Animal Planet: Die Reportage - Kapitel 19

 

Vorwort: Auch wenn es in den letzten Monaten keine Möglichkeit gab, die Texte hier zu veröffentlichen, ist die Geschichte von Conny inzwischen fertig geschrieben worden. In den nächsten Tagen werde ich daher die letzten Kapitel dieser Geschichte hier online stellen. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

 

Die Flucht

 

Gierig tauchte Conny ihr Gesicht in den Trog und füllte ihr Maul mit dem erfrischen Wasser. Kleine klebrige Reste der Pellets lösten sich von ihren Backenzähnen und ihr trockener Hals fühlte sich schon nach dem ersten Schluck deutlich besser an. Ihr Fressen war an diesem Abend nicht so feucht gewesen, wie es normalerweise der Fall war. Das hatte dafür gesorgt, dass die Pellets gefühlt jeden Tropfen Feuchtigkeit aus ihrem ohnehin recht trockenen Rochen aufgesogen hatten.

 

Eine Woche war vergangen, seit es ihr gelungen war, Erik das Kaubonbon zukommen zu lassen. Ihr Kollege hatte es noch am gleichen Tag einem Labor zur Untersuchung gegeben, dennoch hatte es eine ganze Weile gedauert, bis sie endlich ein Ergebnis erhalten hatten. In der Zwischenzeit war die Journalistin damit beauftragt worden, weitere Kaubonbons unbedingt zu fressen. Man erhoffte sich davon, dass sich die Testergebnisse durch ihre Blutwerte bestätigen lassen würden. Zudem sei es unumgänglich, um BioUdders lückenlos nachweisen zu können, dass diese Kaubonbons nicht nur kurzfristig, sondern tatsächlich systematisch und längerfristig eingesetzt wurden.

 

Conny war naturgemäß wenig begeistert von dieser Idee. Sie wollte ihrem Körper nicht noch mehr schaden, als sie es ohnehin schon getan hatte. Andererseits würde sie höchstwahrscheinlich schon in wenigen Tagen wieder zurückverwandelt werden, so dass sie dieses Risiko nun auch noch auf sich nehmen konnte.

Zumindest hatte sie bisher noch keine Auswirkungen der Bonbons feststellen können. Von ihrer guten Laune abgesehen, hatte sich die letzte Woche nicht von den vorherigen unterschieden. Bis auf das tägliche Kaubonbon, das ihr immer zur dritten Mahlzeit des Tages verabreicht wurde, ging alles seinen ganz normalen Gang. Schlafen, sich erleichtern, Fressen und Melken, repeat. Auf Dauer nicht sehr erfüllend, doch sie würde es schließlich bald hinter sich haben.

 

Am Vortag schließlich war Erik mit einem breiten Grinsen zu ihr gekommen. “Die Testergebnisse sind da”, hatte er gesagt, und sie anschließend einige furchtbar lange Sekunden auf die Folter gespannt. Dann war er endlich mit der Sprache herausgerückt: “Die Analyse ist eindeutig. In dem Kaubonbon ist eine hohe Dosierung eines Präparats gefunden worden, das “Pro-Milk” sehr ähnlich ist. Wir glauben sogar, dass es vom gleichen Hersteller sein könnte. Für uns ist aber am Wichtigsten, dass es auf jeden Fall gegen die Bio-Auflagen verstößt.”

Wären ihre Arme nicht fest auf ihrem Rücken fixiert, wäre Conny ihrem Kollegen in diesem Augenblick vermutlich um den Hals gefallen, so glücklich war sie gewesen. Das war die Nachricht, auf die sie so lange gehofft hatte. Sie hatten nun den Beweis, ihr Aufenthalt im Stall hatte einen Sinn gehabt - und was nicht minder wichtig war, er würde bald vorbei sein!

 

Nachdem sie endlich Gewissheit hatten, blieb nur noch eine letzte Herausforderung übrig: Sie mussten Conny aus dem Stall heraus bringen und wieder in ein menschliches Wesen verwandeln. Das klang leichter, als es tatsächlich war, denn Erik warf ein, dass BioUdders kaum zulassen würde, dass eine der Milchkühe einfach entwendet wurde. Auf der anderen Seite wollte er die gewonnenen Informationen jedoch auch nicht veröffentlichen, bevor Conny in Sicherheit war. Es bestand durchaus noch die Gefahr, dass BioUdders die Journalistin einfach verschwinden ließ und leugnete, die Kaubonbons jemals eingesetzt zu haben. Einzig Connys Blutwerte, in Verbindung mit ihrer Zeugenaussage, konnten den unumstößlichen Beweis liefern.

Aus diesem Grund hatte Erik entschieden, dass sie Conny heimlich vom Gelände des Unternehmens schaffen würden. Einen Plan hatte er scheinbar schon im Hinterkopf, zumindest hatte er seiner Kollegin versprochen, an diesem Abend zurück zu kehren. “Leg dich bloß nicht schlafen, ich komme auf jeden Fall noch einmal vorbei, hörst du?”, hatte er sie eindringlich gewarnt.

 

Den ganzen Tag über hatte sich eine zunehmend stärker werdende Aufregung in Conny breit gemacht. Sie ahnte, dass Erik sie noch an diesem Tag aus dem Stall holen wollte. Jetzt, wo es endlich so weit war, konnte sie es kaum noch erwarten. Natürlich, sie hatte sich in den letzten Monaten an das Leben im Stall gewöhnt, aber doch hauptsächlich deswegen, weil sie sich irgendwie mit den Umständen arrangieren musste, um sie ertragen zu können.

 

Nachdem sie ihren Durst gestillt hatte, kehrte Conny zu ihrem Liegeplatz zurück. Vielleicht zum letzten Mal überhaupt ließ sie sich in das Stroh sinken. Ihr Blick streifte durch den Stall. Viele ihrer Artgenossinnen hatte sie auf eine ganz merkwürdige Art und Weise kennen gelernt. Ohne je auch nur ein richtiges Wort mit ihnen gewechselt zu haben, war sie einigen von ihnen näher gekommen, als einer anderen Frau jemals zuvor. Dennoch, eigentlich kannte sie die Kühe, mit denen sie die letzten Monate jeden Tag verbracht hatte, überhaupt nicht. Sie wusste nichts über ihre Vergangenheit oder über ihre Gedanken - allerdings waren ihr über die Zeit zumindest bei einigen ihrer Artgenossinnen verschiedene Verhaltensweisen aufgefallen. So stand die Kuh aus der gegenüberliegenden Box beispielsweise immer erst sehr spät auf und nahm die Dusche seltener in Anspruch, als die meisten anderen. Doch das waren erschreckend wenige Erkenntnisse in Anbetracht der Zeit, die sie auf engstem Raum miteinander verbracht hatten. Innerhalb der Herde herrschte trotz der körperlichen Nähe eine gewisse Anonymität, die Conny allerdings hin und wieder auch sehr zu schätzen gewusst hatte.

Ein wenig taten ihr die Kühe leid, die vermutlich ihr gesamtes restliches Leben in einem dieser Ställe verbringen würden. Sie war heilfroh, dass ihr Aufenthalt an diesem Ort nun bald beendet sein würde, doch das war die Ausnahme. Normalerweise gab es keine Rückverwandlung. Einmal in ein Pet verwandelt, war man endgültig ein Pet. Falls Conny in einigen Monaten oder gar Jahren für eine Reportage über BioUdders an diesen Ort zurückkehren sollte, würden ihre momentanen Artgenossinnen noch immer hier sein und mehrmals täglich dem Ruf der Glocke zu den Melkmaschinen, dem täglichen Trott folgen.

 

Eine halbe Stunde, nachdem Conny zu ihrem Platz zurückgekehrt war, tauchte Erik wie versprochen im Stall auf. Beinahe andächtig erhob sich die Journalistin, warf einen hoffentlich letzten Blick auf ihren Liegeplatz und ging zwischen ihren Artgenossinnen hindurch auf ihren Kollegen zu.

Es hatte lange gedauert, doch in den letzten Tagen hatte Erik endlich den Dreh raus bekommen. Ohne einen Blick auf ihre Ohrmarke werfen zu müssen, erkannte er Conny und lächelte sie zur Begrüßung an.

“Okay, hör gut zu. Auf dem Parkplatz vor dem Firmengelände steht ein Transporter, der dich zu Dr. Collins zurückbringen wird. Das Gelände selbst wird jedoch von Kameras überwacht, daher werde ich dich an einer Führleine nach draußen bringen. Das ist wesentlich unauffälliger und täuscht hoffentlich auch den Sicherheitsdienst im Überwachungsraum. Lange muss die Tarnung ja schließlich nicht mehr halten, nicht wahr?”, erklärte Erik seinen Plan.

Conny nickte zustimmend. Endlich! Sie bekam ihr normales Leben wieder! In diesem Augenblick war es ihr recht egal, wie genau der Plan ihres Kollegen im Detail aussah. Die Hauptsache war nur, dass sie endlich aus diesem Stall herauskam, dass sie sich nicht mehr an die Melkmaschine stellen musste, dass sie wieder ein Mensch wurde!

 

“Gut, dann lass uns aufbrechen. Um diese Uhrzeit ist auf dem Hof nicht mehr viel los, da stellt uns niemand blöde Fragen. Das nutzen wir aus!”, beschloss Erik. Mit einer Hand griff er nach Connys Nasenring, hob ihn leicht an und ließ einen kleinen Karabiner zuschnappen, der fest mit einer feinen Metallkette verbunden war.

Während der letzten Monate hatte die Journalistin den Stall nicht ein einziges Mal verlassen, entsprechend war auch der Nasenring nicht benutzt worden. Jetzt, wo dort wieder eine Kette eingehakt war, empfand sie es wieder, diese Demütigung, das so erniedrigende Gefühl, nicht mehr zu sein, als ein Tier.

Erik setzte sich in Bewegung und die Metallkette spannte sich. Gerade noch rechtzeitig setzte sich auch Conny in Bewegung, so dass der Ring sich unter dem Zug der Kette zwar leicht von ihrer Oberlippe hob, jedoch nicht an ihrer Nasenscheidewand zog.

Wie Vieh an der Leine geführt folgte sie ihrem Kollegen durch den Stall. Ihr Herz schlug wild in ihrer Brust, doch das lag nicht nur an der Demütigung. Mit jedem Schritt wuchs ihre Aufregung und ihre Vorfreude. Endlich würde sie diesen Ort hinter sich lassen!

 

Connys Euphorie erreichte einen vorläufigen Höhepunkt, als sie an dem stählernen Drehgitter ankamen, durch das sie vor vielen Wochen in den Stall gebracht worden war. Unter normalen Umständen drehte es sich nur, wenn es von außen aktiviert wurde, so dass die Kühe keine Gelegenheit dazu hatten, den Stall zu verlassen. Doch Erik brauchte nur einen kleinen Chip an eine bestimmte Stelle der Verblendung halten, und schon setzte es sich in Bewegung.

Die Journalistin mit der Leine eng bei sich haltend, bugsierte Erik seine Kollegin aus dem Stallbereich heraus. Der Kette nun wieder etwas mehr Spiel gebend, führte er sie anschließend durch den angrenzenden Vorraum des Gebäudes.

 

Wenige Sekunden später traten sie durch eine offene Tür ins Freie. Kühle Nachtluft empfing die nackte Journalistin und eine frische Brise ließ sie frösteln. Im Stall hatte immer die gleiche Temperatur geherrscht, ganz gleich, welches Wetter draußen geherrscht hatte.

Doch selbst wenn sie kniehoch in Schnee gestanden hätte, wäre es Conny in diesem Augenblick egal gewesen. Tief sog sie die frische Luft ein und hatte das Gefühl, zum ersten Mal seit langer Zeit richtig atmen zu können. Sie füllte ihre Lungen mit der kalten Nachtluft, die so herrlich nach Freiheit schmeckte. Erst jetzt, da sie es nicht mehr roch, wurde ihr bewusst, wie sehr sie sich an die Gerüche des Stalls und der anderen Kühe gewöhnt hatte. Den Kopf behutsam etwas zur Seite drehend, um die Kette nicht zu stark zu spannen, stellte Conny fest, dass auch sie selbst nicht gerade angenehm roch. Bei ihrem ersten Bad würde sie sicher eine ganze Tube Duschgel verbrauchen!

 

Leise klirrte die Kette, die den Ring in Connys Nase mit der Hand ihres Kollegen verband. Kaum zwei Schritte hinter ihm folgte sie dem Zug der Kette über das weitläufige Gelände von BioUdders.

Hohe Laternen erleuchteten den breiten Weg, der zwischen den Stallgebäuden entlang führte. Ihr Stall, in dem sie so viele Wochen verbracht hatte, lag bereits weit hinter ihr. Kurz war sie versucht, sich nach ihm umzusehen, doch die straff gespannte Führkette hielt sie davon ab. Erik hatte ein ordentliches Tempo drauf, das sie in ihren Hufschuhen kaum mithalten konnte. Immer wieder hob sich der Ring bedrohlich von ihrer Oberlippe, doch bisher hatte sie es immer gerade noch rechtzeitig geschafft, den Abstand zu Erik rechtzeitig zu verkürzen, bevor das Piercing unsanft an ihrer Nasenscheidewand zog. Auf diesen Schmerz wollte sie nach Möglichkeit verzichten.

 

Stall um Stall verschwand hinter Conny in der Nacht. Trotz ihres eigenen Aufenthalts in einem dieser Ställe, fiel es ihr nach wie vor schwer zu realisieren, dass hinter jeder einzelnen dieser Fassaden an die hundert Kühe lebten. Bis vor einer halben Stunde war sie eine von ihnen gewesen, hatte die klebrigen Pellets gefressen, ihre Euter melken lassen und sich ungeniert über einem Gitter erleichtert. Doch das war jetzt Vergangenheit!

Connys Augen füllten sich mit Tränen. Sie war nicht unglücklich, sondern viel mehr erleichtert, doch sie konnte nicht verhindern, dass ihr ein paar Tropfen über die Wangen rollten. “Bleib stark, du hast es gleich hinter dir”, ermahnte sie sich selbst. Sie vertrieb die Erinnerungen an ihr Leben als Kuh für den Moment und richtete ihre Aufmerksamkeit auf den Weg, der vor ihr lag. Nur noch ein großes Gebäude zeichnete sich im Licht der Laternen gegen die Dunkelheit ab. Wenn sie daran vorbei waren, müssten sie bereits den Parkplatz erreichen!

 

Zielstrebig setzte Conny einen Fuß vor den anderen. Ihre Hufschuhe erzeugten bei jedem Schritt ein dumpfes Geräusch, wenn der schwere Huf auf den gepflasterten Boden des Gehweges traf. In der ruhigen Nacht wirkte es unnatürlich laut und die Journalistin war sich beinahe sicher, dass jeder Mitarbeiter auf dem gesamten Gelände es hören musste.

Doch mit jedem Schritt kam sie der Freiheit ein weiteres Stück näher! Am liebsten wäre sie losgerannt, hätte jede Vorsicht fallen lassen. Sie machte einige schnellere Schritte und schloss rasch zu Erik auf. Er warf ihr einen kurzen Blick zu und schüttelte leicht den Kopf. “Jetzt nicht leichtsinnig werden. Halte dich an den Plan!”, zischte er ihr zu.

 

Conny atmete tief ein, nickte leicht mit dem Kopf und ließ sich wieder etwas zurückfallen, so dass die Führkette sich ganz leicht spannte. “Du hast leicht reden”, dachte sie grimmig, gab ihrem Kollegen jedoch insgeheim recht. Sie hatten es fast geschafft, jetzt durften sie sich keine Fehler erlauben.

 

Als sie fast auf der Höhe des letzten Stalls waren, erkannte Conny zwei Personen, die ihnen entgegen kamen. Ihr Herz machte sofort einen Satz, doch sie ermahnte sich zur Ruhe. “Die arbeiten hier, das ist ganz normal. Nur keinen Verdacht erregen.”

Stumm hoffte sie, dass die beiden Mitarbeiter von BioUdders einfach an ihnen vorbei gingen, doch wenige Meter vor ihnen blieben sie stehen.

“Nanu, wohin denn noch so spät?”, erkundigte sich einer der beiden.

Erik ging noch einen Schritt weiter, ehe auch er stehen blieb. Die freie Hand zum Gruß hebend erwiderte er: “Nur eine Verlegung nach dem abendlichen Melken.”

Conny war einen halben Meter hinter Erik stehen geblieben und musterte die beiden Fremden. Es waren zwei Männer, beide in den typischen Uniformen von BioUdders gekleidet. Der Linke hielt ein Tablet in der Hand und kam ihr vage bekannt vor. Vermutlich hatte sie ihn irgendwann schon einmal gesehen. Doch es musste bereits eine ganze Weile her sein, denn es gelang ihr nicht, sein Gesicht einer bestimmten Erinnerung zuzuordnen.

“Ach Erik, du bist es. In dem Licht habe ich dich fast nicht erkannt”, meinte der Rechte und lächelte seinen vermeintlichen Kollegen freundlich an.

Erik lachte. “Kann passieren, halb so wild. Bei euch alles in Ordnung?”

Conny entspannte sich ein wenig. Scheinbar kannte Erik die beiden, so dass sie ihm vertrauten. Sie war sich ziemlich sicher, dass ihre “Verlegung” nicht angemeldet war und war froh, dass ihnen eine genauere Kontrolle erspart blieb.

 

“Wie man es nimmt. Gab jedenfalls schon ruhigere Nächte”, erwiderte der Mann mit dem Tablet.

“Wieso, ist etwas passiert?”, erkundigte sich Erik in besorgter Stimmlage. Conny war sich nicht sicher, ob seine Sorge nur gespielt war.

Der Mann winkte ab. “Ach, halb so wild. Ein Transporter hat unseren Parkplatz blockiert und wollte sich partout nicht davon überzeugen lassen, dass er dort nichts zu suchen hat.”

“Richtig, hat immer etwas davon gefaselt, dass er etwas abholen soll, dabei ist bei uns überhaupt keine Lieferung verzeichnet”, stimmte sein Kollege zu.

“Hat sich erst überzeugen lassen, als ich es ihm schriftlich bestätigt habe, dass bei uns nichts abzuholen ist”, lachte der Mann mit dem Tablet. “Hat ganz schön blöd geguckt. Als ob wir um die Uhrzeit noch Transfers durchführen würden…”

Erik stimmte in das Gelächter der beiden Männer mit ein, während Connys Herz für eine Sekunde stehen blieb. Bei dem Transporter konnte es sich nur um ihr Ticket heraus aus dieser Hölle handeln, und nun hatten diese beiden übereifrigen Angestellten dafür gesorgt, dass ihr Weg zurück in ein normales Leben versperrt war.

“Na komm, wir begleiten dich ein Stück”, schlug Eriks Kollege vor. Dem Journalist blieb kaum etwas anderes übrig, als zustimmend zu nicken und sich etwas unentschlossen erneut in Bewegung zu setzen.

 

Verunsichert folgte Conny ihrem Kollegen und den beiden weiteren Mitarbeitern von BioUdders, die nebeneinander den Weg entlang schlenderten.

Sie achtete darauf, dass die Kette nicht an ihrem Ring zog und zerbrach sich den Kopf darüber, wie es nun weitergehen sollte. Der Transporter war weg, dafür hatten die beiden Männer offenbar höchst erfolgreich gesorgt.

Auch Erik schien diesen Gedanken gehabt zu haben und bog in Richtung des letzten Stallgebäudes ab. Conny hätte vor Frust beinahe laut aufgeschrien, doch das Spray auf ihren Stimmbändern sorgte dafür, dass sie nur einen schiefen, kratzigen Laut hervorbrachte.

“Oha, damit gewinnt die aber keinen Wettbewerb”, lachte einer der Männer und warf einen kurzen Blick über die Schulter.

Conny senkte den Kopf. Erneut hatte sie Tränen in den Augen, dieses Mal jedoch vor Frustration. Sie war ihrem Ziel so unglaublich nahe gewesen! Sie war bereits draußen, hatte den Hof beinahe verlassen… warum mussten diese beiden Idioten ausgerechnet jetzt auftauchen und ihren Fluchtplan durchkreuzen?

 

Am Gebäude angekommen hielt Erik die Leine etwas kürzer, so dass Conny ihm ganz dicht durch den Vorraum folgen musste. Sie blieben erst stehen, als sie vor einem weiteren Drehgitter angekommen waren.

Hilfesuchend schaute Conny ihrem Kollegen in die Augen. Er hielt ihrem Blick einige Sekunden lang stand, deutete sogar ein leichtes Zwinkern an. Da die beiden Wachhunde des Unternehmens in Hörweite waren, konnte er schlecht mit ihr reden, so dass sie nur hoffen konnte, dass diese kleine Botschaft bedeutete, dass er sie retten würde, sobald er seine Kollegen abgeschüttelt hatte.

 

Erik gab ihr einen leichten Schubs, das Drehgitter setzte sich in Bewegung und Conny stolperte dem Ort entgegen, von dem sie gerade noch gedacht hatte, dass sie ihn hoffentlich nie wieder sehen musste. Vergessen war die frische Luft und die kühle Brise der Nacht, zurück waren die schwere Luft des Kuhstalls und die ihr so vertraute, immer gleiche Temperatur. Sie umschlangen die junge Journalistin wie ein stählernes Band und nahm ihr die Luft zum Atmen. Tränen strömten über ihr Gesicht, als sie hörte, wie das Drehgitter hinter ihr einrastete. Es hatte einen fürchterlich endgültigen Klang.

 

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