Trine (Teil 1)

 

Die Firma „Rent A Maid“ vermietet, wie der Name nicht ganz eindeutig ausdrückt, berufsmäßige Sklavinnen. Thomas Vronski hat erst kurze Zeit zuvor, einen Job bei diesem Unternehmen angetreten. Seine Aufgabe unter anderem: die Sklavinnen seines Chefs Charly ordnungsgemäß bei den Auftraggebern abzuliefern und sie wieder abzuholen.

Kyra, eine aus Charlys Stall, wie er sich auszudrücken pflegt, wurde als Vertretung zum wiederholten Male von einem Paar gebucht, das in einem herrschaftlichen Jugendstilanwesen einen ganz und gar außergewöhnlichen Lebensstil pflegt. Komplett erhalten sie Tag für Tag die Illusion aufrecht, sich um 1900 herum zu befinden. Vier Menschen: der Graf, seine Geliebte Elise, Minna, die Ehefrau des Grafen, die 24/7 als des Grafen und Elises Sklavin fungiert und Knut, der Knecht Elises.

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Schon beim ersten Schritt, den ich in das hochherrschaftliche Haus setzte, war ich etwas eingeschüchtert von der riesigen, hohen Eingangshalle. Steinfliesen im schwarzweißen Schachbrettmuster hielten den allerersten Blick gefangen, bevor er wie zwangsläufig von den ausladenden, hohen Kastenfenstern angezogen wurde, die die Aussicht auf den dahinterliegenden Garten freigaben. Ich schätze sie mindestens vier Meter hoch und sie ließen enorm viel Licht herein. Die breite Treppe mit dem roten Belag, den Kyra geschildert hatte, führte auf die Galerie im ersten Stock. Im Augenwinkel nahm ich kurz den dunklen Pranger wahr. Er stand links neben dem Eingang.

Nun aber fiel mein Augenmerk zurück auf die modernen Gemälde an den Wänden. Zumindest waren sie um die Jahrhundertwende, also um 1900 herum modern gewesen. Ich sah mich in der ganzen Halle um und konnte beim besten Willen nichts ausmachen, das einen finsteren und unfreundlichen Eindruck bereitete, so, wie ich mir dieses Haus bei Kyras Erzählungen vorgestellt hatte.

Alles erschien heiter, großzügig und die riesigen Palmen verströmten zusätzlich ein Flair von Reichtum und Sinn für Schönheit. Noch niemals hatte ich einen so wundervollen Raum mit so ausgesucht geschmackvollen und stilvollen Möbeln, Leuchtern und Figuren aus Bronze oder Stein gesehen, die auf Säulen herumstanden und sich im Moment gegen das Licht, das durch die Fenster fiel, scherenschnittartig abhob. Höchstens in Filmen, die in der Zeit des Jugendstils spielten, die hier ohne jeden Zweifel versucht worden war, nachzuahmen.

In dem Moment, als ich bewundernd meinen Blick umherschweifen ließ, kamen wie vorhin in meiner Phantasie, die beiden Herrschaften die Treppe herunter geschritten. Und schon vernahm man die helle, freundliche Stimme der Dame, die am Arm des Grafen auf Kyra und mich zuschritt und wie sie mir zurief:

„Herzlich Willkommen. Sie sind der Abgesandte von Monsieur Charly, nicht wahr? Endlich bringen Sie Minnas Vertretung. Es war kaum mehr auszuhalten mit der Lücke, die Minna durch ihren Wunsch nach Erholung hinterlassen hat.

Dabei wusste ich ganz genau, welche Lücke sie meinte. Die unterm Frühstückstisch, den Kopf zwischen den erlesenen Schenkeln der Herrin. Morgens schon hatte sie Lust auf ganz gewisse Dienste, wenn Knut im Pferdestall war und die Hengste und Stuten für den Grafen striegelte. Sie war unersättlich, diese feine Dame, das wusste ich von Kyra, die jetzt hinter mir, wahrscheinlich aus Nervosität, an meinem Anzug herumzupfte, gerade als ich die Gesichter der beiden erkennen konnte, von denen ich so viel gehört und mir natürlich schon eine eigene Vorstellung gemacht hatte. Zwei ausgesprochen attraktive Menschen schritten da soeben in gerader Haltung auf uns zu. Zumindest die Dame empfing mich sogar mit einem offenen und herzlichen Lächeln, von dem man sich am liebsten nie mehr abgewendet hätte.

Meine Augen verfolgten ihre Bewegungen und diesen makellosen Körper. Sie trug ein Kleid aus einem Stoff, der Erhebung ihres Körpers seidig umschmeichelte. Davon, dass ich hier auf eine weibliche und eine männliche Schönheit stoßen würde, hatte Kyra kein Wort gesprochen, dachte ich, während mir die Herrin des Hauses ihre Hand so entgegenhielt, dass ich wusste, was jetzt von mir erwartet wurde. Obwohl ich noch niemals einer Frau die Hand geküsst hatte, erinnerte ich mich daran, dass man seine Lippen auf keinen Fall mit der Haut in Berührung bringen darf.

„Sie haben ausgezeichnete Manieren, Herr … Wir kennen nur ihren Chef, wissen Sie, deswegen müssen Sie uns verraten, wie Sie heißen.“

„Gestatten Sie, mein Name ist Thomas Vronski“,

Meine Worte klangen gestelzt. Hier in dieser Umgebung konnte man gar nicht anders. Automatisch kam man sich vor, wie in einer Zeitmaschine in die Vergangenheit zurückkatapultiert. Es fehlte nur noch, dass ich beim Gruß die Hacken zusammengeschlagen hätte.

„Kommen Sie. Kommen Sie doch herein, mein Lieber. Sie sind ein Freund und bringen unsere Trine, nicht wahr?“

Ihr Lächeln haute mich fast um, aber ich versuchte, mir meine Faszination für diese Frau, von der ich schon so viel gehört hatte, nicht anmerken zu lassen.

„Ja, gnädige Frau. Genau darum bin ich hier.“

Ich trat ein wenig zur Seite, so dass die Herrschaften ihre Magd für ein paar Wochen in Ruhe betrachten konnten.

„Aahh, Trine! Sie hat sich nicht einen Deut verändert, Herr Vronski. Das ist gut so. Wir haben uns an ihren Anblick schon so gewöhnt, wissen Sie. Irgendwie gehört sie schon zur Familie.“

Die in dunkelrote Seide, mit goldenen Streifen gekleidete Lady trat einen Schritt nach vorn zu Kyra und fasste ihr unters Kinn, um ihren Kopf etwas anzuheben. Der Graf stand nur da, mit Händen, die sich auf seinem Rücken hielten. Seine Haltung war im Grunde genau wie die seiner Sklaven, dachte ich. Nur, dass sie bei ihm das genaue Gegenteil ausdrückte: die reinste Herrschaft, die immerwährende Kontrolle über Menschen und Situationen.

„Komm Trine, geh hinunter in den Keller zu Knut. Er hat Minnas Kleidung für dich. Solange dein Beschützer noch da ist, darfst du nachher ausnahmsweise zu uns in den Salon kommen, wenn du angezogen bist, ja?“

Damit wandte sich die Herrin von Kyra ab. Von ihrem Ton her hätte man meinen können, sie meine es wirklich gut mit Kyra. Aber ich wusste es ja besser und sah Kyra, wie sie einen Knicks vollführte, ihre Tasche wieder hochnahm und durch eine Tür, rechts in der Eingangshalle verschwand.

„Kommen Sie doch endlich, Herr Vronski“,

hängte sich die Dame des Hauses jetzt in meinen ihr dargebotenen, angewinkelten Arm ein, und wir schritten auf die linke Seite der Halle zu.

„Mein Geliebter, Graf Stollberg und ich würden es sehr begrüßen, wenn sie zum Tee bleiben. Sie möchten doch, oder?“ Eine Antwort wartete sie nicht ab und schritt und sprach ohne Atem zu holen weiter.

„Sie können uns etwas erzählen von der großen weiten Welt da draußen, der wir uns weitestgehend entzogen haben. Wissen Sie, wir leben hier sehr zurückgezogen und bekommen daher kaum etwas mit“,

säuselte die Frau, von der ich wusste, wie hart und mitleidlos sie sein konnte, wenn es um das Befinden ihrer Bediensteten ging. Im Moment allerdings hinterließ sie den Eindruck, sie könne keiner Fliege etwas zuleide tun und man könne sich jederzeit hilfesuchend in ihre Arme stürzen. Was für ein Irrtum, dachte ich und spürte ihre warme Hand auf der Haut meines Armes.

Der Salon war nicht weniger beeindruckend wie die Halle. Alles hier war so freizügig, wie im Eingangsbereich, nur war der Raum nicht ganz so hoch. Auch hier standen Statuen in ausgesprochen erregenden Posen auf schmiedeeisernen oder marmornen Säulen, farbfrohe Bilder, Palmen, erlesene Antiquitäten und wieder großzügige Kassettenfenster gaben dem Raum etwas Sinnliches, ja, geradezu Heiteres. Und das Kleid der Herrin, wie ich sie in meinen Gedanken nannte, weil Kyra so viel von ihr erzählt hatte, schmeichelte weich, erlesen und seidig glänzend um ihre wohlgeformten Beine.

Sie mochte so um die vierzig sein. Mindestens zehn Jahre älter als ich also und etwa fünfzehn Jahre älter als Kyra. Den Grafen schätzte ich so um die Mitte vierzig. Ein auf den ersten Blick ruhiger, ausgesprochen attraktiver Mann, an den Schläfen schon etwas graumeliert. Er war gut einen halben Kopf größer als seine Geliebte, die mich jetzt bat, Platz zu nehmen.

Ich ließ mich in das weiche, grünlichschwarz schimmernde Ledersofa fallen. Auf dem Tisch vor mir erfassten meine Augen eine beeindruckende Bronzefigur. Ein hinreißender Frauenkörper. Die Brüste ragten auf eine sehr anmutige Art über den mit wundervoll ausgearbeitetem Muskelspiel versehenen, mittleren Körperteil. Sie war gefesselt und ihr Haar fiel wallend auf die Metallplatte, auf der sie ruhte. Wundervoll, dachte ich, als auch der Graf mir gegenüber Platz nahm und die Dame eine Klingel vom Tisch nahm und läutete.

„Sie nehmen doch Tee, oder, Herr Vronsky“, die Herrin hatte mich richtiggehend aufgeschreckt mit ihrer Frage.

„Ja, selbstverständlich, gerne“, antwortete ich schnell und artig, wie ich fand.

„Nun erzählen Sie doch. Was passiert so da draußen in der Welt? Sie betreiben einen Sklavenhandel? Das heißt, ihr Dienstherr betreibt ihn, nicht wahr? Und sie greifen ihm sozusagen dabei unter die Arme?“

„Ganz recht, gnädige Frau. Wir verleihen Sklavinnen, so wie Kyra.“

„Trine, Herr Vronski. Sie heißt Trine. Kyra passt nicht zu einem Dienstboten.  Bitte, seien Sie so gut und halten sich an unsere Usancen, ja? Ich bitte Sie wirklich sehr herzlich darum.“

„Selbstverständlich, gnädige Frau. Verzeihen Sie bitte.“

„Schon gut. Wie viele Sklavinnen verleihen Sie insgesamt, wenn ich fragen darf?“

„Es sind im Moment … Ich glaube es sind acht, gnädige Frau“, stotterte ich, weil ich wirklich nicht sicher war, ob es mit oder ohne Kyra acht oder neun waren.

„Mir scheint, Sie haben im Moment etwas den Überblick verloren“, lächelte mich Elise prompt etwas abfällig an und ich fühlte mich unangenehm ertappt.. Aber sie fuhr dann auch gleich wieder fort: „Aha, acht also. Und unsere liebe Trine ist eine von ihnen. Aber wie sieht es mit Sklaven aus?“

„Es tut mir leid, gnädige Frau, aber Sklaven verleiht unser Unternehmen …“, ich stockte etwas, weil ich nicht sicher war, ob man wirklich von einem Unternehmen sprechen sollte und dann berichtigte ich mich, „… mein Chef nicht.“

„Das ist schade, Herr Vronski. Sehr, sehr schade. Sie wissen ja gar nicht, was ihnen da für ein Geschäft entgeht. Ich halte mir einen Knecht, wissen Sie? Knut. Sie werden ihn noch kennenlernen.“

„Nein, das wusste ich nicht“, antwortete ich, um Kyra nicht zu verraten. Die sollten hier auf keinen Fall wissen, dass ich fast die ganze Geschichte dieses Hauses und seiner Bewohner kannte. Womöglich hätte das Konsequenzen für Kyra gehabt. Also stellte ich mich unwissend.

In dem Moment ging die Tür auf und Knut trat ein. Zumindest ging ich davon aus, dass der nackte Mann mit einem Metallgefängnis um den Penis, den Kyra ausführlich beschrieben hatte, Knut sein musste. Auf einer Hand balancierte er ein Tablett, die andere hielt er auf dem Rücken. Er schleppte sich etwas vorwärts und jeder seiner Schritte verursachte ein dumpfes Geräusch. Aber ich konnte seine Füße nicht sehen, weil eine hohe Lehne im Weg war. Außerdem hörte man wieder das typische Geräusch von Ketten.

„Stell alles ab Knut“, hörte ich Elise sagen. Sie hatte ihre Stimme etwas gedämpft, „ach und Knut“ sah sie ihn jetzt an und zwängte damit seinen Blick geradewegs auf ihre Augen, „ich hoffe, du hältst dich heute vor unserem Gast an dein Versprechen, ja?“

„Ja Herrin.“

Knuts Stimme kam mir für seine stattliche Erscheinung etwas zu hoch vor. Kurz fragte ich mich, ob dieser relativ hohe Klang etwas mit seinem Gefängnis da unten zu tun haben konnte, wie bei Eunuchen, aber den Gedanken verwarf ich wieder. Schließlich gab es eindeutige Beweise dafür, dass er keineswegs kastriert war. Fasziniert sah ich ihm zu, wie er das Tablett auf den Tisch stellte und anfing, die Tassen zu verteilen. Alles führte er mit nur einer Hand aus und erst als er sich kurz etwas gedreht hatte, sah ich, dass seine zweite Hand mit dem Eisengürtel, der um seine Taille lag, am Rücken fest verbunden war.

Als alles angerichtet war, stellte er sich aufrecht an das seitliche Ende des Tisches, der sich zwischen dem Grafen, der Herrin und mir befand. Seine freie Hand legte er dahin, wo auch die andere schon vorher geruht hatte. Jetzt erst konnte ich ihn richtig ansehen. Groß und muskulös war er. Brust, Bauch, Beine und Po, alle Körperteile waren gut durchtrainiert. Er besaß stahlblaue Augen, gelocktes, blondes Haar, das fast bis auf seine Schultern fiel und einen schön geschnittenen Mund. Knut war ein Prachtkerl.

Mein Blick fiel auf seinen gefangenen Schwanz und ich stellte fest, dass ich mir seinen Zustand bei der Erzählung Kyras niemals so gequält vorgestellt hatte, wie ich ihn jetzt vor mir sah. Das eingezwängte Fleisch wurde so gegen die Eisenstangen gequetscht, dass es in den Zwischenräumen hervorquoll. Wenn ich ihn ansah, dann verspürte ich fast selbst den Schmerz, und sein etwas gequälter Gesichtsausdruck schien meinem Eindruck Recht zu geben.

„Sie bewundern Knuts Käfig, nicht wahr, Herr Vronski“,

riss mich die Herrin aus meinen mitleidigen Gedanken für den Ärmsten und ich fühlte mich ertappt wie ein Schuljunge.

„Ja, er scheint ein richtiges, kleines Kunstwerk zu sein, gnädige Frau“,

antwortete ich und hätte mich im gleichen Moment dafür ohrfeigen können, dass ich Knuts unsägliche Halterung so verharmloste. Die Gefangenschaft des besten Stücks eines Mannes.

„Nicht wahr? Er wurde für Knut eigens angefertigt. Maßangefertigt, Herr Vronski“,

berichtigte sie sich und hatte ihren Finger dabei in die Luft gestreckt. Unverhohlen klang Stolz aus ihrem Tonfall.

„Ich könnte mir aber vorstellen, gnädige Frau, dass so ein Gefängnis arge Schmerzen bereitet und daher sehr unangenehm zu tragen ist“.

Unglaublich, dachte ich, wie wir hier über diesen armen Menschen reden. So, als sei ein verschlossener Peniskäfig eine Lappalie und sein Träger eine Wachspuppe.

„Ja, vermutlich haben Sie Recht“. Gespieltes Bedauern klang wieder aus ihren Worten. „Aber was soll man denn machen? Hätten wir ihn „Natura“ belassen, was meinen Sie, was er den ganzen Tag mit diesem Prachtstück angestellt hätte? Sie sehen ja selbst. Er schwillt an, sobald er mich auch nur von Weitem hört. Und wissen Sie, dieser Körperteil ist vollkommen ohne jeden Nutzen für mich.“

Bei ihren letzten Worten hatte die Herrin ihre Hand auf die des Grafen gelegt und ihn kurz angesehen. Die Verabredung zwischen den beiden schien wohl zu lauten, dass es nur dem Grafen erlaubt war, in direkten körperlichen Kontakt mit der Herrin zu treten. 

„Das verstehe ich, gnädige Frau. Nur, Knut wird darunter leiden, denke ich“.

„Ja natürlich, das lässt sich aber nun einmal nicht vermeiden. Er jammert viel und oft, Herr Vronski. Aber wozu sonst wäre er geschaffen“, sie wandte ihren Blick Knut zu, „nicht wahr, Knut?“

„Ja Herrin“, antwortete der zum zweiten Mal.

Offensichtlich hatte sie beschlossen, jetzt das Thema zu wechseln und fragte mich, während sie aus der Kanne den Tee einschenkte.

„Wie nehmen Sie ihren Tee? Mit Milch oder ohne?“

„Ohne Milch, bitte, gnädige Frau“,

brachte ich heraus und dankte ihr, als sie mir eine Tasse reichte. Dann hielt sie mir zuerst das Gebäck hin und erst danach dem Grafen. Sie schien die perfekte Gastgeberin zu sein und ich war ein wenig angetan davon, dass sie mich dem Grafen vorgezogen hatte, obwohl der doch ohne jeden Zweifel sonst für sie immer an erster Stelle kommen musste. Ich sah sie an und konnte mir wirklich nur mit Mühe vorstellen, welche perfiden Gedanken sich hinter ihrer schön gewölbten Stirn tummeln mussten.

„Sie überlassen also keine männlichen Sklaven. Das ist aber sehr schade!“

Das war der erste Satz, den der Graf an mich richtete, während er seine Tasse zum Mund führte. Bis dahin hatte er mich mit einem durchdringenden Blick nur beobachtet. Und gleich nachdem er getrunken hatte, fast hörte man noch sein Schlucken, fuhr er fort,

„darf ich fragen, warum eigentlich nicht?“

„Nun ja, Graf Stollberg, wir haben uns nun einmal auf weibliche Sklavinnen spezialisiert. Sie leben zusammen in einem Haus, wenn sie nicht vermietet sind. Ein Sklave könnte dort das ganze gut funktionierende Gefüge durcheinanderbringen.“

„Wie denn das“, lachte der Graf. „Sie meinen ein männlicher Diener wie Knut beispielsweise könnte die Frauen mit seiner Gestalt und seinem wundervollen Penis durcheinanderbringen. Sie gar aus Eifersucht entzweien?“

Er lachte und wartete meine Antwort erst gar nicht ab.

„Aber ich bitte Sie, lieber Herr … Sehen Sie sich Knut doch nur an. Er kann absolut nichts mehr anrichten. Zugegeben, er ist ein schönes Exemplar. Aber sonst doch so harmlos wie eine Stubenfliege.“

Natürlich, dachte ich, mit diesem Käfig? Wen sollte Knut schon durcheinanderbringen? Die Mädels würden sich höchstens vor Mitleid darin übertreffen wollen, ihn zu verwöhnen und ihn damit etwas von seinem Schicksal abzulenken. Als ich Knut jetzt noch einmal ansah, bemerkte ich, dass seine Augenwinkel schimmerten. Wahrscheinlich, weil er einmal wieder ertragen musste, wie man so unbekümmert über ihn sprach, während er danebenstand. Ich nahm mir vor, Kyra danach zu fragen, warum er offensichtlich noch immer litt, obwohl er doch nichts anderes kannte. Während ich darüber noch nachdachte, hörte ich diese grazile Frau, die mir gegenübersaß, wie sie einen spitzen kleinen Schrei losließ.

„Nun sehen Sie sich das an, Herr Vronski. Es ist nicht zu glauben. Schon wieder läuft er aus. Dabei habe ich es ihm streng verboten. Er darf es eigentlich nie, wissen Sie. Aber schon gar nicht, wenn Gäste da sind. Nur, glauben Sie etwa, er hält sich auch nur ein einziges Mal an das, was ich von ihm verlange?  Noch nicht einmal diese Kleinigkeit bringt er fertig!“

Etwas verdattert folgte ich ihrem Blick und sah vor mir den runden Teil der eisernen Umhüllung, die wie ein Sieb über die Eichel des Erbarmungswürdigen gestülpt war. Und wahrhaftig, am unteren Ende der Kappe hielt sich ein Tropfen fest. Auch am Boden schimmerte es bereits, wie ich feststellte, als ich nach unten sah.

Knut rührte sich nicht und stand da, wie ein Soldat, dessen Vorgesetzter ihm eine Standpauke hielt. Er sah stur geradeaus. Alle Augen, auch die des Grafen waren jetzt auf ihn gerichtet und ich wusste wirklich nicht, was ich sagen sollte. Nach einer ganzen Weile, in der ich zwischen den Herrschaften und Knuts Penisspitze hin und her gesehen hatte, sagte ich.

„Wirklich außerordentlich!“

„So kann man es auch nennen, wenn man höflich ist, Herr Vronski. Sie haben offenbar eine gute Kinderstube genossen. Aber der Graf und ich, für uns ist dieses Verhalten alles andere als „außerordentlich“, sondern für uns ist das Alltag. Verstehen Sie, was ich meine?“

Sie sah mich an und wartete, bis ich nickte. Erst dann wandte sie ihren aufregenden Blick zu Knut. 

 „Beseitige auf der Stelle Deine Hinterlassenschaft“.

Im Augenwinkel und während ich meinen Blick kaum von dem unbarmherzigen Gesicht der Dame des Hauses wenden konnte, sah ich, wie sich Knut auf die Knie begab. Gleich darauf war sein Kopf aus meinem Gesichtsfeld verschwunden und der Graf, der genau in der anderen Richtung saß, zog meine Aufmerksamkeit wieder auf sich.

„Wissen Sie, ich habe einen Grund für meine Frage Herr …“

„Vronski“, half ich ihm, nachdem ihm nach einigen Sekunden mein Name noch nicht einfallen wollte.

„Ja, Herr Vronski. Die gnädige Frau und ich sind der Meinung, wir sollten Knut einmal eine Zeit unten im Kerker ganz in Ketten legen. Wir denken dabei an vier oder fünf Wochen. Vielleicht hat sein Trieb dann einmal Gelegenheit, sich etwas zu beruhigen. Sie sehen ja selbst, das ist ein unhaltbarer Zustand mit ihm und es wird immer schlimmer. Aber Elise braucht ihren Knecht eigentlich, wissen Sie. Er tut ihr ja immer gute Dienste. Deswegen versprach ich ihr, für Ersatz zu sorgen.“

Er sah die Frau neben sich zärtlich an und griff nach ihrer Hand, die auf der Lehne des Sessels neben ihm gelegen hatte.

„Nicht wahr, Liebste?“ wandte er sich ihr zu, die ihn jetzt liebevoll anlächelte.

„Wir dachten, vielleicht haben sie ja so etwas wie eine Kooperation mit einem Unternehmen, das sich auf männliche Sklaven spezialisiert hat?“

Jetzt erst hauchte der Graf seiner Geliebten einen Kuss auf die Hand, die er die ganze Zeit nur gehalten hatte. Ich musste zugeben, dass mich die Art, wie diese beiden Sadisten miteinander umgingen, absolut faszinierte.

„Lieber Graf“, sah ich in seine abwartenden Augen, „diese Frage kann ich Ihnen beim besten Willen nicht beantworten. Da müsste ich meinen Arbeitgeber fragen. Wenn Sie gestatten, dann werde ich sie von ihm kontaktieren lassen. Ich habe gehört, dass Sie gegen 11 Uhr vormittags meist in ihrem Arbeitszimmer zu erreichen sind?“

Seltsam, fiel mir erneut mein gestelzter Tonfall auf. Es musste wohl die Atmosphäre dieses Hauses sein. All diese Kunstgegenstände, die kein Mensch brauchte, aber die jedem das Herz aufgehen ließen, der sie betrachten durfte. Überhaupt, dieses Übermaß an Schönheit, wohin man auch sah und die Helligkeit und Großzügigkeit. Schon als ich hineingekommen war, war mir das Wort „Verschwendung“ in den Sinn gekommen. Das alles musste einfach auf die wirken, die sich hier – wie ich im Moment – aufhalten durften und selbstverständlich auch auf die, die hier eingesperrt waren. Man konnte sich dieser Stimmung einfach nicht entziehen und fühlte sich wie gefangen von ihr.

Sobald man den Fuß über die Schwelle gesetzt hatte, geschah so eine Art Transformation mit einem. Und auch wenn ich alles andere als devot war, so konnte ich von dem Augenblick an, als der Graf mit der Herrin die Treppe heruntergeschritten gekommen war, das Gefühl nicht loswerden, als sei ich ebenfalls ein Dienstbote. Und so ausgesucht höflich, wie die Herrschaften auch waren, in jedem ihrer Worte schwang etwas Herablassendes mit. Etwas, das einem ganz klar zu verstehen gab, dass die beiden weit über einem standen. Das konnte ich fast körperlich spüren.

„Gegen 11 Uhr wäre schon ein wenig zu spät, wissen Sie Herr …“

„Vronski“, half ich erneut, weil er mich ansah, als habe er meinen Namen noch nie gehört und er könne ihm daher gar nicht einfallen?

„Natürlich, Herr Vronski. Es wäre mir lieber so gegen halb zehn. Dann habe ich noch Zeit und Muße, mich auf die Hilfe, die mir ihr mit aller Sicherheit Chef anbieten möchte, zu konzentrieren. Später bin ich meist mit Dingen beschäftigt, die mir anderweitig höchste Achtsamkeit und Andacht abnötigen.“

Natürlich, dachte ich, da stehst du hinter meiner Kyra und ziehst deinen Gürtel aus den Schlaufen, aber ich antwortete ganz im Sinne eines Dienstleisters.

„Selbstverständlich Graf, wir werden uns bei Ihnen gegen halb zehn Uhr vormittags melden.“

„Das ist gut so, mein lieber Vronski. Tun Sie das bitte“, bemerkte er und sah dabei seiner Geliebten in die Augen.

„Wir werden Ersatz für Knut finden, Liebste. Bei diesem Unternehmen oder bei einem anderen. Du machst Dir hoffentlich nicht all´ zu große Sorgen deswegen?“

„Doch ich mache mir Gedanken. Was alles damit verbunden sein wird. Schau, Liebster, wir müssen wieder einen ausbruchsicheren Peniskäfig anfertigen lassen, und wer weiß, ob eine Vertretung überhaupt in den Pranger passt? Und es kommt ja hinzu, wir hätten für den Ersatz nur die Zelle neben Knut frei. Aber Du weißt doch, dass er ausgerechnet dort sein Holz für den Ofen sammelt. Alles Fragen, die sich mir stellen, weißt du?“

Wieder nahm der Graf die Hand der Herrin in seine und führte sie zu seinen Lippen.

„Aber nicht doch mein Engel“, äußerte er zärtlich. „Es ist so typisch für dein gutes Herz, dass du immer an die anderen denkst. Und jetzt auch noch an Knuts unwichtige Holzvorräte. Aber das brauchst du nicht. Er bekommt für die Zeit eine wärmere Decke. Mit seiner Sammlung, die er da unten angehortet hat, soll er einfach draußen im Hof ein nettes Feuerchen machen und schon haben wir eine Unterbringung für seine Vertretung. Und wegen des Käfigs, da brauchst du dir schon gar keine Gedanken machen. Wenn, dann bestellen wir gleich einen mit. Für die Zeit reicht auch einer mit einem Schloss. Wir zahlen immerhin genügend. Da wird man doch schließlich einen Sklaven mit Käfig verlangen können, oder?“

Jetzt sah er mich an und ein weiteres Mal dachte ich, dass es besser wäre, ihm zuzustimmen und ich nickte.

„Danke mein Geliebter“, hörte ich die Herrin zum Grafen gewandt sagen. Dann drehte sie ihren Kopf wieder in meine Richtung.

„Aber Herr Vronski, sagen Sie bitte, vielleicht können wir uns das ja doch alles ersparen. Kennen Sie vielleicht eine andere Methode, wie man das Auslaufen von Knut verhindern kann?“

„Vielleicht könnte man ihn öfter melken lassen, gnädige Frau“.

Ich wusste nicht, ob ich Knut mit diesem Ratschlag half, oder ob er eher etwas Erschreckendes für ihn hatte. Mir war Kyras Schilderung von dem Vorgang des Melkens eingefallen und dass Knut jedes Mal während der gesamten Prozedur weinte. Aber dann beruhigte ich mich damit, dass ihm das Melken immerhin eine Weile Befreiung von seinem Druck verschaffte.

„Noch öfter“, rief die Herrin fast entsetzt aus. „Sie werden es nicht glauben, aber spätestens alle vier Wochen lassen wir ihm das …, nun ja, sagen wir einmal, das Gebräu ab. Alle vier Wochen, Herr Vronski. Überlegen Sie doch einmal. Der Aufwand jedes Mal. Und dann hält das Ganze gerade einmal für ein paar Tage. Nein, nein, ich glaube wirklich, das einzige, das uns wirklich helfen wird, ist, ihn ein paar Wochen ganz und gar ruhigzustellen. Da hat der Graf doch ganz Recht. Ich muss das wirklich einsehen, Herr Vronski. Ein Ersatz für Knut ist unabdingbar.“

Der, über den die Herrin da gerade ihr Urteil fällte, hatte sich mittlerweile wiederaufgerichtet. Seine Augenwinkel waren noch immer feucht, wie ich durch einen kurzen Blick zu ihm feststellte.

„Knut“, hörte ich jetzt den Grafen das Wort an den Knecht seiner Geliebten richten,

„sieh nach, wo Trine steckt und hol sie her. In ein paar Minuten wird uns ihr Begleiter verlassen. Wenn sie jetzt nicht kommt, hat sie Pech gehabt und wird sich nicht verabschieden können.“

Das war doch die eindeutige Ankündigung eines Rauschmisses, dachte ich. So also gab man in solchen Kreisen jemanden wie mir zu verstehen, dass man genug von ihm hatte. Schließlich war ich ja nur ein Dienstleister. Dem konnte man ruhig indirekt zu verstehen geben, dass seine Zeit, in der er die Gastfreundschaft der Herrschaften genießen durfte, nun abgelaufen war.

„Gnädige Frau, Graf Stollberg, ich danke ihnen für den Tee. Sie lassen Trine gerade im rechten Moment rufen, denn ich muss sehr bald den Rückweg antreten,“

raspelte ich jetzt Süßholz und bemühte mich, das Ende meines Aufenthaltes hier in diesem vornehmen Haus als meine eigene Entscheidung dastehen zu lassen.

Der Graf hatte mich jedoch offenbar durchschaut. Das verriet mir sein Blick. Er schmunzelte, als er meine Worte vernahm. Seine Blicke schienen zu sagen: Streng dich nicht an. Du bist und bleibst ein kümmerlicher Wurm, sonst nichts. Und wir bestimmen, wann du zu gehen hast, auch wenn du es jetzt anders dastehen lassen möchtest.

Endlich konnte ich erkennen, was Knut da hinter sich herzog, als ich ihm mit meinen Blicken folgte. Es sah aus, als habe man ihm einen mit Sand oder etwas Schwerem gefüllten Sack an jedes seiner Fußfesseln gebunden. Mein Blick war zurück zu Elise gegangen und ich dachte: was würde dieser Frau, die mir da gegenübersaß noch alles einfallen, um diesen armen Menschen zu erniedrigen und ihm das Leben so schwer wie möglich zu machen.

„Sagen Sie, Herr Vronski“, hörte ich jetzt wieder ihre Stimme, „wenn mehrere Sklavinnen einmal nicht gerade engagiert sind und in diesem Haus verbringen, von dem Sie vorhin sprachen, nutzen Sie dann eigentlich die Gelegenheit, dass so viele willige weibliche Wesen um Sie herum sind, um ihren Hormonhaushalt in Ordnung zu bringen?“

Mit einem geradezu aufreizenden Lächeln hatte die Herrin diese Frage an mich gerichtet und ich merkte, wie mir das Blut in die Wangen schoss.

„Ich weiß nicht, wie ich sagen soll, gnädige Frau“, stammelte ich.

„Sprechen Sie nur ganz frei heraus, lieber Herr Vronski. Wir sind doch jetzt unter uns, wollte sie mich wohl in scheinbarer Sicherheit wiegen.“

„Ja, ich…, also wir…, Monsieur Becker und ich... Selbstverständlich können wir all der reizenden Weiblichkeit nicht widerstehen.“

„Das dachte ich mir doch, lächelte sie mich noch immer an. Und wie ist es um ihren Trieb bestellt, wenn ich fragen darf“, ließ sie nicht locker und der Graf schmunzelte und sah seine Geliebte von der Seite an.

„Nun ja, ich bin erst neunundzwanzig, gnädige Frau, wissen Sie, da …“

„… natürlich, da liegt es geradezu in der Natur der Dinge, wollen Sie sagen, nicht wahr? Da ist die Kraft gerade auf dem Zenit.“

Sie sah mich jetzt wartend auf eine Antwort an.

„Ja, gnädige Frau,“ antwortete ich und kam mir beinah schon wie Knut vor.

„Ich frage, weil wir ein befreundetes Pärchen haben. Wissen Sie, der Mann ist schon etwas älter und seine Gattin, also, die hätte weitaus mehr Bedarf nach jugendlicher Potenz, als ER derzeit befriedigen kann. Wenn Sie verstehen, was ich meine. Natürlich hält sie sich einen Sklaven, so, wie ich. Aber wie Sie wissen, sind Sklaven nicht zum Eindringen gedacht. Was ich Sie fragen wollte, hätten Sie nicht Lust, sich etwas dazu zu verdienen?“

Mir war sicher die Kinnlade heruntergefallen bei ihren Worten.

„Ich habe noch nie darüber nachgedacht, gnädige Frau, aber ich glaube …“

„Sagen Sie jetzt nicht „Nein“, hob sie die Hand wie eine Schiedsrichterin. „Solche Gelegenheiten sollte man weder zu schnell zu- noch absagen, wissen Sie? Überlegen Sie es sich einfach. Unsere Freundin ist sehr attraktiv, nicht wahr Liebster“, wandte sie sich dem Grafen zu.

„Das kann man durchaus so sagen. Ja“, antwortete der Graf zunächst in Richtung seiner Geliebten, dann aber sah er mich an. Schon wieder hielt er die Hand von Elise, so, als wolle er ihr gleich wieder einen Kuss darauf hauchen.

In dem Moment ging die Tür auf und Kyra trat ein. Sie war kaum wiederzuerkennen. Hinter ihr sah ich Knut, der meinen „Liebling“ aus Charlys Sortiment, die jetzt aussah, wie eine gewöhnliche Magd, vor sich herschob. Kyra, die elegante, langbeinige, schlanke Kyra. Sonst sah sie aus, wie die Herrin, so außergewöhnlich schön. Jetzt mussten sie sie in mehrere Lagen Röcke gesteckt haben. Der oberste bestand aus einem groben Stoff, ähnlich einem Kartoffelsack. Darüber trug sie eine dunkelbraune Schürze. Außerdem hatte sie eine Haube auf dem Kopf, die ihre wundervollen Haare verdeckte.

Sie hatte ihre Kleidung mir gegenüber ja schon beschrieben, aber so hatte ich sie mir nicht vorstellen können. Sie erinnerte mich an irgendjemanden. Aber an wen, das sollte mir erst etwas später einfallen. Es war die Figur auf dem Gemälde von Jan Vermeer, aus dem 17. Jahrhundert, das in Amsterdam in einer Galerie hing, in der ich mit meiner Frau einmal gewesen war. Kyra war natürlich wesentlich schlanker und jetzt konnte man keinen Busen mehr an ihr ausmachen. Sie hatte auch feinere und edlere Gesichtszüge. Aber für die Kleidung, die sie jetzt trug, schien diese Magd von Vermeer Pate gestanden zu haben. Die Herrschaften hatten ihre Grundsätze verlassen und Kyra in die Mode mehrerer Jahrhunderte früher gesteckt.

Mit den Händen auf dem Rücken ging sie schüchtern auf die Herrin zu. Mich würdigte sie dabei keines Blickes. Wahrscheinlich war ihr Blickkontakt zu anderen Personen, als den Herrschaften, untersagt. Auch Knut hatte mich noch kein einziges Mal angesehen, fiel mir jetzt auf.

„Na, was ist Trine? Ich muss dir doch nicht sagen, wo dein Platz ist, wenn wir Gäste haben, nicht wahr?“

„Nein, gnädige Frau“, hörte ich Kyra, als sie sich hinter den Sessel der Herrin bückte und einen etwa zehn Zentimeter hohen Hocker hervorzog, den sie seitlich neben Elise stellte, den Rock vorne anhob und sich darauf kniete. Danach legte sie ihre Hände auf Rücken und richtete sich gerade auf. Knut begab sich hinter Kyra in seine schon vorhin ausgeführte Stellung im Stehen.

„Sehen Sie Herr Vronski, Trine wird es doch so gut bei uns haben. Sie darf sogar auf einem gepolsterten Hocker knien und muss sich nicht die Knochen auf den harten Holzdielen aufreiben, wie es Knut leider nicht erspart bleibt, wenn er seinen Schmutz beseitigt. Ich finde, seine Knie sind schon viel eckiger geworden, und je mehr er tropft, desto kantiger werden sie. Aber das scheint ihm nichts auszumachen, nicht wahr Knut“,

drehte sich die Herrin zu dem armen Geschöpf um.

„Nein Herrin“, antwortete der und sah, als habe er etwas ausgefressen unter sich.

„Gnädige Frau, ich muss jetzt wirklich gehen. Vielleicht kann Ky…, Trine mich noch hinausbegleiten?“

Der Graf hatte sich auf einmal aus seinem Sessel erhoben und Elise war gleich nach ihm aufgestanden. Auch ich tat es den beiden nach.

„Vielen Dank für den ausgezeichneten Tee“, äußerte ich so charmant wie möglich und streckte dem Grafen meine Hand entgegen.

„Nicht dafür, Herr Vronski“, schaltete sich die Herrin ein und sah auf ihre Magd hinunter. „Trine, worauf wartest du? Hast du nicht gehört? Du sollst Deinen Begleiter nach draußen bringen. Und danach reinigst du gleich die Treppenstufen. Der Graf war vorhin ausreiten und hat einmal wieder vergessen, die Stiefel auszuziehen. Diesmal hat er wirklich fast den ganzen Pferdestall auf den Stufen hinterlassen. Nicht wahr, Liebster“,

drehte sie sich um zum Grafen und Kyra war bemüht, so schnell sie konnte aufzustehen, wo sie sich gerade erst hingekniet hatte.

„Ja, könnte sein“, murmelte der Graf nur unter sich, aber dann fuhr er mit lauterer Stimme fort:

„Ich werde oben in der Bibliothek noch etwas arbeiten, so dass ich Trine, gleich wenn sie fertig ist, einweisen kann. Hast Du gehört, Trine? Du kommst, wenn du die Arbeit, die dir die Herrin aufgetragen hat, erledigt hast dann ohne Aufschub zu mir, bestimmte er und wandte sich Richtung Ausgang“.

„Ja, Herr“,

hörte ich jetzt das erste Mal Kyra selbst in diesem Haus zum Grafen sprechen und wieder ging sie kurz in eines ihrer Knie. Ich konnte sehen, wie sie ihm zunächst in die Augen und dann auf seinen Gürtel geblickt hatte. Auch die Herrin hatte den Bruchteil einer Sekunde auf das braune Leder gesehen.

Auf einmal hatte ich das Gefühl, wie vor zwei Wochen bei Memori, Kyra mit mir zurücknehmen zu müssen. Fort aus diesem Haus. Es war schwer, sich vorzustellen, sie hier ihrem Schicksal überlassen zu müssen. Und wie damals bei Memori musste ich mir in Erinnerung rufen, dass Kyra sich dieses Leben und diesen Beruf ausgesucht hatte. Meine Aufgabe konnte es nicht sein, alle Sklavinnen vor ihren eigenen Dummheiten zu retten. Sie waren schließlich erwachsen und Kyra war eine besonders intelligente Vertreterin ihrer Spezies, redete ich mir ein.

Allerdings konnte ich nicht verhindern, dass mir Kyras Worte aus ihren Erzählungen in den Sinn kamen: wenn sie hörte, dass er nur die Schnalle öffnete, ohne das Leder anschließend durch die Schlaufen zu ziehen, dann konnte sie sich etwas entspannen, hatte sie gesagt. Jetzt sah ich sie vor meinem geistigen Auge, über den Schreibtisch gebeugt, sie musste bestimmt die vielen Röcke auf ihrem Rücken zusammenhalten, damit sie dort liegenblieben, während sie sich fragte, in welcher Stimmung der Herr heute sein würde.

Noch einmal nahm ich den Grafen ins Visier. Ein wirklich imposanter Vertreter seines Geschlechts, dachte ich und war etwas eifersüchtig auf ihn. Vollkommen aufrecht ist seine Statur, dachte ich, und sein Haupt sitzt selbstbewusst auf seinem schlanken Hals. Und wie liebevoll und zärtlich er mit seiner Geliebten, Elise, gesprochen und ihre Hand geküsst hatte? Man merkte ihm eine tiefe Verehrung für sie an. Dass zwei so unterschiedliche Seelen in ein und derselben Brust leben konnten, das war schon etwas, das mich faszinierte und irgendwie wünschte ich mir in diesem Moment, ich wäre auch mit einem Selbstverständnis wie er auf die Welt gekommen, mir alles, das ich wollte, nehmen zu dürfen.

Denn eines schien mir fast unzweifelhaft. Dass er vermutlich nie anders mit Untergebenen oder auch mit Seinesgleichen umgegangen war. Man konnte ihn sich vorstellen, wie er schon als Knabe die Mägde seiner Eltern herumgescheucht hatte. Und nun, als Erwachsener, teilte er Menschen wahrscheinlich nur noch in drei Gruppen ein: die, die ihm untergeben waren und seinen Willen zu erfüllen hatten, die, die ihm gleichgestellt waren und die Dritten, die ihm vielleicht in irgendeiner Weise einmal nützlich sein konnten. Ich gehörte offensichtlich zur letzten Kategorie. Vermutlich war er daher relativ freundlich zu mir. Hätte er diesen Gedanken nicht gehabt, mich noch für irgendetwas brauchen zu können, dessen war ich mir sicher, hätte er vermutlich keine Notiz von mir genommen.

Auf dem Weg nach draußen sah ich nun erst wirklich diesen Pranger, weil ich auf ihn zuschritt. Ein Hohlkörper in der Form eines Menschen aus dunklem Eisen. Gesicht, Scham und Brust waren ausgespart. Befestigt auf einem wuchtigen Stück Holz, wahrscheinlich Eiche. Etwa auf der Höhe der Scham, da, wo sich die unterste der drei Öffnungen befand, erkannte ich mehr schemenhaft einen kleinen Teil vom Ende des Stabes, den Kyra beschrieben hatte.  Ein im Moment ganz harmlos aussehendes Ding, dachte ich. Aber ich wusste ja, wie er die jeweiligen Insassen dazu bringen konnte, das ganze Haus mit herzzerreißenden Wehklagen auszufüllen..

Jetzt, als ich mit Kyra durch die hohe Tür schritt und hinunter auf meinen Wagen sah, der mich endlich wieder in die Jetztzeit bringen würde, musste ich meinen Impuls zurückdrängen, sie auf meine Arme zu nehmen und sie neben mir im Wagen abzusetzen, um den Motor zu starten und mit ihr davonzubrausen. Stattdessen schritt ich in Gedanken mit ihr über den knirschenden Kies auf den Wagen Charlys zu und ich hörte mich fragen

„Wirst du es auch diesmal schaffen, Kyra?“

Kyra fragte nicht nach, was ich gemeint hatte, sondern antwortete sofort:

„Selbstverständlich. Auch diesmal.“

„Er gibt dir nicht die geringste Eingewöhnungszeit, Dein Graf, nicht wahr?“

„Nein, das ist nicht vorgesehen.  Er freut sich jetzt auf die Abwechslung. Er möchte mir im Takt des Gürtels die Neuigkeiten mitteilen, die ich schon längst von Knut weiß.“

„Welche Neuigkeiten?“

Kyra sah unter sich. Sie lief und schwieg. Was waren das für Neuigkeiten?

 „Du wirst Charly trotzdem alle Ehre machen“, versuchte ich sie aufzumuntern. fragte aber vorsichtshalber noch einmal nach, „kann ich denn noch irgendetwas für dich tun?“

„Ja“, gab sie leise zurück, „denk an mich, auch wenn du Memori abholen solltest, ja?“

„Das mache ich, Kyra, ganz bestimmt sogar“.

Als ich das aussprach, wusste ich, dass meine Gedanken auch ohne ihre Bitte um sie gekreist wären. Wir sahen uns an. Sie war kaum wiederzuerkennen mit ihrer Haube, die ihre schönen rotbraunen Haare nicht mehr enthüllten und in dieser groben weiten Bluse. Schon am Morgen, als wir hergefahren waren, hatte Charly angeordnet, dass sie nicht geschminkt wurde und so sah sie für mich ein klein wenig fremd aus. Ihre Augen waren etwas gerötet, man konnte ihr die Müdigkeit ansehen, die die letzten beiden Tage in der Ankleide hinterlassen hatten.

Ich strich ihr eine feine Haarsträhne, die nicht ganz unter dem unförmigen Ding auf ihrem Kopf verschwunden war, unter den Rand und dann drehte ich mich um und stieg in den Wagen. Etwas wie Wehmut durchströmte mich und daher schlug ich schnell die Tür zu und startete die 230 PS. Aber erst, nachdem ich die Scheibe heruntergelassen und zu ihr gesagt hatte,

„ich hole dich in drei Wochen wieder ab“,

trat ich fast wütend aufs Gaspedal und sah sie im Rückspiegel. Erst hinter einer kleinen Staubwolke, die ich mit den Reifen ausgelöst hatte, konnte ich beobachten, wie sie die Hände wieder auf den Rücken legte und dann, wie sie auf die große Treppe vor dem Haus zuschritt.

 

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Kommentare

... jetzt würde ich nur gerne wissen, wie es Trine weiter ergeht?!?

Super geschrieben.

In reply to by Yvonne Kabila

dafür, dass Du Dir die Mühe eines Kommentars gemacht hast. Dies allein ist schon ein Kompliment. Und die Steigerung ist, wenn Du meinen Text mit dem Prädikat "spannend" auszeichnest.

Ich fühle mich geehrt.

Alexander

 

ich muss sagen ich bin sehr gespannt wie es weiter geht nicht nur mit Trine sondern auch mit Thomas.

ich freue mich auf die fortsetzung

Wow! Was für ein Anfang.

Eine Geschichte die (mich) fesselt, einwandfreie Rechtschreibung, so dass der Lesefluss nicht durch das eine oder andere "AUA" gestört wird und ein interessanter Plot noch dazu.

Ich bin schon gespannt, wie es weiter geht und ob ich die Fortsetzung korrekt vorausgeahnt habe.