Die Autorin

 

05.02.2017 – Ein Ort in Brandenburg

Seit zwei Jahren schreibe ich Geschichten in diesem Forum. Die Protagonistinnen – Nina Meyer, Meier oder Wegner – tragen einen ähnlichen Vornamen wie ich.

Seit fast 14 Jahren spiele ich in einem BDSM-Chat. Ich schlüpfe dabei gern in Rollen mit einem zumindest mittelbaren Bezug zu meinem realen Leben. Obwohl mir eigentlich die Zeit dafür fehlt, verbringe ich dort oft Stunden – wenn ich denn auf einen der wenigen intelligenten, mit ausreichend böser Fantasie ausgestatteten Spielpartner treffe. Mein Kick ist es dabei, aus der Rolle der hart arbeitenden, erfolgreichen, aufrechten, stolzen, im Leben stehenden Frau heraus maßlos und entgegen jeglicher Konventionen gedemütigt und erniedrigt zu werden. Über eine Erpressung, nicht mit Gewalt. Möglicherweise ist das behandlungswürdig, ich kann mich jedoch nicht längere Zeit gegen diesen inneren Drang wehren – es zieht mich immer wieder dorthin.

Umso schlimmer erscheint mir das alles, da ich eine fast schon erschreckend harmonische Ehe führe. Wenn mir das Wort nicht so widerstrebte, würde ich sie eine Bilderbuchehe nennen. Mein Mann und ich sind in vielerlei Hinsicht derart verschieden, dass wir uns nicht auf den Geist gehen, uns vielmehr gegenseitig ergänzen und damit erfolgreich die Unzulänglichkeiten des Partners kompensieren. Nicht besser wird es dadurch, dass unsere Kinder – es sind nicht meine leiblichen, jedoch ganz sicher meine abgöttisch geliebten – den Weg in eigene Lebenswelten gesucht und mittlerweile gefunden haben. All das macht mich glücklich und stolz. Aber dann sind dort wieder diese Gedanken und Fantasien, die mich in den Chat treiben und die so gar nicht zu diesem heilen und geborgenen Leben passen.

Nun werden alle Wissenden mir raten, dass man sich nicht sein Leben lang verbiegen und seine Neigungen nicht unterdrücken darf. „Rede mit Deinem Mann und offenbare Dich!“ Ich habe geredet und werde es nie wieder tun. Denn es ist für uns keine Option. Die Menschen auf dieser Erde sind verschieden, zum Glück! Wenn ich es mit kühler Wissenschaftlichkeit kalkuliere, machen die „bösen Gedanken“ vielleicht fünf Prozent meiner selbst aus. Also kein vernünftiger Grund, die anderen 95 % hinter mir zu lassen.

Und dennoch sind sie da, die „bösen Gedanken“. Ich schäme mich abgrundtief für sie. Wenn die drei wichtigsten Menschen in meinem Leben davon erführen – ich wüsste nicht damit umzugehen und verdränge den Gedanken daran deshalb lieber.

In all den Jahren war ich meinem Mann nie untreu. Nicht einmal in Gedanken, wenn ich einmal von meinen virtuellen Rollenspielen im Chat absehe. Das Spielen verschafft mir ein wirksames Ventil, und das Schreiben – wenn es auch recht selten ist – eine zusätzliche Form der Kompensation. Der schönste und wertvollste Lohn sind die Kommentare der Leser, stets auch und gerade die kritischen, solange sie nur konstruktiv bleiben.

Nachdem ich in meiner Anfangszeit in besagtem Chat einem nach außen als verständnisvoll getarnten, in seinem Inneren jedoch von Grund auf bösen Mann aufgesessen bin, hatte ich mir geschworen, dort nie wieder einem Menschen zu vertrauen.

Vor einigen Monaten lernte ich dann jedoch einen interessanten Mann kennen. Nett, intelligent, böse in dem Sinne, den ich dort suchte. Wir spielten. Wiederholt. Zusammengerechnet verbrachte ich mit ihm einige Tage. Viel häufiger redeten wir aber. Auf einer Ebene, die ich dort in all den Jahren nie erlebt hatte. Er heißt V., ist in meinem Alter und verheiratet. Zusammen mit seiner Frau M., mit der er seit Studienzeiten zusammenlebt und mit der er zwei schulpflichtige Kinder hat, lebt er das, was ich hier auf verschiedene Arten virtuell zu verarbeiten versuche, auch real aus. Auf Grund der familiären und beruflichen Belastung ist ihnen dies nur in homöopathischen, gleichwohl äußerst wirksamen Dosen möglich. Ebenso wie mir würde man den beiden Derartiges nicht zutrauen: M. arbeitet erfolgreich in der Privatwirtschaft, V. ist selbständig.

Beide lieben nicht unbedingt das wirklich Böse, das mich antreibt, den ausweglosen, durch eine Erpressung erreichten Gehorsam. Die Vorliebe dieses Paares liegt darin, dass er in die böse Rolle schlüpft und sie gehorcht – mal mit mehr, mal mit weniger Überwindung. Dennoch gibt es einige Parallelen.

Seit dem ersten Chat redeten wir viel. Wir fassten nach einer gefühlten Ewigkeit ausreichend Vertrauen, um uns anonymisierte Fotos zu senden. Im November waren wir bereit für das erste Telefonat. Das letzte Januarwochenende verbrachte ich gemeinsam mit den beiden.

 

26.12.2016 – Ein Ort in Nordrhein-Westfalen

„Nina, Du weißt, dass ich Dich nicht drängen werde. Dazu ist mir das, was wir hier haben, viel zu wertvoll. Ich möchte nur, dass Du weißt, dass wir vom 20. bis 29.Januar auf Usedom sind. Mehr nicht.“ „Aber V., Du kennst meine Einstellung. Du weißt, was mir mein reales Leben bedeutet und dass ich es nicht mit so etwas aufs Spiel setzen kann. Bei Dir und M. ist das anders. Ihr lebt das beide!“ Wieder hörte ich die mittlerweile vertraute, beruhigende Stimme: „Ich habe dem nichts hinzuzufügen. Es ist Deine Entscheidung. Deine, allein Deine.“

Der Gedanke bewegte mich bis zum Jahresende. In der letzten Minute des Jahres 2016 schloss ich damit ab.

 

24.01.2017 – Ein Ort in Brandenburg

Ausnahmsweise war ich vor meinem Mann zu Hause und nutzte die unwiderstehliche Gelegenheit, eine Stunde im Chat zu verbringen. Ich hoffte L. anzutreffen, mit dem ich so wunderbar über erregende Netzbilder schreiben konnte. L. war nicht da, und er hatte auch keine Nachricht hinterlassen. Da ich ansonsten nur von hirnlosen Sexkranken belästigt wurde, wollte ich nach dem Lesen meiner Nachrichten gerade gehen, als V. im Chat erschien. Ich war überrascht, hatte nicht erwartet, ihn während seines Urlaubs dort zu sehen.

„Hallo Nina, wir sind auf Usedom, bis zum Monatsende.“ Dieser Satz raste durch mein Hirn. Da ich kurz darauf den Schlüssel meines Mannes in der Tür hörte, blieb es bei kurzen netten Urlaubswünschen, bevor ich hastig den Chat verließ.

Meinen Mann bewegte etwas, das sah ich, noch bevor er ein Wort gesagt hatte. Beim Abendbrot eröffnete er mir, dass er dienstlich für zwei Wochen ins Ausland müsse, vom 25. Januar bis zum 6. Februar. Ich hätte mich fast an einem Bissen Apfelrotkohl verschluckt …

 

27.01.2017 – Koserow auf Usedom

Ich hatte im Büro früher als üblich Schluss gemacht. Meinen Chef, ein Pedant, der dem Klischee von Baumann und Clausen in erschreckender Weise nahekommt, freute es – da würde die Frau Dr. endlich einen Teil ihrer Überstunden los.

Pünktlich um 13:03 Uhr kam der RE 3308 in Züssow an, wenige Minuten später saß ich in der Bäderbahn Richtung Świnoujście Centrum. Die wohlbekannte Usedomer Inselnatur zog an mir vorbei, diesmal aus einer anderen Perspektive, da wir sonst stets mit dem Auto anreisen. Anfangs wegen der Kinder, später aus Bequemlichkeit.

Mit jedem gefahrenen Kilometer schwand mein Mut, den ich noch gestern beim abschließenden Telefonat hatte. Das erste Mal im Leben sprach ich mit M., hörte ihre klare, tiefe, irgendwie nicht zu ihren Fotos passende Stimme. Wir siezten uns. Eine peinliche Situation, die V. dadurch rettete, dass er M. das Handy abnahm. Ich hörte nur ein „Ist schon gut Schatz, lass mich nur machen.“ Wir einigten uns auf Ort und Zeit. Beiden Seiten war neben einer unbändigen Spannung eine tiefsitzende Unsicherheit anzumerken. Jeder, der auch nur über rudimentäre rhetorische Erfahrung verfügt, hätte unsere einstudierten Tricks sofort bemerkt. Selbst am Telefon.

Um 13:58 Uhr erreichten die beiden Waggons der UBB den Bahnhof des Ostseebades Koserow. Außer mir stiegen sechs weitere Fahrgäste aus, vier kichernde Schülerinnenaus Wolgast und ein älteres Rentnerehepaar, das vom Shuttle-Service eines ortsansässigen Hotels abgeholt wurde. Kaum hatte ich den Bahnsteig betreten, kamen aus dem Bahnhofsgebäude die beiden Menschen, derentwegen ich die Reise auf mich genommen hatte. Zwei dezent elegant gekleidete Menschen Mitte 40, die mich aufmerksam musterten. Meine Schritte verlangsamten sich unwillkürlich und so dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis ich sie erreichte und ihnen mit einem unsicheren Lächeln meine Hand hinstreckte. Eine Vorstellungsrunde war entbehrlich …

Zehn Minuten später saßen wir an einem kleinen Ecktisch in „Karls Erdbeerhof“. Die riesigen Verkaufsflächen waren nur von wenigen Besuchern bevölkert, meist Familien mit kleinen Kindern oder Rentnern, von denen viele ihren Enkeln ein „Erlebnis“ bieten wollten. Wie kaum anders zu erwarten, drehte sich unser Gespräch um Nebensächlichkeiten, das Wetter, die Reise, das Umfeld. Bis sich V. mit ruhiger Stimme an mich wandte. „Nina, wir finden es großartig, dass Du den Mut gefunden hast, wir waren uns bis zuletzt unsicher, ob Du nicht doch in letzter Minute absagst.“ M. nickte zustimmend. Wortlos griff V. in seine Manteltasche und zog zwei Personalausweise sowie zwei auf den 16. Januar datierte Gesundheitszeugnisse heraus und schob Sie mir über den Tisch. Auf meinen fragenden Blick hin erklärte er mir, dass M. und er selbst sich besser als jeder andere vorstellen konnten, wie es mir geht. Die Offenbarungsgeste sollte mir die Angst nehmen. Wenigstens eine der Ängste. Fassungslos ob dieses Vertrauensbeweises wendete ich die beiden Dokumente wieder und wieder in meinen schweißnassen Händen. „Das, ich meine, das ist sehr mutig und anständig von Euch.“ stammelte ich, nach jedem einzelnen Wort suchend. Es lag auf der Hand, dass es sie Überwindung gekostet hatte, den schützenden Schleier der Anonymität zu lüften.

Mit einem „Danke!“ schob ich die Papiere über den Tisch zurück und begann in meiner Tasche nach meinem Ausweis zu suchen. M. unterbrach mich mit den Worten „Das ist nicht nötig. Du bist hier. Du bist allein, wir sind zu zweit. Wir alle haben viel zu verlieren, Du aber am meisten. Es ist wirklich nicht nötig. Danke, dass du gekommen bist.“

Die Situation war so unfassbar bewegend, dass ich in dem Moment nichts von der abartigen Schlechtigkeit empfand, die mich sonst sofort bei meinen „Spielen“ überkam. Im Gegenteil – ich wünschte mir nichts sehnlicher, als genau in diesem Augenblick meinen Mann an der Seite zu haben und gemeinsam ein Wochenende mit einem befreundeten Paar zu verbringen. In dieser Fantasiewelt schwebte ich eine gefühlte Ewigkeit bis mich V. aus meinen Gedanken riss.

„So Nina, dann wäre das jetzt geklärt. Du möchtest immer noch?“ Die Antwort brauchte ihre Zeit vom Kopf in den Bauch und wieder zurück ins Hirn. „Ich wäre sonst nicht hier.“

V. und M. tauschten einen Blick, M. griff zum Smartphone und wählte. Sekunden später verriet ihre unerwartet seidenweiche Stimme, dass Sie mit einem ihrer Kinder telefonierte. Jedes Wort war pure Liebe. Dann ein kurzes freundliches Telefonat mit ihrem Schwiegervater, der offenbar sein Glück, für einige Tage Anführer und Diener zweier kleiner Terroristen sein zu dürfen, kaum fassen konnte. Und dann die Worte, die mir den ersten wirklichen Schauer über den Rücken laufen ließen. „Paps, es kann sein, dass Du uns die kommenden Tage nicht erreichst. Mein Handy spinnt irgendwie. Und V. hat seins ja gleich ganz vergessen. Wenn irgendetwas wichtiges mit den Kleinen ist, ruft bitte im Hotel an, die Nummer habt ihr ja. Und nochmals danke dass ihr …. . Ja natürlich. Das wissen wir.“ Dann wanderte das Handy zu V. und ich sah einen Vater vor mir. Nichts anderes als einen Vater. Und ich fragte mich, wie degeneriert drei intelligente Menschen sein müssen, wenn sie all das gefährden, nur um abartige, peinliche Dinge zu tun, um ihre Lust zu steigern. Aber es blieb mir keine Zeit, um weiter darüber nachzudenken, dann V. beendete das Gespräch, schaltete das Smartphone aus und gab es wortlos an M. zurück.

Dann fixierte mich V. mit einem erschreckend animalischen Blick. „So Fotze, Deine letzte Chance umzukehren. Es ist noch nichts passiert und es wird auch nichts passieren, wenn Du das nicht wirklich möchtest. Aber wenn Du jetzt ja sagst, gibt es keinen Weg zurück. Keinen, bis Sonntagmittag.“ Wortlos nickte ich.

Seine Stimme klang jetzt kalt wie Eisregen an einem stürmischen Novembertag, kein Vergleich zu dem liebevollen Geplänkel eben mit den Kindern. „Ich werde Dir nicht weh tun, zumindest nicht körperlich. Es gibt also kein Safewort oder irgendeinen vergleichbaren Unsinn. Du angeblich intelligentes Stück Fickfleisch wirst parieren. Ich kenne Deine Fantasien, zum Teil sind es auch meine. Du wirst noch bereuen, soviel davon in Deinen lausigen Geschichten auf bdsm-bibliothek.com preisgegeben zu haben.“ Ich wollte etwas einwenden, aber er schnitt mir sofort das Wort ab. „Halt die Fresse. Ich rede. Es gibt für Dich“, dabei blickte er mich durchdringend an, „genau wie für das da“, jetzt traf ein Blick M., bis Sonntag nichts Normales, keinen eigenen Willen, kein Aussteigen aus dem Spiel oder gar eigene Wünsche. Das alles übernehme ich für Euch, ausnahmslos alles. Deine allerletzte Chance. Wenn Dir das zu weit geht, dann trinken wir jetzt unseren Kaffee zu Ende und Du gehst. Letzte Gelegenheit …“ Noch heute weiß ich nicht, wie ich es schaffte, nicht zu gehen. Reden, ihn etwas fragen, etwas aushandeln konnte ich nicht, denn mein Mund war so feucht wie die Sanddünen der Döberitzer Heide nach vier Wochen Julitrockenheit. Ich starrte ihn nur an. „Konkludentes Verhalten. In Ordnung!“ grinste V. diabolisch.

„Los, hol die Sachen Schlampe!“ fuhr er unerwartet scharf M. an, die sich an ihrem Kaffee verschluckte und hustend in Richtung der Schließfächer verschwand. Grinsend folgte V. seiner Frau mit dem Blick, er wirkte nicht nur wie ein anderer Mensch, er war tatsächlich innerhalb von Minuten vom liebevollen Vater zum Teufel mutiert. M. tauchte wenig später mit einer großen Einkaufstasche wieder auf. Die Tasche ließ mich staunen. Irgendwann, es musste Monate her sein, hatte ich die Luxusmarke in einem Chatspiel mit V. einmal erwähnt, jedoch in dem Sinne, wie versnobt es doch sein muss, unanständig hohe Summen für nicht zwangsläufig gute Mode auszugeben. Ich lästerte darüber, dass der Versand bei dieser Firma „schon ab 1.000 € kostenfrei“ erfolge. Und jetzt schickte er M., um dieses Symbol der Dekadenz zwischen uns auf den Tisch zu stellen. Ich war so getroffen, dass ich nicht sofort seinen interessierten Blick bemerkte. Es hätte keines weiteren Hinweises bedurft – die Zeit auf Usedom würde schlimm werden. Unter dem Logo – den von einem regelmäßigen Hexagon umschlossenen gespiegelten Initialen des Firmeninhabers prangte der kryptische Satz „Keep your heels, head and standard high“. Wie treffend, in diesem Triumvirat für mich momentan aber gänzlich unmöglich!

Mit einem leisen Pfiff und ansonsten nur mit den Augen dirigierte V. seine Frau an meine Seite des Tisches. Abermals starrte ich ihn ungläubig an, denn mir war diese Form der Kommunikation vertraut. Es war die sehr spezielle Art, mit der Schäfer ihre Border Collies, die wohl intelligentesten Hütehunde dieses Planeten, kommandierten. Arbeitstiere durch und durch, beseelt vom Willen zu gefallen. Die Zeichen häuften sich – V. erklärte mir, besser gesagt uns, wo wir die kommenden Tage stehen würden.

„Gerade sitzen! Hände auf den Tisch, Titten raus, Stöckelstelzen nebeneinander, beide!“ schnarrte es über den Tisch. Wie dankbar war ich, dass wir am Anfang den weit entfernten Ecktisch gewählt hatten, der unser Treiben in beruhigender Weise von der Außenwelt abschirmte. Der summierte IQ der blonden Fraktion auf der östlichen Tischseite belief sich sicherlich etwa auf die Anzahl der Milliliter im vor mir stehenden Viertelliterglas. Aber V. redete mit uns tarzanisch: Auf mich zeigend begann er mit „Du Zonenfotze. Du horchen auf diesen Namen. Du gleich anziehen schwarze Sachen aus dieser Tasche!“ Jetzt wechselte meine Gesichtsfarbe von rot auf bleich. An M. gewandt folgte die Anweisung „Du Ehefotze. Du anziehen weiße Sachen.“ Dann schob er die Tasche zu mir und war zumindest nach außen wieder der freundliche Mann, der mich vor einer halben Stunde am Bahnsteig abgeholt hatte. „So Ihr beiden Grazien. Ihr geht jetzt mit dieser Tasche in den Babywickelraum. Er zeigte auf eine mit lustigen Kinderzeichnungen verschönerte Kammer neben den Toiletten. Dort zieht ihr Euch um. Die Sachen, die ihr jetzt tragt, Deine Handtasche samt Telefon, Papieren und Portemonnaie und Deinen Koffer bringt M. ins Schließfach. Bis Sonntag. Du wirst nichts brauchen. Du kannst uns vertrauen. Und nun los.“

Wie im Trance folgte ich M., die wenig später an die Tür des Wickelraums klopfte, eintrat, mir zunickte und die Tür mit einem kleinen, fragil wirkenden Haken von innen verschloss. Wir schauten uns beide unsicher und peinlich berührt um. „Er ist wirklich ein toller Mann, ich liebe ihn.“ versuchte sie mich aufzumuntern. „Was ich hier tue, erregt auch mich, hauptsächlich mache ich es aber ihm zuliebe. Er ist der wichtigste Mensch in meinem Leben. Aber es ist“ an dieser Stelle zögerte sie „es ist nicht so, dass ich das brauche.“ Wieder eine Pause, danach die von einem Vorwurf getragenen Worte „Es ist nicht wie bei Dir, ich kenne Deine Geschichten.“ Das saß!

„Wir sollten uns beeilen.“ setzte M. nach kurzem Schweigen wieder ein, „er wird sonst unausstehlich.“ Wortlos begann sie sich zu entkleiden, ich sah ihr an, wie schwer es ihr fiel, vor mir, einer fremden Frau die schützende, biederenKleidung abzulegen. „Meint er wirklich alles?“ fragte ich unsicher, verstohlen ihren sportlich trainierten Köper musternd. „Alles, mach schnell, bitte.“ Und so entblößten sich zwei Mittvierzigerinnen im Wickelraum eines Freizeitparks. Den schmerzenden Gedanken an meinen Mann schob ich mit aller Gewalt in die hinterste Schublade meines Hirns – ich hatte zugestimmt. Ich war nicht entführt worden. Ich war nicht erpresst worden. Ich war freiwillig hierher gefahren. Ich hatte es geplant. Ich wollte es. Irgendwie zumindest.

M. wischte die Wickelmatte mit desinfizierenden Feuchttüchern ab und entleerte dann darauf die Tasche. Der Inhalt hielt, was die Verpackung versprach. Durchweg Luxusware des Labels mit dem Totenkopf. Jedes Teil zweimal vorhanden, einmal in schwarz, einmal in weiß – eine perfide Choreographie. Mit spitzen Fingern sortierte ich die schwarzen Varianten heraus: ein Paar edler Strapsstrümpfe samt zugehörigem Spitzengürtel, einen schlichten, weitgehend transparenter Slip, einen dazu passenden BH, ein aus Rock und Blazer bestehendes Business-Kostüm sowie eine schlichte Baumwollbluse. Jedes einzelne Teil zeigte entweder diskret oder recht augenfällig, aus welchem Hause es stammte, Initiallogo oder Totenkopf verrieten es. Die Sprache vollends verschlug mir das Paar schwarzer Pumps, dessen Absatzhöhe sich zwischen gesundheitsgefährdend und schwindelerregend bewegte. Jedes der beiden Outfits für sich war gute 4.000 Euro wert.

Als wir die Sachen am Körper trugen und nebeneinanderstehend in den Spiegel sahen, blickten uns zwei verunsichert wirkende Blondinen an, die beide ihre Mädchenjahre hinter sich gelassen hatten, eine Mutter und eine Großmutter. Die Nervosität der Mutter lag weniger in der Situation und ihrem Outfit begründet – schließlich praktizierte sie Vergleichbares seit Jahren. Vielmehr streifte ihr unsicher-unzufriedener Blick mich wieder und wieder. „Du Nina, das wusste ich nicht. V. sagte, du trägst meine Größe. Ich hatte deshalb nicht weiter nachgefragt gestern zusammen mit ihm diese zwei Outfits herausgesucht. Bis eben wusste ich nicht, wer von uns Tag und wer Nacht werden sollte.“ Die Betroffenheit war ihr anzumerken.

Am liebsten wäre ich im Boden versunken vor Scham. Zunächst natürlich, weil ich mir in diesem Moment absolut sicher war, dass sich dieses Wochenende zur größten Dummheit meines Lebens entwickeln würde. Und dann, weil sich die Gültigkeit des Sprichworts, nach dem die Bestrafung geringfügiger Missetaten durch ein höheres Wesen unverzüglich erfolgt, auch in diesem Falle bestätigte. Sicher passte mir mal eine 36. Wenn ich chattete und gefragt wurde, machte ich aus mir keine Bohnenstange mit einer 32 und auch kein Model mit einer 34. Aber ich schmeichelte mir regelmäßig mit der Angabe „36/38“. Und es gab ja tatsächlich diese geschönten Größen und so war es keine komplette Lüge. Aber M. trug nun eben eine echte 36, ich nicht mehr, trotz meines Sports. Und das sah man. Dass sie mit ihren 1,62 m auch noch 8 cm kleiner war, machte es nicht besser. Während ihr Rock durchaus akzeptabel eine gute Handbreit über dem Knie endete, entblößte dieser knappe Dezimeter zusätzlicher Körpergröße bei mir unangenehm viel Bein. Und während die weiße Dekadenz an M. wie maßgeschneidert wirkte, zog und kniff mich ihr schwarzes Pendant an mehreren Stellen. Neben dem deutlich zu kurzen Rock war besonders der Blazer unangenehm, der mich anders als die etwas großzügiger geschnittene Bluse nur noch flach atmen ließ. Selber Schuld, du dumme Gans, scholt ich mich.

„Du Nina, wir müssen.“ erinnerte mich M. „Aber ich kann doch so nicht unter Leute.“ stammelte ich, auf mein Outfit weisend. In einer Mischung aus Erregung und Mitleid strich sie leicht über meinen Arm und antwortete: „Dafür ist es jetzt zu spät. Das hättest Du vor zehn Minuten sagen müssen.“ Sie hatte Recht, und wenig später gingen wir zusammen zu der kleinen Schließfachecke, und ließen alles, was an die biederen Frauen von eben erinnerte, in einem großen kalten Metallkasten verschwinden. Den Schlüssel bekam V., der ihn in seiner Hemdtasche verschwinden ließ und uns mit leisen aber scharfen Pfiffen aufs Freigelände dirigierte.

M. und mir wurde in diesem Augenblick bewusst, wie frisch es draußen war. Bei kaum 5 °C, böigem Wind und einem Wechsel aus Sonne und Wolken schlangen wir beide in einer intuitiven Bewegung die Arme um unsere Oberkörper, vermissten schmerzlich einen Mantel oder eine Jacke und pressten die Beine zusammen, weil der Wind kalt unter unsere Röcke fuhr. Die Gänsehaut manifestierte sich genau dort, wo die nackte Haut der kalten Luft ohne den Schutz der dünnen Slips und Strümpfe schutzlos ausgeliefert war. Selbst V., eingehüllt in einen dicken langen Wintermantel, klappte seinen Kragen hoch und betrachtete uns für einem unbeobachtet geglaubten Moment mitleidig.

Dies war allerdings nur eine wenige Sekundenbruchteile dauernde Episode. Denn scharf und kalt wie der Wind forderte er „Los ihr Stuten, ab zu den Hengsten, es ist schon alles vorbereitet!“ Ungläubig sah ich V. an und ahnte im Gegensatz zu M., was er im Sinn hatte. Ich konnte nicht glauben, dass er das ernst meinte. Meine Befürchtungen bestätigten sich jedoch. V. hatte unsere Zeit im Wickelraum nicht ungenutzt verstreichen lassen. Wieder dirigierte er M. mit Pfiffen und kurzen, kaum wahrnehmbaren Gesten. Widerwillig bemerkte ich, dass auch ich diese Sprache intuitiv verstand. Ehe wir uns versahen, standen wir vor dem Ponygehege. Ein handgemaltes Schild informierte darüber, dass eine Runde auf dem Ponyrücken 1,50 € kosten sollte, fünf Runden wären zum Sparpreis von 5,00 € zu haben. Der Pferdeführer, ein junger Mann Anfang 20, spielte nervös mit den Zügeln der beiden Ponys, als wir uns im Trio näherten. Angekommen hörte ich, wie er V. leise zuflüsterte „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie das ernst meinen!“ Dann wechselten zwei Geldscheine den Besitzer, zuerst eine rötliche Banknote, die in die offizielle Kasse wanderte, dann eine braune, die in der Tasche seiner dicken Wattejacke verschwand. Die Bewegungen des jungen Mannes erfolgten automatisch, sein Blick hing auf M. und mir. Besonders schienen es ihm meine zu großen Teilen freiliegenden Beine angetan zu haben, er ließ sie nicht einen Augenblick aus den Augen.

V. lehnte sich an das Gatter und fuhr M und mich an. „So, los Ihr Fotzen, rauf auf die Gäule. Und dass Ihr ja eine gute Figur macht!“ Ungläubig sah ich den Mann an, dessentwegen ich die unvernünftige Reise nach Usedom unternommen hatte. „Das kannst Du nicht ernst meinen! Ich, nein wir frieren. Und wir können doch nicht in diesem Outfit … Damit können wir unmöglich reiten!“ Dann spielten Sich drei Dinge nahezu gleichzeitig ab. V. fuhr mich an, dass ich „Fickfresse“ selbige halten solle und derartige Entscheidungen bis Sonntagmittag von mir nicht zu treffen seien. Als Zweites legte M. ihre Hand beruhigend auf meine Schulter, und augenblicklich durchfloss mich eine wohltuende Wärme. Als Drittes erröteten drei Menschen in unterschiedlichen Intensitäten – zwei erreichten fast den Farbton einer Harzfeuer-Tomate, M. huschte nur ein kurzer Schimmer übers Gesicht. Hilfesuchend blickte ich zu M.. Doch es war offenkundig, dass sie im Gegensatz zu mir Gehorsam und Demütigung nicht nur als mit zahlreichen Fluchtmöglichkeiten gespicktes virtuelles Rollenspiel, sondern als schmerzliche Realität erfahren hatte. Zwar senkte sie den Blick und fühlte sich sichtlich unwohl, es kam ihr aber offenbar nicht in den Sinn, zu widersprechen oder gar dem Befehl nicht nachzukommen. Und so zog sie nach kurzem Zögern ihren Rock hoch und schwang ihr schlankes rechtes Bein von dem kleinen Treppchen aus über den Rücken des Reitponys. Ich sah, was mir bereits vorab klar war: der Rock rutschte weiter hoch, so dass die nuttenhaft anmutenden Strümpfe und Teile des Slips sichtbar wurden. Ihr weit aufgerissener Schritt schmiegte sich an einen glänzenden, von tausenden Kinderhintern blankgeriebenen Ledersattel. Fast Schmerzhaft traf mich ein scharfer Pfiff und das Kommando „Los Doktorenstute, rauf auf den Gaul und dann los. Oder willst du warten, bis die Omas mit ihren Kleinen hier auftauchen?“ Trotz der Kälte traten mir Schweißperlen auf die Stirn und verbanden sich innig mit Regentropfen, die in diesem Moment aus grauem Gewölk auf uns herniederprasselten. V. stand geschützt und warm angezogen unter einem Schutzdach, während er dem Pferdejungen zunickte, die Runden zu beginnen. Der Jüngling war sichtlich hin und hergerissen. Einerseits verstieß er vermutlich gerade gegen jede nur denkbare Vorschrift und riskierte seinen Job, andererseits wusste er nicht, ob er zuerst nach links auf die schwarzen oder nach rechts auf die weißen Beine gaffen sollte. Ich kämpfte gegen die Tränen an, als mein braunes Pony mit lohfarbener Mähne sich in Bewegung setzte und mit jedem Schritt meinen eng sitzenden Slip tiefer in meine Spalte drückte. Als erfahrene Reiterin hatte ich im Gegensatz zu M. keine Schwierigkeiten, mich auf dem warmen, im Nieselregen dampfenden Tier zu halten. Dafür machte es M. weniger aus, die von V. als Fickstelzen titulierten Beine weit zu öffnen.

Für mich war der Ritt eine kaum zu steigernde frauenverachtende Vorführung. In diesem Moment wollte ich nichts lieber, als einfach davonzulaufen, nach Hause zu fahren und das Haus zu putzen, eine Arbeit, um die ich mich drücke, wann immer möglich. Einfach alles putzen und dann von meinem Mann, den ich in dieser Stunde erstmals im Leben wirklich hintergangen hatte, ein Lob einzuheimsen. Was aber tat ich? Mit weit gespreizten Beinen, vor Kälte schlotternd auf exakt demselben Pony meine Runden drehen, auf das ich selbst vor gut einem Monat meine dreijährige Enkelin gesetzt hatte. Wenn jetzt jemand käme und M. und mich so sähe, wäre es die Katastrophe. Wenn dieser jemand mich kennen würde, wäre es mein Ende. Rhythmisch übertrug sich jeder Schritt des kleinen Pferdes, das vermutlich nie eine solche Last tragen musste, über meine mit Gänsehaut bedeckte Muschi auf den Oberkörper und hämmerte in mein Hirn. Bitte lass das vorbeigehen. Lass ein Schneetreiben einsetzen, so dass mein Gesicht unkenntlich wird. Was tue ich hier?!?!??!

Aus diesen zunehmend panischen Gedanken riss mich ein „Hallo?!“ des Pferdeführers. „Darf ich Ihnen behilflich sein?“ Und ohne dass ich darum bat, griff er mir unter die Arme und an die Beine – es war offensichtlich, dass er genau auf diesen Moment hingefiebert hatte. Und es war seinem flackernden Blick anzusehen, dass er sich gerade fühlte, wie die Made im Speck. Aber eine Made mit Entscheidungsproblemen. Denn er musste entscheiden, welche der beiden „Fotzen“ er begrabschen sollte. Letztendlich fiel die Entscheidung auf diejenige, die ihn mehr als einen Kopf überragte. Aber es bereitetet ihm sichtliches Unbehagen, das er uns nicht, von V. ermutigt, beide gleichzeitig durch unauffällige aber gezielte Griffe in unserer Würde verletzen konnte.

Unsere hohen Absätze versanken im weichen Sand des Pferdeparcours und ich atmete hörbar auf, als ich wieder den befestigten Weg erreichte. Ein leises erleichtertes Stöhnen entsprang meiner Kehle, als in genau diesem Moment eine lärmende Gruppe dreier Kindern und sechs Erwachsener, offenbar drei Generationen einer Berliner Familie, lärmend auf das Ponygehege zusteuerten. Was hätte ich gemacht, wenn ich noch auf dem kleinen Gaul gesessen hätte? Meine Beine weit gespreizt den Blick auf den totenkopfgekrönten Slip freigebend? Danke, dass mir das erspart geblieben war! Ich wäre im Boden versunken. Da war ich mir sicher. Erst recht, als wir die Berliner passierten und ich die verschämt geifernden Blicke der Männer auf meinem Hintern spürte und ein ärgerliches Zischen der Frauen wahrnahm. Den wirklichen Stich gab mir aber die an die Mutter des etwa 5jährigen Mädchens gerichtete Frage „Mami, Du sagst doch immer, so kurze Röcke sind ordonär. Warum haben diese beiden Tanten solche kurzen Röcke an? Sind die beide Ordonäre?“ Das laut prustende Lachen vereinte die Gruppe wieder und ich war heilfroh, den schützenden Verkaufsraum des Erdbeerhofs zu erreichen.

Erschrocken zuckte ich zusammen als sich V. zwischen M. und mich schob. „So ihr Drecksäue, die erste Aufgabe habt ihr ja leidlich erfüllt. Ich hoffe, es hat euch gefallen.“ Während M. mit einem „Jawohl mein Herr“ roboterhaft antwortete, senkte ich beschämt den Blick, nicht ohne sehnsüchtig auf die Schließfächer zu blicken, die wir gerade passierten.

Der Aufenthalt in der angenehm warmen Verkaufshalle war nur kurz, keine fünf Minuten später verließen wir das Gebäude und überquerten unter lautem Klackern unserer Stilettoabsätze den spärlich gefüllten Parkplatz des Freizeitparks. V. steuerte zielgerichtet auf einen silberfarbenen VW Sharan der neuesten Modellreihe zu. Da ich wusste, woher die beiden kamen, erkannte auch ich den Wagen schon von Weitem am Kennzeichen. Auf dem Weg zum Wagen zermarterte mir mein Hirn auf der Suche nach einem vorzeitigen Ausstieg aus diesem Wahnsinn. Geilheit hin oder her, nie im Leben war ich so trocken und im Kopf so zerrissen. Nur weg hier. Aber weg kam ich nicht.

Alles, was ich besaß, hatte ich im verfluchten Erdbeerhof zurücklassen müssen. Und ich hatte noch zwei Tage zu parieren. So hatte ich es schließlich gewollt. Ich flehte, betete, dass mein Mann und niemand sonst jemals etwas erfahren würden. Die Situation war ähnlich der damaligen, wo mich dieser Unmensch aus dem Chat real zu erpressen versuchte. Aber das jetzt war sogar noch schlimmer. Und meine Vorahnung, dass dies alles nur der Anfang war, sollte sich bestätigen.

Der Wagen parkte in der Nähe des Kreisverkehrs, weitab des Eingangs zum Erdbeerhof aber direkt im Blickfeld aller Autofahrer auf der Straße. Aus genau diesem Grunde war die nächste Anweisung für mich unfassbar. Selbst M. protestierte zunächst hartnäckig, resignierte dann aber doch. Das Untier fordere von uns jeweils 15 Kniebeugen. Abwechselnd. Zählend. Bis 30. Wie die Hampelfrauen. Wie er es ausdrückte, hätte die Zonenfotze laut und deutlich 1 zu rufen, während sie niederging, dann die Ehefotze 2, die Zonenfotze 3 usw. Auf was hatte ich mich da eingelassen? Das war nicht mehr eins der harmlosen Spiele aus dem Chat. Das war auch keine Geschichte, die ich in der BDSM-Bibliothek veröffentlichte. Das war die knallharte Realität. Und ich hatte sie mir ausgesucht. Ausgesucht aus einer Form angestauten Unbefriedigtseins heraus. Mit nasser Spalte, die Hand zwischen den Beinen. In dieser Situation hatte ich mich darauf eingelassen. Und nun gab es kein Zurück …

Nach einer gefühlten Ewigkeit höre ich ein „30“ aus dem Mund von M. Wortlos trat V. vor uns, schob mit seinem in warmen Winterschuhen steckenden Fuß hart unsere Beine auseinander, so dass unsere Füße jeweils etwa 40 m voneinander entfernt zu stehen kamen. Dann sah er sich um und steckte, nachdem er sich einen Moment unbeobachtet fühlte, seine Hand grob unter meinen Rock und zog den Totenkopfslip ruckartig in meine Spalte, so dass ich vor Schmerz aufstöhnte. M. blieb verschont. „Keine Bewegung du Dreckstück“ fuhr er mich an, mit glühenden Augen meine Angst einfangend. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie er M. etwas reichte. Sekunden später fühlte ich ihre eiskalten zitternden Hände mir etwas um den Hals legen. Ich wagte keine Bewegung, keine Frage. In meinem Rücken rauschten die Autos im Kreisverkehr vorbei, einzelne hupten, andere drehten mehrere Runden um sich des Unglaublichen zu versichern oder Smartphones laufen zu lassen. Im Boden versinken … Bitte!!!

Dann sah ich, wie M. sich selbst ein weißes Hundehalsband aus Leder anlegte, ich ahnte, dass ich nunmehr schwarz collariert war. Dieser Mistkerl verstand also sein Geschäft. Nur zu gut, wie ich im nächsten Augenblick feststellen musste.

Nach all dem Furchtbaren hatte ich auf eine warme Autoheizung gehofft. Vielleicht könnte ich sogar auf den Beifahrersitz und mir die heiße Luft über die kältestarren Beine gleiten lassen. Es kam natürlich anders. Mit einem dezenten Piepsen bestätigte der Volkswagen, dass der Fahrer ihn geöffnet hatte. Zu meinem Entsetzten pfiff uns V. zur Rückseite des Wagens, während er die Heckklappe öffnete. „Hierher Ihr räudigen Hündinnen“. Mein ungläubiger Blick konnte den von M. nicht erreichen, denn sie schlug augenblicklich die Augen nieder. V. sah man die sadistische Genugtuung an, als er die Tür der großen im Kofferraum montieren Hundebox öffnete. „Ehefotze rein, Rückenlage, Fickstelzen gespreizt an die Decke.“ Wortlos reagierte M. und glitt schlangenhaft in den Käfig, sich wortlos hochstemmend und den Rock über die Hüfte ziehend. Dann schmetterte V. das nächste, für mich schlimmere Kommando „Zonenfotze rein, Fresse auf die Pissritze der Ehefotze, los!“ Ich musste mich am Auto festhalten, denn das ging zu weit. Viel zu weit. Ich hätte mit kleinen öffentlichen Demütigungen gerechnet. Ich hatte ein etwas gewagtes Outfit erwartet. Deshalb war ich ehrlicherweise letztendlich nach Usedom gekommen. Aber das??????

„Du solltest Dich beeilen sonst bleibst du Dreckstück hier“. In dem Augenblick sah ich die Berliner Truppe auf uns zukommen. Voller Entsetzen bemerkte ich den smaragdgrünen Multivan mit Berliner Kennzeichen, der kaum fünf Meter neben uns stand. Wenn ich noch zögerte, wären sie hier! Die Tränen wegwischen kletterte ich mit den Worten „Das geht zu weit“ in den von M. schon weitgehend ausgefüllte Hundebox. Ich, die körperlichen Kontakt wo immer möglich mied, ich, die sich schon bei leichten Berührungen in der S-Bahn unwohl fühlte, ich schmiegte mich jetzt eng an eine wildfremde Frau aus NRW und das nur, weil ihr sadistischer Ehemann es so wollte. Ich war wahnsinnig. Ich spürte ihre Wärme an meinem Bauch, ihre eiskalten Oberschenkel an meinen Ohren, ihren Atem in meinem Schritt. Ich war wahnsinnig!

Mein Protest, dass es zu eng sei und dass wir beide unmöglich in diese Box passen würden, beantwortete V. mit einem Griff an meinen rechten Fuß, der dann grob in die Box geschoben wurde. Einen Augenblick später schloss sich die Käfigtür nach langem Drücken und Schieben und wurde augenblicklich mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert. Das war‘s dachte ich. Ich bin wahnsinnig!! Die Kofferraumklappe schlug genau in dem Moment zu, als die Berliner ihren Wagen neben uns erreichten. Das Mädchen, das seine Mutter vorhin auf dir „Ordonaritäten“ hingewiesen hatte, legte seinen Kopf an die abgedunkelte Heckscheibe und schirmte den Blick gegen die blendende Sonne ab, die gerade wieder die Oberhand gegen die Regenwolken gewonnen hatte. Aber die Kleine sah offenbar nichts, denn sie gab es sehr schnell auf.

„So ihr Säue, Ihr leckt euch jetzt gegenseitig. Wenn wir angekommen sind, prüfe ich das. Und Gnade Euch Gott, eine von Euch sollte nicht klatschnass sein! Ich schwöre, ich fülle Eure Pissfotzen mit Chilipulver. Beide. Also gebt euch Mühe!“ Mit diesen Worten ließ er den Wagen an, verließ in flotter Fahrt den Parkplatz und drehte drei Runden im Kreisverkehr, so dass wir schmerzhaft an die Seitenwände des Käfigs gedrückt wurden. Dann gab er Gas und ich konnte aus dem Augenwinkel sehen, dass es auf der B 111 Richtung Wolgast ging.

Ich erstarrte, als ich plötzlich etwas Warmes, Weiches zwischen meinen zwangsläufig gespaltenen Schamlippen spürte. „Bitte Nina“ hörte ich die leise flehende Stimme von M. „mach das auch bei mir. Chili ist die Hölle. Er macht das wirklich!“ Und ich leckte nach einiger Überwindung tatsächlich, mir das erst wenige Tage alte Gesundheitszeugnis vor Augen rufend. Nie im Leben hatte ich einen auch nur ansatzweise als intim zu bezeichnenden Kontakt zu einer Frau. Die größte Annäherung war eine unbeabsichtigte kurze Berührung in der Sauna. Und nun glitt meine Zunge in die feuchte, gut riechende Spalte einer Wildfremden. Ich war wahnsinnig!!!

Mir wurde bereits nach wenigen Minuten die Zunge steif, aber ich merkte, dass ich nach einiger Zeit bei M. die richtige Stelle getroffen und den passenden Rhythmus gefunden hatte, denn sie öffnete ihre Beine leicht stöhnend so weit, wie es die Alustäbe der Hundebox erlaubten. Ihre Erfahrenheit machte sich bei mir augenblicklich bemerkbar, denn ihre Zungenspitze musste nicht erst suchen, sondern terrorisierte mich noch vor dem Verlassen des Parkplatzes in einer Weise, die selbst ich mit meinen Fingern bislang nie so hinbekommen hatte. Die Angst vor dem Kommenden nahm mir auf geistiger Ebene aber viel von der Erregung, die mich körperlich geradezu überrannte.

Während der Fahrt blickte ich immer wieder kurz hoch und sah die so vertrauten Orte an uns vorbeiziehen. Wir fuhren durch Koserow und Zempin und bogen schließlich rechts nach Zinnowitz ab. Ich sah den Supermarkt auf der linken Seite, in dem wir einkaufen, wenn wir auf der Insel selbst kochen möchten. Dann das kleine Clubkino mit seinen gemütlichen Sesseln. Die Pizzeria, die unsinnigerweise immer schon früh am Abend schließt, dabei aber das beste italienische Essen im Ort hat. Das Lift-Café, in dem wir im vergangenen Monat mit der ganzen Familie waren.

Wir wurden an die Vorderwand des Käfigs gedrückt, als V. absichtlich scharf bremste und den Wagen auf den Parkplatz der Touristeninformation lenkte. Augenblicklich hörten wir auf, uns zu lecken – das geforderte Ergebnis war bei beiden erreicht. Grinsend öffnete V. zuerst die Kofferraumklappe, dann schloss er die Hundebox auf und klappte deren Tür zur Seite. „Raus Ihr verfickten Drecksäue!“ formulierte er seine wenig liebvolle Bitte, unser Gefängnis zu verlassen. Als wenn das so einfach gewesen wäre! Dass ich keine 20 mehr war, merkte ich spätestens, als ich diesem viel zu engen Käfig entsteigen sollte, in den ich die letzten 15 Minuten in unnatürlicher Zwangsposition eingepfercht war. Die Beine waren eingeschlafen und so lehnte ich mich gegen den haltgebenden Wagen. Ich fühlte mich wie eine alte Frau...

Als erstes bemühte ich mich, diesen elenden Rock herunterzuziehen, was auf Grund des strammen Sitzes eine Herausforderung war. Ganz anders M., die sich aus der Box rollte, als täte sie das jeden Tag. Vielleicht war es ja tatsächlich so, schoss es mir durch den Kopf. Kurz darauf standen zwei gewagt elegant gekleidete Damen – wieder einmal vor Kälte schlotternd – bereit zum Befehlsempfang. Wortlos nahm uns V. die Hundehalsbänder ab, warf sie in die Box und verschloss das Auto.

„Zonenfotze, Ehefotze, Euch ist kalt?“ Wir nickten bestätigend. „Ja sehr sogar, ich möchte gern ins Warme, sonst erkälte ich mich noch.“ setze ich hinzu. „Gut, dann wollen wir Euch zwei Dreckstücke mal auf Betriebstemperatur bringen.“ grinste er versaut. „Passt auf. Wir werden uns jetzt einen Blick auf die schöne Ostsee gönnen.“ lächelte er mit einem Blick auf das Lift-Café. „Bitte nicht dorthin, man kennt mich da.“ flehte ich. „Dein Problem!“ kam die kühle Antwort. Los im Gleichschritt ihr Stuten und schön mit den Ärschen wackeln!“ M. und ich liefen nebeneinander, seinen gierigen Blick auf unseren Hintern. Allerdings war er nicht der Einzige, der uns im Auge behielt. Der in Richtung ordinär spielende „Partnerlook“ machte uns zum Mittelpunkt des Interesses und sorgte für zahlreiche kleine Reibereien unter den Urlaubern. In aller Regel wendeten die Herren die Köpfe nach uns und kassierten dafür entweder scherzende Bemerkungen oder Rippenstöße ihrer Partnerinnen, im Falle eines aufgetakelten Bimbos sogar eine waschechte Szene auf offener Straße.

Angekommen am Fahrstuhl zum Café fiel mir ein großer Stein vom Herzen, als ich die heutige Café-Besatzung sah. Es war glücklicherweise nicht die freundliche junge Frau, mit der ich mich kürzlich so nett über unsere Enkel unterhalten hatte, nachdem die Große ihre Milch verschüttet hatte. Heute bediente ein etwa 20jähriger den Fahrstuhl. Genau der Typ Mann, den man mir „auf den Bauch schnüren“ könnte, ohne dass sich bei mir irgendetwas regte: gegelte Haare, manikürte Nägel und affektiertes Gerede. In seiner Kellneruniform steckte er wie ein Schluck Wasser. Ich kann bis heute nicht verstehen, was andere Frauen an diesem Typ Mann finden! Und natürlich ließ er M. und mich nicht aus den Augen.

V. hatte darauf bestanden, dass wir getrennt ins Café gehen. „Ihr beiden Fotzen kennt mich in der kommenden halben Stunde nicht. Ist das klar?“ Wir nickten nur. Und erfuhren dann, dass wir zwei verliebte Lesben zu spielen hatten, die, sich innig küssend, die Welt um sich vergessen sollten. Und auf weitere Anweisungen zu achten hatten. Worauf hatte ich mich da eingelassen?

Langsam setzte sich der Gondel in Bewegung, besetzt mit dem Kellner, einer Gruppe von sechs rüstigen Rentnerinnen aus Sachsen, M., V. und mir. Damit war nur die Hälfte der Tische belegt und – was das Schlimmste war –  wir hatten mehr Aufmerksamkeit, als uns lieb war. Schon beim Betreten der Vorhalle hatte M. nach einem auffordernden Blick ihres Mannes meine Hand ergriffen und mich teenagerhaft zur Gondel gezogen. Seitdem hatte sie sie nicht mehr losgelassen und bereits während der Fahrt zur 25 Meter hohen Endposition begonnen, mich erst vorsichtig, dann inniger zu küssen. Scharf flüsterte sie mir ins Ohr, dass ich nicht so steif sein solle, denn den Ärger müssten wir beide ausbaden. Da der widerliche Kellner uns ohnehin im Blick hatte, ansonsten aber niemand da war, den ich kannte, überwand ich mich und küsste das erste Mal im Leben eine Frau. Es war eine neue Erfahrung und ich gebe zu, dass bislang nie ein Kuss solche Erregung in mir ausgelöst hatte. Wie ich an den Nachwirkungen noch zwischen meinen Schenkeln spürte und nun wieder erfuhr, war ihre Zunge ein Präzisionswerkzeug.

Dieser Rausch ist vermutlich verantwortlich dafür, dass ich mich nur noch unpräzise an die Zeit im Café erinnern kann, obwohl die Ereignisse erst wenige Tage zurückliegen. Fest eingeprägt haben sich nur wenige Dinge. Das Damenkränzchen, das ein überraschend exaktes Spiegelbild der Gesellschaft abzugeben schien. Da die alten Leutchen am Nebentisch saßen, kamen wir trotz der Knutscherei nicht umhin, das von gedämpftem Gelächter unterbrochene Getuschel mitzubekommen. Das Spektrum der Meinungen reichte von „Schön, dass so etwas heute möglich ist!“ über „Ich habe ja eigentlich nichts dagegen. Aber muss das jeder mitbekommen?“ bis  zu „Es gab Zeiten mit Lösungen“ Dabei zeigte die zittrige faltige Hand in Richtung des in der Ferne sichtbaren Geländes der Peenemünder Versuchsanstalten. Was mich dabei wirklich traf, war nicht einmal diese menschenverachtende Bemerkung selbst, sondern das Schweigen der Runde dazu.

Glücklicherweise konnte ich in die innigen Küsse abtauchen und die Welt um uns zwar nicht vergessen, aber verdrängen. Wie durch einen Nebel nahm ich wahr, dass Ms. Smartphone vibrierte und sie beim Lesen der Nachricht leicht errötete. Wir knutschten weiter und binnen Sekunden hatte sie mich wieder im Schwebezustand. So bemerkte ich nur im Unterbewusstsein, wie sie sich in Richtung des Mitteltresens drehte, hinter dem der Kellner seine historischen Ausführungen zur Insel und zu Zinnowitz herunterleierte. Dann drehte sie fast unmerklich auch meinen Stuhl in seine Richtung und zog meine Beine auseinander. Als ich protestieren wollte, flüsterte sie, an meinem Ohrläppchen knabbernd „V. will das so.“ Ich wollte es nicht so. Aber was hatte ich schon zu wollen? Also wurde der rhetorisch bedauernswert schlechte Vortrag noch einen Tick schlimmer, denn statt in seine Stichpunkte zu blicken, klebten die Blicke des Jungspundes jetzt unter den Röcken zweier Lesben, die seine Mütter hätten sein können. Ich war wahnsinnig!!!!

Wie genau wir wieder nach unten kamen, ist mir ebenso so unklar wie der Weg zur kaum 50 m entfernten Seebrücke. Der auflandige Seewind muss mich dann aber so ausgekühlt haben, dass mein Verstand und mit ihm mein Schamgefühl sich wieder einschalteten. Der Wind war schneidend, die Möwen laut und der Strand nur von wenigen dick eingepackten Spaziergängern bevölkert. V. beobachtete, wie auf jeder von uns die Gänsehaut wuchs. „Ich will ja nicht, dass ihr Euch noch erkältet. Also: Macht Euch auf den Weg zum Hotel. Ehefotze, Du weißt ja, wo wir wohnen. Ich fahre hin, Ihr lauft am Strand entlang. Aber nicht auf dem festen Spülsaum, sondern im lockeren Sand, damit es gleich einen gewissen Trainingseffekt gibt. Nicht trödeln. Ich erwarte Euch.“ Sprach‘s, drehte sich um und verschwand pfeifend Richtung Auto. Was ich davon hielt, stand nicht zur Debatte. Aber all dem hatte ich ja vor kurzer Zeit zugestimmt …

Die etwa 400 m durch den lockeren Sand forderten uns einiges ab. Die körperliche Anstrengung in völlig ungeeigneten Schuhen – ich konnte nicht fassen, dass V. uns bewusst 700 Euro teure Pumps im scharfen Ostseesand ruinieren ließ – forderten uns, so dass wir nur am Rande die Blicke der anderen Strandbesucher auffingen. Zudem waren diese auch weit entfernt, da sie dort liefen, wo es jeder vernünftige Mensch tun würde – auf dem festen, von den Wellen festgepressten Spülsaum. Eine gewisse Erleichterung verschaffte uns der Küstenwald, den wir auf den letzten Metern zu unserem Hotel durchquerten. Er brach den Wind und es gab einen mit Holzbohlen befestigten Weg. Wir mussten zwar höllisch aufpassen, die Absätze nicht zwischen die Bohlen einzuklemmen, das war aber nichts im Gegensatz zur Tortur im lockeren Sand. Es war wie im Himmel, als uns die Lobby des Hotels mit ihrer Wärme und dezenten Musik umfing.

Der Ruf aus der Hölle orderte uns aber bereits wenige Sekunden später in eine der Penthouse-Suiten im 6. Stock. „Rein mit Euch!“ lautete der rüde Empfang. „Ausziehen, beide, flott! Strümpfe und Strapsgürtel bleiben an. Dann zurück in Eure Tussiletten. Alles was über einer Minute liegt, wird Euch beiden leidtun!“ M. brauchte 46 Sekunden, ich 58, weil mein Rock so verdammt eng war. Es war V. anzusehen, dass er gern längere Stripzeiten gesehen hätte. Etwas missmutig löste er den Blick von seiner Glashütte Belisar.

„Auf der Stelle drehen, dann knutschen bis ich sage, dass ihr aufhören könnt!“ Dieser Befehl hätte mich noch vor 6 Stunden an den Abgrund gebracht. Deshalb war ich selbst erstaunt, wie ich ihn in diesem Augenblick zwar mit Scham und Widerwillen entgegennahm, aber klaglos akzeptierte. Wie bei den meisten Dingen war auch dieser Angriff auf meine Würde relativ. Und im Vergleich zur Autofahrt nach Zinnowitz war er erträglich.

Mit einem bösen Grinsen holte V. eine digitale Personenwaage hervor. Selbst die Wahl solch profaner Gebrauchsgegenstände – es war eine Tanita der neuesten Generation – zeugte vom Stil der beiden. M. brachte bei ihren 1,62 m 55 kg auf die Waage, was V. mit einem zustimmenden Brummen registrierte. „So, dann wollen wir doch mal sehen, was die verlogene Zonenfotze wiegt. Dass Du Dreckstück mich in den vergangenen Monaten angelogen hast, ist ja schon mal klar, oder?“ Betroffen, ernstlich betroffen, nickte ich. „Du siehst in Deinem Kostüm aus wie eine Presswurst, aber das hast Du Dir selbst zuzuschreiben.“ Wieder ein Nicken, wenn auch ein aufmüpfiges. Dass das Kostüm ziemlich eng und vor allem der verdammte Rock zu kurz war, wusste ich selbst. Aber eine „Presswurst“ war in meinen Augen etwas anderes. „Sinniert dein akademischer Verstand gerade über die treffende Verwendung des Begriffes „Presswurst“? riss er mich aus meinen Gedanken. Ertappt nickte ich schwach. „Nun dann, lass uns objektive Fakten ermitteln. Du bist doch so ein Schlaukopf. Was wäre denn Dein Idealgewicht bei Deinen 1,70 m?“ Ich errötete. Es gab nur wenige Zahlen, die ich genau im Kopf hatte. Mit banger Vorahnung stieg ich auf die Waage und die hellblauen Ziffern spuckten die Wahrheit mit objektiver Präzision bis auf die Genauigkeit von 0,01 kg aus. „Ich fasse es nicht – 67,53 kg. Du blöde fette Sau!!! Ich denke, du treibst Sport, fährst doch angeblich so viel Rad! Mach, dass Du von der Wage kommst, die bricht unter deinem Gewicht noch zusammen.“ Während ich mit hochrotem Kopf von der Waage stieg – ich wusste, dass mein Idealgewicht bei 60, die obere Grenze des Normalgewichts bei 70 kg lag, ich gleichwohl mit dem absoluten Wert und der Tendenz unzufrieden war, hörte ich M. kurz lachen. Vermutlich hatte sie die Bemerkung zur potentiellen „Waagenzerstörung“ angesichts der Körpermasse ihres Mannes zu dieser Unvorsichtigkeit verleitet.

Wie ein Tornado fuhr V. zu M. herum. „Ach, finden wir das lustig? Weißt Du Fotze, dass Du damit Deinen soeben erarbeiteten Vorteil gegenüber diesem Dummbrot vergeben hast?“ M. erbleichte. Und M. würgte, als ihr V. zunächst meinen und dann noch ihren Slip tief in den Rachen drücke und sie anfuhr „Mach die Fresse zu. Wenn ich auch nur eine Sekunde irgendeinen Stoff sehe – gleich ob schwarz oder weiß – dann kannst Du die nächsten Tage nicht mehr sitzen. Und wie Du dann Deine Konferenz in Lissabon schaffen willst, will ich sehen.“ Dieser Ausbruch überraschte und verunsicherte mich zutiefst. Denn entweder war das ein extra für mich eingeschobenes Meisterstück genialer Schauspielkunst oder eben nicht gespielt und damit das Indiz für einen schon länger schwelenden Konfliktes zwischen den beiden zu diesem Punkt. Ich nahm mir vor, M. am kommenden Tag bei passender Gelegenheit zu fragen.

Während M. sichtlich mit dem zarten, ihre Mundhöhle ausfüllenden und vermutlich am Zäpfchen reibenden Stoff kämpfte, drehte sich V. wieder zu mir. „So du fette Kuh. Damit Dein Alter, wenn er wiederkommt auch was von Deinem Betrug hat,“ diese Worte trafen mich derart, dass ich nahe daran war, Knall auf Fall alles abzubrechen, „wirst Du morgen an Dir arbeiten, bis Du umfällst.“ Mit einer fließenden Bewegung zog er den Wochenplan des hauseigenen Fitnessstudios aus der Hotelmappe. „So Samstag: Dein Plan für morgen: 8:00 bis 8:45 Uhr Aqua-Fitness; 10:30 bis 11:15 Uhr Step & Shape, was immer das genau sein mag, aber an Deinem „Shape“ solltest Du wirklich arbeiten. 14:00 bis 14:45 nochmals Aqua-Fitness“ grinste er gemein „und wenn Du dann am Abend richtig fertig bist“ er zögerte einen Moment, um mein Entsetzen auszukosten „als erholsamer Tagesabschluss BBP. Kann man glaube ich bei Dir mit SPA übersetzen.“ Ich muss so verdattert ausgesehen haben, dass er mir genüsslich die Auflösung der Abkürzung präsentierte, jedes Wort kalt und langsam herausschleudernd „Speckring, Fickstelzen, Arsch.“

„So ihr Huren. Wie machen jetzt ein kleines Quiz. Ich solltet Euch anstrengen, aus mehreren sehr guten Gründen. 1., um mir eine Freude zu machen. 2., um Eure Allgemeinbildung zu testen und bei Bedarf die Hurenärsche noch einmal auf die Schulbank zu drücken. 3, weil die Gewinnerin heute Nacht, wenn ihr zusammengefesselt vor diesem Bett schlafen werdet, die bequemere Position einnehmen darf. Und der vierte Grund ist der hier.“ Er ging zum Schrank und holte aus einem großen Koffer zwei ca. 10 cm breite Ledergurte. Wortlos trat er zuerst an M., die mittlerweile krebsrot und schweißüberströmt neben mir stand, und dann zu mir, und legte jeder von uns einen Gurt um die Taille. Nicht zu fest, nicht zu locker, eben so, dass er saß, ohne nach unten zu rutschen.

Dann ein nächster Gang zum Koffer. Ich zuckte zusammen, als ich sah, womit der zurückkehrte: Zwei Teufelsinstrumente, die ich bislang nur aus dem Internet kannte. Mit einem Saugfuß und zwei penisförmigen Schäften, die dafür gedacht waren, die beiden benachbarten Löcher auszufüllen. Wieder das Hundekommando an M., die augenblicklich reagierte und ihren Po zur großen Panoramaglasschiebetür gerichtet auf alle Viere ging. Augenblicke später klebte der Doppeldildo mit einem Flop an der Scheibe. „Bist du Sau noch nass genug?“ fragte er seien Frau. Die schüttelte errötend den Kopf.

Mich fragte er nicht. Von hinten griff er ohne Ankündigung zwischen meine Beine und murmelte unzufrieden, als die mittlerweile wieder trockene Spalte eine weitere Erkundungstour seiner Finger behinderte. „Ihr seid doch wirklich zu allem zu blöd. Los, Stellung wie im Auto. Diesmal die Zonenfotze unten, nicht dass du Nilpferd noch meine Ehefotze erdrückst.“ In wirklicher Angst legte ich mich rücklings auf den Teppich. „Du elendes dummes Stück ich will auch was davon haben!“ Mit diesen Worten griff er in meine Haare, sodass ich vor Schmerz aufbrüllte und zog mich zum Glastisch in der Mitte des riesigen Wohnraums. Ich sah gerade noch die aufgewühlten Wellen meiner geliebten Ostsee, bevor er mich mit dem Rücken auf die Glasplatte des Tisches drückte. Die Schnalle des Gurtes stach schmerzhaft in meinen Rücken und ich schaffte es nur unter Schwierigkeiten sie umzulegen, bevor M. mit ähnlicher „Zärtlichkeit“ auf mir positioniert wurde. „So macht Euch nass. Ihr habt exakt fünf Minuten“ lachte er, auf seine Uhr blickend. Als zusätzlichen Ansporn zeigte er uns ohne weitere Worte eine Streudose. Meine flackernden Augen entzifferten „Habanero-Chilipulver im Streuer – Extrem scharf Stufe 10“. Es war also keine leere Drohung…

Der Mann, der genau fünf Minuten jede kleinste unserer Bewegungen beobachtet hatte, der mit kindlicher Freude beobachtet hatte, wir sich unter mir auf der Tischplatte und in meinem Gesicht jeweils kleine feuchte Bereiche bildeten, hatte sich in dieser Zeit verwandelt. Mir wurde klar, dass V. nunmehr den Advokaten mimte. „Geliebte M. – hättest du die vorzügliche Güte, Deinen Platz für das Quiz einzunehmen?“ M. quälte sich von mir runter und schob sich auf allen Vieren rückwärts auf die beiden Schwänze. Das dabei entstehende leise Schmatzen war ihr sichtlich peinlich. „Und wie sieht es mit uns aus, hochverehrte Dame?“ umsäuselte er mich, provokativ mit dem Chilistreuer spielend. Ich war überzeugt davon, dass er keine Sekunde zögern würde und schwang mich deshalb vom Tisch.

Als ich am Fenster widerwillig auf alle Viere gehen wollte schüttelte V. den Kopf. „Du bist zu fett. Das wird bestraft. Grinsend klebte er den für mich bestimmten negerhaft schwarzen Doppelschwanz in Höhe meines halben Oberschenkels an die Scheibe. Damit du gleich etwas für den Muskelaufbau tun kannst.“ erklärte er fürsorglich. Das Ergebnis war, dass ich, erstmals einen Fremdkörper in meinem Po spürend, in leicht gebückter Haltung meine Pobacken an die Scheibe drückte und auf die hündinnenhaft neben mir hockende M. herabblickte.

„So, nun zum Spiel.“ V. rücke sich einen gemütlichen Sessel zurecht und ließ sich mit einem Rotwein in der Hand genüsslich hineinsinken. „Ich stelle Euch jetzt Fragen. Keine Angst. Allgemeinbildung, etwas Spezialwissen. Ich weiß, dass ihr beide trotz Eurer Haarfarbe nicht dumm seid. Ihr beantwortet die Fragen so schnell wie möglich. Wenn ihr glaubt, etwas zu wissen, platzt ihr nicht einfach damit heraus. Ihr müsst auch nicht den Arm heben wie in der Schule. Ihr meldet Euch standesgemäß mit einem „Wuff“.“ Ein Grinsen lief über sein Gesicht, Bleiche über das von M. und Röte über meins. „Wenn dann die Antwort richtig ist, wird der Gurt der jeweils anderen Mitspielerin um ein Loch enger gezogen. Erst jetzt bemerkte ich, dass die Gurte umlaufende Doppelreihen von Löcher hatten. Der Lochabstand betrug etwa 1 cm. Schweiß trat mir auf die Stirn. „Aber Vorsicht. Wenn eine als erste kläfft, dann aber keine oder eine falsche Antwort gibt, bekommt sie als Strafe für diese Vorwitzigkeit den eigenen Gurt zwei Löcher enger gezogen. Ist das soweit klar?“ Wir nickten beide, M. resignierend, sie schien das Spiel offenbar bereits zu kennen, ich fassungslos und ängstlich.

„Also beginnen wir. Die nächste halbe Stunde – ich konnte mich in der unbequemen Stellung kaum noch auf den Beinen halten, meine Oberschenkel bebten und begannen zu krampfen –  ging ein Hagel verschiedenster Fragen auf uns nieder. So wollte er wissen „Wie lautet die Quadratwurzel von 625? In welcher Stadt schrieb Goethe die Leiden des jungen Werther? Wer besiegte 1242 wen auf dem Eise des Peipussees? Was versteht man unter Hub-and-Spoke-Verkehr? Bezeichnet der Begriff Paridae eine Familie oder eine Gattung innerhalb der Singvögel? Was versteht man im Rennsport unter Slicks? Hieß die blonde Fotze der ABBA-Formation Agnetha oder Agnes? Welche chemische Verbindung verbirgt sich hinter der Formel H2O2? Es ging scheinbar endlos so weiter und sowohl M. als auch ich konnten nur noch ganz flach atmen, denn wir lagen überraschend dicht beieinander. V. bemerkte lachend, dass er tatsächlich die Löcher abzählen müsse, um die Siegerin zu bestimmen.

Gerade als er wieder einmal eine niederträchtige Bemerkung über meine zitternden „Hurenstelzen“ losgelassen hatte und zur nächsten Frage ansetzte, klingelte das Zimmertelefon. Überrascht und verärgert blickte er auf den im Flur stehenden Störenfried, der keine Ruhe geben wollte. „Verdammt, ich hatte doch extra darum gebeten, nicht gestört zu werden. Wütend kam er auf uns beide zu und rammte uns beiden mehrfach seine Mittelfinger so tief in den Schlund, dass wir röchelnd und mit herausquellenden Augen Speichelfäden verloren.

Mit barschem Ton nahm er schließlich das Gespräch entgegen. Vor unseren Augen verwandelte sich sein Gesicht zu einer Maske in der Farbe von Rügenkreide. Der starke Mann ließ sich, aufmerksam lauschend, auf einen neben dem Telefon stehenden Hocker sinken und legte nach einem „Danke.“ auf.

Dann schlich er zu M. und blickte sie mit tränengefüllten Augen an, dann auch mich.

Mit brüchiger Stimme presste er heraus. „Wir müssen sofort nach Hause, Papa liegt im Krankenhaus. Er er er hatte ….“

Von einer Sekunde auf die andere waren wir drei in der Realität zurück. In einer kalten, ernüchternden bösen Realität, die tausendmal böser war als unser Spiel. Wie im Trance funktionierten wir. Wie ich den beiden helfen konnte, wusste ich nicht. Ich versuchte es, indem ich ihnen beim Packen half. Auf der Fahrt zum Erdbeerhof sprach niemand ein Wort. M. saß neben V. auf dem Beifahrersitz und sie drückten sich die Hände so fest, dass sich die Knöchel weiß abzeichneten. Ich saß hinten, meine zitternden Beine eng zusammengepresst, den Blick nicht von einer Laufmasche lassend, die dabei war, das teure Nichts auf meinem rechten Bein zu zerlegen. Auf dem Parkplatz angekommen, holte V. unsere Sachen aus dem Schließfach und drehte sich diskret weg, als ich mich in dem großen Auto umzog und äußerlich wieder zu der wurde, die vor nicht einmal sechs Stunden in Begleitung eines dezent elegant gekleideten Paares Mitte 40 den Eingang zum Erdbeerhof durchschritt.

 

18.04.2017 – Ein Ort in Nordrhein-Westfalen

Der Vater von V. hat seinen Schlaganfall gut überstanden, nach Aussage der behandelnden Ärzte aber nur, weil ihn seine Enkel gefunden und geistesgegenwärtig den Notarzt gerufen hatten. Hätten sie ihre Eltern an die Ostsee begleitet, wäre er nicht mehr am Leben …

 

Bewertung
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Kommentare

Toll geschrieben, und ich steh ja irgendwie auch auf diese Art von Demütigung, aber ich gebe nur 4 Sterne, weil das Ende echt gemein war. So, als hättest Du plötzlich keine Lust mehr hast gehabt.

Eine richtig witzige Geschichte! Wie gewohnt, bestens formuliert und gut zu lesen! Hoffe, es geht mit den anderen Texten bald weiter........

Liebe Nina,

ich glaube, das ist das Spannendste an Deiner Erzählung. Man ist gleich überzeugt, Du bist die Medizinerin, die im wohl situierten Leben mit weißem Kittel über glänzende Krankenhausflure eilt. Oder im Schlepptau die Kollegen, die Hand als Zeichen der Standeszugehörigkeit in der Kitteltasche, hangelst du Dich von einem, der sich gerade noch am Abgrund hält, zum nächsten. 

Wer wollte es Dir verdenken, dass Du ein Ventil brauchst, die Verantwortung, die die Menschheit auf Deine Schultern gelegt hat - und sei es auch nur für Stunden - einmal loszuwerden?

Vielleicht hast Du ein wenig dazu phantasiert, weil es weitaus spektakulärer ist, an einem Kreisverkehr in einen Hundekäfig zu kriechen, als - wie es vielleicht in Wirklichkeit war -  hinter einer halb die Sicht verdeckenden Hecke eines kleinen, abgelegenen Parkplatzes. Obwohl, ich finde: auch das wäre bereits atemberaubend genug gewesen. 

Im Grunde jedenfalls bin ich überzeugt: Es ist keine Geschichte, sondern eine Erzählung.

Magd-Alena

 

 

 

Hallo Nina

Ich würde gern eine Geschichte schreiben, die an Deine anschließt. Wäre das okay für Dich?

Für Deinen Schreibstil neidische Grüße aus Hamburg, Kathrin

 

.....danke für deine gute geschichte. ich habe leider nicht das talent so gut zu schreiben. dafür eben andere. ich habe auch keine guten phantasien und mir fehlt das devote. habe aber die abenteuerlust. nur sind meine phantasien ziemlich schräg und reale erlebnisse eben "grober Unfug" und lesen sich eher wie sportberichte. ich freue mich jedenfalls wieder bald mehr von dir zu lesen. bisous

Juliet

Wie alle bisher von mir gelesen Geschichten, die Nina verfasst hat, fand ich sie sehr gut.

Sie ist flüssig beschrieben, beschreibt gut die Situation und die Gefühlswelt, wenigstens der "Opfer".

Was ich etwas schade finde ist, dass sie so abrupt aufhören.  Warum hast du gerade jetzt dem Opa einen Schlaganfall erleiden lassen. Der hätte doch auch noch bis nach dem Wochenende warten können.

Auch bei deinen Fortsetzungsgeschichten gibt es plötzlich keine Fortsetzungen mehr.

Willst du nur die Fantasie der Leser anregen oder hast du Angst dir mehr zuzumuten. Deine Leser sind es gewohnt, die können das vertragen.