Die Geschichte der Justine oder die Nachteile der Tugend - Band 1/Teil 1

Megs ·Administrator·

I. Kapitel.
(Einleitung. – Justines erstes Abenteuer.)

Es wäre die Hauptaufgabe der Philosophie, die Mittel aufzudecken, deren sich das Schicksal zur Erreichung seiner Zwecke bedient. Dann müßte sie diesem unglückseligen zweifüßigen Wesen Verhaltungsmaßregeln für seinen dornenvollen Lebensweg aufzeichnen, damit es nicht von den bizarren Launen dieses Schicksals – das man bald Bestimmung, bald Gott oder Vorsehung, dann wieder Zufall oder Vorausbestimmung genannt hat – abhängig sei.

So sehr wir auch durchtränkt sind von einer unnützen, lächerlichen und abergläubischen Ehrfurcht für unsere unsinnigen gesellschaftlichen Gebräuche, wird es doch vorkommen, daß Leute, die entweder grundsätzlich oder aus Neigung oder aus Temperament lasterhaft sind, glauben, daß es besser ist, sich dem Laster hinzugeben, als sich ihm zu widersetzen: Denn wie oft sehen sie nicht, daß Bösewichte für ihre Missetaten nur süßen Lohn ernten?

Werden sie nicht mit einiger Berechtigung sagen, daß die Tugend, so schön sie sein mag, der schlechteste Teil ist, denn man ergreifen kann, wenn sie zu schwach ist, um gegen das Laster anzukämpfen und daß in einem so verderbtem Zeitalter, wie das unsere ist, das Beste darin besteht, so wie die Anderen zu handeln? Bei mehr philosophischer Betrachtung könnten sie auch mit dem Engel Zesrad de Zadig sagen, daß es nichts Böses gibt, aus dem nicht Gutes entstünde und daß sie sich demnach dem Bösen so viel hingeben könnten, wie sie wollten, da das in Wirklichkeit nur eine Form ist, Gutes zu tun? Werden sie nicht hinzufügen, daß, wenn die Tugend vom Unglück verfolgt wird, das Laster gedeiht und beides in den Absichten der Natur liegt, es unendlich besser ist, mit den Bösewichtern zu gehen, die begünstigt sind, als mit den Tugendhaften, die zugrunde gehen.

Um diese Anschauung zu unterstützen – ein längeres Verschleiern ist unnütz – wollen wir der Oeffentlichkeit die Geschichte der tugendhaften Justine berichten. Es handelt sich darum, daß die Dummköpfe endlich aufhören, jenes lächerliche Götzenbild der Tugend anzubeten, das sie nur mit Undankbarkeit belohnt und daß Leute mit Verstand sich umso sicherer fühlen, wenn sie die verblüffenden Beispiele von Glück und Wohlfahrt sehen, die das Laster und die Ausschweifung fast mit unumstößlicher Gewißheit begleiten. Es ist zweifellos peinlich, einerseits die schrecklichen Unglücksfälle schildern zu müssen, von denen die sanfte und empfindsame Frau überhäuft wird, die aufs Beste der Tugend gehorcht und anderer seits zeigen zu müssen, wie die Leute glücklich sind, die diese selbe Frau quälen und zu Tode hetzen. Aber der Schriftsteller, der genug Philosoph ist, um die Wahrheit sagen zu können, steht über diesen Unannehmlichkeiten und durch die Notwendigkeit zur Grausamkeit gezwungen, reißt er mit unbarmherziger Hand die abergläubischen Hüllen herab, mit denen die Dummheit die Tugend verschönern will, und zeigt dem unwissenden Mann, den man betrog, das Laster inmitten der Reize und Genüsse, die ihm ununterbrochen folgen.

Solche Empfindungen werden diese Schrift leiten. Und aus diesen Gründen werden wir mit der zynischesten Sprache, den unsittlichsten und gottlosesten Ideen das Verbrechen beschreiben, wie es ist, das heißt, stets triumphierend, immer zufrieden und beglückt und die Tugend wird man gleicherweise immer unglücklich, bekümmert und gepeinigt sehen.

*

Juliette und Justine, beide Töchter eines sehr reichen Pariser Banquiers, wurden bis zu ihrem vierzehnten, beziehungsweise fünfzehnten Lebensjahr in einem der berühmtesten Stifte von Paris erzogen. Dort wurde ihnen kein Ratschlag, kein Buch, keine Unterweisung vorbehalten, und sowohl die Sittlichkeit, wie die Religion und die freien Begabungen schienen jedes der jungen Mädchen für sich ausgebildet zu haben.

Zu dieser für die Tugend der beiden jungen Mädchen sehr bedrohlichen Zeit kam es, daß ihnen eines Tages plötzlich Alles fehlte. Ein vollständiger Bankerott brachte ihren Vater in eine so peinvolle Lage, daß er an dem Kummer starb. Seine Frau folgte ihm einige Monate nachher nach.

Zwei gleichgültige entfernte Verwandte berieten, was mit den jungen Waisen geschehen sollte. Ihre Erbschaft betrug, da Alles von den Gläubigern verschlungen worden war, 100 Taler für jede. Da sich niemand um sie weiter kümmern wollte, öffnete man ihnen die Pforten des Klosters und ließ ihnen die Wahl, zu werden, was sie wollten.

Die lebhafte, sehr hübsche, eitle und verdorbene ältere Juliette schien nur erfreut zu sein, nicht mehr in einem Kloster vegetieren zu müssen, ohne an die Ursachen zu denken, während die harmlosere, interessantere, vierzehnjährige Justine, die von der Natur einen düsteren und romantischen Charakter erhalten hatte, mehr das Furchtbare ihres Geschickes empfand.

Dieses junge, so vielseitig begabte Mädchen besaß die Schönheit jener wundervollen Jungfrauen Raphaels. Große braune, seelenvolle Augen, eine weiche, schmelzartige Hand, eine zarte und biegsame Taille, runde und von der Liebesgöttin selbst gezeichnete Formen, eine bezaubernde Stimme und neben einem entzückenden Munde waren die schönsten Haare der Welt ihr eigen, deren Reize weit über dem standen, was die Feder leblos beschreiben kann.

Der Leser möge sich Alles vorstellen, was seine Phantasie an Verführerischem sich andeuten kann, und es wird hinter der Wirklichkeit zurückbleiben.

Man hatte beiden vierundzwanzig Stunden Frist zum Verlassen des Stiftes gegeben. Juliette war bemüht, die Tränen Justinens zu stillen. Als sie ah, daß ihr das nicht gelang, begann sie, sie auszuzanken, statt sie zu trösten. Sie warf ihr ihre Empfindlichkeit vor. Sie sagte mit weit über ihren Jahren stehenden Gedanken, daß man über nichts in dieser Welt bestürzt sein solle und daß man in sich genug starke physische Erregungen finden könnte, um solche Angriffe abzuschlagen. Daß die wahre Klugheit darin bestände, die Zahl seiner Freuden und nicht die seiner Leiden zu vermehren. Mit einem Wort, daß man nichts unterlassen dürfe, um in sich jene niederträchtige Empfindsamkeit zu ertöten, aus der bloß die Anderen Nutzen zögen, während sie uns nur Sorgen eintrüge.

»Ich,« sagte sie, indem sie sich vor den Augen ihrer Schwester auf ein Bett warf und die Röcke bis über den Nabel emporhob, »so mache ich es, wenn ich Kummer habe. Ich kitzle mich ... ich entlade und das tröstet mich.«

Der anständigen und tugendhaften Justine war diese Handlung ein Greuel. Sie wandte die Augen ab, und Juliette fuhr fort, indem sie ihr hübsches, kleines Löchelchen weiter rieb:

»Justine, du bist dumm. Du bist schöner als ich, trotzdem werde ich immer die glücklichere sein.« Nun fing die Hure an zu stöhnen und ihre junge Samenflüssigkeit, die vor den gesenkten Augen der Tugend ausgespritzt wurde, ließ die Tränen versiegen, die sie anders vielleicht ebenso wie ihre Schwester vergossen hätte.

»Du bist toll, daß du dir Sorgen machst,« fuhr dieses wollüstige Mädchen fort, indem sie sich neben Justine setzte. »Bei der Gestalt und dem Alter, das wir beide haben, ist es unmöglich, daß wir vor Hunger umkommen.« Bei dieser Gelegenheit machte sie sie auf die Tochter einer ihrer Nachbarinnen aufmerksam, die, nachdem sie aus dem Elternhaus entwichen war, heute mit glänzenden Mitteln ausgehalten wurde und zweifellos viel glücklicher war, wie wenn sie in dem Schoß der Familie geblieben wäre. »Man muß sich wohl hüten, zu glauben,« fügte sie hinzu, »daß die Heirat ein Mädchen glücklich macht. Wenn sie einmal am Altar Hymens gefesselt wurde, hat sie neben vielen Unannehmlichkeiten bloß eine sehr kleine Menge Vergnügen zu erwarten; während sie, wenn sie sich dem freien Leben hingibt, sich immer vor den Gewalttätigkeiten ihres Liebhabers beschützen oder sich durch die große Zahl trösten kann.« Bei dieser Rede schauderte Justine. »Eher würde ich den Tod vorziehen,« sagte sie und soviel ihr auch ihre Schwester vorhalten mochte, sie weigerte sich hartnäckig mit ihr zusammen zu wohnen, wenn sie sich einer Lebensführung zuwenden würde, die ihr ein Greuel war.

So trennten sich also die beiden jungen Mädchen, ohne ein Wiedersehen zu besprechen. Hätte Juliette, die eine große Dame werden sollte, ein kleines Mädchen empfangen sollen, deren tugendhafte Neigungen ihr Schande gemacht hätten; und andererseits hätte Justine sich in die Gefahr begeben sollen, ihre Sitten durch die Gesellschaft eines perversen Gechöpfes verderben zu lasen, das sich der öffentlichen Lust in die Arme warf?

Wenn der Leser gestattet, verlassen wir jetzt auf einige Zeit dieses kleine wollüstige Mädchen, damit wir ausführlich die Lebensgeschichte unserer keuschen Heroine erzählen können.

Man kann leicht sagen: Es muß ein wenig Tugend in der Welt geben; und es ist für einen Biographen1 viel angenehmer, an dem Helden, den er beschreibt, Züge von Reinheit und Wohltätigkeit zu zeigen, als den Geist ununterbrochen auf Ausschweifungen und Grausamkeiten richten zu müssen, wie der es tun muß, der in der Folge dieses Werkes die sehr skandalöse und ausschweifende Geschichte der schamlosen Juliette ausbreitet.

Justine hatte seit ihrer Kindheit eine mütterliche Freundin an der Schneiderin ihrer Mutter und so glaubte sie, daß sie auch jetzt für ihr Mißgeschick empfänglich sein würde. Sie suchte sie auf, teilte ihr ihr Unglück mit und verlangte von ihr Arbeit. Aber man wollte sie kaum erkennen und schickte sie mit rauhen Worten fort.

»Himmel,« sagte dieses arme Geschöpf, »müssen schon die ersten Schritte, die ich in der Welt mache, von Kummer begleitet sein! Diese Frau liebte mich früher, warum stößt sie mich heute zurück? Ach! Ich bin ja jetzt eine Waise und arm, ich habe keine Unterstützung mehr auf Erden und man liebt nur Leute, von denen man hofft, Annehmlichkeiten zu empfangen.«

In Tränen gebadet, wendet sich Justine an ihren Beichtvater und schildert ihm ihre Lage mit der Leidenschaft ihres Alters. Sie war weiß gekleidet, ihre Haare waren nachlässig in ein großes Tuch eingeschlagen. Ihre zart entwickelte Brust blieb dem Auge des Lüstlings durch einen doppelten Gazeschleier verborgen. Ihr hübsches Gesicht war bleich durch die Aufregung und Tränen standen ihr in den Augen, was ihr Gesicht noch interessanter machte. Man konnte unmöglich schöner sein.

»Sie sehen mich, mein Herr,« sagte sie zu dem heiligen Kirchenmann, »in einer Lage, die für ein junges Mädchen fürchterlich ist. Ich habe Vater und Mutter verloren. Der Himmel hat sie mir in einem Alter entführt, indem ich ihre Hilfe am meisten benötigt hätte. Sie sind als zugrunde gegangene Leute gestorben. Ich besitze nichts mehr. Das ist Alles, was sie mir hinterlassen haben,« fuhr sie fort, indem sie ihm 12 Louis zeigte, »ich besitze kein Plätzchen auf dem ich mein armes Haupt ausruhen könnte. Sie werden mit mir Mitleid haben, nicht wahr? Sie sind ein Diener der Religion und die Religion ist der Schoß aller Tugenden. Im Namen Gottes, den ich mit allen Kräften meiner Seele liebe, im Namen des höchsten Wesens, dessen Werkzeug Sie sind, sagen Sie mir als mein zweiter Vater, was ich tun soll, was ich werden soll?« Der barmherzige Priester erwiderte darauf, indem er Justine durch sein Glas betrachtete, daß die Pfarre sehr überlastet wäre, so daß es schwierig sei, neue Almosen von ihr zu erhalten; aber wenn Justine ihn bedienen wolle, wenn sie die grobe Arbeit verrichten wolle, gäbe es immer ein Stück Brot für sie in seiner Küche. Und da der Gottesmann bei diesen Worten ihr sachte die Röcke über ihren Popo zusammengezogen hatte, um sie besser betrachten zu können, stieß ihn Justine, die seine Absichten erriet, zurück, indem sie sagte:

»Mein Herr, ich verlange weder ein Almosen noch eine Stelle als Dienerin. Ich wünschte Ratschläge, weil ich ihrer bei meiner Jugend und meinem Unglücke bedarf, aber Sie wollen Sie mir zu teuer erkaufen lassen.« Der Diener Christi, der sich schämte, durchschaut zu sein, erhob sich wütend. Er rief seine Nichte und seine Magd: »Jagen Sie mir diese kleine Schurkin hinaus,« rief er ihnen zu, »Sie werden nicht erraten, was sie mir soeben vorschlug. So verdorben schon und noch so jung! Und das einem Manne, wie ich es bin! ... Hinaus mit ihr, hinaus oder ich lasse sie verhaften!« Und die Unglückliche, Verstoßene und Beschimpfte sah sich gezwungen, ein kleines möbliertes Zimmer im fünften Stock zu mieten, um ihren Tränen freien Lauf lassen zu können. Sie bezahlte es im voraus und gab sich nun ganz ihrem Kummer hin, der umso bitterer war, als sie von Natur aus sehr empfindlich und ihr Stolz grausam beleidigt worden war.

Aber damit waren für sie die Schicksalsschläge noch nicht zu Ende. Es gibt eine Unmenge von Verbrechern in der Welt, die, statt über das Unglück eines anständigen Mädchens, weich zu werden, nur danach trachten, sie weiter zu peinigen, um sie so besser in der Gewalt zu haben. Aber von allen Unglücksfällen fällen, die ihr am Anfang ihrer Laufbahn zustießen, wollen wir nur den mit Dubourg berichten, einem der herzlosesten und reichsten Leute der Hauptstadt.

Die Frau, bei der Justine wohnte, hatte sie zu ihm geschickt, als zu jemandem, deren Einfluß und dessen Reichtum am ehesten die Grausamkeit ihres Geschickes mildern könnten. Nachdem sie lange im Vorzimmer gewartet hatte, führte man sie endlich hinein. Herr Dubourg, ein dicker, untersetzter und gleich allen Geldleuten unverschämter Mann, stieg eben, mit einem Morgenrocke dürftig bekleidet, aus dem Bett. Man wollte ihn gerade frisieren. Er schickte seine Umgebung hinaus und wandte sich zu dem jungen Mädchen: »Womit kann ich Ihnen dienen, mein Kind?« fragte er sie. »Mein Herr,« erwiderte ihm unsere Kleine, ganz verwirrt, »ich bin eine arme Waise, kaum vierzehn Jahre alt und kenne schon alle Abarten des Mißgeschickes. Ich flehe Ihr Mitleid an. Helfen Sie mir, ich beschwöre Sie.« Und sie zählte mit Tränen in den Augen dem alten Verbrecher alle Leiden auf, von denen sie heimgesucht war, welche Schwierigkeiten es habe, eine Stellung zu finden und welchen Abscheu sie von diesen Stand habe, für den sie nicht geboren sei. Sie schilderte die Furcht, die sie vor der Zukunft habe und stammelte schließlich, daß sie hoffe, ein so reicher und verehrungswürdiger Mann wie Herr Dubourg werde ihr zweifellos die Existenzmittel verschaffen.

Dubourg hätte man während dieser Rede malen müssen. Da er sich für das junge Mädchen zu erhitzen begann, kitzelte er sich mit der einen Hand unter seinem Schlafrock, mit der anderen richtete er eine Lorgnette auf die sich ihm darbietenden Reize. Wenn man ihn genau beobachtete, konnte man die Grade seiner Geilheit an den Zuckungen der Gesichtsmuskeln wahrnehmen, die immer stattfanden, wenn die pathetischen Klagen Justinens lauter oder schwächer wurden.

Dieser Dubourg war ein ausgemachter Lüstling, ein Liebhaber von kleinen Mädchen, und hatte in allen Himmelsrichtungen Frauen, die ihm solches Wild zuführten. Da er nicht imstande war, sich an ihnen zu befriedigen, so richtete er sein Augenmerk gewöhnlich auf eine ebenso grausame wie seltsame Liebhaberei. Seine einzige Leidenschaft bestand nämlich darin, die Kinder, die man ihm zuführte, weinen zu sehen. Und man muß sagen, niemand auf der Welt besaß ein solches Talent, sie in diesen Zustand zu bringen, wie er. Dieser unglückselige Schuft hatte so viel Bösartigkeit in sich, daß es unmöglich für ein junges Mädchen war, sich vor seinen Ausfällen zu schützen. Die Tränen flossen dann reichlich und der überselige Dubourg fügte noch rasch einige materielle Schmerzen zu den moralischen, die er eben hervorgerufen hatte. Die Tränen rannen dann noch heftiger, wobei er entlud, indem er das Gesicht mit Küssen bedeckte, das seine Reden unter Tränen gesetzt hatte:

»Sind Sie immer anständig geblieben?« fragte Dubourg und ging damit auf sein Ziel los. – »Ach, mein Herr,« erwiderte Justine, »ich wäre nicht so arm und in so bedrängter Lage, wenn ich es nicht immer gewesen wäre.« – »Also unter welchem Vorwand verlangen Sie, daß reiche Leute Sie unterstützen, wenn Sie ihnen keinerlei Dienst erweisen?« – »O, mein Herr, ich verlange ja nach nichts Besserem, als ihnen alle Dienste erweisen zu können, die die Schicklichkeit und meine Jugend mir gestatten.« – »Ich spreche nicht davon, daß Sie mir dienen sollen: dazu fehlt Ihnen das Alter und die Gestalt. Ich spreche davon, daß Sie dem Vergnügen der Männer entgegenkommen sollen. Jene Tugend, von der Sie so viel Aufhebens machen, taugt in der Welt zu nichts. Man schätzt heutzutage nur das, mein Kind, was etwas einbringt oder was ergötzt. Und welchem Nutzen oder welchen Genuß kann uns die Tugend einer Frau einbringen? Ihre Geilheit gefällt und erfreut uns, aber ihre Keuschheit langweilt uns. Wenn Leute meiner Art etwas hingeben, so geschieht es nur, um wieder zu erhalten. Und wie kann ein kleines, ziemlich häßliches und auch ziemlich dummes Mädchen, wie Sie es sind, anders lohnen, als daß sie sich ganz hergibt? Also vorwärts, hinauf mit den Röcken, wenn Sie wollen, daß ich Ihnen Geld gebe.« Und Dubourg streckte seinen Arm aus, um Justine zwischen seine Beine zu ziehen. Aber sie flüchtete nach rückwärts, indem sie unter Tränen ausrief: »O, mein Herr, es gibt also keine Redlichkeit und keine Wohltätigkeit unter den Menschen?«

»Bei Gott, sehr wenig,« erwiderte Dubourg, dessen geile Zuckungen angesichts der Tränen zunahmen. »Man ist von diesem Wahn, sich andere ohne Gegenleistung zu verpflichten, abgekommen. Man hat erkannt, daß die Freude der Wohltätigkeit nur die Wollust des Stolzes ist und man will jetzt tatsächlichere Genüsse haben. Der Ruf eines liberalen, freigebigen Mannes wiegt nicht, so glänzend er immer sein mag, die kleinste Sinneslust auf.« – »Ah, mein Herr, bei solchen Grundsätzen muß also der Unglückliche umkommen?« – »Was liegt daran! Es gibt mehr Wesen auf der Welt, als nötig sind.« – »So wäre es also besser, wenn man uns in der Wiege erwürgt hätte?« – »Sicherlich, das ist in vielen Ländern Brauch. Das war Sitte bei den Griechen und ist es bei den Chinesen. Dort werden die unglücklichen Kinder ausgesetzt oder getötet. Wozu Geschöpfe, wie Sie es sind, leben lassen, die, da sie nicht mehr auf Unterstützung seitens ihrer Eltern rechnen können oder weil sie keine mehr haben, bloß dem Staat zur Last fallen? Bastarde, Waisenkinder, schlecht versorgte Kinder müßten schon bei ihrer Geburt zum Tode verurteilt werden. Die ersten und zweiten weil sie die Gesellschaft beschmutzen und ihr eines Tages sogar verhängnisvoll werden können, und die lezteren, weil sie ihr niemals nützlich werden können. Alle sind sie für die Gesellschaft Auswüchse, die sich von den gesunden Gliedern nähren, sie entkräften und erniedrigen. Sie sind wie jene Parasiten, die sich an die gesunden Pflanzen anheften und ihnen die Lebenssäfte heraussaugen. Das Almosen, das einem solchen Abschaum Nahrung zuführt, und jene reich unterstützten Häuser, die man für sie gebaut hat, sind ein schreiender Mißbrauch. Wie wenn die Menschenart so selten wäre! So wertvoll, daß mann sie selbst in ihren scheußlichsten Vertretern pflegen müßte. Mit einem Wort, wie wenn es nicht mehr Menschen auf der Welt gäbe, als nötig ist und wie wenn es nicht für das Staatsleben und die Natur viel nötiger wäre, zu zerstören als zu erhalten.«

Hier zeigte ihr Dubourg, indem er den Rock, der seine Bewegungen verdeckte, auseinanderschlug, daß sich sein kleines, schwarzes, vertrocknetes Glied, das seine Hand seit langem bearbeitete, zu regen begann. »Vorwärts,« rief er jetzt in rohem Ton, »vorwärts, hören wir auf, weiter zu schwätzen und beklage dich nicht länger über dein Schicksal, wenn es in deiner Hand liegt, es zu verbesern.« – »Aber um welchen Preis, gerechter Gott!« – »Um einen äußerst mäßigen, da es sich nur darum handelt, daß du die Röcke aufhebst und mir zeigst, was unter ihnen ist. Ein zweifellos magerer Köder, den du nicht so hoch schätzen solltest. Vorwärts, entscheide dich. Mir steht er. Ich will Fleisch sehen. Man zeige mir sofort welches oder ich werde böse.« – »Aber, mein Herr ...« – »Dummes Geschöpf, stumpfsinnige Hure, glaubst du, daß ich mit dir mehr Umstände machen werde, wie mit den anderen!« Dabei erhob er sich wütend, verriegelte die Türe und sprang auf Justine, deren Tränen reichlich flossen. Der Lüstling küsst sie ihr weg, er verschluckt diese wertvollen Tränen. Dann schürzt er ihr selbst mit einer Hand die Röcke auf, legt sie um ihre Arme, während die andere das zum erstenmale beschmutzt, was die Natur selten noch so vollendet geschaffen hat.

»Abscheulicher Mann!« schrie Justine, indem sie eine verzweifelte Bewegung zu entschlüpfen machte. »Grausamer Mann,« fuhr sie fort, indem sie die Türe aufriegelte und flüchtete, »möge der Himmel dich eines Tages strafen, wie du es verdienst! Du bist weder des Reichtums würdig, von dem du einen so niederträchtigen Gebrauch machst, noch der Luft, die du atmest, um sie durch deine Grausamkeit und deine Verbrechen zu verpesten.« Dann ging sie hinaus.

Sobald die Unglückliche nach Hause zurückgekehrt war, wußte sie nichts Wichtigeres zu tun, als sich bei ihrer Wirtin über die Aufnahme zu beklagen, die man ihr bei dem anempfohlenen Manne hatte zuteil werden lassen. Aber wir war sie erstaunt, als sie sich von die ser Elenden mit Vorwürfen überhäuft sah. »Armseliges dumme Ding,« sagte sie ihr zornig, »glaubst du, daß die Männer so verrückt sind, kleinen Bettlerinnen, wie du es bist, Almosen zu geben, ohne Vorteil aus ihrem Gelde zu ziehen? Herr Dubourg hat noch zu gut an dir gehandelt. Der Teufel soll mich holen, wenn ich dich an seiner Stelle hinausgelassen hätte, ohne mich befriedigt zu haben. Aber da du von der Hilfe, die dir mein Wohltätigkeitssinn anbot, keinen Gebrauch machen willst, richte dich ein, wie es dir paßt. Du bist mir Geld schuldig: zahle sogleich oder du wanderst morgen ins Gefängnis.« – »Madame, haben Sie Mitleid!« – »Ja, ja, Mitleid. Mit Mitleid kommt man vor Hunger um. Von 500 kleinen Mädchen, die ich diesem anständigen Manne verschafft habe, bist du die erste, die mir einen solchen Streich gespielt hat. Welche Schande für mich. Dieser so anständige Mann wird sagen, daß ich meinen Beruf nicht verstehe und er hat Recht. Vorwärts, mein Fräulein, Sie müssen zu Herrn Dubourg zurückgehen. Sie müssen ihn zufriedenstellen, müssen mir Geld mitbringen. Ich werde mit ihm sprechen, ihn vorbereiten und versöhnen, soviel ich kann. Ich werde ihm Ihre Entschuldigung übermitteln, aber trachten Sie danach, sich das nächstemal besser zu betragen.«

Justine saß nun allein da und hing den traurigsten Gedanken nach. »Nein,« sagte sie zu sich, »nein, ich werde gewiß nicht zu diesem Lüstling zurückgehen. Ich bin noch nicht aller Hilfsquellen beraubt, ich besitze fast noch mein ganzes Geld und das genügt für lange Zeit zum Leben. Ich werde vielleicht bis dahin weniger harte, mitleidigere Herzen finden.« Indem sie diese Worte vor sich hinsprach, war ihr erster Gedanke, ihren kleinen Schatz zu zählen. Sie öffnete die Schublade .... »O! Himmel! Er ist gestohlen ...« Es blieb ihr nur das, was sie in der Tasche hatte, was kaum 6 Pfund waren. »Ich bin verloren,« rief sie aus. »Ah, ich sehe nur zu gut, woher der Streich kommt. Dieses niederträchtige Geschöpf will mich dazu zwingen, mich in den Schoß des Lasters zu werfen. Aber ach,« fuhr sie unter Tränen fort, »bleibt mir noch ein anderes Mittel, damit ich mein Leben fristen kann? Und sind nicht in der peinvollen Lage, in der ich mich befinde, jener Unselige oder jemand noch Bösartigerer die einzigen Wesen, von denen ich überhaupt Hilfe erwarten kann?«

In ihrer Verzweiflung ging Justine zu ihrer Wirtin hinab. »Madame,« sagte sie, »ich bin bestohlen. Bei Ihnen ist mir dieser böse Streich geschehen, aus einem Möbelstück, das Ihnen gehört, ist dieses Geld geraubt worden. Ach! Es war alles, was ich besaß. Es war der unglückselige Rest meiner väterlichen Erbschaft. Da ich dieser schwachen Hilfe beraubt bin, bleibt mir nichts als der Tod. O, Madame, töten Sie mich, ich beschwöre Sie.« – »Unverschämte Kleine!« erwiderte heftig Madame Desroches. »Ehe Sie mir solche Klagen vortragen, sollten Sie mein Haus besser kennen; Sie müssen wissen, daß es bei der Polizei in sehr guten Ruf steht und daß ich Sie auf den bloßen Argwohn hin, den Sie geäußert haben, sogleich bestrafen lassen könnte, wenn ich wollte.« – »Argwohn, Madame? Ich habe keinen. Aus dem, was ich sage, spricht kein Verdacht, sondern Kummer. O, Madame, was soll aus mir werden, nachdem ich diese einzige Hilfsquelle verloren habe?« – »Werdet, was Ihr wollt, das geht mich nichts an. Es gäbe wohl Mittel, alles wieder gut zu machen, aber Sie wollen sie ja nicht benützen.« – »Aber, Madame, ich kann dienen,« erwiderte die Unglückselige mit tränenden Augen, »es ist doch nicht gesagt, daß dem Unglück nur durch das Laster aufgeholfen werden kann.« – »O ja! Das ist heutzutage das beste. Was wollen Sie im Dienst erhalten? 10 Taler im Jahr? Wollen Sie davon leben? O! glauben Sie mir, meine Freundin, auch diejenigen, die dienen, sind genötigt, zur Wollust Zuflucht zu nehmen, um sich erhalten zu können. Ich liefere jeden Tag welche von der Art. Ich bin, wie ich wohl behaupten kann, eine der besten Kupplerinnen in Paris. Es gibt keinen Tag, an welchem mir nicht 25 bis 30 Mädchen durch die Hände gehen. Das bringt mir auch etwas ein. Weiß Gott! Ich bin überzeugt, daß keine Frau meines Standes so gute Geschäfte macht, wie ich. Sehen Sie,« fuhr sie fort, indem sie der Unglücklichen 500 oder 600 Louis, für ebensoviel Juwelen und den schönsten Wäsche- und Kleiderschrank zeigte, nur der Wollust, vor der Sie so erschrecken, verdanke ich das. Teufel, es gibt heutzutage nur mehr diesen Beruf. Glauben Sie mir, schlagen Sie diesen Weg ein. Und dann ist dieser Dubourg ein braver Mann: »Er wird sie wenigstens nicht entjungfern. Er bringt sein Glied nicht mehr zum Stehen, wie wollen Sie, daß er fickt? Einige schwache Schläge auf den Popo und ein paar auf die Wangen. Und wenn Sie sich, gut bei ihm betragen, werde ich Sie mit anderen Männern bekannt machen, die Sie, bei Ihrem Alter und Ihrem Wuchs, in den Stand setzen werden, in Paris in der Karosse herumzufahren.« – »Ich habe keine so hohen Absichten, Madame,« erwiderte Justine, »ich will kein Vermögen besitzen, namentlich, wenn ich es um den Preis meiner Ehre erkaufen muß. Ich verlange nur leben zu können; und ich biete dem, der mir das gibt, alle Dienste an, die ich mit meinem Alter leisten kann, abgesehen davon, daß ich ihm aufrichtig dankbar sein werde. Ach, Madame, da Sie so reich sind, fühlen Sie doch Mitleid mit mir. Ich erbitte ja nicht, daß Sie mir ebensoviel leihen, wie ich bei Ihnen verloren habe. Geben Sie mir nur einen Louis, bis ich einen Platz gefunden habe. Seien Sie versichert, ich werde ihn zurückgeben, gleich von dem ersten Gelde, das ich verdienen werde.« – »Ich gebe dir keine zwei Sous,« sagte Madame Desroches, sehr erfreut, ihr Opfer da zu sehen, wohin ihre Niedertracht es bringen wollte, »nein, keine zwei Sous. Ich biete dir das Mittel an zu verdienen, benütze es oder du kommst ins Hospital. Herr Dubourg ist einer der Verwalter dieses Hauses und es wird ihm leicht fallen, dich hineinstecken zu lassen. Guten Tag, meine Freundin,« fuhr die grausame Desroches zu einem großen und hübschen Mädchen gewandt fort, die zweifellos wegen eines Ratschlages gekommen war, »und dir, meine Tochter, auf Wiedersehen! Morgen Geld oder Gefängnis.« – »Nun, Madame,« sagte weinend Justine, »suchen Sie Herrn Dubourg auf; ich will nochmals zu ihm hingehen, ja, ich will hingehen, mein Unglück gebietet es mir. Aber indem ich mich vor dem Schicksal beuge, müssen Sie, Madame, daran denken, daß mir wenigstens das Recht bleibt, Sie zu verachten.« – »Unverschämtes Geschöpf!« rief die Desroches aus, indem sie die Tür hinter ihr zuwarf, »du würdest verdienen, daß ich mich in deine Angelegenheiten nicht länger einmischte. Aber ich tue es ja nicht für dich, so sind mir auch deine Gefühle gleichgültig.«

Es wäre vergeblich, die qualvolle Nacht beschreiben zu wollen, die Justine verbrachte. Sie hatte die Grundsätze der Religion, der Scham und der Tugend sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen und konnte sich von ihnen nicht ohne heftige Kämpfe trennen. Die traurigsten Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf, als es heftig an der Türe klopfte.

»Komm, Justine!« sagte Madame Desroches kurz, »komm zum Frühstück und danke mir für meine Botschaft. Ich habe Erfolg gehabt. Herr Dubourg ist infolge des Versprechens, das ich ihm bezüglich deiner Unterwürfigkeit gemacht habe, bereit, dich wiederzusehen.« – »Aber, Madame ...« – »Vorwärts, sei nicht kindisch. Die Chokolade wartet, folge mir nach.« Justine stieg hinunter und fand beim Frühstück als dritte Person eine sehr schöne, ungefähr 28jährige Frau. Diese geistvolle, aber verderbte und ebenso reiche wie liebenswürdige Frau wird, wie wir bald sehen werden, diejenige sein, deren sich Dubourg bedienen wird, um unser liebenswürdiges Kind vollends umzustimmen. Man frühstückte. »Sie ist ein reizendes Mädchen,« sagte Madame Delmouse, »ich beglückwünsche denjenigen aufrichtig, der so glücklich sein wird, sie zu besitzen.« – »Sie sind sehr gut, Madame,« erwiderte traurig Justine. – »Nun, nun, mein Herzchen, erröten Sie nicht so. Die Scham ist eine Kinderei, die man sorgfältig entfernen muß, sobald man das vernünftige Alter erreicht hat.« – »O! Ich bitte Sie, Madame,« sagte die Desroches, »bilden Sie dieses kleine Mädchen ein wenig aus. Sie glaubt sich verkauft und verraten, weil ich sie einem Manne versprochen habe.« – »Ah, guter Gott! welche Verirrung,« fuhr Madame Delmouse fort, »statt sich gegen diesen Gang zu sträuben, müssen Sie im Gegenteil eine unendliche Dankbarkeit für die fassen, die Sie dazu einladet. Welch falscher Gedankengang, teures Mädchen. Nehmen Sie doch Vernunft an. Wie können Sie glauben, daß sich ein junges Mädchen etwas vergibt, wenn sie sich dem hingibt, der sie begehrt. Sobald sich die Leidenschaften in Ihrer Seele entzünden werden, werden Sie einsehen, daß es für uns unmöglich ist, so zu leben. Wie will man, daß eine Frau, die immer der Verführung ausgesetzt ist, dem Zauber des Genusses, der sich immer ihren Sinnen darbietet, widerstehen soll? Und wie kann man ein Verbrechen daraus machen, wenn sie unterliegt, wenn alles, was sie umgibt, Blumen über den Abgrund streut, und sie einladet, sich hineinzustürzen? Täuschen Sie sich nicht, Justine, nicht die Tugend verlangt man von uns, sondern ihre Maske, und wenn wir nur heucheln können, mehr verlangt man nicht von uns. Nicht das Opfer, das man mit seinen Sinnen der Tugend bringt, macht glücklich, was zum wahren Glück führt, ist nur der Anschein jener Tugend, zu der die lächerlichen Vorurteile des Mannes unser Geschlecht verdammt haben. Ich könnte mich dir als Beispiel vorführen, Justine. Ich bin seit 14 Jahren verheiratet. Niemals noch habe ich das Vertrauen meines Gatten verloren. Er würde meine Anständigkeit und meine Tugend bei seinem Leben beeiden. Und doch gibt es in ganz Paris keine verderbtere Frau, wie ich es bin. Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht 7–8 Männern und gewöhnlich dreien gleichzeitig, hingebe. Es gibt keine Kupplerin, die mich nicht bedienen würde, keinen hübschen Mann, der mich nicht gehabt hätte: Und mein Gatte würde dir auf Wunsch schwören, daß Vesta weniger rein war, wie ich. Die vollkommenste Geistesgegenwart, die vollendetste Heuchelei, viel Kunstfertigkeit und Falschheit, das sind die Mittel, die mir helfen, das ist die Maske, die mir die Klugheit auf die Stirne drückt. Und ich tue das jedermann gegenüber. Ich bin eine Hure wie Messaline, man glaubt mich keusch wie Lucretia; ein Freigeist wie Vanini; man hält mich für fromm wie die heilige Therese; ich bin falsch wie Tiberius; man hält mich für aufrichtig wie Sokrates; leidenschaftslos wie Diogenes: und Apicius war temperamentvoller wie ich. Ich bete mit einem Wort alle Laster an und hasse jede Tugend. Aber wenn Du meinen Gatten oder meine Familie befragen würdest, würde man Dir sagen: Die Delmouse ist ein Engel. Aber ich sehe, es ist die Prostitution, die Dir Angst einjagt; nun so wollen wir ihre Gefährlichkeit nach jeder Richtung hin prüfen.

Fügt sich ein junges Mädchen selbst Schaden zu, wenn sie der Wollust lebt? Zweifellos nein; denn sie folgt nur den süßesten Regungen der Natur, die nicht da sein würden, wenn sie ihr schaden könnten. Hat sie denn nicht in jede Frau den Wunsch hineingelegt, sich jedem Manne hinzugeben, und gibt es eine einzige Frau, die behaupten kann, sie habe nicht das Bedürfnis, zu ficken, wie sie das Bedürfnis zu essen oder zu trinken hat? Nun so frage ich Dich, Justine, wie hat die Natur ein Verbrechen daraus machen können, wenn eine Frau den Wünschen nachgibt, die den erhebendsten Teil ihrer Existenz bilden. Betrachten wir aber das ausschweifende Leben eines Wesens in Bezug auf die Gesellschaft, so glaube ich, daß es schwerlich für das andere Geschlecht eine Handlung gibt, die ihm angenehmer ist, als wenn eine Frau sich hingibt. Und wo käme dieses Geschlecht hin, wenn sich Alle weigern würden, seinen Begierden nachzukommen. Da die Männer gezwungen wären, sich zu kitzeln oder einander von hinten zu, bearbeiten, würden sie ganz auf den Verkehr mit uns verzichten. Die Ehe kann da nichts nützen; denn Du wirst mir zugestehen: Es ist für einen Mann ebenso unmöglich, sich auf eine Frau zu beschränken, wie umgekehrt. Glaube mir, Justine, glaube jemandem, der Erfahrung hat und sei überzeugt, daß ein junges Mädchen nichts Besseres tun kann, als sich Allen hinzugeben, die sie begehren, wobei sie aber, wie gesagt, die äusserliche Sittsamkeit bewahren muß. Du hast gestern der braven und ehrlichen Desroches gezürnt, weil sie an Dir Interesse hatte. Nun, meine arme Justine, was würden wir ohne diese dienstbaren Geister tun? Müssen wir ihnen nicht zu Dank verpflichtet sein für die Mühe, die sie sich mit unserer Wohlfahrt geben? Gibt es einen Beruf, den man mehr achten muß? Ist nicht dieses Talent das kostbarste, für die Gesellschaft wertvollste? Und die barmherzigen Menschen, die diese Beschäftigung haben, müßten geehrt und belohnt werden.«

»Sie sind sehr liebenswürdig, Madame,« sagte die Desroches, die vor Freude strahlte, daß man ihre Partei ergriff.

»Nein, nein, ich spreche so, wie ich denke,« erwiderte die Delmouse, »und nachdem ich den Beruf im allgemeinen gepriesen habe, muß ich Justine im besonderen beglückwünschen, daß sie Ihnen begegnet ist. Möge sie sich blindlings Ihren Ratschlägen, Madame, anvertrauen; möge sie blos Ihnen folgen und ich bürge dafür, daß sie binnen kurzem die höchsten Lebensfreuden und die Vorteile eines großen Vermögens genießen wird.«

Dieses Gespräch war kaum beendet, als es an der Tür klopfte. »Ah,« sagte Madame Desroches, die öffnete, »das ist der junge Mann, den Du von mir ver langt hast, Delmouse.« Und alsbald trat ein prachtvoller, fünf Fuß zehn Zoll hoher Mann herein, der stark wie Herkules und schön wie Amor aussah. »Er ist entzückend,« sagte unsere Lebedame, indem sie ihn betrachtete, »es handelt sich jetzt blos darum, ob er auch so viel kann, wie seine Figur verspricht. Schon seit langem habe ich nicht solche Lust zum Ficken gehabt wie heute. Sieh meine Augen an, Desroches, wie feurig sie sind. Ah, Himmel;« fuhr die Hure fort, indem sie den jungen Mann heftig küßte, »ich kann mich nicht mehr halten.« – »Das hättest Du mir früher sagen müssen,« sagte die Desroches, »dann hätte ich Dir drei oder vier solche Leute verschafft.« – »Versuchen wir erst den da,« und die Schamlose legte einen Arm um den jungen Mann, den sie in ihrem Leben noch nicht gesehen hatte, mit dem andern knöpft sie ihm seine Hose auf ohne sich irgendwie zu schämen. »Madame,« sagte Justine purpurrot, »gestatten Sie, daß ich hinausgehe.« – »Nein, bei Gott nein,« sagte die Delmouse, »nein; Desroches sagen Sie ihr, daß sie bleiben soll. Ich möchte ihr gleich praktischen Unterricht erteilen, nachdem ich ihr theoretischen schon gegeben habe. Ich möchte, daß sie Zeuge meiner Vergnügen sei, und auch Du, Desroches, bist mir sogar notwendig; denn du weißt, meine Gute, daß die Einführung des männlichen Gliedes mir nur dann angenehm ist, wenn sie durch Deine Hände geschieht. Du kitzelts mich außerdem so gut, wenn ich ficke, und trägst so viel Sorge für meinen Popo und meine Scheide! Vorwärts, vorwärts, Du Hure, beginnen wir. Justine, setzen Sie sich hier vor mich hin und wenden Sie keinen Augenblick den Blick ab.« – »O, welche Folter, Madame,« rief die Arme weinend aus, »lassen Sie mich hinausgehen, ich beschwöre Sie, und glauben Sie, daß der Anblick der Greuel, die Sie begehen werden, in mir immer nur Abscheu hervorrufen wird.« Aber die schon ganz aufgelöste Delmouse widersetzte sich heftig, daß Justine hinausgehe und bald begann das Schauspiel.

Alle Einzelheiten der weitestgehenden Ausschweifung wurden vor den Augen unseres verschämten Kindes ausgebreitet. An Stelle der Desroches wurde es gezwungen, das ungeheure Glied des jungen Mannes zu ergreifen und es in die Scheide der Delmouse einzuführen. So bringt sie der kräftige Athlet fünfmal hintereinander zum Entladen, während die Delmouse ungeheures Vergnügen an dem Abscheu Justines findet.

»Donnerwetter,« sagte die Messaline, als sie sich wie eine Bacchantin erhob, »welch Vergnügen habe ich gehabt! Weißt du, Desroches, was ich jetzt gerne sehen würde? Ich möchte jetzt dies kleine Muschelchen von dem ungeheuren Glied, das mich bearbeitete, entjungfern lassen. Was sagst Du dazu?« – »Nein, nein,« erwiderte diese, »wir würden sie töten und ich hätte nichts an ihr verdient.« Während dessen gewannen unsere beiden Kämpen wieder Kräfte. Die Delmouse legte sich wieder hin und Justine wurde wieder zu ihrer Arbeit beauftragt. Man mußte es sehen, mit welchem Abscheu, welcher Mühe sie ihren Auftrag vollzog. Diesmal wollte die Hure, daß sie ihr in der Scheide kitzle. Die Desroches führte ihr die Hand, aber sie erwies sich als zu linkisch für die rasende Delmouse. »Hilf mir, hilf mir, Desroches,« rief sie aus, »ich sehe, daß ein Verführen nur dem Verstande und nicht dem Körper angenehm ist. Namentlich nicht mir, die zehn Hände wie die der Sappho und zehn Glieder wie die des Herkules nicht ermüden würden!« – Auch diese zweite Sitzung schloss mit reichlichen Opfern für Venus. Delmouse richtete sich wieder auf, ihr Reiter ging hinaus und die Desroches entschuldigte sich, indem sie ein Mäntelchen umhängte, daß eine Verabredung mit Dubourg sie länger zu bleiben hinderte. »Desroches,« sagte Madame Delmouse nach einigem Nachdenken, »je mehr ich bearbeitet werde, desto wilder werde ich. Lasse mich zu Dubourg mitgehen. Ich sehne mich außerordentlich danach, zu sehen, was dieser alte Schuft erfinden wird, um sich an diesem kleinen Mädchen wieder zu beleben. Vielleicht kann ich ihm helfen. Oft ziehen ja diese alten Verbrecher mich vor, wie Du weißt.« – »Was Du von mir verlangst, ist ausführbar,« erwiderte die Desroches. »Ich kenne meinen Dubourg zur Genüge, um zu wissen, daß es ihm nicht unangenehm ist, wenn ich ihm ein hübsches Weib mehr mitbringe.« Ein Fiaker fuhr vor. Die immer erschrockene, bescheidene Justine stieg als erste ein und man fuhr fort.

Dubourg war allein.

Die Damen fanden ihn in noch weniger bekleideten Zustnde als er am Tage vorher gewesen war. Geilheit und zügellose Wollust sprachen aus seinen finsteren Blicken.

»Sie rechneten wahrscheinlich blos auf eine Frau,« sagte die Desroches beim Eintreten zu ihm, »nun ich glaube, daß es Ihnen nicht mißfallen wird, wenn ich zwei mitbringe.« »Wer ist dieses Mädchen?« fragte Dubourg, ohne sich zu stören »Eine hübsche Frau aus meiner Bekanntschaft,« erwiderte die Desroches, »deren Liebenswürdigkeit auf der gleichen Höhe mit ihren Reizen steht und die uns in der Folge bei den Zusammenkünften mit der schönen Justine nützlich sein wird.« »Wie,« sagte Dubourg, »du glaubst, daß es nicht bei einemmale bleiben wird?« »Es wäre möglich,« erwiderte die Desroches. »Nun wir wollen sehen,« sagte Dubourg, »gehen Sie hinaus, Desroches, es ist gut, setzen Sie es auf die Rechnung. Wie stehen wir denn?« »Aber, mein Herr,« sagte die Desroches, »seit drei Monaten haben wir nicht verrechnet, es macht nahezu 100.000 Franks aus.« »100.000 Franks, gerechter Gott!« »Aber der Herr möge bedenken, daß ich ihm mehr als 800 Mädchen geliefert habe; ich habe sie alle aufgeschrieben. Der Herr kennt mich wohl, er weiß wohl, daß ich ihn nicht um einen Sous betrügen könnte.« »Schön, schön, wir werden schon sehen. Aber gehen Sie jetzt Desroches, ich fühle, daß ich mit diesen beiden Frauen allein bleiben muß. Und Sie, Justine, bedanken Sie sich bei Ihrer Beschützerin, bevor sie weggeht, denn nur ihr zu Liebe erweise ich Ihnen die Gnade, mich mit Ihnen zu beschäftigen. Sie werden einsehen, daß Sie nach Ihrem gestrigen Betragen dieses Glücks nicht würdig sind. Sollten Sie aber heute meinen Wünschen auch nur den leisesten Widerstand entgegensetzen, so erwarten Sie in meinem Vorzimmer zwei Männer, die Sie an einen Ort bringen, aus dem Sie in Ihrem Leben nie wieder wegkommen werden.« Die Desroches ging. »O, mein Herr,« sagte Justine weinend und stürzte sich vor die Füße des Barbaren, »lassen Sie sich erweichen, ich beschwöre Sie. Seien Sie so barmherzig und helfen Sie mir, ohne von mir das zu verlangen, wofür ich tausendmal lieber sterben würde. Gnädiger Herr, zwingen Sie mich nicht, ich flehe Sie an. Können Sie denn bei meinen Tränen Freude gewinnen? Können Sie Vergnügen finden, wo Sie Widerwillen sehen? Sie werden Ihr Verbrechen noch nicht beendigt haben und schon werden Sie bei meinem Anblick Gewissensbisse empfinden.« Aber durch das, was jetzt geschah, wurde sie am Weitersprechen gehindert. Die Delmouse, die auf Dubourgs eisernen Stirne seine Gedanken gelesen hatte, warf sich vor ihm nieder und kitzelte ihn leidenschaftlich mit der einen Hand, während sie ihm mit der anderen sokratisierte.2

»Hölle und Teufel,« rief Dubourg furchtbar aufgeregt aus und erhob sich wie ein Rasender. »Ich soll dir Gnade gewähren, ich möchte dich eher erwürgen, du Hure!« Dabei zeigte er ein kleines vertrocknetes, schwarzes Glied, ergriff seine Beute mit rohen Händen und riß ihr alles vom Körper ab was seine wollüstigen Augen störte. Bald Beschimpfte, bald liebkoste, bald mißhandelte, bald streichelte er sie. Großer Gott! Welch' ein Anblick. Es schien als ob die Natur durch dieses Schauspiel in Justine gleich bei ihrem ersten Abenteuer jeden Schrecken von dieser Art Verbrechen erwecken sollte. Jetzt wurde sie nackt auf das Bett geworfen und während die Delmouse sie hielt, entdeckte der Lüstling plötzlich einen neuen Köder. »Warten Sie,« sagte die Schurkin, »ich merke, daß meine Röcke Sie stören. Ich werde sogleich das Ding bloslegen, das, wie es scheint, Gegenstand Ihrer Bewunderung ist. Sie wollen meinen Popo sehen. Ich begreife, ich ehre diese Neigung bei Leuten Ihres Alters.«3

»Hier ist er, mein Freund; er ist ein wenig voller wie der dieses Kindes. Aber dieser Gegensatz wird Ihnen Vergnügen bereiten. Wollen Sie sie nebeneinander sehen?« – »Teufel, ja,« erwiderte Dubourg, »setzen Sie sich auf Ihre Schultern, damit sie ruhig liegen bleibt und ich werde versuchen, ihr ihn von hinten hineinzustecken und Ihnen dabei die Arschbacken zu küssen. – Ja, so ist es richtig,« fuhr der Lüstling fort, indem er sowohl auf den einen wie den anderen Popo ein paar Schläge versetzte, »und nun wollen wir sehen, ob ich die Sodomie zu Stande bringe.« Der Schuft versucht, aber sein heftiges Feuer erlischt bei den Schwierigkeiten des Unternehmens. Der Himmel rächt Justine für die Vergewaltigungen, die sie erleiden sollte und der Kräfteverlust des alten Lüstlings bewahrt dieses unglückliche Kind davor, hingeopfert zu werden.

Dubourg wurde nunmehr noch ausfallender. Er gab Justine Schuld an seiner Schwäche und versuchte durch neue Beleidigungen und Schmähungen den Verlust wieder zu ersetzen. Die Ungeschicklichkeit Justines ärgerte ihn. Aber selbst der Delmouse mit all ihrer Kunst gelang es nicht in dieses entkräftete Glied Leben hineinzujagen. Sie drückte, kitzelte, leckte, nichts half diesem schlappen Ding auf. Allen dreien gelang es nicht, diesem unglückseligen Glied das majestätische Aussehen zu geben, das zu einem neuen Angriff nötig ist. Endlich gab es Dubourg auf. Er ließ sich von Justine versprechen, am nächsten Tage wiederzukommen, und um sie besser dafür zu stimmen, wollte er ihr keinen Sou geben. Man übergab sie der Desroches, während die Delmouse bei Dubourg blieb, der sich, nachdem er gut gespeist hatte, an dieser hübschen Frau für das Vergangene rächte. Es kostete zwar von beiden Seiten viel Anstrengungen, aber schließlich ging alles von Statten und der wundervolle Popo der Delmouse empfing das, was eigentlich für den jugendlicheren Justinens bestimmt war. Diese erklärte, als sie zu Hause angelangt war, ihrer Wirtin, daß, sollte sie selbst vor Not umkommen, sie sich niemals mehr solchen Szenen aussetzen wolle. Von neuem schmähte sie den Verbrecher, der mit ihrem Elend solchen Mißbrauch trieb. Aber das Verbrechen triumphiert, lacht über die Angriffe des Unglücks und zeigt dem Menschen, der zwischen Jugend und Laster wählen will, daß das letztere der einzig wahre Weg zum Glücke ist.

II. Kapitel.
(Neue Angriffe auf Justines Tugend. – Wie der Himmel sie für ihr unverletzliches Pflichtgefühl belohnt.)

Bevor wir fortfahren, erscheint es uns wesentlich die Leser vorzubereiten. Die meisten werden zweifellos erraten haben, daß der erwähnte Diebstahl ein Werk der Desroches war. Aber wovon sie vielleicht nicht überzeugt werden, ist, daß Dubourg an dieser Geschichte beteiligt war. Auf den Rat dieses Sünders hatte die Desroches gehandelt. »Sie ist uns unfehlbar ausgeliefert, wenn wir sie aller Hilfsmittel berauben,« hatte er ihr gesagt und so grausam diese Berechnung war, so sicher stimmte sie. Als Dubourg mit der Delmouse zusammen speiste, erzählte er ihr von dieser kleinen Missetat, und ihr in diesen Dingen erfinderischer Kopf begeisterte sich lebhaft. Das Endergebnis der Unterredung war, daß die Delmouse versprach, alles aufzubieten, um Justine während der drei Monate zu sich nehmen zu können, während derer ihr Mann auf dem Lande war. Während dieser Zeit sollte Dubourg neue Angriffe auf sie versuchen und würden auch diese nicht gelingen, so wollte man furchtbare Rache nehmen, damit, wie Dubourg sagte, auch in diesem Abenteuer die Tugend so mißhandelt werde, wie sie es immer sein sollte, wenn sie dem Laster entgegenzutreten wagte. Von da an arbeitete die liebenswürdige Frau an der Verwirklichung dieses Vorhabens, und da ihr dei Gedanke, Justine in den Abgrund zu ziehen, großes Vergnügen bereitete, kam sie am nächsten Tag zur Desroches frühstücken. »Sie haben gestern mein Interesse erregt,« sagte die Heuchlerin zu Justine, »ich glaubte nicht, daß man so außerordentlich keusch sein könne. Wahrhaftig Sie sind ein Engel der eigens vom Himmel geschickt ist, um die Menschen zu bekehren. Bisher habe ich mich vor Ihnen blos als ausschweifende Person gezeigt, aber, ich muß gestehen, ich habe mich durch ihr Beispiel plötzlich geändert. Und bei Ihrem Leben beschwöre ich, daß Sie mich von jetzt ab immer als Reuige und Tugendhafte sehen werden. O, Justine, willst du dich mit mir vor der Welt zurückziehen? Ich will immer dein großes Beispiel vor Augen haben, damit das Werk der Bekehrung rascher vollendet ist.«

»Ach Madame,« erwiderte Justine, »ich bin nicht darnach angetan, als Beispiel zu dienen. Und wenn Ihre Aenderung aufrichtig ist, so verdanken Sie das dem höchsten Wesen und nicht mir. Ich danke Ihnen vielmals für die Zuflucht, die Sie mir anbieten und ich hoffe, daß meine Dienste ihre Woltat ausgleichen können.« Die Desroches, die von der Delmouse eingeweiht war, hatte Mühe, bei dieser Komödie nicht in Lachen auszubrechen. Sie beglückwünschte Justine zu ihrem Erfolg und nachdem die Schuld beglichen worden war verließen Justine und die Delmouse das Haus.

Madame Delmouse bewohnte ein prachtvolles Haus. Dienerschaft, Pferde und die sehr kostbare Einrichtung zeigten Justine bald, daß sie bei einer der wohlhabendsten Frauen von Paris war.

»Weil ich älteren Dienstboten zu Dank verpflichtet bin,« sagte die Delmouse, »ist es mir unmöglich, Sie gleich die obersten Stellen in meinem Haushalt einnehmen zu lassen. Aber Sie werden auch dazu gelangen, mein Engel, und glauben Sie, daß ich Ihnen trotz der Untergeordnetheit, in der Sie sein werden, nicht weniger Beachtung zuteil werden lassen werde. Sie werden in meiner Garderobe beschäftigt sein,« fuhr die Delmouse fort, »und wenn Sie sich gut aufführen, erhebe ich Sie auf den Posten meiner dritten Kammerjungfrau.« – »O, Madame,« erwiderte Justine verwirrt, »ich hätte nicht gedacht ...« – »Ach ich sehe Stolz an Ihnen, Justine; sind das die Tugenden, die ich von Ihnen erwartete?« – »Sie haben Recht, Madame, Demütigkeit ist die erste Tugend. Befehlen Sie, daß man mir mitteilt, welcher Art meine Arbeit ist und seien Sie versichert, daß sie von mir genau ausgeführt werden wird.« – »Ich werde Sie selbst einführen, mein teures Kind,« erwiderte die Delmouse, indem sie Justine in zwei hinter den Glasnischen des Boudoirs angebrachte Zimmerchen führte. »Sehen Sie, hier ist der Ort, der auf Ihre Pflege wartet,« sagte sie, indem sie ein mit Bidets und Badestühlen angefülltes Kabinet öffnete, »hier handelt es sich nur um die Instandhaltung. In jenem anderen,« fuhr die Delmouse fort, »kommt noch ein etwas weniger anständiger Umstand dazu. Sie sehen, das ist ein Leibstuhl, es gibt derartige nach englischer Art, aber ich ziehe den hier vor. Sie werden schon erraten haben, welcher Art Ihre Dienste hier sind und daß Sie sich auch mit jenen Porzellangefäßen befassen werden müssen, die kleineren Bedürfnissen dienen. Aber ich muß Ihnen noch von einer Sache Mitteilung machen, die mir zur Gewohnheit geworden ist, und die ich nicht ohne Kummer vermissen würde.« – »Und worum handelt es sich, Madame?« – »Du mußt immer zugegen sein, wenn ich entleere und ... den Rest will ich dir ins Ohr sagen, mein Kind, denn ich erröte angesichts deiner Tugend ... du mußt mit diesem Koton hier die Flecken wegbringen, die diese schmutzigen Notwendigkeiten unbedingt mit sich bringen.« – »Ich selbst, Madame?« – »Ja, mein Kind, du selbst. Deine Vorgängerin tat noch viel Schlimmeres; aber dich, meine teure Justine, achte ich ja, du bist tugendhaft und das flöst mir Scheu ein.« – »Nun, was machte denn meine Vorgängerin?« – »Sie machte dasselbe, aber mit ihrer Zunge.« – »Ah, Madame!« – »Ja, ich fühle wohl, daß das hart ist, aber dahin führen uns die Verweichlichung, Schwelgerei und die Vernachlässigung aller sozialen Pflichten. Aber ich bessere mich, meine Teure, ich bekehre mich und dein erhabenes Beispiel wird das Wunder bewirken. Du wirst gut gehalten werden, Justine, du wirst mit meinen Frauen zusammen speisen und hundert Taler im Jahre erhalten. Genügt das?« – »Ach! Madame,« erwiderte Justine, »eine Verunglückte handelt nicht. Jede Hilfe, die ihr zuteil wird, ist ihr Recht.« – »O, Sie werden mit allem zufrieden sein, Justine, ich verspreche es Ihnen,« erwiderte die Delmouse. »Aber ich vergaß ganz Ihnen Ihr Zimmer zu zeigen. Es schlißt gleich an die beiden Kabinette an. Hier ist es. Es ist eine Art Festung; ganz abgeschlossen. Hier ist Ihr Bett, hier die Klingel, wenn ich Sie benötige. Ich lasse Sie jetzt allein, mein Herz, glücklich, daß ich etwas zu Ihrem Wohlbefinden beitragen konnte.« Kaum war Justine allein, als sie in Tränen ausbrach. »Wie,« sagte sie sich angesichts der eben ausgestandenen Erniedrigung, »diese Frau, die mich in ihr Haus aufnimmt, weil sie angeblich meine Tugend schätzt, gefällt sich darin, mich so tief zu demütigen. Ach warum muß es Leute geben, die gezwungen sind, anderen so erniedrigende Dienste zu leisten. O, süße Brüderlichkeit dei Natur, wirst du niemals unter den Menschen herrschen?«

Man rief Justine zum Mittagessen und dabei machte sie die Bekanntschaft ihrer drei Genossinen, die alle drei schön wie die Engeln waren. Am Abend begann sie ihre ehrenvolle Tätigkeit. Sie führte den Schwamm wusch und reinigte und alles geschah derart lautlos, daß sie sich sehr verwunderte. Es schien, als ob es unter der Würde der Frau Gräfin Delmouse läge, mit ihrer Dienerin zu sprechen.

Bald bemerkte die arme Waise, daß die Beispiele von Tugend, die man von ihr zu sehen gewünscht hatte, um sie nachzuahmen, noch keine Heilige aus ihrer verehrungswürdigen Herrin gemacht hatten. Die Schurkin zog aus der Abwesenheit ihres Gatten allen möglichen Nutzen und legte sich keinerlei Mäßigung auf. Wüste Orgien spielten sich ab und einmal schlüpften zwei oder drei junge Männer sogar in die Kabinette, in denen gerade Justine ihrem Dienst nachkam. Es kam zu Tätlichkeiten, aber als sich Justine darüber beklagte, hörte man ihr kaum zu. Eines Tages glaubte sie die Stimme Dubourgs zu hören. Sie lauschte, konnte aber nichts unterscheiden. Er war es, aber die Vorsichtsmaßregeln waren gut gewählt und so war alles, was sich gegen sie abspielte, mit dem dichtesten Schleier des Geheimnisses umhüllt.

Sie führte ungefähr zwei Monate dieses ruhige und gleichmäßige Leben, als Madame Delmouse, die sich nicht mehr halten konnte, eines Abends ganz erhitzt vom Weine, zu ihr herein trat. »Justine,« sagte sie mit milder Miene, »die Stelle meiner dritten Kammerjungfrau wird bald frei werden. Suzanne, die sie inne hatte, hat sich in meinen ersten Bedienten verliebt. Ich verheiratete die Beiden. Aber, mein Kind, wenn Du vorrücken willst, mußt Du mir Gefälligkeiten leisten, die sehr verschieden von denjenigen sind, die bisher die Grundlage deines Dienstes bildeten.« – »Und worum handelt es sich, Madame?« – »Du mußt mit mir schlafen, Justine, Du mußt mich kitzeln.« – »O, Madame, ist das die Tugend?« – »Wie, Du bist von dieser Chimäre noch nicht abgekommen?« – »Eine Chimäre, Madame? ... Die Tugend eine Chimäre?« – »Sicherlich ist sie das, mein Engel. Die einzigen Naturgesetze sind unsere Leidenschaften. Einen Augenblick glaubte ich, die heftige Lieb, die du mir einflößt, besiegen zu können; ich glaubte, daß Deine bloße Anwesenheit die Schmerzen mildern könnte, die Deine Augen in meinem Herzen hervorgerufen haben; aber Deine Unempfindlichkeit regte mich umso mehr auf. Ich kann meine Leidenschaften nicht mehr zügeln, ich muß sie um jeden Preis befriedigen. Komm, folge mir nach, himmlisches Mädchen.« Und die Delmouse zog Justine trotz ihres Sträubens in ihre Zimmer. Es gab nun nichts, was die Verführerin nicht anwendete, um das junge Mädchen von ihrer Tugend anzubringen. Geschenke, Versprechungen, Schmeicheleien, Alles wurde in Bewegung gesetzt. Aber vergeblich. Die Delmouse mußte einsehen, daß nichts fähig war, Justines Tugend umzustossen. Von diesem Augenblick an, wandelte sich aber, wie bei allen Personen ihres Schlages, die Wollust in Wut.4

»Niederträchtiges Geschöpf,« sagte sie zu ihr, schäumend vor Zorn, »ich werde Dir mit Gewalt entreissen, was Du mir gutwillig nicht geben willst.« Sie klingelte. Zwei Frauen erschienen, die schon vorbereitet waren. Fast nackt wie die Delmouse, mit aufgelösten Haaren, Bacchantinnen gleichend, er griffen sie Justine und entkleideten sie. Delmouse kniete nun nieder und, würde man es glauben? ... Die Niederträchtige! ... sie leckte Justine, indem sie ihr einen Finger ins Arschloch steckte. Eine der Frauen mußte ihr die Clitoris kitzeln, die andere die zwei kaum erblühten Brüste des bezaubernden Mädchens. Aber noch sprach die Natur nicht in dem unschuldigen Herzen der Waise. Kalt, unempfindlich gegenüber allen versuchten Angriffen, antwortete sie auf die Anstrengungen der lüsternen Frauen nur mit Seufzen und Tränen. Bald wurden die Stellungen gewechselt. Die schamlose Delmouise setzte sich rittlings auf die Brust des schönen Kindes und drückte ihr die Schamlippen auf den Mund. Eine der Frauen kitzelte sie gleichzeitig vorne und hinten, die andere half Justine zum Entladen zu bringen, deren hübsches Gesicht zweimal von den unreinen Samenergüssen der Delmouse überschwemmt wurde, die wie ein Mann entlud. Alles das war Justine ein Greuel. Nichts war imstande, sie aufzuregen. Aber dadurch wurde die Delmouse in noch mächtigere Wut versetzte. Sie ergriff Justine bei den Haaren, zerrte sie in ihr Zimmer und sperrte sie dort auf mehrere Tage bei Wasser und Brot ein. Bei alledem hatte Madame Delmouse nur an die Befriedigung ihrer Leidenschaft gedacht. Sie hatte ihr Uebereinkommen mit Dubourg fast aus den Augen verloren, aber die Hoffnung auf Rache brachte der Delmouse ihr Versprechen wieder in Erinnerung. Sie freute sich bei dem Gedanken, dieser Unglücklichen einen Feind mehr bereiten zu können.

Am achten Tag ließ die Delmouse Justine frei. »Nehmen Sie Ihre Tätigkeit wieder auf,« sagte sie in ernstem Tone, »und wenn Sie sich gut aufführen, kann ich vielleicht das Geschehene vergessen.« – »Madame,« erwiderte Justine, »ich würde es gerne sehen, wenn Sie meine Stelle jemandem Anderen übergeben würden. Ich merke nur zu sehr, daß ich Ihr Gefallen nicht werde erringen können.« – »Dazu bedarf ich zwei Wochen Zeit,« sagte Madame Delmouse, »tun Sie Ihren Dienst bis dahin ordentlich, dann will ich Sie ersetzen lassen.« Justine war zufrieden und die Ruhe war wieder hergestellt.

Ungefähr fünf Tage vor Ablauf dieser Frist befahl Madame Delmouse Justine vor dem Schlafengehen zu sich: »Haben Sie keine Angst, Fräulein,« sagte sie zu ihr, da sie ihre Aufregung bemerkte, »ich will mich nicht ein zweitesmal Ihrer Mißachtung aussetzen.« Justine trat ein. Aber wie groß war ihr Erstaunen, als sie Dubourg halbnackt inmitten der beiden Weiber der Delmouse sah, die beide eifrig bestrebt waren, seine Leidenschaften zu befriedigen. Wie wurde ihr, als sie die Türen hinter sich schließen hörte und aus dem Ton der Reden und den Gesichtsausdrücken nichts wie Unheil entnahm! »Oh, Madame!« rief sie aus, indem sie der verruchten Frau zu Füßen fiel, »welche neue Falle haben Sie mir gestellt? O großer Gott! Welch Verbrechen begehen Sie gegen alle menschlichen und göttlichen Gesetze!« »O, das wird noch ganz anders werden!« rief Dubourg aus, indem er seine unsauberen Lippen auf den zarten Mund Justines preßte, die mit Abscheu flüchtete. Aber man ergriff sie, riß ihr die Kleider herab und bald stand sie nackt vor den lüsternen Absichten Dubourgs da.

Der Finanzmann war sicher, heute zwei Nummern zu machen und wollte damit die beiden Entjungferungen an Justine verbinden. Zuerst wurde ihm die Scheide dargeboten. Er trat an Justine unter Führung der Delmouse heran, die sein Schwert in Händen hielt, um es selbst in das Opfer einzuführen. Aber der Schuft wollte zuerst sein Idol, den Hintern, sehen. Und der Justines war so schön! Man deckte ihn auf und er schlug und kniff, ohrfeigte sein Opfer und griff sogar die drei Schönheiten an, die ihn umgaben. Unglücklicherweise kitzelte man ihn während dieses Vorspiels sehr geschickt und ach! obwohl alles gut vorbereitet war und er noch Zeite hatte, sich auf Justine zu werfen, war Alles umsonst. Die Waffe knickte zusammen, sowie sich die Flüssigkeit entleerte, die ihr den Halt gegeben hatte. Dubourg, der mächtig entlud, verlor dabei den Kopf. Er besaß nicht mehr genug Geistesgegenwart und nicht genügend Kraft, um ihn geradeaus hineinzustecken. »Ah, Teufel noch einmal, verfluchte Schweinerei!« schrie er, indem er die arme Justine mit Faustschlägen bearbeitete und ihre Scheide mit Samen übergoß, »mein Plan ist nicht gelungen.«

»Habe keine Angst, Dubourg,« sagte die Delmouse, »der Gott oder der Teufel, der diese kleine Hure beschützt, wird nicht immer Sieger bleiben. Kräftige Dich, ich weiß dazu Mittel und Wege!« Gleichzeitig rieb sie ihm die Hoden mit einer Flüssigkeit ein und ließ ihm eine Brühe verabreichen, deren Wirkung, wie sie behauptete, unzweifelhaft war. An diese Reizmittel schlossen sich neue Liebkosungen der drei Frauen an. Da diese nichts außeracht ließen, was zum Ziele führen konnte und man den schönen, nackten Körper Justines auch noch mitverwendete, gelang es bald, das Glied Dubourgs wieder zum Stehen zu bringen. Da er vorhin die Scheide als Ziel gewählt hatte, zeigte sie man ihm wieder. »Nein, nein, ich will den Popo haben!« rief er aus, »diese Dreckscheide hat mir Unglück gebracht, ich hasse sie. Nur her mit dem Hintern, meine Freundinnen, nur den Arsch will ich ficken!« Nachdem sein Wunsch erfüllt worden war, drückte der geile Bock vorerst einige Küsse auf die entzückenden kleinen Arschbacken Justines, die bewiesen, welche Macht dieser Körperteil über ihn besaß. Dann ergriff die Delmouse sein Glied und während die beiden Weiber die Arschbacken auseinanderhielten, trachtete sie, es einzuführen. Schon entlockten die ersten Angriffe Justine furchtbare Schreie, da entwand sie sich den Armen, die sie halten wollten, und stürzte sich unter schmerzlichem Schluchzen unter das Bett. Hier verteidigte sich unsere Heldin wie in einer Festung und gibt den Belagerern zu erkennen, daß sie eher umkommen wolle, als daß sie sich ergäbe. Der grausame Dubourg schlug mit einem Spazierstock nach ihr, aber sie war gewandter wie ein Aal und wich jedem Schlag aus. »Man muß sie erdrücken,« sagte Dubourg. »Man muß sie unter den Matrazen ersticken.« Aber die Natur machte zum zweitenmal die verbrecherischen Hoffnungen Dubourgs, der sich ununterbrochen das Glied rieb, zunichte. Er fand kaum Zeit, sich in den Popo des einen hübschen, siebzehnjährigen Mädchens zu stürzen und schon erlosch sein Feuer derart, daß Justine hoffen konnte, den Rest der Nacht in Ruhe zu verbringen. Aber noch immer zitterte die Unglückliche. Nichts könnte sie bewegen, ihre Zuflucht zu verlassen, bevor sie sich nicht bezüglich Dubourgs vergewissert hatte. Endlich flüchtete sie in ihr Zimmer, schluchzend und die Delmouse anflehend, sie aus einem Dienst zu entlassen, in dem ihre Tugend jeden Augenblick so harten Prüfungen ausgesetzt war. Die Delmouse antwortete überhaupt nicht.

Ohne zu bedenken, daß sich die Rache der Verbrecher unausbleiblich an ihrem Haupte vollziehen würde, nahm Justine auf Zureden ihrer Genossinnen ihre Tätigkeit wieder auf.

Madame Delmouse hatte die Gewohnheit, wenn sie in ihre Garderobe ging, ihre prachtvolle, mit Diamanten besetzte Uhr auf einen Schrank zu legen. Sobald sie fertig war, steckte sie sie wieder ein, vergaß sie auch öfters und dann brachte sie ihr Justine alsbald nach. Drei Tage nach dem Ereignis, das wir soeben erzählten, geriet die Uhr von Madame Delmouse in Verlust und fand sich diesmal nicht wieder. Man befragte Justine, die auf ihre bewiesene Redlichkeit hinwies. Die Delmouse sagte kein Wort. Aber am Abend des nächsten Tages hörte Justine, nachdem sie sich mit tränenden Augen auf ihr Bett geworfen hatte, um einige Augenblicke der Ruhe zu genießen, die Tür öffnen. Gerechter Gott! Es war ihre Herrin, die einen Kommissär und Schutzleute hereinführte. »Tun Sie Ihre Pflicht,« sagte sie zu dem Diener der Gerechtigkeit. »Dieses unglückselige Mädchen hat meine Uhr gestohlen, Sie werden sie bei ihr oder in ihrem Zimmer finden.« – »Ich – Sie bestohlen, Madame?« sagte verwirrt Justine, indem sie sich verzweifelt auf ihr Bett warf. »Ah, wer könnte mehr von meiner Redlichkeit und meiner Unschuld überzeugt sein, wie Sie?« Dabei fielen ihre erschreckten Augen unwillkürlich auf einen der vier Männer, die dem Kommissär als Begleitung dienten und – Großer Gott! – in ihm erkannte sie Dubourg. Er war es, dieser unersättliche Lüstling, der unter dieser Verkleidung selbst kam, um die Verzweiflung und den Schmerz seines Opfers zu sehen. »Ich bin verloren,« sagte Justine, als sie ihn erkannte. Sie wollte weiter sprechen, allein die Delmouse machte solchen Lärm, daß man unsere unglückliche Waise nicht hörte. Nun forschte man nach und die Uhr fand sich wirklich. Dubourg, der sie selbst versteckt hatte, zeigte sie dem Kommisär unter der Matraze. Bei Beweisen von solcher Särke gab es nichts zu erwidern. Justine wurde ergriffen und Dubourg streitet sich mit seinen Kameraden um die Ehre, sie selbst knebeln zu dürfen. Dicke Stricke zerrissen, zerfetzten die Hände der Unschuld. Ja, der Verbrecher soll sogar die Kühnheit gehabt haben, die Hände, die er fesselte, seiner Hose zu nähern, um ihnen die Wirkung dieses grausamen Schauspiels auf seine erregten Sinne zu zeigen.

Ohne sich verständlich machen zu können, wurde Justine in einen Fiaker geworfen. Dubourg und sein Kammerdiener begleiteten sie unter der Maske von Soldaten nach den Gefängnissen, in die sie beide eher hineingepaßt hätten. Sobald Dubourg im Wagen war, verübte er Grausamkeiten, die man sich nicht vorstellen kann. Justine war wehrlos und Themis selbst beschützte das Verbrechen. Mit Hilfe des Kammerdieners wurden ihr die Röcke aufgeschürzt und Dubourg küsste, schlug und mißhandelte sie am ganzen Körper. Aber wieder wurde der Altar mit dem Opfertrank begossen, der fürs Heiligtum bestimmt war und den zu großer Eifer nicht an seinen Bestimmungsort gelangen ließ. Endlich langte der Fiaker an. Man stieg aus und unsere Heldin wird als Diebin eingesperrt ohne daß sie auch nur ein Wort zu ihrer Rechtfertigung vorbringen konnte.

Mit einem Unglücklichen, der keinen Einfluß hat, wird kurzer Prozeß gemacht Justine konnte sich soviel sie wollte verteidigen: Ihre Herrin klagte sie an, die Uhr hatte sich in ihrem Zimmer gefunden; es war klar, daß sie sie gestohlen hatte. Als sie vorbringen wollte, wie man ihre Ehre angegriffen habe wie sich Dubourg verkleidet und was er während der Ueberführung getrieben habe, hielt man ihr entgegen, daß Herr Dubourg und Madame Delmouse seit langem als achtbare, solcher Greuel unfähige Leute bekannt seien. Sie wurde also nach der Conciergerie gebracht, wo ihre Hartnäckigkeit mit Entziehung ihrer Freiheit belohnt wurde. Erst ein neues Verbrechen sollte sie retten. Alle Klagen und Beschwerden Justines über ihre Verderber waren vergeblich. Ja der Himmel überschüttete diese Schufte sogar im Gegenteil mit Glück. Die Delmouse erbte einige Tage später von einem Onkel 50.000 Pfund Rente und Dubourg erhielt von der Regierung eine neue Einnahmequelle, die seine Einkünfte um 400.000 Frank jährlich erhöhte.

Es ist also doch wahr, daß die Wohlfahrt das Verbrechen begleitet und belohnt und daß auch inmitten der Verderbnis und des Verbrechens das heimisch sein kann, was die Menschen Glück nennen. Wie viele Beispiele für diese traurige Wahrheit werden wir noch aufzuzählen haben!

 

III. Kapitel.
(Ein Ereignis, das die Ketten Justines bricht. Neue Gefahren für ihre Keuschheit. Sie wird Zeuge von Niederträchtigkeiten und entschlüpft endlich den Verbrechern, mit denen sie ihr Unglücksstern zusammengeführt hat.)

Justine war in ihrem Gefängnis mit einer ungefähr dreißigjährigen Frau zusammen, die ebenso durch ihre Schönheit, als durch ihren Geist und die Art ihrer zahllosen Vergehen hervorstach. Sie hieß Dubois und war so wie Justine auf ihr Todesurteil gefaßt. Justine hatte diesem Geschöpf eine Art Interesse eingeflößt, das zwar das Verbrechen zur Grundlage hatte, aber in der Folge doch die Tugend befreite.

Eines Abends, vielleicht zwei Tage bevor beide ihr Leben verlieren sollten, sagte die Dubois zu Justine, sie moge sich nicht schlafen legen, sondern sich unauffällig so nahe als möglich dem Gitter aufhalten. »Zwischen 7 und 8 Uhr,« fuhr sie fort, »wird in der Conciergerie Feuer ausbrechen. Dafür habe ich gesorgt. Zweifellos werden viele Menschen umkommen, aber was liegt daran, wenn es sich um unser Wohl handelt. Ich kenne nicht dieses Band einer lächerlichen Brüderlichkeit, das die Menschendank ihrer Schwäche und dem Aberglauben, bindet. Handeln wir jeder für uns, meine Tochter, so wie uns die Natur geschaffen hat und wenn manchmal unsere Bedürfnisse uns anderen näher führen, trennen wir uns, wenn es unser Interesse erfordert; denn der Egoismus ist das oberste, gerechteste und heiligste Naturgesetz. Mit einem Wort, inmitten des Todes und der Flammen wollen wir – vier meiner Kameraden, du und ich – uns retten. Ja, ich verspreche es dir, wir werden uns retten. Was kümmert uns-, was aus den Uebrigen wird!«

Durch eine jener unbegreiflichen Launen des Geschicks war es, nachdem es eben die Unschuld an unserer Heldin bestraft hatte, jetzt dem Verbrechen dienstbar. Das Feuer brach tatsächlich in furchtbarem Maßstabe aus und sechzig Personen verbrannten. Aber Justine, die Dubois und ihre Mitverschworenen retteten sich und erreichten noch in derselben Nacht die Hütte eines Holzhauers im Walde von Bondy, der ein guter Freund der Verbrecherbande war.

»Du bist nun frei, Justine,« sagte jetzt die Dubois, »du kannst dir jetzt dein Leben einrichten, wie du willst. Aber wenn du meinem Rat folgst, mein Kind, so verzichtest du auf diese Tugendäußerungen, die, wie du siehst, dir noch niemals geholfen haben. Ein lächerliches Feingefühl, da es sich doch nur darum handelte, gefickt zu werden, brachte dich bis an die Stufen des Schaffots. Ein schreckliches Verbrechen rettet dich vor ihm. Sieh' also, wozu gute Handlungen in der Welt dienen und ob es der Mühe wert ist, sich dafür aufzuopfern. Du bist jung und hübsch, Justine. In zwei Jahren will ich dein Glück gemacht haben. Wenn man diesen Weg machen, will, muß man mehr als ein Handwerk kennen. Der Diebstahl, Mord, Raub, Brandstiftung, Hurerei, Ausschweifung, das sind die Tugenden unseres Standes. Ueberlege es dir, teures Mädchen, und gab uns bald Antwort. Denn es ist in dieser Hütte wenig sicher und wir müssen noch vor Tagesanbruch fort.« – »O, Madame,« erwiderte Justine, »ich bin Ihnen sehr zu Danke verpflichtet und weit davon entfernt mich dem entziehen zu wollen. Sie haben mir das Leben gerettet. Es ist schrecklich für mich, das dies durch ein Verbrechen geschah. Glauben Sie mir, daß, wenn ich es hätte begehen müssen, ich hundert Tode vorgezogen hätte. Ich merke wohl, welchen Gefahren ich durch meine Tugend ausgesetzt war. Aber wie groß immer sie gewesen sein mögen, ich werde sie auch weiterhin dem Glück vorziehen, das man durch ein Verbrechen erreichen muß. Es gibt in mir moralische und religiöse Grundsätze, die – dem Himmel sei Dank! – mich niemals verlassen werden. Wenn Gott mir Prüfungen schickt, so geschieht es, um mich in einer besseren Welt zu entschädigen. Diese Hoffnung tröstet mich, sie stärkt mich und läßt mich allen Leiden trotzen.«

»Tod und Teufel!« rief die Dubois mit gerunzelten Augenbrauen aus, »das sind unsinnige Gedanken, die Dich bald ins Gefängnis bringen werden. Laß Deinen niederträchtigen Gott laufen, meine Tochter; seine himmlische Gerechtigkeit, seine Belohnung und Bestrafung, alles das sind Plattheiten, die nur für Dummköpfe etwas taugen. Du bist zu klug, um dran zu glauben. O, Justine! Die Hartherzigkeit der Reichen berechtigt die Armen zu ihrer Schlechtigkeit. Ihre Schatzkammern mögen sich öffnen, die Menschlichkeit soll in ihre Herzen einziehen und wir werden nur für die Tugend leben. Die Natur hat uns Alle gleich geschaffen, Justine. Wenn das Schicksal mit seiner ungerechten Härte sich darin gefällt, dieses allgemeine Gesetz umzutoßen, so ist es unsere Sache, seine Launen zu korrigieren. Ich höre Ihnen gerne zu den reichen Leuten, den Beamten, den Priestern, wenn sie uns die Tugend predigen. Man kann leicht keine Lust zum Diebstahl haben, wenn man dreimal so viel hat, wie man zum Leben braucht, leicht keine Lust zum Morde haben, wenn man stets von Schmeichler umgeben ist. Glaube mir, mein Kind, wenn uns die Natur in eine Lage versetzt, in der uns die schlechte Tat zur Notwendigkeit wird und sie uns gleichzeitig die Möglichkeit gibt, schlecht zu handeln, so dient das Böse ihren Gesetzen sicher ebenso wie das Gute. Der Zustand, in dem sie uns geschaffen hat, ist der der Gleichheit. Derjenige, der diesen Zustand zerstört, ist nicht schuldiger, wie der, der ihn wiederherzustellen trachtet. Beide handeln so, wie sie es müssen.«

Die Beredsamkeit der Dubois wirkte viel rascher wie die der Delmouse. Die Sache des Verbrechens wird einem Unparteiischen gegenüber viel besser von dem verteidigt, der aus Not handelt, wie von dem, der sich ihm nur um der Wollust willen hingibt. Justine war wie betäubt und glaubte schon, der Verführung dieser geschickten Frau nachgeben zu müssen. Aber eine stärkere Stimme in ihrem Herzen bekämpfte diese Schwäche, und sie erklärte der Verführerin, daß ihr das Verbrechen ein Greuel sei, und daß sie lieber sterben wolle als jemals eines zu begehen. »Nun gut,« erwiderte die Dubois, »mache was Du willst. Ich überlasse Dich Deinem schlimmen Stern. Aber wenn Du wieder ergriffen werden solltest, was ja bei Deinem Ungeschick nicht ausbleiben wird, sprich niemals von uns anderen.«

Während dieses Zwiegespräches tranken die vier Genossen der Dubois mit dem Holzhauer; und da der Wein gewöhnlich die Seele des Missetäters zu größeren Exzessen aufstachelt, beschlossen die Bösewichte, nachdem sie den Bescheid Justines erfahren hatten, aus ihr ein Opfer zu machen. Ihre Grundsätze, ihre Beschäftigung (es waren Straßenräuber), ihre Sitten, ihr gegenwärtiger Körperzustand (man ist nach drei Monaten Gefängnis sehr geil), die Finsternis, die Sicherheit, in der sie sich befanden, ihre Trunkenheit, die Unschuld Justines, ihr Alter und ihre göttlichen Reize: alles das feuerte sie an und ermunterte sie. Sie hörten auf zu trinken und beratschlagten. Dann befahlen sie Justine, sie möge sich auf der Stelle den Wünschen eines jeden von den Vieren hingeben. Wenn es gutwillig geschähe, würden sie ihr jeder einen Taler geben. Sollten sie aber Gewalt gebrauchen müssen, so würde es auch so gehen. Dann aber würden sie sie nach Gebrauch erdolchen und verscharren, damit das Geheimnis bewahrt bleibe.

Man kann unmöglich die Wirkung schildern, die diese neue Grausamkeit in Justine hervorrief. Sie warf sich der Dubois zu Füßen und beschwor sie, noch einmal ihre Beschützerin zu sein. Aber die lachte blos über ihre Tränen. »Heiliger Himmel!« sagte sie zu ihr. »Du bist aber sehr unglücklich zu nennen! Du schauderst darüber, daß du von diesen vier schönen jungen Männern hintereinander gefickt werden sollst! Sieh,« sagte sie, indem sie ihr die Vier einzeln vorführte, »sieh diesen hier, er heißt Kettenbrecher, ist fünfundzwanzig Jahre alt und hat ein Glied ... das man bewundern müßte, wenn nicht das meines Bruders hier wäre. Er heißt Eisenherz und ist dreißig Jahre alt. Sieh Dir diesen Wuchs an und erst dies Glied! Ich wette, daß Du es mit beiden Händen nicht umfassen kannst. Dieser Dritte heißt Obdachlos. Sieh diesen Schnurrbart an. Er ist sechsundzwanzig Jahre alt und (leise zu Justine) am Abend, bevor wir eingesperrt wurden, hat er mit mir elf Nummern hintereinander gemacht. Aber bei dem Vierten mußt Du mir zugestehen, daß er ein Engel ist. Er ist für seinen Beruf zu schön, zählt einundzwanzig Jahre und wir nennen ihn den Lebemann. Bei seinen Veranlagungen wird er es auch werden; aber sein Glied, Justine, sein Glied mußt du sehen. Sieh, wie lang, wie dick und wie hart es ist, wie wundervoll diese Spitze ist. Ich versichere dich, wenn ich dieses Ding in meinen Eingeweiden habe, glube ich besser gefickt zu weiden als Messaline es jemals wurde. Aber weißt Du auch, mein Kind, daß es 10.000 Frauen in Paris gibt, die die Hälfte ihres Vermögens oder ihres Schmuckes darum gäben, wenn sie an Deiner Stelle sein könnten.« Nach einigem Nachdenken fuhr sie fort: »Höre, ich habe genug Macht über diese Schelme, damit Dir von ihnen Gnade gewährt werde, aber Du mußt ihrer würdig sein.« – »Ach, Madame, was muß ich tun? Befehlen Sie mir!« – »Du mußt uns nachfolgen, töten, stehlen, vergiften, mißhandeln, Brandstiften, Rauben, Verwüsten wie wir. Um diesen Preis will ich Dich retten.« Jetzt schien es Justine, als ob sie nicht zögern dürfe. Denn die neuen Gefahren, die ihr durch ihre Einwilligung drohten, waren nicht so nahe. »Nun gut, Madame, ich will überallhin mitgehen,« rief sie aus, »überallhin, ich verspreche es Ihnen! Retten Sie mich vor der Wut dieser Männer und ich will Sie in Ihrem Leben nicht wieder verlassen!«

»Kinder,« sagte die Dubois, »dieses Mädchen gehört jetzt zu unserer Truppe. Ich nehme sie auf. Ich bitte, ihr keine Gewalt anzutun. Durch ihre Jugend und ihre Gestalt kann sie uns nützlich sein, also verleiden wir ihr nicht ihren neuen Beruf.«

Aber es gibt Grade der Leidenschaft, bei denen nichts mehr verfängt; und je mehr man dann versucht, die Stimme der Vernunft zu Gehör zu bringen, desto weniger wird sie gehört. Die Kameraden der Dubois befanden sich in diesem unglückseligen Zustand und alle Vier warteten mit dem Glied in der Hand auf die Entscheidung der Würfel, wer die Erstlinge erhalten solle. »Nein,« sagte Kettenbrecher, »die Hure muß dran glauben. Es gibt nichts, das sie retten kann. Würde man nicht sagen, daß man eine Jungfernprobe ablegen müsse, bevor man in eine Diebsgesellschaft aufgenommen wird!« – »Teufel noch einmal! Ich will ficken!« rief Obdachlos aus, indem er sich Justine mit dem Glied in der Hand näherte, »ja, bei Gott, der mich im Arsche lecken kann, ich will ficken – oder sie erwürgen; sie möge wählen!«

Unser unglückliches Kind schauderte. Kaum konnte sie atmen. Sie warf sich vor den vier Banditen nieder und ihre schwachen Arme streckten sich flehend aus: »Einen Augenblick,« sagte jetzt Eisenherz, der in seiner Eigenschaft als Bruder der Dubois die Ehre hatte, der Truppe zu kommandieren, »einen Augenblick, meine Freunde. Mir steht er so wie Euch,« fuhr er fort, indem er mit seinem Glied auf den Tisch klopfte und damit eine Nuß entzweischlug. »Wie Ihr, will ich entladen. Aber ich glaube, daß es trotzdem möglich ist, daß jedermann zufrieden gestellt wird. Da diese kleine Hure so viel auf ihre Tugend hält und uns diese Eigenschaft an ihr nützlich werden kann – wie meine Schwester sehr richtig bemerkte – so wollen wir ihr ihre Jungfernschaft lassen. Aber wir müssen befriedigt werden, und in dem Zustand, in dem wir uns befinden, wurden wir, wie du bemerken kannst, meine liebe Schwester, vielleicht euch beide erwürgen, wenn Ihr euch unseren Wünschen widersetztet. Die entfesselten Leidenschaften eines Mannes sind fürchterlich und du wirst dich erinnern schon oft unseren Samen in Blut hineinrinnen gesehen zu haben. Also füge dich, ich rate es dir. Folgendes ist mein Vorschlag:

Justine muß sich völlig nackt ausziehen und dann der Reihe nach sich den wollüstigen Launen eines jeden hingeben, während die Dubois das Opfer empfangen wird, dem diese Närrin den Eingang verweigert.«

»Nackt ausziehen?!« rief Justine, »ich soll mich vor Männern entkleiden? O, gerechter Gott, was verlangen Sie von mir? Und wer beschützt mich dann vor Ihren Angriffen, wenn ich mich Ihren Blicken ausgeliefert haben werde?« – »Wer schützt Dich denn jetzt, Hure?« sagte der »Lebemann«, indem er eine Hand unter Justines Röcke steckte und seine Lippen auf ihren Mund preßte. »Ja, wer Teufel, schützt Dich?« sagte Obdachlos, indem er die Kehrseite bearbeitete. »Du siehst wohl, daß Du uns ausgeliefert bist. Du siehst wohl, daß Dir nichts anderes übrig bleibt, als Dich zu unterwerfen.« – »Vorwärts, laßt sie los,« sagte Eisenherz, indem er Justine seinen Kameraden entriß, »laßt sie ruhig unseren Anordnungen nachgehen.« – »Nein,« sagte Justine, sobald sie sich frei sah, »nein, Sie können mit mir machen, was Sie wollen; Sie sind die Stärkeren; aber Sie werden nichts gutwillig von mir erreichen.« – »Nun denn, Hure,« sagte Eisenherz, indem er ihr eine Ohrfeige versetzte, die sie aufs Bett warf, »so werden wir Dich entkleiden.« Damit zog er ihr die Röcke über den Kopf und löste sie mit seinem Messer auf so schreckliche Art los, daß man einen Augenblick glaubte, daß der Schuft den Bauch der Unglücklichen entzweigeschnitten habe. Sofort war der schönste Körper der Welt den Blicken der Wollust preisgegeben. »Verteilen wir uns,« sagte Eisenherz. »Du, Schwester, lege Dich auf dieses Bett und Kettenbrecher soll ihn Dir hineinstecken. Justine soll mit gespreizten Beinen ober der Dubais hockend, ihre Scheide Kettenbrecher nähern und ihm in den Mund pissen. Ich kenne seine Wünsche.« – »Teufel, ja,« sagte der geile Bock, indem er sich rasch an das Loch der Dubois heranmachte, »es gibt für mich keinen größeren Genuß, und ich danke Dir, daß Du daran gedacht hast.« Er steckte sein Glied hinein, es wurde gepisst, er entlud und Obdachlos ging an die Arbeit. »Während ich Deine Schwester ficke,« sagte er zum Befehlshaber, »halte mir dieses Lumpenweib vor Augen.« Man tat es, und er schlug mit der flachen Hand bald auf die Wangen, bald auf die Brust Justines. Manchmal küsste er sie auf den Mund und biß ihr in die Zungenspitze, dann wieder rieb er ihr die Brustrosen derart, daß sie fast ohnmächtig wurde. Sie litt furchtbar und bat um Gnade. Tränen rannen ihr aus den Augen, aber das entflammte den Verbrecher umsomehr. Als er es kommen fühlte, nahm er während des Fickens Justine und schleuderte sie zehn Schritte weit von sich weg.

Nun kam die Reihe an den »Lebemann«. Er steckte ihn der Dubois hinein, aber Eisenherz sagte: »Warte, mein Sohn, ich will Dich von hinten bearbeiten und dieses Lumpenweib wollen wir zwischen uns nehmen. Du wirst Dich mit ihrem vorderen Loch und ich mit ihrem hinteren befassen.« Und die unglückliche Justine wurde hin und her gestossen, bis die beiden Fickenden Stellung wechselten und so, der eine der Gatte seiner Schwester und der andere der Liebhaber seines Schwagers wurde. Aber Justine gewann dabei nichts, denn Eisenherz, den die Sache aufregte, wurde nur umso grausamer. »Wir wollen sehen, wer stärker schlagen kann,« sagte er, indem er ihr auf die Wangen schlug. »Du Bruder, schlage sie auf den Popo.« So schlugen sie, bis Justine Blut aus der Nase kam. »Ah, das wollte ich!« sagte Eisenherz, indem er seinen Mund darunter hielt. »Kettenbrecher, Du willt Pisse, ich will Blut haben.« Endlich entlud er und rasch nach ihm sein Reiter. So herrschte wieder Ruhe in der Truppe.

»Es scheint mir,« sagte die Dubois, indem sie sich erhob, »als ob ich bei der ganzen Sache am meisten gewonnen hätte.« – »Das weist Du immer so einzurichten,« entgegnete ihr Bruder, »damit Du selbst gefickt wirst, hast Du nicht wollen, daß wir dieses kleine Mädchen entjungfern. Aber Geduld, sie wird nichts verlieren.«

Man sprach jetzt vom Aufbruch; und noch in derselben Nacht erreichte die Truppe Le Tremblai mit der Absicht, bis in die Wälder von Chantilly vorzudringen.

Nichts glich der Verzweiflung Justines. Wir glauben, daß unsere Leser sie jetzt genügend kennen, um gewiß zu sein, daß sie nur mit dem allergrößten Widerwillen diesen Leuten folgte, und daß, wenn sie es tat, es nur mit dem festen Entschluß geschah, so bald als möglich aus ihrer Nähe zu flüchten.

Unsere Verbrecherbande übernachtete in der Umgebung von Louvres auf Strohbündeln.

Unsere keusche Waise hatte die Absicht, die Nacht an der Seite der Dubois zu verbringen. Aber die Hure hatte Anderes zu tun, als die Tugend Anderer zu beschützen. Drei Banditen waren mit ihr beschäftigt und allen Dreien gab sie sich zu gleicher Zeit hin. Der vierte – Eisenherz – näherte sich! Justine. »Schönes Kind,« sagte er zu ihr, »ich hoffe, daß Sie mir wenigstens gestatten, die Nacht in Ihrer Nähe zu verbringen. Fürchten Sie nichts,« fuhr er fort, als er ihren Widerwillen bemerkte, »wir werden plaudern und nichts soll ohne Ihren Willen geschehen.«

»O Justine,« fuhr er fort, indem er sie in seine Arme preßte, »ist es nicht eine Narrheit von Ihnen, daß Sie sich bei uns keusch erhalten wollen? Ja wird das überhaupt mit dem Interesse der Bande vereinbar sein? Es wäre unnütz, vor Ihnen ein Geheimnis daraus zu machen, daß, wenn wir nach den Städten kommen werden, wir mit Hilfe Ihrer Reize Fallen stellen wollen.« – »Nun, mein Herr,« erwiderte Justine, »da ich eher den, Tod vorziehen würde, als dazu behilflich sein, warum widersetzen Sie sich meiner Flucht?« – »Sicherlich widersetzen wir uns, mein Engel,« erwiderte Eisenherz. »Sie müssen entweder unserer Lust oder unserem Interesse dienen. Ihr Unglück legte Ihnen dieses Joch auf. Aber, Justine, Alles in dieser Welt läßt sich ins richtige Geleise bringen. Hören Sie mir also zu: Wenn Sie einwilligen, mit mir zu leben, mir allein anzugehören, so erspare Ich Ihnen die traurige Rolle, die Sie erwartet.« – »Ich soll die Geliebte eines ...« – »Sprechen Sie es nur aus, eines Gauners, werden, nicht wahr? Sicherlich kann ich Ihnen keinen anderen Titel bieten, aber überlegen Sie ein wenig. Da Sie doch unbedingt das verlieren müssen, was Ihnen so kostbar ist, ist es nicht besser, es einem einzelnen Mann zu opfern, der dann Ihre Stütze und Ihr Beschützer wird, als Allen?« – »Warum aber soll mir ein anderer Weg nicht möglich sein?« – »Weil wir Sie festhalten, mein Kind, und der Stärkere immer im Recht ist. In Wahrheit,« fuhr Eisenherz rasch fort, »wie kann ein Mädchen so einfältig sein und glauben, daß ihre Tugend von der mehr oder minder großen Weite eines ihrer Körperteile abhängt? Diese Keuschheit, die man sie von Kindheit an als Tugend betrachten lehrte, beleidigt sichtbarlich sowohl die Natur wie die menschliche Gesellschaft. Aber schön; ich will Ihnen beweisen, daß ich Ihnen gern gefallen möchte und Ihre Schwäche achten will. Ich werde dieses Phantom, dessen Besitz Sie so erfreut, nicht berühren. Ein so hübsches Mädchen hat mehr als eine Gunst zu vergeben und Venus wird bei ihr in mehr als einem Tempel verehrt. Ich will mich mit dem schmalsten begnügen. Sie wissen, meine Teure, in der Nähe des Labyrinths von Cypris gibt es einen dunklen Gang, in dem sich die Liebesgötter verstecken, um uns mit noch mehr Kraft zu locken. Dort ist der Altar, auf dem ich opfern will; daran ist nicht das Mindeste auszusetzen. Wenn Sie eine Schwangerschaft befürchten, so ist Ihre Furcht in diesem Falle unbegründet. Ihre schöne Gestalt wird nicht verloren gehen. Ihre Erstlinge bleiben Ihnen bewahrt und Sie werden Sie einst keusch darbieten können. Nichts verrät ein Mädchen, das auf dieser Seite liebt. Wie heftig die Angriffe sein mögen, sobald die Biene den Honig aufgesaugt hat, schließt sich der Kelch der Rose derart fest, daß man glaubt, er könne sich nicht wieder öffnen. Wie viele Mädchen gibt es nicht, die zehn Jahre auf diese Art Lust genossen haben und sich später als Jungfrauen verheiratet haben. Wie viele Väter, wie viele Brüder gibt es nicht, die ihre Töchter, ihre Schwestern so gebraucht haben, ohne daß sie deshalb weniger würdig geworden seien, den Ehebund zu schließen. Mit einem Wort: dieser Gang ist das Obdach des Geheimnisses. Dort verbindet sich die Liebe mit der Keuschheit. Soll ich Ihnen noch mehr sagen, Justine? Wenn dieser Tempel der geheimnisvollste ist, so ist er auch gleichzeitig der wonnevollste. Die weite Annehmlichkeit des Nachbars taugt lange nicht so viel wie der aufregende Zauber eines Lokals, in das man nur mit Anstrengung eindringt, und in dem man nur mit Mühen wohnt. Selbst die Frauen gewinnen dabei nur und diejenigen, die einmal aus Vernunftsgründen gezwungen waren, nur diesen Weg beschreiten zu lassen, bleiben immer dabei. Versuchen Sie es, Justine. Leihen Sie mir Ihren göttlichen kleinen Popo und wir werden beide zufrieden sein.«

»Mein Herr,« sagte Justine, indem sie sich, so gut es ging, den Angriffen des Wüstlings widersetzte, »o, mein Herr, ich habe keinerlei Erfahrung in den greulichen Dingen, von denen Sie sprechen. Aber ich habe trotzdem sagen hören, daß dieses Vergehen sowohl die Frauen wie die Natur selbst beleidigt. Gottes Hand bestraft es in dieser Welt und die fünf Städte Sodom, Gomorrha u.s.w., die Gott in Flammen untergehen ließ, sind ein überzeugendes Beispiel wie empört der Ewige über diese Handlung ist. Die menschliche Gerechtigkeit hat, so gut sie konnte, die Strafe des höchsten Wesens übernommen und die Unglücklichen, die sich diesem Laster hingeben, lassen ihr Leben auf Scheiterhaufen.«

»Welche Unschuld! Welche Kindlichkeit!« fuhr Eisenherz fort. »O, Justine, wer konnte Ihnen so dumme Vorurteile einpflanzen? Hören Sie noch ein wenig zu und ich will Ihre Befürchtungen richtigstellen.«

»Das einzige Verbrechen, das in diesem Falle überhaupt liegen kann, ist der Verlust des zur Fortpflanzung bestimmten Samens. Wenn dieser Samen einzig zu Fortpflanzungszwecken in uns hineingelegt ist, so gestehe ich, daß es ein Vergehen wäre, ihn zu mißbrauchen. Aber, so wie bewiesen ist, daß viel mehr Samen da ist als die Natur zu besagtem Zwecke gebraucht, was liegt dann daran, Justine, ob er in die Scheide oder in den Popo, in den Mund oder in die Hand fließt? Der Mensch, der ihn ander weitig verbraucht, handelt nicht schlechter als die Natur, die ihn überhaupt nicht verwendet. Schon die Möglichkeit der Ausführung sind ein Beweis dafür, daß diese Zerstreuungen sie nicht beleidigen. Ferner werden solche Samenverschleuderungen hundert und hundertmillionenmal täglich von ihr selbst ausgeführt. Die nächtlichen Pollutionen, die Nutzlosigkeit des Samens, wenn die Frau schwanger ist, seine Gefährlichkeit, wenn sie in den Regeln ist, beweisen zur Genüge, daß die Natur diese Verluste für gut befindet. Ah! Glaube mir, meine teure Justine, die Natur kümmert sich wenig um diese Kleinigkeiten, sie eilt mit raschem Schritt ihrem Ziele zu und beweist täglich dem, der sie zu ergründen sucht, daß sie nur schafft, um zu zerstören. Die Zerstörung, das oberste aller Gesetze, weil nichts ohne Zerstörung geschaffen werden kann, gefällt ihr weit mehr als die Fortpflanzung, die von einer griechischen Philosophenschule mit Recht das Ergebnis von Morden genannt wird. Aber Du sprachest auch von Gott, der einst diese Verirrungen an elenden arabischen Nestern bestraft haben soll, die kein Geograph jemals gekannt hat. Da müßte man vorerst die Existenz eines Gottes annehmen und davon bin ich weit entfernt. Dann müßte man sich vorstellen, daß dieser Herr und Schöpfer des Weltalls sich erniedrigt hat, nachzusehen, ob die Menschen ihr Glied in eine Scheide oder in einen Popo einführen! Welche Kleinlichkeit! Welch Unsinn! Nein, Justine, es gibt keinen Gott. Nur in der Werkstatt des Schreckens und des Kummers schuf der unglückliche Mensch das Phantom, das er Gott nannte. Und wozu benötigen wir diesen Weltbeweger, wenn vernünftiges Naturstudium uns zeigt, daß die ständige Bewegung das oberste Gesetz ist? Wenn Alles sich aus sich selbst in Ewigkeit fortbewegt, so hat doch der Ordner, an den Sie glauben, höchstens einen Tag lang gearbeitet. Nun, wie können Sie einen Gott verehren, der sich heutzutage als unnütz erweist? – Aber kehren wir wieder zurück, Justine Glauben Sie nicht länger, daß die Hand dieses unnützen Phantoms die arabischen Dörfer vernichtet hat, von denen wir sprachen. Da sie auf einem Vulkan aufgebaut waren, wurden sie, wie später die Städte in der Nähe des Vesuvs und des Aetna, durch ein Naturphänomen eingeäschert, das rein physikalischen Ursachen entspringt und nichts mit den Sitten der Stadtbewohner zu tun hat. Sie sagten, die menschliche Gerechtigkeit habe die Gottes nachahmen wollen. Aber ich beweise Ihnen eben, daß es nicht die Gerechtigkeit Gottes, sondern ein Naturphänomen war, was diese Städte zerstörte. Und jetzt, nachdem ich Philosoph war, will ich Ihnen als Rechtsgelehrter sagen, Justine, daß dieses Gesetz eine alte Verordnung des heiligen Ludwig ist. Heutzutage begnügt man sich aber mit einer vorübergehenden Bestrafung. Und sobald der Mensch einmal auf einer höheren philosophischen Stufe stehen wird, wird er selbst diese unnütze Einschränkung fallen lassen, und man wird erkennen, daß, da wir nicht Herr unserer Neigungen sind, wir für sie ebenso wenig zu büßen haben, als dafür, daß wir krumm oder schief gewachsen sind!«

Eisenherz geriet in Flammen, während er diese klugen Gedanken entwickelte. Er lag ausgestreckt neben Justine gerade in der Stellung, in der er sich an ihr zu befriedigen wünschte Unmerkbar hob er die Röcke unserer Heldin auf, die halb aus Furcht, halb weil sie den Verlockungen nachgab, nicht sich zu widersetzen wagte. Kaum sah sich der Schuft als Herr der Situation, als er sofort das erhitzte Glied befreite, das bloß auf die Bresche wartete, um sich hineinzustürzen. Mit seiner rechten Hand lenkte er seine Rute, während er mit der linken Justine an sich heranzog, die sich darauf beschränkte, sich ein wenig zu sträuben und das zu retten, was ihr als das Wertvollste erschien. »O Himmel!« rief er jetzt aus, »ich habe sie,« und mit einem kräftigen Stoß verletzte er das kleine, zarte Loch, das er durchbohren wollte, derart, daß die erschreckte Justine einen Schrei ausstieß, aufsprang und zur Gruppe der Dubois stürzte. »Was ist das?« rief die Hure aus, die eben einschlief, nachdem die drei Männer sie müde gemacht hatten. »Ach, Madame, ich bin es,« erwiderte die zitternde Justine, »Ihr Bruder ... er will ...!« – »Ja, ich will ficken!« rief Eisenherz aus, indem er sein Opfer verfolgte und sie rauh ergriff, »ich will dieses kleine Mädchen von hinten bearbeiten, was immer es koste!« – Justine war jetzt der größten Gefahr ausgesetzt, wenn nicht Wagengerassel von der Landstraße her hörbar geworden wäre.

Der furchtlose Eisenherz verließ alsbald sein Vergnügen, um seiner Pflicht nachzugehen. Er weckte seine Leute auf und eilte anderem Verbrechen nach.

»Ah! Alles geht gut!« rief die Dubois aus, die erwacht war und jetzt mit Aufmerksamkeit lauschte. »Das sind die Schreie. Nichts macht mich vergnügter als diese sicheren Zeichen des Sieges. Sie beweisen mir, daß unsere Leute Erfolg hatten und ich ruhig sein kann.« – »Aber die armen Opfer, Madame,« sagte unsere schöne Abenteuerin. – »Was liegt an ihnen! Es muß immer welche auf Erden geben ... Und die, die im Heere sterben?« – »Ah, dafür gibt es Gründe.« – »Unendlich weniger wichtige wie hiefür. Nicht um leben zu können, geben Tyrannen ihren Heerführern Befehl, ganze Nationen zu erdrücken. Aus Stolz geschieht das. Wir wollen bloß leben können und das rechtfertigt unsere Handlungen.« – »Aber Madame, man arbeitet, man hat einen Beruf.« – »Ach was, mein Kind, dies hier ist der unsere, ihn üben wir seit unserer Kindheit aus, in ihm sind wir erzogen worden. Und dieser Beruf war ein ursprünglicher bei allen Völkern der Erde. In ganz Griechenland war der Diebstahl geachtet, und noch heute belohnen ihn viele Völker, weil er gleichzeitig von Mut und Geschicklichkeit Zeugnis ablegt.« Und die Dubois hätte zweifellos eine größere Rede über diesen Gegenstand gehalten,6 wäre nicht die Truppe mit einem Gefangenen in der Mitte zurückgekehrt.

»Der wird mich für die Härte Justines entschädigen,« sagte Eisenherz, der ihn führte; und man erkannte jetzt im Mondenschein einen wunderschönen fünfzehnjährigen Knaben. »Ich habe seine Eltern getötet,« sagte der Verbrecher, »seine kaum zehnjährige Schwester vergewaltigt und so glaube ich, daß es nur gerecht ist, wenn ich ihn in den Hintern ficke.« Während dieser Rede drehte er den Strohhaufen um, der unserer Truppe als Obdach diente und bald hörte man dumpfe Schreie sich mit geilem Stöhnen mischen. Nach und nach wandelten sich die ersteren in Röcheln, das bewies, daß der kluge Schuft, der von seinem Verbrechen keine Spur hinterlassen wollte, gleichzeitig das doppelte Vergnügen genoss, den Gegenstand der Wollust zu ficken und zu ermorden. Als er zurückkam, war er mit Blut bedeckt. »Beruhige dich jetzt, Justine,« sagte er. »Ich bin jetzt ruhig und du kannst es auch sein, bis neue Wünsche in mir nach neuen Greueln verlangen.« – »Brechen wir auf, Freunde,« sagte er zur Truppe, »wir haben 6 Personen getötet, die Leichname liegen auf der Straße; es wäre möglich, daß es für uns schon in einigen Stunden hier nicht mehr sicher genug wäre.« Nun wurde die Beute geteilt. Eisenherz wollte, daß Justine seinen Anteil bekomme, der sich auf 20 Louis belief. Man mußte sie zwingen das Geld anzunehmen, da sie davor zurückschauderte solches Geld anzunehmen. Nun brach man auf.

Am nächsten Tag, als sich die Diebe im Wald von Chantilly in Sicherheit glaubten, begannen sie ihr Geld zu zählen. Als sie fanden, daß sich die ganze Beute nur auf 200 Louis belief, sagte einer: »Wahrhaftig, wegen dieser kleinen Summe war es nicht der Mühe wert sechs Morde zu begehen.«

»Sachte, Freunde,« erwiderte die Dubois. »Nicht wegen der Summe habe ich euch ermahnt, als Ihr aufbrachet, nichts zu schonen. Das geschah nur wegen unserer Sicherheit. Diese Verbrechen muß man den Gesetzen in die Schuhe schieben und nicht uns; denn so lange man Diebe bestraft, werden sie morden, um nicht entdeckt zu werden. Wieso können Sie übrigens behaupten, daß 6 Mordtaten nicht durch 200 Louis genug bezahlt sind? Man darf niemals die Dinge nach den Beziehungen schätzen, die sie zu unseren Interessen haben. Sicherlich gäben wir keinen Obulus dafür her, daß diese Personen statt im Grabe zu liegen auf der Welt wären. Auch gibt es keinen wahren Genuß als den materiellen. So sind nicht nur 200 Louis genug für sechs Mordtaten, sondern selbst 30 Sou würden zur Rechtfertigung genügen. Denn diese 30 Sau hätten uns eine Befriedigung verschafft, die, obwohl nicht eben groß zu nennen, uns doch viel lebhafter erfreut hätte, als die 6 Mordtaten allein. Denn selbst in uns erregen diese nur einen ziemlich angenehmen Kitzel, da ja der Mensch immer eine Art Befriedigung über das Mißgeschick und das Unglück der Anderen empfindet.

Körperschwäche, Denkfehler und die verfluchten anerzogenen Vorurteile: das hält die Dummköpfe von einer verbrecherischen Laufbahn ab, das verhindert sie, sich unsterblich machen. Aber jedes vollkräftige, energische Wesen, das sich selbst mehr liebt als Andere, wird sich über Gott und Menschen lustig machen, dem Tod trotzen und die Gesetze verachten. Der Genuß ist ihm angenehm, so wird er sich ihn verschaffen. Die Wirkung des Verbrechens berührt ihn nicht, also kann er es begehen. Nun frage ich Sie, welcher vernünftige Mensch wird nicht gerne solch' leichte Dinge begehen, die ihn nicht näher berühren, um sich solche Genüsse zu verschaffen, die ihm angenehm sind?«

»O, Madame!« sagte Justine zur Dubois und erbat von ihr die Erlaubnis zu antworten, »merken Sie nicht, daß ihr Urteil in dem geschrieben steht, was Ihnen eben entschlüpft ist, Höchstens dem Wesen, das genug mächtig ist, um nichts von anderen befürchten zu müssen, kämen solche Grundsätze zu. Aber wir von allen ehrlichen Leuten Geächteten, von allen Gesetzen Verdammten, sollen wir nach Regeln leben, die höchstens das Schwert verschärfen können, das über unseren Häuptern hängt? Aber selbst wenn wir uns nicht in dieser traurigen Lage, wenn wir uns im Mittelpunkt der Gesellschaft befänden, können Sie glauben, Madame, daß solche Grundsätze uns zum Vorteil gereichen würden? Wie soll der nicht untergehen, der in seinem blinden Egoismus allein gegen den Interessenverband der anderen kämpfen will? Kann denn das alleinstehende Wesen sich gegen alle anderen stellen? Die Gesellschaft kann nur bestehen, wenn in ihr ununterbrochen Woltaten ausgetauscht werden. Darauf beruht sie, das sind ihre Stützen. Derjenige, der statt dieser guten Taten Verbrechen darbietet, wird unbedingt bekämpft werden, wenn er der Schwächere ist, er wird aber von dem ersten Besten erdrückt werden, wenn er der Schwächere ist. Auf jeden Fall aber wird er schließlich ausgetilgt werden. Das ist der Grund, weshalb verbrecherische Gesellschaften unmöglich lange bestehen können. Selbst unter uns, Madame, könnte niemals Eintracht herrschen, wenn Sie jedem anraten würden, nur seinem eigenen Interesse zu gehorchen. Könnten Sie von diesem Augenblicke an gerechtere weise dem etwas vorwerfen, der uns andere erdolchen wollte? Welch' schönes Lob für die Tugend, daß sie selbst in einer verbrecherischen Gesellschaft vonnöten ist und daß sich diese Gesellschaft nicht einen Augenblick ohne diese Tugend erhalten könnte.«

»Welch' schreckliche Sophismen,« erwiderte Eisenherz. »Nicht die Tugend erhält verbrecherische Vereinigungen, sondern das Interesse und der Egoismus. Sie sind auf dem Holzweg mit Ihrem Lob der Tugend, Justine. Nicht weil ich tugendhaft bin, erdolche ich nicht meine Kameraden, sondern weil ich dann als Einzelner der Mittel beraubt wäre mir die Vorteile zu verschaffen, die mir durch ihre Hilfe möglich sind. Nur dieser Grund hält uns zurück; und dieser Grund, Justine, ist ein rein egoistischer, er hat mit der Tugend nichts zu tun. Sie sagen, daß derjenige, der allein gegen die Gesellschaft ankämpfen will, sich gefasst machen muß erdrückt zu werden. Wird er es nicht eher werden, wenn er sich seinem Elend und der Vernachlässigung der Menschen überläßt? Aber, werden Sie sagen, daraus würde ein ständiger Kriegszustand entstehen. Nun denn, gut. Ist dies nicht das einzig Wahre? Hat uns nicht die Natur blos dazu geschaffen?« Die Menschen waren ursprünglich neidisch, grausam und despotisch, jeder wollte alles für sich haben und nichts abtreten. So stritten sie ununterbrochen um ihr Recht; da kam der Gesetzgeber und sagte: »Höret auf, euch so zu zerfleischen. Wenn Ihr jeder dem Anderen einen Teil abgebet, wird Friede herrschen.« Ich will nichts gegen den Vorschlag an und für sich sagen. Aber es gibt zweierlei Arten von Menschen, die immer gegen seine Ausführung sein werden. Das sind die Stärkeren, die es nicht nötig hatten, etwas abzugeben, um glücklich zu sein, und die Schwächeren, die vielmehr abtreten mußten, als sie wiedererhielten. Jedoch die Gesellschaft besteht nur aus stärkeren und schwächeren Wesen und der Kriegszustand, der vorher herrschte, mußte sich als viel vorteilhafter erweisen, da er jedem freie Ausübung seiner Kräfte und seiner Tätigkeit ließ. Das wahrhaft gute Wesen lehnt sich gegen den Vertrag auf und verletzt ihn, so oft es kann, da es gewiß ist, daß es dadurch mehr Vorteile erhält als es als schwächeres verlieren könnte. Denn sowie ein Mensch den Vertrag einhält, ist er der Schwächere, sowie er ihn bricht – der Stärkere; und wenn die Gesetze ihn wieder in die schwächere Klasse zurückführen wollen, so ist das Schlimmste, was ihm zustoßen kann, der Tod und der ist unendlich weniger zu beklagen als ein Dasein in Elend und Unglück. Es gibt also für uns zwei Chancen: »Das Verbrechen, das beglückt oder das Schaffot, das uns hindert, unglücklich zu sein. Kann man da noch schwanken? Und kannst du, Justine, mir etwas Wirksameres darauf entgegnen?«

»Tausenderlei, mein Herr, tausenderlei,« erwiderte lebhaft Justine. »Darf denn der Mensch nur auf dieses Leben sein Augenmerk richten? Ist es denn etwas anderes als ein Uebergang, der, wenn der Mensch vernünftig ist, ihn zu Jener ewigen Glückseligkeit führt, die der Lohn der Tugend ist? Ich will einen Augenblick mit Ihnen annehmen, daß das Verbrechen den Verbrecher hier auf Erden glücklich machen kann. Glauben Sie denn, daß die Gerechtigkeit Gottes, die trotz Ihrer Verleugnung existiert, daß diese ewige Gerechtigkeit nicht in der anderen Welt Rache ausübt an dem Bösewicht? Ah, behaupten Sie nicht das Gegenteil, mein Herr, ich beschwöre Sie; der einzige Trost im Unglück ist der Gedanke, daß das, was die Men schen an uns sündigen, von Gott vergolten werden wird! Denn wer sollte uns sonst rächen?« – »Wer? Niemand, Justine, durchaus niemand. Es ist durchaus nicht notwendig, daß der Unglückliche gerächt werde. Er hofft es, weil er es wünscht. Dieser Gedanke ist für ihn ein Trost, aber er ist deshalb nicht weniger falsch. Ja, mehr noch: Der Unglückliche muß leiden. Seine Demütigung, seine Schmerzen werden von Naturgesetzen bestimmt und sind in dem Getriebe der Welt ebenso nötig, wie Bevorzugte, der ihn erdrückt. Diese Wahrheit ist es, die die Gewissensbisse in der Verbrecherseele ertöten muß. Wenn die Natur uns Neigungen zum Bösen eingeflößt hat, gehorchen wir: Denn das Böse ist ihr notwendig. Begehen wir es ohne Furcht; denn nur wenn wir uns widersetzen würden, würden wir die Natur beleidigen. Aber da Sie noch einmal auf Gottesphantome zurückgekommen sind, Justine, so erfahren Sie denn, unschuldige Jugend, daß diese Religion, auf die Sie sich närrischerweise stützen, und die nur die Huldigung ist, die der Mensch seinem Schöpfer schuldig zu sein glaubt, zusammenfällt, sobald erwiesen ist, daß dieser Schöpfer nicht existiert. Hören Sie denn noch einmal, was ich über diesen Gegenstand zu erwidern habe.

Die ersten Menschen erschraken über die Naturereignisse und glaubten notwendigerweise, daß sie von einem erhabenen und unbekannten Etwas ausgingen. Oone nachzudenken nahm er blindlings ein höchstes Wesen an und errichtete ihm Altäre, von diesem Augenblick an bildete sich jede Nation eines – je nach ihren Sitten, ihrer Bildung und dem Klima. Es gab bald auf der Welt ebensoviele Religionen wie Völker, aber unter allen diesen ekelhaften Götzenbildern konnte man das unsinnige Phantom erkennen, das Zeugnis gab für die Verblendung der ersten Menschen. Wenn eingehende Naturstudien, wenn ein reifer und richtig denkender Verstand mich nun aber lehrt, wie ich schon vorhin sagte, daß Bewegung in ihr ist und daß daher ein Bewegen unnötig ist, soll ich dann noch länger unter dem Joch dieses ekelhaften Wahngebildes seufzen, soll ich dann noch länger auf alle süßen Genüsse des Lebens verzichten? Nein, Justine, nein. Ich wäre ein Narr, unwürdig des Verstandes, mit dem mich die Natur beschenkt um diese Betrügereien durchschauen zu können. Höre endlich auf, an diesen eingebildeten Gott zu glauben, Justine, er existierte niemals und die Natur bedarf seiner auch gar nicht. Ein Gott setzt eine Schöpfung voraus, das heißt einen Augenblick, wo es nichts gab oder wo Alles im Chaos war. Wenn einer dieser Zustände von Uebel war, weshalb ließ Euer blödsinniger Gott ihn solange bestehen? Und war er gut, warum änderte er ihn? Wenn jetzt Alles gut geordnet ist, hat Euer Gott ja nichts mehr zu tun? Aber wenn er überflüssig ist, kann er da mächtig sein? Und wenn er nicht mächtig ist, kann er da ein Gott sein? Kann er unserer Huldigung würdig sein? Wenn die Natur in ständiger Bewegung ist, wozu dient der Beweger? Und wenn der Beweger auf die Materie bewegend einwirkt, wieso ist er nicht diese Materie selbst? Können Sie sich eine Einwirkung des Geistes auf die Materie vorstellen? Vorstellen, daß eine Materie, die selbst nicht in Bewegung ist, vom Geist bewegt wird? Sie sagen, daß Ihr Gott gut ist; und trotz seines Bundes mit den Menschen, trotz des Blutes seines teuren Sohnes, der herabkam, um sich in Judäa hängen zu lassen, um diesen Bund zu festigen, trotz Allem wird zweieinhalb Drittel des Menschengeschlechtes verdammt, in den ewigen Flammen zu braten? Sie sagen, daß dieser Gott gerecht ist! Läßt es sich damit vereinbaren, daß er die ihm genehme Art der Verehrung nur einem Dreißigstel der Menschen mitteilt, während der Rest für die Unkenntnis mit ewigen Qualen bestraft wird? Was würden Sie zu einem Menschen sagen, der so gerecht wäre? Er ist allmächtig, fahren Sie fort. Aber dann gefällt ihm doch das Böse. Denn auf Erden herrscht es vielmehr als das Gute, und trotzdem läßt er Alles so weiter bestehen. Hier gibt es keinen Mittelweg. Entweder er liebt das Böse oder er hat nicht die Macht, sich zu widersetzen. Auf keinen Fall darf ich eine böse Tat bereuen. Denn, kann er sie nicht verhindern, so kann ich doch sicherlich nicht stärker sein wie er, und wenn sie ihm gefällt, so darf ich mich doch nicht widersetzen. Er ist unveränderlich, sagen Sie ferner; und trotzdem sehe ich ihn fünf- oder sechsmal Völker, Gesetze, Wünsche und Gefühle wechseln. Uebrigens bedingt Unveränderlichkeit Unverletzlichkeit und ein unverletzliches Wesen rächt sich nicht. Aber Sie behaupten ja, daß Ihr Gott sich rächt. Vermehrten Sie diese Chimäre in sich. Sie ist fürchterlich. Sie kann nur in dem schmalen Gehirn von Dummköpfen Platz finden.

Die Hoffnung auf eine zukünftige Welt oder die Furcht vor ihr darf Sie nicht beruhigen, Justine. Schaffen Sie sich nicht selbst Fesseln. Als schwacher Teil einer großen Masse kehren wir nach unserem Tode auf einen Augenblick in den Schoß der Natur zurück, um ihm in anderer Form wieder zu entsteigen. Und Alles das geschieht ohne Bezug auf Tugend oder begangene Verbrechen, weil nichts imstande ist, die Natur zu beleidigen und alle Menschen auf Erden so gehandelt haben, wie diese gemeinsame Mutter es wollte.«

»O, mein Herr,« erwiderte Justine, verwirrt über diese Meinungen, »Sie glauben also, daß, wenn während Sie gestern ein unglückliches Kind vergewaltigten und mordeten, ein anderes Wesen in Ihrer Nähe die anderen Unglücklichen gelabt hätte, dieses letztere Wesen nicht den Himmel und Sie die Hölle verdient hätten?« – »Sicherlich nein, er hätte kein besseres Los zu erwarten, wie ich, Justine. Erstens weil es weder eine Belohnung oder Bestrafung im Jenseits gibt; und zweitens, weil besagter wohltätige Mensch nur denselben Befehlen der Natur gehorcht, wie ich, daher weder schuldiger noch verdienstvoller erscheinen kann. Verschiedene Umstände bestimmten ihn nach dieser Richtung und mich nach der anderen. Aber wir hätten beide gehandelt wie es die Natur von uns verlangte. Er, indem er ein gutes Werk tat und ich, indem ich ein Verbrechen beging.« – »O, mein Herr,« sagte Justine, »diese Gedankengänge sind fürchterlich.« – »Ja, für Sie, weil Sie fürchten ihr Opfer zu werden, aber nicht für mich, der der Opfernde ist.« – »Aber wenn das Glück sich wendet?« – »Dann werde ich mich unterwerfen, ohne meine Meinung zu ändern; und die Philosophie wird mich trösten, weil sie nur ein ewiges Nichts verspricht, was mir lieber ist, als die Ungewißheit von Qualen oder Belohnungen die Ihre Religion verspricht. Es ist außerdem gar kein Verhältnis zwischen dem Lohn und der Strafe; daher sind beide lächerlich und wenn sie das sind, können sie nicht das Werk eines Gottes sein. Oder wollen Sie mir vielleicht nach dem Beispiel einiger Gelehrten, die die Folterqualen der Hölle nicht mit Güte Gottes vereinbaren konnten, sagen, daß meine Qual darin bestehen wird, seines Anblickes beraubt zu sein? Was liegt mir daran. Kann ich das jemals als Strafe empfinden, daß ich eines Anblickes beraubt bin, von dem ich keinerlei Vorstellung habe? Oder aber er wird sich einen Augenblick lang meinen Augen darbieten, um mich die ganze Größe des Verlustes fühlen zu lassen. In diesem Fall wird es mir leicht fallen. Denn es ist nicht natürlich, daß ich den Verlust eines Wesens beklage, das mich für endliche Vergehen zu unendlichen Qualen verdammt. Diese einzige Ungerechtigkeit allein würde in mir einen solchen Hass erwecken, daß ich sicherlich nach der Urteilsvollstreckung keinerlei Bedauern empfinden werde.« – »Ah, ich sehe, mein Herr, es ist nicht möglich, Sie zu bekehren,« sagte Justine. – »Du hast Recht, mein Engel, versuche es gar nicht, es wäre unnütz. Lasse mich vielmehr an deiner Bekehrung arbeiten und glaube mir, daß du davon hundertmal mehr haben wirst.« – »Du mußt sie ficken, Bruder,« sagte die Dubois, »und gute Arbeit machen. Ich sehe nur darin ein Mittel sie zu bekehren. Eine Frau nimmt unerhört rasch die Grundsätze desjenigen an, von dem sie gefickt wird. Alle moralischen und religiösen Anschauungen verschwinden bald vor den Leidenschaften. Erwecke also die ihren, wenn du sie mit Erfolg erziehen willst.« So sagte die Dubois und Eisenherz war eben daran, ihre Ratschläge in die Tat umzusetzen, als man ein Geräusch vernahm, das von einem Reiter herrührte. »Zu den Waffen,« rief Eisenherz aus, indem er so gut es ging sein ungeheures Glied wieder in die Hose steckte, mit dem er zum zweitenmal den Popo der unglücklichen Justine bedroht hatte. »Zu den Waffen!« Freunde, nachher »können wir wieder an unser Vergnügen denken.« Sie eilten davon und nach einigen Augenblicken brachten sie einen unglücklichen Reisenden nach dem Gebüsch, in dem unsere Banditen hausten.

Als man ihn fragte, weshalb er allein und so frühzeitig auf einer verlassenen Landstraße reise, wie alt er sei und was sein Beruf sei, antwortete der Gefangene, daß er Saint-Florent heiße, einer der vornehmsten Kaufleute Lyons und fünfunddreißig Jahre alt sei, daß er in Handelsgeschäften von Flandern zurückkäme und daß er wenig Geld aber viel Papiere bei sich habe. Ferner erzählte er, daß sein Diener ihn am vergangenen Tage verlassen habe und daß er, um nicht unter der Hitze zu leiden, so frühzeitig reise, daß er jetzt nach Paris wolle um dort in zwei Tagen noch einen Teil seiner Geschäfte abzuwickeln. Er versicherte überdies, daß, wann er einen einsamen Weg eingeschlagen habe, er sich offenbar dadurch verirrt haben mußte, daß er am Pferde eingeschlafen sei. Danach bat er um sein Leben und bot von selbst alles an, was er bei sich hatte. Man prüfte seine Brieftasche und zählte sein Geld. Sie hätten keinen besseren Fang tun können. Saint-Florent besaß fast 400.000 Franks in Anweisungen von Pariser Banken, etwas Schmuck und ungefähr 100 Louis bares Geld. »Freundchen,« sagte jetzt Eisenherz, indem er ihm einen Pistolenlauf unter die Nase hielt, »Sie werden begreifen, daß wir Sie bei so viel Geld nicht am Leben lassen können. Wir wären bald verkauft und verraten.« – »O, mein Herr,« rief Justine aus, indem sie sich dem Räuber zu Füßen warf, »ich beschwöre Sie, mich nicht gleich bei meinem Eintritt in Ihre Truppe das Schauspiel einer Ermordung dieses Unglücklichen sehen zu lassen. Lassen Sie ihm das Leben. Schlagen Sie mir nicht die erste Bitte, die ich von Ihnen verlange, ab.« Dann fuhr sie fort, indem sie zu einer seltsamen List griff. »Der Name, den dieser Herr eben genannt hat zeigt mir, daß ich ihm ziemlich nahe stehe. Staunen Sie nicht,« sprach sie zu dem Gefangenen gewandt, »eine Verwandte in dieser Lage anzutreffen. Ich werde Ihnen alles erklären. Aber wegen dieser Beziehung,« fuhr sie eifrig wieder zu Eisenherz gewandt fort, »wegen dieser Beziehung schenken Sie mir das Leben dieses Unglücklichen. Ich werde diese Gnade durch die vollkommenste Unterwerfung belohnen.« – »Sie wissen, Justine, unter welcher Bedingung ich Ihnen die Gnade gewähren kann, die Sie von mir verlangen,« erwiderte Eisenherz, »Sie wissen doch, was ich von Ihnen will.« – »Gut, mein Herr, ich werde alles tun,« rief sie, indem sie sich zwischen den Unglücklichen und den mordbereiten Dieb stürzte. »Ja, ja, ich willige in alles ein. Lassen Sie ihn leben, ich flehe Sie an.« – »Dann komm also,« sagte Eisenherz zu Justine, »ich will, daß du dem Wort auf der Stelle hältst.« Bei diesen Worten zog er den Gefangenen in benachbartes Gesträuch. Dort band er ihn an einen Baum, Justine mußte sich auf alle viere daneben legen und nun schürzte er ihre Röcke auf, während der Pistolenlauf noch immer nach der Gurgel des armen Reisenden gerichtet blieb, dessen Leben von der Unterwürfigkeit Justines abhing. Aber noch einmal sollte Justine vor dem ihr drohenden Unglück gerettet werden. Die Natur hinterging unseren Räuber grausam und sein Glied wurde schon in dem Peristyl des Tempels schlapp, Trotz aller Versuche ihm den nötigen Grad von Straffheit zu geben, die zu dem geplanten Verbrechen nötig war. »O, Teufel!« rief er wütend aus, »ich bin zu sehr erhitzt; es kommt nichts ... oder vielleicht ist meine Nachsicht Schuld an dem Unglück, denn ich bin sicher, daß er mir stehen würde, wenn ich diesen Schuft da tötete« »Nein, bitte nicht,« sagte Justine, indem sie sich nach dem Räuber umkehrte. »Rühr dich nicht, Hure,« sagte dieser, indem er ihr zwei oder drei Faustschläge auf die Schultern versetzte. »Dein verfluchtes Gesicht stört mich immer, ich brauche jetzt einen Hintern.« Nun begann er wieder zu arbeiten, aber dieselben Hindernisse stellten sich ein und er mußte wieder verzichten. »Ich sehe wohl, daß es heute Abend nicht gehen wird,« sagte er schließlich, »gehen wir zurück.« Und sobald er wieder im Kreis der Uebrigen war, fuhr er fort: »Denken Sie an Ihr Versprechen, Justine, und bedenken Sie, daß ich diesen Kerl da morgen ebenso gut töten kann wie heute. Kinder,« fuhr er, an seine Kameraden gewandt, fort, »Ihr haftet mir für beide. Sie, Justine, werden neben meiner Schwester schlafen. Ich werde Sie rufen, wenn es an der Zeit sein wird.«

»Schlafen Sie ruhig, mein Herr,« erwiderte Justine, »und glauben Sie, daß diejenige, die sie mit Dankbarkeit erfüllt haben, nur darauf wartet, sich gefällig erweisen zu können.«

Währenddessen aßen und tranken unsere Spitzbuben und schliefen schließlich ganz vertrauensselig ein, indem sie den Gefangenen in ihre Mitte nahmen und Justine sich vollkommen frei neben die Dubois legte, die, berauscht wie alle anderen, bald die Augen schloß.

Kaum waren die Verbrecher eingeschlafen, als Justine rasch die Gelegenheit ergriff, um dem Reisenden folgendes zuzurufen: »Ach, mein Herr, eine schreckliche Katastrophe hat mich unter diese Leute getrieben. Ich hasse sie ebenso wie den unglücklichen Zufall, der die Ursache davon ist, daß ich hier bin. Ich habe wahrscheinlich nicht die Ehre, mit Ihnen verwandt zu sein, denn ich heiße ....« fuhr Justine fort, indem sie den Namen ihres Vaters nannte. »Wie, Fräulein?« unterbrach sie »Saint-Florent, so heißen Sie?« – »Ja.« – »Ah, dann hat Ihnen der Himmel Ihre List in den Mund gelegt. Sie haben sich nicht getäuscht, Justine: Sie sind meine Nichte. Meine erste Frau, die ich vor fünf Iahren verlor, war die Schwester Ihres Vaters. O! Wie freue ich mich über den glücklichen Zufall, der uns vereint! Wenn ich Ihr Unglück gekannt hätte, so hätte ich sicher geholfen.« – »O, mein Herr, wie bin ich glücklich, Sie einstweilen befreit zu haben,« erwiderte Justine lebhaft. »Aber benützen wir den Augenblick, in dem diese Ungeheuer ausruhen und flüchten wir.« Bei diesen Worten bemerkte sie, daß die Brieftasche ihres Onkels nachlässig in der Tasche eines der Banditen steckte. Sie schlich hin, zog sie heraus und sagte dann leise zu Saint-Florent: »Eilen wir jetzt, mein Herr, verzichten wir auf das Uebrige. Wir würden es nicht ohne Gefahr erhalten können. O! Teurer Onkel, ich begebe mich jetzt in Ihren Schutz. Haben Sie Mitleid mit meinem Schicksal! Werden Sie der Beschützer meiner Unschuld. Flüchten wir!«

Man kann den Zustand schwer schildern, in dem sich Saint-Florent befand. Die verschiedenen Gemütsbewegungen, die auf ihn eingewirkt hatten, die Dankbarkeit, die er mindestens zeigen mußte, selbst wenn er sie nicht empfand. Alles das nahm seinen Kopf so ein, daß er kein Wort hervorbringen konnte. Wie – werden einige Leser fragen – dieser Mann konnte an etwas anderes denken, als daran, sich vor seiner Woltäterin niederzuknieen? Nun so wollen wir im Vertrauen gleich jetzt eingestehen: Saint-Florent, der weit eher dafür geschaffen war, in dieser niederträchtigen Truppe zu bleiben, als von den Händen der Tugend gerettet zu werden, war durchaus nicht der Hilfe seiner eifervollen, tugendhaften Nichte würdig. Und wir fürchten, es wird sich in der Folge zeigen, daß Justine nur vom Regen in die Traufe gekommen sei. Aber gehen wir nicht den Ereignissen voraus. Es genügt, wenn man weiß, daß Saint-Florent nicht ohne heftigen Kitzel sowohl den Angriff auf Justine auch deren zahlreiche Reize gesehen hatte.

Die zwei Flüchtlinge hasteten fort, ohne ein Wort zu sprechen und die Morgenröte traf sie bereits außer jeder Gefahr, obwohl sie noch immer sich im Walde befanden.

In diesem Augenblick, als sich die Strahlen des aufgehenden Gestirns über die bezaubernden Reize Justines ergossen, in diesem Augenblick entzündete sich die blutschänderische Glut in dem Schuften am heftigsten. Eine Weile hielt er sie für die Göttin der Blumen, die mit der ersten Morgenröte über die Erde eilt, um die Kelche der Rosen zu öffnen, dann schien sie ihm wieder ein Sonnenstrahl zu sein, der die Welt leuchtend verschönert. Sie ging mit großer Schnelligkeit. Ihre Wangen leuchteten und ihre schönen blonden Haare wehten ihr verwirrt in das Gesicht. Von Zeit zu Zeit drehte sie anmutig ihren Kopf nach dem Genossen ihrer Flucht und dann strahlte in ihren Zügen das Bewußtsein einer guten Tat.

Wenn es richtig ist, daß die Gesichtszüge das getreue Spiegelbild der Seele sind, dann waren die Gefühle Saint-Florents anderer Art. Schreckliche Begierden wühlten in seinem Inneren, furchtbare Pläne kreisten in seinem Gehirn. Trotzdem lächelte er und heuchelte Dankbarkeit und Freude eine unglückliche Nichte gefunden zu haben, die er, dank seinem Vermögen, aus aller Not befreien könne. Währenddessen trachtete sein durchdringendes Auge ihre Reize zu entschleiern, von denen er eine kleine Kostprobe erhalten hatte.

In diesem Zustand langten die Beiden in Luzarches an, wo sie in einem Gasthof Ruhe fanden.

 

Autor: Marquis de Sade

Lizenz: gemeinfrei

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