Animal Planet: Die Reportage - Kapitel 22

 

Vorwort: Schön, dass die Seite wieder online ist! In der Zwischenzeit habe ich die Geschichte "Die Reportage" beendet und werde die letzten Teile hier hochladen. Viel Spaß beim lesen! 

 

Demaskiert

Connys Herz setzte für einen Schlag aus, nur um anschließend mit ungekannter Brutalität gegen ihre Rippen zu schlagen. Geschockt und angsterfüllt starrte sie den Mann mit weit aufgerissenen Augen an. Er wusste es! Er hatte sie enttarnt, kannte ihren Namen! 
Die Journalistin spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Wenn Eklund ihren Namen kannte, dann hatte es ihn sicherlich nicht viel Mühe bereitet, umfassende Informationen über sie zu erlangen. Zweifelsfrei wusste er, dass sie für die Tillburg Post arbeitete. Das herauszufinden dürfte auch nicht sonderlich schwer gewesen sein, denn sie hatte ihre Freude über den lang ersehnten Job gleich in mehreren sozialen Netzwerken kundgetan. 

“Es ist mir eine ganz besondere Freude Ihnen mitteilen zu können, dass Ihre hinterhältige Verschwörung gegen BioUdders gescheitert ist!”, verkündete der hochgewachsene Mann. Mit fast schon herausfordernd entspannter Körperhaltung hatte er sich gegen die Schreibtischkante gelehnt, den Blick fest auf Conny gerichtet. “Ich muss zugeben, dass es durchaus beeindruckend war, wie Sie es geschafft haben, sich unbemerkt in unsere Ställe zu schmuggeln. Damit haben Sie uns einige wichtige Hinweise darauf geliefert, wie wir unser internes Sicherheitssystem optimieren können.”

Fassungslos starrte Conny den Vice President von BioUdders an. Er wusste alles! “Wie…?”, brachte sie mit krächzender, trockener Stimme hervor. Die Antwort wollte sie eigentlich gar nicht hören. Die Beine der Journalistin zitterten vor Angst so stark, dass sie Mühe hatte, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ihre erzwungene Position war dabei alles andere als hilfreich. Fast fühlte es sich an, als ob ihre schweren Euter sie regelrecht zu Boden ziehen wollten. 

Ein Ausdruck der Genugtuung spiegelte sich auf Eklunds Gesicht wieder. “Wie wir Ihren auf die Spur gekommen sind?”, sprach er den Rest der Frage aus, die Connys Gedanken erfüllte. “Eigentlich sehe ich keinen großen Bedarf, Ihnen die Einzelheiten zu erklären. Aber da Sie ohnehin keine Gelegenheit mehr dazu haben werden, irgendjemandem davon zu berichten, werde ich es Ihnen erklären. Sehen Sie es als kleine Anerkennung für Ihre Mühen.” 

Connys Blick verfinsterte sich. Die herablassende Art des Managers ließen die Erinnerungen an die vielen Erniedrigungen der vergangenen Monate wie einen Film vor ihrem inneren Auge erscheinen. Wann hatte man sie entdeckt, und was hatte man sie in den letzten Wochen ganz bewusst dennoch durchleben lassen? Sicherlich war es auch kein Zufall, dass sie auf diese spezielle Art und Weise angekettet worden war. Von ihrer Position aus musste sie zwangsläufig zu Eklund aufschauen, während er auf sie hinab blicken konnte. Ein kleines psychologisches Spielchen, dessen Wirkung noch durch die Tatsache verstärkt wurde, dass Eklund bekleidet war, während ihr Körper nackt und vollkommen ungeschützt seinen Blicken ausgeliefert war. 
Wut kochte in ihr hoch, doch sie brachte keinen Ton hervor. Ein Chaos an Gedanken vernebelte ihren Verstand und ließ klares Denken kaum zu. 
Die Journalistin biss sich auf die Unterlippe. Der Schmerz half ihr, sich wieder einigermaßen zu fangen. “Lass ihn reden”, schoss ihr durch den Kopf, “so verraten sich die Schurken in Filmen doch auch immer!” Es gab immer noch Erik! Er war noch irgendwo da draußen und wartete sicher auf eine Gelegenheit, sie zu befreien. Je mehr sie wusste, desto besser! 

Eklund betrachtete sie mit einem süffisanten Lächeln. “Oh, machen Sie sich keine falschen Hoffnungen. Wenn ich sage, dass Sie Ihre Geschichte niemandem mehr erzählen können, dann meine ich das auch so. Oder glauben Sie, dass wir Ihren Kollegen noch nicht erwischt hätten? Seine Tarnung ist schon vor mehreren Wochen aufgeflogen.” 

Conny wusste nicht, wie ihr geschah. Die ganze Tarnung, die sie zusammen mit Erik aufgebaut hatte, war einfach zusammen gestürzt. Obwohl sie sich über die lange Zeit an die permanente Nacktheit gewöhnt hatte, kam sie sich plötzlich furchtbar entblößt und verletzlich vor. Tränen stiegen ihr in die Augen und verklärten ihre Sicht. Wie hatte das nur passieren können? Und noch wichtiger: Was würde nun mit ihr passieren? 

“Nun… ich habe keine Zeit, Ihnen alles ausführlich zu erklären. Jedoch kann ich Ihnen versichern, dass Sie schon seit einiger Zeit unter besonderer Beobachtung stehen. Ihre Milchproduktion hatte sich wirklich hervorragend entwickelt, doch dann gab es vor einiger Zeit einen ganz und gar unerklärlichen Einbruch. Natürlich betraf das mehrere Kühe, doch unser Qualitätsmanagement hat Sie seit diesem Zeitpunkt aufmerksam beobachtet. Wir vermuteten zuerst eine Krankheit, doch wie sich herausstellte, waren Sie bester Gesundheit. Also haben wir die Datenwerte genauer untersucht und mussten leider feststellen, dass sie manipuliert worden waren. Dank unserer Zutrittskontrollen war der Verantwortliche schnell gefunden. Als Herr Horn kurz darauf versuchte, Sie von unserem Gelände zu schaffen, wussten wir auch, dass eine der betroffenen Kühe mit ihm unter einer Decke stecken musste. Ein wirklich kühner Plan, das muss man Ihnen lassen. Wir hätten nie damit gerechnet, dass sich jemand als Kuh in unsere Stallungen einschleusen lässt”, erklärte Eklund. Bei seinem letzten Satz schaute er sie mit einem Blick an, der irgendwo zwischen Verachtung und Anerkennung zu schwanken schien. 
“Aber machen Sie ihrem Mitverschwörer keine allzu großen Vorwürfe. Auch ohne seine Fehler wären wir Ihnen inzwischen auf die Spur gekommen. Wie meine Mitarbeiter mir berichtet haben, hatten Sie sich auf dem Zuchtbock nicht besonders gut unter Kontrolle, Frau Steinfeld. Es kommt wirklich nicht besonders häufig vor, dass eine Kuh den Bullen beim Deckakt regelrecht anfeuert.”

Heiß rannen die Tränen über Connys vor Scham glühende Wangen. Erstaunlich, wie sehr man eine Person schon nach wenigen Minuten hassen konnte! Eklund schien keine Gelegenheit auszulassen, um sie zu erniedrigen und mit seinen Worten zu verletzen. 
Das durfte alles nicht wahr sein! So lange wusste BioUdders schon von ihrer wahren Identität? Es schien eine Ewigkeit her zu sein, seit sie Erik das Kaubonbon gegeben hatte, seit sie dieses Gefühl des Triumphs verspürt hatte und sich sicher gewesen war, die Ställe bald verlassen zu können. 
“Wo ist Erik?”, brachte sie schluchzend hervor. Ihr Blick war auf den Boden gerichtet, sie hatte einfach nicht mehr die Kraft, Eklund ins Gesicht zu sehen. Zu groß war der Schock, dass er sie enttarnt hatte, zu groß war die Angst, die sie vor diesem Mann verspürte. 

Eklund schien kurz zu überlegen, ob er Conny auch diese Frage beantworten sollte. Einige Sekunden vergingen, ehe er mit sorgfältig gewählten Worten erklärte: “Herr Horn hat diesen Planeten bereits vor mehr als einer Woche verlassen. Wir haben ein sehr ausführliches Gespräch mit ihm geführt und sind einvernehmlich zu dem Schluss gekommen, dass er seine Fähigkeiten zukünftig unserem Unternehmen zur Verfügung stellt und sich dafür an einen von uns vorgeschlagenen Ort begibt. Das schien ihm besser zu gefallen, als Ihr Schicksal zu teilen und den Rest seines Lebens als Rind zu verbringen.”

Ein Schluchzen entfuhr Conny. “Nein, das glaube ich nicht. Sie lügen!”, flüsterte sie mit tonloser Stimme. Sie konnte die Worte des Mannes einfach nicht glauben. Erik hätte sie niemals im Stich gelassen. Sie hatten diesen Auftrag zusammen angenommen und er hatte ihr versprochen, dass er auf sie aufpassen würde. Niemals wäre er einfach abgehauen und hätte sie an diesem Ort zurückgelassen. 

Ein freudloses Lachen schallte der Journalistin entgegen. “Oh doch, ich sage die Wahrheit, Frau Steinfeld. Ob Sie mir glauben oder nicht, spielt jedoch absolut keine Rolle. Es war nett, Ihre Bekanntschaft zu machen, doch nun entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe keine Zeit, mich noch weiter mit Ihnen zu unterhalten. Um alles weitere werden sich meine Mitarbeiter kümmern.” Mit diesen Worten löste Eklund sich von dem Schreibtisch, durchquerte den Raum mit zügigen Schritten und verschwand ohne ein weiteres Wort durch die Tür, die hinter ihm geräuschvoll ins Schloss fiel. 

Die nachfolgende Stille herrschte nur für wenige Sekunden in dem kargen Raum. Aus dem leisen Schluchzen der Journalistin wurde ein herzzerreißendes Weinen. Conny konnte einfach nicht anders. Tränen tropften in rascher Folge auf den gefliesten Boden, als sie Angst, Verzweiflung und Enttäuschung nicht mehr länger im Zaum halten konnte. Als es sie regelrecht schüttelte, gaben ihre Knie endgültig nach. 
Wie ein Häufchen Elend sackte sie auf dem Boden vor dem Pfahl zusammen, an dem sie angekettet war. Nur die kurze Kette an ihrem Nasenring zwang sie, den Oberkörper aufrecht und den Kopf halbwegs erhoben zu halten. Aus eigenem Antrieb hätte sie es nicht mehr geschafft. 
Wieso hatte sie sich nur auf die ganze Sache eingelassen? Sie hätte auf ihr erstes Gefühl hören sollen! Hatte sie nicht von Anfang an Zweifel gehabt? Wie hatte sie nur so töricht sein können! Während der ganzen Vorbereitung hatte sie sich nur darum gesorgt, dass sie nackt sein würde und ob ihre Brüste später noch genau so fest sein würden, wie vorher. Doch um die wirklich wichtigen Dinge hatte sie sich kaum Gedanken gemacht! Nie hatte sie selbst daran gedacht, einen Fluchtplan zu entwickeln! Dabei hätte ihr doch klar sein müssen, dass BioUdders sie nicht einfach so entkommen lassen würde! Und jetzt, jetzt war alles zu spät! 

Conny wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als die Tür sich erneut öffnete. Noch immer völlig aufgelöst erkannte sie durch ihre verheulten Augen die verschwommene Gestalt eines Mitarbeiters von BioUdders, der durch die typische Farbgebung der Arbeitskleidung selbst unter diesen Bedingungen leicht als solcher zu erkennen war. 
Rasch näherte er sich ihr, befestigte eine Führkette an ihrem Nasenring und befreite sie dafür von dem Pfahl. Mit einem leichten Ruck an der Kette gab er ihr zu verstehen, dass sie auf die Hufe kommen sollte.

Die Journalistin starrte den Mann durch ihre verquollenen Augen verständnislos an. Ihr fehlte einfach die Kraft, sich jetzt wieder aufzuraffen, dem Zug der Leine zu folgen und einen weiteren Schritt in Richtung ihres eigenen Verderbens zu gehen. 

Doch schon nach wenigen Augenblicken sorgte ein weiterer, dieses Mal deutlich schärferer Zug an der Führleine dafür, dass Conny der Aufforderung dann doch folgte und sich mit zitternden Knien erhob. Erneut mit Tränen in den Augen, dieses Mal jedoch aufgrund der Schmerzen, die von ihrer pulsierenden Nasenscheidewand ausgingen, stolperte sie hinter dem Mann her und aus dem Gebäude heraus.

Hatte sie die kühle Luft und den feinen Wind auf ihrer nackten Haut noch kurz zuvor als angenehm und befreiend empfunden, fühlte Conny sich nun nur noch ungeschützt. Der kalte Wind ließ sie frösteln und die niedrige Temperatur verdeutlichte ihr, wie schutzlos ihr Körper eigentlich war. 
Dieses Mal schlug der Mann die Richtung ein, die sie sich zuvor so sehr erhofft hatte. Über den großen Weg führte er Conny in Richtung des Parkplatzes. Hatte sie diesen Ort immer sehnlichst erreichen wollen, insbesondere nach dem gescheiterten Fluchtversuch, wartete dort nun nicht mehr die Freiheit, sondern eine höchst ungewisse Zukunft. 
Conny verlangsamte ihre Schritte. Sie durfte nicht dorthin gebracht werden! Man würde ihr die Stimme nehmen, die Verwandlung endgültig und unumkehrbar machen! 
Die Führleine spannte sich und hob den Nasenring von ihrer Oberlippe. Doch Conny dachte nicht daran, weiter blind in ihr Verderben zu rennen! Entschlossen setzte sie ihre Hufe auf den Boden und blieb stehen. 

Überrascht von dem plötzlichen Widerstand der Kuh blieb auch der Angestellte stehen. Die Stirn in Falten gelegt, drehte er sich halb zu ihr um. Sie erkannte den Mann, der sie vor wenigen Stunden aus dem Zuchtstall geholt hatte. “Na komm schon!”, forderte er, leicht an der Führleine ziehend. 
Der Journalistin traten erneut die Tränen in die Augen, als der Ring schmerzhaft an ihrer Nase zog. Doch sie blieb stark, bewegte sich nicht von der Stelle. “Nein!”, erwiderte sie, mit leiser, aber entschlossener Stimme. 
Den Mund leicht geöffnet, starrte der Stallarbeiter sie einige Sekunden lang an. Entweder hatte sein Vorgesetzter ihn nicht eingeweiht, was es mit Conny auf sich hatte, oder er empfand eine sprechende Kuh einfach als zu merkwürdig. Einige Male schien er dazu ansetzen zu wollen, etwas zu sagen, fand jedoch offenbar nicht die richtigen Worte. 

Schließlich warf er Conny einen mitleidigen, fast schon traurigen Blick zu und drehte sich wieder um. Die Führleine spannend machte er einen langsamen Schritt nach vorne. 
Conny jaulte auf, als der Ring kraftvoll, aber immerhin ohne einen all zu heftigen Ruck an ihrer Nase zog. Dem Schmerz unwillkürlich nachgebend stolperte sie einen Schritt nach vorne. Vor Zorn kochend stemmte sie sich gegen die Leine, doch der Angestellte von BioUdders blieb nicht noch ein weiteres Mal stehen. 
Obwohl sie es mit jeder Faser ihres Seins ablehnte, konnte Conny nicht anders, als dem Mann zu folgen. Der Ring, der am Tag ihrer Ankunft durch ihre Nasenscheidewand gestochen worden war, stellte sich als furchtbar effektiv heraus. Der Schmerz war einfach zu stark und zu scharf, um ihm ernsthaft wiederstehen zu können.

So erreichte das ungleiche Gespann schließlich den Torbogen am Rande des Geländes. Für Conny war es ein merkwürdiges Gefühl, das Tor zu passieren, das von dem Grundstück des Konzerns zum Parkplatz führte. Lange schon hatte sie es endlich passieren wollen, doch nun fühlte es sich überhaupt nicht so an, wie sie es sich vorgestellt hatte. Nie hätte sie sich träumen lassen, dass sie in diesem Moment am liebsten umgedreht und schnurstracks zurück in den Stall gelaufen wäre - fort von all der Angst und Ungewissheit, die hier draußen auf sie wartete und zurück an den Ort, der zwar nicht besonders angenehm war, aber an dem Erik oder irgendwer anders sie finden könnte. 

Der Angestellte von BioUdders blieb erst stehen, als sie einen kleinen Transporter erreicht hatten, der auf dem ansonsten verlassenen Parkplatz stand. Ohne Connys Führleine loszulassen, klappte er die hintere Tür herunter, die so gleichzeitig als kurze Rampe diente und in den hinteren Bereich des Wagens führte.
“Rein da”, meinte er kurz angebunden in Richtung der Reporterin. Als sie zögerte, warf er ihr einen grimmigen Blick zu, trat selbst auf die Rampe und zog Conny kurzerhand an der Führleine in den Transporter. 
Im Inneren des Fahrzeugs war es dunkel und eng. Der Boden bestand aus einem einfarbigen Kunststoffbelag, der jedoch nicht so glatt war, wie er zuerst gewirkt hatte. Durch zwei schmale Fenster strahlte gerade genug Tageslicht hinein, damit Conny überhaupt etwas sehen konnte. Allerdings waren sie so hoch angesetzt, dass sie nicht nach draußen sehen konnte. 
Der Stallarbeiter befestigte ihre Führleine mit einem einfachen Knoten an einem großen Metallring, der an der Rückwand der Fahrerkabine angebracht war. Kurz versicherte er sich, dass die Journalistin sicher angebunden war, ehe er aus dem Wagen kletterte, die Rampe zuklappte und damit die Tür schloss. 
Conny, deren Augen sich an das Tageslicht gewöhnt hatten, konnte ihre Umgebung zunächst kaum erkennen, so dunkel war es nun um sie herum. Sie konnte hören, wie die Tür verriegelt wurde und ließ den Kopf hängen. 

Kurz darauf ging ein leichter Ruck durch den Wagen, als jemand in die Fahrerkabine stieg. Eine Tür schlug zu und gleich darauf wurde der Motor gestartet. Wie bei allen Fahrzeugen auf Animal Planet war es ein Elektromotor, doch selbst dessen leises Surren erschien Conny vergleichsweise laut, nachdem zuvor fast vollkommene Stille geherrscht hatte. 
Als das Fahrzeug sich in Bewegung setzte, wäre Conny um ein Haar gestützt. Immerhin war die Führleine lang genug, dass sie einen Schritt nach hinten machen konnte, um ihr Ungleichgewicht wieder auszugleichen. 
Verunsichert ging Conny ein wenig in die Hocke und kniete sich auf den Boden. Es war zwar alles andere als bequem, da das polsternde Stroh fehlte, an das sie sich so sehr gewöhnt hatte, doch es war ganz sicher besser, als am Ende doch noch zu stürzen. Leise weinend starrte sie an die dunkle Wand des Transporters, während der Transporter weiter beschleunigte. 

Conny hatte jedes Zeitgefühl verloren. Sie konnte nicht sagen, ob sie erst wenige Minuten, oder doch schon mehrere Stunden unterwegs waren. Im dunklen Anhänger fehlte ihr jegliche Möglichkeit, einen Zeitbezug herzustellen. Das Licht aus den beiden schmalen Fenstern schien ein wenig schwächer geworden zu sein, doch das konnte auch täuschen. Nur die Tatsache, dass ihre Euter inzwischen ziemlich schmerzhaft spannten, ließ die Journalistin vermuten, dass sie doch schon etwas länger unterwegs waren. 

Hin und wieder stoppte der Wagen kurz, setzte sich jedoch immer wieder in Bewegung. Conny, die nach einer Weile nicht mehr groß darauf achtete, war in ein unruhiges Dösen verfallen. Das leichte Schaukeln des Wagens sorgte für eine unangenehme Übelkeit, die aber zumindest nicht so schlimm wurde, dass sie sich übergeben musste. Eigentlich hätte sie diesen Verbrechern nur zu gerne in den Wagen gekotzt, doch da sie nicht wusste, wie lange sie selbst noch an diesem Ort verweilen musste, sah sie davon ab und versuchte ihren Magen zu beruhigen, indem sie ruhig und gleichmäßig atmete. 
Einmal blieb der Wagen deutlich länger stehen, so dass Conny sich sicher war, dass sie nicht nur an irgendeiner Ampel warteten. Tatsächlich hörte sie nach einer Weile die Fahrertür auf und nach einer Weile wieder zugehen. Auch glaubte sie, Stimmen gehört zu haben, doch die Wände des Wagens waren zu dick, um einzelne Worte zu verstehen. 

Endlos erscheinende Sekunden später ging die Fahrt jedoch noch einmal weiter. In ihrer Angst hatte sie sich schon vor einer der Kliniken zur Wandlung von Pets gesehen. Sie fragte sich, wie lang die Fahrt wohl noch dauern mochte. Inzwischen drang nur noch wenig Licht durch die beiden schmalen Fenster in das Innere des Fahrzeugs. Als Ausgleich hatten sich Connys Augen ganz gut an die Lichtverhältnisse gewöhnt, doch an diesem Ort gab es ohnehin nichts zu sehen, was sie hätte ablenken können.
Ihre Tränen waren irgendwann während der Fahrt versiegt. Geblieben war die Angst. Wohin genau würde man sie bringen? So lange wie sie unterwegs waren, schien es nicht einfach nur zum nächstbesten Petarzt zu gehen. Vielleicht eine Sicherheitsmaßname, damit sie nicht so schnell gefunden wurde? Das würde immerhin bedeuten, dass Eklund damit rechnete, dass irgendjemand nach Conny suchen würde. Ein schwacher Trost, denn spätestens wenn ihre Haut nachhaltig gefärbt und ihre Stimmbänder operiert waren, gab es für sie keine wirkliche Rettung mehr. Selbst wenn man sie danach noch aus den Ställen herausholte, was für ein Leben wartete dann noch auf sie? 
Conny ahnte, dass sie sich ihrem Schicksal ergeben musste. Natürlich würde das nicht von heute auf morgen gehen und ganz sicher nicht leicht werden, doch irgendwo in ihrem Unterbewusstsein war ihr klar, dass dieser Schritt irgendwann unvermeidlich sein würde. Es war ein Schutzmechanismus ihres Körpers, ein ganz natürlicher Prozess, um überleben zu können. Noch war sie jedoch nicht bereit dafür. So lange es noch einen kleinen Funken Hoffnung gab, würde sie sich daran klammern. 

Die Sonne war bereits untergegangen, als der Wagen erneut anhielt. In dem Augenblick, als das leise Surren des Elektromotors erstarb, wusste Conny, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Für einen kurzen Augenblick herrschte Stille, dann hörte sie die Fahrertür aufgehen. Schritte entfernten sich, kurz darauf konnte sie mehrere undeutliche Stimmen hören. 

Conny, die bisher in Fahrtrichtung gesessen hatte, drehte sich halb um die eigene Achse. Angespannt starrte sie auf die verschlossene Tür des Wagens. Wuchtig schlug ihr Herz gegen ihre Rippen, während sie voller Angst wartete. 
Mit einem leisen Knarren öffnete sich die Tür. Das künstliche Licht einer Straßenlaterne ließ die Journalistin die Augen zusammenkneifen. Gleich mehrere Personen hatten sich dort draußen versammelt. 
Ganz langsam gewöhnten sich ihre Pupillen an die neuen, helleren Lichtverhältnisse. Doch Conny blinzelte weiter. Sie war sich sicher, dass ihre Augen ihr einen Streich spielten. Der Mann, der mit einem weißen Kittel bekleidet hinter dem Fahrzeug gestanden hatte und nun gerade die Rampe hinauf kletterte, war niemand anderes, als Dr. Collins. “Schön dich zu sehen, Conny!”, begrüßte er sie mit einem breiten Lächeln.

 

 

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