Engelhaft 2 - Das weiße Seil 1/2

 

Das weiße Seil 1/2

Eine erotische Geschichte von Florian Anders

Die Philippinen lagen in der Vergangenheit. Ben stand wieder im Klassenraum in Frankfurt; allein. Und doch reichte ihre Macht bis hier her. Was er zu tun gedachte, konnte er selber noch nicht ganz glauben. Er war in der Klasse nicht der Beliebteste; gerade so akzeptiert. Er zog halt erst vor zwei Jahren mit seinen Eltern in die Stadt, weil er in seinem Heimatort wegen sexueller Belästigung einer Mitschülerin ins Gerede kam und sich dieses Gerede hochschaukelte, bis alle in ihm einen potentiellen Vergewaltiger gesehen hatten.

Deswegen tat er alles, sich dem Gefüge der neuen Klasse anzupassen. Bloß nicht auffallen, hieß die Devise. Dafür lachte er sogar über Kevins Witze, so dumm sie ihm auch erschienen, aber Kevin war der angesagteste Junge der Klasse. - Und er hatte sich der Ansicht über »Brillenschlange« angeschlossen. Als Oberstreberin mit Geschmacksverirrung bei Kleidung und Brillengestellen galt sie nahezu als Aussätzige. Imaginärer Sex mit ihr stand unter der Top-Drei der schlimmsten Foltermethoden. Auch Ben riss Witze über sie, um vor den anderen gut dazustehen.

Ein stummer Fingerzeig auf eine unscharfe Silhouette im Hintergrund eines Fotos hatte nun all das verändert. Wenn er diesem Fingerzeig folgte, würde er in knapp einer halben Stunde das Gespött der ganzen Klasse sein.

Er schaute sich im Klassenzimmer um. Sechzehn Tische. Vier längs vor den Fenstern, vier vor der Wandseite und je vier Tische im rechten Winkel dazu zur Raummitte angeschlossen. Alles stand noch so, wie sie es vor den Sommerferien verlassen hatten. Alle würden dieselbe Sitzordnung erwarten.

Der letzte Tisch auf der Fensterseite war unbesetzt. Herr Schantz, ein mittlerweile pensionierter Lehrer, hatte ihn mal »Lümmelbank« getauft. Der Name hatte sich bis heute gehalten. Einige Lehrer nutzten ihn gerne, um in Klausuren potentielle Abschreiber »vor sich selbst zu schützen«. Warum konnte Brillenschlange nicht dort sitzen? Dann hätten sie den Rest der Klasse vor sich.

Er schielte zu seinem alten Platz. Der dritte Tisch an der Wandseite. Undurchdringlicher Stein hinter sich und die anderen alle im Blick. Das hatte Sicherheit vermittelt. Was Finn wohl sagen würde, wenn er sich einfach wegsetzte? War es schlau, jetzt, im Abiturjahr, ein solches Wagnis auf sich zu nehmen?

Es gab tausend Gründe, die dagegen sprachen, und nur einen dafür. Ben folgte diesem Einen und setzte sich. Zum Glück saß Brillenschlange wenigstens nicht direkt vor dem Lehrerpult, sondern auf der anderen Seite.

Der Stuhl fühlte sich hart und kalt an, und auch wenn noch niemand anwesend war, glaubte er schon jetzt, die bohrenden Blicke der anderen in seinem Rücken zu spüren. Zwanzig vor acht. Wie lange ihm wohl noch blieb, bis der erste dumme Spruch fiel?

Die Klassentür öffnete sich. Ausgerechnet Leonie, die Schönheit der Schule kam als Erstes. Sie zog ihre langen, blonden Locken, mit einer ausholenden Armbewegung über eine Schulter und hatte ihren Kopf zur Seite geneigt. Trotz des warmen Wetters trug sie hochhackige Stiefel zu ihrem Minirock. Die Kurve, die der blaue Jeansstoff um ihren knackigen Po beschrieb, entlockte Ben einen kleinen Seufzer. Wie viel einfacher wäre sein Stand in der Klasse, wenn er neben ihr sitzen dürfte. Ihr einziger Makel war die noch unangezündete Zigarette in ihrem Mundwinkel.

»Hi Ben. Schöne Ferien gehabt?«, grüßte sie, huschte zu ihrem Tisch, stellte ihre Tasche ab, fischte ein Feuerzeug heraus und verschwand wieder aus dem Raum. Vermutlich hatte sie sein »Ja, und du?« gar nicht gehört. Zumindest hatte sie es nicht für nötig gehalten, ihren Gang zu verlangsamen oder auch nur eine kurze Antwort zu geben. Auf der anderen Seite hatte sie auch nichts über seinen neuen Platz gesagt, oder auch nur verwundert geschaut. Wenn er angesichts seines neuen Platzes nicht mehr zu befürchten hatte, sollte er sich glücklich schätzen.

Doch mit den ersten Klassenkameraden, die nicht zum Rauchen gingen, sondern sich auf ihren Tischen niederließen, oder an die lange Fensterbank lehnten, tauchten die befürchteten Blicke auf. Bald flogen Gesprächsfetzen zu ihm.

»Was ist denn mit dem los?«

»Wohl nach sechs Wochen die Orientierung verloren.«

»Oder den Geschmack.«

Ben bemühte sich, den wachsenden Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken. Dann ging die Tür auf und Finns schlaksige Figur schob sich in den Klassenraum, den Schulrucksack lässig über die Schulter geworfen und einen Knopf mehr als nötig an seinem schwarzen Hemd geöffnet.

»Hi Ben«, grüßte Finn und die beiden klatschten mit den Händen ab. »Wie war’s auf den Philippinen.«

»Geil!«

Finn kniff ein Auge zu, zielte mit dem Zeigefinger wie mit einer Pistole auf Ben und hakte nach: »Nur das Segeln oder hast du auch ein heißes Philippinogirl klargemacht?«

Ben ärgerte sich. Er hätte wissen müssen, dass Finn eine solche Antwort ins Doppeldeutige ziehen würde, doch die Erlebnisse seines Urlaubs durfte er nicht durch Prahlerei entweihen. Also log er erkennbar: »Na logo. Jeden Tag mindestens fünf.«

»Fünf nur? Schlappschwanz.«

In diesem Moment betrat Brillenschlange das Klassenzimmer. Keine Lehrerin und kein Lehrer hatten die Klasse mit ihrem Erscheinen je so schnell zum Schweigen gebracht, doch von der Situation an diesem Morgen wollte keiner etwas verpassen. Binnen Sekunden war es mucksmäuschenstill und alle Aufmerksamkeit lag auf Ben und der soeben Eingetretenen.

»Komm rum, Dicker«, meinte Finn und winkte Ben hinter sich her.

Bens Kehle verengte sich spürbar.

»Nee, ey, ich muss...«, krächzte er. »Also Abi dieses Jahr und ich muss da... besser mitkriegen... und ... also, nimm’s mir nicht übel...«

»Hast du sie noch alle? Da sitzt...« Finn sprach den Spitznamen nicht aus, sondern fügte ihn mit einem schnellen, aber deutlichen Seitenblick hinzu.

»Nicht zu ändern«, antwortete Ben mit starr geradeaus gerichtetem Blick.

Finn fächerte seine Hand vor seinem Gesicht, als Zeichen für die anderen, für wie bescheuert er Ben hielt.

Brillenschlange stand weiter einen Schritt hinter der Tür. Ben betete, sie möge sich einfach hinsetzen. Dann gäbe es vielleicht Getuschel, aber dann würden die anderen die Köpfe zusammenstecken und nicht mehr alle nur auf sie und ihn starren. Sie stand jedoch da, ihren Rucksack vor die Brust gedrückt und schien nichts mit der Situation anfangen zu können. Vielleicht vermutete sie einen derben Begrüßungsscherz zum Schuljahresanfang.

Konnte er etwas tun, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Ein aufmunterndes Lächeln, oder ein ›ich hoffe, es stört dich nicht, dass ich mich her gesetzt habe‹?

Nein, die anderen würden sofort losgrölen, ob er auf Freiersfüße unterwegs sei oder Schlimmeres. Seine Finger verkrampften sich unter dem Tisch zu Fäusten. Los, beweg dich, dumme Kuh, dachte er und versuchte, sie nicht anzusehen, doch er konnte nicht verhindern, dass seine Augen immer wieder zu ihr sprangen.

Sie trug eine beige Kordhose, die modisch aus dem letzten Jahrtausend zu stammen schien. Ihre rotkarierte Bluse passte dazu so gut wie Spaghetti zu Pommes Frites. Und über allem hing eine hellblau dunkelblau gestreifte  Männerstrickjacke mit Lederflicken an den Schultern und Ellenbogen. Ihre langen, straßenköterblonden Haare hingen platt herab und schienen nur von der eckigen Metallgestellbrille wie durch einen Vorhangspreizer auseinandergehalten zu werden, hinter der ihre Augen unsicher zwischen Fußboden und ihrem Platz hin- und hersprangen. Sie sah so scheiße aus!

Der Fingerzeig auf das Foto mit ihr konnte doch nur ein Scherz gewesen sein. Okay, Schönheit war nicht alles, aber so wie sie aussah...  Er machte sich  lächerlich. Nein, hier konnte er nicht sitzen bleiben. Er würde zu seinem Platz gehen und laut verkünden, alles sei nur ein Scherz gewesen.

Frau Lesker schwang mit einem heiteren Lächeln die Tür auf, warf ihren langen, roten und wulstigen Zopf mit einer schnellen Kopfbewegung auf den Rücken und rief: »Morgen allerseits.« Sie ging an Brillenschlange vorbei zum Lehrertisch, wuchtete ihre prallgefüllte Lederumhängetasche darauf und ließ den Kopf über die Gesichter schweifen.

»Alle heil und munter wieder da zum letzten großen Akt?«

Nun bemerkte sie Brillenschlange, die immer noch stand.

»Ist etwas, Fiona?«

Die Angesprochene schüttelte den Kopf mit winzigen Bewegungen, fast so als fröstele sie.

»Dann setz dich auf deinen Platz!«

Fiona ging ein paar Schritte, dann zögerte sie noch einmal.

Ja, schon gut, ich hau ja schon ab, dachte Ben und beugte sich zu seinem Rucksack.

Offensichtlich hatte Kevin auf genau diesen Moment gewartet. Er saß zwar auch alleine, aber das, weil er immer zur Schule kam, als befände er sich im Umzug. Zur Schultasche führte er stets eine Sporttasche mit sich, denn irgendein Training (Fußball, Karate, Apnoetauchen) hatte er immer, dazu kamen der Motorradhelm und der Nierengurt. Sein Tisch war nicht einfach ein Platz, sondern eine Audienzstätte. Und nun sah sich der König geneigt, seinen Untertanen etwas mitzuteilen.

»Ey, Weber, bist du jetzt maso?«

Ein Spruch dieser Art war einfach überfällig gewesen, doch die selbstgerechte Art, mit der Kevin von seinem Thron herab urteilte, und die anbiedernde Art, mit der viele in der Klasse lachten, weckten Bens Trotz. Ohne viel nachzudenken, antwortete er: »Lieber maso als aso.«

»Hä? Aso? Dichtest du jetzt Kinderreime?«, äzte Kevin weiter.

»Ich vermute ›aso‹, soll eine Abkürzung für asozial sein«, antwortete Frau Lesker, ohne den Blick von ihrer Tasche, in der sie irgendwelche Unterlagen suchte, abzuwenden, »was dein Verhalten eigentlich auch ganz gut beschreibt, Kevin.«

Erstauntes Schweigen machte sich in der Klasse breit. Noch nie hatte jemand so gegen Kevin opponiert. Doch auch ein kurzes Grunzen erklang, das ein Lachen unterdrückte. Zumindest einer Person schien es zu gefallen, dass Kevin einmal Gegenwind bekam.

Ben sah sich um. Hinter einer vorgehaltenen Hand blitzte ein freches Lächeln auf. Leonie.

Ben fühlte sich, als pumpe jemand puren Sauerstoff in seine Lungen. Damit hatte er nicht gerechnet. Vorsichtig ließ er seinen Rucksack wieder sinken. Vielleicht ergab sich in dieser Stunde noch eine Möglichkeit, Kevin eins reinzuwürgen. Wenn Leonie das gefiel.

Fiona bemerkte seine Bewegung und ihr wurde klar, dass er nicht gedachte, sich wegzusetzen. Also setzte sie sich. Sie traute sich nicht, ihn direkt anzuschauen, doch sie schielte seitlich an ihrer Brille vorbei zu ihm. Damit ihre Haare ihr nicht die Sicht versperrten, strich sie sie hinter ihr rechtes Ohr.

Wie scheu, wie verunsichert wirkte diese kleine Handbewegung. Sie wirkte so wahnsinnig unsicher, als könne er gleich ein Küchenmesser ziehen und ihr die Kehle durchschneiden. Ein Funke Mitleid glomm in Ben auf. . Nun ewig konnte er ja auch nicht schweigend neben ihr sitzen,

»Und? Wie waren deine Ferien?«

Sie starrte auf die Tischplatte.

»Lang.«

Ben seufzte. Das klang nicht danach, als sei sie an einem Gespräch interessiert.

»Wenn’s dich stört, dass ich mich hergesetzt habe, musst du es sagen, dann...«

Ihr Kopf zuckte zweimal. Eine wirkliche Richtung konnte Ben den winzigen Bewegungen nicht entnehmen, doch die Wellen, die ihre Haare zu den Spitzen hinabliefen, ließen ihn ein Kopfschütteln annehmen. Zu dem stellte sie die Gegenfrage: »Und deine Ferien?«

Ben entspannte sich. Zu höflicher Konversation ließ sie sich ermutigen.

»Cool. Ich war auf den Philippinen. Segeln.«

Ein gequältes bis abfälliges Lächeln huschte über ihre Lippen. Nun wandte sie nicht nur ihren Kopf ab, sondern drehte sich demonstrativ von ihm weg und widmete all ihre Aufmerksamkeit Frau Lesker.

Kostspielige Fernreiseziele und Wassersport schienen also nicht ihre Lieblingsthemen zu sein. Hätte er sich bei ihrem Outfit denken können. Um mit ihr zu sprechen, musste er sich sicher über Batiken oder burmesische Autorenfilme informieren.

Ben ließ seinen Blick unauffällig an Brillenschlange vorbei über die Klasse schweifen. Standen sie immer noch im Mittelpunkt des Interesses? Seine Augen fingen nur einen Blick auf und es war der Blick der schönsten, smaragdgrünen Augen, die es in der Klasse, nein, in der ganzen Schule gab. Leonie.

Sie lächelte ihn an. War das ein Ausdruck von Wohlwollen in ihrem Gesicht? Bens Herz schlug einen Schlag schneller und ein warmer Funken entzündete sich in seinem Bauch. Wäre doch neben ihr ein Platz frei. Wie viel schöner wäre es...

 

 

*****

 

Eine weiche Rundung erhebt sich aus dem Nichts. Zärtlichkeit soweit das Auge reicht. Samtenes Streicheln erfüllt alles. Haut! Der Hügel ist aus Haut und Fleisch; warm, weich, anziehend. Er spürt Knochen. Verborgen unter weichem Fleisch; weichem Fleisch und samtener Haut. Eine Schulter. Das Bild wird konkreter. Eine zweite Schulter erhebt sich aus der Dunkelheit. Die Linien einer Silhouette schwingen sich zur Taille. Der Anblick ihres nackten Rückens erinnert ihn an eine Gitarre. Die Schönheit streichelt seine Augen. Er liebt, was er sieht, begehrt es. Das Begehren wächst. Er will mehr von diesem Rücken, will sein Ende spüren. Die Rundungen des Po’s lassen sein Herz klopfen. Sie ist nackt. Er spürt die Wärme ihres Körpers, fühlt sie atmen. Voller Leben. Sie ist ganz nah bei ihm.

Sein Magen wird flau vor Glück. Die Schultern sind nach hinten gezogen. Die Oberarme bilden den Trichter des Ypsilons. Ihre Unterarme liegen über dem Tal, das ihre Wirbelsäule durch ihren Rücken zieht. Ein weißes Seil windet sich um ihre Ellenbogen und Handgelenke und schnürt sie zusammen. Weich, damit es nicht weh tut und doch fest, dass sie es nie zerreißen könnte.

Gefesselt. Sie ist gefesselt. Für ihn gefesselt. Er hat die Macht über sie. Sie gehört ihm, ganz ihm, nur ihm, ihm allein. Er bestimmt, was er tun darf, was sie spüren muss und er spüren will. Doch seine Hände sind nicht da und können nicht greifen. Sein Mund kann nicht küssen, seine Zunge nicht lecken, was er so begehrt. Die Begierde dehnt sich aus, spannt, wird immer stärker und stärker. Er windet sich, räkelt sich, wirft sich umher. Er spürt sie so nah bei sich und kann sie doch nicht fassen. Warum nicht? Er will, er will es so sehr. Er befiehlt seiner Hand, zu zugreifen. Sie packt etwas. Er zieht und sein Kopf dreht sich...

Ben schlägt die Augen auf. Sein Herz hämmert. Seine rechte Hand, direkt vor seiner Nase, hält einen Zipfel des Kopfkissens fest umklammert.

Wach! Und allein. Sein Bett fühlt sich plötzlich riesig an und furchtbar leer. Was war das?

Er drehte sich langsam auf den Rücken und starrte an die Decke. Die Luft wurde von grellen Sonnenstrahlen durchschnitten, die durch die kleinen Schlitze des Rollladens drangen. Winzige Staubfusseln tanzten darin, wie die Gefühle dieser Nacht in seiner Brust.

Es war eine überflüssige Bewegung, das wusste er schon, bevor er sie ausführte, aber er konnte nicht anders, er musste mit der Hand durch die Luft fahren und versuchen, sie einzufangen. Der Staub tanzte nur wilder, doch er blieb unerreichbar trotz seiner Nähe. Wie dieser Rücken.

Ben sehnte sich in den Traum zurück, doch er war verflogen. Geblieben war das Begehren, wie ein starkes Hungergefühl nagte es in seinem Bauch.

 

*****

 

Fiona saß schon auf ihrem Platz, als Ben in die Klasse kam. Ihr Mathebuch und der Collegeblock lagen vor ihr. Mit dem Füller oben auf. Diese Streberin. Dazu trug sie dieselben beschissenen Klamotten wie gestern. Ein Anflug von Ekel stieg in ihm auf. Sex mit ihr? Das konnte er sich einfach nicht vorstellen. Besser er setzte sich wieder neben Finn.

»Guten Morgen, ihr zwei.«

Ben erstarrte in der Bewegung. Leonie schwebte an ihm vorbei. Ihre weißen Zähne strahlten ihn an. Dabei schien sie nicht einfach nur fröhlich, sondern ihr schien zu gefallen, was sie vor sich sah, und das waren er und Fiona.

Sie ging weiter und es verschlug Ben den Atem. Sie trug ein nahezu rückenfreies Top. Er verschlang jeden Zentimeter der sonnengebräunten Haut mit den Augen. War es der Rücken? Das Bild aus seinem Traum, dass er in der Nacht noch gestochen scharf gesehen hatte, schien verschwommen. Je mehr er sich zu erinnern versuchte, desto mehr verblasste es. Aber es musste einfach dieser Rücken gewesen sein. Die Rundung darunter, heute in eine knallenge, weiße Jeans verpackt, war traumhaft. Es musste einfach ihr Rücken sein, von dem er geträumt hatte. Es sollten ihre Arme gewesen sein, die dieses weiche, weiße Seil gefesselt hatte.

Ein Gedanke klingelte in seinem Kopf wie ein Centstück im leeren Sparschwein: Das Foto, mit dem er auf Brillenschlange aufmerksam gemacht wurde, zeigte im Vordergrund Leonie. Ben wandte sich mit einem Ruck ab. Was, wenn der Hinweis auf Brillenschlange nur ein Hinweis war, wie er Leonies Herz gewinnen konnte? Ihr hatte dieser Schnappschuss gegolten, den er letztes Jahr bei einem Schulausflug geschossen hatte. Sein Atem beschleunigte.

Ihm fiel ein, Leonie hatte sich eigentlich nie an den Lästerein über Fiona beteiligt. Partei für sie allerdings auch noch nie ergriffen. Hatte sie vielleicht auch Angst, dann ins Abseits gedrängt zu werden? Quatsch, ein Traummädchen wie sie musste so etwas nie befürchten. Und doch schien es ihr zu gefallen, dass er - Benjamin Weber - sich Fionas annahm.

Das Foto hatte ihr gegolten, doch der Fingerzeig hatte unmissverständlich auf Fiona im Hintergrund gezeigt. Aber wenn es doch der Weg zu ihr...?

»Darf ich?«, fragte Ben höflich und Fiona rückte einige Zentimeter dichter an den Tisch, damit er hinter ihr zu seinem Platz neben ihr kam.

Er setzte sich. Die Tür öffnete sich nun im Abstand weniger Sekunden. Schließlich kam auch Finn.

»Hi, Alter!«, rief Ben und hob die Hand zum Abklatschen.

»Hi«, quetschte Finn durch die Zähne und seine Augen wanderten durch den Raum, ob ihn auch niemand bei der Grußerwiderung bemerkte. Bens Hand ließ er unberührt in der Luft.

Ben schluckte. Er traute sich nicht, sich umzudrehen, doch er fühlte, dass alle auf seinen ausgestreckten Arm starrten. Seine Hand wurde schwer und kalt, während er sie auf die Tischplatte sinken ließ.

War sie es wert, eine Freundschaft zu riskieren?

Der reine Zufall wollte es, dass Ben auch im Sportkurs mit Fiona zusammenkam. Er hatte Tischtennis gewählt, weil er seinen Lieblingssport nach Segeln, Volleyball, schon zweimal gewählt hatte. Die Schulregelung wollte es, dass man in den vier Halbjahren der Oberstufe mindestens drei unterschiedliche Sportarten wählte. Tischtennis hatte den Vorteil, dass es in der kleinen Halle, die zur Schule gehörte, unterrichtet wurde und man nicht, wie für die meisten anderen Sportarten, in andere Hallen der Stadt fahren musste. Zudem hatte ein ehemaliger Freund in seinem Heimatort eine Tischtennisplatte im Keller gehabt und dort hatten sie als Kinder viel Zeit verbracht. Ben war ein guter Hobbyspieler.

Fiona hatte Tischtennis vermutlich gewählt, weil es den Anschein erweckte, sich an der vergleichsweise kleinen Platte nicht übermäßig viel bewegen zu müssen. Sie war absolut unsportlich und auch in diesem Kurs hauptsächlich damit beschäftigt, den Bällen, die sie nicht getroffen hatte, hinterherzurennen, oder einem scharfen Schmetterball, den viele Jungen absichtlich auf ihren Körper spielten, auszuweichen.

Herr Beyermaier, der von den Schülern nur Bey-Mai genannt wurde, hatte zum anderen ein kleines Turnier ersonnen. Zum Ende der Doppelstunde spielten alle Schüler ein Einsatzmatch, wobei die Spielpartner jede Stunde wechselten, so dass zum Ende des Halbjahres jeder gegen jeden gespielt hatte. Das jeweilige Ergebnis wurde Bay-Mai am Ende der Stunde mitgeteilt. Hierbei bildete Fiona natürlich das unangefochtene Schlusslicht. Sie verlor jede Partie.

An einem Tag, das Schuljahr lief schon wieder ein paar Wochen, hatte sich zum Ende der Stunde wieder die Menschentraube um Bey-Mai versammelt und gab die Ergebnisse durch. Fiona hatte gegen Justin gespielt, der dickste Kumpel von Birger. Birger spielte Tischtennis im Verein und hatte Fiona bei seinem Spiel zu null geschlagen. Diesem Vorbild wollte Justin offenbar nacheifern. Als Bey-Mai mit dem Stift in der Hand und dem Klemmbrett auf dem Unterarm zu ihm schaute, sagte Justin: »15:0«

Ben hatte an der Platte neben den beiden gespielt. Fiona hatte ihm leidgetan, denn auch Justin hatte alles getan, sie mit Schmetterbällen abzuschießen. Zweimal hatte er sie voll erwischt, dabei hatte der Ball aber die Platte nicht mehr berührt. Wie konnte da ein zu Null entstanden sein?

»Das kann ja wohl nicht angehen«, warf er ungefragt ein. »Zweimal hast du  voll über die Platte geschmettert und einer ist im Netz hängen geblieben.«

»Halt doch die Fresse!«, schautzte Justin ihn an.

Bey-Mai zog überrascht die Augenbrauen hoch, kratzte sich mit dem Stiftende seinen Bart und fragte: »Stimmt das, Fiona?«

Es erklang ein dünnes »Ja.«

»Und warum sagst du das nicht?«

»Ist doch scheißegal«, raunzte Justin ungehalten dazwischen. »Die Alte hat haushoch vergeigt.«

»Nun, lieber Justin, in meinem Sportunterricht geht es mir nicht nur um die Vermittlung bestimmter Techniken oder Taktiken. Das Lernziel der sportlichen Fairness wird bei mir auch sehr hochgehängt. Und damit dir das eine Lehre ist...«

Er beendete den Satz auf dem Papier, in dem er das 15:0 eintrug, aber zu Gunsten von Fiona.

»Boah, das ist doch Schiebung!«, motzte Justin und funkelte Ben mit einem tödlichen Blick an. »Kannst dir von der Fotze zum Dank ja gleich einen blasen lassen und ihr auf die Brillengläser wichsen.«

Bey-Mai stauchte Justin darauf hin ziemlich zusammen und hielt ihm einen Vortrag über Umgangsformen und »verlieren können«.

Fiona schien die Angelegenheit ebenfalls unangenehm. Ben war sich sicher: Hätte Justin nicht dazwischen gequatscht, hätte Fiona auf Bey-Mais Frage, warum sie nichts zum falschen Ergebnis gesagt habe, ebenfalls mit »Ist doch scheißegal« geantwortet. Sie schenkte ihm jedoch einen kurzen Blick und Ben war reaktionsschnell genug, um sie anzulächeln und zu sagen: »Hey, dein erster Sieg. Glückwunsch.«

»Ganz toll.«

Ben konnte aus den Worten nicht heraushören, ob sie sie ironisch meinte, oder ob nur ihre Unsicherheit ihre Freude verdeckte. Dann strich sie mit der rechten Hand wieder ihre Haare hinter das Ohr. Diese rasche und so scheue Geste ließ sie irgendwie verletzlich wirken. Und Ben beschlich das Gefühl, wieder etwas falsch gemacht zu haben. Doch er gab sich beharrlich und hielt ihr entgegen: »Ja, ich weiß. Sport ist nicht die Welt, aber es gehört halt auch zum Unterricht. Für alle Fächer übst du fleißig. Vielleicht solltest du dir mal überlegen, ob du auch für...«

»Willst du mir Tischtennisnachhilfe geben?«

Die Frage war natürlich rhetorisch gemeint, aber der undankbare Ton provozierte Bens Antwort geradezu.

»Wenn du willst?«

 

Am nächsten Morgen begann der unausweichliche Ernst des Schülerlebens. Die erste Klausur stand ins Haus. Ausgerechnet Mathe. Bis zur Zehnten hatte Ben nie Probleme in dem Fach gehabt. In der Elften ging es noch so, doch seit er die Oberstufe besuchte und es um Beweise ging und mehr mit Buchstaben, als mit Zahlen gerechnet wurde, hatte er keinen Durchblick mehr. Mit entsprechend vorfrustriertem Bauchgefühl saß er auf seinem Platz und betete, dass ihm in der folgenden Doppelstunde irgendeine Erleuchtung treffen möge, mit der er verstand, was ihm in den Wochen zuvor verborgen geblieben war.

Einziger Lichtblick des Morgens, der für einen Moment alle trüben Gedanken vertrieb, war Leonies Auftritt. Ihr Lächeln glich einem Sonnenstrahl und entspannte Bens verkrampfte Eingeweide. Ihr Anblick war wie eine wohltuende Salbe, mit der kleinen Einschränkung, dass der Duft ihres Parfüms von einer Rauchnote durchsetzt wurde. Doch ihr schwebender Gang oder wenn sie sich mit der Hand durch ihre blonden Locken fuhr, erschien sie wie ein Modell aus den Hochglanzmagazinen.

»Guten Morgen, ihr zwei«, zwitscherte sie und Ben war sich sicher, dass sie ihn länger anschaute, als Fiona. »Alles fit für die Arbeit?«

»Denke schon«, antwortete Fiona. Ihre Stimme klang dünn. Sie war es einfach nicht gewohnt, freundliche Fragen zu beantworten, schien es Ben. Oder sie fürchtete, dass dem irgendeine neue Boshaftigkeit folgte. Den Beweis für diese Theorie trat Kevin an, der hinter Leonie den Klassenraum betrat. Er grölte: »Die Schlampe hat es sich gestern bestimmt noch mit ihrem Taschenrechner selbst besorgt.«

Leonie verdrehte die Augen über den selten dämlichen Spruch, was Ben animierte, noch einmal Partei für Fiona zu ergreifen. Natürlich fiel ihm auf die Schnelle nichts besonders Intelligentes ein, so sagte er nur: »Boah, merkst du eigentlich noch irgendwas, Kevin?«

Kevin zog eine abfällige Grimasse, bei der er Ben halb die Zunge herausstreckte und mit den Händen gespielt ängstlich in der Luft herumwedelte. »Uh, der kleine Benny greift an. Spielst du jetzt Kreuzritter, Weber?«

»Nein, ich habe mich nur entschieden, dass ich nicht zu den Schergen der heiligen Inquisition gehören will.«

»Ha!« Finn lachte spontan auf, klatschte mit der flachen Hand auf den Tisch und zeigte mit ausgestrecktem Zeigefinger und breitem Grinsen auf Ben. »Der war gut.«

Ein Knoten löste sich in Bens Brust. Die Freundschaft mit Finn war noch nicht verloren. Er lächelte ihn dankbar an.

Auch Leonie griff den Spruch sofort auf und verbeugte sich mit barockem Handwedeln tief und ließ Kevin den Vortritt.

»Nach Ihnen, Herr Großinquisitor.«

Die Freude über den kleinen Sieg wehrte aber nur kurz, denn danach betrat Herr Niestard den Raum und das Drama nahm seinen Anfang. Ben konnte mit den Aufgaben wie befürchtet nichts anfangen. Die ersehnte Erleuchtung in letzter Sekunde stellte sich nicht ein. Er kritzelte ein paar Buchstaben und Zahlen auf das Papier, versuchte Formeln umzustellen, damit irgendwelche Rechnungen einen Sinn ergaben, doch im Prinzip wusste er, dass er wie ein Blinder durch die Wüste tappte.

Fiona schrieb vom ersten Augenblick mit großem Eifer. Sie hatte natürlich den Durchblick. Wenn er schon neben ihr saß, vielleicht gestattete sie ihm ja auch einen Einblick. Ben wartete, bis Herr Niestard seine erste Runde durch die Klasse antrat, bei der er den Schülern über die Schultern schaute. Manchmal, wenn er einen besonders gravierenden Fehler entdeckte, gab er sogar einen hilfreichen Kommentar an die gesamte Klasse. Als er sich vom Lehrerpult entfernte und an der Fensterseite entlang ging, versuchte Ben sein Glück.

»Pst«, zischte er leise und wandte sich so unauffällig es für den Lehrer und so auffällig es für Fiona ging zu ihr. Keine Reaktion. Er schickte ihr noch ein entschiedeneres »psssst!«

Sie drehte ihm die rechte Schulter zu. Deutlicher konnte eine stumme Abfuhr kaum formuliert werden. Na, danke, Miss superschlau, dachte Ben. Und das Geräusch ihres permanent schreibenden Füllers kratzte an seinen Nerven. Wut keimte auf. Warum ihm gerade in diesem Moment das Traumbild des nackten Rückens mit den gefesselten Händen einfiel, konnte er nicht sagen, aber er wünschte sich sehnlichst, dass es Leonies Rücken war und nicht Fionas.

Wäre Fiona ihm so ausgeliefert, er würde sie mit brutalen Stößen seines harten Schwanzes in ihren verklemmten Arsch zum Schreien bringen. - Ein kurzes Prickeln stieg in seinem Penis auf.

In diesem Moment richtete Fiona ihren Oberkörper auf und streckte einen Arm nach oben. Der Stoff ihrer Bluse straffte sich über ihren Brüsten. Was für eine Rundung. Nicht groß, aber die perfekte Kurve.

»Ja, Fiona«, riss Herr Niestard Ben aus seinen Gedanken, in dem er Fionas Meldung annahm.

Sie lachte peinlich berührt. »Ehm, sorry, mir ist das Papier ausgegangen. Könnte ich von jemandem...?«

Ein paar abfällige Bemerkungen flogen durch den Raum. Die Augen von Herrn Niestard legten sich automatisch auf Ben. Na toll. Sie ließ ihn nicht abschreiben, aber dafür sollte er ihr nun auch noch Papier für ihre mathematischen Ergüsse zur Verfügung stellen. Er rupfte zwei Seiten besonders lautstark aus seinem Collegeblock und warf sie geringschätzig auf ihre Seite des Tisches.

»Noch eins, bitte?«

›Noch eins, bitte‹, wiederholte Ben in Gedanken und riss noch ein Blatt so nachlässig aus, dass unten eine Ecke abriss.

Ihr »danke« klang trotz seiner mürrischen Übergabe aufrichtig. Und dann passierte es wieder. Diese kleine Bewegung. Drei Finger lagen leicht gekrümmt aneinander. Der kleine Finger stand wie beim vornehmen Teetrinken etwas ab und der Daumen wies mit seiner Spitze zur Decke hinauf. Der Zeigefinger nahm die Haarsträhnen auf, die ihr Gesicht, wie ein Vorhang verdeckten, und schob sie hinter das Ohr. Es war so eine flüchtige Geste und doch begannen Bens Schläfen zu kitzeln. Was für ein zärtliches Gefühl musste es sein, wenn diese Finger über die Haut strichen? Sie hatte eigentlich schöne, feingliedrige Finger. Auffällig war, dass ihre Fingernägel kurz und unlackiert waren, das gab ihr etwas Mädchenhaftes. Auch seine Fingerspitzen nahmen das Kribbeln auf. Wie musste es sich erst anfühlen, ihre Haut knapp oberhalb der Wangen zu berühren. Wie würde es sich anfühlen, ihr die Haare hinter die Ohren zu streichen?

Die Minuten verrannen. Eigentlich hätte Ben seinen Zettel, der als einzige verwertbare Informationen seinen Namen und das aktuelle Datum enthielt, schon lange abgeben können. Dann hätte er wenigstens nach draußen gehen und frische Luft schnappen können. Warum er es nicht tat, konnte er nicht sagen. Halb kochte er vor Wut und Eifersucht, dass Fiona schrieb, als sei ihr gerade persönlich die Relativitätstheorie eingefallen. Zum anderen faszinierte es ihn, wie sie sich scheinbar völlig in diese Arbeit vertiefen konnte, so als gäbe es um sie nichts anderes als die Welt der Zahlen und Formeln.

Das Pausenklingeln erscholl und Herr Niestard sagte: »Okay, dann kommen Sie bitte zum Ende.«

Die Pause wollte Ben natürlich nicht noch über sein Nichtwissen verschwenden. Er schnappte sich seinen Zettel, schob sich auf dem Stuhl zurück und erhob sich.

»Sofort, sofort«, rief Fiona plötzlich aufgeregt. Sie streckte ihren Rücken und schob ihren Stuhl soweit zurück, bis die Lehne den hinteren Tisch berührte. Sie hatte gerade zu Mühe ihre Hände auf der Tischplatte zu halten, auf der ihr Füller immer noch über das Papier flog.

Ben zuckte verwundert mit den Schultern.

»Von mir aus kannst du hier weiterkritzeln, bis der Nikolaus kommt. Ich würde nur gerne raus. Ob es nicht zu viele Umstände macht, mich eben durchzulassen?«

»Sofort!« Ihr Tonfall klang fast bettelnd.

Auch Herr Niestard kam auf Fiona zu. Er hatte inzwischen alle anderen Arbeiten bekommen.

»So, Fiona, jetzt muss ich auch Sie bitten...«

Fiona ließ sofort ihren Stift fallen, als seine Gestalt vor ihrem Tisch auftauchte, raffte die Zettel eilig zusammen, riss Ben seinen wirsch aus der Hand, ordnete ihn unter ihren Stapel und gab beides ab.

Ben hatte keine Ahnung, was er von diesem Auftritt halten sollte und tauschte einige schräge Blicke mit Herrn Niestard aus.

Er hoffte, die große Pause endlich einmal wieder mit Finn verbringen zu können, doch am Fuße der Treppe hörte er seinen Namen. Er drehte sich um. Fiona kam ihm nachgerannt? Nicht abschreiben lassen, Zettel verlangen, ihn nicht durchlassen. Für heute hatte er wirklich genug von ihr. Den Rest des Schultages neben ihr sitzen zu müssen, war schlimm genug. Er wollte nicht auch noch in der Pause mit ihr gesehen werden, sonst würden die Gerüchte noch die Hochzeitsglocken zwischen ihnen läuten lassen.

Er suchte nach einem Fluchtweg, doch ihr Ruf erklang gleich noch einmal. Viel zu laut für seinen Geschmack. Es musste nicht noch die ganze Schule wissen, dass er jetzt neben ihr saß.

»Ben, bitte warte«, rief sie ein drittes Mal.

Er stoppte seinen Gang, machte aber keinen Versuch, sein genervtes Stöhnen vor ihr zu verbergen.

Sie räusperte sich.

»Hast du das letztens eigentlich ernst gemeint?«

Ben schickte sein »was?« in Form eines fragenden Blickes.

»Wegen Tischtennisnachhilfe.«

Erst lässt du mich in der Mathearbeit abblitzen und jetzt soll ich dir in Sport helfen, dachte Ben. Noch im letzten Schuljahr hätte er sich zu keiner Silbe mehr hinreißen lassen, als »verpiss dich!« Er fand, dass er jedes Recht dazu hatte, und doch brachte er es nicht heraus. Verpflichtete Banknachbarschaft zu solch einer Loyalität? Und wenn ja, warum spürte dann offensichtlich nur er diese Loyalität, während sie nichts davon zu merken schien? Oder war es das Angebot, zu dem er sich hatte provozieren lassen und das er sich nun nicht traute, zurückzunehmen?

Sie stand da mit gesenktem Kopf, die Augen auf die Fußspitzen gerichtet, die Finger miteinander spielend. Eine fordernde Haltung sah anders aus. Er konnte sein Angebot einfach als daher geredet bezeichnen, sie würde sich nicht beschweren, sondern es hinnehmen, wie sie schon so vieles hinnehmen musste. Dort stand ein Mädchen, das nach Hilfe suchte. - Leonie mochte es, wenn er ihr half. - Und genau deswegen konnte er sie nicht wegschicken. Um vor sich selbst das Gesicht zu wahren, sagte Ben sich, dass er sich die Haltung merken wolle, um sich vor der nächsten Mathearbeit so vor ihr aufzubauen. Vielleicht würde sie ihn dann ja abschreiben lassen.

»Ah, da junge Liebespaar. Haste sie schon flachgelegt?«

Justin, Birger und ein paar andere Jungen scharrten sich kurz um sie, legten die Arme um die Schultern der beiden oder klopften ihnen scheinbar freundschaftlich auf den Rücken.

Ben schüttelt die Kerle energisch ab. Fiona versuchte, es zu ignorieren, konnte ihre Abneigung dann aber doch nicht verbergen und schüttelte die Schultern.

Ben hasste sich dafür. Er wäre viel lieber auf die Suche nach Finn gegangen aber sein Mitleid siegte.

»Nee, wenn du willst kann ich dir mal was zeigen.«

»Danke.« Sie wandte sich halb ab und er wollte schon aufatmen, als sie innehielt.

»Wann denn?«

Er rollte mit den Augen.

»Du musst natürlich nicht«, räumte sie, von dieser Reaktion gleich eingeschüchtert, ein.

Ben schüttelte den Kopf. Sein Augenrollen hatte nicht ihrer Frage gegolten, sondern einer Entdeckung. Bei ihrer halben Drehung hatte er den Zettel auf ihrem Rücken entdeckt. Er tippte an ihre Schulter als Aufforderung, sie möge sich umdrehen. Dann zupfte er den Zettel ab.

›Ich lutsch Niestard die Eier‹ stand darauf.

»Vollidioten«, murmelte Ben und knüllte den Zettel zusammen.

»Danke. - Hast du vor Sport, nicht auch eine Freistunde?«

Na toll. Das wusste sie. - Wie konnte er ihr nur dieses Angebot gemacht haben? Das weder sie noch er eine Tischtennisplatte zu Hause hatten, war doch klar. Es blieben also nur die auf dem Schulhof. Er saß in seiner eigenen Falle, aber er nickte und stimmte damit zu, sich endgültig lächerlich zu machen.

»Bis bann.«

Sie schenkte ihm ein kurzes Lächeln, strich ihre Haare wieder hinter ihr Ohr und senkte den Blick. Ein warmes Kribbeln flog durch Bens Bauch. Mitleid? Er hatte das Gefühl, auch sie hatte versucht, das Gespräch so kurz wie möglich zu halten, weil sie wusste, was es für jemand anderen bedeutete, mit ihr zusammen gesehen zu werden. Irgendwie tat es ihm schon leid, wenn sie so davonschlich.

»Und? Konntest du wenigstens bei ihr abschreiben?«

Ben fuhr herum. Finn stand hinter ihm. Hatte er etwa das ganze Gespräch mit Fiona schon hinter ihm gestanden? Wusste er, dass er sich mit ihr auf dem Schulhof treffen wollte?

Bens Herz pochte. Die Mine seines Freundes konnte er nicht wirklich deuten.

»Nein«, räumte er ein. »Aber sie muss sich sicher erst an einen Banknachbarn gewöhnen. Sie ist noch ziemlich unsicher, glaube ich.«

Warum Ben Fiona verteidigte, wusste er in diesem Moment auch nicht.

Finn seufzte, dann packte er Ben an der Schulter, drehte ihn um. Ben hörte knitterndes Papier. Dann hielt Finn auch ihm einen Zettel vor die Nase, auf dem stand: ›Und ich fick sie dabei.‹

»Scheiße!«, zischte Ben und zerknüllte das Papier.

»Besser mitkriegen«, erinnerte Finn Ben an dessen eigene Worte vom ersten Schultag. »Pass bloß auf, Ben. Nicht das die Nummer nach hintenlos geht. Ich meine, wenn sie dich nicht mal abschreiben lässt, was bringt es dir dann? Du willst doch wohl nichts von der?«

Ben versuchte, dem Blick seines Freundes so unauffällig wie möglich auszuweichen, doch er kannte ihn zu gut.

»Gott, Ben?!?«, stieß er hervor. »Bist du so verzweifelt, dass du Angst hast, du kriegst nichts Besseres, als die?«

Ben wand sich hin und her, als versuche er der Frage durch Bewegung auszuweichen. Schließlich erklärte er zögerlich: »Das ist nicht so einfach zu erklären. Da war im Urlaub... ach, egal. Aber ist dir aufgefallen, wie Leonie mich in letzter Zeit beachtet?«

Finn machte große Augen.

»Eben dachte ich noch, du stapelst in deinen Frauenansprüchen extrem tief und jetzt wirst du gleich größenwahnsinnig?«

»Wie soll ich sagen. Ich hab einen Tipp bekommen.«

»Dass du dich an Brillenschlange ranmachen sollst, um Leonie flachzulegen?«

»Jetzt denk nicht immer nur an das eine!«

»Ja, okay, aber...«

»Na komm, ich werde inzwischen jeden Morgen mehr als freundlich von ihr begrüßt. Sie scheint für Fiona etwas übrig zu haben und in dem ich mich neben Fiona gesetzt habe und...«

»Na, das ist mal ›ne Strategie!«, stöhnte Finn und runzelte skeptisch die Stirn.

»Irgendwie hat Leonie ja auch recht. Wenn du es genau nimmst, hat Fiona nie jemandem etwas getan.«

»Ja, aber Alter, die leidet doch an kompletter Geschmacksverirrung mit den Klamotten und dann so eine Megastreberin.«

Ben zuckte mit den Schultern, als wollte er sagen, da müsse man halt durch, wenn man an eine Traumfrau wie Leonie herankommen wolle.

»Du hast echt einen Knall«, entgegnete Finn, knuffte seinem Freund aber an die Schulter und grinste schräg.

Ben atmete auf. Mit Finn war zumindest wieder alles im Lot.

 

*****

 

Vor der nächsten Sportstunde traf Ben sich mit Fiona auf dem Schulhof, wo auf einer erhöhten Abstufung zwei steinerne Tischtennisplatten mit Metallnetz standen. Er fühlte sich tatsächlich wie auf einer Bühne, oder besser: dem Präsentierteller. Vor Finn konnte er seine Absichten zwar rechtfertigen, aber das ging kaum vor der ganzen Schule, schon gar nicht vor einem leeren Schulhof. Genau diese Unberechenbarkeit machte die Situation so unangenehm. Überall konnten ein paar Augen auf ihn lauern und der Gerüchteküche neue Nahrung verschaffen.

Er warf seine Tasche auf eine Seite der Platte und suchte die Schläger.

Fiona hatte ihren mit einem Griff aus ihrem Rucksack geholt; ein lächerliches Brett mit Noppenbelag, vermutlich für zwei Euro fünfzig in einem Spielzeugladen gekauft. Zu dem hielt sie ihn, wie einen Schild vor sich, den Daumen der Länge nach auf die Rückseite gedrückt.

Ben hatte sich vor geraumer Zeit ein Tischtennisset gekauft, zu dem zwei Schläger wesentlich besserer Qualität gehörten. Da die dazugehörige Tasche dafür ausgelegt war, trug er auch meistens beide Schläger bei sich.

»Pack mal weg, das Teil«, sagte er mit einem Wink zu ihrem Schläger, »sonst kriegt der Ball noch Angst. Kannst einen von meinen haben.«

Sie gehorchte, doch die abfällige Bemerkung nahm sie als weitere Demütigung wahr. Er seufzte. Hätte vielleicht auch gereicht, ihr den Schläger anzubieten, ohne blöden Spruch.

»Okay, wenn du dir den Schläger mal genau anschaust, siehst du, dass unter dem schwarzen Belag nur eine Schwammunterlage ist, unter dem roten hingegen zwei. Dort kann der Ball also tiefer einsinken. Das bedeutet, mehr Ball berührt den Schläger und das bedeutet, bessere Ballkontrolle. Jetzt hältst du den Schläger bitte mal so wie ich, und zwar so, dass du mit der schwarzen Seite die Vorhand spielen kannst und mit der roten die Rückhand.«

Ben zeigte ihr seine Schlägerhaltung von beiden Seiten und demonstrierte Vor- und Rückhandschlag in der Luft. »Du siehst vielleicht, dass du so viel mehr Reichweite hast, als deine Schlägerhaltung. Ich spiel jetzt mal nur auf die Vorhandseite.«

Den ersten Ball traf Fiona überhaupt nicht, den Zweiten nur mit der Kante des Schlägers. Die weiße Kugel flog in hohem Bogen davon.

»Ich kann das nicht«, maulte sie, enttäuscht von sich selbst und warf den Schläger auf die Platte.

»Kann ich nicht, heißt: Will ich nicht«, versetzte Ben.

Fiona erstach ihn mit einem giftigen Blick., doch ihre Haltung enthielt etwas Resignierendes.

Ben legte seinen Schläger ab, ging um die Platte und erklärte: »Hey, es waren gerade einmal zwei Bälle. Du darfst einfach nicht verkrampfen. Bleib locker.«

Er nahm ihren Schläger und reichte ihn ihr auffordernd. Fiona zupfte ihn aus seiner Hand, wirkte aber nicht überzeugt. Also zeigte er ihr die Schlagbewegung noch einmal ohne Schläger. Sie folgte seiner unausgesprochenen Aufforderung, doch sie wischte nur unmotiviert durch die Luft.

Ben versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Ein Bewegungstalent war sie wirklich nicht. Er schaute sich gründlich auf dem Schulhof um, checkte die Fenster zum Hof. Niemand zu sehen. Also wagte er es. Er trat dicht hinter sie.

»Darf ich?«

Fiona antwortete nicht. Ein Mann so dicht hinter ihr, schien sie zu verunsichern. 

Ihre Hand war so viel schmaler als seine; feingliedriger, warm, zart. Er schob sich noch etwas dichter an sie heran und demonstrierte den Schlag. Einmal, zweimal. Ihren Rücken an seinem Bauch zu spüren fühlte sich so gut an..

»Siehst du«, hauchte er träumerisch. Sie schaute mit einem dicken Fragezeichen im Gesicht über ihre Schulter.

Er räusperte sich hastig und wiederholte, so als wolle er den anderen Satz vergessen machen, mit tiefer, fester Stimme: »Siehst du. So, eine fließende Bewegung. Ausholen...«

Er nahm eine Bewegung an einem der oberen Fenster wahr. Blonde Locken. Leonie schaute nach unten. Scheiße, ausgerechnet jetzt. Wenn sie ihn hier so sah? Wie stand er hier überhaupt? Wie ein notgeiler Tennislehrer auf Beutezug. Er sprang hastig einen Schritt zurück.

»Hab ich was falsch gemacht?«

»Äh, nein, nein, du machst das super!«, stammelte Ben. »Genauso wie ich es dir gezeigt habe. Einfach weiter, locker schwingen.«

Ben servierte weiter auf die Vorhand, doch seine Gedanken kreisten um Leonie. Wenn sie ihn nun so gesehen hatte? Was musste sie denken? Das machte doch alles kaputt. Also, er wollte sich natürlich um Fiona kümmern, wenn Leonie das gefiel, aber sie sollte auf keinen Fall den Eindruck bekommen, er wäre an Fiona interessiert. Es wäre ja mega blöd, wenn sie ihn am Ende mochte, sich aber zurückhielt, weil sie Fiona keinen Kerl wegschnappen wollte.

Ben bemerkte gar nicht, wie seine Schülerin in der Zwischenzeit tatsächlich Fortschritte machte. Es kam tatsächlich so etwas wie ein Ballwechsel zu Stande.

In der folgenden Sportstunde bemerkte Bey-Mai sofort: »Fiona, was sehen meine entzündeten Augen. Sie haben sich zu einer anderen Schlägerhaltung durchgerungen? Ausgezeichnet. Die Goldmedaille kann ich Ihnen noch nicht versprechen, aber wenn Sie sich zum olympischen Motto, ›Dabei sein ist alles‹, durchringen könnten, wäre ich schon begeistert. Melanie komm mal.«

Melanie spielte ebenfalls im Verein und kam zu ihrem Lehrer getrabt, der ihr erklärte: »Du spielst heute mit Fiona. Servier ihr einfach ein paar Bälle zum Üben der Grundschläge, bitte. Und du Fiona versuchst so gut zurückzuspielen, wie es geht. Versucht euch mal nicht auszuspielen, sondern den Ball so lange wie möglich in Bewegung zu halten, okay?«

Melanie verzog kurz das Gesicht, denn diese Aufgabe war natürlich keine Herausforderung für sie, doch da sie im schulischen Sportunterricht ihre Tischtennisfähigkeiten kaum steigern würde, war sie es gewohnt, als Aushilfstrainerin zu agieren.

Als Bey-Mai an der Platte vorbeiging, an der Ben spielte, schaute er eine Weile zu. Als der Ball im Netz hängenblieb und das Spiel unterbrach, fragte er: »Ihr Werk?«

Ben schaute etwas verdattert. »Da der Ball auf meiner Seite ins Netz gegangen ist, offensichtlich, oder?«

Bey-Mei quittierte das Mißverständnis mit einem milden Lächeln und nickte in Fionas Richtung.

»Geänderte Schlägerhaltung. Sie trifft Bälle und man könnte meinen, sie strengt sich heute einmal ernsthaft an.«

»Wieso soll das mein Werk sein?«, fragte Ben nervös gegen.

»Na ja, wie Sie letztens Partei für sie ergriffen haben und im Lehrerzimmer, spricht man ja auch...«

»Im Lehrerzimmer«, fiel Ben seinem Lehrer fast schreiend ins Wort.

Die anderen hörten auf zu spielen.

»Ist noch nicht Schluss«, ermahnte Bey-Mei geistesgegenwärtig. »Üben Sie bitte weiter.« Dann schickte er Bens Mitspieler weg und gab vor, selber ein paar Bälle spielen zu wollen.

»Ist doch nicht schlimm, Ben«, versicherte er, während die beiden sich locker den Ball zu spielten. »Ich find’s gut. Und der Kleinen tut es wahnsinnig gut, wenn ihr mal einer den Rücken stärkt. Frau Lesker ist auch total begeistert von Ihnen. Sie meinte vorhin erst, als Herr Niestard von einem kleinen Wortgefecht zwischen Ihnen und Kevin sprach, dass sie Ihnen so viel Mut gar nicht zugetraut hätte. Sie hätten sich in den Ferien offenbar vom Mitläufer zu einer Führungsperson entwickelt.«

Führungsperson. - Der Satz ging Ben natürlich runter wie Öl. Auf der anderen Seite bestürzte es ihn aber, dass sogar im Lehrerzimmer über ihn und Fiona gesprochen wurde. Wie mochte es dann wohl auf dem Schulhof sein?«

 

*****

 

Das weiße Seil leuchtet in der Dunkelheit und zieht ihn an, wie das Licht die Motte. Die Art, wie es gewunden ist, sagt ihm, dass ihre Arme gefesselt sind. Er spürt die Kraft, mit der er es festgezogen hat. Die Kraft einer Führungsperson. Er packt sie am Arm und zieht sie mit sich. Er sagt, wo es lang geht und sie folgt ihm willig. 

Und dann sieht er ihren nackten Rücken wieder. Samtene Haut in dämmrigem Licht. Das Tal den Ruckgrads, dass zwischen den Schulterblättern beginnt und langsam den Rücken hinabläuft, bis es kurz verschwindet, bevor die wunderschöne Schlucht in Sicht kommt, die ihren Po teilt. Kann es etwas Schöneres geben?

 Er spürt seinen Bauch an diesem Rücken. Weich, warm und dazu diese Sicherheit, dass sie niemals flüchten wird. Er muss sie nicht fesseln, damit sie bleibt. Er darf sie fesseln, weil es ihnen beiden Spaß macht. Er drückt seinen Schritt an ihren Po. Sein Penis wird hart und er gönnt ihr den Vorgeschmack, was sie gleich in sich spüren wird, in dem er die harte Rute in die Pobackenschlucht presst und sich daran reibt.

Er spürt ihren Schweiß, auf dem sein Penis durch die Ritze rutscht. Er suhlt sich geradezu darin wie ein Schwein im Matsch. Ist er ein Schwein? Ja, durchströmt es ihn, ein Glückssschwein, denn er besitzt sie, kann es mit ihr machen, wann immer er will, denn sie will, sie will es so sehr: Seine Macht spüren, sich ihm ausliefern.

Er versinkt in ihrer Wärme. Seine Bewegungen werden immer wilder. Sein Penis reibt sich. Gleich, gleich wird er... Kühle Luft weckt ihn.

Ben schubbert über die Matratze. Die Decke ist herunter gerutscht. Er fährt auf. Sieht sich verschreckt um. Hat jemand gesehen...? Natürlich nicht. Er ist allein in seinem Zimmer. Er hebt die Decke vom Boden auf und zieht sie wieder über sich. Sein Atem geht noch schnell und beruhigt sich nur langsam. Irgendwo in seinem Körper gibt es noch das verhallende Echo der Lust, die er eben noch empfand. Wo ist sie?

Und wieder quälte ihn das übermächtige Hungergefühl der Begierde. Wann durfte er es endlich wieder spüren?

 

*****

 

Eine Woche später ging Ben wieder mit einem Kloß im Bauch zur Schule, denn Herr Niestard hatte angekündigt, die Mathearbeiten zurückzugeben. Und so kam es auch. Er zog den Zettelstapel aus seiner altmodischen Aktentasche und ließ ihn mit einem lauten Klatsch auf den Tisch fallen. Mit ernster Mine sah er in die Runde und fragte: »War es so schwer?«

Es gab ein paar Ausrufe, die dies bestätigten, auf die Herr Niestard aber nicht weiter einging. Er drehte sich zum Whiteboard und schrieb den Klassenspiegel darauf. Dann ging er herum und teilte die Arbeiten aus.

Fiona blickte er mit einem offenen und einem zugekniffenen Auge an. »Was war denn mit Ihnen los, Fiona? Nur eine Eins minus. Etwas unkonzentriert mit Ihrem neuen Nachbarn, wie?«

»Geht schon«, meinte sie und nahm ihre Arbeit entgegen.

»Bei Ihnen hätte ich ja darauf geschworen, Sie hätten abgekupfert, wenn Sie nicht genau die Aufgabe richtig hätten, die ihre begabte Nachbarin falsch gemacht hat.«

Ben verstand kein Wort. Er sollte eine Aufgabe richtig haben?

Die Blätter segelten vor ihm auf den Tisch. Das konnte unmöglich seine Arbeit sein. Doch auf jeder der drei Seiten stand sein Name und es war unzweifelhaft seine Schrift. Er ging die Seiten einzeln durch. Aufgabe Eins strukturiert aufgelistet. Daneben in roter Schrift 6P. Die volle Punktzahl. Das war Zauberei, denn das hatte er nicht geschrieben. Aufgabe 2. Volle Punktzahl. Auf der zweiten Seite dann ein paar Punktabzüge. Er zog die letzte Seite hervor. Unten in der Mitte prangte eine rote Zwei, daneben die Punktzahl 39/44P. Das war unmöglich. Er musste träumen. Oder gab es doch einen Gott, der seine Gebete erhört hatte und ein Wunder vollbracht hatte?

Er blätterte die Seiten nochmals durch. Seine Augen suchten den Fehler. Was übersah er? Was stimmte hier nicht? - Doch es stimmte alles. Bis auf...

Ben stockte der Atem. Auf der letzten Seite war die linke untere Ecke abgerissen.

›Noch eins Bitte‹, hörte er vor seinem geistigen Ohr und dann das Ratsch, mit dem er die Seite nachlässig aus seinem Collegeblock gerissen hatte.

Sein Unterkiefer klappte wie eine Falltür nach unten. Das konnte nicht sein. Gottes Wunder saß neben ihm. Er schüttelte den Kopf, um endlich wach zu werden. Sie mochte vielleicht ein Rechengenie sein, aber eine Fälscherin? Und noch unlogischer: Sie ließ ihn nicht abschreiben, sondern schrieb stattdessen die ganze Arbeit für ihn. Und am unlogischsten: Sie machte in ihrer Arbeit einen Fehler, den sie in seiner nicht machte? Und wo war der Zettel, den er beschrieben hatte? Sie hatte ihn ihm aus der Hand gerissen, zu ihren getan und Herrn Niestard überreicht. Wann, wie, wo hatte sie...?

Er starrte sie fassungslos an.

»Alles in Ordnung, Ben?«, fragte Herr Niestard, als er zurück zu seinem Lehrerpult ging.

Ben regte sich nicht.

»Er ist wohl selbst etwas überrascht, wie etwas Lernen sich auszahlen kann«, erklärte Fiona.

»Ach, haben Sie... ?«

»Wir haben zusammen gelernt.«

Ihre Stimme klang schüchtern und unsicher wie immer, aber ihre Lüge ließ nicht mal den Hauch von Rot auf ihren Wangen erscheinen. Zum ersten Mal wurde Ben klar, dass er eigentlich nichts über sie wusste.

»Mit der gelernt«, ätzte irgendjemand. »Braucht man danach nicht Tetanus?«

»Als Bezahlung einmal Lecken, hä, Weber?«, schob Kevin nach.

Kollektive Ausrufe des Ekels erklangen.

»Anstatt so einen Schwachsinn zu erzählen, Kevin, sollten sie vielleicht über ähnlich Schritte nachdenken.«

»Nachhilfe bei der?« Er zeigte mit dem ausgestreckten Finger auf Fiona. »Da verreck ich doch lieber.«

»Nun, wenn das ihr Ziel ist, dann kann ich Ihnen bestätigen, dass Sie in Mathe auf einem ausgezeichneten Weg sind.«

»Ich hoffe, du nimmst mir die Zwei nicht übel, aber eine Eins hätte er dir nicht abgekauft.«

Flüsterte sie ihm gerade eine Entschuldigung zu?

Ben klappte seinen Mund einige Male auf und zu, ohne das ein Ton heraus kam. Dann endlich: »Warum?«

»Du machst Schule erträglich.«

Eigentlich hätte Ben sich über diesen Satz freuen müssen, doch er fühlte eine stumpfe Beklommenheit in seinem Magen. Er hatte in den letzten Tagen eine Ahnung bekommen, wie unerträglich ihr Schulalltag sein musste, - und er fühlte sich mitschuldig, denn vor den Sommerferien hätte er über Kevins blöden Witz auch noch gelacht.

»Immer kann ich das aber nicht machen«, erklärte Fiona. »Vor allem nicht in der Abiprüfung. Aber wenn du willst, können wir ja wirklich zusammen lernen. Mathe gegen Sport.«

Ben antwortete mit einem langgezogenen »Okay«. Er konnte immer noch nicht glauben, was passiert war. Fiona fasste seine zögerlich klingende Zustimmung natürlich anders auf.

»Du musst natürlich nicht.«

Endlich kam er zu sich. Er schüttelte den Kopf, packte die Zettel und hob sie an.

»Das ist meine Schrift«, flüsterte er angespannt. »Ich meine, ... wieso ... woher kannst du sowas?«

»Jeder hat halt so seine Talente.«

»Jetzt tu nicht so, als sei das ein ganz normales Hobby, wie reiten oder Briefmarken sammeln.«

»Kann dir doch egal sein!«, blaffte sie ihn plötzlich an und drehte ihm wieder die kalte Schulter zu.

Ben schluckte. Was hatte er jetzt schon wieder falsch gemacht? Okay, sie hatte ihm eine Zwei besorgt. Eigentlich sollte er ihr auf Knien danken, aber die Art, wie sie das gemacht hatte, war einfach unheimlich.

Sie saß wieder da, kerzengerade mit dem Gesicht zum Lehrer gewand. Ben erinnerte sich an das Gefühl ihres Körpers, seine Wärme, die weiche Haut ihrer Hand, die zierlichen Finger. Sie war, seit sie zusammen saßen, so menschlich geworden, spürbar, verletzlich. - Und er hatte sie wieder einmal verletzt. Das Schuldgefühl kroch in ihm herauf und setzte sich in seinen Hals. Sie hatte es gut gemeint. Konnte es ihm da nicht wirklich egal sein, woher sie dieses ungewöhnliche Talent hatte?

Es läutete. Fiona stand auf, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Das konnte Ben nicht zulassen. Er griff nach ihrer Hand und hielt sie zurück.

»Tut mir leid, Fiona. Ich wollte nicht... Also, es geht mich wirklich nichts... Ach, Scheiße. Danke. Eine Zwei ist super. Schon für eine Vier müsste ich dir die Füße küssen.«

Sie kehrte einen Schritt zurück, um den Zug auf ihren Arm zu entlasten und schaute auf die sie haltenden Hände.

»Interessantes Angebot. Ich denk drüber nach.«

Ben schmunzelte. Sie hatte sogar Humor.

»Und ich wäre dir echt dankbar, wenn du mir in Mathe etwas helfen könntest«, fuhr er fort.

»So viel Dankbarkeit? Sei vorsichtig. Wer weiß, was du dann noch alles küssen musst.«

Sie zuckte kurz mit der Hüfte und deutete für den Bruchteil einer Sekunde an, ihm ihren Po zuzudrehen. Ben verspürte ein Kribbeln im Bauch. Der kleine Hüftkick war echt sexy.

»Aber okay«, fuhr Fiona fort. »Soll ich zu dir...?«

»Hallo, ich bin der Schüler. Da brauchst du dir nicht den Weg machen. Ich komm zu...«

»Nein!«, wehrte Fiona sofort ab. Sie klang halb schroff, halb panisch.

Ben hatte gleich wieder Angst, etwas falsch zu machen und lenkte sofort ein: »Okay, okay, dann nicht.«

»Wir könnten uns ja in der Bücherei treffen. Hauptstelle in der Innenstadt.«

»Bücherei?«

 

*****

 

So trafen sich die beiden am nächsten Nachmittag in der Stadtbücherei. Als sie den Rückgabeschalter am Eingang passierten, nickte die pummelige Angestellte ihnen zu und grüßte: »Hallo Fiona.« Ihre kleinen Augen musterten die athletische Gestalt Bens von oben bis unten und schenkte Fiona darauf hin ein so eindeutig zweideutiges Lächeln, das diese sich genötigt sah, zu erklären: »Nur Mathe Nachhilfe.«

»Wie schade.«

Ben sah etwas verunsichert zwischen den beiden Frauen hin und her. Auf der Treppe kam ihnen ein schnurbärtiger Büchereiangestellter entgegen.

»Hallo Fiona. Der Stimmer war übrigens gestern hier.«

Fiona atmete auf. »Ah, super. Das wird den Ohren guttun.«

Ben schaute dem Mann nach und fragte dann: »Wohnst du hier? Oder warum kennen dich alle?«

»Na sagen wir: Ich bin oft hier.«

Die beiden setzten sich an einen kleinen Tisch in der Philosophieabteilung; einer der sichersten Orte, wo nie jemand auftauchte, meinte Fiona. Dort erklärte sie Ben geduldig, wobei sie in jeweils ein Buch oder einen Block schauten. Der gelehrigste Schüler war er - zu seinem eigenen Bedauern - nicht. Mathe erschien ihm mittlerweile einfach zu abgehoben. Wozu brauchte man so etwas? Als er einmal glaubte, endlich eine Stelle verstanden zu haben, und in dem Meer aus Buchstaben etwas wiederzuerkennen, beugte er sich vor. Fiona wollte offenbar noch eine weitere Erläuterung hinzufügen und machte die gleiche Bewegung, so dass sie mit den Köpfen zusammenstießen.

Nach langgezogenen »Ahs« und dem Reiben der getroffenen Kopfpartien trafen sich ihre Blicke. Sie mussten lachen.

»Tschuldigung«, sagte Ben. »Jetzt raucht mein Kopf nicht nur, jetzt brummt er auch noch.«

Fiona verstand den Wink und meinte: »Genug für heute?«

Ben nickte erleichtert.

»Trinken wir noch einen Kaffee zusammen.«

Fiona lächelte auf eine besondere Art, die Ben Geldknappheit vermuten ließ.

»Ich lad dich ein.«

Ihr Lächeln hatte einen kurzen Anflug von Dankbarkeit, dann schaute sie aber auf ihre Uhr.

»Danke, aber um halb fünf hab ich die Übezelle.«

»Übezelle? Willst du einen Banküberfall begehen und übst schon mal Gefängnis, falls es schief geht?«

Sie schmunzelte.

»Blödmann. Es gibt hier in der Bücherei auch zwei Musikübezellen, mit je einem Klavier. Und um halb habe ich den Raum eine Stunde.«

»Du spielst Klavier?«

Sie nickte.

»Und was?«

Sie schaute schuldbewusst auf die Tischplatte, so als wisse sie, dass die nächste Information nicht zu ihrer Beliebtheit beitragen wird.

»Meistens Klassik.«

Bens Gesicht hellte sich zu ihrer Überraschung auf.

»Und zwar? Beethoven, Mozart, Bach?«

»Derzeit übe ich Fanny Hensel.«

»Die Schwester von Felix Mendelssohn-Batholdy?«

»Die kennst du?« Fionas Gesicht hellte sich auf.

»Na ja, also in meiner alten Schule war ein Mädchen, die hat ein Buch über sie gelesen. ›Die verkannte Schwester‹ oder so. Und ich hab mich interessiert gezeigt, weil...«

Fiona grinste.

»Baggerstrategie?«

Ben spürte, wie ihm eine leichte Röte ins Gesicht zog.

»Erfolgreich?«

Er schüttelte den Kopf. Um aus der peinlichen Situation zu gelangen, versuchte er, ein anderes Thema anzuschneiden: »Wie wär’s mit einem Tausch. Ich darf zuhören und dafür lade ich dich danach auf einen Eiskaffee ein?«

Fiona überlegte ernsthaft. Der Gedanke, mit Ben einen Kaffee trinken zu gehen, schien ihr durchaus zu gefallen, doch der Preis schien höher zu sein, als Ben gedacht hatte. Er sah ihr an, dass sie sich auf unbekanntes Terrain begab, als sie mit einem langgezogenen »okay« antwortete. Entsprechend unsicher schloss sie einige Zeit später auf, nachdem sie die Noten aus der Musikabteilung geholt und sich den Schlüssel für den kleinen Raum hatte geben lassen.

Die Zelle hatte ihren Namen wirklich verdient, ein fensterloser Raum von vielleicht zweimal zwei Metern und auch keinen Zentimeter höher. Eine einzelne Neonröhre verstrahlte kaltes Licht. Das Klavier an der Tür gegenüberliegenden Seite wirkte mit seinem Nussbaumholz vor der grauen Wand und dem struppigen Teppich, wie das letzte Lebewesen in einer Steinwüste. Neben der Klavierbank gab es noch einen schlichten Stuhl.

Fiona legte die Noten erst einmal oben auf das Klavier, setzte sich und stellte die Höhe der Klavierbank ein, während Ben sich den Stuhl zurückzog und sich in gebührendem Abstand niederließ.

Fiona schlug das Notenbuch auf, stellte es auf den Notenhalter, sammelte sich, legte die Finger auf die Tasten und begann zu spielen. Es erklang ein dunkles Basstremolo beschwörend wie eine Zauberformel und mit der nur Sekunden später einsetzenden dramatischen Akkordmelodie schien ein anderer Mensch geboren.

Verschwunden war die Tischtennisgrobmotorikerin, verschwunden war das schüchterne Lämmchen, das überall um sich herum seine Schlachter zu fürchten schien. Plötzlich bewegte sich Fionas Oberkörper voller Anmut. Ihre Finger schienen genau zu wissen, was sie tun. Mal griffen sie beherzt in die Tastatur, mal schienen sie sie zu streicheln. Ihr Körper spannte sich und auf einmal erschien es Ben, als wiche ihre unpassende Kleidung jeder Bedeutung und heraus wirkte ein attraktiver Frauenkörper, der Bens Kehle trocknete. Er erinnerte sich an ihre Berührung vor der Tischtennisplatte. Wie mochte sie sich nun, wo jeder Muskel gestrafft schien, und sich nach den dynamischen Melodiebögen der Musik bewegte, anfühlen?

 

*****

 

Das weiße Seil schlingt sich straff um ihre Ellenbogen und Handgelenke. Er hat den Strang des Seils gepackt, der diese beiden Wicklungen miteinander verbindet und hält sie. Ein Zug daran und sie richtete sich auf. Seine Hände greifen um sie herum nach ihren kleinen Brüsten. Sie gehören ihm. Er kann sie kneten so lange und so stark er will und er macht von dieser Macht reichlich Gebrauch. Kneten, massieren, quetschen, bis sie einen gequälten Laut von sich gibt. Er kann nicht genug davon bekommen. Er reißt ihren Kopf an den Haaren in ihren Nacken, will ihr gierig in den Hals beißen, doch einige Strähnen verdecken ihn. Sanft streicht er sie mit den Fingern hinter ihr Ohr und entblößt so die Haut.

Ihre Halsschlagader pulsiert vor Aufregung. Er kann die Wärme des Blutes beinahe spüren. Er beißt zu. Sie lacht auf. Er beißt und küsst und ihr Lachen wird zu einem Stöhnen. Die Lust zwingt sie, sich zu bewegen. Sie windet sich, doch die gefesselten Hände und sein Griff in ihre Haare machen ein Entkommen unmöglich.

Sie will auch nicht entkommen, sie will seine Macht spüren und er gibt sie ihr zu spüren. Ein Prickeln fliegt durch seinen harten Penis und er weiß, dass er in ihr steckt, tief in ihr steckt. Er fickt sie, hart und leidenschaftlich und sie stemmt sich seinen Stößen entgegen. Sein Penis ist so hart, so unerbittlich hart. Ihre nasse Spalte rutscht um ihn herum; vor, zurück. Es ist so geil, so wahnsinnig geil. Er fickt seine gefesselte Sklavin, die sich nichts mehr wünscht, als von ihrem Herren rücksichtslos genommen zu werden.

Er fickt und fickt und fickt in diese Feuchtigkeit diese unbeschreibliche Feuchtigkeit, die Feuchtigkeit, die an seinem Unterbauch klebt. Irgendwie eklig. Was ist los?

Und wieder ist da nur die Matraze eines riesigen, einsamen Bettes. Ben hechelt, ist erschöpft, doch diesmal fühlt er sich erleichtert; und feucht.

Ist das gerade wirklich passiert?

 

*****

 

Der nächste Schultag endete mit einer Überraschung. Leonie blieb auf dem Weg zur Tür vor Ben stehen, der noch seine Bücher in seinem Rucksack verstaute.

»Hi«, grüßte sie mit ihrem bezaubernsten Lächeln.

Ben schmolz bei ihrem Anblick dahin.

»Hi.«

»Ich geb am Samstag eine kleine Party. Habt ihr lust, vorbeizukommen?«

Bens Herz begann, freudig zu pochen. Eine Einladung von Leonie. Seine Gedanken schlugen Purzelbäume. Eidlich würde er sie nicht nur in der Schule treffen. Und dann auf einer Party. Er konnte sie zum Tanzen auffordern. Ein langsamer Schmusetanz. Ihre Arme um seinen Nacken, seine um ihre Hüften - und er spürte ihren Körper an seinem. - Woran erinnerte ihn das? Die hungrige Begierde in seinem Bauch gab ihm die Antwort.

»Klar!«

»Ich weiß nicht...«

Ich weiß nicht? Wieso das denn? Wie konnte man bei einer Einladung zu Leonies Partys zögern und dann wurde ihm klar, wer da gesprochen hatte. Fiona! Sie saß neben ihm. Leonie hatte nicht nur ihn angesprochen.

Bens Kehle verengte sich. Er sollte zusammen mit Fiona auf Leonies Party? Also, in der Bibliothek mit ihr abzuhängen, das ging ja, da kam eh nie einer der Schulkameraden vorbei, irgendwo in einem x-beliebigen Eiscafe ging auch, aber bei Leonie? Dort würde fast die gesamte Oberstufe zusammen kommen. Im hatte der eine Zettel schon gereicht. Auf so einer Party - das wäre sein Tod. Zu dem war Leonie auf Leonies Party und er wollte Leonie. Doch wenn er mit Fiona kam? Sie einfach links liegen lassen? Das würde auch Leonie nicht gut heißen. Aber wie sollte er mti Leonie zusammen kommen, wenn Fiona wie eine Klette an ihm hing. Aber zum Glück zweifelte sie ja selber.

Ben ließ den Blick demonstrativ durch den Raum schweifen, und hoffte, Fiona würde diesem folgen und noch einmal einen Blick auf all die Leute werfen, die sie stets in die Pfanne hauten.

»Mhm«, brummte sie, seinem skeptischen Rundblick zustimmend. Ben schöpfte Hoffnung.

»Ach, Quatsch«, winkte Leonie entschieden ab. »Wenn dir einer blöd kommt, sagst du bescheid. Ich bin da und natürlich hast du ja auch Ben an deiner Seite.«

Die letzten Worte waren wie ein Stich durch das Trommelfell. Wie konnte Leonie so etwas sagen. Er hatte sich so viel Mühe mit Fiona gegeben, aber doch nur für sie, für Leonie. Das sollte sich doch nun endlich bezahlt machen. Sie musste doch selbst merken, dass sie Ben unmöglich mit Fiona zusammen einladen konnte.

›Du willst nicht‹, versuchte Ben an Fiona zu telepathieren.

»Na komm schon«, ermunterte Leonie sie hingegen. Dann stubste sie Ben mit dem Ellenbogen an. »Sag doch auch mal was, Ben? Party ohne Fiona willst du doch auch nicht, oder?«

Ben fluchte innerlich. Jetzt saß er in der Patsche. Die Wahrheit zu sagen, hieße, sich bei Leonie unbeliebt machen. Das wollte er auf total überhaupt gar keinen Fall. Aber ihrer Forderung nachzukommen, bedeutete... Scheiße! Er bemühte sich, um ein ehrliches Lächeln - Wie konnte etwas ehrlich aussehen, wenn er unter der Haut spürte, wie er die Mundwinkel nur durch seinen strengen Willen anhob.

»Ja, klar«, presste er hervor. »Samstag ist Partyzeit. Wird bestimmt lustig.«

Fiona strich ihr Haar hinter ihr Ohr. In diesem Moment hasste Ben diese Geste, und er hasste sich, dass er durch diese winzige Bewegung so angreifbar war.

»Ben holt dich auch bestimmt ab«, legte Leonie - ohne jede Absprache mit ihm - noch einen Grund für Fiona dazu, sich einen Ruck zu geben.

»Nein!«, bellte Fiona jedoch plötzlich ihre Antwort, wie ein in die Enge getriebener Hund. Gleich darauf sammelte sie sich und fuhr überspielend fort: »Das tut nicht nötig. Ist bestimmt ein großer Umweg für ihn. Wir können uns ja irgendwo treffen.«

Bens Lächeln verkrampfte. Das konnte ja heiter werden.

 

*****

 

Ben und Fiona besprachen einen Treffpunkt und so trafen sie sich am Samstag und fuhren gemeinsam zu Leonie. Sie wohnte in einem vornehmen Stadtviertel. Das Haus war dreistöckig, ein moderner Bau mit viel Glas und Flachdach, wie aus großen, weißen Bauklötzen zusammengesetzt. Die Party lief schon, als die beiden eintrafen. Lionie begrüßte sie freudestrahlend. Sie trug ein enganliegendes, goldenes Paillettenkleid, dessen Rock ihr knapp über den Po reichte. Zusammen mit ihren blonden Locken fehlten eigentlich nur die Flügel, um sie als perfekten Engel darzustellen - aus männlicher Sicht, versteht sich.

Bens Augen weiteten sich bei ihrem Anblick. Sie war perfekt geschminkt, was Augen und Lippen noch besser zur Geltung brachte. Hatte er bei der Begegnung mit Fiona noch gedacht, dass sie heute zum Glück nicht mit Kordhose und Strickjacke auflief, so verglühte sie mit ihrer schwarzen Stoffhose und der cremefarbenen Bluse, die dann doch wieder zu sehr an Omas Geschmack erinnerte.

»Hi ihr beiden, kommt rein.«

Leonie führte sie ins mehr als großzügige Wohnzimmer. Ben und Fiona blickten sich gleichermaßen beeindruckt um. In einer Ecke baute sich eine richtige Bar auf mit Theke und beleuchtetem Gläser- und Getränkeregal. Auf der anderen Seite bildete eine Sitzgruppe mit drei Sofas und einem Sessel um einen quadratischen Couchtisch fast einen Raum im Raum. Die Sofas und der Sessel waren mit schlichten Decken verhüllt, die nicht so recht in die Raumoptik passen wollten. Ben vermutete, dass sie dem Schutz der Möbel vor der jungen Meute, die das Zimmer bevölkerte, dienten. Zur großen Fensterfront hin stand ein schwarzer Flügel.

»Spielst du auch Klavier?«, fragte Ben, als sie Richtung offener Terrassentür daran vorbeigingen.

Leonie drehte sich im Gehen zu ihm um und schüttelte den Kopf.

»Nein, ist mehr die Domäne meiner Mutter. Du etwa?«

»Nein«, gestand Ben, nickte aber zur neben ihm gehenden Fiona.

»Echt? Du spielst Klavier?«

Die Frage riss Fiona aus der großäugigen Betrachtung des Raumes. Sie lächelte wie immer verlegen, senkte den Kopf und ließ den Schleier ihrer Haare wieder fallen, nickte aber und gestand: »Ein bisschen.«

»Ein bisschen?«, wiederholte Ben voller Hohn über ihre Untertreibung..

»Spielst du uns etwas vor?«, bat Leonie begeistert.

»Ich?«

»Ja.«

»Jetzt?«

»Na, klar!«

Mit diesen Worten eilte Leonie auch schon davon, und schaltete die Musik aus. Sofort erklangen Protestrufe, die sie jedoch übertönte: »Hört mal her, Leute. Wir haben eine Pianistin unter uns, die sich bereit erklärt hat, ein kleines, improvisiertes Konzert zu geben.«

Fiona erstach Ben mit einem Blick. Dieser verteidigte sich stammelnd: »Ich wusste doch nicht, dass sie gleich...« Dann aber besann er sich und erwiderte Fionas Blick. »Was machst du dir eigentlich für Sorgen? Du spielst super.«

»Ich hab aber kein Partyprogramm«, zischte Fiona. »Hier will doch keiner Fanny Hensel hören.«

»Bei mir hast du dich auch verschätzt.«

Fiona wirkte nicht überzeugt, aber sie ließ sich von Ben und Leonie zum Flügel führen, setzte sich auf die Klavierbank und öffnete den Tastendeckel. Ihr Blick glitt ehrfürchtig über die schwarzen und weißen Tasten, dann streichelte sie sie mit den Fingern, bevor sie sich traute, die erste Taste zu drücken. Sie spielte ein paar Akkorde und riss kurze Läufe an.

»Wahnsinns Klang«, lobte sie ehrfurchtsvoll.

»Keine Ahnung«, räumte Leonie ein. »Ich hör da keinen Unterschied. Klavier ist Klavier, oder?«

Fiona antwortete nicht, sondern machte sich spielbereit. Bevor sie anfing, sagte sie, da inzwischen viele Partygäste, Leute, die ihr in der Schule bestenfalls keine Beachtung schenkten, neugierig zum Flügel gekommen waren: »Ich kann aber nur Klassik.«

»Ist ja egal. Spiel!«, wiegelte Leonie ab und Fiona ließ wieder das dunkle Tremolo erklingen, nach wenigen Akkorden schien sie die Welt um sich  vergessen zu haben und lebte nur noch für die Musik. Das bemerkte jeder und so wurde es augenblicklich mucksmäuschenstill.

»Wer ist das denn?«, flüsterte Leonie zu Ben.

»Unglaublich, oder?«, antwortete dieser. »Wie ein anderer Mensch.«

Er hatte sich dabei zu Leonie gedreht um direkt in ihr Ohr flüstern zu können. Sein Herz klopfte. So nah war er ihr noch nie gekommen. Er betrachtete die Ohrmuschel, verfolgte jede Windung mit den Augen. Ein kleiner silberner Delfin baumelte am Ohrläppchen. Dahinter kräuselten sich ihre goldenen Locken. Der Schwung ihres Nackens verzauberte ihn. Ob er es wagen sollte, eine Hand auf ihren Rücken zu legen? Und von dort vielleicht...?

Er stellte sich noch ein bisschen dichter neben sie. Ihre Schultern berührten sich und er streckte seine Hand hinter ihrem Rücken aus. Plötzlich räusperte sich jemand.

Ben zog seine Hand blitzschnell zurück und schaute erschrocken hinter sich. Dort stand ein Mann mit silbergrauen Schläfen und bordeauxrotem Hemd, das in einer schwarzen Jens steckte. Der Mann nickte Ben höflich zu, wandte sich dann aber zu Leonie.

Ben atmete auf. Offensichtlich hatte ihr Vater nicht bemerkt, wohin Bens Hand gerade unterwegs war. Gleich bei seinem ersten Annäherungsversuch erwischt zu werden, wollte er auch nicht.

Leonie bemerkte den Neuankömmling nicht gleich, sondern blieb noch länger in Fionas Vortrag vertieft. Nach einer kurzen Berührung ihrer Schulter drehte sie sich um und ihr Gesicht verwandelte sich. Hatte Ben geglaubt, sie habe ihm schon einmal ihr glücklichstes Lächeln geschenkt, doch das stimmte offenbar nicht. Bei dem Anblick ihres Vaters erstrahlte ihr ganzes Gesicht, die Augen weiteten sich voller Freude und ihre Zähne strahlten zwischen ihren Lippen hervor.

»Hi«, hauchte sie, um Fionas Klavierspiel nicht zu stören, doch die Glückseligkeit, die darin mitschwang, zwickte Ben ein wenig. Aber eifersüchtig auf den Vater? Nein, das brauchte er eigentlich nicht sein. Sie hatte ihn wohl lange nicht gesehen, denn sie breitete die Arme aus und schlang sie um seinen Hals. Sie küssten sich - mit nicht übermäßig gespitzten Lippen. Eigentlich sogar mit ziemlich umfassender Breite ihrer Münder. Es sah fast so aus, als würden die beiden knutschen. Der Kuss dauerte immer länger und länger und - Ben musste blinzeln - fuhr der Kerl mit seinen Händen gerade über die Stelle von Leonies Körper, die Ben gerade schüchtern bescheiden mit seiner angesteuert hatte?

Was war das denn für ein Vater, dachte Ben entsetzt.

Als Leonie seinen fassungslosen Blick bemerkte, löste sie sich, lächelte ein bisschen verlegen und sagte: »Ihr kennt euch ja noch nicht. Das ist Ben, ein Schulkamerad. Und das ist Michael, mein Freund.«

Ben fühlte sich, als hätte man ihm den Teppich unter den Füßen weggezogen. Hatte sie gerade ›Freund‹ gesagt? Und meinte sie damit etwa nicht nur einen Kumpel, sondern den - also ihren richtigen, festen Freund? So, wie sie sich gerade geknutscht hatten, konnte daran kein Zweifel bestehen, aber das konnte doch nicht sein. Selbst wenn Ben mal einen Moment Finns Realismus aufnahm und eingestand, dass Leonie für ihn vielleicht doch eine Nummer zu groß war, so konnte sie doch aber nicht mit so einem... Wie sollte er so jemanden nennen? Der Knacker hatte die Vierzig doch locker hinter sich gelassen. Seine Haare wurden schon grau. Der hatte bestimmt eine Frau und zwei entzückende Kinder zu Hause, denen er gerade vorgelogen hatte, auch Samstagabend ins Büro zu müssen. Das war doch unter Garantie ein von der Midlifecrisis geschüttelter Stelzbock, der den Kampf gegen die Anzeichen des Alters damit bekämpfte, in dem er versuchte, junge, knackige Mädchen flach zu legen. - Aber es konnte doch nicht angehen, dass Leonie, dieses intelligente, emanzipierte Mädchen, die jeden Mann haben konnte, den sie wollte, ausgerechnet auf so einen notgeilen Sack hereinfiel; dass sie, die sich mit Fiona solidarisierte, einer anderen Frau, die diesem Kerl vermutlich die besten Jahre ihres Lebens geschenkt hatte, mit so einer unwürdigen Affäre in den Rücken fiel.

Der Schock saß tief. Da kam das Ende von Fionas Vortrag gerade recht. Beifall brandete auf und Begeisterungsrufe wurden laut. Ben konnte sich für einen Moment damit Ablenken, dass er Fiona diesen ersten Erfolg in der Gruppe von Herzen gönnte. Ihre Wangen glühten rot. Die Bewunderung, die sie nun zu hören bekam, schienen ihr peinlich zu sein. Sie versuchte, demütig auf die Tasten zu schauen, doch ihr Blick brach immer wieder aus und schien jedes Mal aufs Neue überprüfen zu wollen, ob es Wirklichkeit oder nur ein Traum war.

Schließlich verteilte sich die Menge wieder. Fiona saß weiter am Klavier.

»Na, siehst du«, meinte Ben, »lief doch besser als gedacht, oder?«

Sie strahlte ihn an. Er versuchte, ihr freudiges Lächeln zu erwidern, aber es fiel ihm schwer. Er musste kurz zu Leonie blinzeln. Sie hatte sich mit dem Kerl zu einem Bücherregal zurückgezogen, wo er ihr, wie ein verliebter Kater, am Ohr knabberte und wohl irgendein Liebesgesäusel abließ. Leonie verdrehte zumindest affig verliebt die Augen. Wie lächerlich das aussah, dachte Ben; nicht zu ertragen, zumindest nicht nüchtern.

»Los, komm, lass uns mal schauen, wo wir etwas zu trinken bekommen.«

Er reichte Fiona die Hand und sie nahm sie, aber sein brummiger Ton verwunderte sie.

Sie fanden auf der Terrasse eine improvisierte Bar auf ein paar Campingtischen aufgebaut, wo man sich Caipirinhas mixen konnte. Ben nahm zwei Gläser und füllte sie mit zerstoßenem Eis.

»Ich trinke eigentlich keinen Alkohol«, erklärte Fiona.

»Und eigentlich spielst du Klavier auch nur für dich selbst. Aber heute ist eben Party. Komm, sei kein Frosch, trink!«

Er schob ihr das Glas hin. Fiona betrachtete es einen Moment, dann aber griff sie zu und meinte: »Okay, Party.«

Sie stießen an. Ben schlürfte seinen in Sekunden leer und schenkte sich nach. Er bemühte sich, nicht ständig zu Leonie zu schauen, aber es gelang nicht. Sie schleppte ihren Liebsten auf die Tanzfläche, wo der alte Knacker sich alle Mühe gab, jugendlich lässig herum zu hampeln. Bens Eifersucht kochte. Er knallte sein Glas auf den Tisch, dass Fiona erschrak. Er lächelte sie überspielend an.

»Hast du Lust zu tanzen?«

Die Antwort wartete er nicht ab, sondern ergriff ihre freie Hand und zog sie mit. Fiona hatte Mühe, ihren Caipi noch sicher abzustellen.

Sie hatten die Tanzfläche gerade erreicht und sich in den Rhythmus eingefunden, als die Musik herunter gezogen wurde.

Die Tanzenden drehten sich um. Am Laptop stand Kevin. In der einen Hand eine Bierflaschen - mit Sicherheit nicht seine erste - mit der anderen bediente er das Touchpad. Auf die fragenden Blicke rief er: »Ich sehe gerade Romeo und Julia haben die Tanzfläche betreten.« Allen war klar, wen er damit meinte.

»Und speziell für das junge Glück, hier, ein süßer Schmusesong.«

Eine kitschige Popballade erklang.

Einige lachten und starrten auf Ben und Fiona. Andere gingen einfach. Leonie und ihr Freund hielten auf Kevin und den Laptop zu.

Fiona seufzte. Entweder hatte sie sich so auf das Tanzen gefreut, oder Kevins Stich hatte sie voll getroffen. Sie ließ die Schultern hängen, drehte sich ab und wollte von der Tanzfläche gehen.

Ben hätte Kevin den Hals umdrehen können, doch er wollte auf Leonies Party - Eifersucht hin oder her - keine Schlägerei vom Zaun brechen. Er musste Kevin anders eins auswischen. Kurz entschlossen griff er Fionas Hand.

»Wir werden ihm jetzt nicht den Gefallen tun und klein beigeben.«

Er spürte eine kurze Gegenwehr, bevor sie sich von ihm zurückziehen ließ.  Ihr Kopf sank nach vorne. Der Blick flüchtete verlegen auf den Boden und der Vorhang ihrer Haare fiel. Ben wusste, was sie als Nächstes tun würde. Er dachte nicht über ›soll ich oder soll ich nicht‹ nach. Er reagierte ganz automatisch, so ls sei es die selbstverständlichste Geste der Welt.

Er krümmte die Finger seiner linken Hand, den kleinen Finger leicht abgespreizt, wie beim vornehmen Teetrinken, der Daumen zur Decke zeigend. Sein Ringfinger nahm die Haarsträhne auf, berührte den oberen Rand ihres Ohres, glitt zärtlich darüber und schob die Haare langsam, ganz langsam, gerade zu genießerisch dahinter. 

Fiona schloss die Augen. Ben meinte, ein kurzes Zittern zu spüren, als er die Hände um ihre Taille legte. Fröstelte sie vor Angst? War es ein Schauer des Wohlgefallens? Oder war sie ganz einfach kitzlig?

Er begann, sich im Rhythmus der Musik zu wiegen, und sie folgte seinen Bewegungen.

Sie fühlte sich so gut an. Ben zog sie noch etwas dichter an sich heran. Ihr schlanker Körper schmiegte sich weich an seinen. Bewegungen zu Musik schienen ihr zu liegen. Ihre Hüften kreisten in sanften Wellen. Und sie roch gut. Vanillie, Mandel, der Duft ihrer Haut. Ben schloss die Augen und genoss, als würde er an einem kalten Wintertag an einem warmen Kuchen schnuppern. Die Rundung, mit der ihr Hals auf die Schulter lief; Bens Lippen meinten, puren Samt zu berühren. Und dann erst die Rundung ihres Pos. Eine einzige, sündige Versuchung. Tanzte er schon eine Stunde oder erst eine Sekunde so? Zeit verlor jede Bedeutung. So wollte er sie ewig halten.

»Warum tust du das?«, flüsterte sie.

Warum? Ben zuckte in Gedanken zusammen. Die Sinnlichkeit verflog und Wolke sieben zerplatzte wie eine Seifenblase. Er stand wieder ganz auf dem Boden; in Leonies Haus; seine Hände auf Fionas Po und seine Lippen an ihrem Hals; und das in der Mitte einer Horde ungläubiger Gaffer.

Warum?

»Na...« Er brachte seine Hände auf das neutrale Gebiet ihres Rückens und hob den Kopf. »... na... weil - wir waren immer so gemein zu dir - und da dachte ich...«

Fiona stoppte ihre Bewegungen abrupt und drückte ihn von sich.

»Wir waren gemein? Ist das hier so eine Art Mitleidsnummer?«

Ben wusste nicht, was er sagen sollte. Er öffnete und schloss seinen Mund zwar, doch es wirkte mehr, wie ein Fisch auf dem Trockenen, denn es kam kein Ton heraus.

Fiona starrte ihn ungläubig an. Tränen schossen in ihre Augen. Sie riss sich los und rannte davon.

 

(c) 2016 Florian Anders

 

 

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Kommentare

ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht. Schöne Geschichte rund um das Thema "hässliches Entlein". Gut geschrieben, ich war mittendin.

In reply to by Tony 2360

Hätte ich statt 1/2 lieber Erster von zwei Teilen schreiben sollen? So endet die Geschichte doch nicht.

Wieder eine sehr schöne Geschichte. Hoffentlich dauert es mit der Fortsetzung nicht wieder nicht wieder über ein Jahr.

 

absolutist

 

Dem Wunsch nach baldiger Fortsetzung schließe ich mich gerne an. Ich hoffe ja - wie bei jedem zünftigen Märchen (das Stichwort „hässliches Entlein“ ist ja bereits gefallen) - auf ein schönes Happy-End; zumal im vorliegenden Fall Ben offenbar gar nicht so tief bohren muss, um auf den Schwan zu stoßen. Stellt sich eher die Frage, was sie an ihm findet ;-)

 

Myka Night

Also eigentlich mag ich keine Abiturienten-Storys, ich hab wohl schon zu viele Highschool-Liebesfilme gesehen, und mit Anfang Vierzig gehöre ich leider schon zur Lehrerzimmer-Fraktion und damit nicht unbedingt zur Zielgruppe...

Aber du hast diese Geschichte so schön langsam aufgebaut und sie mit so vielen liebevollen kleinen Details gespickt, dass ich mit jeder Zeile faszinierter weiterlesen musste. Also mich hast Du gefesselt und ich bin sehr gespannt wie es weitergeht, lieber Florian.

Sechs Sternchen von mir...

LG, Myka