Dominator/in

 

Noch nie zuvor in meinem Leben stand ich vor einer derartigen Situation. Natürlich bin ich selbst schuld. Es war meine eigene verrückte Idee. Doch, wer hätte vor Tagen noch daran geglaubt, dass Berlin in diesem Jahrhundert noch einmal Schnee zu Gesicht bekäme? Naturschnee selbstverständlich, kein pappiger, mit Zement versetzter Kunstschnee a la Hallenpiste für Großstadtneurotiker. Nun ist es passiert und ich kann nicht mehr zurück. Außerdem hat irgendwie die Presse wieder ihre Nase hinein gesteckt und Wind vom Vorhaben bekommen. Was soll's? In einer halben Stunde geht es los. Vierhundertmal hoch, vierhundertmal hinunter. Das haben schlaue Köpfe ausgerechnet. Dabei wollte ich das vorher gar nicht wissen. Es hätte mir vollauf genügt, rechtzeitig gestoppt zu werden. Diese Schlauberger.

 

Dabei geht es lediglich um einen Haufen Schutt. Okay, nicht ganz richtig. Aber im Prinzip schon. Meine Aktion soll in übertragenem Sinn Schotter zu Kies machen. Deshalb bin ich hier und werde wieder meiner Leidenschaft frönen, mich selbst zu quälen. Ist das nun näher bei Sade oder Masoch? Switsh reloaded. Noch geht es gemütlich zu. Ich sitze im Trockenen und Warmen. Letzte Lockerheit verschafft mir die Massage einer sonst zärtlichen Dame. Danach ist Schluss mit lustig, dann geht es auf die Rolle. Es ist wie früher. Was heißt früher? Als wenn das schon Äonen her wäre. Bin gerade einmal zwei Jahre raus aus dem Geschäft. Ein hartes, zugegeben. Aber eben gerade erst raus. Mir ist fast wie gestern.

 

Ich darf mich erheben und hinaus in die Natur. Leichter Schneefall ist angesagt, noch hält er sich zurück. Aber die tief grauen Wolken verheißen nichts Gutes. Na dann, auf geht’s! Wenige Schritte sind es bis zum provisorisch überdachten Bereich. Eine Art Partyzelt wird mich die nächsten Minuten noch beschützen, vor eventuellem Niederschlag und einigen wetterfesten Journalisten. Es sind weit weniger als gedacht. Eine Kleinigkeit für die etwa zwanzig anfänglichen Wegbegleiter, die sich rund um mich versammelt haben. Sie sind verrückt. Ich bin es schon, aber dieser Haufen noch viel mehr. Lauter Sadisten des Geistes und Masochisten des Körpers. Sollen sie, bin ich wenigstens nicht allein. Vorerst nicht.

 

Mein Blick streift die Uhr, noch drei Minuten. Signal für die letzten Vorbereitungen. Ich prüfe den perfekten Sitz aller Bestandteile des Plans. Nichts vergessen – gut verpackt und intakte Technik. Ein Schluck wärmender Tee. Aufmunternde und erwartungsvolle Blicke meiner Fangemeinde. Die letzten Meter bis zum Start lasse ich es einfach rollen. Zurück kann ich jetzt ehedem nicht mehr. Große Klappe, selbst schuld! Das einsetzende Piepen kündigt die letzten 10 Sekunden an. Ich konzentriere mich und setze meinen Tunnelblick auf. Alles um mich herum wird zur Nebensache. Noch 5, noch 4 … piep – piep – piiiiiiiiep.

 

Der erste ist immer der schwerste. Nur langsam komme ich in Tritt. Anfangs schwankend als wäre ich noch trunken von der Silvesternacht. Mühsam schaukele ich mich hoch, bis ich auf dem Level bin, dass ich mir zum Ziel gesetzt habe. Es geht hier nicht um Rekorde. Der Weg ist das Ziel. Nachdem ich meinen Rhythmus gefunden habe, schaue ich mich um. Die Traube folgt mir, stumm und wild entschlossen. Hier ein zustimmendes Nicken, da ein vielsagendes Lächeln. Ich sage ja: Verrückte. Sie wollen mich alle bestimmt nur leiden sehen. Das war und ist mein Markenzeichen.

 

Wir sind wieder da, die erste Runde liegt hinter uns Rittern der Unvernunft. War einfacher als gedacht. Bin nicht unzufrieden. Klar, das eine oder andere Zwicken spüre ich schon. Aber deswegen bin ich ja hier. Einfach kann jeder. Es soll ja weh tun. Ich will mich quälen und schinden. Hauptsache, das Ziel wird erreicht. Es wäre mir erspart geblieben, hätten sich im Vorfeld mehr Spender gefunden. Aber es kam nur die Hälfte der veranschlagten Summe herein. Für den Rest muss ich mich halt abstrampeln.

 

So geht das minutenlang. Rauf, runter, rauf, runter. Und wieder rauf und wieder runter. Up and down, up and down. Pausenlos, immer im selben Trott. Ermüdend und wenig ereignisreich. Das triste Wetter tut sein übriges. Plötzlich erhalte ich einen Schlag auf den Rücken. „Heh, was soll das?“, rufe ich erbost. Die Antwort ist ein unschuldig weibliches Lächeln und der berühmte Daumen-Zeigefinger-Kreis neben mir. Ich weiß nicht, ob ich das als Entschuldigung gelten lassen kann. Das ist hier kein Spaß und das Schwierigste steht mir noch bevor. Vorerst lasse ich es dabei bewenden und lächle süßsauer zurück.

 

Es zwickt im Oberschenkel. Mein Blick auf die Uhr lässt mich erschrecken. Erst zwei Stunden und schon erste negative Begleiterscheinungen. Ich muss einen Tempowechsel einleiten, sonst geht das Ganze schief. Leichte Lockerungsübungen mit seitlich von mir gestreckten Beinen. Es hilft und die kleine Beschleunigung anschließend auch. Neben mir kichert es. „Was gibt es da zu lachen?“, maunze ich. „Ach nichts, sieht nur wahnsinnig elegant aus so eine Übung mit deinen Storchenbeinen in voller Fahrt.“ Ob ich das lustig finden soll? Ich fühle mich eher verhöhnt, fast schon gedemütigt. Hätte eben keine rote Leggins drunter anziehen sollen.

 

So langsam wird es still um mich. Es ist zwar noch niemand ausgestiegen, aber über vier Stunden sind eine lange Zeit. Auch für durchschnittlich Geübte. Jetzt ist mehr oder weniger jeder mit sich selbst beschäftigt. Die Dämmerung hat begonnen und das Dunkel der bevorstehenden Nacht wirft temperaturmäßig seine Schatten voraus. Die meisten Begleiter haben wie ich längst eine weitere Jacke übergezogen, um den Körper vor Auskühlung zu schützen. Nichts ist schlimmer als Kältetod. Dagegen hilft auch Bewegung. Ich kreise mit den Armen, um das Blut zirkulieren zu lassen und den Fingerspitzen wieder Gefühl einzuverleiben.

 

Wieder kichert es neben mir. Diesmal auf der anderen Seite. „Ach, du schon wieder“, maule ich mit innerem Schmunzeln. „Ja, ich schon wieder. Was dagegen?“, grinst sie mir frech ins Gesicht. Eine Antwort bleibe ich ihr schuldig. Vielleicht ist es die bessere Lösung, diese Klette abzuschütteln. Gedacht, getan. Ich beschleunige ein wenig und bleibe dann in höherem Gang. Das Keuchen hinter mir nimmt ab, die Zahl der Laute wird deutlich kleiner. Nicht ganz fair von mir, aber was soll's? Ich habe sie alle nicht gebeten, mir Gesellschaft zu leisten.

 

Weitere zwei Stunden später ist es längst dunkel und nur noch meine Lampe spendet mir Licht. In der Ferne das Bellen eines Hundes. Bestimmt ist es der Vierbeiner des Försters, der die Sache genehmigt hat. Für ihn sind jede Bewegung und jedes Geräusch bei Nacht ein Jagdauslöser. Aber da ist noch etwas. Es irritiert mich. Längst wähne ich mich einsam und allein. Vor einer Stunde hat sich die Gruppe nach und nach verabschiedet und ist heim zu ihren Liebenden. Einerseits bin ich froh, dass es so ist. Bin gern allein und verlassen unterwegs. Andererseits stehen mir ja noch drei Viertel meines Weges bevor.

 

Ein Boxhieb an meine Schulter belehrt mich: man ist nie ganz allein! Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. „Überraschung!“, scherzt es neben mir. Ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt. „Eh, du Stiesel, mal etwas mehr Begeisterung, wenn ich bitten darf!“ Ich rolle mit den Augen wie Rennräder auf der Berliner Winterbahn. „Bist du ein Stoffel, ich tue dir doch nix“, versucht sie mich erfolglos aufzuheitern. „Hast du kein Zuhause?“, knirsche ich sie an, „keinen Mann daheim, den du nerven kannst?“ „Langweilig“, rollt sie jetzt ihrerseits augenblicklich. „Habe doch dich, was brauch ich da einen Sesselfurzer daheim?“

 

Vorahnungen überfallen mich, vage aber keineswegs abwegige. Hoffentlich steigt diese Säge bald aus. Ich werfe einen Blick über die Schulter. Wir sind allein. Also plane ich die Flucht nach vorn. „Na dann wollen wir mal sehen, wer hier am Ende in den Sessel furzt und auf die Strecke kotzt.“ Mein Antritt kommt überraschend, sogar für sie. Bestimmt so an die zwei Kilometer lang versuche ich sie abzuschütteln. Es tut mir gut. Die frische Luft sticht angenehm in der Brust. Die Lunge hat vollauf zu tun. Adrenalin pur wird in Höchstdosis frei gegeben. Es ist wie ein Rausch. Wie herrlich, Erinnerungen werden wach. Mittelmeer, Vogesen, Alpen, Pyrenäen und Provence … die Bilder rauschen nur so an mir vorüber. Und das am Teufelsberg mitten in Berlin. Verrückt. Ich bin verrückt. Sie ist verrückt. Wir sind verrückt. Denn als ich das Tempo herausnehme, ist sie wie eine schwebende Elfe neben mir und lächelt.

 

„Na, altes Haus, war wohl nichts?“ Wir lachen und klatschen uns ab, was uns beinahe stürzen lässt. Doch ihre Geistesgegenwart und unerwartet fester Griff verhindern es. „Mach keine Dummheiten, du Greis!“, witzelt sie und genießt es, mir die Hand zu quetschen. Bin sprachlos und schwer beeindruckt. Das Mädel hat was. Auf eigentümliche Weise fasziniert sie mich. Dabei ist es nicht leicht, mich aus dem Sattel der Selbstsicherheit zu schubsen. Wenn ich nicht schon durch sportliche Anstrengung mehr als gerötete Wangen aufzuweisen hätte, wäre mein glühendes Haupt verräterisch. Sie klatscht mir auf das Hinterteil und gibt präzise Anweisung: „Dann wollen wir mal. Bis hierhin war Spaß, jetzt kommt der ernste Teil der Strecke.“ Mit diesen Worten übernimmt sie die Führung und fortan sind wir ein Gespann. Planmäßig und doch nicht abgesprochen jede Runde die Führung wechselnd.

 

War ich zur aktiven Zeit bei meinen zahlreichen Ausreißversuchen immer Autodom gewesen, stellte ich jetzt fest, dass auch der Wechsel in der Verantwortung seine Reize hatte. Weniger die sportliche Seite der Medaille spornte mich bei ihrer Führungsarbeit an. Nein, es waren die sogenannten inneren Werte, die mich trieben. Der Anblick ihres einladenden Hinterteils, die Eleganz ihrer Bewegungen. Immer, wenn ich nach vorn wechselte, gab sie mir zusätzlich Schub und Kraft. „Los, du fauler Hund, du bist dran!“, leitete den Wechsel jede Runde ein. Begleitet von dem ebenso aufmunternden Kommentar: „Hopp, du Drecksack!“, wenn sie förmlich am Hinterrad klebte. Ich fing an, mir einzubilden, das Magnetische war für sie nicht nur der Pneu.

 

So ging es Stunde für Stunde, Runde für Runde, Anstieg für Anstieg, Abfahrt für Abfahrt. Ein stiller Beobachter hätte uns bestimmt für verrückt erklärt. Beide, nicht nur mich! Immer wieder schallte es durch die Nacht und die Natur. „Allez, allez, du Weichei!“ „Komm schon, du Hure!“ „Gib alles, du Sau!“ „Nimm den Sattel aus dem Arsch, Flachwichser!“ „Heh, was ist, Schlappschwanz? Schluss ist, wenn deine Herrin sagt!“ usw. usw. Wir bemühten ausgiebig das Vokabular aus dem Jugendsprachbuch und fühlten uns jung dabei. Es half uns, den einsetzenden Schneefall zu verschmerzen und den zwangsläufigen Rundenkollaps zu überstehen. Wir waren voll im Element und fast schon Profis. Manchmal fehlte nur noch die Peitsche. Aber selbst bei der Tour de France stehen sie immer nur mit Wasserflaschen und -eimern am Straßenrand.

 

„Nur noch 3 Runden“, rufe ich dir zu. Es ist längst wieder später Vormittag. „Fick dich, du Arsch!“, ist die Antwort. Wir krauchen beide auf dem Zahnfleisch und pfeifen auf dem letzten Loch. Aber keiner will es zugeben. Verlieren noch viel weniger. Dabei geht es hier nicht um den Sieg. Da ist das Ziel und wir sind froh, es erreicht zu haben. Die Digitalanzeige neben der abgelaufenen Uhr steht auf über 15.000 Euro Spendengelder. Ziel erreicht im doppelten Sinne. Dann stürzen wir unisono auf dem weißen Strich. „Na, du Strichjunge“, sind deine finalen Worte. Ich revanchiere mich: „Na, Strichmädchen.“ Du ziehst mich ein letztes Mal am Ohr. „Darüber reden wir später, mein Sklave der Pedale.“

 

Kuss – Schluss.

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