Dominiques Antwort - Teil 1/2

Vor vielen Jahren, als Gerwalt noch nicht unter die Bestseller-Autoren gegangen war, hatte er im Netz eine Geschichte veröffentlicht über die Entführung einer Jamaikanerin namens Dominique. Diese Geschichte ist mittlerweile nicht mehr frei verfügbar, sondern liegt zu Recht nur noch in gedruckter Form vor. Mich jedenfalls hat sie damals sehr bewegt und zu einem eigenen Text inspiriert, der mittlerweile seit gut sechs oder sieben Jahren auf meiner Festplatte schlummert. Wie es immer so ist mit älteren Texten, hätte ich mich am liebsten hingesetzt und alles noch einmal gründlich überarbeitet. Aber da es mir im Moment wichtiger ist, die Hürde der Veröffentlichung zu überwinden, als einen makellosen Text abzuliefern, gehe ich das Wagnis trotzdem ein.

Nur ein Wort zur Warnung vorweg: Es ist keine klassische BDSM-Geschichte, sondern die Darstellung eines Verbrechens. Und natürlich maße ich mir nicht an, einem der größten Geschichtenerzähler der modernen SM-Literatur das Wasser zu reichen. Betrachtet es als eine schüchterne Verneigung vor einer Kurzgeschichte, die damals einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen hat.

 

Irgendwann zwischen dem 13. und dem 15. Juni

Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin. Es könnten sechs, sieben oder acht Tage gewesen sein. Der Raum, in dem er mich gefangen hält, hat keine Fenster. Es gibt keine Tageszeiten hier unten, keinen Windhauch und kein Sonnenlicht. Nur kahle, weiße Wände und eine mehrere Zoll dicke Feuertür. Die Zahlenkombination besteht aus fünf Ziffern. Zehn hoch fünf Ereignisse. 100.000 Möglichkeiten. Selbst wenn er mich nicht an die Wand gekettet hätte, bräuchte ich vermutlich Monate, um die richtige Kombination zu finden. Dabei ist diese Tür mit ihrem Zahlenschloss meine einzige Hoffnung. Alles andere ist pures Grauen.

Meine Kette ist lang genug, um die Toilette und das Waschbecken zu erreichen, aber bis zur Tür ist es zu weit. Und solange ich keinen Nagel oder irgendetwas anderes in die Finger bekomme, um die Schrauben zu lösen, mit denen meine Kette in der Wand verankert ist, darf ich über das Zahlenschloss nicht einmal nachdenken. Es wundert mich ohnehin, dass ich in der Lage bin, meine Situation so nüchtern zu reflektieren.

Ich zähle die Tage anhand der Intervalle, in denen ich allein bin. Eines bei Licht – dann lässt er die Deckenleuchte brennen, wenn er den Raum verlässt – und eines bei Dunkelheit. Dann ist es vermutlich Nacht. Aber ganz sicher bin ich nicht, da mir die Zeiträume unterschiedlich lang vorkommen und er auch schon von seinem gewohnten Muster abgewichen ist.

An meine Entführung habe ich nur noch vage Erinnerungen. Ich war von der Brutalität seines Angriffs derart überrumpelt, dass ich nicht mehr in der Lage war, das Geschehen nüchtern zu erfassen. Panik und Schmerz – das ist alles, was ich noch weiß. Er verklebte mir Augen und Mund und wickelte mich in die Teppichrolle, die er bei sich hatte. Auf meiner Fahrt ins Ungewisse schloss ich mit dem Leben ab. Gefesselt und geknebelt bekam ich in dieser Rolle kaum noch Luft, glaubte zu ersticken. Und ich war mir völlig sicher, dass er mich am Ziel unserer Reise töten würde. Einmal noch den Sonnenuntergang über dem Atlantik sehen, war mein einziger Gedanke. Doch wenn es nach meinem Entführer geht, werde ich die Sonne nie wiedersehen. Nirgendwo auf dieser Welt.

Ich frage mich immer, woher ich ihn kenne. Sein Gesicht kommt mir auf eine flüchtige Weise bekannt vor, so als hätte ich ihn schon einmal irgendwo gesehen. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass er seit so langer Zeit der einzige Mensch ist, den ich überhaupt zu Gesicht bekomme. Alle anderen Gesichter, an die ich mich erinnere, beginnen zu verblassen. Und alles Menschliche ebenso. Er hält mich hier unten wie ein Tier in einem Käfig. Und genauso behandelt er mich auch – wenn man einmal davon absieht, dass er ein Tier vermutlich nicht so grausam quälen würde wie mich.

Nicht dass ich nur irgendeine Maus oder eine Ratte für ihn wäre, oh nein! Ich bin ein kostbares, exotisches Tier. Eines, auf dessen Besitz er sehr stolz ist. Wenn er mir über die Flanken streicht oder die Konturen meines Gesichts nachzeichnet, dann tut er das mit großer Bewunderung. Aber meine Gedanken interessieren ihn einen feuchten Kehricht und meine Gefühle unterhalten ihn nur insoweit, wie sie in körperlichen Reaktionen Ausdruck finden. Es macht ihn geil, wenn ich wimmere und schreie, weine oder stöhne.

Ich habe versucht, mit ihm zu reden. Ich hatte die Hoffnung, wenn es mir nur gelänge, als Person für ihn sichtbar zu werden und mich mit ihm zu verständigen, ihn dann vielleicht auf irgendeine Weise dazu bewegen zu können, mich freizulassen. Doch er gab mir zu verstehen, dass er an einer Konversation nicht interessiert sei. Ich vermute, dass meine rechte Gesichtshälfte noch immer von seinen Argumenten gezeichnet ist. (Einen Spiegel, um meine Annahme zu überprüfen, gibt es hier unten nicht.) Seit diesem Vorfall schweige ich in seiner Gegenwart – wenn ich nicht ohnehin geknebelt bin. Ich darf nur sprechen, wenn er es ausdrücklich wünscht. Aber das tut er selten.

Oh, er redet schon mit mir! Er redet mit mir, wie man mit einem Hund reden würde oder mit einer dressierten Stute. Ruhig und freundlich und nicht ohne Zuneigung. Er erklärt mir, was er denkt und was er mit mir vorhat, lobt gelegentlich meine körperlichen Vorzüge und erteilt mir klare Anweisungen. Aber er erwartet keine Antwort. Er will kein Gegenüber, ist nicht interessiert an einer echten Interaktion. Zumindest nicht auf verbaler Ebene. Mein Zittern, mein Erstarren, mein Wimmern und mein Angstschweiß genügen ihm vollkommen.

Ich habe versucht, ihm den Spaß zu verderben. Nachdem ich den Schockzustand der ersten Tage überwunden hatte, kam mir der aberwitzige Gedanke, dass er mich vielleicht gehen lassen würde, wenn ich seine Pläne durchkreuze und nicht auf die Weise reagiere, die er sich erhofft. Doch meine Versuche, seine Hiebe und Vergewaltigungen stumm und reglos zu ertragen, führten nur dazu, dass er sich schlimmere Qualen für mich ausdachte – solange bis ich nicht mehr an mich halten konnte und lauthals schrie.

Im Nachhinein bin ich allerdings froh, dass mein Plan nicht funktioniert hat. Denn sollte ich eines Tages seinen Erwartungen nicht mehr gerecht werden, wird er mich ganz sicher nicht laufen lassen, sondern mich umbringen und meinen Leichnam irgendwo verscharren. Seine Drohung diesbezüglich war klar und eindeutig. Ich werde diesen Raum lebend nicht wieder verlassen.

Wie lange kann ein Mensch seine Würde und seine seelische Gesundheit bewahren, wenn man ihn behandelt wie ein Tier, ihn betrachtet wie ein Objekt, ihn benutzt wie einen Gebrauchsgegenstand?

Ich hoffe, dass diese Notizen mir dabei helfen werden, bei Verstand zu bleiben. Mir selbst Zeugnis über all das abzulegen, was mir widerfährt, gibt mir Halt. Nur wenn ich geistig gesund bleibe, kann ich die Chance zu Flucht nutzen, die sich mir eines Tages bieten wird.

Sie wird sich mir bieten. Ich weiß es.
Irgendwann wird er einen Fehler machen, und dann werde ich bereit sein.
Ich glaube fest an diese Möglichkeit.
Ich muss daran glauben.
Dieser Glaube ist alles, was mir noch geblieben ist.

 

Einige Stunden später

Er war hier. Ich zucke noch immer zusammen, wenn ich höre, wie er sich an der Tür zu schaffen macht. Ich habe solche Angst vor ihm, dass es mit Worten gar nicht zu beschreiben ist. Wann immer er den Raum betritt, erwarten mich Schmerz, Erniedrigung und Entsetzen. Manchmal habe ich Glück und er bringt mir nur etwas zu essen. Heute nicht. Heute hat er mir sanft und eindringlich erklärt, dass er mich als nächstes mit seiner Faust penetrieren wird. Ich wusste gar nicht, dass so etwas möglich ist.

Nun, jetzt weiß ich es.

Als er mit mir fertig war, benutzte er meinen Mund, um sich die letzte Befriedigung zu verschaffen. So sehr es mich auch anwidert, sein Sperma zu schlucken, bin ich doch jedes Mal erleichtert, wenn er sich entschließt, in einer anderen Körperöffnung als der ursprünglich dafür bestimmten abzuspritzen. Ich habe panische Angst davor, schwanger zu werden. Ich verhüte nicht. Und auch wenn ich hoffe, dass die extreme Belastung, der ich ausgesetzt bin, meinen Eisprung verhindert, kann ich mir doch niemals sicher sein.

Was geschieht, wenn ich schwanger werde? Bringt er mich dann um? Oder schlägt er mich so lange, bis ich das Kind verliere? Dass er es mich hier unten austragen und zur Welt bringen lässt, ist ausgeschlossen ... oder?

Ich bin froh, dass ich eine Schwangerschaft fürchte. Das zeigt mir, dass ich mich noch nicht aufgegeben habe. Ich glaube noch immer an eine Zukunft – und an ein Leben danach.

Mein Unterleib schmerzt so sehr, dass ich zweimal nachsehen musste, ob ich nicht doch aus der Vagina blute.

 

14. Juni (?)

Dieses Notizbuch verdanke ich einem der wenigen lichten Momente der letzten Tage. Zuvor hatte er mich lange und ausgiebig geschlagen und anschließend mit besonderem Genuss vergewaltigt. Danach war er wohl satt und zufrieden, denn er fragte mich höflich, ob ich irgendetwas bräuchte. Er werde mir gern das Nötige besorgen.

Ich musste nicht lange überlegen. Ich bat um etwas zu schreiben und um ein paar Kleidungsstücke. Der Gedanke, zwischen den Vergewaltigungen meine Blöße bedecken zu können, erschien mir ungemein tröstlich. Außerdem ist es erbärmlich kalt hier unten.

„Eines von beidem kannst du haben“, war seine Antwort.

Ich schreibe nackt.

Mein Körper ist gezeichnet von seinen diabolischen Spielen, meine Schenkel zerstriemt, meine Brüste übersät mit blauen Flecken und meine Rückseite dürfte kaum besser aussehen. Meine Brustwarzen sind von all den Torturen so wund, dass ich manchmal nachts mit einem Schmerzenslaut erwache, weil die Bettdecke sich an ihnen reibt.

Dabei habe ich das Gefühl, dass er ganz genau weiß, was er tut.

Er agiert ausgesprochen kontrolliert, lässt sich viel Zeit, wenn er mich quält. Niemals habe ich das Gefühl, dass es mit ihm durchgeht und er sich geradewegs in einen Rausch hinein peitscht. Seine Hiebe sind wohlplatziert. Sie folgen einem genau durchdachten Rhythmus. Es kommt mir so vor, als würde er mich dabei sorgfältig beobachten und sein Tempo von meinen Reaktionen abhängig machen. Manchmal zählt er. Manchmal zählt er nicht. Ich weiß nicht, was schlimmer ist. An den Zahlen kann ich mich festhalten, doch sie erhöhen auch die Angst vor dem nächsten Schlag. Wenn er mich ohne festes Ziel quält, reichen Hoffnung und Furcht sich die Hand. Die Furcht behält meistens Recht.

Wenn wir fertig sind und er mich vergewaltigt hat – was er fast immer nach der Folter tut –, dann liegt er oft noch eine ganze Weile neben mir, streichelt mich und weidet sich an meinem Anblick. Es muss eine unglaubliche Genugtuung für ihn sein, mich in seiner Gewalt zu haben. Er betrachtet mich als sein Eigentum, über das er jederzeit verfügen kann.

Mit besonderem Vergnügen schiebt er seine Finger, seine Zunge oder sein Glied in meine Körperöffnungen. Er zeigt mir dadurch, wie sehr ich ihm gehöre. Ich habe keine Chance, mich ihm zu verweigern. Jede Form von Widerstand zieht nur Schlimmeres nach sich.

Oh Gott, ich hatte gehofft, wenn ich es aufschreibe, verliert es seinen Schrecken! Doch jetzt beginnen meine Finger so sehr zu zittern, dass ich den Bleistift kaum noch halten kann. Mir wird übel. Ich glaube…

 

Ich musste mich übergeben. Keineswegs zum ersten Mal. Anfangs hing ich nach jedem Oralverkehr über der Kloschüssel. Nicht sofort natürlich. Aber sobald er den Raum verlassen hatte. Ich kotzte alles aus – den widerlichen Geschmack seines Spermas, meinen Ekel, meine Angst, meinen Hass und meine Abscheu. Vielleicht fühle ich mich auch deshalb so krank und schwach.

Wie lange wird es wohl dauern, bis sein Interesse an mir erlahmt? Bis der Reiz des Neuen abklingt und meine Ruhepausen sich häufen? Wochen? Monate? Wie lange werde ich das hier durchhalten? Und was, wenn er irgendwann genug von mir hat?

 

15. Juni

Mich mit den Schrecken meiner Entführung zu beschäftigen, hilft mir nicht weiter. Es führt mir die Ausweglosigkeit meiner Lage nur umso deutlicher vor Augen. Also halte ich mich lieber an meine Erinnerungen. Vielleicht können die mir die mir den Halt geben, den ich so dringend brauche.

Ich erinnere mich an den betörenden Geschmack frisch geernteter Mangos. Wie sie im Mund zergehen, den ganzen Gaumen mit ihrer Süße füllen. Und an das Flirren der Kolibris in der Abendsonne. „Die Stunde der Wehmut“ haben wir die Dämmerung immer genannt. Corinne. Meine liebe Corinne. …

Oh Gott, nein, ich kann das nicht. Es tut viel zu weh. Beim Gedanken, sie vielleicht niemals wiederzusehen, möchte ich schreien vor Schmerz.

 

Ich habe lange geweint. Viel zu lange. Im Allgemeinen versuche ich, Tränen zu vermeiden. Sie kosten zu viel Kraft. Ich brauche all meine Energie, um in dieser Hölle zu überleben. Aber der Gedanke an Corinne war zu viel. Ich war auf diese Wucht nicht vorbereitet.

Ist er sich eigentlich bewusst, was er mir antut? Dass er mich brutal herausreißt aus einem sozialen Netz, einem Beruf, einem Leben? Denkt er manchmal darüber nach, dass es Menschen gibt, die meinetwegen fast vergehen vor Angst und die verzweifelt nach mir suchen? Oder ist ihm das alles herzlich gleichgültig? Zählt für ihn nur, dass er mich hat?

Ich kann nicht mehr weiterschreiben. Mein Kopf ist schwer und meine Augen brennen. Ich hasse ihn so sehr, dass mir alles weh tut.

 

16. Juni

Gestern. Wie soll ich das je vergessen? Angst. Panische, flirrende Todesangst. Sein Messer an meiner Kehle, wie damals. Und an meinen Brüsten. Scharfe, immer enger sich windende Kreise. Schneidet er mir jetzt meine Brustwarzen ab? Ich kann nicht schreien, kann nicht flehen oder bitten. Ein aufblasbarer Knebel füllt meinen Mund, verschließt ihn so vollständig, dass kein Laut mehr aus meiner Kehle dringt. Auch mein Blick ist verdunkelt. Ich weiß nicht, was er vorhat. Heftig zerre ich an meinen Ketten. Vergeblich. Ich kann der Klinge nicht entrinnen. Wenn er sich dazu entschließt, meinen Körper für immer zu verstümmeln, kann ich nichts dagegen tun.

Fast hätte ich geweint vor Erleichterung, als er sich stattdessen meinem Bauch zuwandte. Wie dankbar bin ich für die feinen Schnitte, die er dort hinterlassen hat. Dort und auf meinen Schenkeln. Und auf der Innenseite meiner Oberarme. Er darf ja meine Haut zerteilen, wenn er mir nur meine Brüste lässt. Und er darf mich nehmen, ja, auch das. Auch an meiner engsten Stelle. Auch wenn ich vor Schmerzen keuche und mir ganz schlecht wird vor Ekel und Entsetzen. Wenn er nur gnädig ist und Erbarmen mit mir hat.

Er hielt mich lange in den Armen danach. Streichelte mich und küsste meine Tränen fort. Er ist so abstoßend und seinen Geruch kann ich kaum ertragen. Und doch muss ich seine Küsse erwidern, wenn er es von mir verlangt. Lieber Gott, warum? Warum?

Wie kann ein Mensch nur so kaltblütig und grausam sein! Es wäre einfacher für mich, wenn er mich beschimpfen würde, mich mit schmutzigen Namen belegen und mir seinen Hass offen ins Gesicht spucken würde. Dann lägen alle Karten auf dem Tisch, dann wären die Fronten geklärt. Aber nein, er ist überaus kultiviert. Seine Wortwahl ist erlesen und seine Anweisungen und Befehle erteilt er leise und höflich. Er wird niemals laut oder benutzt ordinäre Begrifflichkeiten. Es ist allein seine körperliche Überlegenheit, die seinen Worten Nachdruck verleiht.

Ich habe ein- oder zweimal versucht, mich ihm zu widersetzen. Das hat genügt, um mir zu zeigen, dass bedingungsloser Gehorsam die weitaus bessere Wahl ist. Allzu bereitwillig allerdings darf ich auch nicht sein. Er liebt mein Widerstreben, weidet sich an meinem Ekel und meiner Angst. Wenn er das Gefühl hat, dass ich mich allzu ergeben in mein Schicksal füge, erhöht er den Druck, bis das Entsetzen in meinen Augen wieder aufflackert. Es ist ein grausames Spiel, ein Tanz auf Messers Schneide. Er will mich immer genau dort, führt mich haarscharf am Abgrund entlang und lässt doch nicht zu, dass ich aufgebe und mich einfach fallen lasse. Vermutlich fiele es mir leichter, rohe, primitive Gewalt und unverhüllte Geilheit zu ertragen. Aber die kluge, scharfsinnige Brutalität, die er mir gegenüber an den Tag legt, lässt mich vor Angst fast erstarren.

 

17. Juni

Ich muss irgendeinen Weg finden, ihn dazu bringen, dass er mich sieht. Mich, Dominique, die Frau, den Menschen. Nicht nur meinen Körper, den er ganz nach Belieben bespielt und beschläft. Nur wenn er mich wirklich sieht, besteht eine Chance, dass er so etwas wie Mitleid mit mir empfindet.

Ist er dazu überhaupt in der Lage? Ist er fähig, sich in andere Menschen einzufühlen, mitzufühlen und sein Handeln von solchen Gefühlen leiten zu lassen? Oder lebt er ganz und gar in seiner eigenen Welt, in der allein seine Lust die Regeln seines Handelns bestimmt? Ist er sich der Tatsache bewusst, was für ein schwerwiegendes Verbrechen er an mir begangen hat – und immer noch begeht, jeden Tag aufs Neue?

Sicher weiß er um die möglichen Konsequenzen und Risiken seiner Tat, andernfalls wären all die Vorsichtsmaßnahmen bei meiner Entführung nicht notwendig gewesen. Aber ist er auch in der Lage, moralisch zu denken und zu empfinden? Fühlt er sich manchmal schuldig? Hat er ein schlechtes Gewissen? Oder ist er tatsächlich so rundum zufrieden mit sich und der Welt, wie ich ihn in unseren Zusammenkünften erlebe?

 

18. Juni

Daheim geht die Regenzeit bald zu Ende. Für Mitte Juli hatte ich meinen dreiwöchigen Sommerurlaub geplant. Ach, Corinne, wie hast du reagiert, als ich nicht mehr anrief? Als ich nicht mehr ans Telefon ging und deine e-Mails nicht mehr beantwortete? Vermutlich hast du in der Firma angerufen und dort erfahren, dass ich seit Tagen nicht mehr zur Arbeit erschienen bin. Stockte dir der Atem, als du hörtest, dass man mich vermisst? Konntest du seither auch nur eine Nacht ruhig schlafen? Ich wünschte, ich könnte dir ein Zeichen geben, dass ich noch am Leben bin. Ich wünschte, ich könnte dich wissen lassen, wo ich bin. Aber ich weiß es ja selbst nicht einmal.

Was geschieht, wenn eine erwachsene Person als vermisst gemeldet wird? Wie lange dauert es, bis die Polizei aktiv wird? Wenn sie meine Wohnung durchsucht haben, dürfte ihnen aufgefallen sein, dass meine Tür gewaltsam geöffnet wurde. Vielleicht sind sie ja längst auf der Suche nach mir. Vielleicht gibt es Hinweise, Beweismittel, Zeugen. Fingerabdrücke, Fußabdrücke, Textilfasern, was weiß ich. Die modernen Methoden der Verbrechensforschung sind heutzutage so ausgereift, dass kein Verbrecher sich allzu lange in Sicherheit wiegen kann.

Ich bin nicht alleine. Auch wenn er mir jeden Kontakt nach draußen unmöglich gemacht hat, bin ich immer noch eingebunden in ein tragfähiges soziales Netz. Es gibt Menschen, denen es nicht gleichgültig ist, was mit mir geschieht. Menschen, die alles daransetzen werden, um mich zu finden. Ich muss darauf vertrauen, dass sie am Ende erfolgreich sein werden.

Bitte, Corinne, gib mich nicht verloren. Wir werden uns wiedersehen, meine Süße, werden Hand in Hand durch die Mangrovenwälder wandern, die Seeschwalben über der Bucht von Montego Bay beobachten und abends im „Skatalite“ tanzen gehen. Und wir werden uns lieben, sanft und zärtlich, voller Vertrauen und Hingabe. Er wird uns das nicht nehmen. Ich verspreche dir, er wird mich nicht zerstören. Ich lasse es nicht zu.

 

Abends

Er war nur kurz hier, um mir das Abendessen zu bringen und sich von mir einen blasen zu lassen. Wobei das vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck ist, wenn er mich in den Mund fickt. Selbst wenn er mir zunächst Gelegenheit gibt, meine spärlichen Künste in der Fellatio zu erproben, übernimmt er früher oder später jedes Mal die Führung. Anfangs glaubte ich zu ersticken, wenn er so tief in meine Kehle eindrang. Mittlerweile weiß ich, dass er mir ausreichend Pausen lässt, um Atem zu holen. Nicht so oft, wie ich es mir wünschen würde, aber oft genug, um nicht in Panik zu geraten. Es ist widerlich und ekelhaft und mir wird jedes Mal übel dabei. Aber es bringt mich nicht um.

Schlimmer noch als jede Vergewaltigung ist die Tatsache, dass er nicht mit mir redet. Er redet zu mir, das ja, aber er redet nicht mit mir. Dabei ist er meine einzige Gesellschaft, der einzige Mensch, den ich hier unten zu Gesicht bekomme. Ich hasse ihn, ich hasse ihn heiß und glühend. Und doch wünsche ich mir nichts mehr, als dass er mit mir redet. Nicht um ihn um meine Freilassung bitten zu können, sondern um diese entsetzliche Einsamkeit zu vertreiben.

 

 

Bewertung

11 Votes with an average with 3.8

Kommentare

... komme ich hierher und sehe, dass Du eine Geschichte veröffentlicht hast. Ich scrolle ganz nach unten, um zu entscheiden, ob ich noch Zeit habe, sie gleich zu lesen, oder das Ganze auf später verschieben muss. Da sehe ich, dass dort bei 46 Aufrufen, nur ein Stern prangt. Und ohne Deine Geschichte gelesen zu haben, traue ich mich zu sagen:

Niemals, niemals, wirst Du etwas schreiben, das nur einen Stern verdient.

Hier muss ein ganz armes Würstchen unterwegs sein, ein Möchtegern-Autor wahrscheinlich, der ausgerechnet den wenigen guten Autoren, die es hier gibt, die Motivation nehmen möchte.

Pfui, sage ich da nur,

und lasse Dir, obwohl ich erst später lesen werde, fünf Sterne gleich mal zum Ausgleich hier !!!

In reply to by Magd-Alena

Liebe Magd-Alena,

so sehr ich mich über dein Vertrauen in meine literarischen Fähigkeiten freue, lasse ich mich doch durch die Besternung hier nicht allzu sehr aus der Ruhe bringen. Die Bewertungsfunktion war mehr als einmal Anlass für Aufruhr und Missmut, aber da die Sterne alleine wenig Aussagekraft besitzen, sind sie mir gar nicht so wichtig. Das, was uns von der schreibenden Zunft wirklich weiterbringt - und auch das wurde hier schon zur Genüge diskutiert - sind Kommentare, und am liebsten natürlich Kommentare, die sich differenziert mit dem Text auseinandersetzen. Von daher danke ich dir für deine Wortmeldung, hoffe aber, dass du irgendwann auch noch einmal die Muße findest, dich zu meinem Text zu äußern, wenn du ihn erst gelesen hast. Wer weiß, vielleicht findest du ihn dann gar nicht so gut, wie du erwartet oder gehofft hast?

Meine Geschichte ist vermutlich nicht das, was sich der Großteil der Leserschaft hier erwartet. Er entstand in den Anfangstagen meiner literarischen Auseinandersetzung mit meiner Neigung, inspiriert durch eine Geschichte, die grausamen Inhalt in berührende Worte kleidete, und ich verspürte damals das Bedürfnis, der entführten Frau eine Stimme zu geben, sicher auch als eine Form der Auseinandersetzung mit meiner eigenen Vorliebe für Non-Con-Szenarien. Literarisch habe ich mich seither weiterentwickelt und dennoch stehe ich dazu, die Gehversuche von damals noch einmal dem Licht der Öffentlichkeit auszusetzen. Ich hoffe, dadurch in meinem gegenwärtigen Schreibprojekt ein paar Knoten lösen zu können.

Also keine Angst: Ich lasse mich von der Besternung schon nicht entmutigen.

Herzliche Grüße und nochmals vielen Dank für deinen Kommentar,

Campanula

... ge- und beschrieben. Es wird immer schwierig bleiben, sich tatsächlich in die Situation hineinzudenken und -fühlen. Da bedarf es schon eines guten Stils und vermutlich, da spreche ich aus eigenen Schreiberfahrungen, ein unerschöpfliches Maß an Fantasie und Erlebnissen, auf denen man aufbauen kann.

Hier ist es gelungen, den Leser mitzunehmen auf die Achterbahn von Gedanken und Gefühlen. Es geht kaum besser. Die gewählte Form, das Tagebuch, bringt mich hautnah heran und hinein ins Geschehen. Die duale Sichtweise würde es eventuell noch mehr, wenn denn das überhaupt möglich ist. Die vielen Fragen der Protagonistin sind ein vollwertiger Ersatz.

Ich hoffe, der zweite Abschnitt lässt nicht allzu lang auf sich warten. Ach ja, meine Position zu Wertigkeit von Sternen und Kommentaren ist nicht weit entfernt von der deinigen. Trotzdem: alle Sterne, die möglich sind, von mir.

In reply to by Tony 2360

Vielen Dank, Tony, für Sterne und Kommentar! Ich habe mich damals bewusst gegen die duale Sichtweise entschieden, weil die Perspektive des Entführers Gerwalt gehörte und ich nicht in seinem Jagdgebiet wildern wollte. Zudem hatte ich etwa ein halbes oder dreiviertel Jahr zuvor eine längere Geschichte/einen Roman geschrieben, in dem ich Tagebuchaufzeichnungen eines Entführungsopfers mit den Reflexionen des Täters durchbrochen hatte und wollte mich nicht wiederholen. (Besagte Geschichte war damals mein Einstieg in die Welt des Schreibens.)

Der zweite Teil ist bereits fertig und ich werde ihn zeitnah veröffentlichen. Allerdings gibt es gerade in diesem Teil noch ein paar Stellen bzw. Entwicklungen, mit denen ich nicht ganz zufrieden bin. Von daher ringe ich noch mit mir, ob ich ihn einfach veröffentlichen soll oder ob ich vielleicht doch noch was überarbeite. (Aber wenn ich bei alten Geschichten erst mal anfange zu überarbeiten, kann das ein größeres Projekt werden und dafür habe ich eigentlich gar nicht die Zeit.)

Sei herzlich gegrüßt!

Campanula

Danke erst einmal für deine Story, die sich zwar gut liest. Mir aber zu krass ist. Das hat für mich wenig mit sm zu tun, sondern eher mit Verbrechen. Aber - jedem Tierchen sein Plaisierchen.

 

In reply to by LeDucde

Natürlich hat diese Geschichte nichts mit SM zu tun. Es ist die reine Darstellung eines Verbrechens. Aber für Menschen wie mich, deren Neigung ihre Wurzeln in klassischen Non-Con-Szenarien hat, ist der literarische Tanz auf Messers Schneide ein wichtiges Ausdrucksmittel. Denn natürlich lässt sich diese Neigung nicht real ausleben - sie will gar nicht real ausgelebt werden. So bleibt die Phantasie als einziges Medium, um besagte Grenzbereiche auszuloten.

Danke, dass du dir trotz deiner persönlichen Abneigung die Zeit genommen hast zu kommentieren.

Also, geschrieben ist dieser Teil schon super und die Idee ist klar ausgearbeitet, aber ich jammer trotzdem mal auf hohem Niveau, denn so richtig packen tut mich die Story, trotz des dramatischen Settings nicht. Der Text wirkt einfach zu sachlich und reflektiert.Hier wäre mir vor allem eine sichtbare Entwicklung wichtig. Mit der Möglichkeit, zu schreiben, kann ich mir vorstellen, dass sie zu anfang noch gefasst und sachlich schreibt. Aber mit zunehmender Zeit muss die Verzweiflung einfach spürbarer werden, auch sprachlich. 

Sie beklagt sich, dass er sie nicht als Frau zu sehen scheint. Nach dem was er ihr an tut, ist es für mich aber eher unglaubwürdig, dass sie ihn noch als Mann/ Mensch sieht. Ihre selischen Tiefs müssen auch in den Texten ausdruck finden und zwar in Worten, nicht in der sachlichen Reflektion, dass sie stattgefunden haben.

Eine Verzweiflung dieser Art aus eigenen Erfahrungen "hochzurechnen" ist sicher nicht einfach, aber hier wird eher eine Situation beschrieben, aber keine Emotionen eingefangen, aber nur dann kann so ein Text wirklich berühren. Es geht nicht nur darum, was passiert ist (Wiedergabe der letzten "Session"),  sondern auch um das, was während des Niederscheibens passiert.

In reply to by FlorianAnders

Natürlich hast Du recht, Sternenregen ist zweitrangig. Dennoch, diesmal ist mir einfach der Kragen geplatzt. Denn ich habe solch´ seltsame "Vergaben" schon öfter beobachtet. Es regnet sie offensichtlich gleich nach Veröffentlichung und komischerweise immer bei den qualitativ guten Autoren. Aber sei´s drum..

Nun zu Deinem Text. Hier würde ich mich fast 1:1 Florian Anders anschließen. Da es sich um ein Übungsstück handelt würde ich bei einer Klavierschülerin sagen: Du hast sehr fleißig geübt, aber versuch beim nächsten Mal die Augen zu schließen und die Musik richtig durch Deine Finger fließen zu lassen, bevor sie die Tasten berühren. 

Das Geschehen berührt einerseits ganz wie von selbst durch dieses Horrorszenario, andererseits aber spüre ich die Entführte nicht wirklich. Das muss an Deinem gewählten Stil liegen. Wie Florian schon ausführte, das berichtende Tagebuch, nehme ich an. Keineswegs an den Formulierungen und dem Textfluss, die beide wie von Dir gewohnt fließend sind, finde ich.

Also, kein Grund, irgendwelche Sterne wieder mitzunehmen, aber vielleicht ein gut gemeintes Schulterklopfen: Denk an die Finger und die Tasten !

Herzlich

MA 

 

Die Idee finde ich gut. 

Die Geschichte ist flüssig geschrieben.  

Was mir fehlt ist das Geschehen selbst. Das wird nur angedeutet.

Aber sonst ganz ordentlich