Die Geschichte der Justine oder die Nachteile der Tugend - Band 3/Teil 2

Megs ·Administrator·

 

Ende der Erlebnisse im Kloster. – Wie Justine es verläßt. – Eine Herberge, wo die Reisenden gut daran tun, sich nicht aufzuhalten.

Die Erzählung, die man soeben vernommen hatte, weit entfernt, die allgemeine Erregung zu beschwichtigen, wie Severino gehofft, elektrisierte dermaßen die Geister, daß man sogleich eine Veränderung mit den Gegenständen der Ausschweifung vorzunehmen beschloß. – »Behalten wir nur sechs Frauen,« meinte Ambroise, »und ersetzen wir die übrigen durch Knaben. Ich bin schon müde, seit vier Stunden nur weibliche Busen und Hälse um uns zu sehen; wenn man so hübsche Lustknaben im Käfig hat, begreife ich nicht, warum man sich nur von Löchern umringen läßt.« – »Sehr richtig,« rief Severino, dessen erigierter Penis den Tisch um sechs Zoll überragte, »man bringe uns rasch acht Knaben herbei; von Mädchen wollen wir Justine, Octavie und diese vier hübschen sechzehn-bis achtzehnjährigen Geschöpfe, von den Jérome umgeben ist, behalten.« – Das Bild ändert sich; es erscheinen Knaben; unsere Mönche bearbeiten sie von hinten und lassen sich desgleichen tun; die Mädchen dienen nur als Zielscheibe ihrer grausamen Begierden. »Sapperlot!« ruft Ambroise, sein erigiertes Glied aus dem Hintern eines prächtigen dreizehnjährigen Lustknaben zurückziehend, »ich weiß nicht, was ich in dem unerhörten Entzücken, das mich durchströmt, ersinnen und tun soll. Mich ergreift eine rasende Wut gegen dieses kleine Mädchen,« fuhr er fort, auf Octavie weisend ... »Sie wäre nicht die erste, deren Ersetzung wir gleich am Tage ihrer Ankunft nötig gemacht haben. Wir werden von neuen Frauen überlaufen; in dieser Woche haben wir noch zwei oder drei zu erwarten, die mehr wert sind wie die da. Ihr habt unter anderen ein siebzehnjähriges Geschöpf, schön wie eine Grazie, die mir die herrlichste Person erscheint, die seit langer Zeit hier eingetreten ist. Machen wir mit dieser kleinen Hure kurzen Prozeß. Wir haben sie alle bearbeitet; ein jeder von uns hat sein Glied in ihre Scham, ihren Hintern und ihren Mund gesteckt; wenn wir wieder von vorne anfangen, so ist es doch immer dasselbe und ...« – »Ich widersetze mich dem,« sagte Jérome, »nicht alle Leute werden so schnell müde wie Ambroise; es bleiben uns noch tausend Genüsse, einer höllischer als der andere, mit diesem kleinen Mädchen. Quälen und martern wir sie, nichts richtiger als das; aber opfern wir sie noch nicht.«

»Nun gut,« sagte Ambroise, der, sie zwischen den Beinen haltend, ihr hartnäckig zusetzte, »möge man sie zu folgendem verurteilen, da man mir mein Verlangen abschlägt: ich verlange, daß derjenige von uns, der keine Lust hat zu scheißen, einen Dolch gegen ihre Kehle zückt und ihn ihr unerbittlich hineinstößt, wenn sie nicht den Kot der fünf anderen verschlingt ...« – »Prächtig ... göttlich!« rufen Sylvestro und Severino. »Ich liebe bis zur Raserei die Einfälle des Ambroise. Schon seit langem – meint Antonius – entlade ich nur infolge der Ideen dieses Schurken da. Aber was geschieht mit denen, die geschißen haben?« – »Justine,« sagt Ambroise, »ist dazu verurteilt, ihre Hintern mit der Zunge auszuwischen; ein anderes Mädchen wird die Gliede unserer Lustknaben nacheinander in unsere Hintern einführen, einer von den letzteren wird unseren Penis lecken, ein anderer uns in den Mund farzen.« – »Ist das alles?« fragt Sylvestre, »das ist eine große Strafe, fünf Stühle zu verschlucken; ich esse ihrer täglich ein Dutzend zu meinem Vergnügen.« – »Kein, nein,« sagte Severino, »das genügt alles nicht; so wie ein Mönch geschißen hat und bearbeitet worden ist, hat er das Recht, dem Opfer eine blutige Strafe aufzuerlegen.« – »So ist es recht,« entgegnete Ambroise, »mit diesem Vorbehalte willige ich in die Sache; ohne ihn möchte ich davon nichts wissen wollen.«

Die beabsichtigten Ruchlosigkeiten nahmen ihren Beginn; sie erreichten ihren Höhepunkt. Die Tugend und die Schönheit dieses Mädchens entflammten diese Frevler nur umso mehr; als man sie endlich mehr wegen Uebersättigung als aus Mitleid in ihr Zimmer zurückbrachte, genoß sie wenigstens für einige Stunden die Ruhe, deren sie bedurfte.

Justine, die dieses hübsche kleine Ding in ihr Herz geschlossen hatte und die ihr dieselbe Freundschaft entgegenbringen wollte wie Omphalen, tat alles mögliche, um die Erlaubnis zu erhalten, sie zu erziehen; aber Severino wollte durchaus, daß unsere Heldin in seiner Zelle schlafe. Wir haben bereits erwähnt, daß dieses schöne Mädchen so unglücklich war, mehr als eine andere die scheußlichen Gelüste dieses Sodomisten zu erregen; seit einem Monat schlief sie fast jede Nacht bei ihm; wenige Frauen hatte er so fleißig von hinten bearbeitet; er fand sie entschieden überlegen den anderen durch den Schnitt ihrer Hinterbacken sowie durch die Hitze und unbeschreibliche Enge ihres Afters; was brauchte es mehr, um die Triebe eines Hurenkerls anzuregen? Aber der Wüstling war heute nachts erschöpft und bedurfte besonderer Ausschweifungen. Da er zweifellos fürchtete, mit dem ungeheuerlichen Gliede, das er besaß, ihr nicht genug Böses antun zu können, beschloß er diesmal, Justine mit einem Godmiché von zwölf Zoll Länge und sieben im Umfang von hinten zu bearbeiten. Das arme Mädchen wollte entsetzt einige Einwendungen erheben; die Antwort waren Schläge und Drohungen; sie war also verpflichtet, ihren Hintern preiszugeben. Infolge der Stöße drang das Ding allzuweit nach vorne; Justine stößt laute Schreie aus; der Mönch hat daran seine Freude. Nach einigen Hin- und Herbewegungen zieht er plötzlich das Instrument heraus und führt sein eigenes Glied in das Loch ein. Welch eine Laune! Ist das nicht gerade das Gegenteil von dem, was die Menschen wünschen müssen?

Als er des Morgens sich ein wenig kräftiger fühlte, wollte er eine andere Marter versuchen. Er zeigte Justinen ein viel stärkeres Instrument als den Abend vorher. Es war hohl und mit einem Stempel versehen, das das Wasser mit unglaublicher Kraft durch eine Oeffnung von mehr als zwei Zoll im Umfange durchspritzte. Das enorme Ding selbst war dreizehn Zoll lang bei einem Umfange von neun Zoll. Severino füllte es mit recht heißem Wasser und wollte es in die Scheide einsenken. Entsetzt über dieses Vorhaben, wirft sich Justine ihm zu Füßen und fleht um Erbarmen.

Aber der Mönch befindet sich in einer jener energischen Stimmungen, in denen die Stimme des Mitleids schweigt, dafür aber die viel beredteren Leidenschaften, die sie ersticken, eine oft recht gefährliche Grausamkeit an ihre Stelle setzen. Severino droht ihr mit seinem Zorne, wenn sie nicht gehorcht. Justine gibt sich bebend preis. Zwei Drittel des schrecklichen Werkzeuges dringen ein; die Zerreißungen, die es bewirkt, verbunden mit der äußersten Hitze, rauben ihr fast die Besinnung. Indessen hört der Prior nicht auf, sie weiter zu quälen, und läßt sich von einem Mädchen auf den Hinterbacken der anderen reiben. Nach einer Viertelstunde der Marterung, die Justine kaum mehr auszuhalten vermag, lockert sich der Stempel und spritzt das kochende Wasser tief in die Gebärmutter. Justine fällt in Ohnmacht. Severino gerät in Extase; er bearbeitet sie in diesem Zustande der Bewußtlosigkeit von hinten; er kneift ihren Hals, um sie wieder zum Leben zu erwecken; endlich öffnet sie wieder die Augen. »Was hast du denn?« fragt sie der Mönch, »das ist ja gar nichts; wir behandeln diese Reize hier manchmal viel ärger. Ein dorniges Kraut, Teufel noch einmal! gut gepfeffert und in Essig getaucht, mit der Spitze eines Messers in die Scheide gesteckt, das braucht es, um diese Reize zu zerreißen. Bei dem ersten Fehler, den du begehst, verurteile ich dich dazu,« sagt der Frevler, der bei diesem Gedanken sich in den prächtigen Hintern seines Opfers ergießt. »Ja, Dirne, ich verurteile dich dazu, und vielleicht zu noch Aergerem vor Ablauf von zwei Monaten.« Endlich bricht der Tag an, worauf Justine verabschiedet wird.

Sie fand beim Eintritt ihre neue Freundin in Tränen aufgelöst. Sie tat, was in ihrer Macht stand, sie zu beruhigen; aber es ist nicht leicht, sich in eine so schreckliche Situation zu finden. Octavie war tugendhaft, empfindlich und religiös; umso schrecklicher kam sie sich in ihrer Lage vor. Doch war sie zufrieden, eine gleichgestimmte Seele zu finden, und trat bald zu unserer liebenswürdigen Waisen in ein inniges Verhältnis; sie fanden beide durch diese Freundschaft mehr Kraft, ihre gemeinsamen Leiden zu ertragen.

Aber die traurige Octavie genoß nicht lange diese angenehme Empfindung. Es war Justinen gesagt worden, daß die Ancienität keinen Einfluß auf die Erneuerungen habe; nur durch die Laune der Mönche oder durch die Furcht vor Nachforschungen seitens der Außenwelt veranlaßt, könnten sie ebenso gut nach Verlauf von acht Tagen wie von zwanzig Jahren stattfinden. Octavie befand sich kaum zwei Monate im Kloster, da verkündete ihr Jérome, daß für sie Ersatz eintreten müsse, obgleich er es war, der ihr am meisten zu huldigen schien ... Sie schlief meistens bei ihm; noch am Abend vor dieser schrecklichen Katastrophe war dies der Fall gewesen. Doch geschah dies nicht ihr allein. Ein herrliches Mädchen, dreiundzwanzig Jahre zählend, das sich seit seiner Geburt im Kloster aufhielt und über jedes Lob erhaben war, dessen weiches, mitleidiges Wesen sich in merkwürdiger Weise mit einer romantischen Erscheinung verband, kurz, ein Engel, sollte am selben Tage das gleiche Schicksal erleiden; die Mönche beschlossen gegen ihre Gewohnheit, beide zusammen zu opfern. Die Schöne hieß Mariette und war, wie es hieß. Sylvestres Tochter. Zu dieser blutigen Zeremonie wurden die größten Zurüstungen getroffen; da unsere Heldin unglücklich genug war, sich unter der Zahl der an diesem Tage Geladenen zu befinden, wird man es uns verzeihen, wenn wir das letztemal auf der Schilderung der entsetzlichen Ausschweifungen dieser Ungeheuer bestehen.

Man kann sich leicht vorstellen, daß die Wahl Justinens sicherlich nur eine höchst raffinierte Grausamkeit war. Man kannte ihr außerordentlich empfindliches Wesen; man wußte, daß sie mit Octavia befreundet war; was brauchte es mehr, daß man ihre Anwesenheit beim Feste wünschte? Ebenso war man gegen Fleur-d'Épine, ein schönes, sanftes, zwanzigjähriges, ebenfalls mit Mariette innig befreundetes Mädchen vorgegangen; sie mußte ebenfalls an diesem Todesfest teilnehmen. Alle diese Züge dienen dazu, ein Gemälde des Seelenzustandes dieser Frevler zu entwerfen; nicht umsonst enthüllen wir sie.

Zehn andere Frauen im Alter von fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahren, von großer Schönheit, sechs junge Lustknaben im Alter von dreizehn bis fünfzehn Jahren, mit auserlesen hübschen Gesichtern, sechs Männer im Alter von zwanzig bis fünfundzwanzig Jahren, die auf Grund ihrer langen oder dicken Glieder ausgewählt worden waren, endlich drei fünfunddreißig bis vierzigjährige Aufseherinnen für den inneren Dienst waren zu dem höllischen Opferfest, das sich vorbereitete, zugelassen.

Das Abendmahl fand, wie bereits erwähnt, in einem Keller statt, der sich neben denen befand, in denen die Opfer eingeschlossen waren. Man kam bei Sonnenuntergang zusammen; aber der Brauch verlangte es bei solchen Gelegenheiten, daß jeder Mönch sich im Vorhinein in seiner Zelle mit zwei Mädchen oder zwei Knaben, die er aus der Zahl der Geladenen wählte, unterhielt; Sylvester, der Vater des einen Opfers, wünschte sich mit Justine und einem anderen Mädchen, namens Aurora, die fast ebenso schön war wie unsere Heldin, einzuschließen.

Wir wollen die Zeremonien, die bei diesem Vorbereitungsgenuß beobachtet wurden, genauer schildern.

Der Mönch, in einem Fauteuil sitzend, die Hosen aufgeknöpft, meistens vom Gürtel abwärts, hörte wohlgefällig eines der Mädchen an, die ihm, Ruten in der Hand haltend, sich nähern mußte, worauf sich folgendes Frage- und Antwortspiel entwickelte:

»Ruchloser, du bist also zum schrecklichsten Frevel entschlossen und der Mord wird dich besudeln?« – »Ich hoffe so.« – »Was! Scheusal, kein Rat, keine Vorstellung, keine Furcht vor dem Himmel oder den Menschen vermag diesen Greuel abzuwenden?« – »Es gibt keine göttliche oder menschliche Gewalt, die mich abzuhalten imstande wäre.« – »Aber Gott sieht dich!« – »Ich pfeife auf Gott.« – »Wartet nicht die Hölle deiner?« – »Ich trotze der Hölle.« – »Werden nicht vielleicht die Menschen eines Tages deine Untaten entdecken?« – »Ich spotte der Menschen und ihres Urteils; ich denke nur an den Frevel, ich liebe nur den Frevel, ich lebe nur für das Verbrechen, nur das Verbrechen soll alle Augenblicke meines Lebens kennzeichnen.«

Sodann mußte man auf die Art und Weise der Missetat und ihre Einzelheiten anspielen; so wurde Justine beauftragt, folgende Frage an Sylvester zu stellen: »Was! Elender, denkst du nicht daran, daß es sich um deine Tochter handelt, daß du sie opfern willst, ein so reizendes Geschöpf, das deinem Blute entsprossen ist?« – »Was kümmert mich dieses Band; es ist für mich ein Beweggrund mehr; ich wollte, sie wäre mir noch mehr verwandt ... sie wäre noch interessanter ... noch hübscher« u.s.w.

Sodann ergriffen die beiden Mädchen den Wüstling; die eine legte ihn über ihre Knie, während die andere ihn aus Leibeskräften peitschte; so wechselten sie ab. Während der Flagellation überhäuften sie ihn mit Beschimpfungen und Vorwürfen, wobei sie stets an das Verbrechen, das der Frevler plante, anspielten. Sowie das Blut von ihm troff knieten sie nacheinander ehrerbietig von seinem Gliede nieder und versuchten dieses durch Lecken in Erektion zu versetzen. Sodann hieß der Mönch seinerseits sie sich entkleiden und gab sich jedem ihm gutdünkenden Wollustakte hin, vorausgesetzt, daß er den Leib des Mädchens nicht entstellte, da dieses unversehrt der Versammlung vorgeführt werden mußte.

All das eben Gesagte wurde von Sylvester Punkt für Punkt ausgeführt; nach diesen Vorbereitungen legte er Aurore und Justine die eine auf die andere und bearbeitete sie beide mehrere Augenblicke von vorne. Er prackte ihre Hinterbacken, ohrfeigte sie, befahl ihnen, seinen Hintern anzubeten und diesen zum Zeichen der ehrerbietigsten Huldigung zu lecken; nachdem er in der Erwartung des Kindermordes in höchstes Entzücken geraten war, stieg er in den Keller hinab, gestützt auf die beiden Mädchen, die diesen Abend – so verlangte es der Brauch – neben ihm die Funktionen von Gardedamen erfüllen mußten.

Alle waren schon versammelt, Sylvester kam als letzter. Die beiden Opfer, in Trauer gekleidet, am Kopfe Zypressenlaub tragend, waren nebeneinander auf einen Schemel in der Höhe des Tisches an einem seiner Enden gestellt worden. Octavie bot ihre Vorderansicht, Mariette zeigte ihren Rücken; ihre Kleider waren hochgeschürzt und ließen den Unterleib nackt. Die Frauen waren in einer Reihe, die beiden Männergruppen in zwei anderen aufgestellt; die Mönche standen in der Mitte, während die drei Aufseherinnen die Opfer umringten. Sylvester wurde mit der Rede betraut, bestieg eine Tribüne gegenüber dem Schemel und begann also:

»Wenn es etwas Heiliges in der Natur gibt, so ist es sicherlich, meine Freunde, das unwandelbare Recht, über seinesgleichen verfügen zu dürfen, das sie dem Menschen gewährt. Der Mord ist das oberste Gesetz dieser Natur, der die Toren verständnislos gegenüberstehen. Durch den Mord tritt sie täglich in die Rechte ein, die ihr die Fortpflanzung raubt; ohne die privaten und politischen Morde wäre die Welt so voll, daß es nicht mehr möglich wäre, sie zu bewohnen. Aber, sicherlich, wenn es eine Gelegenheit gibt, wo der Mord ein köstlicher Genuß ist, so zweifellos in dem vorliegenden Falle. Gibt es tatsächlich ein herrlicheres Vergnügen, als sich einer Frau zu entledigen, an der man sich lange ergötzt hat? Welch göttliche Art, seinen Lüsten zu fröhnen! Welch eine Huldigung an die Uebersättigung! Sehen Sie diesen Hintern – fuhr der Redner, auf Mariette weisend, fort – der uns so lange ergötzt hat; sehen Sie diese Scham (er deutete auf Octavie), die, obgleich noch nicht so lang im Gebrauch, nichtsdestoweniger unser aller Gliede gesättigt hat! Ist es nicht an der Zeit, daß so abscheuliche Gegenstände endlich in den Schoß des Nichts eingehen, aus dem sie nur uns zum Genusse emporsteigen durften? O meine Freunde! Welch ein Vergnügen! in wenigen Stunden wird die Erde dieses fluchwürdige Fleisch bedecken; es wird nicht mehr unsere Wollust verleiden ... es wird nicht mehr unser Auge empören ... In wenigen Stunden haben diese Elenden aufgehört zu leben; kaum eine schwache Erinnerung an ihr Dasein wird uns bleiben; wir werden nur ihre Martern im Gedächtnis bewahren. Die eine, Octavie, schön, sanft, schüchtern, tugendhaft, sittsam und gefühlvoll, besaß den denkbar schönsten Körper. Aber sie war wenig liebenswürdig; nie verließ sie ihr natürlicher Stolz; Sie erinnern sich, daß Sie sehr oft genötigt waren, ihr alle die verschiedenen Strafen, die sie sich nach dem Reglement für die von ihr begangenen Vergehen zugezogen hat, aufzuerlegen. Nie vermochte sie ihren tiefen Abscheu vor Ihren Sitten, ihre Abneigung gegen Ihre heiligen Bräuche, ihren Haß gegen Ihre verehrungswürdige Person zu verhehlen; und treu den entsetzlichen Grundsätzen der Religion, haben Sie sie oft ihren Gott anrufen gehört; selbst dann, wenn sie Ihren Lüsten sich preisgab. Jérome liebte ihre Hintern, er verherrlichte ihn fast täglich; obgleich Jérome nicht mehr in Erektion gerät, obgleich der Mund infolge seiner Schwäche sein einziger Zufluchtsort ist, so wissen Sie doch, daß er, heftig erregt durch die prächtigen Hinterbacken dieses Mädchens, sie mehr als zwanzigmal sodomisiert hat. Indessen wird das Urteil gerade auf Bitten Jéromes gefällt; er ist zudem so gerecht, daß er sicherlich ihr unerbittlichster Henker sein wird. Sehen Sie nur genau hin, meine Freunde, mit was für Augen er sie betrachtet; gibt es Ihnen nicht einen Begriff von dem Löwen, der nach dem Lamme lechzt, das seine Beute werden wird? Glückliche Wirkung der Uebersättigung! Man sollte glauben, daß man durch sie vollständig abgestumpft wird, während gerade die süßesten Regungen der Wollust ihr entspringen.

Neben Octavie bemerken Sie Mariette; ihre Hinterbacken, die sie Ihnen weist, haben lange Ihre Begierden erweckt; es gibt keinen Genuß, dem Sie sie nicht dienstbar gemacht haben. Mariette war schön und sanft. O Natur! lasse mich jetzt einige Zähren vergießen ... (Der Schelm stellte sich weinend.) Ich merke, daß man deine Stimme nicht zu übertönen vermag, daß man nicht ungestraft Vater ist. Aber alle Gefühle müssen schweigen vor diesem Richterstuhl der Wahrheit; nur ihr darf der Redner huldigen. Welche Laster gesellten sich Mariettens Tugenden bei! Sie war launenhaft, widerspenstig, empört über Ihre Ansichten und Bräuche. Sie schloß sich mit Vorliebe allen Prüden im Serail an und suchte eine Religion zu kennen, selbst zu befolgen, von der wir ihr nie ein Wort erzählt hatten und welche sie nur aus den Gesprächen der Betschwestern kannte, die sie mit solchem Eifer aufsuchte; überhaupt mangelte es ihr an Dienstbeflissenheit; man mußte sie stets antreiben, denn sie tat nichts aus eigenem Antrieb. Wenig Mädchen mußten so viel Strafen erdulden wie Mariette; trotzdem ich sie so oft bevorzugte, hat man mich, der alles der Sache der Gerechtigkeit opfert, sie recht oft vor Ihrem Tribunal anklagen hören. Ich verlange heute ihren Tod; auf meinen Vorschlag ist das Urteil über sie gefällt worden, und ich bitte, ihren Tod schrecklich zu gestalten. Nehmen Sie meinen diesbezüglichen Vorschlag an; dann wird noch nie ein Opfer grausamere Qualen erduldet haben.

Mut, meine Freunde! – fuhr der Redner enthusiastisch fort – Dank der Festigkeit unseres Charakters sind wir auf dem Gipfelpunkte der vorbedachten Verderbtheit angelangt; nichts möge uns jetzt zurückhalten; erinnern wir uns wohl, daß nur der unglücklich ist durch Frevel, der auf halbem Wege stehen bleibt. Nur wenn man im Verbrechen schwelgt, gelingt es, seine wahren Reize zu entdecken. Ganz im Gegensatze zu den Frauen, die uns durch das Uebermaß ihrer Hingabe ermüden, erfreuen wir uns nie mehr an den Freveln, als wenn wir in ihnen waten. Der Grund davon ist recht einfach; man muß mit dem Verbrechen recht vertraut sein, um alle seine Reize zu kennen. Nur wer sich stets mit ihm abgibt, wird es später anbeten. Das erstemal widerstrebt es, infolge Mangels an Gewöhnung; das zweitemal vergnügt es, das drittemal berauscht es; würde sich auf dieser Bahn nichts den rasenden Begierden des Menschen entgegensetzen, so würde man alle Augenblicke Verbrechen begehen. Daran zu zweifeln, daß die größte Summe des Glückes, das der Mensch auf Erden finden kann, unbestreitbar durch Missetaten bedingt sei, heißt daran zu zweifeln, daß das Tagesgestirn die erste Ursache allen Lebens ist. Ja, meine Freunde, so wie diese herrliche Sonne alle Neuschöpfung bewirkt, ebenso ist das Verbrechen das Zentrum alles moralischen Feuers, das uns durch glüht. Die Sonne bewirkt das Wachstum der Früchte; das Verbrechen läßt alle Leidenschaften im menschlichen Herzen keimen; nur ihm verdanken wir alle innere Belebung, nur ihm allen Nutzen. Was macht es, daß es den Nächsten schädigt, wenn es unsere Person ergötzt? Leben wir für den Nächsten oder für uns? Kann eine solche Frage vernünftigerweise gestellt werden? Wenn aber der Egoismus das oberste Gesetz der Vernunft und der Natur ist, wenn wir mit Bestimmtheit nur unser selbst willen leben, darf uns nur unser eigenes Vergnügen geheiligt sein. Alles, was von dieser Ansicht abweicht, ist falsch, dem Irrtum unterworfen und kann nur unsere Verachtung verdienen. Ich höre manchmal sagen, daß der Frevel dem Menschen gefährlich ist; ich möchte gerne, man solle mir den Grund davon erklären. Vielleicht deshalb, weil es die Rechte anderer verletzt? Nun, wenn die anderen die Möglichkeit haben, sich zu rächen, ist die Gleichheit der Rechte wieder hergestellt; von diesem Augenblicke an aber verletzt das Verbrechen nichts. Es ist unerhört, wie die ewigen Sophismen der Dummheit alles menschliche Glück schließlich zerstören. Wieviel glücklicher wären alle, wenn sie sich verständigen wollten, um zu genießen! Aber die Tugend schwebt ihnen vor; sie lassen sich von ihrer verführerischen Außenseite täuschen, lassen sich von ihr irreführen; darum sind alle Grundlagen des Glückes vernichtet. Verbannen wir also für immer diese ruchlose Tugend aus unserer glücklichen Gesellschaft; verabscheuen wir sie, wie sie es verdient; die äußerste Verachtung und die strengsten Strafen seien der gerechte Lohn derer, die ihre Gesetze befolgen wollen. Ich meinerseits schwöre immer und immer wieder, sie zu meiden, sie mein ganzes Leben lang zu verabscheuen. O meine glücklichen Brüder! mögen alle meine Worte beherzigen; möge es in diesem Kreise stets nur Henker und Opfer geben!«

Sylvester stieg, durch lebhaften Beifall gelohnt, von der Tribüne herab, worauf die Szenen ihren Anfang nahmen. Man bemächtigte sich der Saalecken; die hexagonale Form ermöglichte jedem, einen Platz zu finden. Kandelaber erleuchteten diese Nischen, in deren jeder sich eine mächtige Ottomane und eine Kommode befand, in welch letzterer alles vorhanden war, was die ausschweifendste und grausamste Wollust erforderte. Zwei Mädchen, ein Lustknabe und ein Mann geleiteten die Mönche in ihre Nischen. Die Aufseherinnen ließen zuerst Octavie, sodann Mariette herabsteigen und führten sie gefesselt und nackt jedem einzelnen Mönch vor.

Das Opfer sollte auf dieser ersten Runde derart gequält werden, daß es, wenn es daran nicht starb, die Spuren durch das ganze Leben tragen sollte. Jeder Mönch sollte zugleich auf die Schulter oder die Hinterbacken dieses Opfers die Art der Marterung, zu der er es verurteilte, eingravieren.

Severino, der sich von hinten bearbeiten ließ, während er einen Lustknaben sodomisierte, wobei er rechts und links Aersche küßte, erinnerte sich an einen von Jérome berichteten Wollustakt, riß Marietten einen Zahn aus und verbrannte Octaviens Brustwarzen. Die von ihm bestimmte Art der Marterung ist uns ebenso wie die der anderen unbekannt.

Clement brach Octavien einen Finger und setzte eine ziemlich tiefe Wunde in Mariettens rechte Hinterbacke; er ließ sich lecken, während er andere rieb.

Antonis rupfte beider Schamhaare mit dem türkischen Enthaarungsinstrument aus, das unter dem Namen Rusma bekannt ist;18 er bearbeitete die Scheide Justinens, leckte die Auroras und ließ sich indeß sodomisieren.

Ambroise ließ sich von hinten bearbeiten und tat Fleur-d'Épine desgleichen, während er eine Scham leckte; er stach Mariettens schöne Augen mit einer goldenen Nadel aus und schnitt den kleinen Finger der rechten Hand Octaviens ab. Er ergoß seinen Samen; das versetzte ihn in solche Wut gegen Fleur-d'Épine, daß er ihr sofort dreihundert Peitschenhiebe versetzte, obwohl er nicht mehr in Erektion war; nur Rachsucht veranlaßte ihn dazu.

Sylvester stach die Hinterbacken und Brüste seiner Tochter und biß mit den Zähnen die beiden Brustwarzen Octaviens ab; unterdessen ließ er sich peitschen; sein Lustknabe leckte ihm den Mund, ein Mädchen sein Glied.

Jérome, aus Leibeskräften von hinten bearbeitet und von zwei knienden Mädchen geleckt, schnitt Mariettens linkes Ohr ab und zwickte vermittelst einer Zange ein großes Stück von Octaviens schönem Hintern weg.

Nach dieser Runde erwog man folgendes: Sollten die Opfer auf diese Weise allmählich geopfert werden? oder sollte man sie der Raserei aller sechs Mönche gleichzeitig aussetzen? sollte nur er der Henker sein und die anderen bloß zuschauen? Bevor man eine Entscheidung fällte, las man die sechs Ansichten über die Art der Marterung vor. Da die Ueberzahl dafür stimmte, daß jeder Mönch sie besonders vornehmen solle, entschloß man sich, die Opfer wieder herumzuführen; nur verlangte Sylvester zweierlei, was ihm auch einmütig zugestanden wurde: erstens sollten die beiden Mädchen, bevor man die Marterungen vornehme, eine Stunde lang den Lüsten der einzelnen Mönche preisgegeben werden; sodann wollte er seiner Tochter den Todesstreich versetzen. Nach diesem Beschluß stellte man inmitten des Kellers ein Kanapee auf; die sechs Lustknaben und die zwölf Mädchen umringten ihn, höchst unzüchtige Gruppen bildend. Die Männer mußten hinter den Mönchen einhergehen und sie während ihrer Handlungen von hinten bearbeiten.

Severino bearbeitete die beiden Hintern, wobei er deutliche Spuren seiner Grausamkeit auf ihnen zurückließ.

Clément bearbeitete sie nicht, prügelte sie aber furchtbar.

Antonis bearbeitete die beiden Scheiden; da er – wie er sagte – zweifelte, ob ein fruchtbarer Keim sich darin festgesetzt habe, steckte er eine lange Nadel tief in jede Vagina, aber so gut ... so tief, daß es nicht möglich war, sie wiederzufinden.

Ambroise bearbeitete die beiden Opfer von hinten und drückte derart ihren Hals, daß sie bewußtlos wurden.

Sylvester fuhr in die beiden Scheiden, wobei er mit der Schneide eines Messers auf Bauch, Brust und Hinterbacken dieser Geschöpfe mehr als zwanzig kreuzförmige Einschnitte machte. Der Schelm entleerte sich, indem er einen drei Zoll langen Schnitt in die rechte Wange seiner Tochter machte.

Jérome peitschte beide mit einer mit Eisenstacheln durchflochtenen Klopfpeitsche, bis sie mit Blut überströmt waren; ganze Stücke Fleisch wurden aus ihren Hintern gerissen; hierauf steckte er sein Gied in beider Mund.

Die Rundgänge beginnen von neuem wieder; die Mönche begeben sich wieder in ihre Nischen mit Knaben oder Mädchen, je nachdem, wonach es sie gelüstete.

Justine war bei Ambroise. Sollte man es glauben, daß dieser Frevler so grausam war, von ihr zu verlangen, sie möge ihre vielgeliebte Octavie martern! Und als Justine sich entschieden weigerte, wurde sie der Versammlung angezeigt, die sich auf der Stelle zusammentat, um eine so schwere Vergehung gebührend zu bestrafen. Man öffnete das Strafbestimmungsbuch: der Fall Justinens stand unter Artikel sieben. Aber da es sich nur um vierhundert Peitschenhiebe handelte, waren drei Mitglieder der Meinung, man solle sie nach Artikel zwölf bestrafen; die drei anderen widersetzten sich diesem Vorschlag, nicht weil sie die Strafe für zu grausam hielten, sondern nur, weil diese Handlung die Sitzung zu lange unterbrechen würde. Justine wurde also nur zu je zweihundert Peitschenhieben verurteilt, die ihr jeder Mönch verabreichen sollte; sie bekam sie sofort, und zwar mit der Kraft, die gewöhnlich die Erektion verleiht, was bei den Herren der Fall war.

Fleur-d'Épine, die Sylvestre Beistand leistete, verübte bald das gleiche Vergehen. Der barbarische Vater Mariettens wollte die Freundin seiner Tochter zwingen, dieser die Brüste mit einem Glüheisen zu verbrennen. Fleur-d'Épine weigerte sich. Sylvestre raste; sein Glied stand wie das eines Esels, alle seine Poren schienen Sperma auszuschwitzen; er nahm die Ausführung der Strafe auf sich; er bediente sich eines dicken Knüttels, mit dem er die Unglückliche dermalen durchpeitschte, daß man sie fast tot vom Platze tragen mußte. Es war dies ein Verstoß gegen die Vorschriften des Klubs. Severino zog Sylvestre wegen seines Vorgehens zur Verantwortung; die Strafen sollten von der Versammlung bestimmt und gemeinsam vollzogen werden. Doch wenn man nachwies, daß man in Erektion gewesen war und daß die Beleidigung gar zu unerträglich gewesen war, wurde man so fort freigesprochen. Natürlich bediente sich Sylvester dieses Mittels. Man ließ ein anderes Mädchen kommen und dachte nicht weiter an einen Vorgang, der dieser Unglücklichen vielleicht das Leben kostete. Doch zogen sich die Mißhandlungen dermaßen in die Länge, daß die Opfer niemals den für derlei Orgien vorgeschriebenen Schlußeffekt erlebt hätten, wenn man sich nicht zu Tische begeben hätte.

Sie wurden den Aufseherinnen überlassen, die sie badeten, wieder belebten, verbanden und abermals nackt auf den Schemel stellten, wo sie während des ganzen Soupers allen Beschimpfungen seitens der Mönche ausgesetzt blieben.

Es ist leicht begreiflich, daß bei dieser Art von Festen die Wollust, die Geilheit, der Greuel an das äußerste grenzten. Bei diesem wollten die Mönche durchaus auf den Hintern der Mädchen essen; andere mußten ihren Glied und Hoden lecken; die Kerzen wurden in die Hintern von kleinen Knaben gesteckt; die Servietten waren zwei Wochen lang zum Auswischen von Aerschen benutzt worden; an den vier Tischecken waren große Näpfe mit Kot aufgestellt. Die drei Aufseherinnen bedienten nackt die Mönche und verabreichten ihnen nur solche Weine, mit denen sie sich vorher die Hinterbacken, die Scham, die Achselhöhlen, den Mund und das Arschloch gewaschen hatten. Außerdem hatte jeder Mönch einen kleinen Bogen und mehrere Pfeile neben sich, die er von Zeit zu Zeit auf die Opfer abschoß; dadurch entstand sofort eine kleine Blutlache, die die Gerichte bespülte.

Was die Speisen betraf, so waren sie erlesen. Alles war köstlich und in Hülle und Fülle vorhanden; die seltensten Weine wurden bloß bis zum Nachtisch aufgetragen; dann kamen die stärksten Liqueure an die Reihe; bald stieg ihnen der Alkohol zu Kopfe.

»Ich kenne nichts,« sagte Ambroise stammelnd, »was besser zusammenpaßte als die Freuden der Trunkenheit, der Feinschmeckerei, der Geilheit und Grausamkeit; es ist unerhört, was man ersinnt und tut, wenn man berauscht ist; die Kräfte, die Bacchus der Göttin der Geilheit leiht, schlagen immer zum Vorteil der letzteren aus.« – »Das ist so wahr,« sagte Antonis, »daß ich Ausschweifungen stets nur im volltrunkenen Zustande begehen möchte; nur dann fühle ich mich so recht im Zug.« – »Unsere Huren,« sagte Severino, »könnten sich mit diesem Vorbehalt nicht befreunden; denn es wird mit ihnen übel umgesprungen, wenn unsere Köpfe von Wein oder Liqueur elektrisiert sind,« im selben Augenblicke vernahm man einen gräßlichen Schrei in der Nähe der Füße Severinos. Dieses Ungeheuer hatte ohne jeden Grund und Ursache, nur um Böses zu tun, sein Messer in die linke Seite eines schönen achtzehnjährigen Mädchens gestoßen, das ihn leckte. Das Blut floß in Strömen; die Unglückliche fiel in Ohnmacht. Severino, befragt. »Sie hat mich beim Lecken gebissen,« erwiderte befragt. »Sie hat mich beim Lecken gebissen,« erwiderte er; »die Rache hat mich zu dieser Tat veranlaßt.« – »Herrgott!« rief Clément, »das Vergehen ist entsetzlich; ich verlange, daß die Hure auf Grund des Artikels fünfzehn unseres Gesetzbuches bestraft werde, der bestimmt, daß jedes Mädchen, das es an Respekt gegenüber den Mönchen fehlen läßt, eine Stunde an den Füßen aufgehängt werde.« – »Gut!« sagte Jérome, »aber das gilt nur für gewöhnliche Verhältnisse; wenn es sich um den Dienst bei Wolllustakten handelt, ist die Strafe bedeutend schwerer: zwei Monate Gefängnis bei Wasser und Brot, täglich zweimalige Auspeitschung; ich verlange die strikte Befolgung dieser Vorschrift.« – »Ich sehe nicht,« meinte Sylvester, »daß der Fall vom Gesetz vorgesehen ist; daher verlange ich eine strenge Strafe, die ebenfalls nicht vorgesehen ist. Ich will, daß die Delinquentin von allen bestraft werde; man lasse sie daher mit einem jeden von uns eine Viertelstunde lang in eines der dunkelsten Zellen des Kellerraumes gehen, mit der Bestimmung, daß jeder sie derart mißhandeln solle, daß sie davon ein Jahr lang das Bett hüten müsse; Severino soll als letzter an die Reihe kommen.« Dieser Vorschlag wird genehmigt. Das Opfer, das zu verbinden man absichtlich unterläßt, befindet sich bereits in einem solchen Zustande, daß man sie an ihren Bestimmungsort tragen muß. Alle die Frevler gehen der Reihe nach hinab; nach schrecklichen Qualen wird sie ins Bett gebracht, wo sie am folgenden Tage stirbt.

Kaum waren unsere sechs Wüstlinge von ihrer höllischen Expedition zurückgekehrt, als die Aufseherinnen mitteilten, sie müßten scheißen. »In die Speisen! in die Speisen!« sagte Clément. – »In meinen Mund!« rief Sylvester. Unsere Mönche legen sich unter die Aersche der Alten, die vom Tische herabscheißend, die Gesichter jener bald mit Kot, hörbaren und unhörbaren Farzen bedeckten.

»Daß wir uns dieser alten Luder bedienen,« sagte Jérome, »wenn uns so viele junge und hübsche Dinger zur Verfügung stehen, ist meiner Meinung nach der beste Beweis unserer schauerlichen Perversität.« – »Wer zweifelt daran,« warf Severino ein, »daß das Alter, die Unreinlichkeit und Häßlichkeit oft ebenso viel Vergnügen bereiten wie die Jugend und die Schönheit? Die von solchen Körpern ausgehenden Miasmen haben eine viel beißendere Schärfe. Sehen Sie denn nicht, wie häufig die Leute das einen Geruch besitzende Wildpret dem frischen Fleische vorziehen?« – »Ich meinerseits bin ganz dieser Ansicht,« sagte Sylvester, indem er auf die rechte Seite seiner Tochter einen Pfeil abschoß, so daß das Blut herausspritzte, »je häßlicher, älter und ekelhafter ein Gegen stand ist, desto mehr erregt er mich, was ich Euch beweisen will.« Damit packte er den alten Jérome und steckte sein Glied in dessen Hintern.

»Ich fühle mich sehr geschmeichelt,« erwiderte Jérome, »stoße nur immer zu, mein Freund; müßte ich den Genuß, einen Penis im Hintern zu haben, durch noch mehr Erniedrigung erkaufen, ich würde das Vergnügen doch nicht zu teuer finden.« Der Ruchlose drehte sich um, um seinen teueren Partner zärtlich zu lecken, und stieß rulpsend einen Schluck Wein in dessen Nase, was auf Sylvestre so heftig wirkte, daß er sich in Cléments Gesicht erbrach; doch dieser war mehr an dergleichen gewöhnt und aß ruhig sein Kompot weiter, in das die ganze Sauce gespritzt war. »Sehet nur die Fassung dieses Lumpenkerls,« sagte Ambroise, der an der anderen Seite stand; »ich wette, ich könnte in seinen Mund scheißen, ohne daß er sich rührt.« – »Scheiße hinein!« rief Clément. Ambroise gehorchte; Clément verschlingt den Kot, worauf man die Tafel aufhebt.

Der erste Vorschlag war der, alle jungen Knaben auf die Hinterbacken, alle Mädchen auf die Brüste zu peitschen. Diejenigen, welche die Knaben peitschen sollten, müßten auf dem Boden bleiben; die anderen sollten auf Fauteuils gestellt werden, gegen die sich die Mädchen mit dem Rücken lehnen müßten. »Wunderbar!« sagte Antonis; »aber die Lustknaben sollten gezwungen werden, während der Auspeitschung zu scheißen, die Mädchen zu pissen, und zwar unter Androhung der schwersten Strafen.« – »Sehr gut!« schrie Jérome, dermaßen besoffen, daß er sich kaum vom Tische zu erheben vermochte. Die Sache wird ausgeführt. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie barbarisch diese Ruchlosen die hübschesten Hintern der Welt und die rosigweißen Busen, die ihrer Brutalität ausgeliefert waren, auspeitschten. Da wurde Severino, der heftig erigierte, von einem reizenden dreizehnjährigen Lustknaben angezogen, von dessen Hinterbacken das Blut in Strömen rann. Er ergreift ihn, geht mit ihm in ein Kabinet und bringt ihn nach Verlauf einer Viertelstunde in einem solchen Zustande zurück, daß die Versammlung fest davon überzeugt war, der Prior habe seiner Gewohnheit mit Knaben gemäß so grausame Handlungen an jenem vollführt, daß der Junge sich kaum würde davon erholen können. Jérome genoß nach dem Beispiele Priors ebenfalls abseits sein Vergnügen; er hatte Aurore und eine andere siebzehnjährige Schöne mit sich geschleppt und beide so schmählichen Demütigungen, so monströsen Roheitsakten unterworfen, daß alle beide in ihr Zimmer gebracht, werden mußten.

Aller Augen richteten sich nunmehr auf die beiden Opfer. Man gestatte uns, einen Schleier auf die Greueltaten zu werfen, die diese verabscheuungswerten Orgien beschlossen. Unsere Feder wäre unzureichend, sie zu schildern, unsere Leser zu mitleidig, sie kaltblütig anzuhören. Es genüge daher zu wissen, daß die Marterung sechs Stunden lang dauerte, während deren die unglaublichsten Grausamkeiten, die wütesten und monströsesten Ausschweifungen stattfanden, wie sie nicht einmal Nero oder Tiberius hätten erfinden können.

Sylvestre fiel durch die unglaublichen Quälereien, mit denen er seiner Tochter zusetzte, auf; das schöne, gefühlvollen und reizende Geschöpf starb dem schauerlichen Wunsche des Ruchlosen gemäß unter seinen Händen. So ist der Mensch, wenn ihn seine Leidenschaften verführen, so, wenn seine Reichtümer, sein Einfluß, seine Stellung ihn über die Gesetze stellen. Justine war bei ihrer Ermattung glücklich, bei niemandem schlafen zu müssen. Sie zog sich in ihre Zelle zurück, vergoß bittere Zähren über das schreckliche Schicksal ihrer besten Freundin und beschäftigte sich nur mehr mit dem Plane, zu entweichen. Zu allem fest entschlossen, um dieser abscheulichen Stätte zu entfliehen, konnte sie nichts von ihrem Projekte zurückschrecken. Was konnte ihr drohen, wenn sie diesen Plan ausführte? Der Tod; was war ihr sicher, wenn sie blieb? Der Tod. Wenn sie aber Glück hatte, vermochte sie sich zu retten; sollte sie also schwanken? Doch konnte sie nicht vermeiden, daß vor dieser Unternehmung die traurigen Beispiele belohnten Lasters vor ihre Augen traten. In das große Buch des Schicksals, in dieses unbekannte Buch, in das kein Mensch Einblick hat, war es geschrieben, daß alle die, welche sie gequält, erniedrigt, in Ketten gehalten hatten, unaufhörlich vor ihren Augen für ihre Freveltaten belohnt werden sollten, als ob die Vorsehung es sich zur Aufgabe gemacht hätte, ihr die Gefahr oder Nutzlosigkeit der Tugend zu zeigen. Doch diese unheilvollen Lehren änderten sie keineswegs; sie sagte, daß sie stets diesem Idol ihres Herzens treu ergeben sein werde, wenn es ihr gelingen sollte, dem über ihrem Haupte dräuenden Schwerte zu entrinnen.

Eines Morgens erschien Antonis im Serail und machte zur allgemeinen Ueberraschung die Mitteilung, daß Severino, ein Verwandter und Schützling des Papstes, soeben von seiner Heiligkeit zum Ordensgeneral der Benediktiner ernannt worden sei. Gleich am folgenden Tage reiste der Priester ab, ohne jemanden zu sprechen. Es ging das Gerücht, daß ein weit grausamerer und ausschweifenderer an seine Stelle treten würde, ein weiterer Grund, um Justine zur schleunigen Ausführung ihres Planes anzuregen.

Am Tage nach Severinos Abreise veranstalteten die Mönche noch eine Opferung. Justine wählte diesen Augenblick, um ihren Plan auszuführen, damit jene, während sie beschäftigt waren, ihr weniger Aufmerksamkeit zuwenden könnten.

Man befand sich im Frühlingsanfang; die Nächte schienen noch lang genug zu dauern, um ihre Maßregeln zu begünstigen; seit zwei Monaten bereitete sie diese in aller Heimlichkeit vor. Sie durchschnitt allmählich die Gitter ihres Gemaches mit einer schlechten Scheere, die sie gefunden hatte; schon konnte sie ihren Kopf ohne Mühe durchstecken; aus ihrer Wäsche hatte sie ein hinlänglich starkes Seil gebildet, um sich damit in die Tiefe lassen zu können. Als man ihr ihre Sachen weggenommen hatte, hatte sie, wie erwähnt, ihr kleines Vermögen zurückbehalten und stets sorgfältig verborgen; vor der Flucht brachte sie es in ihren Haaren unter; sowie sie glaubte, daß ihre Gefährtinnen sich zu Bette begeben hätten, eilte sie in ihr Gemach. Hier öffnete sie das Loch, welches sie täglich sorgfältig verstopft hatte, band das Seil an einen Gitterstab, der unbeschädigt war, ließ sich herabgleiten und hatte bald den Boden unter den Füßen. Doch war dies bloß der kleinste Teil des Hindernisses gewesen; die sechs Heckenwälle, von denen Omphale erzählt hatte, bereiteten ihr ganz andere Schwierigkeiten.

Als sie unten angelangt war, erkannte sie, daß jeder Raum zwischen 2 Hecken nur sechs Fuß breit war; und diese geringe Breite konnte im ersten Moment den Glauben erwecken, daß man nur eine einzige zusammenhängende Gesträuchmasse vor sich habe. Die Nacht war sehr finster. Indem sie die erste Allee zwischen den Hecken durchschritt, gelangte sie zum Fenster des großen Kellers, wo die Todesorgien abgehalten wurden. Sie bemerkte daselbst viel Licht und war kühn genug, sich zu nähern; und da vernahm sie ganz deutlich, wie Jérome also zur Versammlung sprach: »Ja, meine Freunde, ich wiederhole es, Justine muß jetzt als nächste an die Reihe kommen; ich hoffe. kein einziger wird sich meinem Vorschlag widersetzen.« – »Gewiß nicht,« entgegnete Antonis, »mit Severino befreundet, habe ich sie bis jetzt bevorzugt und protegiert, weil sie diesem ehrenwerten Gefährten unserer Ausschweifungen gefallen hat; da wir aber jetzt keinen weiteren Grund dazu haben, so bin ich der erste, der Euch bittet, diesen Vorschlag ohne Widerspruch anzunehmen.« – Es herrschte Einmütigkeit; einige waren sogar der Ansicht, man solle sie sofort herbeischaffen; aber nach reiflicher Erwägung entschloß man sich, die Sache auf zwei Wochen zu verschieben. O Justine! welche Bewegung bemächtigte sich deiner Seele, als du also dein Todesurteil vernahmst! Unglückliches Mädchen! Fast hättest du dich nicht von der Stelle rühren können. Nichtsdestoweniger raffte sie alle ihre Kräfte zusammen. beeilte sich und ging rund herum; da sie aber keine Bresche wahrnahm, beschloß sie, eine solche zu schlagen.

Sie hatte die oben erwähnte Scheere bei sich, mit der sie nun arbeitet; ihre Hände werden zerrissen, doch hält sie das nicht zurück. Die Hecke war mehr als zwei Fuß breit; doch bahnt sie sich den Weg zur zweiten Allee. Welche Bestürzung aber bemächtigt sich ihrer, als sie unter ihren Füßen einen weichen und nachgiebigen Boden fühlt, in welchen sie bis zu den Knöcheln versinkt! Je mehr sie vorwärtsgeht, desto dichter wird die Finsternis. Voll Neugier über die Ursache dieser Aenderung der Erdbeschaffenheit, tastet sie ... Gerechter Himmel! sie spürt den Kopf eines Leichnams. »Großer Gott!« ruft sie vernichtet, »so bin ich zweifellos, wie man mir gesagt hatte, im Friedhof, wohin die Henkergesellen ihre Opfer werfen; kaum nehmen sie sich die Mühe, sie mit Erde zu bedecken. Dieser Schädel gehört vielleicht meiner teueren Omphale oder der unglücklichen Octavie; sie war so schön, so sanft, so gut, so lieblich wie eine Rose. Ach! Zwei Wochen später hätte auch mich dieser Platz erwartet; daran ist kein Zweifel, soeben habe ich es vernommen. Was würde es mir nützen, wenn ich neuen Schicksalsschlägen entgegenginge? Habe ich nicht genug Böses begangen? Bin ich nicht die Veranlassung einer ziemlich großen Zahl von Verbrechen geworden? Ach! Möge sich mein Geschick erfüllen! ... Du Zufluchtsort meiner Freundinnen, öffne dich auch für mich! Das tut gut, wenn mann so arm und verlassen ist wie ich. Aber nein, ich muß die wehrlose Tugend rächen; sie rechnet auf meinen Mut, lassen wir uns nicht niederdrücken, gehen wir vorwärts! Es tut not, daß die Welt von solch gefährlichen Missetätern befreit werde. Soll ich schwanken, sechs Menschen zu verderben, um tausende von Personen zu retten, die ihre Grausamkeit hinschlachtet?« Sie durchbricht die Hecke, die dichter ist als die erste; je mehr sie vorwärts schreitet, desto undurchdringlicher findet sie das Gesträuche. Dennoch bricht sie die Breschen, jenseits deren sie wieder festen Boden fühlt; unsere Heldin gelangt an den Rand des Grabens, ohne die Mauer zu finden, von der ihr Omphade erzählt hätte; sicherlich war keine solche vorhanden; wahrscheinlich hatten die Mönche jene damit nur abschrecken wollen.

Weniger eingeengt jenseits dieser sechsfachen Umwallung, unterscheidet Justine die Gegenstände besser. Die Kirche und das sich daran anschließende Gebäude bieten sich alsogleich ihren Blicken dar; der Graben zog sich längs beider hin. Sie hütet sich wohl, ihn auf dieser Seite zu überschreiten; sie geht den Rändern entlang weiter; sowie sie sich einem Waldwege gegenüber sieht, entschließt sie sich, den Graben an dieser Stelle zu überschreiten und jenen Weg einzuschlagen, sowie sie die Böschung emporgeklommen ist. Dieser Graben war sehr tief, aber trocken; da er mit Steinen bedeckt war, konnte sie sich nicht herabgleiten lassen, sie stürzte sich also hinein. Ein wenig betäubt von dem Fall, vergehen einige Minuten, bevor sie sich wieder erheben kann; endlich richtet sie sich wieder auf und durchquert den Graben, ohne auf Hindernisse zu stoßen; aber wie hinaufkommen? Indem sie eine bequeme Stelle sucht, findet sie einen, wo einige zerbrochenen Mauersteine ihr die Möglichkeit gaben, sowohl sich der anderen Steine als Stufen zu bedienen, als auch die Fußspitzen in die Erde einzubohren, um sich besser stützen zu können. Sie befand sich schon fast oben, als alles unter ihr einbrach und sie wieder in den Graben fiel, bedeckt mit Trümmern, die sie im Falle mitgerissen hatte; sie glaubte schon, sterben zu müssen. Denn dieser Sturz war, da er nicht freiwillig stattgefunden hatte, viel unsanfter gewesen als der erste; die Steine, die ihr gefolgt waren, hatten sie sogar an mehreren Körperstellen verletzt; sie war tüchtig mitgenommen worden. »Ach Gott!« sagte sie voll Verzweiflung, »ich gehe nicht weiter, ich bleibe da; dieses Mißgeschick ist ein Fingerzeig des Himmels, er will nicht, daß ich weiter gehe. Meine Gedanken täuschen mich sicherlich; das Böse ist notwendig auf Erden; wenn Gott es wünscht, so ist es gewiß ein Unrecht entgegenzusteuern.«

Aber die kluge, tugendhafte Justine schüttelt rasch diesen Gedanken. Die unglückselige Frucht der sie umgebenden Verderbnis, ab und entledigt sich mutig der Trümmer, mit denen sie bedeckt ist; da sie es nunmehr leichter findet, durch die infolge der neu entstandenen Löcher gebildete Bresche in die Höhe zu steigen, unternimmt sie nochmals den Versuch und sieht sich sofort in der Höhe. All das habe sie von dem wahrgenommenen Pfade abgeführt; aber umherschauend wird sie seiner wieder gewahr und nunmehr macht sie sich eilig daran, zu fliehen. Vor Tagesanbruch befindet sie sich schon außerhalb des Waldes und bald auf dem Hügel, von welchem aus sie einstens das ruchlose Haus erblickt hatte, aus dem sie mit solcher Freude entwichen war. Sie ruht auf ihm aus, in Schweiß gebadet; ihre erste Sorge ist, sich niederzuknien, um Gott zu danken und neuerlich seine Verzeihung zu erflehen für die Vergehen, die sie unfreiwillig in dieser haßenswerten Stätte der Ruchlosigkeit und des Verbrechens begangen hatte. Bald entstömten bittere Zähren ihren schönen Augen. »Ach!« sagte sie zu sich, »ich war weit schuldloser, als ich im vergangenen Jahre diesen selben Weg einschlug, geleitet von frommen Gedanken, die so traurig getäuscht wurden. O Gott! In welchem Zustande sehe ich mich jetzt!«

Diese traurige Betrachtungen wurden einigermaßen gemildert durch den Gedanken, frei zu sein; Justine nahm ihren Weg gen Dijon, da sie der Meinung war, daß nur in dieser Stadt ihre Klagen mit Erfolg vorgebracht werden könnten.

Sie befand sich auf der zweiten Tagesreise; sie hatte keine Angst vor Verfolgung, doch war ihr Kopf noch ganz wüst von all den Schrecken, deren Zeugin und Opfer sie soeben gewesen war. Es war warm; ihrer sparsamen Art gemäß war sie von der Landstraße abseits gegangen, um eine Stätte zu finden, wo sie ein leichtes Mahl einnehmen und bis abends warten konnte. Ein kleines Gehölz rechts vom Wege, durch das sich ein klares Bächlein schlängelte, schien ihr geeignet zu sein. Erfrischt von dem Wasser, ein wenig Brot zu sich nehmend, den Rücken an einen Baum lehnend, atmete sie die reine Luft ein, die sie wieder belebte und ihre aufgeregten Sinne beruhigte. Sie dachte an ihr beispielloses Geschick, das sie trotz der Dornen, mit denen ihre tugendhafte Bahn bestreut gewesen war, immer und immer wieder zu der Verehrung Gottes, zu Handlungen der Liebe und Ergebung gegen das höchste Wesen, dessen Ebenbild sie war, geführt hatte; eine Art Verzückung bemächtigt sich plötzlich ihrer Seele. »Ach!« sagte sie zu sich, »läßt er mich nicht im Stiche, dieser gute Gott, den ich anbete? Danke ich nicht ihm die Gunst, meine Kräfte wieder sammeln zu können? Gibt es denn nicht Wesen auf der Erde, denen das nicht vergönnt ist? Ich bin doch nicht ganz unglücklich, da es viel beklagenswertere Geschöpfe als mich gibt. Ach! bin ich nicht viel glücklicher als die Unseligen, die in dieser Lasterhöhle zurückgeblieben sind, der mich die Güte Gottes wie durch ein Wunder hat entkommen lassen?« Von Dankbarkeit erfüllt, wirft sie sich auf die Knie, um dem Höchsten zu danken, als sie bemerkte, daß sie durch ihr Gebaren die Blicke einer großen, schönen, ziemlich gut gebauten Frau anzog, die in derselben Richtung daherkam wie sie. »Mein Kind,« sagte ihr freundlich diese Frau, »Sie scheinen tief versunken zu sein. Von Ihrem Gesichte kann man leicht ablesen, daß ein tiefes Leid Sie bedrückt ... Auch ich, liebe Kleine, bin unglücklich; würdigen Sie mich, mir Ihre Schmerzen anzuvertrauen; ich werde Ihnen die meinigen mitteilen. Wir wollen uns zusammen trösten; vielleicht wird diesem gegenseitigen Vertrauen das süße Gefühl der Freundschaft entspringen, das den Unglücklichsten ihre Leiden erträglich macht, da sie sie brüderlich teilen. Sie sind jung und hübsch, mein liebes Kind, das ist viel mehr, als nötig ist, um recht viel Dornen auf dem Lebenspfade zu finden. Die Menschen sind so böse, daß man nur etwas, das ihr Interesse erregen kann, haben muß, um ihre ganze Ruchlosigkeit mächtig zu erregen.«

Die Seele der Unglücklichen ist den Tröstungen sehr zugänglich. Justine betrachtet die Fragerin; da sie ein schönes Gesicht, das auf höchstens sechsunddreißig Jahre weist, geistvolles und sittsames Wesen bemerkt, ergreift sie ihre Hand, vergießt Tränen und sagt: »Ach, meine teuere Dame!« – »Kommen Sie, mein Engel!« antwortet ihr freundlich Madame Esterval; »gehen wir in dieses Gasthaus; ich kenne es, wir können uns ruhig dorthin begeben. Dort können Sie mir Ihr Unglück erzählen, ich werde desgleichen tun; vielleicht wird das Ergebnis dieses süßen Vertrauens unser Unglück uns weniger fühlen lassen.«

Justine läßt sich überreden. Sie treten in die Herberge ein; Madame Esterval sorgt für alles; ein ausgezeichnetes Diner wird sogleich in einem abgesonderten Zimmer aufgetragen, worauf die Konversation intimer wird.

»Mein teueres Kind,« sagt sie, nachdem sie, wie es scheint, einige Tränen über das Unglück ihrer Gefährtin vergossen hat, »mein Mißgeschick ist vielleicht nicht so mannigfacher Art wie das Ihre, dafür aber beständiger, und ich wage es zu sagen, bitterer. Seit früher Jugend einem Manne, den ich verabscheue, preisgegeben, habe ich seit zwanzig Jahren den hassenswerten Mann vor Augen; seit dieser traurigen Zeit bin ich grausam beraubt des einzigen Wesens, das das Glück meines Lebens hätte machen können. Längs der Grenzen von Burgund und der Franche-Comté ist ein großer Wald, inmitten dessen mein Mann eine Herberge besitzt, ziemlich bequem für diejenigen aufzusuchen, die diese unbekannte Gegend durchstreifen; aber, gerechter Himmel, soll ich es Ihnen gestehen, meine Teuere, dieser Elende mißbraucht die Abgelegenheit dieser finsteren Stätte und bestiehlt, beraubt, ermordet alle die, welche das Unglück haben, sich bei ihm aufzuhalten.« – »Sie machen mich erbeben, Madame; großer Gott, dieses Scheusal mordet?« – »Teures Kind, erbarme dich meiner Schande und meines Unglücks; ich würde selbst ermordet werden, wenn ich seine Taten verriete; könnte ich übrigens versuchen, Klage zu führen? ... ich entehre mich selbst, wenn ich meinen Mann der Schande preisgebe. Oh, Justine, ich bin die Unglücklichste der Frauen! Einzig das würde mich trösten, wenn ich ein tugendhaftes Wesen gleich dir an mein Los knüpfen könnte, mit dessen Hilfe ich dem rasenden Scheusal den größten Teil seiner Opfer zu entreißen vermöchte. Wie nötig wäre mir ein solches Weib! Sie wäre die Freude meines Daseins, der Schirm meines Gewissens, meine Stütze, meine Hilfe in dem schrecklichen Zustande, in dem ich lebe ... Liebenswürdiges Kind, wenn ich dir soviel Erbarmen, soviel Vertrauen einflößen könnte, um dich mit meinem Lose zu verknüpfen ... Du wärest vielmehr meine Freundin als meine Dienerin; ich würde dir keinen Lohn bieten, nein, die Hälfte meines Besitzes ... Nun also, Justine? Fühlst du den Mut, meinen Vorschlag anzunehmen? Vermag die Gewißheit, an so guten Handlungen teilnehmen zu dürfen, deine edlen, tugendhaften Empfindungen anzufachen? Darf ich endlich hoffen, eine Freundin gefunden zu haben?« Ein Glas Champagner wurde von beiden ausgetrunken, bevor Justine sich geäußert hatte; dieser Zaubertrank, dessen merkwürdige Eigenschaft im Menschen zugleich alle Laster und alle Tugenden erweckt, bestimmte rasch die kluge Justine, eine so Teilnahme erweckende Trau, wie die, welche ihr das Glück in Aussicht stellte, nacht im Stiche zu lassen. »Ja, Madame,« sagte sie zu ihrer neuen Freundin, »rechnen Sie darauf, daß ich Ihnen überallhin folgen werde; Sie bieten mir Gelegenheit, die Tugend zu üben; wie muß ich dem Ewigen danken, daß er mich instand setzt, mit Ihnen diesen meinen Trieb zu befriedigen! Wer weiß, ob es uns nicht durch gute Ratschläge, Geduld und ausgezeichnete Beispiele glückt, Ihren Mann zu bekehren! Die Bitten, die wir an den Himmel richten, sind so innig! Hoffen wir, eines Tages Erfolge zu erreichen!« Madame d'Esterval bemerkt während dieser Rede ein Kruzifix und wirft sich voll Zerknirschung davor auf die Knie. »Christengott!« rief sie weinend, »wie muß ich dir für eine solche Begegnung danken! Erhalte mir lange diese Freundin und belohne sie für ihren Eifer!«

Sie erheben sich vom Tische; Madame d'Esterval bezahlt freigebig alle Auslagen; unsere beiden Frauen machen sich sodann auf den Weg.

Von der Herberge, die sie verlassen hatten, bis zu der des d'Esterval betrug der Weg fünfzehn Meilen, von denen sechs im dichtesten Walde zurückgelegt werden mußten. Nichts friedlicheres als dieser Marsch; nichts Teilnahmenderes, Zärtlicheres, Tugendhafteres als all das, was während des Gehens gesprochen wurde; nichts Angenehmeres als die Projekte, die entworfen wurden. Endlich kamen sie ans Ziel.

Als die Frau d'Esterval von der Lage der Herberge gesprochen hatte, hatte sie nur eine schwache Vorstellung der Wirklichkeit erweckt. Man hätte sich keine wildere Stätte vorstellen können ... Da das Haus ganz in einer mit Hochwald bewachsenen Schlucht verschwand, konnte man erst dann seiner gewahr werden, wenn man unmittelbar davor stand. Zwei riesige Doggen bewachten die Tür; d'Esterval selbst empfing, von zwei starken Mägden begleitet, seine Frau und Justine. – »Wer ist dieses Geschöpf?« fragte der wilde Wirt, die Gefährtin seiner Frau betrachtend. – »Das ist etwas, was wir brauchen, mein Sohn,« antwortet die d'Esterval in einem Tone, der unserer unglücklichen Heldin langsam die Augen öffnet und ihr begreiflich macht, daß zwischen jener und ihrem Gatten ein viel größeres Einverständnis bestand, als sie hatte vorher merken lassen. »Findest du sie nicht hübsch?« – »Ja, Sapperlot, ich finde sie so; wird aber das Ding ficken?« – »Bist du nicht ihr Herr, sowie sie bei dir eintritt?« Die zitternde Justine wird mit ihrer Führerin in einen niederen Raum gebracht, wo der Wirt, nach einem kurzen, leise geführten Gespräch mit seiner Frau an unsere Heldin ungefähr folgende Worte richtete:

»Von allen Abenteuern, die Ihnen im Laufe Ihres Lebens zugestoßen sind, wird dieses, mein teueres Kind, Ihnen sicherlich am merkwürdigsten vorkommen. Von Ihrer dummen Tugendbegeisterung getäuscht, sind Sie – wie meine Frau mir mitteilt – in viele Fallen schon geraten, in denen man Sie durch Anwendung von Gewalt fing; hier geschieht dies bloß durch List. Dort waren Sie der Gegenstand vieler Verbrechen, ohne an irgendeinem teilzunehmen. Sie werden hier bei allen mitwirken, ohne daß Sie sich helfen können; Sie werden freiwillig daran teilnehmen; Sie werden dazu genötigt sein, ohne anders als durch moralische Bande und durch Ihre Tugenden dazu gezwungen zu werden.« – »Mein Herr! mein Herr!« schrie die gute Justine, »ach, mein Herr, sind Sie denn ein Zauberer?« – »Nein,« erwiderte d'Esterval, »ich bin nur ein Frevler, ohne Zweifel ein ziemlich merkwürdiger; doch unterscheiden sich meine Triebe und Verbrechen nur durch die Form von denen vieler Leute, die gleich mir die Bahn des Lasters durchlaufen und die im Grunde die gleichen Mittel anwenden. Ich hin Frevler aus Gründen der Wollust. Reich genug, um mein Gewerbe nicht ausüben zu müssen, betreibe ich es dennoch wegen meiner Leidenschaften; diese werden merkwürdigerweise nur dann gekitzelt, mein Glied steht einzig und allein nur dann, wenn ich stehle oder morde; nur dann kann ich in Feuer geraten. Nichts anderes könnte mich in den zum Genuß nötigen Zustand versetzen; sowie ich aber das eine oder andere Verbrechen begangen habe, kocht mein Blut, mein Glied bäumt sich und ich brauche unbedingt Weiber. Da mir aber meine Frau nicht genügt, ersetze ich sie durch Mägde oder durch junge, hübsche Dinger, die uns der Zufall schickt. Kommen sie nicht von selbst, dann sucht Madame d'Esterval welche ... Sie ist ein famoses Geschöpf, dieses Weib; da sie den gleichen Geschmack, die gleichen Phantasmen hegt, hilft sie mir und wir pflücken nacheinander die Früchte.« – »Was?« fragte Justine, in deren Ueberraschung sich der Schmerz mischte, »Frau d'Esterval hat mich betrogen?« – »Gewiß, wenn sie sich tugendhaft gezeigt hat; denn schwerlich kann man sich eine verderbtere Frau denken. Doch mußten Sie verführt werden; List und Betrug waren nötig. Sie werden hier meinen und meiner Frau Genüssen zu willen sein und ... ja, mein Engel, das wird Sie erbeben machen: Sie werden die Circe der hier einkehrenden Reisenden sein; Sie werden sie liebkosen, sie fesseln, ihnen zu willen sein, alle ihre Leidenschaften befriedigen, um ihr Verderben umso sicherer herbeizuführen ... damit wir sie dann umso leichter umbringen können.« – »Und Sie glauben, mein Herr, daß ich in diesem höllischen Hause bleiben werde?« – »Mehr als das, Justine; ich habe Ihnen gesagt, daß es Ihnen schwer fallen wird, zu fliehen, daß Sie gerne hier bleiben werden, wenn Sie alles wissen werden ... denn es wird Ihnen unmöglich sein, nicht hier zu bleiben.« – »Erklären Sie sich, mein Herr, ich beschwöre Sie darum!« – »Ich werde es tun; hören Sie mich an, verdoppeln Sie gefälligst Ihre Aufmerksamkeit ...« Aber in diesem Augenblicke läßt sich ein großer Lärm im Hofe vernehmen; d'Esterval war genötigt zu unterbrechen, um zwei Kaufleute zu Pferde zu empfangen, die von ebensoviel reich beladenen Maultieren gefolgt waren; sie wollten auf den Markt von Dole und wünschten in dieser Mördergrube zu übernachten.

Unsere Reisenden wurden freundschaftlichst empfangen, bedient, erfrischt und von ihren Schuhen befreit; als d'Esterval bemerkte, daß sie ganz ruhig auf das Souper warteten, kam er zu Justine zurück, um die Instruktion zu beendigen. Der merkwürdige Mensch sagte:

»Es ist nicht notwendig, Ihnen, mein teueres Kind, zu sagen, daß ich mit dem Geschmack, von dem ich Ihnen eben erzählte, auch andere Eigenarten verbinde; folgende sind es, die erstaunlicherweise meine Leidenschaften befriedigen.

Ich will, daß die Reisenden, die unter meinen Händen sterben, von meinen Plänen Nachricht erhalten; es gefällt mir, ihnen die Gewißheit beizubringen, daß sie im Hause eines Ruchlosen sind; ich will, daß sie sich in Verteidigungszustand versetzen, kurz, es ist mir darum zu tun, sie durch Gewalt niederzuzwingen. Dieser Umstand versetzt mich in Erregung, kurz ermöglicht mir die Erektion, so daß ich unbedingt eines Geschöpfes zum Ficken bedarf, mag es welchem Alter und welchem Geschlecht immer angehören. Folgende Rolle ist Ihnen, mein Engel, zugeteilt: Sie werden mit bestem Gewissen alles in Bewegung setzen, um die Opfer entkommen zu lassen oder sie zur Verteidigung zu bewegen. Ich will Ihnen noch mehr sagen: die Freiheit winkt Ihnen dafür. Wenn Sie einen einzigen entwischen lassen, können Sie sich mit ihm retten; ich versichere feierlich, Sie dann nicht zu verfolgen; aber wenn das Opfer unterliegt, müssen Sie hier bleiben; da Sie tugendhaft sind, habe ich Recht, wenn ich sage, daß Sie herzlich gerne hier bleiben werden; denn die Hoffnung, einen dieser Unglücklichen meiner Wut zu entreißen, wird Sie unaufhörlich hier bannen. Wenn Sie mir davonlaufen, dann betreibe ich gewiß mein Handwerk weiter und Sie würden es stets tief bereuen, keinen Versuch unternommen zu. haben, die zu retten, welche nach Ihrer Abreise zugrunde gehen werden; Sie würden es sich nie verzeihen können, die Gelegenheit zu einem so guten Werk verabsäumt zu haben; wie gesagt, die Hoffnung eines Tages doch Erfolg zu haben, wird Sie notwendigerweise das ganze Leben an uns fesseln. Wollen Sie einwerfen, daß all das nicht nötig sei, daß Sie gleich in den ersten Tagen entweichen würden, um gegen mich Klage zu führen? Wie ungeschickt wäre ich, wenn ich diesen Einwurf nicht beantworten könnte, wenn ich ihn nicht siegreich mit einem Worte niederschlagen könnte. Hören Sie mich an, Justine; es vergeht kein Tag, an dem ich nicht einen Mord begehe; sechs Tage würden vergehen, bevor Sie zum nächsten Gericht kommen; dann aber haben Sie sechs Opfer umkommen lassen, um zu versuchen, mich gefangen nehmen zu lassen; unter der Voraussetzung, daß diese Unmöglichkeit stattfindet (denn ich fliehe sofort, wenn Sie nicht mehr im Hause sind), haben Sie sechs Opfer hinschlachten lassen, um einer lächerlichen Hoffnung nachzujagen.« – »Ich wäre die Ursache ihres Todes?« – »Ja, denn Sie hätten eines der Opfer retten können, wenn Sie es gewarnt hätten; wenn Sie aber das eine retten, retten Sie auch die anderen. Nun also, Justine, hatte ich Unrecht zu sagen, daß ich Sie durch List festhalten werde? Fliehen Sie jetzt, wenn Sie es wagen, fliehen Sie, alle Türen sind offen!« – »Mein Herr!« sagte Justine niedergeschlagen, »in welche Situation versetzen Sie mich durch Ihre Bosheit!« – »Ich weiß wohl, sie ist schrecklich; gerade das regt meine abscheulichen Leidenschaften mächtig an. Es gefällt mir, daß Sie an den Ruchlosigkeiten teilnehmen müssen, ohne daß Sie sie verhindern könnten; ich freue mich, Sie durch die Tugend an das Verbrechen und den Frevel zu fesseln; und wenn ich, Justine, mit Ihnen ficken werde (denn Sie werden es begreiflich finden, daß es dazu kommen wird), wird dieser köstliche Gedanke mich wundervoll entladen machen.« – »Wie, mein Herr, ich werde mich dem fügen müssen?« – »Gewiß, Justine, allem; wenn Sie geschickt genug sind, den Opfern das Entwischen zu ermöglichen, so ist damit alles gesagt, da Sie zusammen mit jenen fliehen werden. Aber wenn sie unterliegen, werden sich Ihre Hände mit dem Blute jener färben; Sie werden sie mit mir bestehlen, umbringen, ausplündern; dann werden Sie sich nackt auf die blutigen Leichname legen und ich werde Sie bearbeiten. Wieviel Gründe haben Sie nicht, jene zu retten! Welche Ränke, welche Geschicklichkeit werden Sie, von der Tugend und ihrem Vorteil getrieben, anwenden, um sie meinen Dolchen zu entreißen! O Justine! Nie werden sich die hehren Tugenden, zu denen Sie sich bekennen, in einem schöneren Lichte zeigen, nie wird sich Ihnen eine günstigere Gelegenheit bieten, sich der Achtung und Bewunderung der guten Menschen würdig zu erweisen.«

Es ist sehr schwer, die Situation zu beschreiben, in der sich unsere Heldin befand, als d'Esterval wegging, um seinen Pflichten obzuliegen, und sie einen Augenblick all ihren schrecklichen Gedanken überließ:

»Großer Gott!« rief sie aus, »ich war der Meinung, daß der Frevel alle seine Mittel gegen mich in Anwendung gebracht habe und daß nach all meinen Erfahrungen mir neue Empfindungen dieser Art erspart bleiben würde. Ich habe mich getäuscht. Ich erlebe beispiellose Tücken, Grausamkeiten und Ausschweifungen, die sicherlich selbst dem Busen der Hölle fremd sind. Dieses Scheusal hat Recht: wenn ich mich sofort retten und ihn festnehmen lassen will, vergeht sicherlich einige Zeit; vielleicht kann ich ihm aber gleich heute abends die beiden Reisenden, die eben angekommen sind, entreißen. – Aber wenn ich in einem oder zwei Jahren bemerke, daß ich niemals ein Opfer retten kann, täte ich nicht besser daran, den Schurken anzuzeigen? – Ach, niemals, niemals; er hat gesagt, er werde sofort fliehen, wenn er mich frei sehen werde; er würde vor der Flucht alle bei ihm befindlichen Fremden massakrieren, vielleicht gerade solche, denen ich hätte das Leben retten können. Das Scheusal hat Recht, durch List bezwingt er mich. Wäre ich nicht so klug, ich hätte mich gleich entfernt; wegen meiner Tugend werde ich verbrecherisch. Gott, darfst du es zugeben, daß das Gute soviel Böses verursacht? Zeigt es von Gerechtigkeit, wenn du duldest, daß die Tugend Unheil bewirkt? Wie entmutigend wird die Geschichte meines Lebens auf alle Seelen wirken, wenn sie je bekannt werden sollte! O du, der du sie eines Tages erfahren solltest, veröffentliche sie nicht, ich bitte dich inständig drum; du würdest die Herzen aller, die das Gute lieben, in Verzweiflung versetzen und notwendigerweise zum Frevel anregen, wenn du den Triumph des Lasters so ans Tageslicht zerrst.«

Justine vergoß helle Tränen, als sie sich solch schmerzlichen Gedanken hingab; da wurde sie plötzlich durch Frau d'Esterval unterbrochen. – »Ach, Madame,« sagte sie, diese bemerkend, »wie haben Sie mich betrogen!« – »Teurer Engel,« entgegnete die Megäre und versuchte es, sie zu liebkosen, »es war nötig, um deiner habhaft zu werden. Aber tröste dich, Justine, du wirst dich leicht in alles finden; ich bin fest überzeugt, daß dir nach einigen Monaten nicht einmal der Gedanke, uns zu verlassen, kommen wird. Küße mich, Kleine; du bist sehr hübsch und ich habe große Lust, dich von meinem Gatten bearbeitet zu sehen.« – »Wie, Madame, Sie erlauben solchen Greuel?« – »Ich teile vollständig den Geschmack meines Mannes; er erwidert aber auch mein Entgegenkommen; man kann sich schwerlich ein intimeres Verhältnis vorstellen; wir lesen uns unsere Wünsche von den Augen ab; da wir den gleichen Geschmack und die gleichen Mittel haben, so befriedigen wir uns gegenseitig.« – »Wie, Madame, Sie stehlen und morden?« – »Ja, meine Süße, das macht mir Riesenfreude und erregt gewaltig meine Triebe; du wirst sehen, welch unerhörten Genuß wir haben, wenn wir vom Blut berauscht sind.« – »Sind auch diese Mägde beauftragt, die Reisenden zu benachrichtigen?« – »Diese Ehre ist nur dir vorbehalten. Da wir deine schönen Prinzipien kennen, wollten wir sie in Tat umsetzen. Die Mädchen, von denen du sprichst, sind unsere Komplizen; im Verbrechen großgezogen, lieben sie es fast ebenso wie wir und sind weit entfernt, die Opfer entwischen zu  lassen. Du wirst manchmal bemerken, daß mein Mann sich ihrer bedient, jedoch besteht keine Vertraulichkeit zwischen uns und ihnen. Du allein wirst unser Vertrauen genießen; nur du wirst die Freundin des Hauses sein; diese Geschöpfe werden dich ebenso wie uns bedienen; du wirst stets an unserem, nicht an ihrem Tische essen.« – »Ach, Madame, wer hätte daran gedacht, daß eine solche, wie mir schien, achtungswerte Person sich solchen Grausamkeiten hingeben kann?« – »Wende doch nicht solche Ausdrücke an,« erwiderte Frau d'Esterval, mitleidig lächelnd, »was wir tun, ist ganz einfach. Nie irrt man von den Wegen der Natur ab, wenn man seinen Trieben gehorcht; und ich versichere dir, daß wir nur von ihr alle Leidenschaften, denen wir fröhnen, erhalten haben.«

»Wohlan, Justine,« sagte allsogleich d'Esterval, rasch herbeieilend. »Unsere Kaufleute sind beim Souper; suche sie auf, plaudere mit ihnen, warne sie, versuche sie zu retten, namentlich aber gib dich ihnen preis, wenn sie es wünschen; vergiß nicht, daß das dir am sichersten ihr Vertrauen verschafft.«

Während Justine ihres Amtes in bald zu beschreibender Weise waltet, wollen wir unseren Lesern die Kenntnis der schrecklichen Gewohnheiten dieses Hauses und der Personen, die unsere Heldin daselbst trifft, beibringen.
XIII. Kapitel.
Fortsetzung und Ende der Abenteuer in der Herberge. – Erkenntlichkeit. – Abreise.

Madame d'Esterval, mit der wir beginnen wollen, war – wie gesagt – eine große, schöne Frau von ungefähr sechsunddreißig Jahren; sie besaß einen ganz braunen Teint, recht glänzende Augen, eine schöne, vornehme Gestalts die Haare waren von schönstem Schwarz; sie war behaart wie ein Mann, besaß einen hohen Hals, einen kleinen aber wohlgeformten Hinteren, eine trockene, rote Scham; ihr Kitzler war drei Zoll lang und entsprechend dick, ihr Bein war vollendet schön; sie war voll Phantasie und Lebhaftigkeit, talentiert und gebildet, verbrecherisch und tribadisch bis zum höchsten Grade. Aus vornehmer, feiner Familie stammend, hatte sie zufällig die Bekanntschaft d'Estervals gemacht, der, selbst reich und von vornehmer Abstammung, sich beeilte, dieses Mädchen, mit dem ihn die Gleichheit des Geschmacks und der Triebe verband, zu seiner Frau zu machen. Nach der Vermählung ließen sie sich an dieser wilden Stätte nieder, die es ihnen ermöglichte, ihre Frevel recht lange ungestraft zu begehen.

D'Esterval, älter als seine Frau, war ein recht schöner Mann von fünfundvierzig Jahren, von trefflicher Konstitution, voll wüster Leidenschaften; er besaß einen riesenstarken Körper, ein prächtiges Glied; im Genusse zeigte er Merkwürdigkeiten, von denen wir noch gelegentlich sprechen werden. Wohlhabend genug, um das Gastgewerbe nicht ausüben zu müssen, betrieb er es mit seiner Gattin nur deshalb, weil es ihnen die Befriedigung ihrer schrecklichen Triebe ermöglichte. Ein prächtiges Haus auf einem schönen Gute in Poston harrt ihrer für den unglücklichen Fall, daß das Geschick nicht weiterhin einen Schleier über ihre Ausschweifungen breiten sollte.

Es gab keine anderen Bedienten im Hause außer den zwei Mägden, von denen oben die Rede gewesen war. Da diese von früher Kindheit an hier aufgewachsen waren, nirgends hingingen, in Hülle und Fülle lebten und seitens ihrer Herren sich guter Behandlung erfreuten, brauchten diese nicht zu fürchten, daß sie ans Entweichen dachten. Madame d'Esterval sorgte allein für die Beschaffung der Nahrungsmittel; einmal wöchentlich begab sie sich in die Stadt und brachte alles mit, was nicht ihre eigene Meierei liefern konnte. Uebrigens herrschte in diesem Haushalte die vollständigste Einigkeit, so verderbt er auch sein mochte; der beste Beweis, wie falsch es ist, zu sagen, daß Freundschaft nur unter Tugendhaften bestellen könne. Was die Verbindungen löst, sind die Unähnlichkeit der Moral und der Geistesart; sowie aber Einigkeit besteht, sowie zwischen den Gewohnheiten zweier Bewohner des gleichen Hauses kein Widerspruch da ist, besteht kein Zweifel, daß sie das Glück ebenso im Schoße des Lasters wie in dem der Tugend finden können; weil nicht diese oder jenes den Menschen glücklich oder unglücklich machen, sondern einzig die Zwietracht sie in die letztere Lage versetzt; diese schreckliche Gottheit schwingt nur dort ihre Fackeln, wo Disharmonie in Geschmack und Ansichten besteht. Keine Eifersucht störte dieses reizende Zusammenleben. Dorothéa19, glücklich über die Freuden ihres Mannes, gab sich nie lieber ihren Ausschweifungen hin, als wenn sie ihn in erlesenen Genüssen schwelgen sah; umgekehrt riet d'Esterval seiner Frau, zu ficken, wann sie immer Gelegenheit dazu hatte; nie war seine Entleerung genußvoller, als wenn er sie in den Armen eines anderen erblickte. Zerzankt man sich, wenn man so denkt? Ist es anzunehmen, daß ein Ehepaar, das durch solide Rosenketten verknüpft ist, sie je zerreißen würde?

Indessen warnte Justine die beiden Kaufleute auf deren Zimmer auf jede mögliche Weise, doch ohne Erfolg. Ihre zarte, gefühlvolle Seele konnte keine Entscheidung treffen zwischen der schrecklichen Notwendigkeit, ihren Herrn, oder zwei Unschuldige umbringen zu lassen. Anderseits paßte d'Esterval ganze nahe bei der Türe auf; zu seinen Leidenschaften gehörte auch die Lust, die Gäste während des Genusses zu überraschen und sie aus den Armen der Venus in die des Todes zu geleiten; in dieser ruchlosen Absicht führte er ihnen stets ein Mädchen zu; er brannte vor Verlangen, Justine an der Arbeit zu sehen und klagte sie innerlich an, zu wenig Mittel anzuwenden, um ihre beiden Reisenden in Erregung zu versetzen, als plötzlich der eine unsere Heldin ergreift, und sie, ohne ihr Zeit zu lassen, sich zu wehren, vergewaltigt. »Ach, mein Herr, was tun Sie denn?« ruft das schamhafte Kind, »welchen Ort wählen Sie zu derlei Dingen? Großer Gott! Wissen Sie, wo Sie sind?« – »Wie? was wollen Sie damit sagen?« – »Lassen Sie mich los, Herr, ich will Ihnen alles enthüllen. Ihr Leben ist in Gefahr; hören Sie mich an, sage ich Ihnen.« Der zweite, kaltblütigere, bewog seinen Freund, einen Augenblick sein Vorhaben aufzuschieben und nun bitten Beide Justine, sie möge ihnen das Geheimnis enthüllen, auf das sie anzuspielen scheint. »Können Sie, meine Herren, mitten im Walde, in einer Mördergrube, an solche Dinge denken? Haben Sie wenigstens Waffen zur Verteidigung?« – »Jawohl, da sind unsere Pistolen.« – »Nun gut, meine Herren, halten Sie sie bei sich; beschäftigen Sie sich mit Ihrer Verteidigung, nicht mit den faden Genüssen, denen Sie sich hingeben wollten.« – »Hühnchen,« sagte der eine von ihnen, »drücken Sie sich anders aus, wir bitten Sie darum; droht uns ein Unfall?« – »Ja, ein schrecklicher, entsetzlicher. Um Himmels willen, rüsten Sie sich zur Verteidigung; man will Sie heute Nacht ermorden.« – »Gehen Sie, mein Kind,« sagte der, dessen geiles Glied soeben in Justinens Scheide gedrungen war, »lassen Sie uns Wein und Licht heraufbringen, morgen wollen wir uns Ihnen erkenntlich zeigen.« Justine begibt sich hinab; wie sie aber die Tür öffnet, erblickt sie sofort d'Esterval, wie er seine Frau tätschelt; beide horchen an der Türe und weiden sich an den Vorgängen. »Warum hast du dich nicht ficken lassen?« fragte d'Esterval rauh. »Habe ich dir nicht gesagt, daß uns nur das Genuß bereitet? Aber es ist keine Zeit mehr; lasse ihnen das Verlangte bringen und bleibe allein im Salon.«

Unsere Kaufleute rüsten sich zur Verteidigung. Ach! Sie war nutzlos. Plötzlich ertönt ein schreckliches Geräusch. »Sie sind da! Sie sind da!« schreit d'Esterval; »komm' Frau, lauf', Justine ich hab' sie, die Lumpen; sie sind da.« D'Esterval geht, eine Kerze in der Hand, voran: alle drei – denn Justine wurde mitgezerrt – steigen in einen Kellerraum hinab; welch' Erstaunen aber faßt unsere unglückliche Heldin, wie sie die Reisenden, von einem schrecklichen Sturze betäubt, wehrlos auf dem Boden liegen sieht!

Unsere Leser werden ohne weitere Erklärung leicht begreifen, daß alles sich vermittelst einer Falltüre zutrug; die Waffen, die auf einem Tische lagen, konnten den Unglücklichen auf ihrem Falle nicht nachfolgen. »Kameraden,« sagte d'Esterval, beiden Pistolen an die Kehle setzend, »man hat Euch doch gewarnt, warum habt Ihr denn nicht aufgepaßt? Höret mich an: Ihr könnt Euch durch ein Mittel aus dieser Verlegenheit ziehen, verzweifelt nur nicht. Ihr sehet hier zwei Frauen; die hier ist die meine, sie ist noch schön; was die andere betrifft, habt Ihr sie betastet, sie ist ein königliches Stück. Nun gut, ficket mit ihnen vor meinen Augen, dann ist euer Leben gerettet; wenn Ihr aber Widerstand leistet, ist's um euch geschehen; darum machet euch gleich an die Arbeit.« Mit diesen Worten legt der ruchlose d'Esterval, ohne ihnen Zeit zur Antwort zu lassen, von seinen Trieben erregt, die Pistolen weg, knöpft ihre Hosen auf und leckt ihr Glied.

Man geht leicht von der Furcht zum Vergnügen über; aber über welche Mittel verfügt nicht die Natur, wenn es sich um die Erhaltung der Art handelt! Dorothéa benimmt sich so geschickt, sie weiß so gut die beiden Unglücklichen zugleich zu beruhigen und zu liebkosen, daß beider Glieder sich bald hoch aufbäumen. Ein Kanapée ist vorhanden; der eine Kaufmann legt die Frau des Wirtes darauf und bearbeitet sie. Justine macht ein wenig mehr Umstände; und ohne d'Estervals Drohungen wäre es sehr zweifelhaft, ob der zweite einen Erfolg erzielt hätte; aber von der Gewalt bezwungen, muß sie nachgeben. Die beiden Paare sind an der Arbeit; da erscheinen die Mägde, ganz nackt, und Ruten in der Hand. Sie lassen die Hosen der Kaufleute herunter und machen deren Hinterbacken d'Estervals Augen sichtbar; dann peitschen sie die vor Vergnügen erregten Aersche. Der Wirt tätschelt sie, tastet die Hinteren der Mägde, prackt die der beiden anderen Weiber; unbeständiger wie ein Schmetterling kostet er bald die, bald jene wollusterregenden Reize. Bald zeigt er sein empörtes Glied den Kaufleuten und steckt es in ihren Hintern, um bald wieder zu den fickenden Weibern, dann zu den Mägden zurückzukehren. »Vorwärts,« sagte er zu seiner Frau, Justinens Partner sodomisierend, »gib auf den Deinigen acht, der Meinige wird mir nicht entgehen.« Indessen peitschten ihn die Mägde. Die beiden Kaufleute entladen sich, im selben Moment werden sie getötet. Die Unglücklichen ergießen sterbend ihren Samen; gerade das wollten die Henker. Justinens Gesicht und Brust sind mit dem Blut und Gehirn dessen bedeckt, der in ihren Armen, somodisiert von d'Esterval, sich entladen hatte, der seinerseits sich auch entleerte. »Sapperment, Teufel noch einmal!« schreit der Frevler, seinen Samen verlierend, »unglücklich der, welcher nicht den Genuß kennt, mit dem ich mich besudelt habe«; kein einziges Vergnügen kommt diesem an Reiz und Köstlichkeit gleich. »Scheusal!« ruft Justine, sich von dem auf ihr lastenden Leichnam befreiend, »ich glaubte alle Arten des Verbrechens durchgekostet zu haben; solche, wie die von dir begangenen, habe ich nicht einmal geahnt. Schmeichle dir, Ruchloser, damit, daß du alles, was ich bis heute an Grausamkeiten wahrgenommen habe, übertroffen hast.« Aber der verstockte Menschenschlächter lachte nur. »Was machst du denn?« fragte er seine Frau. »Ich entlade in einemfort,« antwortet diese; »befreie mich von diesem Lumpen da; denn obwohl der Kerl tot ist, so steht sein Glied noch immer, und ich müße zehn Jahre lang ergießen, wenn er so lange hier liegen bliebe.« – »Ach Gott!« schrie Justine, »gehen wir weg von diesem Schreckensorte.« – »O nein, hier will ich ficken. Diese blutigen Opfer meiner Frevelhaftigkeit entfachen meine Geilheit; ich erigiere nie so gut, als wenn ich jene betrachte. Ihr seit vier Frauen, leget euch je zwei auf einen Kadaver; auf solchen Ruhebetten will ich euch bearbeiten, alle viere.« Der Schurke tut so; Scham, After, alles wird von ihm bearbeitet; er treibt die Scheußlichkeiten so weit, noch auch die Hintern der Opfer zu bearbeiten; er entladet Drei-oder viermal, worauf man sich wieder hinaufbegiebt.

Die Bestattung der Leichname wurde durch die Mägde besorgt. D'Esterval und seine Frau raffen das Geld zusammen und werfen die Reiseffekten in ein großes Loch neben dem Hause, das zu diesem Zwecke bestimmt ist.

»Ach, mein Herr,« sagte Justine, als ein wenig Ruhe eingetreten war, »wenn Sie wollen, daß es mir gelinge, Ihre Opfer zu retten, wenn Sie wünschen, daß ich wenigstens den Versuch dazu mache, dann belehren Sie mich über den Mechanismus Ihrer Fallen, denn wie könnte ich sonst etwas dagegen tun?« – »Das wirst du nie erfahren, mein Kind,« sagte d'Esterval. »Gehe in das Zimmer dieser Fremden, und du kannst dich überzeugen, ob nicht alles in der nämlichen Ordnung ist. Ich bin ein Zauberer, meine Tochter; niemand kann meine Fallen stören oder erraten. Setze deine Versuche fort; die Tugend, die Religion, die Ehre, alles treibt dich dazu; aber ich fürchte, du wirst nie Erfolg haben.« Sie begeben sich zu Bette. Da sowohl der Wirt, als auch seine Frau Lust zeigen, den übrigen Teil der Nacht mit Justine zu verbringen, wurde beschlossen, sie sollte, damit ein Einverständnis erzielt werde, bei beiden im Ehebett liegen. Von beiden mit Liebkosungen überschüttet, mußte die gehorsame Justine zugleich ihre Scham ihr, ihren Hintern ihm überlassen. Bald gerieben, bald gefickt, bald liebkost oder geschlagen, konnte die Unglückliche sich überzeugen, daß all das, was sie im Marienkloster getan hatte, nur ein Vorspiel der Wollustszenen war, die sich bei diesen unerhörten Vorbildern der Geilheit und Frevelhaftigkeit abspielten. Die grausame Dorothéa, voll Wildheit in ihren Lüsten, wollte Justine peitschen. Ihr Gatte hielt diese, die dann gestäupt wurde, wie noch nie zuvor. Das Verbrecherpaar gefiel sich darin, sie nackt und im Dunkeln von einem Ende des Hauses zum anderen zu jagen und sie durch die Phantome der eben Ermordeten zu erschrecken. Beide versteckten sich, um ihr noch mehr Furcht einzuflößen; sobald sie aber an den Winkeln vorbei kam, wo jene ihr auflauerten, wurde sie mit kräftigen Ohrfeigen oder mächtigen Fußtritten in den Hinteren regaliert. Sodann schleuderte sie der Gatte in die Mitte des Zimmers und bearbeitete sie von hinten auf der Erde, während sich die Frau beim Lärm dieser nächtlichen Szene rieb. Anderemale nahmen sie Justine in die Mitte; das eine leckte ihren Mund, das andere ihre Scham und so wurde sie zwei Stunden lang abgemattet. Endlich erhebt sich Justine, ganz erschöpft. Aber durch ein treffliches Frühstück neubelebt, gut behandelt, soweit es sich nicht um Akte der Wollust handelt, beruhigt durch die Gewißheit, an keinen dieser Missetaten freiwillig teilzunehmen, darauf rechnend, daß es ihr eines Tages doch gelingen würde, die Opfer zu retten, besänftigte sich das arme Mädchen, und fügte sich ins Unvermeidliche.

Zwei Tage vergingen, ohne daß ein Reisender erschienen wäre. Während dieser Zeit ließ Justine nichts unversucht, um zu enträtseln, durch welchen merkwürdigen Mechanismus d'Esterval die Unglücklichen aus dem Zimmer in den Keller stürzte. Wohl dachte sie an eine Falltüre; aber wie sehr sie auch spähte, nichts vermochte sie von dieser Möglichkeit zu überzeugen. Gesetzt aber den Fall, es war dem so, wie wollte sie dem entgegentreten? Sollte sie den Reisenden sagen, sie müßten diesen oder jenen Platz vermeiden? Aber waren nicht vielleicht mehrere Falltüren vorhanden? Vielleicht war der ganze Fußboden von einer solchen gebildet; nie aber gab man den unglücklichen Todesopfern andere Zimmer. In dieser schrecklichen Ratlosigkeit schien es ihr sogar unnütz, die Leute zu warnen. Sie teilte dies der Frau d'Esterval mit, die ihr aber versicherte, sie täusche sich; wenn man ihr einen solchen Auftrag erteilt habe, würde sie sicher das Geheimnis des Erfolges ausfindig machen. »Ach, Madame, so erklären Sie mir doch die Sache!« – »Das hieße auf unsere Genüsse verzichten ... ich würde meiner größten Vergnügen verlustig werden.« – »Solche Gräuel können Sie ergötzen?« – »Es ist köstlich, einen Mann zu hintergehen ... ihn während der Umarmung sterben zu sehen ... es ist göttlich, ihm den Tod zu geben in dem Augenblick, da er das höchste Entzücken kostet; dieser Kampf zwischen den Parzen und Venus erhitzt den Kopf zum Staunen; ich versichere dir, du wirst dich rasch daran gewöhnen, wenn du den Versuch machen wolltest.« – »Ach, welche Entartung!« – »Aber gerade die Entartung befriedigt den Trieb; sie belebt ihn erst. Was wäre die Wollust ohne Ausschweifung?« – »Ach, kann man es so weit treiben?« – »Beklage mich ... meine Teure, daß ich es nicht noch ärger tun kann, wenn du wüßtest, wohin sich meine Einbildungskraft verirrt, wenn ich einmal im Genießen bin! Was alles ich dann ersinne! Sei überzeugt, Justine, all das, was ich tue, bleibt weit hinter meinen Wünschen zurück. Warum müssen sich meine Begierden auf dieser Welt beschränken? Warum bin ich nicht die Herrin der Welt? Warum kann ich dieses rasende Verlangen nicht auf die ganze Natur ausdehnen? Jede Stunde meines Lebens wäre durch einen Frevel geheiligt, jeder meiner Schritte durch einen Mord. Wenn ich je nach unumschränkter Gewalt Verlangen getragen habe, so geschah dies, um mich an Freveln zu weiden. Ich möchte durch meine Greueltaten alle grausamen Frauen des Altertums übertreffen; von einem Ende der Welt zum anderen sollten die Menschen vor meinem Namen, meinen Missetaten zittern. Genügt nicht die bloße Analyse des Verbrechens, um es lobenswert zu finden? Was ist ein Verbrechen? Eine Handlung, die die Menschen uns fügsam macht und uns unfehlbar über sie erhebt; eine Handlung, die uns zu Herren über Leben und Tod der anderen macht und die daher zu dem Glück, dessen wir uns freuen, das des geopferten Wesens hinzufügt. Kann man mir einwerfen, daß das auf Kosten anderer erworbene Glück nicht vollkommen sei? Toren! ... gerade darin ist es vollkommen, weil es angemaßt ist; es besäße keine Reize, wenn es geschenkt würde. Man muß es gewaltsam rauben; es muß den, welchem man es raubt, Tränen kosten, denn gerade aus der Gewißheit, daß man anderen Schmerz verursacht, entspringt der süßeste Genuß.« – »Aber das ist ja verbrecherisch!« – »Ganz und gar nicht; es handelt sich nur um das sehr einfache und natürliche Verlangen, sich ein möglichst großes Quantum Glück anzulegen.« – »Ich stimme bei, wenn es nicht auf Kosten der anderen geschieht.« – »Das wäre aber ein schlechter Genuß, wenn ich die andern für ebenso glücklich halten müßte wie mich; um mein Glück zu vervollkommnen, muß mich alles auf der Welt glücklich schätzen, während alle andern leiden; es gibt kein organisiertes Wesen, das nicht fühlt, wie süß es ist, Vorrechte zu haben. Solange ich nur im allgemeinen Glück teilhabe, bin ich nur wie alle Welt; wenn ich aber alles in mir vereinen kann, bin ich unbestreitbar glücklicher als die anderen. Wenn zum Beispiel in einer Gesellschaft von zehn Personen das Glück sich zu gleicher Weise verteilt, dann kann sich keiner schmeicheln, glücklicher zu sein als der andere; wenn dagegen einer aus dieser Gesellschaft den neun anderen das Glück zu rauben und sich zuzuschanzen versteht, dann ist er sicherlich wahrhaft glücklich; denn er kann nun Vergleiche anstellen, was ihm vorher unmöglich war. Das Glück hängt nicht von dem oder jenem Seelenzustand ab; es besteht nur im Vergleich des eigenen Zustandes, mit dem des anderen; wie kann man aber Vergleiche anstellen, wenn alle einander ähneln? Wenn alle Leute ein gleiches Vermögen besäßen, könnte ich dann jemand reich nennen?« – »Ich werde nie diese Art, glücklich zu sein, verstehen, ich glaube es nur dann sein zu können, wenn ich wüßte, daß alle anderen es auch sind.« – »Das rührt von deiner Schwäche her; denn du hast nur kleine Wünsche, schwache Leidenschaften, geringe Wollustgefühle.« Aber diese mittelmäßige Denkweise kann nie bei einem so gearteten Wesen, wie ich es bin, Anklang finden; wenn mein Glück nur mit dem Unglück der andern zusammen bestehen kann, so ist dies deshalb der Fall, weil ich in diesem Unglück das einzige Reizmittel erblicke, das meine Nerven stark anregt und das, entsprechend der Heftigkeit der Erschütterung, die Nerven mit größerer Gewißheit in den Zustand der Wollust versetzt.

Im allgemeinen entspringen alle menschlichen Irrtümer den falschen Begriffen, die sie sich vom Glücke machen. Was man so nennt, ist nicht ein Zustand, der gleicherweise allen Menschen zusagen kann, sondern ist individuell verschieden, je nach der Art der Organisation. Das ist richtig, denn der Reichtum und die Wollust, die das Glück im allgemeinen zu begründen scheinen, finden bei manchen keinen Anklang; die Schmerzen dagegen und die Melancholie, daß Mißgeschick und der Kummer, die aller Welt zu mißfallen scheinen, haben dennoch ihre Anhänger. Wenn man aber diese Behauptung für recht findet, bleibt dem, der sich über die Sonderbarkeit des Geschmackes in einen Streit einlassen will, keine Waffe; wenn er vernünftig ist, bleibt ihm nichts übrig, als zu schweigen. »Ludwig XI. fand sein Glück in den Tränen, die er den Franzosen verursachte, Titus in den Wohltaten, mit denen er die Römer überhäufte. Woraufhin wollen Sie, daß ich den einen dem andern vorziehe? Hatten nicht beide Recht? Waren nicht beide gerecht?« – »Gewiß nicht; die Gerechtigkeit äußert sich nur dadurch, daß sie Gutes tut.« – »Aber was bezeichnest du als das Gute? Ich bitte dich, beweise mir, daß es besser ist, einem Menschen hundert Louis zu geben als sie ihm zu rauben. Wie komme ich dazu, das Glück der anderen zu machen? Wodurch kannst du mich überzeugen (Vorurteile haben keine Beweiskraft), daß ich besser bin, wenn ich es tue als wenn nicht? Jedes System einer allgemein giltigen Moral ist ein richtiges Hirngespinst; es gibt außer der relativen Moral keine wahre Moral, die auf uns Einfluß üben könnte. Die Verbrechen ergötzen mich, daher fröhne ich ihnen; ich schaudere vor der Tugend, daher fliehe ich sie; ich würde sie vielleicht lieben, wenn ich von ihr irgend einen Genuß verspürt hätte. Justine, werde lasterhaft wie ich! Die Göttin, der du dienst, ist undankbar; sie wird dich nie für die Opfer, die sie fordert, entschädigen; wenn du ihr dienst, wirst du nie belohnt werden.« – »Aber würden die Menschen das, was Sie tun, bestrafen, wenn es gut wäre?« – »Die Menschen strafen das, was ihnen schadet; sie zertreten die Schlange, die sie sticht, ohne daß man daraus das geringste Argument gegen die Existenz dieses Reptils schöpfen könnte. Die Gesetze sind egoistisch, wir müssen es auch sein; sie dienen der Gesellschaft; aber die Interessen der letzteren sind nicht die unserigen; und wenn wir unsere Leidenschaften befriedigen, so tun wir das einzeln, was jene im Masse tun; nur die Resultate sind verschieden.«

Manchmal mengte sich d'Esterval in derartige Gespräche; dann nahmen sie einen imponierenden Charakter an. Unmoralisch aus Grundsatz und durch sein Temperament, Atheist aus Liebhaberei und durch Philosophie, bekämpfte d'Esterval alle Vorurteile und ließ der unglücklichen Justine keine Möglichkeit der Verteidigung. Als diese ihm gelegentlich seine täglichen Mordtaten vorwarf, sagte er: »Mein Kind, der Wechsel ist das Wesen der Welt; doch kann es keinen Wechsel ohne Zerstörung geben; also ist diese nötig für die Naturgesetze; demnach fördert derjenige, der am meisten zerstört – da er den größten Wechsel in der Materie verursacht – am besten die Naturgesetze. Diese Mutter aller Menschen hat ihnen ein gleiches Recht auf alles verliehen. In der natürlichen Ordnung der Dinge ist es jedem erlaubt, alles, was ihm gut dünkt, mit wem immer zu tun; jeder kann besitzen, sich dienstbar machen, genießen, was immer er gut findet. Der Nutzen ist die Richtschnur des Rechtes. Es genügt, daß ein Mensch eine Sache begehrt, um festzustellen, daß er ihrer bedarf; wenn aber etwas jemandem nötig oder auch nur angenehm ist, hat er ein Recht darauf. Die einzige Strafe, die wir für eine solche Handlung verdienen, besteht darin, daß es einem andern gestattet ist. gegen uns ebenso vorzugehen. Die Berechtigung oder Nichtberechtigung einer Handlung,« sagt Hobbes, »hängt nur von dem Urteil den Handelnden ab; dadurch ist dieser über jeden Tadel erhaben und kann sein Vorgehen rechtfertigen.« Die einzige Ursache aller unserer Irrtümer rührt daher, daß wir das für Naturgesetze halten, was nur den Gewohnheiten und Vorurteilen der Zivilisation entspringt. Nichts auf der Welt verletzt die Natur; die Zivilisation, mehr zorniger Natur, fühlt sich fast jeden Moment beleidigt; aber was liegt denn an ihrer Beleidigung! Die menschlichen Gesetze verletzen heißt ein Hirngespinst beschimpfen. Hatten die, welche an dieser Zivilisation arbeiteten, meine Zustimmung? »Kann ich Gesetzen anhänglich sein, die meinen Trieben und meiner Vernunft widerstreben?«

Justine rühmte die Vorzüge unserer Wahrnehmungen; dann wollte sie, sich auf ihre schwankende Basis stützend, daraus fälschlich die Richtigkeit der Religion ableiten. »Ich gebe zu,« erwiderte d'Esterval, »daß unsere Wahrnehmungen und unsere Organe, die feiner entwickelt sind als bei den Tieren, uns veranlaßt haben, an die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit zu glauben; darum schrieben wir, so wie Sie es tun; gibt es einen besseren Beweis für die Richtigkeit jener Dinge, als daß wir genötigt sind, sie zuzugeben, aber gerade da zeigt sich der Sophismus. Es ist ganz richtig, daß die Beschaffenheit, die uns die Natur zuteil werden ließ, uns nötigt, Hirngespinste zu schaffen und uns oft durch solche zu trösten; aber die Existenzberechtigung eines Kultes ist deshalb nicht bewiesen. Der Mensch wäre das glücklichste Wesen, wenn sich jeder seiner Wünsche und Illusionen verwirklichte. Noch einmal wiederhole ich es, der Vorteil, den wir von einer Sache haben, bewirkt noch nicht deren Verwirklichung, selbst wenn es noch mehr in unserem Interesse gelegen wäre, mit einem der gütigen Wesen zu tun zu haben (als solches Gott von seinen Anhängern bezeichnet wird), so würde das noch kein Beweis sein für dessen Existenz. Es ist tausendmal angenehmer für den Menschen, von einer blinden Natur abhängig zu sein, als von einem Wesen, dessen gute Eigenschaften nur von den Theologen festgestellt sind, aber jeden Augenblick durch die Tatsachen Lügen gestraft werden. Die Natur bietet uns, wenn sie gut erforscht ist, alles, was wir brauchen, um uns so glücklich zu machen, als unsere Organisation es zuläßt. Durch sie können wir unsere physischen Bedürfnisse befriedigen; in ihr sind alle Gesetze unseres Glückes und unserer Erhaltung gelegen, was sich von ihr entfernt, ist chimärisch und muß von uns unser ganzes Leben lang verflucht und verabscheut werden.«

Aber wenn auch Justine nicht die ihren Wirten charakterisierende Geisteskraft besaß, um so viel Philosophie zu bekämpfen, so entsprangen doch manchmal ihrem Herzen Gedanken, die zu widerlegen selbst jenen kaum möglich war. Das geschah eines Tages, als d'Esterval mit ihr wegen ihrer Neigung zum Wohltun disputierte und ihr die ganze Haltlosigkeit dieser angeblichen Tugend zum Bewußtsein zu bringen versuchte. »Ja,« sagte sie mit diesem beredten Pathos, der oft sogar den Geist bezwingt, »ich weiß wohl, daß alles Wohltun keinen Dank einträgt; aber ich ziehe es vor, von der Ungerechtigkeit der Menschen als den Vorwürfen meines Herzens zu leiden.«

Solche Gespräche wurden geführt, ohne daß die Sittenverderbnis die trefflichen Grundsätze der Kindheit in unserer Heldin hätte vernichten können, als Fremde in der Herberge anlangten.

»Was sie betrifft,« sagte d'Esterval, »werden sie uns nicht viel Geld eintragen, wohl aber eine tüchtige Menge Wollust; ich fühle es am Prickeln in meinem Innern.« – »Was sind denn das für Leute?« fragte Dorothéa. – »Eine elende Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Tochter. Der erstere, noch kräftig, wird dir gute Dienste leisten wie ich hoffe, die Mama, komm' schau' 'mal durchs Fenster: höchstens dreißig Jahre, weißer Teint, hübsche Taille; die Tochter ist eine Schönheit, dreizehn Jahre alt, ein bezauberndes Gesicht. O Dorothéa, welch eine Entladung wird das werden!«

»Mein Herr,« sagte der Vater, sich respektvoll an den Wirt wendend, »ich glaube, Sie vor meinem Eintreten von unserem Mißgeschick in Kenntnis setzen zu müssen; es ist derartig, daß es uns unmöglich sein wird, unsere Ausgaben zu bezahlen, so klein sie auch sein mögen. Wir waren nicht zum Unglück geboren; meine Frau hat einigen Besitz mitbekommen, auch ich habe etwas besessen. Schreckliche Verhältnisse haben uns ruiniert; wir rechnen auf die Wohltätigkeit der Menschen, um uns zu einem Verwandten ins Elsaß zu begeben, der uns einige Hilfe versprochen hat.« – »Ach d'Esterval,« flüsterte Justine ins Ohr des Herbergvaters, »Sie werden doch das Unglück respektieren, nicht wahr?« – »Justine,« sagte der Grausame, führen Sie diese Leute ins gewohnte Gemach; »ich will für ihr Abendessen sorge tragen.« Und Justine begreift voll Schmerz, durch den Befehl, daß das Los dieser nicht besser sein wird als das der anderen, und führt die arme Familie traurig in das für sie bestimmte unheilvolle Zimmer.

»Unglückliche,« sagt sie zu ihnen, als sie dort eingezogen waren, »nichts kann euch schützen vor der Frevelhaftigkeit der Leute, bei denen Ihr seid; machet nicht einmal den Versuch, hinauszugehen, Ihr könnt es nicht mehr. Aber leget euch nicht zu Bette; zerbrecht oder zerschneidet womöglich die Gitter eures Fensters; lasset euch in den Hof hinab und rettet euch blitzschnell.« – »Wie? ... was sagen Sie? ... Himmel! ... was haben wir Unglücklichen, das die Wut oder die Raubsucht dieser Menschen erregen könnte? Das ist ja unmöglich!« – »Doch, es ist so; beeilen Sie sich; in einer Viertelstunde ist es schon zu spät.« – »Wenn ich es versuchte,« sagte der Vater, sich dem Fenster nähernd, »wenn ich den Rat befolge, so ist der Hof, in den wir gelangen, von einer Mauer umgeben, wir wären ebenso eingesperrt. Nun gut, Fräulein, da Sie so gut sind, uns zu warnen, da unser unglückseliges Geschick Ihre Teilnahme erweckt, versuchen Sie, uns Waffen zu verschaffen; dieses Mittel, ehrenhafter und schwerer, wird uns genügen, ich bin überzeugt.« – »Waffen ... rechnen Sie nicht damit,« entgegnete Justine, »ich verfüge nicht über solche. Versuchen Sie zu fliehen, ich kann Ihnen nur diesen Rat erteilen; wenn die Flucht Ihnen nicht glückt, halten Sie sich am Bette fest, ohne zu schlafen; diese Stellung wird Sie vielleicht vor einer Falltüre sichern, durch die man sie in die Tiefe stürzen will, Adieu ... fragen Sie mich nicht weiter.«

Der Schmerz des unglücklichen Vaters ist unbeschreiblich. Kaum ist Justine weggegangen, wirft er sich in die Arme seiner Frau. »Teure Freundin,« ruft er, »wie sind wir vom Unglück verfolgt! ... Doch danken wir dem Himmel; das ist das letzte und wird unseren Leiden ein Ende machen.« Alle drei vergossen bittere Tränen. Indessen guckte d'Esterval still durch eine Spalte der Türe, beobachtete voll ruhigen Frevelmutes und rieb sich wollüstig im Angesichte dieses Gräuels. »Sehr gut,« sagte er zu Justine, als sie hinausging, »du hast dich diesmal gut aufgeführt; komm, rege mich auf, lege deinen hübschen Hintern auf meine Hände, neben mein Glied ... diese Szene ist einzig für mich.« Er sah weiter zu, als aber die Schmerzensausbrüche durch Stille unterbrochen wurden, fürchtete d'Esterval einen plötzlichen Entschluß. »Ziehen wir uns zurück,« sagte er zu Justine, »es ist Zeit zu handeln.« – »Sie haben nicht genachtmahlt.« – »Sie würden mir das Souper nicht bezahlen; wozu auch sollten sie Kräfte schöpfen für die friedliche und rasche Reise, die sie unternehmen werden?« – »Können Sie nicht solchen Unglücklichen gegenüber Gnade walten lassen?« – »Gnade?« »Gerade solche sind die richtigen Opfer für Wüstlinge; es täte mir recht leid, sie mir entgehen zu lassen.«

Sie begeben sich hinab. Justine und d'Esterval treffen unten Dorothéa, die in dem köstlichen Gedanken des zu begehenden Frevels schwelgend sich rieb. Doch, da sie nicht wollten, daß unsere Heldin das Spiel der Falltüre gewahre, sperrten sie sie in ein Zimmer ein; erst dann holte sie eine der Mägde, als der Fußboden des unheilvollen Zimmers sich vollständig im Keller befand. »Du siehst, Justine,« sagte d'Esterval, »daß es unnütz war, ihnen zu sagen, sie sollten sich am Bette festhalten, um der Falltüre zu entgehen. Sie, haben ja so getan, aber da ist das Zimmer mit dem Bett ...«

Indessen flehten die drei wehrlosen Opfer seufzend und schluchzend d'Esterval an. Das Mädchen warf sich der grausamen Frau jammernd zu Füßen ... doch nichts konnte die Ungeheuer erweichen. Sie ist die Erste, die d'Esterval opfert. Er entjungfert sie ohne Erbarmen; beide Vergnügungsbahnen betritt er. Ebenso wird die Mutter behandelt; dem Vater wird Gnade in Aussicht gestellt, wenn er bereit ist, Dorothéa zu ficken. Justine wird genötigt, die Triebe des Unglücklichen anzufachen. Es gelingt ihr. Man hat ganz Recht, wenn man sagt, es stecken oft mehr Schätze in der Hose eines Bauern, als in der eines großen Pächters. Ein mächtiges Glied bäumt sich hoch auf; Dorothéa bohrt es voll Feuer in ihre Scheide, d'Esterval stützt die Tochter auf den Rücken des fickenden Vaters und bearbeitet sie von hinten. Justine wird beauftragt, die Mutter zu reiben. Diesmal tötet d'Esterval zugleich Eltern und Tochter, und zwar im Momente, da er entladet; mit seiner Rechen erdolcht er Vater und Kind, mit seiner Linken schießt er eine Kugel in den Kopf der Mutter, die fortgesetzt von Justine gerieben wurde. Unsere Heldin hält diesen entsetzlichen Massenmord nicht aus und fällt in Ohnmacht; in diesem Moment wird sie von dem wilden d'Esterval gepackt und von hinten bearbeitet. Seine Frau häuft die Leichname über ihn, worauf das Scheusal, sein Opfer quälend, um sie (wie er sagt) wieder zu sich zu bringen, entladet.

»Wir sind einer Mühe überhoben,« sagte d'Esterval, als er den Raum verließ. – »Welcher denn?« fragte Dorothéa. – »Diese da zu plündern.« – »Wer weiß?« erwiderte eine der Mägde. »Oft schützen solche Lumpen Armut vor, um nicht zahlen zu müssen.« – Aber diese hatten nur zu wahr gesprochen; die genauen Nachforschungen ergaben nur einen Thaler. – »Entsetzliche Tat!« sagte Justine zu dem Ehepaar, »gestehen Sie nur, daß das ein unnötiges Verbrechen war!« – »Gerade solche sind gut,« antwortete d'Esterval, »wenn man das Verbrechen um seiner selbst willen liebt, bedarf es keines Motivs.«

Die nächste Woche war besser. Fast alle Tage kamen Fremde, aber trotz aller Warnungen Justinens vermochte keiner zu entkommen; alle fielen der Raubgier und den Lüsten des infernalischen Paares zum Opfer. Da kam eine Persönlichkeit in die Herberge, die merkwürdig genug war, um die Aufmerksamkeit unserer Leser zu fesseln.

Es war ungefähr sieben Uhr abends; die ganze Gesellschaft atmete auf einer Bank nahe der Tür die reine, heitere Luft eines schönen Herbstabends, als ein Reiter in Galopp heransprengt und ungeduldig fragt, ob er in diesem Hause Unterkunft finden könne. »Ich bin eine Meile von hier angefallen worden,« rief er mit einer Art Entsetzen, »man hat meinen Diener getötet und sein Pferd geraubt! Glücklich stark genug, um denjenigen, der den Zügel des meinen faßte, zu Boden zu werfen, vermochte ich nicht mehr, meinen Diener zu rächen; sein Mörder war verschwunden, ich selbst floh.« – »Welche Unvorsichtigkeit!« sagte d'Esterval, »mit so schwachem Geleite einen so gefährlichen Wald zu durchreiten.« – »Ich habe umso mehr Unrecht,« sagte der Mann, »als ich Leute genug zur Verfügung habe, um mich ein wenig besser geleiten zu lassen, aber ich will einen Onkel besuchen, den ich sehr gern habe und der mich seit langem schon einladet, ich sollte seine Genüsse auf seinem schönen Landsitz in der Franche-Comté teilen: da ich nun weiß, daß er die Einsamkeit liebt, führte ich nur wenig Leute mit mir. Kurz, Herr können Sie mir Quartier geben?« – »Gewiß, mein Herr,« erwiderte d'Esterval. »Treten Sie nur ein meine Gattin und ich werden Ihnen die möglichst beste Aufnahme bereiten.« Der Reiter steigt ab und begibt sich in den Salon; da stößt Justine, ihn genauer betrachtend, einen Schrei der Ueberraschung aus, da sie ihn erkennt. »Bressac!« schrie sie. »Sie sind hier! Ich bin verloren ...« – »Bressac!« rief d'Esterval »wie, mein Herr, Sie sind der Marquis de Bressac, der Besitzen des schönen Gutes in der Umgebung des Waldes von Bondy?« – »Jawohl!« – »Umarmen Sie mich, ich habe die Ehre, Ihnen nahezustehen; erkennen Sie in mir Sombreville, den leiblichen Bruder Ihrer Mutter!« – »Oh, mein Herr, solch ein Zufall ... Ach! Sie wissen, durch welches Geschick ich meine zärtliche Mutter einbüßte; aber was Sie zweifellos nicht wissen und was Sie nicht ungestraft lassen werden,« setzte Bressac hinzu, auf Justine weisend, »ist, daß hier die Mörderin dieser ehrwürdigen Mutter steht. Wie ist es möglich, daß Sie ein solches Scheusal bei sich hielten?« – »Oh, Herr, glauben Sie das nicht!« rief Justine weinend. »Ich bin zu solchem Frevel nicht fähig, und wenn man mir erlaubt, alles zu sagen ...«

»Schweigen Sie«, Justine, »ich will mich von diesem Herrn unterrichten lassen, von seinem Berichte werden meine weiteren Verhaltungsmaßregeln Ihnen gegenüber abhängen. Gehen Sie hinaus!« Justine zog sich bestürzt zurück; Herr de Bressac fuhr fort – wie leicht einzusehen – sie in den Augen seiner Verwandten zu beschuldigen. Nach Verlauf einer Stunde wird Justine zurückgerufen und beauftragt, den Fremden, in das verhängnisvolle Zimmer zu führen. Sie gehorcht, aber ohne jede weitere Erklärung begibt sie sich zu ihrem Herrn. – »Mein Herr,« sagt sie hastig, »wie soll ich mich gegen Herrn de Bressac betragen? ... Da er Ihr Verwandter ist, ohne Zweifel ...« –»Justine,« antwortet Sombreville, den wir aber auch weiterhin d'Esterval nennen wollen, »es ist erstaunlich, daß nach all den Beweisen von Güte, nach all den Rücksichten, die meine Frau und ich Ihnen unaufhörlich zuteil werden lassen, Sie einen Umstand Ihres Lebens verbergen konnten, der Sie in den Augen der Alltagsmenschen so schuldig macht. Da Sie unsere philosophischen Ansichten in solchen Dummheiten kennen, hätten Sie – wie mir scheint – sich ein wenig freimütiger zeigen können.« – »Oh, mein Herr, ich schwöre Ihnen,« antwortete Justine mit der edlen Unbefangenheit, die die Tugend verleiht, »ich erkläre feierlichst, ich bin unschuldig an dem Verbrechen, dessen mich Herr de Bressac anklagt. Er soll den Mörder seiner Mutter nicht so weit suchen, er weiß nur zu gut, wo er ist.« – »Wie? Erklären Sie sich, Justine!« sagte Frau d'Esterval. – »Er selbst, Madame, er selbst hat diese Missetat begangen und der Frevler klagt mich an!« – »Sind Sie dessen sicher, was Sie da sagen?« – »Ich kann daran nicht zweifeln; ich will Ihnen, wenn Sie es wünschen, alle Einzelheiten dieser Ruchlosigkeit enthüllen.« – »Ich habe jetzt keine Zeit, Sie anzuhören,« sagte d'Esterval. Dann wandte er sich an seine Frau: »Wozu entschließest du dich, Dorothéa?« – »Nur ungern,« antwortete das Scheusal, »verurteile ich ein Wesen, das ebenso frevelhaft ist, wie wir, zum Tode; aber dieser schöne Mann erregt meine Wollust außerordentlich, ich will durchaus, daß sie befriedigt werde.« – »Gut!« sagte d'Esterval. »Justine, keine weiteren Auseinandersetzungen mit ihm, sondern erfüllen Sie Ihre gewöhnliche Mission. Uebrigens fürchten Sie nichts, selbst wenn Sie das Verbrechen, dessen er Sie anklagt, wirklich begangen haben, würden wir Sie nicht geringer schätzen; im Gegenteil, das wäre ein Ehrentitel in unseren Herzen. Erröten Sie nicht, es zuzugeben.« – »Glauben Sie mir, ich würde, durch eine solche Rede ermutigt, alles gestehen, wenn ich schuldig wäre; aber ich bin an dem Verbrechen unschuldig, ich beschwöre es feierlichst.« – »Schon gut, gehen Sie nur hinauf, mein Kind, und führen Sie sich wie gewöhnlich auf; denken Sie daran, daß ich Ihnen auf Schritt und Tritt folge.«

Unsere Heldin war in großer Verlegenheit; welche Freude hätte sie empfunden, wäre sie rachsüchtig gewesen! Wir wissen genau, daß der Tod ihres Verleumders sicher war, ob sie ihn nun warnte oder nicht, aber gerade wegen dieser Gewißheit fielen Justine nur Mittel ein, die sie anwendete, um dem das Leben zu retten, der so grausam nach dem ihren getrachtet hatte. Sie beeilte sich, sie wußte, daß sie einen Augenblick Zeit hatte, mit dem Marquis zu sprechen, bevor d'Esterval lauschte. »Mein Herr,« sagte sie ihm weinend, »trotz allem, was Sie mir zugefügt haben, will ich Sie retten, wenn ich es vermag. Bleiben Sie keinen Moment in diesem Zimmer, das allenthalben mit Falltüren versehen ist. Versuchen Sie, seine Raserei zu dämpfen, besonders aber, die Megäre zu besänftigen; besessener wie ihr Gatte, hat sie Ihr Todesurteil gesprochen. Schnell, Herr, gehen Sie hinunter; nehmen Sie Ihre Pistolen mit; in zwei Sekunden wird es schon zu spät sein!«

Bressac, der im Grunde seiner Seele gezwungen war, die Sprecherin hinreichend zu achten, um ihren Worten das größte Vertrauen zu schenken, stürzt hin aus und begegnet d'Esterval auf der Treppe. »Gehen wir hinunter, Herr, ich muß Sie sprechen,« sagt er zu ihm mit fester Stimme. – »Aber, mein Herr ...« – »Gehen wir hinab, sage ich Ihnen!« Mit diesen Worten stößt er ihn in den Salon und sperrt die Tür hinter sich ab, indem er Justine, die ihm folgen will, hinausschiebt. Das Gespräch wurde zweifellos sehr heftig geführt; wir kennen nicht die Einzelheiten, aber das Ergebnis war, daß Bressac, der sich seinem Verwandten zweifellos zu erkennen gab, ihm rasch die Ueberzeugung beibrachte, daß die Frevler untereinander sich nichts Böses zufügen dürften; Dorothéa wurde durch die Artigkeiten und die Verführungskünste des Marquis beruhigt; endlich wurde beschlossen, alle sollten zum Onkel des Bressac sich begeben. »Dieser Onkel ist ein Berufswüstling,« sagte Bressac, »er ist auch Ihr Verwandter, da wir Vettern sind; gehen wir zu ihm, ich stelle Ihnen göttliche Genüsse in Aussicht.« – Nachdem man diesen Entschluß gefaßt hatte, soupierte man gemeinsam. Auch Justine wurde zugelassen. »Umarme mich,« sagte Bressac, ich will dich in den Augen meiner Verwandten wieder zu Ehren bringen ... Mein Freund, da du ebenso frevelhaft bist wie ich, fürchte ich nicht, dir zu gestehen, daß ich allein das Verbrechen begangen habe, dessen ich vorher dieses Mädchen anklagte; die Unglückliche wäre dazu unfähig. Sie soll an der Reise teilnehmen. Mein Onkel hat mich beauftragt, ihm eine Kammerfrau ausfindig zu machen; er wünscht ein zuverlässiges Mädchen an der Seite seiner Gattin zu haben. Ich vermute, daß niemand ihm dazu so geeignet erscheinen kann wie Justine, wie die Sache liegt. Der Platz, den ich ihr verschaffe, ist gut; wenn sie das Vertrauen meines Onkels gewinnt, kann sie die Chimäre vom Glück, dem sie seit so langer Zeit nachläuft, endlich realisieren ... Oh, Justine, nimm dieses Zeichen meiner Dankbarkeit an. Mögen Einigkeit, Friede und Ruhe unter uns herrschen. Erklären Sie sich einverstanden, Vetter? »Ueberlassen Sie mir Justine?« – »Oh, ganz gern,« antwortete d'Esterval, »ich begann schon, ihrer müde zu werden; die Folgen meines Ueberdrusses aber hätten für sie verhängnisvoll werden können.« – »Das glaube ich,« sagte Bressac; »ich bin dir darin ähnlich, mein Lieber; wenn ein Gegenstand meine Geilheit gestillt hat, möchte ich ihn zum Teufel schicken.« – »Sie haben sich doch an Justine nicht ergötzt« fragte Dorothéa. – »Nein, Madame, ich kenne nur Sie auf der ganzen Welt, die mich meinem Geschmack untreu werden lassen könnte; ich liebe nur die Männer.« – »Mein Freund,« sagte d'Esterval hastig, »meine Frau kann dir zu Gebote stehen, wenn du es wünscht; sie hat den schönsten Hintern und das größte Vergnügen, darin ein Glied aufzunehmen ... Außerdem hat sie einen Kitzler, der größer ist wie ein Finger mit dem sie dir desgleichen tun wird, wie du ihr.« – »Himmel,« sagte Bressac, »sogleich! Ich habe nie ein wüstes Projekt aufzuschieben vermocht!« Damit bemächtigte er sich Dorothéas, die, bereits trunken von Wein und Wollust, ihm freundlichst entgegenkam, als man plötzlich die Hunde bellen hörte, was die Ankunft von Menschen andeutete. Tatsächlich wurde geläutet; obwohl es schon Mitternacht war, begehrten Fremde Unterkunft. Es waren das Polizeibeamte, die von dem an Bressac verübten Raub und von dem Mord, der an seinem Diener begangen worden war, vernommen hatten, und, nachdem sie den Spuren, soweit sie konnten, gefolgt waren, sich erkundigen wollten, ob es nicht in dieser Herberge Leute gäbe, die ihnen Aufklärung verschaffen könnten, Bressac erschien selbst, erzählte, was ihm zugestoßen war und sagte, der Weg, den die Räuber genommen hätten, wäre ihm unbekannt. Man gab den Leuten zu trinken, man bot ihnen Betten an, die sie aber ausschlugen; dann gingen sie weiter. Die Lustbarkeiten gingen wieder los, sowie sie draußen waren, und der übrige Teil der Nacht wurde mit den skandalösesten Orgien zugebracht.

Da die Mischung der Geschlechter nicht von Erfolg gekrönt war und die Anstrengungen Bressacs nur dazu geführt hatten, daß Dorothéa zweimal sodomisiert wurde, mußten die Männer sich zusammen unterhalten, während die Frauen desgleichen taten. Dorothéa, voll wilder Gier, ermüdete Justine; ebenso erging es d'Esterval und Bressac. Bei Tagesanbruch begab man sich zu Bette mit dem Plane, sogleich nach dem Frühstück gemeinsam aufzubrechen.

»Der Mann, zu dem ich Sie führe,« sagte Bressac, als man das Mahl einnahm, »heißt Graf de Gernande.« – »Gernande!« Sicherlich, »ich bin verwandt mit ihm,« sagte d'Esterval, »er war der Bruder Ihrer Mutter, daher mein leiblicher Vetter.« – »Und kennen Sie ihn?« – »Ich habe ihn nie gesehen; ich weiß nur, daß er ein sonderbarer Mensch ist, ein Mann, dessen Geschmacksrichtung ...« – »Warten Sie, warten Sie,« sagte Bressac, »ich will ihn Ihnen schildern, da Sie ihn nicht kennen.«

»Der Graf da Gernande ist ein fünfzigjähriger, recht dicker Mann. Nichts ist so erschreckend wie sein Gesicht; die Länge seiner Nase, die rabenschwarzen Augenbrauen, die bösen dunklen Augen, sein großer Mund voll schlechter Zähne, seine finstere, kahle Stirne, der rauhe, drohende Ton seiner Stimme, die gewaltige Länge seiner Arme und Hände, alles das macht ihn zu einem gigantischen Wesen, dessen Nähe Schrecken einflößt. Sie werden bald sehen, ob die Moral und die Handlungsweise dieses Satyrs seiner schauerlichen Karrikatur entsprechen. Uebrigens besitzt er Geist und Kenntnisse, aber keine Sittlichkeit und Religion; er ist einer der größten Frevler, die je gelebt haben und der berühmteste Feinschmecker unserer Zeit. Nichts ist sonderbarer als die Art seiner Ausschweifungen. Sein Weib ist der hauptsächlichste Gegenstand seiner wilden Lüste; aber er führt zudem so wüste sodomistische Handlungen aus, daß Ihr Beide mir nach acht Tagen für diese Bekanntschaft Dank wissen werdet.« – »Und dieser Frau, dem unglücklichen Objekt der Raserei ihres Gatten, wollen Sie mich zugesellen?« fragte Justine. – »Gewiß, sie ist ein recht sanftes Weib, wie es heißt ... Ich selbst kenne sie nicht ... doch versichert man, sie wäre ein sittsames und gefühlvolles Weib, das einer gleichgestimmten Seele bedarf, eines sanften Wesens, das sie tröstet. Es scheint mir, Justine, daß das sich mit Ihren Prinzipien vorzüglich verträgt.« – »Zugegeben; aber werde ich, wenn ich das Weib tröste, nicht dem Gatten mißfallen? Werde ich nicht zudem den brutalen Trieben des Frevlers, den Sie eben schilderten, zur Beute fallen?« – »Und wenn?« sagte Bressac, »schreckliches Unglück! Waren Sie nicht in diesem Hause den gleichen Gefahren ausgesetzt?« – »Wider meinen Willen.« – »Nun also, bei meinem Onkel wird es gutwillig geschehen müssen – das wird der ganze Unterschied sein.« – »Ach, mein Herr, ich sehe, Ihr immer aufs Böse gerichteter Witz hat nichts von seiner Schärfe verloren; doch da Sie meinen Charakter kennen, wissen Sie gut, daß ich mich nicht zu allen diesen Dingen hergeben kann. Da d'Esterval sein Haus verläßt und meiner Dienste nicht mehr bedarf, wäre ich Ihnen, meine Herren, sehr verpflichtet, wenn Sie mir meine Freiheit wiedergeben wollten, die mir zu rauben, Sie gar nicht das Recht haben.« – »Oh, was das Recht anbelangt, gewiß,« sagte d'Esterval, »sind wir denn nicht die Stärkeren? Und kennst du, Justine, ein heiligeres Recht als dieses?« – »Ich spreche mich offen gegen diese Freiheit aus,« sagte Bressac. »Von meinem Onkel beauftragt, ihm ein hübsches, sanftes Mädchen zuzuführen, kann ich keine finden, die Justine gleichkäme; ich hoffe, sie ist geschmeichelt, daß ich ihr Geschick unwiderruflich an das der Frau de Gernande knüpfe. Diese benötigt gerade eine solche Gesellschafterin, und sollte diese intime Beziehung sie manchmal auch den brutalen Lüsten des Gatten aussetzen, so muß sie sich doch darein fügen, daß ich sie zu deren Frau bringe.«

Justinens Einwände wären fruchtlos gewesen, sie mußte gehorchen. Man reiste ab. Bis zur Mitte des Waldes wurde der Weg zu Pferde zurückgelegt; in der nächsten Stadt wurde ein vierspänniger Wagen benutzt; ohne besondere Zufälle kam man bei Herrn de Gernande an, dessen prächtiges Schloß isoliert inmitten eines großen, von hohen Mauern umgebenen Parkes an den Grenzen des Lyonnais und der Franche- Comté lag. Aber das mächtige Gebäude war ganz und gar nicht so bewohnt wie es seiner Größe nach schien; man konnte nur wenig Dienerschaft, und zwar in der Nähe der Küchen, in der Mitte des Wohntraktes, bemerken; der ganze übrige Teil war ebenso verlassen und einsam wie die Lage des Schlosses.

Als die Gesellschaft eintrat, befand sich Herr de Gernande im Hintergrunde eines prächtigen, großen Gemaches, eingehüllt in einen Schlafrock von indischem Satin, nachlässig auf einem Sofa ausgestreckt. Neben ihm sah man zwei so lächerlich gekleidete, so kunstvoll und elegant gekämmte Knaben, daß man sie hätte für Mädchen halten können; beide hatten reizende Gesichter und waren höchstens fünfzehn bis sechzehn Jahre alt, befanden sich aber in einem solchen Zustand von Erschlaffung und Müdigkeit, daß man versucht war, sie für krank auszusehen.

»Mein teurer Onkel,« sagte der Marquis de Bressac beim Eintritt, »hier sind zwei meiner Freunde, die ich Ihnen mit umso größerem Vergnügen vorzustellen mir erlaube, als beide die Ehre haben, mit ihnen verwandt zu sein.« – »Ah! Es sind meine Cousins,« sagte Gernande, »ich habe sie nie gesehen; doch das du sie mitbringst, sind sie sicher unser würdig; ich bin daher sehr erfreut, sie zu sehen.«

»Wer ist aber dieses junge Mädchen?« – »Eine vertrauenswürdige Person, die ich, Ihrem Auftrage gemäß, zu Frau de Gernande führe; ich glaube, sie besitzt alle Eigenschaften, die zu diesem Posten erforderlich sind.« – Der Graf ließ Justine näher treten; ohne die Gesellschaft um Erlaubnis zu bitten, schürzte er sie bis übers Kreuz und prüfte sie vom Scheitel bis zur Stahle in der ungezwungensten, brüskesten Weise. »Wie alt sind Sie?« fragte er sie. – »Zwanzig Jahre.« – An diese Frage knüpfte er noch einige Erkundigungen über ihre Person. Justine erzählte kurz die interessantesten Einzelheiten ihres Lebens, ohne an Rodin zu vergessen, verschwieg aber geschickt die Greueltaten, zu denen sie durch d'Esterval genötigt worden war. Dann schilderte sie ihre elende Lage. »Sie und unglücklich,« sagte das Ungeheuer, »desto besser; desto unterwürfiger werden Sie sein. Nicht wahr, meine Herren, es ist das ein sehr geringer Nachteil, daß das Unglück dieses verworfene Volk verfolgt, das von der Natur dazu verdammt ist, neben uns auf derselben Erde zu kriechen? Darum ist es arbeitssamer und weniger frech; es erfüllt dadurch viel besser seine Pflichten uns gegenüber.« – »Aber, mein Herr,« warf Justine ein, »ich habe Ihnen ja meine Abkunft berichtet; sie ist gar nicht niedrig.« – »Ja, ja, ich kenne das; man gibt sich für Gott weiß was aus, wenn man im Elend ist; die hochfahrenden Illusionen müssen für das Unrecht des Geschickes trösten. Wir aber glauben von dieser durch Schicksalsschläge vernichteten Existenz so viel als uns beliebt. Uebrigens ist mir das alles gleichgiltig; ich sehe Sie in der Tracht einer Magd, ich werde Sie also demgemäß behandeln. Doch wird es nur von Ihnen abhängen, glücklich zu werden; haben Sie Geduld, seien Sie diskret, dann will ich Ihnen in einigen Jahren, wenn ich Sie entlasse, ermöglichen, den dienenden Beruf aufzugeben. Mein Freund,« sagte er dann zu Bressac, »erzähle mir jetzt ein wenig von den beiden lieben Verwandten, die du da mitbringst; mit der Schlumpe da haben wir uns lange genug abgegeben.«

»Herr und Frau de Sombreville, bekannter unter dem Namen d'Esterval, haben, lieber Onkel, alle Eigenschaften, die ihre Bekanntschaft angenehm zu gestalten vermögen; ihre große Sittenlosigkeit wird Ihnen sicherlich Achtung einflößen; wenn Sie aber erst erfahren werden, daß sie trotz Ansehen und Reichtum alle Annehmlichkeiten, die ihnen die Welt bieten konnte, beiseite gelassen haben, um sich in einem dichten Walde zu vergraben, wo ihr einziges Vergnügen darin besteht, die Passanten, die um Unterkunft in der Herberge bitten, die sie an dieser düsteren Stätte halten, zu bestehlen und umzubringen; dann hoffe ich, werden Sie mir Dank wissen dafür, daß ich so treffliche Freunde hergebracht habe.« – »Sie bringen die Reisenden um,« sagte Gernande, in ein Gelächter ausbrechend, »ah, das ist ja köstlich! Ich kenne das alles, ich verstehe das vortrefflich ... Es ist unglaublich, was die Phantasie vermag! ... Man tötet, plündert, vergiftet, äschert ein, nichts ist einfacher als all das; aber man ergießt dadurch, und von diesem Moment an ist es göttlich. Ich habe mich früher an all diesen Dummheiten ergötzt, mein Kopf erhitzt sich noch jetzt durch sie; aber da ich altere, ziehe ich ruhigere und häuslichere Genüsse vor. Ich tue vielleicht noch dergleichen, aber zu Hause ist es mir lieber ... Ach so! Die Gattin dieses prächtigen Verwandten ist ja doch ...« – »Ganz so lasterhaft wie er, teurer Onkel; ich hoffe, ihr Zynismus und ihre Lüsternheit werden Sie amüsieren. Glauben Sie mir, daß unser Verwandter zu viel Geist besitzt, um sich an eine Frau zu knüpfen, die nicht die gleichen Laster übt wie er.« – »So ist es recht,« sagte Gernande, »ich gestehe, daß ich ihm ohne diesen Vorbehalt nicht verzeihen könnte, mich mit seiner Frau zu besuchen. Die Frauen, teurer Neffe, fühlen einen unwiderstehlichen Zwang, das an ihrem Geschlechte verübte Unrecht wieder gut zu machen. Verzeihung, Madame« – wandte er sich an Dorothéa – »aber ich liebe die Frauen ebenso wenig wie mein Neffe, und wenn ich mir eine halte, so werden die Leute, die gleich mir denken, dies dadurch entschuldbar finden, daß ich sie zum Opfer meiner Launen ausersehe ...« Dann hieß er Dorothéa nähertreten und fuhr fort: »Ihre Frau ist wenigstens schön, sehr schön; erlauben Sie, Vetter?« Damit schürzte das Scheusal Dorothéa von hinten und prüfte einen Moment ihre Hinterbacken ... »Auf Ehre, ein prächtiges Gesäß, ein wenig männlich zwar, doch ziehe ich es vor. Ich hoffe, Sie haben nie Kinder gehabt?« – »Nein, gewiß nicht; ich setze mich nicht dergleichen Dummheiten aus; wenn aber durch eine Unvorsichtigkeit mir ein solches Unglück zustieße, würden mich zwei oder drei Gläser Sabina rasch befreien.«

»Schön, schön, ich sehe, sie ist recht liebenswürdig Ihre Frau; sie bildet zur meinigen einen prächtigen Kontrast; ich sehne mich danach, sie zusammenzubringen.« – »Wünschen Sie,« fragte d'Esterval, »daß ich sie mit Ihnen allein lasse?« – »Ach nein,« erwiderte der Graf, »wir brauchen uns vor einander nicht zu genieren; ich hoffe, unsere Freuden werden von nun ab wie unsere Gedanken sein.« – »Jawohl, ganz offen,« sagte Bressac, »das ist der wahre Reiz der Geselligkeit.« – »Und Sie, Vetter,« wandte sich Gernande an d'Esterval, »Sie müssen ein Glied besitzen –?« – »Wie ein Maultier,« antwortete Bressac. – »So sehr ich auch gewöhnt bin, mächtige Glieder in meinen Hintern einzuführen, ich versichere Ihnen, daß das seine mir stets Schmerzen bereitet.« Zugleich kam Justine auf ein Zeichen Bressacs herbei, um d'Estervals Hose herabzulassen und den Augen Gernandes den Anblick eines der schönsten und gewaltigsten Gliede, die er je gesehen hatte, darzubieten. »Ah! Herrlich!« sagte Gernande und versuchte es, zu saugen, doch ohne daß es ihm gelungen wäre, es ganz in den Mund zu nehmen. »Es ist wirklich prächtig! Ach, mein Lieber, wie drängt es mich, es in dem Hintern meiner Frau zu erblicken. Wende mir deine Hinterbacken zu, Bressac, damit ich es einen Moment in deinen Arsch treibe ... Aber es geht ja! ... Oh, welch ein After, mein Neffe, welch ein After! Nie sah ich einen so weiten. Freunde,« sagte er zu seinen beiden Lustknaben, »der eine soll Bressacs Hoden reiben, der andere ihm seinen Hintern überlassen; leisten Sie die einem bearbeiteten Menschen gegenüber erforderlichen Dienste. Man darf in solchem Fällen keine Pflicht außeracht lassen.« – Die Sache ging so trefflich vor sich, daß Bressac bearbeitet und bearbeitend, nahe daran war, zu ergießen. »Halt! Halt!« schrie sein Onkel, der es bemerkte, »halte Maß, mein Freund, ich wollte nur dieses Experiment machen. Ich höre zum Diner läuten, begeben wir uns zu Tische. Das ist für mich ein interessanter Moment; beim Nachtisch stehe ich Euch wieder zur Verfügung; das ist dann der richtige Augenblick, wo wir einige Szenen aufführen wollen, die uns alle Vier ein wenig ergötzen werden.«

Man begab sich zu Tasche. »Verzeihung,« sagte der Graf, »ich rechnete nicht auf Euch; mein Neffe hatte mir nichts geschrieben, daher muß ich Euch mein tägliches Diner vorsetzen; Ihr werdet sehr durch dessen Minderwertigkeit leiden.«

Man trug zwei Suppen auf: eine Nudelsuppe und eine Kraftbrühe mit Schinken; dann Hinterfleisch vom Rind, in englischer Manier zubereitet, zwölf Nebengerichte, davon sechs gekochte, sechs pflanzliche; zwölf Entrées, und zwar viermal Rindfleisch, ebenso oft Geflügel und Pasteten; eine Blutwurst, zwölf Braten, zwei Zwischengerichte, zwölf Gemüse, sechs verschiedene Arten Creme und sechs Pasteten; zwanzig Schüsseln mit Früchten und Kompott; sechs Arten Gefrorenes; acht verschiedene Weine, sechs verschiedene Sorten Liqueur, Rum, Punsch, Schokolade, Kaffee. Gernande kostete jede Speise; manche Schüssel wurde von ihm vollständig geleert; er trank zwölf Flaschen Wein, vier Volney bei Beginn, vier Arten d'Aï zum Braten; zum Obst Tokayer, Paphos, Madeira und Falerner;24 er beschloß mit zwei Flaschen Liqueur, einer Pinte Rum, zwei Schalen Punsch, und zehn Tassen Kaffee. Die beiden, d'Esterval und der Marquis de Bressac, die ebenso starke Esser waren, hielten ihm Stand; aber sie schienen erhitzt zu sein, während Gernande ebenso frisch war, als wenn er eben aufgewacht wäre.

Was Justine betraf, der man bereitwilligst einen Platz am Ende des Tisches einräumte, so setzte sie ihre gewohnten Tugenden: Enthaltsamkeit, Nüchternheit und Bescheidenheit der groben Unmäßigkeit der Frevler entgegen, unter die sie ihr unglückseliges Geschick versetzt hatte.

»Nun denn,« sagte Gernande, »die Tafel aufhebend ..., fühlen Sie sich disponiert zur Aufführung einiger geiler Szenen? Was mich anbelangt, so muß ich gestehen, daß jetzt für mich der richtige Moment ist.« – »Ja, bei Gott, tun wir etwas,« sagte Bressac, »die Probe aus dem männlichen Serail, das ich vorhin sah, erweckt in mir außerordentliche Lust nach dem übrigen.« – »Ganz wie du willst,« antwortete der Graf: »vielleicht wird es dir recht sein, zu sehen, wie ich in Sachen der Wollust vorgehe; ich werde es dir an Justine zeigen.« – »Und Ihre Gattin?« fragte Dorothéa. – »Ach, die werden Sie erst in zwei bis drei Tagen sehen; sie ruht sich nach jeder meiner Sitzungen aus; sie bedarf einer langen Erholung, woraus Sie vielleicht schließen können, was Sie sehen werden. Alle meine Schändlichkeiten werden Sie überraschen, Madame; aber man versichert, daß Sie philosophisch und wollüstig seien; bei solchen Eigenschaften aber kann man durch nichts in Erstaunen versetzt werden; denn da man selbst Leidenschaften hegt, findet man sie alle bei anderen auch für ganz selbstverständlich.« – »Liebenswürdiger Vetter,« sagte Dorothéa, »ich betrachte die offene und unbefangene Art, mit der Sie sich mir gegenüber aussprechen, als ein Zeichen der Achtung. Seien Sie also überzeugt, daß keine Ausschweifung mich überrascht; bei meiner Geschmacksrichtung, meinen Launen kann ich mich höchstens über die Minderwertigkeit der Triebe anderer beklagen. Ich bitte Sie, mir eine Rolle anzuweisen, ich werde jeder genügen, gleichzeitig ob Opfer oder Henkersknecht.« – »Opfer? Nein,« sagte Gernande, »ich will dieses Mädchen hier recht oft mißhandeln. Ich lasse zur Ader,« fuhr er fort, seinen im Verhältnisse zu seiner mächtigen Gestalt erstaunlich kleinen Pents reibend, »ja, ich lasse zur Ader, das ist mein Gelüste, und zwar nur dann, wenn der Gegenstand, dessen ich mich bediene, gesättigt ist. Aus diesem Vorbehalt ergibt sich notwendigerweise eine dauernde Störung im Organismus, der ich ebenso wie dem fließenden Blute meine Erektion verdanke.« – »Er ist köstlich,« sagte Bressac, sich seinem Onkel nähernd und dessen Glied reibend, »er hat wundervolle Lüste.« Gernande ließ die Hose des Marquis herunter, rieb ihn mit der einen Hand und tätschelte ihm die Hinterbacken mit der anderen. »Was Sie betrifft, teurer Vetter,« wandte er sich an d'Esterval, »so werde ich nicht müde, Ihr schönes Glied zu betasten; nicht wahr, Sie werden meine Frau bearbeiten, mein Freund?« – »Gewiß,« entgegnete d'Esterval, »ich werde ihr alles tun, was Sie wünschen.« – »Selbst Böses?« – »Oh, die entsetzlichsten Greuel!« – Währenddessen entkleiden sich die beiden Frauen auf Gernandes Befehl. – »Sapperlot, verstecken Sie die Scham, meine Damen,« sagt er zu Dorothéa und Justine, da er sie bereit sieht, ihre Altäre darzubieten, die ihm so wenig des Kultes würdig schienen, »verhüllen Sie das, ich beschwöre Sie, sonst machen Sie mich für sechs Wochen impotent.« – Bressac knüpft dreieckige Taschentücher an ihr Kreuz fest, worauf die beiden Frauen vorwärts schreiten. Nachdem Gernande einen Augenblick die Hintern geküßt, getätschelt und geprackt hatte, ergreift er einen Arm Justinens und betrachtet ihn; dann betrachte er den anderen ebenso und fragt, wie oft sie zur Ader gelassen worden sei. »Zweimal,« antwortet Justine. Während dieses Gespräches kniet Dorothéa zwischen den Schenkeln des Wüstlings und leckt sein Glied; Bressac und d'Esterval unterhalten sich in einer anderen Ecke des Gemaches auf mannigfache Weise mit den beiden Lustknaben, von denen früher die Rede gewesen. Gernande setzte seine Betrachtungen fort, legte seine Finger auf Justinens Adern, wie man es zu tun pflegt, um sie vor dem Aderlaß zur stärkeren Füllung zu bringen, und als er sie strotzen sah, legte er seinen Mund an und leckte. »Vorwärts, Hure,« sagte er barsch zu unserer unglücklichen Justine, »bereite dich vor, ich will dein Blut fließen lassen.« – »Aber, mein Herr ...« – »Glaube mir,« fährt Gernande fort, der in Hitze gerät, »versuche jetzt nicht, die Prüde zu spielen, du Dirne! Dein Widerstand wäre erfolglos; es stehen mir Mittel zu Gebote, um Frauen, die sich meinen Wünschen widersetzen, zur Raison zu bringen.« Er legte dann seine Hände auf Justinens Hinterbacken und zwickte sie gewaltig; seine langen, krummen. Nägel bohrten sich in das Fleisch ein und ließen blutige Spuren zurück, die seine Lippen sofort leckten; sodann kniff und quetschte er sie am Hintern und am Hals und drückte ihre Brustwarze mit solcher Kraft, daß Justine laute Schreie ausstieß. »Bravo, Onkel,« sagte dann Bressac, »empören wir uns offen gegen die Brüste; diesen weiblichen Körperteil müssen Sodomisten wie wir ungemein verabscheuen; auch der Hals ist ein Greuel für den, der die Hintern liebt.« – »Oh, ich hasse ihn unsagbar,« sagte Gernande und biss in den Justinens. Dann ließ er sie einige Schritte vorwärts gehen und nach hinten schreitend zurückkehren, um den schönen Arsch unserer Heldin nicht aus den Augen zu verlieren. Sowie sie wieder neben ihm stand, ließ er sie sich beugen, gerade stehen, die Füße zusammenlegen und spreizen; dann bückte er sich vor dem Gegenstande seines Kultes und biss ihn an verschiedenen Stellen, auch an der Aftermündung. Aber merkwürdigerweise küßte er ähnlich, wie andere lecken; es schien, als ob er jeden Teil, den er mit den Lippen berührte, saugte. Während dieser vorbereiten den Szene befragte er Justine um viele Einzelheiten ihrer Erlebnisse im Marienkloster, welche die Arme, ohne Acht zu haben, wie erregt ihre Quälgeiter durch diese Berichte wurden, mit ebensolcher Wahrheit als Unbefangenheit schilderte. Jetzt verlangte Gernande Knaben; aber da er bemerkte, daß die Anwesenden allzusehr mit Bressac und d'Esterval beschäftigt waren, läutete er. Zwei neue erschienen; sie zählten kaum sechzehn Jahre und hatten recht angenehme Gesichtszüge; sie nahten, während Dorothéa ihn beständig leckte. Sowie sie vor dem Wüstling standen, löste er den Knoten eines rosenfarbigen Bandes, das an Hosen aus weißer Gaze angebracht war und entblößte zwei hübsche, kleine Hintere. Nachdem er sie in seiner Art einen Moment geküßt hatte, leckt er ihre Gliede, während er die Hinterbacken und Brüste Justinens fortgesetzt kneift. Sei es durch Gewohnheit bei den Knaben oder durch die Geschicklichkeit des Scheusals, kurz, in wenigen Minuten ergossen sich jene in den Mund Gernandes, der das Sperma verschlang. Auf diese Weise versetzt der Wüstling die Kinder in Erschöpfung, daher auch der Zustand von Ermattung, von dem vorhin die Rede gewesen war. Die Huldigung, die der Graf den Reizen Justinens erwies, zog sich unendlich in die Länge, ohne daß er die geringste Unbeständigkeit in der Wahl des Objektes gezeigt hätte; weder seine Küsse, noch seine Lüste galten an deren, als den erwähnten Körperpartien. Er hieß die d'Esterval sich erheben; einer der Lustknaben ersetzt sie und leckt ihm das Glied. Hierauf bemächtigt er sich der Hinterbacken der Frau und behandelt sie fast so wie Justine, aber da er ihr nicht zur Ader lassen will, betrachtete er mehr ihren Hintern als ihren Arm. Er lobt ihren Arsch ausnehmend und sagt dann zu ihrem Gatten: »Wenn Sie den Knaben, den Sie zu liebkosen scheinen, nicht bearbeiten, dann erweisen Sie mir das Vergnügen und sodomisieren Sie Ihre Frau; ich will meinen Neffen ersuchen, Sie von hinten zu bearbeiten; zwei Lustknaben werden Sie küssen, während ich mit Hilfe der beiden anderen an meine chirurgische Operation an der schönen Justine schreiten werde.« – d'Esterval, der den erwähnten Knaben blos tätschelte und leckte, kam mit der Lanzette herbei; Dorothéa wies ihm schön den Hintern und wurde bald sodomisiert, Bressac, der d'Estervals Hintern hoch schätzt, läßt einen Lustknaben gleichfalls im Stiche, um seinen Vetter zu bearbeiten. Die Knaben umgeben ihn, wobei der eine seinen Hintern, der andere sein Glied tätscheln läßt. Gernande, entzückt, daß sich eine solche Gruppe vor seinen lüsternen Blicken entwickelt, geht daran, die seinige zu formieren.

»Narcisse,« sagte er zu einem der Knaben, die er bei sich behalten hatte, »hier ist die neue Kammerzofe der Gräfin, ich muß sie erproben; gib mir meine Lanzetten.« Narcisse reicht sie ihm sofort. Justine gerät in Angst und bebt; alle lachen über ihre Bestürzung. »Bringe sie in die gehörige Stellung, Zéphire,« sagt Gernande zu einem anderen Lustknaben. Der schöne Jüngling nähert sich Justinen und sagt ihr lächelnd: »Fürchten Sie nichts, Fräulein, diese Operation kann Ihnen nur sehr gut anschlagen; stellen Sie sich so!« Sie mußte sich am Rande eines Tisches in der Mitte des Zimmers leicht an seine Knie lehnen, während ihre Arme durch zwei schwarze Bänder an den Plafond gefesselt waren.

Kaum befindet sie sich in dieser Stellung, als der Graf sich ihr nähert, die Lanzette in der Hand. Er atmet kaum; seine Augen funkeln, sein Gesicht war furchterregend. Er spannt die Haut der beiden Arme und sticht in sie in weniger Zeit als einen Augenblick. Ein Schrei entringt sich seiner Brust, dem zwei oder drei Gotteslästerungen folgen; sowie er das Blut sieht, setzt er sich nahe der Gruppe Dorothéas. Narcisse leckt ihn, zwischen seines Füßen kniend, während Zéphyre, die Füße auf den Fauteuil seines Herrn stemmend, sein Glied von diesem saugen läßt. Gernande umfaßt Zéphyres Hüften und drückt ihn an sich; nur von Zeit zu Zeit richtet er seine Blicke bald auf die unglückliche Justine, bald auf die von ihrem Blute überschwemmte tätige Gruppe. Doch fühlt jene ihre Kräfte versiegen. »Mein Herr,« schreit sie, »haben Sie Erbarmen mit mir, ich falle in Ohnmacht!« Tatsächlich wankt sie; sie würde umfallen, würden die Bänder sie nicht festhalten; der Kopf wackelt auf den Schultern, die Blutstrahlen, die durch dieses Schwingen andere Richtung bekommen, bespritzen ihr Gesicht. Der Graf ist trunken, er erhebt sich, bemächtigt sich des von Blut überströmten Hintern seines Neffen, sodomisiert ihn und ergießt sein Sperma, während das Opfer schließlich die Besinnung verliert. d'Esterval, von diesem Schauspiel entzückt, entleert sich desgleichen in den Hintern seiner Frau, die, ihre Scham an den Hintern eines Lustknaben lehnend, diesen mit ihrer Clitoris von hinten bearbeitet, wobei sie ihn mit ihrem Sekret besudelt und seinen Penis wichst. Endlich trägt man die ohnmächtige Justine hinaus, während unsere erschöpften Wüstlinge sich in den Garten begeben, um sich wieder zu erholen. Da unsere Leser den Taumel der anderen kennen, wollen wir sie nicht damit ermüden; wohl aber wollen wir unsere Aufmerksamkeit dem Grafen ein wenig zuwenden. Fast eine volle Viertelstunde dauerte seine Extase ... und welch eine Extase! Großer Gott! Er schlug um sich wie in einem epileptischen Anfalle, seine schrecklichen Schreie, seine entsetzlichen Blasphemien wären auf eine Meile weit vernehmbar gewesen; er schlug auf seine ganze Umgebung los, seine Zuckungen waren fürchterlich.

Ueberlassen wir zwei Tage lang die ganze ausgelassene Gesellschaft sich selbst. Nur die Stellung Justinens an der Seite ihrer Herrin soll uns beschäftigen.

Nach Verlauf dieser Zeit hieß Gernande sie zu ihm in den Salon kommen, wo er sie bei ihrer Ankunft empfangen hatte; sie war noch schwach, fühlte sich aber sonst ganz gut.

»Mein Kind,« sagte er zu ihr, indem er ihr die Erlaubnis gab, sich zu setzen, »ich werde die gestrige Szene nur selten wiederholen, sie würde Sie erschöpfen und ich bedarf Ihrer zu anderen Dingen; doch war es wichtig. Ihnen meinen Geschmack kund zu tun, und die Todesart, der Sie zum Opfer fallen werden, wenn Sie mich verraten, ja, wenn Sie sich nur von der Frau, an deren Seite ich Sie stelle, verführen lassen sollten. Diese Frau ist meine Gattin, wie Ihnen mitgeteilt wurde; das ist aber für Sie eine äußerst verhängnisvolle Sache, da sie sich täglich dem bizarren Gelüste, das ich an Ihnen befriedigt habe, unterwerfen muß. Glauben Sie übrigens nicht, daß ich sie aus Rache, aus Verachtung oder durch ein Gefühl des Hasses so behandle; es geschieht, nur aus Trieb. Nichts kommt dem Genuß gleich, den ich verspüre, wenn ich das Blut dieses Geschöpfes vergieße; es ist die köstlichste Freude meines Herzens, nie habe ich mich mit ihr in anderer Weise ergötzt. Seit drei Jahren ist sie an mich gekettet und erduldet, regelmäßig alle vier Tage die Operation, die ich an Ihnen erprobt habe. Ihre große Jugend (sie zählt kaum zwanzig Jahre), die besondere Sorgfalt, die man auf sie verwendet, die reichliche Nahrung, die sie zu sich nimmt, all das hält sie aufrecht. Aber Sie begreifen wohl, daß ich sie bei einem solchen Zwang weder ausgehen lassen, noch anderen Leuten zeigen kann, als diesen da, die fast den gleichen Lüsten fröhnen wie ich, und mich daher entschuldigen müssen. Ich gebe sie daher für verrückt aus; ihre Mutter, ihre einzige Angehörige, wohnt sechs Meilen von hier auf ihrem Schlosse und ist dermaßen von dieser Idee überzeugt, daß sie sie nicht einmal zu besuchen wagt. Die Gräfin fleht häufig um Gnade; sie tut alles, um mich zu erweichen, aber ewig vergeblich. Meine Geilheit hat das unabänderliche Urteil über sie gefällt. So wird sie, solange als möglich, ihr Dasein fristen, nichts wird ihr abgehen, und da ich es liebe, sie zu erschöpfen, werde ich sie, solange ich vermag, am Leben erhalten; wenn sie es nicht mehr aushalten wird, in Gottesnamen ... Sie ist meine vierte Frau; ich werde bald eine fünfte, eine sechste ... eine zwanzigste haben; nichts ist mir gleichgiltiger als das Geschick eines Weibes; es gibt deren so viele! Es ist so süß, sie zu wechseln! Wie dem auch sei, Ihre Aufgabe, Justine, besteht darin, für sie Sorge zu tragen. Sie verliert regelmäßig zwei Aderlaßbecken Blut jeden vierten Tag, aber die Gewohnheit verleiht ihr Kräfte; sie fällt jetzt nicht mehr in Ohnmacht; ihre Ermattung dauert vierundzwanzig Stunden, während der übrigen drei Tage fühlt sie sich ganz gut. Doch werden Sie es begreiflich finden, daß ihr diese Leben sehr mißfällt. Sie tut alles, um ihre Mutter über ihren wahren Zustand aufzuklären; sie hat bereits zwei ihrer Zofen verführt, doch wurden deren Pläne glücklicherweise rechtzeitig genug entdeckt, um die Wirkung unmöglich zu gestalten. Sie ist die Ursache des Todes dieser Unglücklichen, denn ich ließ beide vor ihren Augen sterben.« – »Sie haben sie getötet?« – »Ja, in dergleichen Fällen lasse ich ihnen an allen Extremitäten zur Ader und lasse sie so sterben.« – »Oh, Gott!« – »Sie begreifen wohl, Justine, daß meine Frau heute bereut, diese zwei Frauen kompromittiert zu haben, und sie macht sich Vorwürfe wegen ihres Todes; da sie nun die Unabänderlichkeit ihres Geschickes erkennt, beginnt sie, sich zu fügen und ist fest entschlossen, die Personen ihrer Umgebung nicht mehr zu verleiten. Wenn dies dennoch eintreten sollte, so warne ich Sie, denn Sie würden das gleiche Schicksal erleiden wie die anderen. Betrachten Sie sich von diesem Moment an als nicht mehr auf der Erde befindlich, da Sie auf meinen leisesten Wunsch daraus verschwinden können. Ihr Los ist, Justine: Glück, wenn Sie sich gut aufführen, Tod im entgegen gesetzten alle ... Sie haben mich verstanden? Begeben wir uns zu meiner Frau«.

Da Justine gegen diese deutlichen Worte keine Einwendung erheben durfte, folgte sie ihrem Herrn. Nachdem sie eine lange Reihe von Gemächern durchschritten hatten, die ebenso düster und einsam waren wie der übrige Teil der Schlosses, gelangt sie in ein Vorgemach, wo sich zwei alte Weiber befinden, die sie in allem, was den Dienst bei der Gräfin betrifft, unterweisen müssen. Sie öffnen die Tür, Gernande und Justine befinden sich in einem Zimmer, wo die unglückliche junge Gattin des Scheusals auf einem Ruhebett lag, wie leicht zu erraten, blaß und ermattet. Sie erhob sich, sowie sie ihren Gatten erblickte, und erkundigte sich respektvoll um seine Befehle. »Hören Sie,« sagte ihr Gernande, ohne ihr die Erlaubnis zu geben, sich wieder zu setzen, obwohl sie sich kaum aufrecht erhalten zu können schien, »hier ist ein Mädchen, das mein Neffe Bressac für Sie mitbringt; ich empfehle sie Ihrer Obhut. Wenn Sie je Lust haben, sie zu verleiten, tun Sie es wenigstens nicht, ohne sich an das Los ihrer Vorgängerinnen zu erinnern.« – »Alle Versuche wären nutzlos, mein Herr,« sagte Justine voll Eifer, ihrer Herrin helfen zu können und dabei ihre Pläne verheimlichend, »ja, Madame, ich will es vor Ihnen bekräftigen, alles wäre fruchtlos; jedes Ihrer Worte und Ihrer Gesten werde ich sofort Ihrem Gemal hinterbringen; auf keinen Fall werde ich mein Leben riskieren, um Ihnen behilflich zu sein.« – »Ich werde nichts tun, was Sie vor eine solche Eventualität stellen könnte, Fräulein,« sagte die arme Frau, die die Motive der vorgeschützten Härte Justinens noch nicht erraten hatte, »ich bitte Sie nur um Ihre Mühewaltung.« – »Daran soll es nicht fehlen,« sagte das neue Kammermädchen, »darüber hinaus aber gehe ich nicht.« Der entzückte Graf drückte Justinens Hand. »Ausgezeichnet,« sagte er leise zu ihr, »halte Wort und dein Glück ist gemacht.« – Er zeigte ihr dann ihr Gemach, das sich an das seiner Gemalin anschloß; zugleich machte er sie darauf aufmerksam, daß dieses Zimmer, durch treffliche Türen abgeschlossen und an allen Ausgängen mit doppeltem Gitter versehen, keine Aussicht auf Flucht eröffnete. »Hier ist wohl eine Terrasse,« fuhr Gernande fort, Justine in einen kleinen Blumengarten geleitend, der sich in gleicher Flucht mit dem erwähnten Gemach befand, »aber sie liegt hoch genug, denke ich, um Ihnen die Lust zu nehmen, sich an der Mauer herabzulassen. Die Gräfin kann hier ganz nach Belieben frische Luft schöpfen; doch ist das die einzige Zerstreuung, die meine Strenge zuläßt. Sie werden sie nicht verlassen, wenn sie hieher kommt. Sie müssen ihr ganzes Tun und Lassen beobachten und mir darüber getreulich berichten. Adieu!«

Justine begab sich zu ihrer Herrin; diesen Augen blick nun, da sie sich betrachten und prüfen, wollen wir dazu benützen, in unserem Leser eine Vorstellung von dieser interessanten Frau zu erwecken.

 

Autor: Marquis de Sade

Lizenz: gemeinfrei

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