Das Lied - amour fou Teil 762

mit Stefan George († 1933, gemeinfrei).

 

Es fuhr ein knecht hinaus zum wald / Sein bart war noch nicht flück /
Er lief sich irr im wunderwald / Er kam nicht mehr zurück. /
Das ganze dorf zog nach ihm aus / Vom früh- zum abendrot /
Doch fand man nirgends seine spur / Da gab man ihn für tot. /

Der knecht sah bald ein stolzes weib / Ein funkeln, mehr noch nicht /
Sie blickt ihn an und eilte fort / Er folgte ihrem licht. /
Durch tag und nacht und sumpf und grund / Zog sie ihn magisch an /
Es trieb ihn wie ein wildes tier / Doch kam er nicht heran. /

So flossen sieben jahr dahin / Und eines morgens stand /
Auf einmal wieder er vorm dorf / Und ging zum brunnenrand. /
Sie fragten wer er wär und sahn / Ihm fremd ins angesicht /
Der vater starb die mutter starb / Ein andrer kannt ihn nicht. /

Vor tagen hab ich mich verirrt / Ich war im wunderwald /
Dort kam ich recht zu einem fest / Doch heim trieb man mich bald. /
Die leute tragen güldnes haar / Und eine haut wie schnee. /
So heissen sie dort sonn und mond / So berg und tal und see. /

Die Sonne nahm mich in den dienst / Zu lecken ihre schuh /
Sie duften wild nach Einhornhaut / Sie ließ mir keine ruh. /
Frau luna trieb mich an bei ihr / zu lecken noch viel mehr /
So blind ich ward so froh ich ward / Und liebte sie gar sehr. /

Die berg war ein recht garstig Weib / Sie hieß mich steine rolln /
Sie kreiste und gebar ne Maus / Mehr hat wohl nicht sein solln. /
Frau tal jedoch war tief und nahm / Mich jauchzend in sich auf /
Sie hat mich völlig ausgepumpt / Seither bin ich schräg drauf. /

Am meistens aber liebte ich / Die die sie nannten see /
Sie hielt mich streng doch zärtelich / Sie lindert jedes weh. /
Sehr viel ließ sie mich trinken und / Sie spart nicht an der straf. /
Doch niemals missen will ich jeh / Die gunst dass ich sie traf. /

Da lachten all: in dieser früh / Ist er nicht weines voll. /
Sie gaben ihm das vieh zur hut / Und sagten er ist toll. /
So trieb er täglich in das feld / Und sass auf einem stein /
Und sang bis in die tiefe nacht / Und niemand sorgte sein. /

Nur kinder horchten seinem lied / Und sassen oft zur seit. /
Sie sangens als er lang schon tot / Bis in die spätste zeit. /

 


Anm.d.A. ich wählte dieses Lied, herrlich unbescheiden "Das Lied" betitelt, nicht zuletzt, weil ich einen sehr schönen zweistimmigen Satz dazu kenne und dereinst selbst als Pfadfinder (jaja!) in Burgruinen (Arnsberg, fucking romantisch) sang. Also ich selbst nur eine Stimme, wissenschon. Wie dem auch sei, ich kann das jetzt leider nicht vermitteln, weil ich keine Noten, geschweige denn Aufnahmen davon finde. Im Prinzip werden die erste, zweite und vierte Zeile versetzt in eher mittelalterlich dödeliger Art und vor allem Synkopen gesungen, die dritte jedoch gemeinsam, viel dunkler, beunruhigend, magisch und sehr stark in festem Takt, wie es schon wunderbar zur Betonung von "Das ganze dorf zog nach ihm aus" passt. Das ist der seltsame Rhythmus des Gedichts, jedenfalls, so weit es George betrifft.

Ich find's auch deshalb nicht, weil world & dog George vertont haben, nicht ganz zuletzt Anton Webern und T.W.Adorno (ja, der Theodor Wiesengrund Adorno!).

Diese völlig sedierte einstimmige Version gibt keinen Eindruck von der Kraft des Liedes, vor allem verpasst sie den Rhythmus, aber vll. mags ja jemand ...

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Kommentare

das Original kenne ich nicht, aber mal abgesehen davon gefällt mir diese Gedicht ungemein gut. Weil es nicht so nach dem Motto "reim dich und ich fick dich" geschrieben ist. Wie hier sonst so Manches. Irrsinnig auch deshalb, weil ich mit Gedichten sonst so gar nichts anfangen kann. Gut gemacht Herr Fukov, wirklich gut ;-)

In reply to by Raale

für das Lob von der Kennerin.

Für die, die nicht so viel mit Gedichten zu tun haben, sei erläutert, dass hier Vierheber und Dreiheber abwechseln, beide jambisch, d.h. je zwei Silben, davon die zweite betont, und alles mit männlicher Kadenz, d.h. endend mit einer betonten. Von den betonten Silben hat jede zweite eine etwas schwächere Betonung.

Im Bild sieht das so aus: ◡—ˌ◡—ˌ◡—ˌ◡— / ◡—ˌ◡—ˌ◡— /

Ich denke, immerhin ist es gelungen, die Worte so zu wählen, dass das passt, und das ist wohl auch die Hauptsache, auch wenn ich sprachlichen Deviationen wie "schräg drauf" nicht widerstehen konnte.

Musikalisch wird das im Rhythmus der 1.,2., und 4. Zeile gespiegelt, indem jeder zweite Ton doppelt so lang ist, insgesamt wohl ein 6/8 Takt da-daa-da-daa (und die letzte vom Dreiheber etwas länger, Pause). Die 3. Zeile marschiert streng und bedrohlich in 4/4 durch, freilich auch mit starker Betonung auf der zweiten und leichterer auf der vierten Note.

Rhythmus ist klar, jetzt noch die Noten der ersten Stimme, das Ganze in moll, der Einfachheit halber in a in der großen Oktave, kommt von der Höhe aber gut hin:

E ee e cc, c HH H AA / E AA H cc, d eee - /

A ff f gg, f ee c AA / E HH A HH, H AAA - /

E G A H, H c H A / c H G G, A EE - /

E ee e cc , c HH H AA / E EE G GG, A AAAA - /

Da sieht man schon vom hinschreiben den höhenmäßigen kleinen Hoffnungsschimmer am Ende der ersten und Anfang der zweiten Zeile, der aber sofort wieder bedrückt wird, wie düster die dritte ist, und wie die vierte an die erste anschließt, dann aber ganz dunkel und eng endet (etwas mehr adagio, getragen, bedeutungsschwanger zu singen), dabei aber auch ganz logisch und ruhig und eben fatal moll in sich bleibt, als könnte es gar nicht anders sein, und die erste Zeile hätte sich nur geirrt.

Auch diese Feinheiten im zeilenübergreifenden Rhythmus aufzugreifen, das Schwanken zwischen Leichtigkeit und Schwere, habe ich mich etwas bemüht, das musikalische Bild im Ohr; wie erfolgreich auch immer.

Wer's jetzt singen kann und ne Aufnahme hochlädt, am besten natürlich als Video, bekommt außer Lolli diesmal auch ne Autogrammkarte! Und die Noten für die zweite Stimme.

viel Spaß

Perfektionismus, Poesie, Musik und sexueller und psychologischer Tiefgang in der Weise verbunden- Schlicht ein Genuss- und ich bin jemand der Gedichte nicht mag.

In reply to by Drache

Hehe, Dank auch Dir.

Anscheinend mag hier niemand Gedichte; ich denke sie immer musikalisch, wo der Rhythmus doch meist hochgehalten wird,  und der Reim oft auch gern genommen - wär hätte nicht schon ein zärtliches Beisammensein, oder auch eine harte Session, mit feiner Mucke genossen.

Dank euch auch für die (noch wenigen aber) guten Bewertungen. Da ich sah, dass die zweite ein lonesome star war (Dank auch an wandelbar für die freundliche Beachtung), kann unter den übrigen höchstens ein Fünfer sein.