin mitgenommen, aber eigentlich hat das alles hier auf… dich gewartet. Ich hab dich nur finden müssen“, fügte er an.

Eine Liebeserklärung der anderen Art.

„Ich… bin ein wenig überwältigt“, gab ich zu.

„Hast du Angst?“, fragte er mich und kam auf mich zu. Die sonstige Selbstsicherheit hatte den Weg zurück in seine gesamte Erscheinung gefunden, auch wenn er milde lächelte.

„…ein wenig… glaub ich…“ Ich leckte über meine trockenen Lippen.

Ja, da war Angst. Aber da war noch etwas anderes: Verlangen.

Mein Blick wanderte zu dem Ständer mit den Schlagvorrichtungen.

„Möchtest du raus?“, hakte Christopher nach und… ich war mir nicht sicher. Er stand jetzt direkt vor mir und ich sah zu ihm hinauf. „Oder…“, fuhr er fort und seine Augen wanderten jetzt ebenfalls zu den Schlaginstrumenten, „möchtest du, dass ich die Lederklatsche da vorne nehme und deine Hoden damit… ein wenig verwöhne…?“

Ein Schauer kroch über meinen Rücken. Unsere Augen trafen sich. Meine Fingerspitzen kribbelten ganz seltsam und ich fühlte mich nicken. Christopher schimpfte nicht mit mir, dass ich ihm nicht rechtmäßig geantwortet hatte; wahrscheinlich nahm er Rücksicht.

„Komm“, flüsterte er und führte mich zu der dunklen Liege die mitten im Raum stand. „Leg dich hin.“

Mein Herz pochte so laut, dass meine Ohren schmerzten. Mir war heiß und kalt zugleich. Ich zuckte zusammen, als Christophers Hände sich auf meine Oberschenkel legten und sie spreizten. Ich war nervös. Unfassbar nervös, und sein herzliches Lächeln half gerade auch nicht wirklich. „Beruhig dich, Niko“, sprach er leise auf mich ein, aber… ich konnte nicht.

Mein Blick irrte im Zimmer herum. In der Folterkammer. Dem Dungeon. Dem düsteren Verlies.

Ein Teil von mir sehnte mich nach der Bestrafung, die mir bevorstand.

Ein anderer Teil von mir war gerade von allem einfach nur überfordert.

Und als Christopher das Paddel sachte an meinem Hodensack platzierte, gewann eben der andere Teil Überhand.

Panik überfiel mich. „Rot!“, rief ich, noch bevor Christopher zum ersten Schlag hat überhaupt hat ausholen können. Er ließ sofort von mir ab. Ich konnte ihm nicht in die Augen sehen, stürze aus dem Zimmer und wusste nicht wohin.

„Niko!“, rief er alarmiert und rannte mir nach. Weit hatte er nicht gehen müssen. Paralysiert war ich im Schlafzimmer stehengeblieben. Ich suchte nach Worten, wollte mich entschuldigen, ihm erklären, was vorgefallen war, da wickelte er mich plötzlich in eine Decke und zog mich aufs Bett. Seine Umarmung war fest und er drückte mir einen Kuss auf die Wange.

„Es tut mir leid, Niko. Das war dumm von mir“, redete er leise auf mich ein. „Ich habe dich überfordert, ich hätte dir einfach nur das Zimmer zeigen und nicht gleich direkt loslegen sollen. Und…“ Seine Stimme versagte. Und ich musste plötzlich lachen.

Wahrscheinlich, weil ich immer noch durcheinander war. Und ein viel zu schnell vor sich hin plappernder Christopher einfach furchtbar… süß war.

„Sorry…“, murmelte ich und sah ihm in die Augen. „Ich… Ja, das hat mich alles ein wenig überfordert und ich entschuldige mich, dass ich dich nicht habe zufrieden stellen können“, beendete ich meinen Satz. Das war ja schließlich mein Ziel: Meinen Master zu befriedigen, auf verschiedene Art und Weise. Und das wollte ich ja auch tun. Aber… „Das ist alles noch so neu. Ich meine, ich habe mich ja an den Gedanken dein Sklave zu sein schon gewöhnt und deine Züchtigung ja auch bis jetzt genossen… Aber dieser Raum ist einfach noch… zu heavy? Weißt du, was ich meine?“

Christopher nickte. „Willst du deine Klamotten wiederhaben? Sollen wir es heute lieber super, super langsam angehen?“

„Ich…“, setzte ich an und meine Gedanken machten Purzelbäume. „Ich glaube, ich will einfach nur nicht in dieses Zimmer. Noch nicht…“, fügte ich leicht lächelnd an. „Aber… ich will den ganzen Rest… ähm, du weißt, was ich meine…“

Mein Freund nickte abermals. „Wie wäre es, wenn ich uns jetzt erst einmal etwas koche, hm?“

Ihm in der Küche zuzusehen, hatte etwas Beruhigendes. Aus dem Radio drang leise Musik, Christopher erzählte mir ein wenig von seinen Freunden, von Holger und Martin, während er das Mahl zubereitete. Gekonnt balancierte er schließlich die Nudeln mit Sauce auf den Tisch und als wir uns gegenübersaßen sah er mir in die Augen. Man konnte diese ganz besondere Spannung zwischen uns beinahe anfassen.

„Solltest du mir nicht auftun, Niko?“

An diesem Tag lernte ich, dass ich mich stets nach meinem Master auftun sollte. Und als er den Wein öffnete und wir es uns vor dem großen Flachbildfernseher bequem machen wollten, bekam ich mein spezielles Kissen zugeteilt.

„Dein Platz an meiner Seite ist auf dem Boden“, wiederholte er eine unserer Regeln. Und ich genoss dieses Gefühl der… Degradierung.

Wir schauten zwei Filme, bis es weit nach Mitternacht war. Und als wir ins Bett gingen, beschlich mich ein sehr bedrückendes Gefühl. Trotz des warmen Körpers neben mir und der Liebkosungen kurz vorm Einschlafen, fühlte ich mich irgendwie seltsam. Ich konnte nicht entspannen. An Schlaf war nicht zu denken. Zu aufgewühlt war ich.

Mein Master hatte mich mit keinem weiteren Detail unserer Beziehung konfrontiert, hatte nichts mehr mit mir angestellt, keine neuen Regeln eingeführt, mir gezeigt, wo mein Platz war.

Eigentlich hätte ich, nach diesem Folterkammer-Schock, glücklich darüber sein müssen, dass er Rücksicht auf mich genommen hatte. Aber… da war sie wieder, meine zweigeteilte Persönlichkeit, die durch das Treffen mit Christopher Leben eingehaucht bekommen hatte.

Hatte ich mir einfach mehr von diesem Schritt in Christophers Wohnung erhofft?

War mein Freund zurückgeschreckt, nachdem ich in diesem Zimmer in Panik geraten war?

War ich unzufrieden, dass er sich nicht dominanter mir gegenüber verhalten hatte?

Wollte ich mehr und war einfach nicht imstande diesen Wunsch zu äußern?

Es war gegen 2 Uhr morgens, als ich das Schlafen gänzlich aufgab. Ich tapste in die Küche, trank einen Tee, schaute ein wenig fern. Doch ich konnte meine Gedanken nicht beruhigen. Ich wanderte auf und ab, surfte im Internet, holte Luft auf dem Balkon, trank eine Whiskey-Cola-Mischung, hörte Musik, zählte imaginäre Schafe.

Und gegen 3 Uhr morgens, öffnete ich die Tür zu diesem speziellen Zimmer und trat ein…

 

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So, und nun sind wir auch schon "aktuell". Ab jetzt gibt's immer ein einziges Kapitel pro Upload - und sobald es fertig geschrieben ist. Ratschläge, Tipps, Anregungen? Her damit! Ebenso wie Korrekturen und Kritik. Ich danke Euch.

 

 

 

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