Dominiques Antwort - Teil 2/2

 

19. Juni

Er kam gestern nicht noch einmal herunter. Ich war den ganzen Abend allein. Genug Zeit, um an die Wand zu starren und meinen Gedanken nachzuhängen. Irgendwann ging das Licht aus. Offenbar gibt es einen Weg, die Beleuchtung von außen zu steuern. Die Dunkelheit hier unten ist absolut undurchdringlich. Man sieht die Hand vor den eigenen Augen nicht. So muss es sich anfühlen, blind zu sein. Wenn ich nachts auf die Toilette will, muss ich mich Schritt für Schritt vortasten. Zum Glück gibt es nichts, über das ich stolpern könnte.

Das Schlimmste an der Dunkelheit aber ist, dass sie all meinen inneren Gespenstern eine Bühne bietet. Ich liege mit Herzklopfen und schweißgebadet unter meiner Decke und male mir aus, was für ein Schicksal mich wohl noch erwarten mag. Und je mehr Zeit verstreicht, umso abgründiger und grauenhafter werden die Szenarien, die ich auf der Leinwand meiner Furcht entwerfe. Jedes leise Geräusch lässt mich zusammenfahren. Die Wände scheinen enger zusammenzurücken. Die Luft ist dumpf und stickig. Der ganze Raum riecht nach meiner Angst. In solchen Momenten tröstet mich nicht einmal mehr der Gedanke an Corinne. Im Gegenteil: Die Sorge, sie womöglich niemals wiederzusehen, macht mich fast verrückt. Irgendwann dämmere ich hinüber in einen unruhigen Halbschlaf, in dem Alpträume mich begleiten und ich immer wieder mit Herzrasen hochschrecke. Dann bin ich über alle Maßen erleichtert, wenn sich am nächsten Morgen der Riegel öffnet und bald danach das Deckenlicht aufflammt.

In der Regel sieht er mir bei meiner Morgentoilette zu. Morgentoilette – das Wort klingt nach Marmor, Kristallspiegeln und vergoldeten Wasserhähnen. Ich hingegen habe nur ein emailliertes Waschbecken mit bestenfalls lauwarmem Wasser, einen Schwamm, ein Stück Seife und eine Flasche Haarshampoo. Während ich mich wasche und versuche, den Angstschweiß der vergangenen Nacht loszuwerden, sitzt er auf einem Stuhl und beobachtet jede meiner Bewegungen. Ab und zu steht er auf und kommt zu mir, um mir über die Gesäßbacken zu streichen oder seinen Finger zwischen meine Schamlippen gleiten zu lassen. Dennoch bin ich morgens meist sicher vor ihm. Er wartet, bis ich gefrühstückt habe, und geht wieder. Vermutlich ist er berufstätig, denn danach sehe ich ihn erfahrungsgemäß bis zum Abend nicht wieder. Wenn ich vorher hungrig werde, habe ich Pech gehabt. Zum Glück ist mir der Appetit hier so gründlich vergangen, dass ich mich regelrecht zum Essen zwingen muss.

Der Abend ist die Zeit meiner Tortur. Er bringt mir etwas zu essen und widmet sich mir dann ganz ausgiebig. Wenn ich Glück habe, fesselt er mich nur – manchmal breit aufgefächert, manchmal zu einem Paket verschnürt – und begnügt sich damit, meinen Körper in aller Ruhe mit Blicken und Berührungen zu erkunden. Doch meistens erwartet mich mehr. In dem Schrank, der in seiner Abwesenheit stets fest verschlossen ist, bewahrt er seine gesammelten Utensilien auf: Peitschen und Rohrstöcke, Reitgerten und Knebel, Seile und Ketten, Klammern und Gewichte in allen Formen und Größen, Dildos, Elektroschockgeräte und vielerlei andere Spielereien, deren Sinn sich mir noch nicht erschlossen hat. Wenn er mich in der gewünschten Position fixiert und mich ganz nach Belieben mit Knebel und Augenbinde versehen hat, lässt er sich immer sehr viel Zeit, sein Werkzeug zu wählen und das Spiel zu eröffnen. Er genießt meine Angst und meine Anspannung, wenn ich nicht weiß, was auf mich zukommt, und jederzeit mit dem Schlimmsten rechne.

Wenn er mit mir fertig ist, löst er meine Fesseln und vergewaltigt mich. Danach wird er immer ein wenig romantisch, streichelt mich oder sieht mich mit einem merkwürdigen Dackelblick an, den er wohl für gefühlvoll hält. Es sind kurze Momente, in denen er mir auf einmal durch und durch lächerlich erscheint. Ein alberner Gernegroß, der seinen Mangel an Charakter mit brutalem Dominanzgebaren kompensieren muss. Doch natürlich halten diese Anflüge von Überlegenheit nie lange an. Immerhin kompensiert er seine Gehemmtheit so gründlich, dass es mich am Ende das Leben kosten könnte.

 

20. Juni

Meine Vulva brennt wie Feuer. Gestern Abend nahm er ein Seil aus grobem Hanf und rieb damit über meine Klitoris, als wolle er sie vom Erdboden tilgen. Meine Aufgabe war es, dennoch meine Schenkel weit gespreizt zu halten und ihm diese schmerzhafte Handlung zu ermöglichen, ohne irgendeinen Widerstand zu zeigen. Wenn ich nicht gehorchte, was mehrfach geschah, weil der Schmerz mir die Beine wie von selbst zusammentrieb, holte er aus und schlug mit dem Seil auf meine Scham. So lernte ich eiserne Disziplin. Ich brüllte vor Schmerz, doch meine Beine blieben geöffnet. Später zog er das Seil zwischen meinen Schamlippen hindurch und platzierte den Knoten genau auf meiner Klitoris. Seine Folter war überaus wirkungsvoll. Ihre Nachwehen spüre ich noch heute.

Die beinahe täglichen Vergewaltigungen und Torturen gehen mir an die Substanz, auch körperlich. Manchmal wünschte ich, es gäbe etwas zu gestehen. Irgendetwas, mit dem ich mich von diesen Qualen freikaufen könnte. Doch wenn ich mir dann vorstelle, er könnte von mir verlangen, Corinne ans Messer zu liefern, dann weiß ich, dass es Schicksale gibt, die weitaus schlimmer sind als meines. Mich quält er nur aus Lust, nicht um ein Wissen von mir zu erpressen, das all jene, die ich liebe, mit in den Abgrund reißen würde.

 

21. Juni

Er hat von meinem Körper Besitz ergriffen wie noch nie ein Mensch zuvor. Er kennt alle meine Öffnungen, tief und vollständig, kennt jede Reaktion meiner Muskeln, den Rhythmus meines Atems, die Färbung meiner Haut. Vielleicht weiß er sogar mehr über mich als Corinne.

Nein. Nein, das ist nicht wahr.

Es erschreckt mich, dass ich das geschrieben habe. Und es stimmt auch nicht. Corinne ist mit meinem Körper auf eine Weise vertraut, die er niemals verstehen wird. Er hat mich noch nie zart und weich und wollüstig erlebt, kennt nicht den Ausdruck in meinem Gesicht, wenn ich komme, nicht die Glückseligkeit, die mich umfängt, wenn ich meine Liebste in meinen Armen halte. Er weiß nicht, wie mein Körper auf echte Zärtlichkeit reagiert, wie er in der Hingabe zerfließt und sich schier auflöst in den Wonnen der Lust. Er kennt mich nur verängstigt, widerstrebend und hasserfüllt. Vielleicht ist es ja genau das, was er will. Aber es ist nicht das, was mich ausmacht. Er kennt meinen Körper nicht so, wie er wirklich ist.

 

22. Juni

Gestern Nacht hat er mit mir geredet. Zum ersten Mal, seit ich hier bin, hat er wirklich mit mir geredet. Ich bin so froh und erleichtert, dass ich heulen könnte.

Nachdem er mir die Fußfessel angelegt hatte, wandte er sich zur Tür. „Bitte gehen Sie nicht!“ Er hielt inne und drehte sich zu mir um. „Bitte, reden Sie mit mir, bitte! Ich halte es nicht mehr aus, ständig allein zu sein.“ Ich weiß nicht, woher ich den Mut nahm, ihn anzusprechen. Ich rechnete fest damit, dass er mir wieder ins Gesicht schlagen würde. Doch mein Bedürfnis nach menschlicher Zuwendung war stärker als meine Angst.

Zu meinem großen Erstaunen reagierte er unvergleichlich sanft. „Worüber möchtest du denn reden, Dominique?“

„Über was immer Sie wollen! Bücher, Filme, Politik, das Wetter... Es ist mir völlig gleichgültig, wenn Sie nur mit mir reden.“

Nachdenklich sah er mich an. Dann ging er zum Schrank und holte ein paar Seile und eine kurze Spreizstange heraus. „Setz dich aufs Bett!“ Ich gehorchte und ließ mich widerstandslos fesseln. Während er meine Füße mit der Stange fixierte und mir die Handgelenke an die Kniekehlen band, sprach er kein einziges Wort. Sorgsam zog er die Knoten fest, sodass ich mich aus eigener Kraft nicht mehr befreien konnte. Schließlich setzte er sich hinter mich. Er zog mich zwischen seine Beine und bedeutete mir, mich mit dem Rücken an seinen Körper zu lehnen. „Nun denn, Dominique, lass uns reden!“

Wir sprachen über die Künstler und Literaten meiner Heimat, über die Skulpturen von Edna Manley und die sinnlich-satten Ölgemälde von Barrington Watson, die kraftvollen Gedichte von Una Marson und das Motiv der schlauen Spinne Anansi, das in so vielen jamaikanischen Geschichten aufgegriffen und verarbeitet wird.

Während wir uns unterhielten, ruhte seine Rechte auf meinem Schamhügel, sein Mittelfinger leicht versunken zwischen meinen Schamlippen. Mit der linken Hand streichelte er meine Brüste und umkreiste zart meine Brustwarzen. Ab und zu küsste er mich auf den Hals oder auf den Nacken. Es war ein ausgesprochen naher, sanfter, intimer Moment. Wäre ich nicht gefesselt gewesen, ein Außenstehender hätte uns vielleicht für ein Liebespaar gehalten, das nach dem Geschlechtsakt eng umschlungen beieinandersitzt und sich Geschichten erzählt. Und zum ersten Mal, seit wir uns begegnet sind, gelang es mir, mich in seiner Gegenwart ein paar Sekunden lang zu entspannen. Verglichen mit dem, was er mir sonst oft antut, waren seine Berührungen geradezu wohltuend. Seine Stimme war warm und zärtlich und sein Atem streichelte mein Ohr.

Natürlich hält er mich auch sonst nach der Vergewaltigung im Arm oder streicht über meine Haut. Aber selbst dann bin ich doch immer nur ein Objekt für ihn, ein schönes, liebreizendes Ding, dessen er sich bedient, um sich seiner Allmacht zu versichern. Dieses eine Mal jedoch war ich ihm ein Gegenüber, war ihm Gesprächspartnerin, Freundin, Geliebte – und sei es auch nur für die Vergänglichkeit eines Augenblicks. Wer hätte gedacht, dass ich je froh darüber sein würde, diesen Platz an seiner Seite einnehmen zu dürfen!

Ganz bewusst hielt ich das Gespräch so unverfänglich wie möglich. Ich wollte nicht, dass er irgendeine Schliche vermutete. Er sollte nicht annehmen, dass ich nur deshalb seine Nähe suchte, um mir einen Vorteil davon zu verschaffen. Tatsächlich entsprang mein Wunsch, mit ihm zu reden, keinem raffinierten Plan, sondern der schlichten, unverstellten Sehnsucht nach menschlichem Kontakt. Obwohl er derjenige ist, der mich hier gefangen hält, ist er doch zugleich der einzige, der die Macht hat, meinen Hunger nach menschlicher Nähe zu stillen.

Natürlich füllte sich sein Geschlecht wieder, während er mich liebkoste. Natürlich entledigte er sich noch einmal seiner Kleider und nahm mich. Aber selbst das tat er sanfter und behutsamer als sonst und er flüsterte mir dabei Komplimente und Zärtlichkeiten ins Ohr. Das macht er sonst nie. Der Geschlechtsakt geht fast immer schweigend vor sich. Er ist eindeutig ein Akt der Unterwerfung und des Missbrauchs, nicht der Zuneigung oder Intimität.

Vielleicht ist es mir tatsächlich gelungen, zu ihm durchzudringen.

Vielleicht hat er mich zum ersten Mal wirklich gesehen.

 

23. Juni

Ich habe noch nicht alles erzählt. Während wir dort saßen und über karibische Künstler sprachen, während seine Hand zwischen meinen Schenkeln ruhte und seine Finger meine Brüste liebkosten, gelang es ihm zum allerersten Mal, mich sinnlich zu erregen. Ich begreife bis heute nicht, wie das geschehen konnte. Es muss an meiner Erleichterung gelegen haben, ihm erstmals als Mensch gegenübertreten zu können, oder an der verführerischen Illusion, für eine Weile vor jedem Schmerz sicher zu sein.

Irgendwann zog er seinen Finger aus meiner Scheide und hielt ihn mir unter die Nase.

„Dominique, du bist ganz feucht“, sagte er ruhig.

Ich wusste es längst. Und ich hasste mich dafür.

Ich fühle mich, als hätte ich meine Liebe zu Corinne verraten. Als hätte ich sie betrogen.

 

24. Juni

Unser Gespräch von vor zwei Tagen hatte Nachwirkungen, von denen ich nie zu träumen gewagt hätte. Als er heute zu mir herunterkam, hatte er Bücher dabei: The Painted Canou von Antony C. Winkler, Myal: A Novel von Erna Brodber, Selected Poems von Una Marson,  The Oxford Book of Carribean Verse und die Romantrilogie von Roger Mais. Mir kamen die Tränen, als er mir diese literarischen Grüße aus meiner Heimat auf die Bettdecke legte. Ich bin ihm so dankbar für seine freundliche Geste, weil sie mir zeigt, dass er sich auf irgendeine Weise – und sei sie noch so krankhaft – um mein Wohlergehen sorgt. Und es macht mir Hoffnung. Vielleicht wird es mir ja doch gelingen, eine Verbindung zu ihm herzustellen, die mich nicht nur auf die Rolle der stummen Befehlsempfängerin reduziert.

 

25. Juni

Oh Gott, ich kann nicht schreiben. Ich kann es nicht zu Papier bringen. Was er mir heute angetan hat... Ich fühle mich wie erstarrt. Völlig leer und ausgehöhlt und jeder Lebensregung beraubt. Wenn es sein Ziel ist, mich zu zerstören, dann ist er auf dem besten Weg dorthin. Nie zuvor habe ich mich so gedemütigt gefühlt. Ich kann nicht. Ich kann das nicht mehr. Es hat keinen Sinn mehr zu schreiben.

Ich habe laut geschrien und mit den Fäusten gegen die Wand geschlagen, bis meine Hände blutig waren und ich weinend zusammenbrach. Ich kann nicht mehr. Es kostet so viel Kraft, mich gegen ihn zu wehren, mich aufzulehnen und meine Würde zu verteidigen. Vielleicht sollte ich einfach aufgeben. Einsehen, dass ich nur noch ein Tier bin, nur noch ein rohes Stück Fleisch, die Sklavin seiner Lust. Mich von all meinen geistigen Höhenflügen verabschieden und mich damit abfinden, dass er mich solange vergewaltigen, quälen und entwürdigen wird, bis ich daran zerbreche. Vielleicht wäre das leichter. Nicht mehr kämpfen, nicht mehr aufbegehren, nicht mehr versuchen, das Geschehen in irgendeiner Weise zu meinen Gunsten zu beeinflussen. Einfach aufgeben. Ja, Herr. Ja, ich bücke mich. Ja, ich spreize die Beine. Ja, ich schreie vor Schmerz. Ja, ich lecke dein Sperma vom Fußboden. Ja, ich lasse mich fesseln. Ja, ich öffne den Mund. Ja, ich schlucke, was du mir gibst. Alles, was du willst. Genauso, wie du es willst. Ich bin nur dazu da, um dir Vergnügen zu bereiten. Nimm mich und stille deine Lust an mir. Ja, Herr. Ja.

Er hat mich gezwungen zu kommen. Es fing damit an, dass er mir befahl, vor ihm zu masturbieren. Um mich zu motivieren, ließ er alle dreißig Sekunden seinen Rohrstock auf meinen Brüsten niedersausen. „Siehst du, es ist ganz einfach: Wenn du es innerhalb von fünf Minuten schaffst, sind es nur zehn Schläge.“ Es wurden 38. Danach brach er ab, weil es mir einfach nicht gelingen wollte. Ich schluchzte und war in Tränen aufgelöst, tat alles, was ich konnte, um mich soweit zu erregen, dass mein Körper den ersehnten Orgasmus produzierte, doch es funktionierte nicht. Zu tief saß der Schrecken, zu tief auch das Gefühl, dass dies ein Schatz war, den ich nicht preisgeben wollte. Meine Orgasmen gehörten mir allein – mir und Corinne. Ich wollte sie ihm nicht überlassen.

Ja, gewiss hatte ich daran gedacht, einen Höhepunkt vorzutäuschen. Doch die Finger seiner linken Hand steckten in meiner Scheide und in meinem Anus, während er mich schlug – „…und glaube mir, ich werde merken, ob du tatsächlich kommst oder ob du mir nur etwas vormachst.“ Ich hatte zu viel Angst, um einen Betrug zu wagen.

Immerhin ließ er sich durch mein Versagen nicht von seinem Ziel abbringen. Wie hätte ich auch ahnen sollen, dass ihm wirksame Mittel zur Verfügung standen, meinen Willen zu brechen? Er fesselte mich mit weit gespreizten Armen und Beinen ans Bett und holte ein elektrisches Gerät aus seinem Schrank, das an einen Massagestab erinnerte. Das hielt er mir an die Klitoris und schaltete es ein. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Die Vibrationen waren so massiv, dass es mir innerhalb weniger Minuten kam. Ich heulte vor Wut und Scham, als es soweit war. Er aber ließ nicht von mir ab. Wieder und wieder brachte er mich zum Orgasmus. Nach dem vierten Höhepunkt tat mir alles weh von der rohen und gefühllosen Stimulation – und dennoch kam ich noch mehrere Male. Wie eine Maschine produzierte mein Körper einen Orgasmus nach dem anderen. Nach dem achten hörte ich auf zu zählen.

Irgendwann fing ich an zu betteln, bat ihn inständig aufzuhören und mir weitere Schmerzen und Demütigungen zu ersparen, flehte um Erbarmen. Er schaltete auch tatsächlich das Gerät aus, aber nur, um mir mit dem Handrücken mehrmals hart auf die Vulva zu schlagen. „Ich mag es, wenn du kommst“, sagte er nur und setzte seine Beschäftigung danach in aller Seelenruhe fort.

Am Ende war ich vollkommen erschöpft. Kraftlos und zerschlagen lag ich auf dem Bett, nur noch ein weinendes, wimmerndes, zitterndes Häuflein Elend, nicht mehr in der Lage, klar zu denken oder mich zu artikulieren. Ein wollüstiges Stück Fleisch, eine brünstige Fotze, die genauso reagierte, wie er es wollte. Er hat mich vollständig gebrochen. Es kümmerte mich nicht mehr, dass er mich danach lange und ausgiebig nahm, alle meine Körperöffnungen benutzte und mir seinen Samen schließlich ins Gesicht spritzte. Es kümmerte mich nicht einmal, dass ich während der Vergewaltigung erneut einen Orgasmus hatte. Es spielte längst keine Rolle mehr.

So umfassend und gründlich hat er mir das Selbstbestimmungsrecht über meinen Körper geraubt, dass von meinem Stolz und meiner Selbstachtung nichts mehr übriggeblieben ist. Ich bin nur noch seine willige Hure, seine Sklavin, sein Fickstück. Sein.

 

29. Juni

Seit drei Tagen weicht er mir kaum von der Seite. Er ist wie verwandelt. Keine Fesselungen mehr. Keine Torturen. Wir sitzen eng umschlungen auf dem Bett und reden. Wenn er mich will, dann befiehlt er nicht, er bittet – nachdrücklich und unmissverständlich zwar, doch überaus sanft und freundlich. Natürlich komme ich seinen Bitten nach. Ich knie vor ihm. Liebkose sein Geschlecht. Öffne meine Beine. Lasse ihn in mich eindringen. Erwidere seine Küsse. Ich tue alles, was er von mir verlangt. Manchmal weine ich dabei, völlig haltlos und ohne Grund. Doch ich wehre mich nicht mehr dagegen.

Es hat keinen Sinn. Ich gehöre ihm.

 

2. Juli

Corinne, meine liebste Corinne!

Bitte verzeih mir, aber dies wird ein Abschiedsbrief. Es gibt keine Zukunft mehr für uns. Ich bin zu tief gesunken, ich kann nicht mehr zurück. Selbst wenn er mich eines Tages freilassen würde, wäre ich doch nicht mehr die Frau, die du einst geliebt hast. Was er aus mir gemacht hat, ist so beschämend, dass ich dir damit nie wieder unter die Augen treten könnte. Ich möchte dich nicht beschmutzen, nicht besudeln mit dem Schicksal, das mir widerfahren ist. Mein Platz ist nun hier bei ihm, an seiner Seite, zu seinen Füßen. Etwas anderes gibt es nicht mehr für mich. Bitte versprich mir, dass du nicht um mich trauerst. Ich bin es gar nicht wert. Nimm dein Leben, nimm dein Lachen und deine reine, unschuldige Sinnlichkeit und werde glücklich. Es ist vorbei.

 

6. Juli

Ich fürchte, meine größte Angst ist wahr geworden. Seit vorgestern habe ich mit einer anhaltenden Übelkeit zu kämpfen und meine Regel ist seit einer Woche überfällig. Als er mich heute Morgen dabei überraschte, wie ich würgend vor der Toilette kniete, drang er so lange in mich, bis ich ihm von meinem Verdacht erzählte. Jetzt ist er auf dem Weg zu einer Apotheke, um mir einen Schwangerschaftstest zu besorgen.

Ich hoffe inständig, dass sich meine Befürchtung als unbegründet erweist. Vielleicht sind das alles nur Folgen der anhaltenden Belastung und meiner hartnäckigen Appetitlosigkeit. Doch was, wenn nicht? Wie wird er reagieren, wenn sich herausstellt, dass ich tatsächlich ein Kind von ihm erwarte? Ich habe nicht die geringste Vorstellung davon, was für ein Schicksal mir dann droht.

 

An dieser Stelle endeten die Aufzeichnungen. Polizeioberkommissarin Sanders ließ das Schreibheft sinken und genehmigte sich einen Kaffee. Sie hatte schon viele Straftaten untersucht, doch selten waren die Qualen der Opfer so präzise dokumentiert wie in diesem Fall. Dominique S. hatte ein erschütterndes Zeugnis ihres Leidensweges abgelegt.

Seit beinahe vier Monaten galt sie als vermisst. Ihr Schicksal war unklar. Zwar hatten die Ermittlungen die SOKO schließlich zum Haus eines ihrer Firmenkollegen geführt, wo man im Keller ein Verlies, einen Schrank mit sadomasochistischem Werkzeug und dieses Tagebuch gefunden hatte. Doch von der Frau und ihrem mutmaßlichen Entführer fehlte jede Spur. Das Haus war verlassen gewesen, als die Kollegen die Tür aufgebrochen hatten, und die Fahndung nach dem Wagen des Verdächtigen war bislang ergebnislos verlaufen. Kommissarin Sanders seufzte. Sie machte sich keine Illusionen: Es war anzunehmen, dass die Frau tot und der Täter flüchtig war.

Durch die halbverhangene Scheibe ihres Büros betrachtete sie die junge, dunkelhäutige Frau, die so vehement auf ein Gespräch mit ihr gedrängt hatte. Sie hasste es, wenn sie den Angehörigen keinerlei begründete Hoffnung machen konnte. Entschlossen straffte sie die Schultern und öffnete die Tür: „Corinne? Bitte kommen Sie doch herein!“

 

Etwa zur gleichen Zeit verließ im Norden des Landes die CGM Esperanza den Hamburger Containerhafen. In der Passagierkabine des internationalen Frachtschiffes, das auf seinem Weg nach Costa Rica auch den Hafen von Kingston ansteuern würde, war Mr. McKay gerade dabei, die mitgebrachte Wäsche aus den beiden Koffern in die Schränke zu räumen. Neben ihm auf dem Bett saß Mrs. McKay, eine groß gewachsene, zerbrechlich wirkende Jamaikanerin mit vollen Lippen und einer leicht hakenförmigen Nase. Ihre braune Haut war blass und durchscheinend, ihr Blick von einer irritierenden Ausdruckslosigkeit. Als ihr Gatte sich ihr zuwandte und ihr behutsam über die Wange strich, lächelte sie nervös.

Obwohl sie dünn und ausgezehrt aussah, zeichnete sich unter ihrem Kleid ganz deutlich die Wölbung ihres Bauches ab.

Die Seereise nach Jamaika sollte 18 Tage dauern.

 

 

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Kommentare

Frederico Verde

 

Hallo Campanula,

in meiner Kritik möchte ich mich auf das beziehen, was Florian zum Teil 1 geschrieben hat, ihn würde die Story nicht richtig packen. Mir geht es ebenso.

Meiner Meinung nach liegt es aber nicht daran, dass der Text extrem sachlich gehalten ist. Auch eine kalte Beschreibung von Schrecklichkeiten kann einen tiefen Grusel erzeugen, wenn der Leser, die Leserin die damit verbundenen Gefühle selber erzeugt. Anders herum funktioniert es schließlich auch. Das Stilmittel der gefühllosen Sachlichkeit ist meiner Meinung nach probat.

Den Grund für den störenden Abstand zur Protagonistin vermute ich in etwas Anderem. Als Leser möchte man sich mit dem Opfer (oder Heldin) identifizieren können. Dazu muss die Person aber auch wirklich leben, also nicht einfach nur ein Ding sein. Ein Beispiel zu Verdeutlichung: Mit einem Baum kann man nicht mitfühlen. In gewisser Weise mag er zwar leben, aber besitzt mit Sicherheit keine Gefühle, keine Angst oder Freude. Wozu auch. Möchte man in einer Geschichte Mitleid beispielsweise mit einem vom Abfällen bedrohten Wald erzeugen, also eine für den Leser packende Story schaffen, so benötigt der Baum menschliche Gefühle und Handlungsweisen (siehe gute Zeichentrickfilme). Wenn der Baum bedroht wird, muss er sich wehren wollen, Pläne zu Rettung schmieden und kämpfen. Am Schluss steht der Sieg oder die Niederlage. Hoffnungslosigkeit, also absolut entkräftet den sicheren Tod vor Augen zu haben ist eine Form der Niederlage.

Dieser Kampf der Frau, dass eigene Schicksal zu ändern, fehlt in deiner Geschichte. Zumindest ist es nicht der Kern der Handlung. Deine Dominique ist – so meine Meinung – zu passiv. Sie leidet, mehr tut sie nicht. Nun könntest du einwenden, dass es dir ausschließlich schließlich darum ging, diese Leiden zu schildern. Okay – so sage ich – kann man natürlich machen. Aber eine Spannung erzeugst du damit nicht.

In Florians Kommentar zum ersten Teil stand: „Mit der Möglichkeit, zu schreiben, kann ich mir vorstellen, dass sie zu Anfang noch gefasst und sachlich schreibt. Aber mit zunehmender Zeit muss die Verzweiflung einfach spürbarer werden, auch sprachlich.“ Auch dieser kritische Bemerkung kann ich mich nur anschließen. Sie geht einher mit meinem Wunsch nach dem Kampf der Protagonistin. Der Geschichte – so nenne ich „Dominiques Antwort“ jetzt mal – fehlt die Bewegung. Es mag viel passieren, aber die Handlung kommt zu kurz. Der Freude über das Schreiben oder die Angst, schwanger zu werden folgt keine echte Reaktion bei Dominique. Sie lässt machen, aber agiert nicht.

Auf beschriebene „eingefangene Emotionen“ – da möchte ich Florian widersprechen – kann meiner Meinung nach verzichtet werden. Es gibt herrliche Beispiele wie ein geschäftlich abgefasster Mailverkehr das Ende eines zu Tode verurteilt, aber unschuldigen Mannes beschreibt. Gerade das Fehlen der Emotion schafft die Gefühle. So gesehen möchte ich auch Magd-Alena widersprechen. Deinem Text fehlt nicht das Gefühlvolle, sondern die spannende Handlung. Statt die Augen zu schließen würde ich sie öffnen.

So und nun zu den Dingen, die mir wirklich gut gefallen haben. Die überwiegen nämlich, sonst hätte ich nichts geschrieben. Du hast sehr deutlich – nicht nur im Vorwort – klargestellt, dass die Frau leidet. Sogar ihr Orgasmus ist lediglich die Folge einer Körperreaktion – nicht das klammheimliche Einverständnis mit der Situation. Dieses Lob ist ein kurzes, angesichts meiner Gesamtkritik, aber ein entscheidendes.

Und die Sterne …, ach Gott, ich vergebe keine und will zu dem Thema nichts mehr schreiben, sonst kündigt mir Tony noch die Freundschaft. Er meint, dass ich mich viel zu viel damit befasse und sich ohnehin nichts ändern wird.

Beste Grüße aus Berlin

Frederico

 

 

da ich weiß, dass Du Kommentare liebst und Dir auch in meinem Fall die Mühe gemacht hast, einen zu verfassen, glaube ich, ist es eine Form von Höflichkeit, auch ein paar Worte zu Deiner Geschichte zu schreiben. Auch wenn ich gerne zugebe: ich bin kein sehr leidenschaftlicher Kommentarschreiber. Mir fällt es ungeheuer schwer, die Geschichten anderer auseinanderzupflücken. Beiße ich mir doch an meinen eigenen schon meist die Zähne aus.

Nun wirst Du sagen: ja, aber. Fremde Geschichten auseinanderzunehmen ist doch wesentlich einfacher als die eigene !!! Und ich antworte: Ja und Nein. In der Regel erlaube ich mir nämlich, einem gänzlich Unbeleckten gleich, fremde Werke (wahrscheinlich auch viel zu oft meine eigenen *g*) vollkommen ohne Hirn, dafür mit viel Bauch, aber auf jeden Fall ganz ohne Gedanken an Formulierungen, Satzstellungen, Stilmittel und sonstiges zu "verzehren". So, wie ich, wenn ich etwas esse auch nicht ans Rezept denke, sondern lediglich an meinen Gaumen und meine Zunge. 

Deine Geschichte hat mir "gemundet". Nicht wie andere Deiner Texte, ganz ehrlich. Aber es war ja auch erst der Anfang Deines Schaffens. Das hast Du doch geschrieben, oder?

Um es auf den Punkt zu bringen: Das Mahl war weitaus raffinierter als eine Erbsensuppe, bei Weitem nicht so fett wie ein Schweinebraten, sondern viel eher wie ein Coque au vin. Zwei Teelöffel Thymian noch und einen Schuss Sherry und er hätte perfekt sein können.

Alles andere haben meine Vorschreiber(innen) schon analytisch perfekt beigesteuert. Sie werden dir den Weg weisen können, hoffe ich.

Grüße

Alexander

... dass man hier nicht mitfühlen kann. Aber auch ohne diesen Umstand muss ich feststellen: die bemängelte "Sachlichkeit" ist hier sowohl zu Recht gewählt als auch dem Inhalt angemessen. Eine andere Schreibweise verbietet sich meines Erachtens sogar fast, soll nicht der Verdacht aufkommen, Autorin oder die Leser könnten sich am Geschehen weiden.

Trotzdem möchte ich auf sehr hohem Niveau "meckern". Hier hat sich, wie schon in anderen Beiträgen deiner Person auf dieser Seite, eine Unart eingeschlichen, die mittlerweile selbst gestandenen Journalisten in Presse, Funk und Fernsehen nebst Internet in Fleisch und Blut übergangen ist. Und zwar das leidige "über was", "auf was" usw. Es ist eine der Eigenarten, die mir auf blanker Kopfhaut und in kahlem Nacken die seit langem fehlenden Haare in die Höhe treibt. Ähnlich dem schleichenden Aussterben des Umlautes "ä" im gesprochenen Wort. Na gut, das erspart mir natürlich auch die Benutzung von "Kemmen" zum "Kemmen". Hat eben alles so seine Vor- und Nachteile.

Ich konnte eintauchen in Handlung und Person. Das ist letztlich, was zählt!