Im Unterholz - Teil 2

 

Rüde werde ich von ihm an meinem Schopf in die Höhe gerissen. Bestrebt, dem äußerst schmerzhaften Zug auf meine Kopfhaut zuvorzukommen, bin ich wieselflink, auf die Beine zu kommen und werde auf der Stelle mit fortgerissen. Ein paar Mal bleibt mein Fuß an einem Baumstamm hängen. Aber nicht eine Sekunde verlangsamt mein Entführer sein Tempo. Hin und wieder drohe ich hinzufallen, aber dank seines festen Griffes, ist das unmöglich. Dann bleibt er abrupt stehen, nimmt mich hoch und wuchtet mich über eine Schulter. Daraus, dass er nicht schwerfälliger voranschreitet als zuvor, obwohl er nun mein Gewicht trägt, schließe ich, dass er kräftig sein muss.

Irgendwann vernehme ich ein Quietschen. So, als öffne sich eine Tür. Wenig später fliege ich unsanft auf den Boden und pralle mit dem Rücken gegen eine Wand. Unter mir muss so etwas wie Heu sein. Es kitzelt an meinem Hintern und den Oberschenkeln. Ich habe noch nicht einmal richtig Atem geholt, da legt sich etwas Kaltes, Starres um meinen Hals. Mein Hinterkopf wird durch den Druck, dem ich unweigerlich nachgeben muss,  gegen die Wand gepresst. Nach einem metallenen Geräusch sitzt mein Hals fest in einer Verankerung und eine Kante drückt sich gegen meinen Unterkiefer. Daher strecke ich bereitwillig meinen Kopf in die Höhe so weit es geht.

 „Bitte“, bringe ich zaghaft heraus. „Ich habe Sie doch noch nicht einmal gesehen. Setzen Sie mich doch einfach irgendwo aus. Niemand würde mir glauben, wenn ich von einer Frau mit Hühnern berichten würde. Und wenn, das alles ist ja noch nicht einmal strafbar, was da passiert ist. Sie haben nichts von mir zu befürchten.“  Mittlerweile würgt mich nicht nur das starre Eisen an meiner Kehle, sondern auch die Verzweiflung beginnt, sich Bahn zu brechen.

„Vielleicht geht es um meine Reputation, Fotze. Daran schon mal gedacht? Vielleicht auch um etwas anderes“, stößt er aus, während ich bemerke, wie er mich so zurechtrückt, wie er mich offenbar gerne sehen möchte: die Beine weit nach rechts und links gespreizt. Intuitiv weiß ich, dass ich nicht meinem Reflex folgen und sie schießen sollte.

„Bleib so“, befiehlt er prompt und ich höre, wie sich seine Schritte etwas entfernen. Plötzlich ist er wieder seitlich vor mir.

„Sie könnten doch behaupten, ich sei verrückt, wenn ich jemandem erzählen sollte, was ich gesehen habe. Aber ich werde so oder so zu niemandem ein Wort sagen, glauben Sie mir doch bitte.“

Mein Flehen wird jäh von einem Geräusch unterbrochen, das ich zunächst nicht einordnen kann. Bestürzt erkenne ich es aber schließlich. Eine Kette, es muss eine sehr massive sein, wird auf dem Holzboden, auf dem ich sitze entlanggezogen. Ich kann sie nicht nur hören, sondern auch an den kleinen Stößen, die sich vom Holzboden auf meine Sitzfläche übertragen, spüren, dass es sich um schweres Eisen handeln muss. Vor Entsetzen zucke ich zusammen. Aber natürlich lässt er sich dadurch nicht beirren. Und schon legt sich kalt und starr Eisen um meine Fessel und spreizt noch ein kleines Stück mehr.

„Nein“ stoße ich nur aus und will mein Bein etwas anwinkeln. Dadurch erhöht sich der Druck auf mein Fußgelenk aber um einiges und ich gebe bereitwillig nach. Das gleiche Spiel wird an meinem linken Fuß vollzogen. Und dann fällt etwas dröhnend auf den Boden. Es hört sich an, wie der Rest der Kettenglieder, mit denen meinen Beinen jeglicher Bewegungsspielraum Einhalt geboten wurde.

Immer noch arbeitet er so emsig wie eine Biene. Läuft hin und her, als würde er gerade einen Traktor zum Abschleppen vorbereiten, denke ich.

„Bitte“, will ich noch einen Versuch unternehmen, als ich von ihm in meine Schranken gewiesen werde.

„Halt´s Maul jetzt, Schlampe. Sonst …!“

Augenblicklich bin ich still und lausche eingeschüchtert den Geräuschen um mich herum. Erst als die Tür wieder klappend gegen den Rahmen fällt, atme ich ein wenig auf. Meine Fußgelenke schmerzen. Jetzt erst greift so richtig die kalte Hand des Entsetzens nach mir und macht sich unter meinen Rippen irgendwo breit. Ich werde gefangen gehalten, vollzieht mein Hirn die Tatsache nach, wie ich hier sitze und stellt das gesamte Bild irgendwo da oben zwischen meinen Gehirnwindungen dar. Nicht nur meine misshandelte Sitzfläche, sondern meine gesamte "Aufbewahrung" führt mir deutlich vor Augen, wie ausgeliefert ich bin. Aber das muss längst noch nicht alles sein, das mich erwartet, wird es mir bewusst und Schweißperlen auf meiner Stirn scheinen Verdunstungskälte auszulösen.

Etwa zwei Stunden müssen vergangen sein, denke ich, als ich Schritte höre.

„Ist da jemand“, frage ich und merke, dass ich fast dankbar bin, dass sich mir wieder jemand nähert. Eine Weile alleine, gefesselt und im Ungewissen gelassen, löst nicht nachvollziehbare Gefühle und Abhängigkeiten aus.

Wieder raschelt Heu, diesmal ganz in meiner Nähe. So sehr es geht, presse ich den Hinterkopf an die Wand und versuche wie ein Tier, wenigstens etwas zu riechen. Dann lässt sich jemand neben mir nieder. Aber es ist nicht der Entführer, stelle ich erleichtert fest, als mich ein angenehmer, pudriger Duft erreicht.

 „Sie sind nicht mein Entführer“, behaupte ich, obwohl ich längst weiß, dass er es nicht sein kann. Zu sanft sind die Bewegungen neben mir und die Hand, die nun auf meiner Schulter liegt.

„Pscht“, schiebt sich nun zusätzlich ein Finger über meine Lippen. „Er ist kein Entführer. Nenn´ ihn nicht so“, flüstert die weibliche Stimme sanft. Das muss die Frau sein, die ich vorhin von Weitem gesehen habe. Und ich weiß nicht warum, aber der Gedanke beruhigt mich etwas. Schließlich hat sie auch unter ihm gelitten und daher muss sie meine Freundin sein, denke ich.

„Was ist er denn sonst“, erkundige ich mich und ein Schimmer von Hoffnung und Zutrauen klingt in meiner Stimme.

„Du hast dich schließlich an uns herangeschlichen. Denk daran! Du würdest Deine Situation nur verschlimmern, wenn du ihn Entführer nennst!“

Sie sagt „an uns herangeschlichen“. Also fühlt sie sich anscheinend ebenso ertappt, wie er?

„Viel schlimmer kann sie ja nicht werden, oder“, gebe ich etwas provokant zurück.

„Auweia, du dummes Ding. Du weißt nicht, wovon du sprichst. Aber hier, trink erst einmal.“

Ein biegsamer Schlauch, im Durchmesser etwas dicker als ein Strohhalm, schiebt sich in meinen Mund und ich beginne hastig an ihm zu saugen. Nach ein paar kräftigen Schlucken muss ich an den Reif um meinen Hals denken.

„Was ist, wenn ich urinieren muss?“

„Urinieren", lacht Lili. "Was soll schon sein? Du sitzt hier in einem Stall!?“

„Heißt das …?“

„Ja, genau das heißt es.“

Eine Weile spricht keiner von uns und ich frage mich, warum ich bisher keinen Stallgeruch wahrnehmen konnte. Hier sind auch keine Tiere. Die hätte ich hören müssen.

„Wie heißt Du“, frage ich, auch wenn ich nicht erwarte, eine Antwort zu bekommen.

„Nenn mich Lili“.           

Ich muss sie mir unbedingt zur Freundin machen. Sie ist die einzige Chance, hier herauszukommen. Und außerdem ist ihre Anwesenheit so unendlich beruhigend. Hoffentlich lässt sie mich nicht gleich wieder alleine.

„Weißt Du, was dieser E …, was er mit mir vorhat“, versuche ich sie auszuhorchen.

„Er ist mein „Herr“. Nenne ihn meinen Herrn, hörst Du? Ihm gehöre ich. Und glaube mir, er würde dich lieber heute als morgen freilassen.  Nur, weiß er noch nicht, wie er sich gegen Verleumdungen von dir absichern kann. Er braucht Zeit, um nachzudenken. Und bis er soweit ist, soll ich dir Gesellschaft leisten.“

Ich merke, wie ich mich noch ein wenig mehr entspanne. Sie wird bei mir bleiben, bis er sich entschieden hat. Das ist wie ein Geschenk, denke ich.

„Ich werde nichts berichten, von dem, was ich hier gesehen habe. Kannst du deinem Herrn das nicht sagen“, frage ich sie.

„Natürlich könnte ich ihm das sagen. Aber er würde nicht darauf eingehen. Er hat seinen eigenen Kopf, weißt du? Man sollte ihn nicht stören, wenn er nachdenkt.“

„Das heißt aber doch, er wird mich nicht umbringen oder vergewaltigen und nicht schlagen? Was könnte ihm sonst noch einfallen“, möchte ich wissen.

„Wir müssen abwarten.“ Lili streichelt über meine Wange. Ihre Hände sind zärtlich und warm. Ich spüre, dass, solange Lili da ist, mir nichts geschehen wird.

„Hast Du Hunger? Hier …“, etwas schiebt sich zwischen meine Lippen. Es ist eine Banane und ich nehme sie dankbar. Die Süße des Obstes belebt mich etwas.

„Wann hast du zuletzt so einen richtigen Orgasmus gehabt?“

„Was“, rufe ich mit vollem Mund aus und indem ich flugs den Bananenbrei mit der Zunge vor meinem Schlund weggeschoben habe, damit überhaupt ein Ton herauskommt.

„Ich meine einen, bei dem du fliegst. Bei dem du nicht verhindern kannst, ihn hinauszuschreien? Komm, sag schon“ wird sie ungeduldig und ich merke ihrer Stimme ein Lächeln an, als ich nicht sofort antworte.

 „Ich habe im Moment andere Probleme“, reagiere ich auf ihre unangebrachte Frage, „und überhaupt, ich schreie nie.“ Wieder bekomme ich von dem Obst zwischen die Lippen geschoben.

Statt einer Erwiderung spüre ich Lilis Hand. Sie bewegt sich in Richtung meiner offen daliegenden Mitte. Mit der anderen streichelt sie über meine Brust, fährt hinauf zu meiner kauenden Wange. Kurz schießt mein Unterkörper etwas nach vorne, die einzige Gegenwehr die möglich ist, wie ich erneut drastisch vor Augen geführt bekomme.

„Nicht“, stoße ich mit vollem Mund aus, als sie auch schon das gefunden hat, wonach sie offenbar sucht.

„Du bist doch gar nicht feucht, wie mein Herr gesagt hat“, flüstert sie an meiner Ohrmuschel. Meine Nasenwände saugen ihren Duft auf. Ich spüre die Wärme ihrer Hand auf meinem Gesicht und an meinem Geschlecht.  Aber mehr noch als ihre Berührungen, bringt mich ihre Stimme in einen ruhigeren Zustand, als der Situation hier angemessen wäre.

„Du hast Angst. Nackte, kalte Furcht sogar. Aber Du brauchst keine Sorge zu haben. Nicht jetzt und nicht hier. Er wird dich freilassen, glaub mir", murmelt sie einlullend und ich möchte ihr glauben. Denn, habe ich denn eine andere Wahl? Diese Frau tut mir gut wie ein Bad im Öl, wenn die Haut knochentrocken ist und ihr Atem ist wie Balsam. Bald merke ich, dass meine Muskulatur weiter nachgibt und stöhne leise auf. Hätte ich die Augen geöffnet gehabt, jetzt würde ich sie schließen, weil ich eine Reibung spüre und keine andere Wahl habe, als mich ihr hinzugeben.

„Ich zeige dir jetzt gleich etwas, das die wenigsten Menschen fertigbringen“, haucht sie ganz nah an meiner Ohrmuschel, gerade als ich ein zweites Mal seufze. „Auch wenn man selbst Hand an sich legt, weißt du, ist es schwierig, die Perfektion zu erreichen, die ich dir vorführen werde. Einfach, weil es unmöglich ist, sich auf zwei Dinge gleichzeitig zu konzentrieren“, fährt sie fort, mich mit ihrer Stimme zu manipulieren wie eine Hypnotiseurin. Ihre kleinen, kreisrunden Bewegungen zwischen meinen Beinen lösen meine nicht ganz ernst gemeinte Gegenwehr aus. Wenig später schon scheint weder ein Stall noch ein Entführer zu existieren. Nur Lili und ihre Hände. Sie will mich auf eine Anhöhe führen und mein Einverständnis, ihr zu folgen, kann ich im Raum widerhallen hören.

 „Mein Herr ist überzeugt, dass du eine Schlampe bist“, fährt sie eindringlich im Flüsterton fort, während das Spiel ihrer Finger immer intensiver wird. „Er sagt, du selbst wüsstest es vielleicht noch nicht. Aber er habe es Dir angesehen, vorhin im Wald. Eine wollüstige Fotze habe ich dort vorgefunden, Lili, sagte er zu mir. Man muss es ihr besorgen, damit sie erkennt, dass sie eine ist. Du kannst es ihr zeigen, Lili, meinte er. Weil Du geübt darin bist, Lili. Öffne ihr die Augen, Lili, befahl er. Sorg´ dafür, dass sie es nie wieder vergisst. Und dass er mir das zutraut macht mich stolz, Cornelia. Geh rüber und besorg es ihr, Lili. Das waren seine Worte. Und ich glaube, er hat recht, Cornelia. Ja, ich muss ihm recht geben. Wieder einmal. Er erkennt Schlampen, wie kein anderer. Du wirst schreien, hörst du? Vielleicht ist es das erste Mal, aber heute wirst du es hinausbrüllen so laut du kannst. Contenance, Cornelia, wie du sie dir antrainiert hast, damit du deine Herkunft verbergen kannst, ist hier nicht angebracht. Du sitzt in einem Stall, gefesselt und gedemütigt. Deine Beine sind gespreizt. Bring sie zum Schreien, Lili. Das wünscht er von mir. Du weißt, Lili, was dir blüht, sagte er, wenn du es nicht fertigbringst. Und natürlich weiß ich das. Es wäre sehr, sehr schmerzhaft für mich, wenn du nicht schreist, Cornelia. Hörst Du? Er ließe mich leiden für ein derart grobes Versagen. Aber ich schaffe es fast immer und dann wird er mich vielleicht belohnen. Er belohnt mich selten, aber diesmal vielleicht, Cornelia. Spürst Du, wie sehr ich mir wünsche, dass er mich belohnt, Cornelia Solthuis?“

Kurz, aber wirklich nur den Bruchteil einer Sekunde zucke ich zusammen.

„Du fragst dich, woher ich deinen Namen kenne, nicht wahr? Ich weiß sogar noch mehr über dich. Du bist die Assistentin von Dr. Dr. Unsöld, hm? Dem Vorstandsvorsitzenden der Moton-Chemie-Werke. Eines der weltweit einflussreichsten Unternehmens. Damit bist du ebenfalls eine mächtige Frau, Cornelia. Auch das ist dir vielleicht nicht bewusst, weil du ihm auf den ersten Blick nur seine Tasche hinterherträgst und die Drecksarbeit erledigst, mit der er dann glänzt, nicht wahr? Und diese Frau wird gleich den Höhepunkt erfahren, der ihr Leben verändern wird, Cornelia. Oder soll ich Conny zu dir sagen? Vom heutigen Tag an, wird nichts mehr sein, wie vorher, kleine Fotze Cornelia.

Ganz, ganz weit hinten, verstehe ich den Sinn der Worte, mit denen Lili mich beschwört. Aber bis ich sie wirklich einordnen kann, ist es schon zu spät. Ein zunächst langgezogener, dann abgehackter Schrei ertönt und bis ich begreife, dass es mein eigener ist, sehe ich Funken vor meinen Augen und höre noch immer ihre Stimme.

„Ja, kleine Schlampe. Gut so. Genau das hast du doch gebraucht, nicht wahr? Du bist eine Fotze wie Deine Mutter. Du hast ihre Gene. Welche auch sonst? Genieße ruhig noch einen Augenblick. So schnell wirst du so etwas nicht noch einmal erleben.“

Ich bin noch ganz außer Atem und würde gerne meinen Körper an Lilis schmiegen. Während mein Verlangen nach der direkten Nähe zu dieser Frau neben mir anschwillt, reißt mich auf einmal eine männliche Stimme jäh zurück in die Realität. Es ist die meines Entführers. 

„Ich habe alles. Genug der Zärtlichkeiten jetzt! Lass die Fotze da liegen und komm ins Haus! Du kannst gleich alles auf Festplatte speichern, ach …, und gib´ alles auch in die cloud natürlich. Und dann spiel es für sie noch auf einen Stick, damit sie zuhause einen Zeitvertreib hat.“

„Ja, Herr“, höre ich, wie aus weiter Ferne, Lilis sanfte Antwort auf seinen barschen Ton.

So träge, wie eine schleimige Masse fängt mein Gehirn an, wieder zu arbeiten. „Festplatte“ hallt es dort und „cloud“ und „Stick“, klingt es. Und ich fange an, zu beten, dass das Puzzle nicht ineinanderpassen möge, das sich da unweigerlich gerade zusammenzufügen scheint.

 „Lili“, kommt es entkräftet über meine Lippen. Aber ich erhalte keine Antwort. Stattdessen, als gäbe es mich gar nicht, herrscht er weiter an.

„Schmeiß ihr für die Nacht zwei von den Pferdedecken über. Wenn du dich aber nicht beeilst, wartet der Keller auf Dich!“ Seine Stimme entfernt sich bei seinen Worten und ich spüre eine kleine Erleichterung. Nachdem ich die Tür gehört habe, wie sie zuklappt und ihr Quietschen, versuche ich es noch einmal.

 „Lili?“

 „Ja“, flüstert sie, während sie sich neben mich kniet. Als sie mit ihrem Körper kurz meinen berührt, könnte ich weinen, weil ich trotz allem so erfüllt von ihr bin, aber auch weil sie mich gerade treu- und schamlos vorgeführt hat.

„Wann komme ich fort von hier“, frage ich nur, weil ich sie ungeachtet ihres Verrates nicht enttäuschen und sie darauf hinweisen möchte.

„Bald“, kommt es tröstend von ihr, während sie erst mein linkes Bein, dann das rechte von den Fesseln befreit. Dann breitet sich Stoff über mir aus. Angenehm spüre ich, wie die Körperwärme von ihm festgehalten wird, als sich Lilis Lippen sanft und Trost spendend auf meine legen.

„Was weißt du über meine Mutter, Lili. Bitte, sag es mir“.

 „Ich muss jetzt schnell gehen. Aber ich hoffe, er lässt mich wieder zu dir kommen“, klingt ihre Stimme auf einmal gehetzt. Dann entfernen sich auch ihre Schritte.

Irgendwann in der Nacht muss ich einmal eingenickt sein, aber ich erwache sofort wieder, weil mein Kopf kraftlos auf den Rand des Ringes um meinen Hals sinkt und mich würgt.

 ***

Irgendwann am Morgen erschrecke ich aus einem Dämmerschlaf. Sie ist wieder da, macht sich an mir zu schaffen. Mein Hals ist frei, als ich so richtig wach werde.

„Lili“, stöhne ich dankbar und matt, als ich sie an ihren Bewegungen und ihrem Geruch erkenne. Aber wieder einmal erhalte ich keine Antwort. Nur ihre zärtlichen Hände auf meinem Körper geben mir zu verstehen, dass ich mich erheben soll.

„Wo bringst du mich hin?“

„Pscht. Sei ruhig und folge mir einfach“, flüstert sie gutmütig und obwohl sie mich gestern verraten hat, vertraue ich ihr und denke, dass ich sie tun lassen sollte. Sie hält mich an den Oberarmen und führt mich vor sich her. Wir verlassen den Stall. Die Luft ist kühler als am Tag zuvor. Auf einmal habe ich wieder Waldboden unter den nackten Füßen. Äste knacken unter unseren Schritten. Komisch, denke ich, wann hat mir jemand die Schuhe ausgezogen? Ich erinnere mich nicht daran und trete auf einen Tannenzapfen, zucke zusammen. Dann werde ich von Lili angehalten.

„Bleib stehen.“

Ich gehorche, rühre mich nicht vom Fleck und merke, wie sie die Fesseln an meinen Handgelenken löst. Als der Stoff auf den Waldboden fällt, reibe ich meine Arme, damit das Blut leichter in die Kapillare zurückfließen kann. Ein Windhauch macht mir die Blöße unterhalb meiner Taille bewusst. Sicher ist es nicht der erste, aber der erste, den ich jetzt mit Scham spüre.

„Mein Herr sagt“, fängt Lili jetzt an, zu sprechen und ich sauge ihre Stimme direkt auf, „du sollst zu deinem Wagen gehen und nachhause fahren. Er sagt, du würdest diesen Tag und diesen Ort hier ganz schnell vergessen, wenn du dir das hier ansiehst.“

Mir wird etwas von ihr in die Hand gedrückt. Ich weiß sofort, worum es sich handelt.

„Dr. Unsöld, soll ich dir sagen, wird der erste sein, der einen Mitschnitt erhielte, wenn du dich nicht wohl verhältst. Er muss durchaus allerdings nicht der einzige bleiben. Deine Mutter und Tobias wären die nächste Wahl.“ Bei ihren Worten schiebt sich noch etwas in meine andere Hand: meinen Autoschlüssel.

„Und mein Herr sagt auch, Dein Schweigen alleine wird ihm nicht ausreichen.“

 „Lili, was heißt das?“

„Pscht. Sei ruhig. Er hat es nicht gerne, wenn eine Fotze ungefragt spricht. Wenn er hier irgendwo in der Nähe sein sollte“, jetzt ist sie noch um einiges leiser geworden, als zuvor, „könnte das fatale Folgen für dich haben. Ich nehme dir jetzt die Augenbinde ab“ wird sie wieder lauter. „Du gehst in die Richtung, in die ich dich gestellt habe. Dort wartet dein Auto. Sieh dich bloß nicht zu mir um. Ich müsste dich sonst wieder zurückholen.“  

„Aber Lili, ich bin fast nackt. So kann ich doch nicht ….“ Sie nestelt an der Augenbinde und dann, auf einmal sehe ich den Wald vor mir.

„Geh jetzt“, stupst sie mich sanft an. Ich weiß nicht, wie ich einen Fuß vor den anderen bekommen soll, aber ich drehe mich nicht um, obwohl alles in mir danach schreit.

„Geh endlich“, wiederholt sie leise und beschwörend.

Langsam setze ich einen Fuß vor den anderen. Nach ein paar Schritten wage ich, mich Lilis Anweisung zu widersetzen und sehe mich nach ihr um. Außer Baumstämmen und einem Stück hellblauem Stoff auf dem Boden sehe ich nichts. Jetzt fange ich an, zu laufen. Irgendwann nach einer ganzen Zeit und als ich sicher bin, dass mir niemand gefolgt ist, bleibe ich außer Atem stehen.

Ich sehe an mir herunter. Füße und Knöchel, beschmiert mit Kleinholz und Dreck, stechen mir ins Auge. Für oben herum habe ich gestern ausgerechnet ein sehr kurzes Top gewählt. Jetzt erst wird mir so richtig bewusst, in welcher Situation ich mich befinde. Mein Auto steht auf einem Parkplatz in der Nähe der Straße. Aber ich habe es glücklicherweise ganz am Rand abgestellt. Sollte ich schaffen, unbemerkt dort hinzugelangen, wären die Chancen nicht schlecht auch ohne, dass mich jemand sieht, in den Wagen zu kommen. Aber zuhause von der Tiefgarage in die Wohnung sieht die Sache anders aus.

Heute ist Sonntag. Da sind die Leute nicht arbeiten. Das heißt, erst in der Nacht würde sich der sonntägliche Freizeitverkehr zu den Autos und zurück beruhigen. Es muss noch relativ früh am Tag sein. Also lasse ich mich an einer bemoosten Stelle auf den Waldboden sinken und lehne mich an einen Baumstamm. Der Himmel ist bewölkt, man kann nicht sicher sein, dass es nicht bald zu regnen anfängt. Immerhin, das würde mir zumindest die Sonntagsspaziergänger vom Hals halten, denke ich. Aber jetzt ist es zu früh, um fast unbekleidet zu einem Parkplatz zu gehen und außerdem fühle ich mich entkräftet.

Als ich mich ein wenig entspanne kommt die Erleichterung. Ich bin frei, denke ich, und unversehrt, aber ich trage zwischen BH und Busen eingeklemmt einen Stick. Und mir wird so richtig bewusst, was das heißt.

Woher auch immer, er kennt meinen richtigen Namen. Weiß, dass ich nicht die kleine Regieassistentin bin, wie ich gestern, eigentlich ganz geistesgegenwärtig für die Situation, behauptet habe. Wie ich auf Regieassistentin gekommen bin, weiß auch der Himmel. Bestimmt hat er mich heute Nacht schon gegoogelt, oder Lili googeln lassen.  Man braucht nur meinen Namen einzugeben und ich erscheine auf Seite eins. Zusammen mit Dr. Unsöld in Gesellschaften beispielsweise, für die die Marketingabteilung freizügig Akkreditierungen an die Presse verteilt hat, um sich auf die Schulter klopfen zu lassen für PR, die den Werbeetat nicht belastet.

Es erschienen sogar Artikel in mehreren Wirtschaftsmagazinen, in denen Dr. Unsöld als Förderer junger, weiblicher Talente hervorgehoben wurde. Dort sah man mich, neben ihm stehend, zusammen mit zwei anderen jungen, weiblichen, Führungskräften, die mit mir gemeinsam seine Gunst teilten. Und wir alle lächelten stolz in die Kameras. Über einem Artikel stand die Schlagzeile: Freiwillige Frauenquote versus Geschäftserfolg?  Führungskräfte, die das unterstellen, sehen anders aus. Darunter ein strahlender Dr. Unsöld mit uns drei Grazien.

Irgendwann spüre ich meine Blase. Erst will ich mich erheben, fühle mich aber zu schwach. Ich denke an heute Nacht und lasse es einfach laufen. Gebannt sehe ich zu, wie sich die Flüssigkeit zwischen dem Dreieck meiner etwas geöffneten Beine in den Waldboden saugt. Zurück bleibt ein etwas dunkler Fleck, auf den ich eine Weile starre. Jetzt nur nicht resignieren, denke ich nach meiner ungewöhnlichen Tat und springe auf.

Ich muss auswandern, schießt es mir in den Sinn. Nach dem Abi wollte ich eigentlich schon für eine Weile nach Auckland, in das Unternehmen meines Cousins gehen. Jetzt war vielleicht der richtige Zeitpunkt. Was, wenn ich einfach nicht mehr hier wäre? Wen sollte der Orgasmus einer Zuwanderin am Ende der Welt interessieren, dachte ich nur kurz? Und gleich wurde mir klar, dass dem natürlich nicht so war. Für das, was mein unfreundlicher Entführer da von mir in Bits und Bytes verewigt hatte, würde sich jeder Mensch interessieren. Egal, an welchem Zipfel der Erde er oder sie sich aufhielt. Bei solchen Bildern frei Haus geliefert, würde noch nicht einmal eine Mormonin in Salt Lake City ihren Kopf abwenden.

Immerhin habe ich mich nicht verlaufen. Dort, hinter den Bäumen sehe ich ihn stehen. Meinen strahlend weißen Audi mit den braunen Ledersitzen. Dumm nur, dass ich noch drei andere Autos auf dem Parkplatz ausmache. Es gibt doch Leute, die können einfach mit ihrem Hintern nicht zuhause bleiben. Noch nicht einmal bei Regenwetter, denke ich boshaft. Wieder muss ich auf die Knie. Langsam krieche ich auf meinen Kofferraum zu. Als ich hinter dem Wagen kauere, entschließe ich mich von einer Sekunde auf die andere, auf die Fahrertür zuzuspringen, sie aufzureißen und auf den Sitz zu springen.

So weit bin ich wenigstens schon einmal gekommen, atme ich auf.

Erst gegen Mitternacht traue ich mich allerdings in meine Tiefgarage einzufahren. In der Zwischenzeit bin ich einfach über Dörfer und Landstraßen gefahren. Eine Frau, sonntags in ihrem Auto, von der Taille abwärts nackt und noch nicht einmal eine Jacke auf dem Rücksitz, die sie sich hätte überlegen können. Mein Tank ist allerdings voll. Vielleicht das einzige Glück, das ich an diesem Tag habe. Zweimal innerhalb der vielen Stunden, die es zu überbrücken gilt, verbringe ich auf einem Feldweg. Zuletzt in der Dunkelheit. Dort fische ich mir auch zwischen all dem sonstigen Kram, der sich in meinem Kofferraum befindet, eine Papiereinkaufstüte heraus. Den Boden trenne ich vorsichtig mit den Fingernägeln heraus und probiere, sie über meine Hüften zu bekommen, ohne dass sie dabei einreißt.

Sie passt einigermaßen. Ich besitze tatsächlich so etwas wie einen Rock, mit dem ich mich in den Aufzug trauen kann.

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