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Der Fährmann
Der Barock klopft an die Tür Europas. Und wie immer, zuerst an jene Türen, der italienischen Stadtrepubliken.
Es war eine der fruchtbarsten Zeiten für Verona, als sie der Republik Venedig angehörte.
Kunst, Kultur und Gesellschaft standen in voller Blüte.
Schon seit dem ausgehenden Mittelalter zog diese Stadt, wie ein Magnet, solche Größen der Malerei und Dichtung an, wie Giotto, Altichiero, Petrarch und Dante Alighieri.
Aber wo Licht ist, da ist auch Schatten.
Obwohl Aristokratie und der neue Mittelstand, im Verbund mit der gesamten Bevölkerung, Stadt und Umfeld in ein kleines geistiges und kulturelles Paradies verwandelten, gab es immer noch eine Macht, welche an alten Vorrechten hing. Und zwar mit Aller noch zur Verfügung stehenden Macht.
Die Kirche.
Und wehe Dem, Welcher zwischen die Mahlsteine des Machtpokers, den Klerus und Frühkapitalismus austrug, geriet.
Der Fährmann
Teil 1
Verona 1552
Petrullas Augen waren übergroß. Vor ihr breitete sich eine sanfte Landschaft. Eingewoben in ein unwirklich erscheinendes Licht. War es ein Licht? Nein, man sah keine Sonne. Eher ähnelte Alles dem Hauch des Abends. Kein Lüftchen ging, es lag eine Stille über Alles und Allen. Trauer und Frieden zugleich.
Die Zehnjährige sah zur Seite empor. Neben ihr schritt Mutter. Sie lächelte sie an. Beide waren gleich gewandet. Ein langes dünnes Hemd, die Füße nackt, die langen Haare offen.
Petrulla lächelte zurück. Sie wusste, mit der Mutter an ihrer Seite, konnte ihr nichts geschehen.
Hand in Hand schritten sie würdevoll voran. Nicht weit vor ihnen, ein dunkler, düsterer Fluss. Etwas Bedrohliches ging von ihm aus. Bedingt auch dadurch, dass dichter Nebel über ihm hing und keine Sicht zum jenseitigen Ufer gestattete. Ängstlich drückte das Mädchen die Hand der Mutter. Doch Diese erwiderte den Druck sanft. So als wenn sie sagen wolle.
„Keine Angst mein Kind. Uns geschieht nichts.“
Und Petrulla hatte keine Angst mehr.
Da gewahrte sie noch Andere, die dem Fluss entgegen schritten. Und sie erkannte einen Jeden.
Onkel Marco mit seiner Frau Bettina. Dahinter die kleine Severin. Ein lustiges Mädchen, kaum zwei Jahre jünger wie Petrulla. Oft hatten Beide zusammen gespielt.
Auf der anderen Seite von ihr, erkannte sie Pedro mit seinem Vater. Alle aus ihrer Straße. Aber es kamen noch mehr. Meister Randini und drei seiner Gesellen, dazu seine wunderhübsche Tochter Beatrice. Selbst vier der Nonnen vom Kloster der heiligen Clara.
Nur das sie keinerlei Trachten trugen. Alle waren gleichfalls in solch Hemden gekleidet, wie Petrulla und ihre Mutter.
Wieder sah sie fragend empor.
„Wo ist Rocco, mein Bruder? Und wo bleibt Vater?“
Doch seltsam, kein Laut drang über ihre Lippen. Dennoch verstand sie die Mutter. Und ohne ihre Stimme zu erheben drangen ihre Worte in Petrullas Geist.
„Sie werden kommen, Kind. Nur etwas später.“
Und Petrulla war`s zufrieden.
Da erreichten sie den Fluss. Alle drängten sich neben einander und warteten.
Dunkel und schwer wie Blei, wogten seicht die Wellen.
Nach kurzer Zeit konnte man schemenhaft, im dichten Nebel eine Bewegung erkennen. Erst undeutlich und fern. Dann teilten sich die Schwaden und hervor tauchte eine schwarze Barke. Auf ihr, eine hagere, große, düstere Gestalt. In der Hand, eine lange Stange.
Lautlos glitt sie näher. Petrulla erkannte mehr. Die Gestalt war in ein langes schwarzes Gewand gehüllt. Den Kopf bedeckte vollends eine hohe, spitze Kapuze. Das Gesicht lag in deren Schatten verborgen.
Nun stieg in Petrulla doch etwas Angst empor. Doch die Mutter drückte leicht ihre kleine Hand. Das gab ihr Zuversicht.
Kurz vor ihnen erreichte die Barke das Ufer.
Wortlos gab der düstere Fremde den Steven frei und trat zur Seite.
Und genauso wortlos begannen die Ersten das Boot zu besteigen. Einer, nach dem Anderen.
Jedes Mal wenn ein Gast die Barke bestieg, öffnete der Fremde seine Hand. Und ein Jeder gab ihm ein Geldstück. Dann wies er Demjenigen seinen zustehenden Platz im Gefährt an.
Auch Petrulla und ihre Mutter reihten sich in die Schlange der Wartenden.
Männer, Frauen und Kinder, um die fünfzig an der Zahl, alle warteten dass die Reihe an sie kam.
Petrulla ging hinter der Mutter.
Endlich waren auch sie dran. Mutter bestieg als Erste das Boot. Sie reichte dem Fremden ihre Münze.
Petrulla wollte es ihr gleich tun. Doch, oh Schreck, sie hatte gar Keine.
So hob sie nur ihr zartes Händchen und sah zu dem Fremden empor.
Der verharrte. Sekunden verrannen. Hinter Petrulla warteten noch Einige die mit wollten. Alles kam zum stocken. Flehend sah Petrulla abwechselnd zur Mutter und dann wieder auf den Fremden.
Da lüftete Dieser kurz seine Kapuze. Petrulla erschrak. Ein bleiches, ausgemergeltes Gesicht sah sie hohläugig an.
Das war der Tod!
Doch missmutig schüttelte Dieser sein Haupt und wies sie mit seiner knöchernen Hand an, zurück zu gehen.
Voller Panik sah sie zur Mutter.
Diese lächelte sie nur sanft an und sprach, wieder ohne Stimme.
„Geh nur, geh. Ich werde warten auf Euch. Auf Vater, Rocco und Dich mein Kind. Du hast noch etwas Zeit.“
Petrulla stand da wie versteinert. Ihr kleines Herz verkrampfte. Man drängte an ihr vorbei. Kaum hatte der Letzte die Barke betreten, legte Diese ab vom Ufer.
Petrulla bebte. Tränen stürzten ihr über die Wangen. Die Mutter winkte.
Da konnte sie nicht mehr. Sie wollte schreien, rufen, die Mutter zurück halten.
Sie nahm alle Kraft zusammen. Da gelang es ihr, sie schrie.
„Haltet sie fest, Messer Niclas!“
Vier starke Männerhände hatten ihre liebe Müh den ausgezehrten Leib des Mädchens zurück zu halten. Mit einer kaum vorstellbaren Kraft wand sich das Kind im Fieber.
Messer Alfredo Niclas, ihr Vater, warf sich mit seiner gesamten Fülle auf ihren Brustkorb und zwang ihn somit ins Leinen des Bettes zurück. Magister Vincent, der Arzt tat ein Gleiches mit ihren Beinen.
Allmählich erschlaffte Petrullas Atem und Kraft. Bewusstlos sackte sie in sich zusammen.
Langsam erhob sich der Vater von seinem Kind. Bart- und Haupthaar glänzend vom Eigenen, sowie vom Fieberschweiß der Tochter.
Voller verzweifelter Hoffnung sah er mehr bittend, als fragend zu Magister Vincent.
„Was sagt Ihr! Wird sie es schaffen?“
Auch der Arzt war erschöpft und nahm erst mal Platz am Fußende des Bettes.
„So Gott will. Wenn sie diese Nacht übersteht, besteht auch Hoffnung.“
Hoffnung? Niclas hatte fast vergessen was das ist. Die Pest hatte ihm bereits vier Kinder genommen und vor einer knappen Stunde das Eheweib. Sollte nun auch noch Petrulla gehen müssen, blieb nur mehr noch Rocco und er, von der einst so stolzen und glücklichen Familie.
Der Arzt erhob sich.
„Ich muss weiter Messer Niclas. Ich kann nichts mehr tun. An diesem Tag gingen so Einige, wenn Euch das Trost sein sollte.“
Das war es nicht. Dennoch nickte Alfredo. Was blieb ihm auch.
Eine Woche später
Zwei- drei Mal war Petrulla schon kurz erwacht in den letzten Tagen. Aber immer nur kurz. Sie war viel zu schwach um länger bei Sinnen zu bleiben, von Nahrungsaufnahme gar keine Rede.
Doch an diesem Morgen meldete sich mit dem Bewusstsein auch der Magen.
Bedingt auch durch den würzigen Duft, welcher ihre Nase netzte. Wie von allein öffneten sich ihre spröden Lippen, da verspürte sie auch schon den warmen Löffel.
Rocco saß neben ihr und fütterte sie mit einer Fleischbrühe. Aber schon nach wenigen Löffeln wurde sie wieder müde. Aber der Anfang war getan. Der Anfang von einem neuen Leben, nach der Pest.
Wieder flossen Tage ins Land. Aber mit jedem neuen Morgen, ging es ihr besser.
Abwechselnd wachten der Vater und der Bruder über sie.
Einmal, der vier Jahre ältere Rocco saß neben ihr, begann sie zum ersten Mal wieder klar zu sprechen. Ohne Fieberwahn.
„Rocco, ich habe Mutter gesehen.“
Der Halbwüchsige dachte zuerst die Schwester faselt im Fieber. Auch hatte der Vater ihm aufgetragen, noch nichts über die Mutter zu Petrulla zu sagen.
Aber das Mädchen fuhr fort.
„Ich sah sie. Wir waren zusammen. Und ich sah den Tod. Aber er wollte mich nicht. Weil ich kein Geld hatte. Er nahm nur Mutter und die Anderen mit.“
Petrulla sagte dem Bruder, wem sie alles gesehen hatte.
Kurz darauf.
Rocco trat in die Stube des prächtigen Handelshauses seines Vaters.
Alfredo sah auf. Er erkannte den bleichen Ausdruck im Gesicht des Sohnes. Im schwarmte nichts Gutes.
„Was ist?“
„Sie schläft.“, Rocco setzte sich dem Vater gegenüber.
„Aber da ist noch was.“
„Was? So sprich!“
Der Junge sah ihn seltsam an.
„Sie weiß es.“
Niclas verstand.
„Wie hat sie es genommen? Sie hing sehr an ihrer Mutter. Bestimmt hat sie es im Fieber gespürt wie ihre Mutter dahin schied.“
Rocco schüttelte den Kopf.
„Das ist es nicht allein. Sie weiß von Allen, die an diesem Tag starben. Sie nannte mir jeden einzelnen Namen.“
Und Rocco zählte auf. Keiner war zu viel und Keiner zu wenig.
Das düstere Staunen bemächtigte sich nun auch des Vaters.
So wie das Leben sich Petrulla zurück nahm, so machte es das Leben mit gesamt Verona. Drei Monate hatte die teuflische Seuche gewütet. An die Zwanzigtausend hatte der Tod dahin gerafft.
Doch nun ging das Leben weiter. Wie immer.
Auch wenn es für die Meisten nicht mehr wie Einst war. So auch in der Familie Niclas.
Alfredo musste, als Kaufmann, zwischen dem Stapel und dem Dogenpalast hin und her. Rocco musste ebenfalls eine Doppelaufgabe bewältigen. Einmal das übernehmen was im eigenen Handel vom Vater übrig blieb und zweitens seine Lehre bei Messer Melchior, einem Deutschen, weiterführen. Ohne fremde Ausbildung hätte er nie Eingang zur Gilde erhalten.
So blieb es an Petrulla das große Haus zu führen. Mit der Mutter und der Krankheit, starb nun auch ihre Kindheit. Und dabei ging es ihnen nicht schlecht. Viele traf es härter.
Und gar Vieles, veränderte das Mädchen. Die harten Aufgaben waren es nicht allein. Da war noch etwas. Die Frage warum der Tod sie nicht wollte. Und Keiner konnte ihr darauf eine Antwort geben.
1560
Das Haus Niclas hatte längst zu alten Höhen aufgeschlossen. Alfredo war zweiter Ratsvorsitzender und Stellvertreter des Dogen geworden.
Petrulla war zu einer schönen jungen Frau gereift. Mit Geschick führte sie den Haushalt und auch Geschäfte welche das mittlere Stapelrecht betrafen. Denn Rocco war nur noch selten anwesend. Ganze zwei Jahre war er ganz weg gewesen, im Ausland.
Als er dann doch, vor zwei Wochen, wieder eintraf, hätte die Schwester ihn fast nicht erkannt.
Ehe er mit Melchior nach Frankreich aufgebrochen war, hatte er die dunklen langen Locken noch wie ein Knabe getragen. Nun waren die zwar gekürzt, dafür umrahmte sein Gesicht ein dichter, schwarzer Bart. Es machte ihm um Jahre älter, aber auch respektvoller.
Aber die Wiedersehensfreude machte jede Veränderung wett. Zumindest vorerst.
Allmählich erst spürte Petrulla das der Bruder sich verändert hatte. Nicht unbedingt zum Schlechteren. War er schon früher eher etwas bedächtig, so zeigte nun die Handelsschule Früchte die Richtung harter Geschäftstüchtigkeit wiesen. Vater und die Gilde sahen das gern.
Nur Petrulla vermisste irgendwie das Leichte, das Jugendliche an ihm.
Aber sie war nur ein Weib. Sollte sich in solch Sachen nicht mengen. Rocco wurde sehr schnell angenommen bei den Kaufleuten.
Meist kehrten die beiden Männer erst spät am Abend zurück von ihren Geschäften.
Aber eines Abends wurde Alles anders.
Die Sonne stand zwar schon tief, doch noch viel zu zeitig für die Männer des Hauses. Da erschien unverhofft Rocco.
Petrulla war überrascht, kam das doch nie vor. Sie sollte aber noch mehr überrascht werden. Rocco hatte einen Ausdruck in seinen Augen, den Petrulla seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Und es waren nicht nur die Augen. Er nahm sie beim Arm und zog sie in die Stube.
„Setz Dich mal Mädel.“
Solch Töne kannte sie kaum noch. Sie spürte wie aufgekratzt er war. Es knisterte regelrecht in der Luft.
Rocco nahm ihr gegenüber Platz. Nervös spielte er mit seinen Fingern. Er fand erst keine Worte, dann kam es Brockenweise.
„Du bist doch eine Frau, Petrulla.“
Sie machte große Augen. Na so ein Ding. Brüderchen stellt was fest, was mal nichts mit Tuchen, oder Getreide zu tun hat.
„Also ich meine, Du bist eine Frau, also denkst Du doch wie eine Frau.“
Petrulla kniff die Brauen zusammen. Solch höhere Dialektik bei Brüderchen war neu.
„Ja, wie soll ich mich ausdrücken.“, er wand sich gar mächtig im Stuhl.
„Ich kenne da, also, ich habe da…“
Petrulla konnte das Gestammel kaum hören, in ihr schwärmte was und sie fiel ihn kurzerhand ins Wort.
„Du hast ein Auge auf ein Mädchen geworfen?!“
Rocco sackte etwas resigniert, aber doch erleichtert zusammen.
„So ist es.“
Petrulla sprang freudig auf.
„Und, warum zappelst Du dann hier wie ein Fisch auf dem Trockenen?! Das wird doch Zeit! Machst Du Dir Gedanken wegen Vater? Brauchst Du nicht. Keiner wäre glücklicher wie er. Nun außer ich.“
Doch Rocco machte keinen befreiten Eindruck.
„So einfach ist das nicht.“, sagte er leise.
Petrulla sah ihn forschend an. Der Bruder wich ihrem Blick.
„Sie ist verheiratet?“, mutmaßte düster die Schwester.
Rocco atmete hörbar durch.
„Noch schlimmer.“
Petrulla verstand nicht. Noch schlimmer? Sie wurde ungeduldig.
„Na so rede doch schon! Las Dir nicht Alles aus der Nase ziehen!“
Der Bruder nickte.
„Keinem würde ich es erzählen. Keinem, außer Dir.“
Petrulla war sich nicht sicher, wie sie mit solch Ehre umgehen sollte.
Doch Rocco fuhr fort.
„Denn Du hast Sachen gesehen, die kein Sterblicher bisher sehen durfte. Weißt Du noch damals, als Du aus dem Pestfieber erwachtest? Deine Worte sind mir nie aus dem Kopf gegangen. Und deshalb sollst Du es wissen. Ich habe mich verliebt in ein wunderschönes Mädchen. Und sie liebt mich auch. Doch wir können uns nur heimlich treffen. Kein Mensch darf jäh davon erfahren.“
Petrulla schluckte.
„Wessen Eheweib ist es?“, fragte sie trocken.
Da sah Rocco auf und Petrulla tief in deren Augen.
„Sie ist Nonne. Und nicht irgendeine. Sondern Schwester Clarissa die Subpriorin und nächste Äbtissin des Klosters zur heiligen Clara.“
Petrulla glaubte sich verhört zu haben. Diese Eröffnung traf tiefer als wenn Rocco sich mit der Frau des Dogen liiert hätte.
Aber die Augen des Bruders lügen nicht. Da kannte sie ihn zu gut.
Die Geschwister sahen sich nur an. Bleiern schwer lastete das Gehörte auf der jungen Frau. So gern sie Rocco geholfen hätte, doch hier wusste auch sie keinen Rat.
Eine Nonne! Nein, das durfte wirklich Keiner erfahren. Gleich gar nicht Vater. Das bedeutete den Tod für den Frevler und den Tod für die Nonne.
Wortlos stand Petrulla auf und ging zum Fenster. Sie sah hinaus, durch die Butzenscheiben, auf den Hof.
Nach einer Weile fragte sie.
„Wie lange geht das schon?“
„Zwei Wochen.“
„Und Du glaubst das dass wirklich Liebe ist?“
Der Bruder schwieg. Petrulla verstand.
„Du weißt dass uns das Alles kosten kann?“
Schuldbewusst sah Rocco zu Boden. Dann brach es aus ihm.
„Aber ich liebe sie doch! Was soll ich tun?“
Petrulla dachte nach. Hier war guter Rat teuer.
Der Bruder hätte sich kein tieferes Loch suchen können. Petrulla kannte Clarissa, so wie fast Jeder hier in Verona. Clarissa war die jüngste Tochter des Herzogs von Lyon. De Fakta noch ein Erbe der Franzosenzeit der Päpste. Ihre Familie war mächtig, aber seitens der Italiener als Ausländer mit Arg bedacht. Nur die Mitgift der jungen Prinzessin an den Orden musste dies überwiegen. Petrulla konnte die Sache drehen und wenden, wie sie wollte, sie sah keinen vernünftigen Ausweg. Dabei sah sie nebenbei aus dem Fenster.
Fast hätte sie die Gestalt, welche mit den Armen fuchtelnd, unter dem Fenster lang lief, übersehen.
Petrulla öffnete den linken Flügel. Es war die alte Grimalde.
„Was gibt es Mutter Grim?“
„Es ist soweit! Man führt Drushnela zum Schafott.“
Auch Rocco hatte es gehört.
„Meint sie Drushnela Boccatino?“
„Ja.“, entgegnete Petrulla leise.
„Aber wieso? Was hat sie getan?“
Um Petrullas Mundwinkel zuckte es traurig.
Die Boccatino`s gehörten einst auch zu den besten Familien Veronas. Auch sie hatte die Pestepidemie damals hart getroffen. Nur, im Gegensatz zu den Niclas, kamen sie nicht wieder auf die Beine. Es ging immer mehr bergab mit ihnen. Drushnela war zwei Jahre älter als Petrulla. Als Kinder hatte man zusammen gespielt. Dann reifte Drushnela zu einem hübschen Weib. Petrulla bewunderte sie einst. Als Drushnela siebzehn wurde, heiratete sie einen älteren Patrizier aus Milano und zog fort. Das Glück schien ihr wieder holt. Derweil verarmte ihre Familie vollends. Nach zwei Jahren kehrte Drushnela zurück, als Witwe. Jedoch nicht wohlhabend, wie mancher dachte. Ihr verstorbener Gatte hatte sich in Mailand total verschuldet. Drushnela fand keinen Boden mehr in Verona. Um zu überleben wurde sie zur Kurtisane. Vor einem halben Jahr avancierte sie zur Mätresse des Messer Gordini. Einem reichen, aber alten Tuchhändler. Und der, war vor einem Monat tot auf gefunden worden. In seiner Brust, dass Messer Drushnelas. Die Fakten schienen klar. Doch Drushnela leugnete alles. Aber der Henker musste es wohl aus ihr heraus gekitzelt haben. Heute war der Tag ihres Todes.
Langsam drehte sich Petrulla zum Bruder.
„Komm mit! Vielleicht denkst Du im Anschluss etwas anders über Deine Liebe.“
Als man den Markt erreichte, war der bereits mit Menschen übersäet. Im Zentrum erhob sich, weit sichtbar, die Plattform des Blutgerichts.
Petrulla und ihr Bruder drängten sich zu den Stufen des Dogenpalastes. Ihnen stand ein Platz auf der Galerie zu. Und zu dem, stiegen sie auf.
Auch hier war es schon ziemlich voll. Im Schatten des Baldachins, welcher mit Arkaden die Plätze wie Logen trennte, kamen sie zu einem guten Ausguck. Nur wenige Meter unter ihnen, prangte das hölzerne Schafott in seiner schaurigen Düsterheit. Mit glänzendem nacktem Oberkörper, das Gesicht hinter einer Ledermaske versteckt, stand der Scharfrichter, mit verschränkten Armen und wartete auf sein Opfer.
„Senorita Niclas!“
Petrulla und Rocco sahen zur Seite. Eine junge, üppige Blondine drängte sich zu ihnen. Es war Marcella, die Frau des Alkovens. Hübsch, aber ein redselig Weib, bis zum Überdruss.
„Ich habe schon auf Euch gewartet! Ach, und das ist wohl der Herr Bruder?“
Dabei fraßen ihre Augen Rocco förmlich auf.
„Habe schon gehört, dass Ihr wieder in der Stadt seid. Aber was sagt Ihr nur dazu? Musste es nicht soweit kommen mit der Drushnela? Ich habe es immer gesagt! Wir kennen sie ja von früher. Trug schon als Kind die Nase höher, als es ihr zustand. Dennoch, so enden zu müssen, hat ihr Keiner gewünscht.“
Sie sprach ohne Punkt und Komma. Petrulla nickte dennoch höflich. Nur Rocco sah hernieder aufs Gerüst. Sein Gesicht aschfahl.
Marcella sah dies sofort.
„Ist Euch nicht gut, junger Mann? Ach was red ich! Messer Rocco. Na kann man mal sehen, dass Ihr länger nicht hier ward. Aber glaubt mir, es ist besser für das Mädchen, so. Was ich nicht Alles von meinem Mann hörte, wie der Henker mit ihr verfährt. Nein, also da würde ich auch lieber aufs Schafott. Glaubt mir, die hatten ein mächtig Stück Arbeit. Mein Emilio hat mir Alles erzählt. Drei Wochen lang, fast jeden Tag hat sie der Henker in die Peinstube gebracht. Ohne Erfolg. Aber zu guter letzt hat sie dann doch gestanden. Könnt Ihr es glauben? Nur wegen einer Handvoll Münzen, hat sie den armen Messer Gordini erdolcht. Aber Schwamm drüber. Heute kommt sie mit sich und Gott ins reine. Wie ich hörte hat sie die letzten zwei Tage und Nächte bei den Schwestern verbringen dürfen. Das wird ihrer armen Seele gut getan haben. Aber dennoch, mit solch Blutschuld mag ich nicht vor den Herrn treten müssen.“
Nur das Maul der Blondine schien noch größer als ihr Busen. Welcher vor Aufregung im Takt ihrer Ausführung hüpfte.
Aber es gab Keinen der ihren Redeschwall unterbrach. Petrulla nickte und lächelte nur höflich. Da ertönte der Trommelwirbel. Unterhalb der Geschwister, aus dem Schatten des Haupteingangs des Ratsgebäudes, trat eine Gruppe Nonnen hervor. In ihrer Mitte, die Sünderin.
Barfuß, den schmächtigen Leib in härenes Leinen gehüllt, die langen Haare offen und wallend, schritt Drushnela zwischen den Mägden des Herren, dem Ort ihres Todes entgegen.
Sofort verstummte der gesamte Platz.
Nur die Gesänge der Schwestern drangen bis zum entlegensten Ort.
Es war das arme Sünder Lied, „Eine Seele muss gehen…“.
Marcella griff zum Taschentuch. Tief bewegte sie die Feierlichkeit.
Rocco saß ein Kloß im Hals, dennoch wagte er die Frage.
„Auf dem Richtstoß steht der Block und das Rad. Was erwartet sie?“
Marcella wischte fix noch eine Träne beiseite. War aber stolz Auskunft geben zu können.
„Es war Raubmord, Hinterhältiger Raubmord! Normalerweise müsste man sie zum Schafott schleifen. Laut Gesetz ihr Brüste und Schenkel mit Zangen reißen. Ihr den Bauch öffnen und vor ihren Augen die Gedärme entnehmen. Dann vierteilen. Doch sie hatte Glück. Glück das mein Emilio den zweiten Vorsitz hatte. Ihr müsst wissen, mein Emilio hat ein weiches Herz. Hat er von seiner Mutter geerbt. Gott sei ihrer verschiedenen Seele gnädig. Aber mein Emilio hat seine gesamte Autorität daran gesetzt dass man das Mädchen nicht gar zu lange leiden lässt. Ist doch fast noch ein Kind noch. Und man hat meinem Emilio Recht gegeben. So wird der Henker ihr nur die Arme und Beine brechen, dann wird man sie enthaupten. Natürlich weiß ich, dass gar Mancher das für viel zu milde halten wird. Aber bitte seht ein, das junge Ding hat gefehlt. Ihre wahre Strafe erhält sie vom Herrn.“
Die traurige Prozession hatte das Schafott erreicht. An der unteren Stufe kniete die Delinquentin ein letztes Mal ab. Um ihre Absolution entgegen zu nehmen. Eine ranghöhere Schwester gab sie ihr.
Rocco verkrampfte. Petrulla hatte es gleichfalls gesehen. Sie nahm die Hand des Bruders zwischen die Ihre.
Das letzte Salve erteilte die Subpriorin der Clara. Keine Geringere als Schwester Clarissa.
Es war der letzte Gruß den ein Lebender vor dem Tod entgegen nimmt.
Drushnela küsste das Kreuz. Dann rissen sie zwei Knechte empor und zwangen sie auf die Leiter. Die Subpriorin trat zurück. Dabei fiel ihr Blick nach oben. Er kreuzte sich mit Jenem von Rocco. Petrulla sah es ebenfalls. Die Schwester des Herrn zuckte unmerklich zusammen, da unten. Es war nur der Bruchteil eines Augenblickes, ehe sie wieder ihr züchtiges Haupt senkte. Doch Petrulla erkannte dass diese wunderschöne Ordensschwester dem Bruder in Liebe zugetan ward.
Roccos Finger drückten die, der Schwester, noch inniger.
Indessen hatten die Knechte, die Delinquentin die Leiter zur Plattform empor geführt. Gottverlassen und zerbrechlich wirkte ihr schmächtiger Körper zwischen Jenen muskulösen des Henkers und seiner Gehilfen.
Es gab noch eine Unterbrechung. Vom Baldachin des Palazzos, unweit der Geschwister, ertönte eine Stimme.
„Das ist mein Emilio.“, sagte stolz die Blonde.
Der Alkoven verkündete das Urteil. Es war trotz Gnade schrecklich genug. Ehe man dem Mädchen den Tod durch das Beil gewährt, sollte sie an allen vier Gliedern gerädert werden.
Als seine Worte verhallten, legte der Scharfrichter seine Hand auf die junge Frau.
Mit einem kurzen, schnellen Ruck zerteilte er ihr Büßergewand.
Drushnela zuckte zwar kurz zusammen, machte aber keine Anstalten ihre Blöße zu bedecken. Sie hatte sich längst in ihr Schicksal ergeben.
Noch einmal, ein letztes Mal, legten sich die goldenen Strahlen der Sonne auf ihren Leib, welcher trotz der Verwüstungen der Tortur, noch immer schön und ebenmäßig war. Auch wenn ein Jeder die Spuren der unzähligen Geißelungen, der Zangen und Schnüren erkennen konnte.
Dann zwangen die Knechte sie sich mit dem Rücken auf die Plattform zu legen. Man spreizte ihr alle vier Glieder und band Jene gereckt an kleinen Pfählen fest.
Rocco konnte direkt in ihre Augen sehen. Das bereits durchgestandene Grauen schien sich in ihnen wieder zu spiegeln. Der Atem des Mädchens ging schnell. Heftig floh der flache Bauch, den die Striemen der Peitsche zierten, unter den hervor tretenden Rippenbögen, welche durch kleine, noch jungfräulich wirkende, Brüste gekrönt wurden.
Als man ihr die Schenkel spreizte um diese zu schnüren, kam ihr Haupt noch einmal hoch. Rocco glaubte in ihren Augen ein letztes Flehen zu erkennen. Aber nur kurz, dann sank ihr Kopf resigniert auf den Boden zurück.
Nun, als das Opfer bereit war, trat der Henker in Aktion.
Zuerst legte man dem Mädchen ein keilförmiges Stück Holz unter den linken Oberarm. So das die Kante nach oben wies.
Wieder setzte Trommelwirbel ein.
Die Knechte hoben das große, beschlagene Rad und stellten sich damit über den Arm der Unglücklichen. Der Meister dirigierte es so, das es im Zenit über jenen Teil des Knochen stand, unter welchen der Keil lag.
Der Trommelwirbel nahm an Intensität zu.
Drushnela schloss die Augen.
Der Henker hob das Rad mit einem kurzen Ruck an und ließ es auf mit Macht hernieder.
Sekunden schien die Welt inne zu halten.
Für Petrulla war es eine kleine Ewigkeit. Trotz der Trommeln hatte man den Knochen zerbersten gehört. Wie eine kalte Hand griff etwas nach Petrullas Herz.
Da riss die Delinquentin ihre Augen unnatürlich weit auf.
Gefolgt wurde dies, von einem unmenschlichen gequälten Schrei.
Keiner auf dem weitläufigen Platz konnte sich dem Grauen entziehen.
Wieder setzte der Wirbel ein.
Der Henker zog den Keil unter dem zermalmten Arm hervor und schob ihn Drushnela unter den rechten Oberarmknochen.
Das grässliche Schauspiel wiederholte sich.
Als auch dieser Arm zerborsten, sah Rocco wie nicht nur die Gesichtshaut der Geschundenen aschfahl wurde. Von den Schläfen an, ergraute in rasanter Geschwindigkeit ihr einst so schönes, schwarzes Haupthaar.
Man legte ihr den Keil unter den linken Schenkel.
Diesmal stemmte der Henker das schwere Rad noch höher und stieß es mit Urgewalt auf das Bein der Frau.
Petrulla drehte sich weg. Dennoch gellten die tierischen Laute der Getroffenen in ihr.
Selbst Rocco war zufrieden dass zu seiner Linken sich ein Pfeiler der Arkaden befand.
Zwischen den weit geöffneten Schenkeln Drushnelas schoss ein blutiger Urinstrahl hervor.
Sie kollabierte. Ihre nun weißen Haare standen wie elektrisiert vom Kopf ab. Jeder noch intakte Muskel vibrierte. Dunkelroter Geifer wälzte sich zäh über ihre blutleeren, grauen Lippen.
Und noch ein viertes Mal musste sie den Hieb des Rades über sich ergehen lassen.
Gar Mancher auf dem Platz übergab sich.
Ein paar mitleidige Herzen wünschten der jungen Delinquentin, dass eine Ohnmacht sie erlösen möge. Doch dieser Wunsch blieb unerfüllt.
Man zerschnitt Drushnelas Bande.
Zum Richtblock musste man sie die wenigen Schritt schleifen. Es war ihr längster Weg. Jede Berührung musste für ihre zerbrochenen Knochen die Hölle sein.
Aber man war nun gnädig. Der Rest ging rasend schnell. Kaum ruhte ihr Haupt auf dem Block, blitzte schon die Schneide des Beils.
Ein gut geführter Hieb, und der Kopf des Mädchens, fiel in den Korb.
Trotz der grausamen Schaulust, welche die Meisten hier her trieb, konnte man nun ein tausendfaches Aufatmen vernehmen.
Drushnela hatte ausgelitten und die Menschen waren mit ihr und Gott wieder im Reinen.
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Kommentare
viel Mühe und Arbeit
sehr interessant, wie du die Folter beschreibst, vor allen Dingen stark bildhaft ( mir fast zu sehr, aber das sei nicht deine Schuld) Ich warte gespannt, wie du die Handlung auszubauen gedenkst. alles in allem wünsche ich mir mehr solcher anspruchsvoller Texte. Weiter so.
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Heute habe ich,
mit Deiner Geschichte, eine sehr gute Wahl getroffen.
Ich liebe derartige Geschichten. Großartig!
Ein Kompliment an den Autor.
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