Ein Kuss der Eurydike

 

Vorwort

Der Begriff »mind control« steht für eine dominante Beherrschung des Bewusstseins eines Menschen. Noch als harmlos gilt die simple Beeinflussung des Willens. Im schlimmsten Fall wird es eine Gehirnwäsche. Liebe soll so etwas bewirken. Sie schaltet den Verstand aus und lässt die Wahrheit verschwimmen. Das kann zu einem zeitweiligen Verlust des Realitätsbezugs führen. Um Letzteres handelt es sich, wenn du dich unsterblich in ein Bild verliebt hast. Eins auf deinem Monitor. Ganz ruhig, es ist nur ein Gesicht, sonst nichts.

Aber du küsst es.

Das ist übel.

Professionelle Hilfe wird dringend angeraten.

Oder steckt etwas ganz anderes dahinter?

 

Ein Kuss der Eurydike

Alle Freunde werden neidisch, wenn sie erfahren, dass ich nur einen Vertragsabschluss pro Monat zustande bringen muss. Ein dicker Fisch reicht für ein halbes Jahr, bevor Boss Wolfgang drängelt und scheinheilig nachfragt, ob ich jemanden zur Unterstützung benötigen würde. Diese unauffälligen Andeutungen sind es, die mir bewusst machen, dass der Job als Key-Account-Manager ein Feuerstuhl bleibt. Das Damoklesschwert des fristlosen Rausschmisses hängt am Beispiel meines Vorgängers Sven permanent über mir.

Da ich jedoch ein Genie bin, konnte ich es wieder einmal eintüten. Die komplette Elliot Hotelkette wird für die nächsten zwei Jahre ihre Werbung ausschließlich über unsere Agentur abwickeln und das habe ich mit den Kollegen vorgestern ausgiebig gefeiert. Heute am Mittwochnachmittag werde ich mir meine private After-Work-Party gönnen.

Vorher möchte ich mir Zeit nehmen, dieses Werbebild zu analysieren. Im eigenen Büro kann ich es mir erlauben, die Füße auf den Schreibtisch zu legen, mich in den Drehstuhl zurückzulehnen, und entspannt auf den 27 Zoll Monitor zu blicken.

Ihr Foto spricht auf faszinierende Weise an. Warum? Schönheit ist etwas Subjektives, ich persönlich klassifiziere ihr Gesicht als durchschnittlich attraktiv ein. Zur näheren Betrachtung scrolle ich das Bild größer. Ihre angefeuchteten Lippen wirken lebendig. In der hohen Auflösung erkenne ich einzelne Strukturen und Fältchen. Sie haben als Gloss kein Knallrot verwendet, auf Farben verzichtet, die als exzentrisch eingestuft werden könnten. Der Schminkstil ist dezent gehalten.

Sie schaut nicht herausfordernd, weder aufreizend noch provokant. Ihr Blick ist nicht lasziv oder betörend. Die Erscheinung muss ich eine Weile still auf mich einwirken lassen, um den Effekt einordnen zu können. Na klar, es ist glaubwürdig!

Ein durch und durch aufrichtig und verlässlich wirkendes Frauengesicht sieht direkt in meine Augen. Das ist es, was die Wirkung ausmacht, faszinierend und unheimlich zugleich. Und lehrbuchhaft! Es geht in dieser Werbung schließlich um eine Bank, die mit Wahrhaftigkeit das Vertrauen ihrer Kunden zurückgewinnen möchte. Shampoo, ein Auto oder ein Smartphone, ich würde ihr alles abkaufen. So ein Gesicht darf auf überflüssige Texte verzichten, weil es durch Ausdruck überzeugt. Wie nebensächlich erscheint unten rechts der unauffällig gesetzte Name der Bank.

Neid kommt auf, die Werbung ist gekonnt. Wie kann eine Frau dazu bewegt werden, einen überzeugenden Gesichtsausdruck aufzusetzen? In den habe ich mich spontan verliebt und mein Gehirn gaukelt mir vor, sie zu kennen. Im Kopf bin ich die mit uns kooperierenden Bildagenturen durchgegangen, Kataloge der Models, Gesichter, Lippen, nirgends war ein Treffer zu finden. Warum kommt sie mir trotzdem bekannt vor?

After-Work-Party ist eine übertriebene Bezeichnung. »Charly´s« ist eine Mischung aus Pub und Bistro, in der sich sowohl Krawattenträger, wie ich es einer bin, als auch Studenten wohlzufühlen scheinen. Das gute Lagerbier und die attraktiven Frauen, die hier ab 18 Uhr im Businesskostüm ihren ersten Prosecco genießen, sind die eigentlichen Gründe für meine Besuche.

Gesichter haben mich schon immer fasziniert und Augenkontakte sind zu den Highlights geworden. Im Berufe raten bin ich unschlagbar. Juristin, Bankangestellte, Sekretärin, die Trefferquote liegt bei 70 Prozent. Nicht schlecht für einen Key-Account-Manager, der sich eher durch kaufmännische als durch psychologische Kenntnisse auszeichnet.

Waas?

Na klar, das ist sie!

Dort steht sie und ich muss sie irgendwann in Charly´s gesehen haben. Wenn sie ein Fotomodel ist, sollte sie in Designerkleidung erscheinen, Blicke auf sich ziehen und Eigenwerbung betreiben. Sie trägt einen unscheinbaren knielangen Rock, eine graue Seidenbluse, dazu bequeme Schuhe mit unspektakulärer Absatzhöhe. So zieht sich kein Model an! Da in mir das Gefühl der absoluten Vertrautheit aufsteigt, werde ich mutig.

»Guten Tag! Ihr Bild habe ich heute auf der Werbung für die Cityplus Bank gesehen. Das sind Sie doch?« Ihr Gesicht wird von einer Sekunde auf die nächste noch interessanter, belustigt und ein wenig verschmitzt. »Ist das Ihre Masche, Frauen anzusprechen? Sie sollten sich dringend etwas Intelligenteres einfallen lassen!« Alles richtig, doch es gibt bedeutende Dinge herauszufinden. »Sie müssen es sein. Auf der Homepage habe ich Sie erkannt!«

»Hören Sie, das finde ich kein bisschen witzig.« Sie sieht nicht verärgert aus, eher amüsiert. Mit diesem Schuss Charme kanzelt sie mich hier ab. Bevor ich protestieren kann, kommt ihre Erklärung.»Werbung? Das könnte ich mir in meinem Beruf überhaupt nicht erlauben. Sie sollten sich ein anderes Opfer suchen. Und tschüss, ich muss weiter!« So schnell bin ich noch nie rausgekickt worden. Unverschämt war ich nicht und verspüre Betroffenheit.

Habe ich sie verjagt? Planlos läuft sie auf die viel befahrene Straße. Reifenquietschen, ein weißer Lieferwagen kommt kurz vor ihr quer zum Stehen. Sie steht wie hypnotisiert, bewegt sich nicht und ich renne. »Ist was passiert? Haben Sie sich verletzt?«

»Nein, alles gut. Danke, dass Sie sich Sorgen machen!« Da ist es, dieses Lächeln, von dem ich nicht weiß, was es für mich bedeuten soll. Bevor ich sie fragen kann, ist sie in der Menschenmenge verschwunden. Nicht mehr daran denken, ist die Devise, als ich am Donnerstagmorgen meinen PC hochfahre. Ein letzter Blick auf die Werbeseite sollte nicht schaden.

Was ist das? Wie ist das möglich? Ihr Gesicht zeigt dieses charmante Schmunzeln, mit dem sie mich gestern abgekanzelt hat. Wer treibt hier ein Spielchen mit mir? »Frage an alle, wer macht die Werbung für die Cityplus Bank?« Für lange Erklärungen habe ich jetzt keine Zeit. Lukas aus der Grafikabteilung weiß es.

»Das ist die Vierpunktzwei Marketing Agentur, die sitzt in Berlin!« Na also, da kenne ich jemanden! Persönliche Kontakte in unserer Branche zahlen sich aus. Nein, das Bild wäre nicht geändert worden, seit drei Wochen würde die gleiche Frau den Betrachter ansehen. Tim möchte mich noch aufziehen.

»Kommt mit eurem Laden nicht auf den schäbigen Gedanken, den Stil imitieren zu wollen. Ihren Namen kriegst du auch nicht, Firmengeheimnis. Gib zu, es ist ein überzeugendes Gesicht. Unseres!« Es fällt mir schwer, die Seite nicht anzuklicken, die Arbeit wartet. Zur Sicherheit einen letzten Screenshot ausdrucken und in die oberste Schublade zu den aktuellen Projekten legen. Schaden sollte das auf keinen Fall.

Meine Besuche bei Charly´s sind häufiger geworden. Samstag und Montag war ich dort und das ausgedruckte Bild brannte in der Jackentasche. Sie muss es unbedingt sehen, war aber nicht da. Ungeduldig warte ich auf den Mittwoch. Um einen klaren Kopf zu behalten, bestelle ich Alkoholfreies. Sie kommt erst um sieben und ich winke heftig mit beiden Armen. »Ähnlichkeit ist vorhanden, aber ich schwöre, ich bin es nicht!« Ihr Lächeln ist überzeugend. Eine Entschuldigung wird fällig.

»Es ist beängstigend. Sie und dieses Bild haben sich seit einer Woche in meinem Kopf eingebrannt!« Als ich mich ihr vorstelle und die Sache mit dem Wechsel der Mimik in der Werbung erkläre, scheint das Eis gebrochen. »Ich bin Sophie und Lehrerin am Goethe-Gymnasium. Wenn die Ähnlichkeit mit dem Foto dort bekannt wird, steht die gesamte Schule kopf. Nebeneinkünfte als Model für Werbefotos müssen sicherlich genehmigt werden. Halte das bitte vertraulich, sonst gibt es unangenehmes Gerede!«

Als sie mir zum Abschied mit spitzen Lippen einen Kuss auf die Wange schenkt, sollte ich mich verabreden oder nach der Telefonnummer fragen. Doch ich bleibe leicht verstört auf dem Barhocker sitzen und schaue ihr hinterher.  Das darf nicht wahr sein. Sie rennt über die Straße, ohne auf den Verkehr zu achten. Leider muss ich Neuankömmlinge an der Eingangstür unhöflich zur Seite drängen, um sie rechtzeitig erreichen zu können. Mehrere Autos hupen. Da ist er wieder! Der weiße Lieferwagen hält direkt auf sie zu. »Was machst du nur für Sachen?« In der letzten Sekunde ziehe ich sie auf den Bürgersteig zurück. »He, du passt tatsächlich auf mich auf? Die Weißen werden noch mein Untergang. Danke für die Rettung! Es wird nicht mehr vorkommen, versprochen!« Gebannt sehe ich auf ihre schelmisch gespitzten Lippen, die sie mir warm auf die Wange drückt.

***

Nein, ich werde die Seite nicht anklicken!

Diesmal hat Wolfgang mir als Auftrag drei harte Brocken auf den Tisch gelegt. Nach dem ersten Eindruck scheint es aussichtslos, alle haben Verträge mit hochrangigen Werbefirmen. Wie kann ich die knacken? Hilft es, wenn ich mir ihr Bild ansehe?

Es ist ein Gefühl, als ob ein heftiger Herzschlag von den Fußsohlen bis zur Schädeldecke durchschlägt. Der Monitor zeigt ihr spöttisches Gesicht mit zum Kuss gespitzten Lippen! Was passiert hier? Wer will mich reinlegen? Tim von Vierpunktzwei Marketing werde ich mal gehörig meine Meinung geigen. Das lasse ich mit mir nicht machen!

Ihr Bild wäre nicht geändert. Weil es so gut ankommen würde, hätten sie es seit vier Wochen stehen gelassen. Zum ersten Mal bin ich am Telefon so laut geworden, dass Lukas aus der Grafikabteilung hereinschaut. »Alles in Ordnung bei dir? Oh, das ist die Werbung von Vierpunktzwei. Das mit dem Gesichtsausdruck ist eine tolle Idee, das sollten wir uns merken!« Auf meinen unbeherrschten Wutausbruch reagiert er mit Schulterzucken und mitleidsvollem Blick.

Glücklicherweise habe ich die Screenshots. Ha, die werden sich dort in Berlin wundern, wenn ich ihnen die Beweise direkt auf ihren PC liefere. Obwohl ich ihn beschimpfe, bleibt Tim am Telefon ruhig: »Dein Problem scheint größer zu sein, als du glaubst. Allerdings weiß ich nicht, was du von mir willst. Gib dir einen Ruck und gestehe, dass unsere Werbeideen besser sind als eure und lass mich mit deinem Verfolgungswahn in Ruhe!«

Verfolgungswahn? Sollte bei mir im Oberstübchen etwas nicht stimmen? Meine Beweise? Vor mir liegen Prints des schelmischen Lächelns und daneben der herausfordernde Kussmund. Die Wange brennt. An der Stelle, auf die sie mich zweimal geküsst hat, ist eine leichte Hautrötung zu erkennen.

Mein Vorhaben sollte für unsere seriöse Werbeagentur tabu sein. Mit ihrem hochauflösenden Ausdruck auf Fotopapier werde ich die erste Firma aufsuchen, die auf Wolfgangs Liste steht. Das mit der Cityplus Bank müssen die ja nicht wissen. Es ist mein Model, meins ganz allein!

Die visuellen Wahrnehmungen verwirren immer mehr. Stündlich klicke ich die Seite an und achte auf ihren Mund. Fünf Ausdrucke liegen zum Vergleich nebeneinander und ich bin mir sicher, dass sich ihre gespitzten Lippen geöffnet haben. Für mich!

Es ist sinnlos, Charly´s aufzusuchen, es würde meine labile Verfassung noch mehr destabilisieren. Mittwoch wird sie dort sein. Die Zeit nutze ich, um im Internet über mögliche Ursachen einer Paranoia zu recherchieren. Optische Halluzinationen und Wahrnehmungsstörung heißt das Krankheitsbild. Die Wange brennt so stark, dass ich mir eine Kortisonsalbe draufgeschmiert habe.

Northern Limited war von ihrem Bild begeistert und wir haben einen Probeauftrag bekommen. Unerlaubter Gebrauch, Verletzung des Urheberrechts. Wenn sie das herausfinden, bin ich raus aus der Branche. Es wird nicht einfach werden, Sophie darauf anzusprechen, ob sie von sich Fotos erlauben wird.

Für mich. Mittwoch frage ich sie! Tim darf ich nicht anrufen. Ihr Mund ist jetzt leicht geöffnet und das Gesicht auf dem Monitor ein kleines Stückchen näher gerückt. Stündlich drucke ich aus. Beweise! Und Zuneigung. Sie gehört mir. Versucht jemand in der Firma, mich in den Wahnsinn zu treiben?

Woher bekommt er die Bilder? Es fällt mir schwer, am Telefon ruhig zu bleiben und mich bei Tim zu entschuldigen. Ihr Name sei Claudia und sie lebe in New York. Mehr wisse er nicht, denn er würde alle Bilder über die Fotoagentur »Starface« besorgen. Habe ich mich geirrt? Im Büro laufe ich durch die Räume, achte argwöhnisch auf heimliche Vorgänge, die mit dem sich ändernden Werbebild zu tun haben könnten.

Am Sonntag habe ich sie geküsst.

Privat verfüge ich über einen lächerlich kleinen 19-Zoll-Monitor. Ihre Lippen erschienen flach gedrückt auf dem Glas des Bildschirms, ihr Mund greifbar nah. Sie sollte sich nicht weiter demütigen. Nicht für mich! Meine Aufgabe war offensichtlich und sie will es auch. Es wurde warm und weich mit einer sanften Feuchtigkeit und dem leichten Geschmack von Himbeere.

Es macht mir nichts aus, die Kontrolle verloren zu haben. Mein Mund muss auf ihrem liegen, eine Stunde, den ganzen Tag.

Dieser Sonntag gehört uns.

Die Nacht auch.

Ich darf nicht einschlafen!

Mein Mund auf ihrem.

Es ist wichtig!

Am Montag werde ich eine Praxis aufsuchen, in der ich professionelle Hilfe finden kann. Mir wird bewusst, dass ich die dringend benötige. Krawatten trage ich seit Tagen nicht mehr. Sie benötigt auch keine Designerklamotten. Das schönste Model der ganzen Welt hat so etwas nicht nötig. Mein Beweisstapel an Screenshot ist auf eine Höhe von sechs Zentimetern angewachsen. Seitdem ich sie geküsst habe, sieht sie mich gleichbleibend mit dem vertrauenswürdigen Blick an, der mich zu unserer Stunde Null magisch angezogen hatte.

Der Mittwoch kommt zu langsam. »Sophie, Sophie, du wirst es nicht glauben, am Sonntag habe ich dich geküsst!« Obwohl mir bewusst wird, borderline zu wirken, kann ich nicht verhindern, dass es aus mir heraussprudelt. Sie nimmt es mir nicht übel, lacht und strahlt über das ganze Gesicht. »Das wüsste ich aber, mein Lieber! Was du sagst, tut mir gut. Im Moment kann ich etwas Aufmunterung dringend gebrauchen. Hier hast du deinen Kuss!«

Spontanität und die Reaktionen haben in den letzten Tagen stark gelitten. So nehme ich sie erst in den Arm, als sie meinen Kopf nah an sich heranzieht. Ihre Lippen verschließen meinen vor Verblüffung noch leicht geöffnetem Mund. Es fühlt sich warm und weich an, mit einer sanften Feuchtigkeit und dem hintergründigen Geschmack von Himbeere. Als ich ihre Zunge spüre, weiß ich nicht, wie ich das erwidern soll. Seit drei Wochen bin ich hoffnungslos in sie verliebt und jetzt fehlt mir jede Intuition.

»Verspreche dir nicht zu viel, es ist nur dieses eine Mal!« Weil sie mit dem schönsten Lächeln der Welt zu mir spricht, glaube ich ihr nicht. Es ist mir peinlich, als sie in meiner Wohnung ihr Bild auf dem Monitor sieht. Den Energiesparmodus halte ich seit Tagen ausgeschaltet, um jederzeit Änderungen erkennen zu können.

»Du scheinst sie tatsächlich zu mögen. Das ist gut!« Dankbar nehme ich zur Kenntnis, dass sie mich nicht für durchgeknallt hält. Doch ich muss es richtigstellen. »Du bist es, die ich liebe! Vom ersten Augenblick an!« Wieder verschließt sie meinen Mund mit ihren Lippen und knöpft mir das Hemd auf.

Es ist angenehm, dass sie die Führung übernimmt. Ich bin in einem überschwänglichen Glücksgefühl gefangen und schwimme auf einer Welle der Erfüllung aller Wünsche. Es ist nicht pure Fleischeslust, sondern die Verwirklichung aller Träume der letzten Wochen. Jede Initiative ist mir entglitten. Wir stellen Sachen an, die ich vorher weder gekannt noch geahnt hatte. Es macht süchtig, sich eng an ihre warme Haut zu pressen und an ihren Körper geschmiegt all die Anreize zu verspüren, die für die endlose Fortführung unserer Vereinigung benötigt werden.

»Bleiben wir jetzt zusammen?«, frage ich sie erwartungsvoll, als sie in der Frühe in meinen Armen aufwacht. Wieso wirkt sie bedrückt? »Das ist unmöglich. Ich habe dir doch erklärt, es ist nur dieses eine Mal!« Mit einem Kloß im Hals bleibt mir der banale Satz: »Ich liebe dich so sehr!«

»Nein, du liebst sie! Die Frau auf deinem Computer, du musst sie finden. Dann sagst du ihr, ich hätte dich geschickt, weil du der Richtige für sie bist!« Als ich in ihre Augen sehe, erkenne ich, dass in diesem Moment weitere Argumente sinnlos wären. Meine einzige Hoffnung besteht darin, dass sie mich anruft, mir sagt, was ich hören möchte und mich niemals verlässt.

Sie ruft nicht an.

Am Mittwoch kommt sie nicht in Charly´s, obwohl ich dort Mitternacht gewartet habe. Die Woche danach auch nicht. Meine Stimmung wird angespannter, die von Wolfgang ebenfalls. »Irgendetwas stimmt mit dir nicht. Seit Tagen blätterst du in diesem Stapel von vierzig Ausdrucken, die alle ein identisches Bild zeigen, und denkst, darin etwas Bestimmtes erkennen zu können? Du musst dringend deinen Resturlaub nehmen. Hast du überhaupt verstanden, was ich gesagt habe?«

Meine hoffnungslose Lage ist mir seit Tagen bewusst. Alle Beweise, der Stapel mit den Screenshots, jedes Blatt zeigt das gleiche Bild: ihr Gesicht zur Stunde Null. Wahrnehmungsstörungen? Das spielt keine Rolle mehr, ohne sie kann ich nicht leben.  Das will ich auch nicht, denn sie liebt mich auch, das hat sie mir gezeigt.

Wahrnehmungsstörungen?

Wenn die sich auch noch auf die Erlebnisse dieser einen Nacht beziehen, dann steht es schlimmer um mich, als befürchtet. Ich gehöre dringend in Behandlung. Von Tim habe ich wenig Hilfe zu erwarten. »Ich schwöre dir, wir haben nur ein einziges Foto erworben und ich kenne auch ihren vollen Namen nicht. Claudia aus New York. Wenn du sie dort suchen willst, viel Glück!«

Es gibt noch eine winzige Chance, sie zu finden: Goethe-Gymnasium. Dort ist sie schließlich Lehrerin. »Es ist merkwürdig, dass Sie mir das Bild gerade jetzt zeigen. Sie ist es zwar nicht, aber ich weiß, wen Sie meinen: Sophie Keller. Sophie war bei uns Lehrerin und wir haben soeben im Kollegenkreis eine Gedenkminute für sie abgehalten. Heute genau vor einem Jahr ist sie gestorben. Es war ein Verkehrsunfall. Ein Lieferwagen hatte sie auf der Berliner Straße erfasst, als sie die zu Fuß überqueren wollte.«

Die Direktorin schaut besorgt auf meine zitternde Hand, in der ich das einzige Foto halte, das mir von ihr geblieben ist. Nach der Farbe des Lieferwagens brauche ich nicht zu fragen, ich kenne sie. Die Direktorin sieht meine Betroffenheit und den abgrundtiefen Schmerz und möchte mich trösten.

»Das Bild zeigt übrigens nicht Sophie, sondern ihre Zwillingsschwester Claudia Keller. Soweit ich weiß, ist sie nach dem Tod ihrer Schwester nach New York gezogen und arbeitet dort als Fotomodel. Sonderbar, beim Abschied sagte sie noch, sie würde über ihre Fotos weiter mit Sophie in Verbindung stehen!«

Die vergangenen sieben Wochen ziehen wie im Zeitraffer vor meinen Augen vorüber.

Aufrichtig.

Treffen in Charly´s.

Amüsierter Blick.

Gespitzte Lippen.

Heiße Küsse auf dem Monitor,.

Die Nacht mit ihr.

Wie war das alles möglich?

Sophies letzte Worte fallen mir ein.

»Du musst sie finden. Dann sagst du ihr, ich hätte dich geschickt, weil du der Richtige für sie bist!«

Jetzt weiß ich, was zu tun ist!

***

 

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