Christopher und Ich - Kapitel 16 - 18

 

Liebe Interessierten und/oder Leser: ich lebe noch und entschuldige mich, dass ich so lange hier keine Kapitel mehr gepostet habe. Das wird sich jetzt ändern, ich beabsichtige die Kapitel nun in den kommenden Tagen weiterhin in der Dreier-Formation hochzuladen, bis ich zum aktuellen Stand der Geschichte (ich schreibe gerade an Kapitel 30) angekommen bin; von da an wird es Kapitel in Einzelform geben. Ich hoffe, einige von euch haben noch Lust, weiter zu lesen. ISIS

16

 

Die Wirklichkeit prallte mit all ihrer Gewalt auf mich nieder, so als würde mir jemand einen kräftigen Schlag mitten ins Gesicht verpassen. Ich blinzelte. Und der Strom aus meinen sich allmählich formenden Gedanken raste wie ein Schnellzug durch mein mentales Zentrum, mit dem deklarierten Ziel, eine dringende Frage zu beantworten.

Was zur Hölle war passiert?

Als ich meinen Blick innerhalb dieses Prozesses durch den Raum schweifen ließ, bemerkte ich einige signifikante Dinge. Zum einen lag meine Kleidung, die vergangene Nacht noch meinen Körper geschmückt hatte, penibel auf dem kleinen Stuhl in der Ecke zusammengefaltet; zum anderen waren mein Portemonnaie und meine Haustürschlüssel auf dem kleinen Nachtschränkchen deponiert worden. Daneben standen ein leeres, hohes Glas und eine Wasserflasche.

Wasser.

Der Zustand meines eigenen Körpers wurde mir erst bewusst, als sich meine Augen auf diese klare Flüssigkeit gelegt hatten. Meine Zunge fühlte sich an wie Sand und als ich mich bewegte, gierig den durchsichtigen Trank zu kosten, durchfuhr meine Beine ein langer und ziehender Schmerz, so als hätte ich am Vortag ein Lauftraining absolviert.

Die Flasche an meine Lippen setzend, begehrlich diesen mich mittlerweile auffressenden Durst zu stillen, fielen meine Augen auf die Plastikschüssel, die auf dem Boden direkt neben dem Bett stand. Ein kleines blaues Handtuch lag direkt daneben.

Hatte ich das in meinem, mehr als bedenklichen Zustand noch vorbereitet? Hatte ich im Voraus gedacht, in der Situation, in der rationales Denken eigentlich gar nicht mehr möglich sein konnte?

Christopher.

Ich hob die Bettdecke an und sah an mir herab.

Ich trug eine frische, knappe Boxershorts.

Hatten wir…?

Auf allen Vieren krabbelte ich im Bett herum, um das gesamte Zimmer von diesem aus begutachten zu können. Ja. Dort stand sie. Immer noch.

Die kleine schwarze Reisetasche.

Er war noch hier.

„Verdammt…“, fluchte ich, feststellend, dass es in meinem Kopf pochte, so als würde jemand unabdingbar von der Innenseite meines Schädels gegen diesen treten. Ich versuchte mich zu erinnern, schloss die Augen und ging unsere Schritte im Gedanken nach.

Bilder tauchten auf.

Ich wusste noch genau, wie der Pub aussah. Ich rief meine Gäste ins Gedächtnis; die unangenehme Episode mit Sarah spielte sich wie ein kleiner Film ab; die arktisch kalten Augen Christophers tauchten auf. Lisa! Die kurze Konversation mit Mareike… Worüber? Wo? Wann?

Krasser Fang.

Soll ihm wohl echt den Arsch gerettet haben.“

Wir waren gegangen! Christopher und ich.

Der Rest der Truppe war mit einem Drink an dem Tisch verblieben!

Und dann?

Ich hörte die Haustür zuschlagen. Das Rascheln von Plastiktüten drang zu mir ins Schlafzimmer.

„Christopher…?“, krächzte ich und verfiel direkt in einen unangenehmen Hustenanfall, der meine Kopfschmerzen nur noch verschlimmerte. Als ich mich beruhigt hatte und aufsah, ruhten seine Augen bereits auf mir. Er stand direkt am Bett, blickte still auf mich herab. Er lächelte. In seiner Hand hielt er einige Tabletten.

„Dein Aspirin war abgelaufen“, erklärte er lässig und ging um das Möbelstück herum, bis er zum aufgestellten Wasserglas gelangt war, nach dem er auch gezielt griff. Die Matratze gab ein Stück weit nach, als er sich zu mir setze. Es sprudelte, als Christopher die Medizin ins gefüllte Glas fügte. Wir betrachteten beide die sich auflösende Tablette und schwiegen. „Hier“, sagte er dann milde und reichte mir das Glas. „Ich hoffe Orangengeschmack ist in Ordnung?“

Ich antwortete mit einem hastigen Nicken, das ich unmittelbar bereute. Das nun mit Aspirin versehene Wasser trank ich mich großen Zügen leer, in Hoffnung, es würde seine Wirkung so schnell wie möglich entfalten. Behutsam nahm Christopher das leere Glas wieder aus meiner Hand und stellte es zurück auf das Nachtschränkchen. Dann sah er mich abermals an.

Wenn ich mein Gefühl beschreiben müsste, das in diesen Momenten mein gesamtes Dasein beanspruchte, dann könnte ich wohl nur behaupten, dass ich mir wie [style der letzte Idiot vorkam. Jeglicher Erinnerungen durch den ultimativen Status der Hemmungslosigkeit beraubt, den ich mir selbst zu verdanken hatte.

Hatte Christopher hier geschlafen?

Oder war er nach Hause gefahren, genervt von meiner Trunkenheit?

Und die wichtigste kleine Frage: Hatten wir…?

Ich spürte jedenfalls keinen Schmerz in meinem Hinterteil… Doch diese Tatsache musste nicht viel zu sagen haben.

Ich warf einen diskreten Blick auf meine Handgelenke. Keine Schürfwunden.

Nichts, was auf irgendeine Art der Fesselung zurück zu führen sein könnte.

„Wie geht es dir?“, fragte Christopher, immer noch auf dem Bett sitzend und mich betrachtend.

„…scheiße“, gab ich halbwegs grinsend zu. Christopher schnaubte kurz.

„Ich war eben noch einige Kleinigkeiten einkaufen“, erklärte er dann trocken. „Ich denke, ein richtiges Katerfrühstück würde dir vielleicht gut tun. Was sagst du?“

„Das wäre geil…“, murmelte ich, diesen unglaublichen Hunger verspürend, der scheinbar aus dem Nichts an die Oberfläche meiner Empfindungen getreten war.

„OK, schlaf noch ein bisschen, sodass das Aspirin wirken kann und ich mache mich an die Zubereitung deines Frühstücks“, lauteten die letzten Worte Christophers, die ich noch vernehmen konnte, bevor ich wieder abdriftete.

Es roch nach Butter.

Nach Speck.

Nach Toast.

Ein bisschen nach Schinken.

Ich öffnete die Augen.

Im selben Moment betrat Christopher mein Schlafzimmer, das einzige, silberne Tablett, das ich besaß, in seinen Händen tragend.

„Lehn dich zurück, heute gibt’s Frühstück direkt am Bett. Ausnahmsweise“, fügte er grinsend hinzu. Ich konnte nichts sagen. Ich starrte das Tablett in seiner Hand an. Rührei mit Speck und Chilli, gebackene Bohnen, frischer Toast mit Butter, zwei Tassen Kaffee, und ein Schälchen Marmelade warteten darauf. Ich spürte regelrecht, wie das Wasser in meinem Mund zusammen lief. Christopher stellte das Essen zunächst auf der frei geräumten Kommode ab. „Sag mal“, setzte er an, als er plötzlich nach meinem Laptop griff und ihn mir in die Hand drückte. „Ist bei der Spindel, die dir Frank geschenkt hat und über deren Legalität ich jetzt einfach nichts sagen werde, wenigstens ein Film dabei, der kein Horrorfilm ist?“

Ich grinste schief.

„Ich meine, da könnte auch ein Thriller dabei sein. Mit sehr wenigen Horror-Elementen“, antwortete ich dann.

„Okay“, kam es von Christopher, der einen Abstecher ins Wohnzimmer machte und mit der Spindel zurückkehrte. „Dann such ihn mal raus, wir können ihn ja beim Frühstück schauen.“

„...okay.“

Wir sprachen nicht, während wir aßen. Christopher nur eine Kleinigkeit, etwas Toast mit der himmlischen Kirschmarmelade, an der er nicht hatte vorbei gehen können. Das leere Tablett fand den Weg auf den Boden und Christopher rückte näher an mich heran, legte seinen Arm um meinen Rücken. Mein Kopf ruhte auf seiner Schulter. Dicht presste ich mich an ihn heran und atmete seinen Geruch ein; eine Mischung aus teurem Aftershave und angenehmer Männlichkeit. Anders konnte ich es nicht beschreiben.

Er trug ein weiches, dünnes T-Shirt und eine schwarze Jeans. Doch scheinbar war ihm nicht warm genug, um sie auszuziehen. Vielleicht wollte er es auch nicht. Mir jedenfalls war in meiner Boxershorts unter der grauen Decke, direkt an den wunderschönen Körper dieses wunderschönen Mannes gelehnt, fast schon heiß. Wahrscheinlich hatte Christopher die Heizung bereits vor Stunden aufgedreht.

Und trotzdem konnte ich mich nicht entspannen.

Die Handlung des Filmes hätte ich nicht wiedergeben können. Wie ein Bach rauschte er an mir vorbei; zog wie eine Brise weiter, die man kaum wahrgenommen hatte.

Immerzu wühlte ich in diesem wirren Chaos meiner Gedanken und versuchte tiefer dort zu graben, um endlich auf den Schatz zu stoßen, den der Schlüssel zu den verschwommenen Erinnerungen darstellte. Doch ich war keiner dieser legendären Schatzsucher, die es auf Umwegen zum Erfolg schafften. Innerlich betrachtete ich noch immer eine gähnende, dunkle Leere. Und so etwas wie eine Schatzkarte besaß ich nicht.

Ende“

Ich starrte das Wort der Untertitel auf dem Bildschirm an, so als würde ich diese nicht einmal mehr verstehen können.

Christopher räusperte sich. Im selben Moment rückte er von mir ab und griff nach dem Tablett. Er stand auf und drehte sich zu mir um. „Während ich kurz deine erbärmliche Kochnische aufräume, nimmst du eine Dusche, verstanden? Und ja, das ist ein Befehl“, eröffnete er mir mit fester Stimme.

Ich nickte. „Ja, Christopher.“

Und er grinste.

Meine Glieder schmerzten, als ich mich ins Badezimmer schleppte, an den Wänden abstützend. Die Tatsache, dass ich nur mit einer Boxershorts bekleidet war, machte mich in diesem kurzen Momenten froh. Jede Bewegung fiel mir in ihrer Wurzel schwer.

Ich hätte es besser wissen müssen.

Alkohol war gefährlich.

Und ich war ein riesengroßer Idiot.

Das warme Wasser regnete auf mich herab. Ich sog die warme Luft ein und beobachtete, wie der Dampf nach und nach die durchsichtige Kabinentür beschlug. Ich schloss die Augen. Wie in Zeitlupe seifte ich mich ein, genoss den Duft des Shampoos, das ich benutzte und das mich in einen kurzen exotischen Traum abdriften ließ, in der mich keine Fragen plagten. Doch als die Wasserstrahlen ihr Ende fanden und ich begann, mich inmitten meines kleinen Badezimmers abzutrocknen, so löste sich auch der Tagtraum auf und die nervenaufreibenden Fragen schossen erneut durch meinen gequälten Kopf.

Hatten wir uns geküsst?

Hatten wir uns angefasst?

Hatten wir miteinander geschlafen?

Unmittelbar legten sich zwei kalte Hände auf meine Schultern und ich erschrak regelrecht. Die Finger bohrten sich unangenehm in meine Haut und Christopher drehte mich zu sich herum. Ich blickte in ein Eismeer. Seine Lippen hatten sich zu einem hämischen Grinsen geformt. Er stand als mein Freund vor mir. Aber noch viel mehr als mein Master. Mein Herr.

„Ich denke, ich muss dir nicht sagen, wie unglaublich enttäuscht ich von dir bin, dass du dich so dermaßen betrunken und mir dadurch solche Probleme bereitet hast?“, halten seine harten und kalten Worte durch meinen Kopf.

„Nein, Christopher.

Probleme, was für Probleme…?

Seine Finger wanderten entlang meines Nackens zu meinen Haaren, in denen sie sich verfingen und mit Gewalt meinen Kopf nach hinten rissen.

So, wie er es schon vorher immer getan hatte.

„Ich hoffe, du hattest genau jetzt vor, dich zu entschuldigen“, säuselte er in diesem gefährlich-süßem Ton, sodass ich schlucken musste, denn instinktiv wanderte ein Kribbeln südwärts, auch wenn mein Kopf noch immer von diesen unheilvollen Gedanken gefüllt war. Beide Empfindungen prallten in einem Sturm aufeinander.

„Entschuldige, Christopher…“, murmelte ich, gefangen von diesem mich auffressenden Blick.

„Gut…“, flüsterte er. Und mehr sagte er auch nicht, denn seine Lippen legten sich auf meine. Sie waren warm und so herrlich weich. Das Kribbeln, welches ich verspürte, intensivierte sich durch Christophers Zunge, die neckisch über meinen Mund fuhr; ganz kurz, denn umgehend spreizte er meine Lippen und ließ seine Zunge in meine Mundhöhle gleiten, nach der meinigen suchen.

Hatte es als zärtlicher Kuss begonnen, so konnte man ihn wenige Sekunden später absolut nicht mehr als solchen beschreiben. Allein aufgrund der Tatsache, dass Christopher sich vollkommen gegen meinen halbnackten Körper gepresst hatte und ich seine Erregung deutlich an meinen Oberschenkel gedrückt spüren konnte. Instinktiv schlang ich meine Arme um seinen Oberkörper, während seine Finger erneut über meinen Nacken glitten.

Und da war es wieder.

Dieses Hindernis.

Dieses Hinterfragen.

Die Unsicherheit.

Wie konnte ich diese Momente genießen, wenn mich solch ein schlechtes Gewissen, gepaart mit dieser seltsamen Angst plagte?

Bestimmt drückte ich Christopher von mir fort.

„Stopp“, sagte ich. Holte Luft. Und Christopher hielt inne. Ließ von mir ab.

Erst nach einigen Sekunden wagte ich es, ihn anzusehen.

„Haben wir miteinander geschlafen?“, floss es direkt aus meinem Mund, unbedacht, ungeplant und vor allem komplett anders formuliert, als ich es gern getan hätte.

Christophers Miene verfinsterte sich. Er sagt nichts. Starrte mich zunächst nur an. Dann schnaubte er erbost und erklärte mit dieser tiefen und festen Stimme: „Denkst du wirklich, ich bin solch ein rücksichtsloser Mistkerl und vergreife mich an dir, wenn du in solch einem absoluten Zustand der Unfähigkeit bist und wirklich gar nichts mehr mitbekommst?“

Ich musste schlucken.

Und Christopher verließ umgehend das Badezimmer.

Die Tür knallte er regelrecht zu.

Und ich musste erkennen, dass ich zitterte.

Hastig schlüpfte ich in die Klamotten, die ich vor meinem Duschgang zurecht gelegt hatte, nicht darauf achtend, ob meine Haut überhaupt schon trocken genug war, ob mein Haar vernünftig lag und ob ich das Bad sauber hinterließ. Ich stürmte ins Schlafzimmer, bedacht mich auf Christopher zu stürzen, sollte dieser gerade seinen Abgang vorbereiten. Der Fakt, dass er genau jenes nicht tat, überraschte mich, sodass ich wie versteinert vor meinem Bett stehen blieb, auf dem Christopher mit säuerlicher Miene saß, aber scheinbar auf mich wartete.

Er sah mich an.

Einige Sekunden der Stille verstrichen.

„Komm mal her zu mir…“, sprach er dann in einem milden Ton, der vollkommen im Kontrast mit seiner Stimme stand, mit der er im Bad zu mir gesprochen hatte. Er verwies auf die freie Fläche auf der Matratze neben ihm. Und ich folgte dieser Einladung, setzte mich und sah meinem Freund direkt in die Augen. „Hast du wirklich den gesamten Morgen diesen Gedanken im Kopf gehabt?“, fragte er mich nach einer Weile, in der wir uns einfach nur angesehen hatten.

Beraubt der Gabe zu sprechen, die vielleicht auf diesen fiktiven Kloß in meinem Hals zurückzuführen war, nickte ich.

Christopher seufzte.

„Ich weiß, wir kennen uns noch nicht lange, aber so viel Vertrauen hättest du mir entgegenbringen können, Niko“, fing er an, mich intensiv betrachtend. „Ich habe dir doch mehr als klar gemacht, wie wichtig du mir bist und dass ich dich mit Respekt behandeln will. Ich habe dir auch gesagt, wie wichtig mir Vertrauen im Allgemeinen ist. Vor allem wegen der Art der Beziehung, für die wir beide uns entschieden haben. Oder willst du jetzt einen Rückzieher wagen?“

„Nein!“, protestierte ich heiser.

Und das meinte ich auch so.

„Aber...“, fuhr ich fort und meine Stimme ließ mich wieder im Stich.

„Aber...?“, griff Christopher mein Wort auf, ohne seine Augen von mir zu nehmen. Ich suchte nach den richtigen Worten. „Niko, du musst mir schon vertrauen, sonst funktioniert das nicht mit uns beiden...“, fügte er hinzu. „Sprich mit mir. Was ist dein Problem?“

Die Suche nach Worten schien immer noch aussichtslos.

„Geht es dir plötzlich doch zu schnell, soll ich gehen und dich erstmal alleine lassen?“

„Nein!“, erhob ich meine heisere Stimme erneut im Protest und Christopher betrachtete mich immer noch so intensiv.

„Also?“

„Was ist in der Tasche?“, floss es urplötzlich aus meinem Mund. Christopher blinzelte.

„Meiner Reisetasche?“, hakte er nach.

„Genau.“

In Skepsis wanderte seine Augenbraue nach oben. Er sagte nichts, als er sich kurz vom Bett entfernte, um das Objekt unseres kleinen Gesprächs heran zu holen. Mit einem kurzen, verzerrten Laut zog er den silbernen Reißverschluss auf und begann, die Dinge, die sich in ihr befanden, einzeln aus der Tasche zu nehmen und sie direkt aufs Bett zu legen. Nach jedem einzelnen Teil, wanderten seine Augen immerzu in meine Richtung.

Eine Schlafhose.

Ein schwarzer Pullover.

Die Jeans von gestern Nacht.

Ein weiterer, grauer Pullover.

Ein Kulturbeutel.

Ein kleines Handtuch.

Eine Tube hochwertiges Gleitmittel.

Taschentücher.

Die kleine schwarze Reisetasche war vollkommen leer.

Und ich starrte ungläubig auf die vor mir liegenden Inhalte.

„Was hattest du erwartet?“, fragte er nach einigen Minuten, die in Stille vergangen waren.

„Ich...“, setzte ich an und konnte den Satz nicht beenden, weil ich noch immer durch die Erkenntnis, dass ich mir wegen nichts und noch mal nichts Sorgen gemacht hatte, in einer Art kleinem Schockzustand gefangen war. Zudem stellte ich mir genau jetzt, genau in diesem Augenblick, die Frage, wieso ich urplötzlich, nach Tagen des Bedenkens, nach einem nahezu verpatzten Abend, so etwas wie minimale Enttäuschung verspürte, als sich nicht einmal Handschellen in der Reisetasche befanden.

„Was ist dein Problem, Niko?“, wiederholte Christopher seine Frage ruhig.

Er wartete.

Geduldig.

Und ich versuchte mein psychisches Chaos zu ordnen, während Christopher seine kleinen Besitztümer wieder in der Tasche verstaute.

„Rede doch einfach mal drauf los...“, ermutigte er mich nach einer Weile. Und seine Worte wirkten wie ein Lösespruch. Im Nachhinein frage ich mich, ob ich sie als Befehl angesehen hatte und sie gerade aufgrund dieser kleinen Tatsache geholfen hatten...

Offen sprach ich von meinem emotionalen Durcheinander, das uns beide in die jetzige Situation manövriert hatte. Ich redete von meiner innerlichen Einsicht, mich schon längst für die Rolle als Christophers Sklave entschieden zu haben; ein intensives Leben an seiner Seite, das trotz des Tumultes in meinem Kopf noch immer als meine oberste Priorität galt, als ein erstrebenswertes Ziel. Ich machte ihm klar, sicher über das Beschreiten dieses neuen Weges zu sein, weil ich an nichts anderes mehr denken konnte. Und tief Luft holend, begann ich ihm das eigentliche Problem zu schildern, nochmals versichernd, dass ich keinen Rückzieher machen wollte, was unsere spezielle Beziehung anging. Ich erzählte ihm von diesen verstörenden Visionen, die mich vor einigen Tagen gepackt hatten. „Ich hab einfach... Naja, Panik oder so etwas bekommen...“, sagte ich und beschrieb ihm das verstörende Bild des Gummimaskenmannes, der ich nicht sein wollte; schilderte diese Angst vor dem ersten Auspeitschen, die ich selbst nicht verstand, wollte ich diese Fantasie doch eigentlich erfüllt sehen, sie in der Realität am eigenen Leib erfahren…

Christopher hörte mir aufmerksam zu, er fiel mir nicht ins Wort und er unterbrach mich auch kein einziges Mal, bis ich fast schon erschöpft sagte: „Ich... Ich glaube, das war's.“

Gummimaskenmann...“, wiederholte er in Gedanken das Wort. Als er mich ansah, lächelte er leicht. „Du kommst vielleicht auf Sachen“, fügte er noch hinzu und fuhr sich mit beiden Händen durch sein Haar. Er dachte nach. Dann seufzte er und sah mich erneut an. „Niko...“, setzte er mit dieser zärtlichen Stimme an, die ein angenehmes Kribbeln in der Gegend meines Bauches verursachte. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich langsam einführen werde… Deine erste kleine Strafe… Die war noch sehr harmlos und ich weiß, dass sie dir gefallen hat.“ Ich nickte im Stillen. „Aber genauso harmlos möchte ich auch zunächst mit dir fortfahren, weißt du? Natürlich denke ich unentwegt an die Sachen, die ich jetzt schon mit dir anstellen könnte. Oder besser gesagt, die ich am liebsten mit dir anstellen würde… aber es eben noch nicht tun werde. Das hat Zeit, ich sage es noch mal, damit du es dieses Mal auch wirklich verstehst: Wir haben Zeit, okay?“

Abermals nickte ich, Christophers ernste Gesichtszüge betrachtend.

Er sprach weiter.

„Dein Kopf ist voll von diesen zum Teil abstrusen Geschichten und Schilderungen aus dem Internet, in dem viele brauchbare Informationen zwar zu finden sind. Aber seien wir ehrlich, vieles von dem, was du dir da scheinbar reingezogen hast, sind Übertreibungen oder unrealistische Darstellungen. Oder auch einfach Dinge, die dir im BDSM einfach nicht gefallen müssen. Vergiss bitte diesen Gummimaskenmann“, sagte er und lachte kurz. Sein Gesicht wirkte so entspannt dabei und seine Augen leuchteten förmlich. So etwas wie leichte Entspannung begann, meine Glieder entlang zu kriechen. „Wir beide werden nur das tun, wozu wir beide auch Lust haben. Ja, ich bin dein Master, aber ich bin dadurch ja kein Unmensch, der dich zu irgendwelchen Sachen zwingen wird. Weder, dass du deinen Spinatauflauf aufisst, noch, dass du dich in einen Ganzkörperlatexanzug zwängst.“

Ich musste lachen und Christopher lächelte warm.

„Weißt du, mir geht es vorrangig um dein Einverständnis. Ohne das, werde ich absolut nichts mit dir anstellen. BDSM baut auf Freiwilligkeit auf. Wenn ich dein Einverständnis nicht habe, dann wäre alles, was ich mit dir zum Beispiel im Bett tue, ein purer Akt der Vergewaltigung und Brutalität. Und das, mein lieber Niko, ist mir mehr als zuwider. Ich muss deine Vorlieben erst richtig kennenlernen, bevor ich ohne dein Wissen irgendetwas Neues in unsere Beziehung einbringe. Und momentan ist alles neu.“

Ich nickte, über die Worte Christophers nachdenkend.

„Natürlich. Ich bin zu Anfang ein kleines Risiko mit dir eingegangen und dir mögen einige Dinge, die ich getan habe, anfänglich brutal und harsch erschienen sein“, fuhr er fort.

„Als du mich vor den Kino hast stehen lassen…“, murmelte ich dazwischen.

„…und dennoch hast du mich wieder in deine Wohnung gelassen. Du hast nicht protestiert und mich nicht weggeschickt.“

„…nein. Hab ich nicht.“

„Du hast dich nicht gewehrt, als ich anfing, grob mit dir umzugehen. Weil es dir gefallen hat.“

„….ja.“

„Und du wusstest auch sehr schnell, worum es mir ging.“

„…ja.“

„Dir ist klar, dass ich dich auf diesem Weg testen musste, um sicher zu gehen, dass du für diese Art der Beziehung bereit wärst?“

„Ja.“

Christopher lächelte. Und ich tat es ihm gleich.

All das, was er mir erebnet hatte, machte Sinn.

„So, bevor wir weiter reden. Willst du wissen, was gestern Nacht passiert ist, was für Probleme ich vorhin meinte, damit du dich endlich beruhigen kannst?“, fragte er.

„Ja, will ich“, entgegnete ich fest, auch wenn mir etwas mulmig zumute war. Und Christopher grinste.

„Du warst so betrunken, dass du kaum gehen konntest. Wirklich, ich dachte, du verträgst mehr… Jedenfalls hast du dich wie eine Boje auf wilder See benommen. Ich dachte schon, ich würde dich gar nicht mehr ins Auto bekommen, weil du ständig nach links und rechts gestolpert bist und mich beinahe mitgerissen hättest. Dass du mir mein Auto einsaust, hatte ich auch befürchtet…“

Wurde ich rot?

„Als wir endlich angekommen sind, ohne Zwischenfälle, wolltest du nicht aus dem Auto steigen. Warum, hast du mir natürlich nicht gesagt, weil du irgendwas von „warm“, gefaselt hast. Ohne jeglichen Zusammenhang. Ich musste dich regelrecht aus dem Auto zerren, was kein Spaß war, vor allem, als eine Gruppe Jugendlicher an uns vorbeigezogen ist und mich wahrscheinlich als den „bösen Onkel“ abgestempelt hat…“

Jetzt musste ich lachen und Christopher grinste immer noch.

„Über die Treppenstufen brauche ich wohl nichts zu sagen? Ich war kurz davor, dich einfach im Treppenhaus liegen zu lassen. Da ich aber in verschiedenen Bereichen sehr talentiert bin, habe ich es dann doch noch irgendwie geschafft, dich in deine Wohnung zu ziehen. Du bist dann auch sofort eingeschlafen und ich hab’s mit Not und Mühe geschafft, dich auszuziehen, damit du nicht die ganze Nacht in deinen Klamotten schlafen musst…“

„Äh… Oh. Und, äh, hast du dann hier geschlafen, oder bist du nach Hause gefahren?“

„Ich wollte dich in diesem Zustand nicht alleine lassen. Natürlich habe ich hier übernachtet.“

„Oh… Sorry. Für den ganzen Abend…“

„Ist schon in Ordnung“, sagt er im milden Ton und rückte näher, zog mich dichter an sich heran, sodass wir nun beide an das Kopfteil des Bettes gelehnt auf der Matratze dicht beieinander lagen, Christophers Arme um meinen Körper geschlungen.

Und meine um seinen…

Erneut ruhte mein Kopf auf seiner Schulter. Mit dem feinen Unterschied, dass ich mich dieses Mal dabei auch entspannen konnte.

„Jetzt, wo du mir von deinen Ängsten endlich erzählt hast, verstehe ich deine Reaktion auch ein bisschen. Dass Alkohol nicht die beste Lösung für so etwas ist, weißt du sicherlich jetzt umso mehr“, sprach er weiter.

„Oh, ja…“, pflichtete ich ihm im gequälten Ton bei. Dann hob ich meinen Kopf. Unsere Blicke trafen sich.

„Ist denn jetzt alles in Ordnung? Ist alles klar für dich. Hast du noch irgendwelche Bedenken, die du noch nicht geäußert hast?“, fragte er.

„Hm… Eigentlich ist erstmal alles klar… Wir haben Zeit, das kapiere ich jetzt.“

„Wenn ich dir etwas aus dem BDSM-Bereich zeigen will, dann spreche ich das vorher mit dir ab, damit du dich mental darauf vorbereiten kannst oder wir das gegebenenfalls verschieben können. Einverstanden?“, schlug er vor. Und ich musste lächeln.

„Einverstanden…“, murmelte ich zufrieden. Es wurde ruhig. „Und jetzt?“, hakte ich nach, als mir seine gestrigen Worte einfielen; sein Vorhaben, das er mir so unverschämt vor unserem Besuch im Pub erebnet hatte…

„Jetzt bin ich erstmal ein ganz normaler Mann, der sich um seinen verkaterten Freund kümmert… und der endlich mit ihm schlafen will und zwar ganz genau so, wie sein Freund es möchte und wann sein Freund es möchte“, antwortete er ruhig. „Wenn diese Option überhaupt noch zur Verfügung steht…?“

„So ganz normal…?“, hakte ich beinah unhörbar nach und meine Gedanken verfingen sich abermals in einer hitzigen Fantasie, die sich nun auch wieder komplett richtig anfühlte. Nicht nur, weil sie keine BDSM-Elemente besaß, sondern weil ich mir wirklich alles von der Seele geredet hatte und diese absolute Sicherheit bezüglich der gesamten Beziehung zu Christopher in mein Herz eingekehrt war und mich wie ein warmer Kokon umhüllte.

„Bevor ich anfange mit dir zu spielen, möchte ich deinen Körper erst kennenlernen… Richtig kennenlernen…“, sagte er leise.

„Gute Option… finde ich. Steht zur Verfügung. Auf jeden Fall…“, brachte ich ebenso leise hervor.

„Das freut mich sehr…“, murmelte Christopher fast schon heiser.

Sekunden lang starrten wir in die Augen des anderen.

Dann küssten wir uns.

Lang. Und zärtlich. So vorsichtig, als hätten wir Angst, der andere könnte durch unsere Berührungen zerbrechen. Ein kaum wahrnehmbares und doch so intensives Kribbeln erfasste mich, als ich bedacht meine Lippen spreizte, um Christopher heiße Zunge aufzunehmen, die langsam in meinen Mund glitt und über meinen ebenso heißen Muskel strich; anfing ihn bedächtig zu umkreisen, über ihn zu lecken. Immerzu saugte er an meinen Lippen; biss leicht hinein.

Währenddessen glitten seine erhitzten Hände über meinen immer noch entblößten Rücken, und legten sich auf meinen Hintern; auffordernd kniff er in meine Pobacken und drückte seinen Körper im selben Augenblick ebenso verlangend gegen den meinigen. Ein Keuchen entwich meinem Mund, als seine harte Männlichkeit, die trotz des Jeansstoffes genau zu spüren war, gegen mein ebenfalls hartes Geschlecht gepresst wurde. Unsere Blicke trafen sich.

Und dann ging alles eigentlich ganz schnell…

Christophers Finger glitten unter den Bund meiner Shorts. Er grinste ganz leicht, als er sie mir abstreifte. Seine Augen betrachteten mein hartes Geschlecht intensiv und dieser Schimmer im Meeresblau dabei machte mich abermals verrückt. Meine Hände bewegten sich plötzlich von allein, so als hätte ich die gesamte Kontrolle über meinen Körper an eine nicht definierte Macht übergeben; Christopher protestierte überhaupt nicht, als ich das dünne Shirt, das seinen Körper so verführerisch umhüllte, über seinen Kopf zog; und auch nicht, als ich flink und gekonnt seine Jeans aufzuknöpfen begann. Er erschwerte meine Konzentration und den Prozess des weiteren Ausziehens nur durch seine Finger, die sich, einer nach dem anderen, um meine Länge gelegt hatten und diese nun massierten…

Ich hatte ihn schon vorher nackt betrachten dürfen.

Doch an diesem Tag fühlte es sich trotzdem so an, als wäre dies das erste Mal, das ich meine Augen auf seinen Körper in all seiner Schönheit ruhen lassen konnte.

Es war so, als würde ich ein geheimes Gemälde zum ersten Male enthüllt betrachten dürfen.

Seine Haut schien makellos.

Seine Beine und Arme waren wohlgeformt.

Er war kein Muskelprotz und dennoch konnte man ihn als athletisch bezeichnen.

Und seine Männlichkeit…

Wir küssten uns, als ich ihn ebenfalls anfing mit meiner Hand zu streicheln, ihm Freude durch meine massierenden Bewegungen zu verschaffen.

Mit jeder vergehenden Sekunde wuchs meine Erregung.

„Hey…“, unterbrach Christopher plötzlich unseren Kuss und ich starrte ihm in die Augen, mit denen er mich regelrecht in seinen Bann zog. „Dreh dich um…“, flüsterte er und drückte mich bereits in die geforderte Richtung. In meinen verschleierten Gedanken verstand ich erst, was er bezwecken wollte, als ich bereits seine Zunge an meiner Eichel spürte; während sich sein harter Schwanz schon direkt vor meinen Augen befand.

Ich umfasste ihn, schob die Vorhaut zurück und begann daran zu saugen, zu lecken, zu küssen… Als Christopher mich gänzlich in den Mund nahm, tat ich es ihm zeitgleich nach; imitierte immerzu seine Bewegungen der Zunge, der Lippen, des gesamten Mundes; das Auf und Ab des Kopfes.

Und das Gefühl, Christophers Schwanz im Mund zu haben, während er an meinem so gierig saugte, raubte mir den Verstand… Ich war kurz davor alles zu beenden…

„Christ…opher“, hauchte ich und er hört umgehend auf, rückt von mir ab. In meiner Geilheit blieb ich auf dem Bauch liegen und schloss ganz kurz die Augen, um mich zu beruhigen, da spürte ich seinen Atem bereits in meinem Nacken. Langsam legte er sich seitlich neben mich, fuhr mit seiner Hand über meinen Oberschenkel, streichelte über meinen Po, meinen Rücken, nur um diese Prozedur von vorne beginnen zu können.

Dann beugte er sich kurz zurück und ich hörte ein leichtes Scharren.

Ich öffnete die Augen.

Christopher hatte die Reisetasche herangezogen, fischte das Gleitgel heraus.

Er grinste mich an, als er sich mir wieder zuwandte.

„Bleib so liegen und entspann dich, mein Kleiner…“, säuselte er und um mich herum wurde es wieder schwarz. Ich versank regelrecht in der Bettwäsche, als ich Christophers Lippen auf meinen Pobacken spürte; wie er dort leichte Küsse verteilte, während er gleichzeitig zwischen meine gespreizten Beine griff und ebenso zärtlich meine Hoden liebkoste, ganz vorsichtig über sie streichelte.

Ein wohliges Kribbeln erfasste mich.

Ich hörte ganz genau, wie die Verschlusskappe des Gels aufschnappte. Nur wenige Sekunden vergingen, bis Christophers nasser Finger den Weg zu meiner Spalte fand. Er ging langsam vor. Mit aller Ruhe umspielte er meinen Muskelring. Unwillkürlich spreizte ich meine Beine noch weiter, wollte mehr spüren. Und er empfing meine Nachricht sofort. Vorsichtig drückte er den ersten Finger in mich hinein. Eine kleine Welle der Erregung, gemischt mit seichtem Schmerz jagte durch meinen Lendenbereich.

„Wenn ich dir weh tue, musst du mir sofort Bescheid geben, okay?“, kam es leise von ihm.

„…okay…“, hauchte ich, meine Gedanken auf seinen Finger konzentrierend, der sich bereits in mir bewegte. So elendig langsam. Christopher war wirklich geduldig heute… Mir kam es vor, als hätte ich eine ganze halbe Stunde auf seinen zweiten Finger warten müssen, auch wenn ich mir der Unwirklichkeit dieses Gedankens mehr als bewusst war.

Mit scherenartigen Bewegungen spreizte er mich. Ich keuchte auf, als er seine Finger anwinkelte und seine Fingerkuppen direkt über meine Prostata strichen; hinzu kamen diese unwiderstehlichen, weichen Lippen, die meinen Rücken mit zärtlichen, federleichten Küssen bedeckten, während er mich weiterhin so unverschämt weitete.

Mein Keuchen wandelte sich blitzartig in ein Seufzen.

Und das Seufzen wurde zum Stöhnen.

…als Christopher unabdingbar mit drei seiner Finger in mich hineinstieß.

Und dann verließen seine Finger mein Innerstes. Seine Zunge wanderte entlang meiner Wirbelsäule hoch zu meinem Nacken. Leicht biss er in meinen Hals, küsste sachte mein Ohr, während er sein Gewicht auf mich niederließ; sein Schwanz rutschte in meine Spalte, an den gereizten Muskelring.

„…weißt du eigentlich, wie oft ich mir diesen Moment schon ausgemalt habe…?“, wisperte er heiser und mit tiefer Stimme in mein Ohr, während er sein Becken minimal bewegte, sodass seine mittlerweile nasse Eichel direkt über meinen Eingang streifte. Ich konnte nicht antworten. Selbst wenn ich hätte reden wollen; aus meinem Mund drangen lediglich irgendwelche leisen Laute.

„…ungh…“

„…kann ich…?“, hauchte er weiter und seine Stimme verursachte diese phänomenale Gänsehaut auf meinem Nacken.

„…mhm…“

„Ist das ein ‚ja’…?“

Seine Finger fuhren meine Seiten entlang. Sachte kratzte er über meine Haut.

„…ja…“, brachte ich unter großer Anstrengung heraus.

Ich war steinhart.

Ich war geweitet.

Ich war bereit.

Und ich hatte diesem Moment schon seit unserer ersten Begegnung im Park entgegenfiebert.

Ihn mir tausendfach ausgemalt.

Christopher in mir…Endlich.

Bedächtig drang er in mich ein, als würde er sich tatsächlich Zentimeter für Zentimeter vorarbeiten. Und ebenso langsam begann er, sich in mir zu bewegen.

Der Liebesakt war so zärtlich.

Ich konnte keinen kohärenten Gedanken fassen, während Christophers Schwanz sich in mir befand; die Bettdecke rieb an meinem harten Glied; Christophers tiefe Seufzer fraßen sich in meine Gehörgänge und steigerten meine Lust ins Unermessliche; ich krallte mich in das Kissen, stöhnte.

Und plötzlich drehte sich die Welt um mich herum, als er aus mir heraus glitt und seine Finger nach meinen Fußgelenken griffen, um meine Beine auf seine Schultern zu legen. Unsere Blicke trafen sich. Wir sagten nichts. Und mit einer einzigen Bewegung seines Beckens, schob Christopher sich wieder komplett in mich hinein, begann unablässig in mich zu stoßen. Als ich ihn anblickte, war sein gesamtes Gesicht von Lust gezeichnet. Er biss sich auf die Unterlippe. Ein göttlicher Anblick.

Und dann füllte er mich.

 

 

 

*

 

 

 

Ich grinse in der Dunkelheit, als diese detailreichen Erinnerungen durch mein Gedächtnis fließen. Christophers Brust hebt und senkt sich gleichmäßig. Wie viele Stunden ich jetzt eigentlich schon so neben ihm liege und diese Bilder der Vergangenheit abrufe? Ich weiß es nicht. Morgen ist jedenfalls Montag und ich frage mich, ob ich nicht einfach meine Vorlesungen schwänzen sollte. Meinen Hintern betreffend schließe ich ein normales Sitzen kategorisch aus.

Christophers Bestrafung heute war einfach zu hart.

Ein Kribbeln erfasst mich, als ich an das Strappado denke, das Andreas-Kreuz und diese seltsam-geilen Gefühle, die Holgers entfernte Stimme ausgelöst hat.

Und dann muss ich leise lachen.

Als ich Vergangenheit und Gegenwart direkt miteinander vergleiche.

Unsere gar süßen Anfänge noch mal betrachte.

„…Niko…“, murmelt mein Freund plötzlich mit verschlafener Stimme.

„Oh, hab ich dich aufgeweckt?“, flüstere ich erschrocken.

Christopher antwortet nicht, sondern greift nach mir, zieht mich harsch an seinen erhitzten Körper und kuschelt sich an mich, sein Bein über meinen Oberschenkel schlagend. Sein Atem streicht über meinen Hals, streichelt auch noch meine Brust. Er drückt mich, als wäre ich sein überdimensionaler Teddybär.

Und diese Tatsache bringt mich erneut zum lachen.

Da legt er plötzlich seine Hand auf meinen Mund.

„Halt die Klappe und schlaf endlich…“, lauten die Worte, die hart klingen sollten, doch nichts anderes sind als ein Nuscheln.

Ich unterdrücke mein aufkeimendes Lachen.

Und irgendwann… umarmt der Schlaf mich tatsächlich.

 

 

 

17

 

 

Es ist ein monotones Piepen, das aus weiter Ferne zu mir gelangt. Leicht gedämpft, irgendwie unrealistisch und doch ziemlich penetrant. Mein Bewusstsein schwebt immer noch in der Traumwelt, auch wenn ich bereits gewisse Dinge der Umwelt wahrnehmen kann, die mich gleich wieder empfangen wird. Die Matratze gibt nach und ich spüre warme nackte Haut an meinem Körper. Das Piepen verstummt. Ich fühle feuchte Lippen an meinem Hals, Hände, die meine Brust entlang wandern und dabei über meine Brustwarzen streichen, die tiefer gleiten und meine morgendliche Härte schmerzhaft umfassen. Ich öffne die Augen, zucke zusammen. Schmerz rast durch meinen hinteren Teil des Körpers. Spürbare Erinnerungen des vergangenen Tages.

Christopher zieht mich näher an sich, seine Arme nun wieder um meine Brust verschränkt. Unsaft prallt mein geschundener Hintern nun gegen sein hartes Geschlecht, das ich deutlich durch seine dünne Schlafhose fühlen kann. Ich keuche auf, klammere mich an seinen starken Armen fest.

„…guten Morgen…“, murmelt er verschlafen, sein warmer Atem über meinen Nacken streifend.

„…hey…“, entgegne ich gepresst.

„Tut es sehr weh?“, erkundigt er sich zärtlich.

„Ich muss erstmal wach werden“, antworte ich und Christopher macht „hm.“ Dann lässt er ganz vorsichtig von mir ab, lehnt sich nach hinten und hebt die Bettdecke an. Kalte Luft streicht über meinen Rücken. Ich spüre seinen Blick auf meinem ebenfalls dadurch entblößten Hintern.

„Sieht ganz vorzüglich aus, Niko“, kommentiert er sachte amüsiert und seine Finger fahren vorsichtig über die wunden Stellen. Ich komme nicht umhin zu seufzen, nur um dann wieder vor leichter Pein aufzukeuchen. „Du hast mich heute Nacht aufgeweckt“, stellt er dann trocken fest, während seine Hand meinen Rücken wieder hinaufwandert, meiner Wirbelsäule folgt.

„Das tut mir leid, Christopher“, murmele ich, die Augen wieder geschlossen. Wie spät ist es? 5 Uhr? 6 Uhr? Es ist noch so dunkel. „Ahh!“, zische ich, als sich seine Finger in meinem Haar verfangen und er meinen Kopf nach hinten reißt. Ich blinzele, kann ihm fast in die Augen sehen. Sein Gesicht kommt meinem näher. Als seine Lippen beinahe mein Ohr berühren, macht er Halt.

„Das war nicht sehr nett, Niko“, tadelt er mich mit wispernder Stimme. „Ich möchte, dass du jetzt duschen gehst, dir deinen Hintern alleine eincremst und uns dann frische Brötchen besorgst. Du weißt, wo mein Portemonnaie liegt. Du hast 20 Minuten Zeit.“

Er lässt mich los und ich stehe umgehend auf. Die Schmerzen ignoriere ich einfach, hechte unter die Dusche, föhne mir eilig mein Haar, creme mich ein, was wirklich gut tut, und renne zurück ins Schlafzimmer – in dem Christopher mit geschlossenen Augen vor sich hindöst. Es ist fast halb sieben. Ich seufze, während ich mit seiner Erlaubnis an seinen Kleiderschrank gehe und in dem vorgesehen Fach meine Klamotten erblicke, in sie hineinschlüpfe.

„Jetzt sind es nur noch zehn Minuten…“, ermahnt er mich ohne die Augen zu öffnen, während ich beinahe auf dem Boden ausrutsche.

„Ja, ich weiß, Christopher!“, gebe ich viel zu patzig zurück und eile aus dem Schlafzimmer, fische in der Garderobe sein Portemonnaie aus der Innentasche des dunklen Mantels und schließe die Tür auf. Die Bäckerei ist nahe. Ich bin der dritte in der Schlange. Siegessicher grinsend kaufe ich zwei dunkle Brötchen für meinen Freund, zwei krosse für mich. Ich kann seinen Auftrag ausführen! Diese Gewissheit beflügelt mich. Lediglich eine Minute nach Zeitablauf fällt die Tür hinter mir ins Schloss. Befehle am Morgen wirken besser als Kaffee.

Ich höre die Dusche rauschen, während ich aus meinen Schuhen schlüpfe und die Brötchentüte schon einmal in die Küche bringe, Kaffee aufsetze und den Frühstückstisch decke. Meine Vorlesung beginnt erst um 11.15 Uhr. Ich werde danach noch in Ruhe aufräumen können. Ich schalte das Radio an, ignoriere die Nachrichten des Tages und freue mich, als belanglose Musik aus den kleinen Lautsprechern dringt.

Als Christopher die Küche betritt, bereits in seinem pechschwarzen, teuren Anzug gekleidet, erschrecke ich sogar ein wenig, weil ich zu sehr damit beschäftigt bin, Spiegeleier zu braten. Ja, das kriege sogar ich hin. Er sagt nichts, bedient sich an der Kaffeemaschine, gönnt sich die ersten Schlücke des wach machenden Getränks, lässt sich auf seinem Platz nieder. Erst als ich die Pfanne mit den Eiern auf dem Untersetzer in der Mitte des Tisches platziere, legen sich seine Augen auf mich.

„Komm mal näher“, sagt er zu mir und bedeutet auch mit seiner Hand, an ihn zu treten; dann, mich hinzuknien. Ich tue es. „Sieh mich an“, befiehlt er als nächstes. Als sich unsere Blicke treffen, verpasst er mir eine leichte Backpfeife. „Das, mein Lieber, war für deine patzige Reaktion auf meine kleine Hilfestellung bezüglich deiner verbleibenden Zeit“, klärt er mich auf. „Danke übrigens für die Spiegeleier“, wechselt er dann direkt das Thema und bedeutet mir, mich an den Tisch zu setzen. Er lächelt. Und ich grinse. Meine Wange pocht nur ganz kurz.

Schon verrückt, dass ich darauf voll abfahre, wenn er mich schlägt. Nie im Streit. Oder für etwas Alltägliches. Das ist keine häusliche Gewalt.

Ich verziehe das Gesicht, als ich versuche mich hinzusetzen. „Hier“, sagt Christopher sofort und greift nach dem Sitzkissen, das auf dem freien Stuhl neben ihm liegt.

„Danke“, entgegne ich ihm. Unsere Finger streifen sich bei dieser kleinen Übergabe. Mein Freund lächelt.

„Meinst du denn, du kannst heute zur Uni?“, fragt er dann doch etwas besorgt. Irgendwie ist das fast schon niedlich. Ich muss kichern und sein Blick, mit dem er mich begutachtet, wird fragend.

„Ja, ich denke schon. Ist ja noch ein wenig Zeit bis dahin und die Stühle von unserem heutigen Raum sind auch gepolstert. Also, von der ersten Vorlesung. Danach muss ich mal sehen. Ist aber auch nicht so wichtig, die nächsten Vorlesungen werden eh auf Video aufgenommen, von daher kann ich sie mir auch später übers Netz anschauen.“

„Meine Güte, die Studenten werden wirklich immer fauler“, meint er scherzend und beißt herzhaft in sein dunkles Brötchen mit Kräuterfrischkäse.

„Ne, nur cleverer“, feixe ich grinsend und wechsle das Thema. „Hey! Meine Spiegeleier sind wirklich gut geworden heute! Probier mal!“ Christopher tut es, nickt anerkennend und lacht dabei ein wenig leise.

„Ausgezeichnet, Niko. Du bist ein Meisterkoch. Wirklich“, scherzt er dann. Aber es schmeckt ihm. Und das ist die Hauptsache.

„Sehen wir uns morgen?“, fragt er mich.

„…wenn ich später nicht zu den anderen Vorlesungen gehe, kannst du doch noch heute bei mir vorbeischauen, oder?“ Christopher grinst daraufhin, greift nach meiner Hand und führt sie zu seinen Lippen; gibt mir einen federleichten Handkuss.

„Schatz… ich weiß nicht, ob das heute klappt. Ich hab echt verdammt viel vor heute“, erklärt er mir entschuldigend. Schatz. So nennt er mich nicht oft. Nur manchmal rutscht es ihm raus. Ich bin kein großer Fan dieses Begriffs, wenn ich ehrlich sein soll. Er ist so abgegriffen. Wie viele „Schatzs“ gibt es in Deutschland? Bingo. Aber heute finde ich seine Benutzung dieses Wortes irgendwie… süß.

„Okay“, entgegne ich einfach, ein wenig enttäuscht. Wir essen weiter.

„..ich kann ja sonst abends kurz, aber wirklich nur kurz, bei dir vorbeischauen, ja?“, lenkt er ein und zaubert mir dabei ein Lächeln auf die Lippen.

„Ich kann ja kochen!“, schlage ich vor. Wir sehen uns in die Augen. Und prusten zur selben Zeit los.

„Ach ja, genau“, wirft er ein. „Ich wollte dir ja noch dieses Anfängerkochbuch besorgen. Mal sehen, ob das was bringt…“

„Ich werde mir Mühe geben!“, verspreche ich und er grinst mich an. Dieses besondere Funkeln schleicht sich in seine blauen Augen.

„Ich erwarte nichts anderes von dir, Niko“, bemerkt er in diesem leicht bedrohlichen Ton, mit dem er mich immer wieder einnimmt.

„Wenn ich es schaffe, was richtig Leckeres zu kochen… bekomme ich dann eine Belohnung?“, hake ich nach. Christopher leckt sich die Finger ab und beobachtet mich dabei.

„Und was genau für eine Belohnung stellst du dir vor?“, lautet seine Frage.

„Sex auf einer öffentlichen Toilette.“

Christopher verschluckt sich fast, weil er umgehend lachen muss. Ich betrachte ihn lediglich mit einem Grinsen auf meinen Lippen.

„…das ist dein Ernst“, stellt er dann erstaunt fest. Ich nicke. Und er denkt nach.

„Kann es sein, dass du gerade leicht exhibitionistische Züge entwickelst…?“, fragt er mich dann. „Ich meine… du sagtest gestern bereits, dass die Tatsache, dass jemand in der Wohnung war, als ich dich im Zimmer bestraft habe, dich erregt hat und dass wir das mit Holger und Martin ab und an durchziehen wollen…“, fügt er sinnierend an. Ich zucke mit den Schultern.

„War nur so ne alte Fantasie“, gebe ich ehrlich zu. „Ich hab halt immer gesagt, dass ich das irgendwann mal machen will.“ Wir schweigen einige Sekunden lang.

„Gut“, sagt er dann plötzlich, so als wäre das wirklich das Normalste auf der Welt. Er zückt sein schickes Smartphone und tippt etwas hinein. Er scheint meinen fragenden Blick zu spüren. „Ich habe mir gerade eingespeichert, dir morgen das Kochbuch zu kaufen. Dann kannst du schon mal üben.“

Ich erwidere seine Aussage mit einem Grinsen und fahre fort mit meiner kleinen Fantasie: „…dann nimmst du mich so richtig hart und schmutzig in der engen Kabine, und wir sind gezwungen trotzdem ruhig zu bleiben, damit uns keiner hört…“ Ich lecke mir über die Lippen. „Du könntest mich mit deiner Krawatte knebeln. Oder nein! Die benutzt du, um meine Arme zusammen zu fesseln. Und dann nimmst du mich richtig krass von hinten und…“

„Niko“, redet er mir ernsthaft in Wort und ich verstumme umgehend. Metallisches Blau begegnet mir. „Ich muss in genau fünf Minuten los. Und das wird problematisch, wenn ich einen Riesenständer habe. Nicht? Und ich habe auch nicht die Absicht, meinen Schwanz in deinen Mund zu schieben, wenn du noch mitten beim Frühstück bist. Okay?“

„…okay“, gebe ich kleinlaut wieder, überrascht und zugleich zufrieden, was für eine starke Wirkung allein meine Worte auf ihn haben. Er verabschiedet sich mit einem intensiven Kuss. „Räum auf, verstanden?“, wispert er noch etwas kühl.

„Ja, Christopher.“

Dann ist er fort und ich tue, was er mir aufgetragen hat.

Meinem Hintern geht es schon wieder ein bisschen besser, auch wenn sich sogar ein normales Hinsetzen noch als gänzlich schwer erweist. Die erste Vorlesung gebe ich mir. Danach gehe ich nach Hause. So viel steht fest.

Ich nehme meine Tasche, werfe einen letzten Blick in die Wohnung.

Die harten Sitze im Bus sind eine leichte Tortur für mein Hinterteil und ich erwische mich dabei, wie ich meinen Blick über die Fahrgäste wandern lasse, als ich mich vorsichtig setze und dabei ganz leicht das Gesicht verziehe. Wie es wohl an der Uni ablaufen wird?

Vorbeugend habe ich einige Verbindungen früher genommen, komme als dritte Person in den kleineren Saal. Paul, Markus und ich sitzen immer in den hinteren drei Reihen. Unbeachtet nehme ich Platz auf einem der Gott sei Dank gepolsterten Stühle. Nur leicht rast der Schmerz durch meine Glieder; es gelingt mir, eine Position zu finden, die mir nicht all zu viele Unannehmlichkeiten bereitet. Ich warte. Nach und nach füllt sich der kleine Raum, niemand beachtet mich wirklich; niemand bis auf Paul, der völlig verschlafen auf mich zukommt, seinen Rucksack auf den Boden pfeffert und erst einmal laut seufzt.

„Ich hab keinen Bock…“, murmelt er und ich nicke in stiller Zustimmung. „Hat du schon nen Praktikumsplatz?“, fragt er nach einer Weile, in der wir geschwiegen haben.

„Ne. Du?“, entgegne ich knapp.

„…nö“, murmelt er.

„Das beruhigt mich irgendwie“, meine ich nur und versinke wieder in meinen Gedanken. Christopher hat sich vor einem Monat erkundigt, wie es mit der Zukunft aussehe; eigentlich habe ich ihm versprochen, mich schon sehr bald um das nächste Semester, das für die Praxis vorgesehen ist, zu kümmern. Die Erkenntnis, dass ich jenes Versprechen noch nicht in die Tat umgesetzt habe, versetzt mir einen leichten Stich. Der erste Funken eines schlechten Gewissens blitzt auf vor meinem inneren Auge. Ich schlucke, verdränge, ignoriere. Markus pfeffert seine Tasche auf den Boden, lässt sich neben Paul auf den Stuhl plumpsen.

„Morgen“, grüßt er träge.

„Morgen“, antwortet Paul.

„…Morgen“, grüße ich zurück.

Wir lassen die Vorlesung über uns ergehen.

„Was ist’n mit dir? Willst nicht mit, oder was?“, neckt Markus mich, als meine beiden Kommilitonen bereits für den weiteren Verlauf des Tages in den Startlöchern stehen und ich als einziger im Raum noch auf meinem Stuhl verweile. Ich runzle die Stirn und setze ein freches Grinsen auf.

„Nö, ich geh nach Hause“, meine ich. „Wird doch eh aufgenommen.“

Paul lacht. „Du faules Stück Scheiße, ey“, scherzt er vulgär und Markus grinst bloß kopfschüttelnd

„Soll ich für dich unterschreiben?“, fragt er dann und ich nicke.

„Bis dann!“, verabschieden sich beide – und ich warte, bis sie wirklich aus dem Raum sind, bis ich mich erhebe, vor Schmerz aufkeuchend. Die gesamten 1,5 Stunden in derselben Position zu verweilen erweist sich nun als nicht unbedingt beste Idee. Träge schleppe ich mich nach Hause. Und entscheide mich, vielleicht doch nach potenziellen Adressen für mein Praxissemester Ausschau zu halten. Das Angebot vor allem für vergütete Stellen erweist sich als äußert zufrieden stellend. Ich weiß schon, wieso ich BWL studieren wollte… Doch eine Stunde später sitze ich noch immer vor einem weißen Worddokument und bemerke, dass mich mein vermeintliches Talent der Kreativität beim Schreiben von Bewerbungen verlässt. Nicht einen Satz schaffe ich aufs digitale Papier zu pressen; lediglich einige Stichpunkte halte ich sogar grammatisch inkorrekt fest und drücke die Datei genervt weg.

Natürlich lande ich bei den Horrorfilmen. Deren Streaming ich unterbrechen muss, als ich mich, völlig die eigene Situation vergessend, so auf die Seite drehe, dass mir alles weh tut. Ächzend und stöhnend halte ich inne und muss über meine Verfassung dann auch noch lachen. Bilder des gestrigen Tages steigen auf in meiner Erinnerung. Ich höre Christophers kalte Stimme so klar, dass ich beinahe selbst auf diese Illusion reinfalle; dass ich mich umsehe, ob er sich nicht wirklich in meine Nähe aufhält; ich denke an die Peitschenhiebe, diese schneidende Geräusch, dieses seichte Pfeifen, die sie durch ihre Schwingungen erzeugt; ich führe mir noch einmal all die Strafen vor die Augen – jenes seltsame Gefühl, das ich verspürte, als Holger plötzlich in der Wohnung war…

Ich erschaudere.

Ja… Irgendwie war das schon… geil.

Nun muss ich erneut an die Situation von heute Morgen denken… An diese Fantasie, die ich Christopher unverblümt geschildert habe; sie erregt mich wirklich.

Und nur das schrille Klingeln meines Handys hält mich davon ab, meine Hand in meine Hose wandern zu lassen. Ich seufze laut, überlege nur kurz, ob ich diesen Anruf überhaupt entgegennehmen sollte; von Christopher kann er nicht sein, das wäre zu früh. Ich behalte Recht, denn es ist Frank, der mich hier anklingelt.

„Was gibt’s?“, begrüße ich ihn letztendlich.

„Äh, ja!“, meint er irgendwie aufgedreht. „Hat geklappt!“

„Was hat geklappt?“, frage ich müde und Frank seufzt leicht genervt, verfällt danach jedoch direkt in leichtes Gelächter.

„Das mit Lisa, Mann!“, hilft er mir meinem Gehirn auf die Sprünge.

„Achja!“, rufe ich aus. Seine neue Flamme!

„Ich weiß, ich wollte dir schon vorher Bescheid sagen, aber irgendwie waren wir noch bis eben unterwegs und sie hat auch hier die ganze Zeit geschlafen und, joa, bin echt froh!“, plappert er weiter.

„Mensch, das freut mich. Ich hoffe, dass du dieses Mal Glück hast!“, sage ich aufrichtig und Frank lacht schon wieder.

„Naja, ne zweite Sarah oder Diana wird’s nicht“, meint er zufrieden und vor allem zuversichtlich. Ich muss grinsen, hatte ich doch erst letztens selbst zurück an das „Sarah-Erlebnis“ gedacht… „So, ich muss jetzt auch zur Vorlesung, wollte nur ein wenig angeben“, feixt er und nun lache ich.

„Bis dann. Unbekannterweise Grüße an deine Liebste.“

„Ja, Danke. Richte ich aus“, meint er und es raschelt in der Leitung. Wahrscheinlich rennt er schon quer über den Campus zu seiner anstehenden Veranstaltung. „Grüß Christopher von mir, ja?“

„Mach ich“, sage ich und beende diese kurze Konversation.

Und letztendlich fasse ich mich doch noch an, weil diese Erinnerung an die jüngsten Strafen einfach zu köstlich sind und mich beflügeln.

Den Horrorfilm zu ende schauend entschließe ich mich, das mit der Bewerbung heute sein zu lassen. Ich hasse Montage. Sie vernichten meine Kreativität und die vermeintliche Motivation, die man sich während des Wochenendes irgendwie versucht aufzubauen. Ich lobe meine kleine Bemühung – schließlich habe ich mir schon potenzielle Adressen notiert, Firmen die ich ganz sicher anschreiben werde und Ersatzorte, die meinem Gusto und meinem Können auch entsprechen würden.

Es ist 17 Uhr und Christopher hat noch keinen Kontrollanruf getätigt. Schon seltsam, dass mich so etwas beschäftigt, dass ich diese Anrufe vermisse, dass ich sie zu brauchen scheine. Er hat wahrscheinlich viel Arbeit heute, rede ich mir ein. Schließlich hat mein Freund dies doch bereits angekündigt, mich vorgewarnt. Ich halte mich an seinem ebenfalls angesagten Besuch für heute Abend fest.

Da mittlerweile die Videos der Vorlesungen tatsächlich in unserem internen Studi-Forum hochgeladen worden sind, entscheide ich mich sie zu gucken, vorangetrieben durch jenes schlechte Gewissen wegen des Praktikums und der minimalen Arbeit, die ich mir heute gemacht habe. Ich mache mir tatsächlich Notizen, arbeite mit Web und Büchern. Doch die zweite Aufzeichnung schaffe ich nur bis zur Hälfte zu betrachten; ich schlafe ein. Einfach so. Plötzlich sind meine Augen zu, meine Glieder erschlafft und ich gleite ins Land der Träume.

Ich weiß nicht, wie lange ich schlafe. Als ich aufwache wird mir lediglich bewusst, dass es ein tiefer Schlaf gewesen sein muss, denn mein Handy-Display informiert mich, dass ich drei Anrufe glorreich verpennt habe, obwohl das Mobiltelefon in meiner unmittelbaren Nähe lag und selbst die Vibration allein mich hätte aufwecken müssen. Meine Hände zittern. Alle drei mir entgangenen Gespräche haben einen Kommunikator: Christopher. Auf meinem Speicher wartet zudem eine schriftliche Mitteilung von meinem Freund.

 „Ich habe keine Ahnung, was so wichtig ist, dass du meine Anrufe nicht entgegen nehmen kannst, aber ich schwöre dir: ich versohle dir noch den Arsch dafür. Wir sehen uns um 21 Uhr.“

Instinktiv wandert mein Blick zur Uhrzeitanzeige.

20.36 Uhr.

Ich schlucke, springe auf, hechte unter die Dusche, ignoriere den immer noch präsenten Schmerz. Es ist kurz nach 21 Uhr als ich in frischen Klamotten auf meinem Sofa sitze, in den stumm geschalteten Fernseher blicke und mich frage, wann Christopher auftauchen wird. Um halb zehn beginne ich mir Sorgen zu machen. Und als es 22 Uhr wird… drehe ich langsam durch. Ich denke nicht mehr nach, schnappe mir das Telefon und wähle seine Nummer. Die mechanische Mailbox erwartet mich. Auch um 22.15 Uhr höre ich sie am anderen Ende der Leitung.

„Scheiße!“, fluche ich laut. Genau in diesem Augenblick höre ich dieses distinktive Kratzen im Schloss und als ich mich umdrehe, steht er in schon im Raum, die Tür hinter sich schließend, seine Augen müde, sein Haar sogar leicht durcheinander.

„Bitte entschuldige, Niko…“, murmelt er schon, während er sich seines Mantels entledigt. Ohne zu zögern marschiere ich direkt auf ihn zu, nehme ihm seine Sachen ab und umarme ihn dann; küsse ihn, zärtlich und doch nur ganz kurz, weil ich weiß, dass er sich setzen sollte.

„Willst du etwas zu trinken?“, frage ich ihn, während er sich tatsächlich aufs Sofa niederlässt und die Augen schließt, den Kopf nach hinten sacken lässt.

„…Wasser“, kommt es dann von ihm.

„Dein Handy war aus…“, merke ich leise an, als er wenige Augenblicke später seinen Durst stillt.

„…Oh. Mist. Stimmt…“, murmelt er und streicht sich durchs Haar. „Ich hatte ein Treffen mit einem Mandanten. Ich muss vergessen haben, es danach wieder einzuschalten. Bitte entschuldige“, fügt er milde an.

„Ich hab mir Sorgen gemacht“, meckere ich trotzdem weiter.

„Ich hatte viel zu tun“, kommt es weiterhin im entschuldigenden Tonfall von ihm und er legt seine Hand auf mein Knie, drückt kurz zu. „Ich bin doch jetzt da. Okay?“

„Ja, aber so spät und gleich willst du wieder gehen und ich hatte nichts von dir“, zicke ich regelrecht. Christopher seufzt, sieht mir direkt in die Augen.

„Wir hatten den gesamten Sonntag“, wirft er ruhig ein.

„Ja, aber Montag ist nicht dasselbe wie Sonntag.“

Mein Freund runzelt die Stirn. „Danke für diese Belehrung über Wochentage“, sagt er trocken und ich muss schlucken. „Weißt du, Niko“, fährt er nun etwas energischer fort. „Ich hätte auch einfach zu mir nach Hause fahren und mich ins Bett fallen lassen können. Stattdessen bin ich hier bei dir. Schon mal drüber nachgedacht?“

Ich beiße mir auf die Zunge.

„Jetzt komm her“, meint er dann beschwichtigend und zieht mich auf seinen Schoß. Ich kann nicht anders. Ich taue direkt auf und diese Wut, die durch Angst entstanden ist, weicht von mir. Ich kuschle mich an ihn, mein Kopf ruht in seiner Halsbeuge und ich schließe kurz die Augen. Mein Hintern schmerzt nur noch ein wenig. Der Schlaf muss geholfen habe, die Creme ebenfalls.

„Wie war die Uni?“

„Langweilig“, entgegne ich.

„Warst du den ganzen Tag da oder bist du tatsächlich nur zur ersten Vorlesung gegangen?“, hakt er weiter, während er mich so im Arm hält und beginnt, leicht über meinen Rücken zu streicheln.

„Nur die erste. Die anderen waren in Räumen mit richtig harten Stühlen, das wäre… nicht so vorteilhaft gewesen…“

Christopher schmunzelt und wechselt dann in ein Seufzen.

„Das nächste Mal halte ich mich an einem Sonntag etwas mehr zurück“, erklärt er dann bedächtig und haucht mir einen Kuss auf mein Haar.

„…musst du nicht“, wende ich ein.

„Naja, wenn dich meine Strafen von dem Besuchen deiner Vorlesungen abhalten, dann kann ich das nicht unbedingt gutheißen“, sagt er ernsthaft und vielleicht sogar etwas erbost.

„Bist du angepisst, dass ich nicht hingegangen bin?“, frage ich vorsichtig.

„Ein bisschen vielleicht“, gibt er zu. „Aber ich bin ja mit Schuld daran…“, fügt er seufzend hinzu.

„Ja, aber ich hab sie doch auf Video geguckt!“, meine ich nun etwas lauter und rutsche von seinem Schoß, schaue ihm direkt in die Augen.

Mein Freund begutachtet mich mit einem skeptischen Blick. „Meinst du wirklich, das ist dasselbe?“

„Na, klar! Ich hab sogar tüchtig gearbeitet, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte!“

„Dass du nicht hingegangen bist?“, fragt er direkt nach.

„Nein!“, sage ich viel schneller als ich denken kann. Christopher rutscht auf dem Sofa zurecht und beugt sich in meine Richtung.

„Weswegen dann?“, fragt er bedrohlich und ich spüre, wie sich meine Nackenhärchen aufstellen.

„Nicht so wichtig“, meine ich und lasse meinen Blick über den Tisch wandern. Umgehend wandert Christophers Finger unter mein Kinn und er dreht mein Gesicht wieder in seine Richtung. Ja, jetzt ist er vollkommen in der Rolle meines Herrn. „Du antwortest mir jetzt direkt“, befiehlt er.

„OK, Christopher“, höre ich mich selber sagen. „Ich… Naja… Wegen Praktikum“, stottere ich dann herum und mein Freund senkt seine Hand, mich immer noch betrachtend. „Ich wollte eigentlich schon längst eins haben und ich hab dann auch heute schon Adressen rausgesucht und wirklich versucht, ne Bewerbung zu schreiben, aber irgendwie…“, breche ich ab und verziehe den Mund.

Abermals entweicht Christophers Lippen ein lang gezogenes Seufzen. „Wir reden morgen darüber weiter. Dass das so nicht weitergeht, weißt du hoffentlich selbst?“ Ich nicke und er ergreift ein weiteres Mal mein Kinn. Dieses Mal mit seiner ganzen Hand, in harscher Manier; so zwingt er mich in den Augenkontakt mit ihm. „Hast du das Sprechen verlernt?“, lauten seine giftigen Worte.

„Nein, Christopher!“, entgegne ich schnell. „Entschuldige, Christopher!“

„Gut. Morgen: Du und ich und dein Praktikum. Morgen hast du nur zwei Vorlesungen, richtig?“

„Ja, Christopher. Ab 12.15 Uhr. Dann bin ich spätestens 17 Uhr zuhause.“

„Gut“, sagt er und streckt sich, gähnt. „Ich glaube, ich muss dann auch mal los.“

„Kannst du nicht über Nacht bleiben? Es ist doch eh schon so spät…“, meine ich leise. Er lacht kurz.

„Dann müsste ich morgen mindestens 1,5 Stunden früher aufstehen, um nach Hause fahren zu können, um mir einen frischen Anzug zu holen“, wendet er amüsiert ein.

„Ich will aber nicht alleine pennen…“, meine ich meckernd.

„Dann pack deine Sachen und komm mit zu mir. Ob du von hier zur Uni fährst oder von mir macht keinen großen Unterschied, oder?“, kommt es etwas barsch von ihm. Ich denke kurz nach. Und eine Viertelstunde später haben wir schon den halben Weg hinter uns gebracht. Christopher gähnt permanent und er tut mir wirklich leid. Ich bin froh, als wir heil bei ihm ankommen. Die Tür fällt ins Schloss. Er macht nicht einmal das Licht an, sondern marschiert im Dunkeln direkt ins Schlafzimmer und lässt sich aufs Bett fallen. Glucksend tapse ich ihm nach und schalte dann wenigstens das kleine Licht auf dem Nachtschränkchen ein.

„Willst du dich gar nicht ausziehen?“, necke ich ihn. Er bewegt sich nicht, das Gesicht immer noch halb ins Kissen gedrückt, die Arme und Beine ausgestreckt, auf seinem Rücken ruhend.

„Dafür habe ich doch wohl meinen Sklaven…“, sagt er in diesem säuselnden Ton.

Ich verstehe seinen Befehl.

Ganz vorsichtig arbeiten meine Hände, befreien ihn aus seiner Kleidung; ordentlich hänge ich den Anzug auf, so wie er es mir beigebracht hat, penibel gefaltet, vorsichtig in den Schrank gehängt. Das Hemd wandert in die Wäsche. Ich muss schlucken, als Christopher plötzlich nur noch in seinen schwarzen, verdammt engen Boxershorts auf dem Bett liegt, die Augen geschlossen, diese sich abzeichnende Beule meine Aufmerksamkeit erhaschend. Bedächtig legen sich meine Finger nun um das Gummiband der Shorts und ich ziehe sie ebenso langsam über seine Hüften; Christopher hilft mir, hebt sein Becken kurz an.

Dann ist er völlig nackt.

Ich spüre seinen Blick auf mir ruhen und nehmen die Augen von seinem semi-harten Geschlecht. Christopher grinst.

„Gefällt dir, was du siehst?“

Ich nicke und antworte dann noch schnell: „Ja, Christopher.“ Er lacht warm.

„Na los“, meint er dann leise. „Zieh dich aus, ich will mit dir kuscheln.“

Er braucht seinen kleinen Befehl nicht zu wiederholen. In weniger als einer Minute habe ich mich schon meiner Kleidung entledigt und er packt mich leicht an meinem Arm, drückt mich an seine ebenfalls entblößte Brust und zieht die kuschelige Decke über uns; schlingt seine Arme um mich, drängt eines seiner Beine zwischen meine Knie, bringt mich zum seufzen; er versiegelt meine Lippen mit einem gefühlvollen Kuss - er ist ganz zärtlich, obwohl seine Zunge die meinige anstupst, sie umspielt, sie sogar ein wenig neckt; obwohl er spielerisch in meine Unterlippe beißt und an ihr zieht.

Abermals an diesem Tage ruht mein Kopf an seiner Halsbeuge. Ich atme seinen distinktiven Geruch ein. Seine Brust hebt und senkt sich gleichmäßig. Christopher schläft bereits. Ich muss grinsen; der Arme hatte scheinbar einen wirklich schweren Tag, die Erschöpfung hat ihn überfallen. Normalerweise schläft er immer seine tiefsitzende Schlafhose tragend. Heute jedoch nicht. Doch dagegen habe ich absolut nichts einzuwenden.

Eine ganze Weile liege ich einfach so da und streichle meinem schlafenden Freund durch sein Haar. Jetzt habe ich komplett vergessen, ihn von Frank zu grüßen, fällt mir ein und ich muss schon wieder ein wenig grinsen.

Einige Stunden später übermannt auch mich der Schlaf.

Dann: Ich wache auf.

Blinzele.

Christopher liegt in meinen Armen und ich weiß, dass irgendetwas daran nicht stimmen kann. Als mein Blick auf die Anzeige des Weckers fällt, weiß ich auch, was es ist.

„Scheiße!“, fluche ich und versuche, meinen Freund wachzurütteln, der anfängt zu ächzen und irgendetwas zu murmeln. „Christopher!“, ermahne ich ihn laut, doch seine Augen bleiben weiterhin geschlossen und er klammert sich heftiger an mir fest, so als würde er versuchen, meine Bewegungen dadurch zu stoppen. „Es ist halb NEUN!“, rufe ich also aus.

Das wirkt. Christopher hält inne. Seine Augen sind mit einem Schlag offen.

„Verdammt!“, flucht er und springt regelrecht aus dem Bett, sprintet aus dem Schlafzimmer. Langsam erhebe ich mich und folge ihm ganz vorsichtig; schon im Wohnzimmer höre ich seine laute Stimme. Er sitzt auf dem Sofa und telefoniert, blättert in seinem Kalender und schaut sich gleichzeitig irgendetwas auf dem Display seines Mobiltelefons an.

„…ja, ist gut. Das machen wir dann morgen… Ach, iwo. Das kommt mir ganz recht, machen Sie sich keine Sorgen, das macht überhaupt nichts. Gut. Bis Morgen, Herr Kostenko!“

Er legt auf und ich setze mich in den Sessel, ihn anstarrend. Doch er ignoriert mich, wählt bereits eine neue Nummer und spricht mit jemand anderem.

„Ja, Guten Morgen, Johanna“, begrüßt er die Person am anderen Ende der Leitung - seine Sekretärin. „Ich komme heute nicht mehr ins Büro und arbeite von Zuhause aus. Falls ein wichtiger Mandant vorbei kommt, soll er sich doch bitte übers Mobiltelefon bei mir melden, ja? Und sag Hans bitte, dass wir das mit dem Lunch morgen nachholen.“

Hans ist sein Kollege, der Partner der Rechtskanzlei, die Christophers Vater ins Leben gerufen hat. Neben meinem Freund und Hans arbeitet dort noch ein weiterer Anwalt; er heißt Günther Bach. Und ein Steuerberater ist auch noch dort, Jochen irgendwas.

„Ich fasse es nicht, dass ich vergessen habe, mir den Wecker zu stellen…“, murmelt Christopher nun in meine Richtung lachend und fährt sich durchs Haar. Er ist immer noch nackt. Ein wundervoller Anblick direkt am Morgen.

„Das ist meine Schuld…“, meine ich kleinlaut und seufze, starre auf den Boden.

„Tja, dann muss ich dich wohl dafür bestrafen“, scherzt Christopher hingegen und steht auf, streckt mir seine Hand entgegen. „Duschen?“, fragte er. Ich nicke. Händchenhaltend tapsen wir gemeinsam ins Bad, ohne etwas zu sagen. Der weiße Boden der Kabine ist noch kalt unter unseren nackten Füßen. Ich erschaudere, als Christopher das Wasser anstellt und diese seichten Spritzer, ein Hauch von Nass, meine Haut benetzen. Obwohl sie bereits warm sind, wirken sie wie kleine Eiskristalle auf meinen Oberarmen, eine leichte Gänsehaut bildet sich. Dann sind da auch noch plötzlich Christophers Hände, die sich auf meine Hüften legen und mich rückwärts an seinen Körper ziehen, sodass mein Hintern in intensive Berührung mit seiner morgendlicher, nun schon ziemlich erwachten Härte gerät; gleichzeitig zieht er mich damit in die Wasserstrahlen, die wie ein Wasserfall von oben auf uns niederprasseln, unsere nackten Leiber völlig bedecken.

Seine linke Hand wandert über meinen Unterleib, streift mein Geschlecht, dass bei dieser Kollision unmerklich aufzuckt; wandert über die andere Seite meines Bauches wieder nach oben, fährt über meine Brust, reibt sachte an meiner linken Brustwarze, nur um dann letztendlich zärtlich mein Kinn zu umfassen und meinen Kopf vorsichtig nach hinten zu drehen; so, dass sich unsere Münder treffen, dass sich unsere Zungen umspielen, nachdem sie so unverschämt kollidiert sind. Ungehörig ist auch Christophers rechte Hand, die sich in jener Manier um meine Männlichkeit legt und beginnt, sie forsch zu massieren; während er unseren nassen, immer verzweifelter werdenden Kuss mit jeder Bewegung seiner Zunge zu intensivieren scheint. Christopher saugt an meiner Unterlippe, beißt hinein, fährt mit seiner Zunge über die geschundenen Stellen.

Keuchend greife ich mit meiner Hand hintenrum in sein klatschnasses Haar, streichele seinen Nacken; noch weiter lehne ich mich gegen ihn. Sein Schwanz drückt hart gegen meine Pobacken. Er seufzt in diesem Moment in unseren Kuss hinein und ich kann ein flaues Gefühl in meinem Magen ausmachen, eine andere Art Kribbeln.

...an seiner Stelle wäre ich wahrscheinlich ausgerastet, hätte ich verschlafen; wäre ich so erschöpft gewesen aufgrund der Arbeit, aufgrund meines Partners, der mich unbedingt sehen wollte und wegen dem ich so spät ins Bett gekommen bin. Aber das hier ist Christopher. Er verliert nicht oft die Beherrschung, kämpft gegen Arbeitsstress an und nimmt immerzu Rücksicht auf mich.

Während sich diese Gedankengänge in meinem Hirn formen, strömt eine mich erwärmende Energie durch meine Venen. Jene, die mein Herz für wenige Augenblicke höher und schneller schlagen lässt. Als unsere Zungen kurz voneinander ablassen, hauche ich gegen seine von Speichel und Wasser bedecken Lippen: „Ich liebe dich...“ Ich öffne die Augen; er lächelt. Gibt mir nunmehr einen zärtlichen, unschuldigen Kuss auf die Wange und raunt mir danach ins Ohr. „Ich dich auch, Liebster...“

Seine Hand lässt ab von ihrem unverblümten Tun. Stattdessen greift Christopher jetzt zum Duschgel. Umgehend riecht es ein wenig frisch und herb, nach einem Hauch Aftershave; das Gel, das er nun auf meinem Körper verteilt, wirkt nur im ersten Moment kühl auf meiner Haut. Dann schäumt es auf und Christophers Finger verteilen jenen Schaum überall; sie streifen meine Brust, meinen Nacken, fahren über meine Seiten, meine Hüften; sie streichen es über meine Oberschenkel, meinen Hintern – drängen kurz meine Pobacken auseinander, um sachte über meinen Eingang zu fahren.

Christopher presst seine Lippen wieder auf die meinigen. Ganz kurz.

„Findest du nicht auch, dass du mich ebenfalls einseifen solltest?“, zieht er mich dann mit dieser schneidenden Stimme auf, in der eine süffisante, leicht amüsierte Melodie mitschwingt. Er grinst, als ich ihn ansehe und ich erwidere diese Mimik; dann nehme ich das Duschgel, das er nur Sekunden zuvor auf meinem Körper verteilt hat, und schäume es auf meinen Handflächen auf, die dann beinahe automatisch zu seinem nackten Leib wandern, regelrecht von diesem angezogen werden. Weil mein Körper ebenso süchtig nach Christopher ist, wie mein Geist.

Ich beginne mit seinen Schultern, verteile das herb duftende Gel auf seinen ausgeprägten Oberarmen, streife seine Hände; verschränke unsere Finger für einen minimalen Moment, nur um sie dann zu seiner Brust gleiten zu lassen. Für einen Moment streiche ich etwas fester über seine Brustwarzen und bringe meinen Freund zum seichten Aufseufzen. Ich taste mich entlang seiner angedeuteten Bauchmuskeln weiter nach unten, um dann verführerisch über seinen Unterleib zu streichen, der Spur aus gekräuseltem Haar zu folgen; meine Hand gleitet jene entlang und als ich an der Wurzel seiner vollends harten Männlichkeit gelange, verändere ich meine Bahn, gehe langsam in die Knie, und streife mit beiden Händen seine Oberschenkel, umgehe sein Zentrum, das er mich hatte berühren lassen wollen.

Ich massiere seine Schenkel, seine Knie und arbeite mich erst langsam wieder nach oben. Christopher hat den Wasserstrahl bereits so gedreht, dass er uns wieder völlig benetzt, den Schaum abgewaschen hat. Ich lecke über meine Lippen, seinen harten Schwanz bereits mit meinem Blick einnehmend bewege ich meinen Kopf bedächtig auf ihn zu, auf diese nasse, entblößte Spitze; ich spreize meinen Mund. Meine Zunge fährt aus. Wie eine Landebahn. Mein Blick ist wahrscheinlich schon verschleiert, weil ich Christophers Männlichkeit in meinen Gedanken bereits tief in meinem Rachen spüren kann und mir vorstelle, wie es gleich sein wird, in der Realität daran zu saugen.

Seine Hände liegen bereits auf meinem Kopf und er zieht mich an sein Becken heran. Meine Lippen kommen in diesen fantastischen Kontakt mit seiner prallen, nassen Eichel; Christopher stöhnt zufrieden, als ich sie langsam in meinen Mund passieren lasse, als ich meine Zunge ausfahre und sie genüsslich abschlecke, die Augen geschlossen, als handelte es sich hier um ein außergewöhnliches Bonbon mit betörendem Geschmack. Ich-

Aus der Ferne dringt diese penetrante, laute und hohe Melodie, die ich nach wenigen Sekunden als Christophers Klingelton ausmachen kann. Er hält inne. Wir lauschen. „Scheiße!“, flucht er dann und entzieht sich mir, sodass ich das Gleichgewicht auf meine Knien verliere und mit dem Oberkörper nach vorne falle, mich mit beiden Händen auf dem glitschigen Boden abstützen muss und diese Art der neuen Balance mir nur gerade so gelingt. Das Wasser prasselt mit voller Wucht auf meinen Kopf nieder und ich kann nur aus den Augenwinkeln ausmachen, wie mein Freund völlig nackt und immer noch triefend nass aus dem Bad stürmt.

Ich atme aus. Seufze laut. Dann stehe ich auf, dusche mich noch einmal ab und steige aus der Kabine, trockne mich blitzartig ab und schnappe mir ein weiteres, breites Handtuch, mit dem ich das Badezimmer verlasse, um nach Christopher Ausschau zu halten. Sein Handy in der rechten Hand haltend marschiert dieser am breiten Esstisch auf und ab, an dem er auch gerne Schach Spielt und an dem wir öfters essen; alleine oder mit einer Runde Freunden, je nachdem, was der Abend bringt.

Unsere Augen treffen sich und als ich mit dem aufgefalteten Handtuch auf ihn zutrete, lächelt er ganz zärtlich. Ohne etwas zu sagen, denn schließlich will ich das Gespräch, das ich gekonnt überhöre, nicht unterbrechen, beginne ich, ihn trocken zu rubbeln; ganz sachte, sehr vorsichtig und vor allem lautlos. Irgendwann wickele ich ihm das Handtuch um die Hüften und er bedankt sich mit einem Grinsen, dreht um und marschiert, das Mobiltelefon noch immer an sein Ohr gepresst, ins Arbeitszimmer, schließt die Tür hinter sich. Business.

Ich hingegen ziehe mich an, setze Kaffee auf und bereite uns wie schon gestern ein Frühstück vor. Ich warte ganze 20 Minuten auf ihn. Doch er kommt nicht. Ich esse allein. Decke meine Seite ab, koche neuen Kaffee und packe meine Unitasche. Meinem Hintern geht es wieder besser. Natürlich ziept es noch dann und wann, aber es ich bin wieder „alltagstauglich“, kann ohne Bedenken an die Uni gehen. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es fast halb elf ist. In einer Stunde muss ich los.

Erneut setze ich mich an den Frühstückstisch und warte auf meinen Freund. Weitere zehn Minuten verstreichen. Dann endlich kommt er. Noch immer mit dem Handtuch um die Hüften geschlungen. Sein Haar ist mittlerweile fast schon trocken.

„Entschuldige“, sagt er wieder und ich zucke mit den Schultern.

„Arbeit ist Arbeit“, meine ich nur.

„Leider hat sie mich in diesem Fall um einen grandiosen Blow-Job gebracht“, feixt er leicht süffisant und ich grinse.

„Das kann man ja noch nachholen“, sage ich selbstsicher.

„Kann man, ja?“, kommt es verführerisch von ihm.

„Ja...“, hauche ich und meine Fantasie lebt wieder auf, spielt einen Film ab, den ich nicht kontrollieren kann. „Zum Beispiel direkt nach der Uni...“, füge ich an, doch Christopher hebt seine Augenbraue in arroganter Skepsis.

„Nach der Uni, mein Freund“, setzt er im süffisanten Ton an. „werden wir beide uns um dein Praktikum kümmern, verstanden?“

„...ja, Christopher“, entgegne ich, als es mir wieder einfällt.

„Donnerstag hast du nicht vergessen?“, fragt er streng, während er den ersten Schluck seines Kaffees zu sich nimmt.

Der Stammtisch! „Nein, Christopher! 19 Uhr! Oder?“

„18 Uhr, Niko...“, sagt er giftig.

„Ja, meinte ich doch“, rutscht es mir etwas unsicher raus.

„Wenn du 18 Uhr meintest, wieso sagtest du dann 19 Uhr?“, zieht er mich auf.

„Entschuldige...“, murmele ich.

„Vergiss deinen Ring nicht“

Den Sklavenring, jenes Schmuckstück, das Christopher mir einst geschenkt hat, als Zeichen unserer Verbundenheit; jenen Ring, den ich immer an meinem Finger trage, wenn wir uns öffentlich als BDSM-Paar outen, wenn Christopher mit stolz präsentieren will, dass ich sein Sub bin, dass er mich dominiert. Er trägt ihn an seiner linken Hand, ich als sein Bottom an meiner rechten.

„Tue ich nicht“, versichere ich ihm.

„Gut“, sagt er eine Spur weit tadelnd. „Übrigens haben wir dieses Mal Neuzuwachs und vor allem wir beide sind gefragt, es ist also von äußerster Wichtigkeit, dass du nicht zu spät kommst“, erklärt er mir eindringlich.

„Neuzuwachs?“, schnappe ich interessiert auf. Christopher nickt.

„Ein schwules Einsteigerpärchen. Kilians Patienten, die er schon seit einigen Jahren kennt und die ihn letztens auf diese Szene angesprochen haben... nachdem er ein paar sehr unschöner Wunden inspizieren musste...“, erklärt er mir grinsend. „Und da Holger und Martin nicht da sind, und Kilian sowohl Weiblein als auch Männlein dominiert und keine festen Partnerschaften eingeht, sind wir wohl die besten Ansprechpartner für Andreas und Sven.“

„Ich verstehe...“, sage ich nickend.

Wir erweitern unsere Runde nicht oft. Sie besteht aus Kilian, dem Arzt, bei dem wir damals den HIV-Test gemacht haben, Holger und Martin, die ich bereits oft erwähnt habe, Christopher und mir, Rosa und Lukas, einem seit 10 Jahren verheirateten Paar, Mona, einer Frau Ende 30, die Switcherin ist und einem lesbischen Pärchen, Ina und Karina.

„Musst du bald los?“, reißt Christopher mich aus meinen Überlegungen. Ich schaue auf die Uhr, nicke.

„Ja, wie gesagt: ich hab heute keinen langen Tag.“

„Ich bin jetzt eh die ganze Zeit zuhause“, sagt er locker. „Vielleicht gehe ich ja noch einkaufen, wenn ich schonmal die Zeit habe. Möchtest du, dass ich dir etwas bestimmtest mitbringe? Irgendein Wunsch fürs Mittagessen?“

„Überrasch mich“, meine ich lächelnd und er lacht.

„Okay.“

Und dann mache ich mich auf den Weg, überlegend, ob Christopher mir später einen langen Vortrag über meine Zukunft halten wird und ob wir es schaffen werden, meine Bewerbung zu Ende zu schreiben. So, wie ich meinen Anwalt kenne, wird er mich nicht gehen lassen, bis alles schon ausgedruckt und für den Versand bereit sein wird... Ich grinse leicht. Schon seltsam, wir haben so vieles gemeinsam und doch trennt uns so viel. Dennoch funktionieren wir gemeinsam. Wie schon damals.

Mein Handy vibriert. Es ist eine Nachricht von meinem Freund.

„Fahr nach der Uni erst nach Hause und hol deinen Ring und alles andere, was du für Donnerstag brauchst und auch die Tage danach - du schläfst die gesamte Woche bei mir.“

Ich grinse.

Ja, so ist Christopher.

 

 

 

 

18

 

Die Vorlesungen rasen an mir vorbei wie ein unaufhaltsamer, reißender Fluss. Paul und Markus bleiben der Institution heute fern und ich hasse sie dafür; ich sitze alleine da, langweile mich noch viel mehr als sonst und als wir auch noch Gruppenarbeit machen müssen, bin ich nahe der Verzweiflung. Soziale Kompetenz besitze ich nicht. Meine Mitstreiter haben mir längst den Stempel „Eigenbrötler“ aufgetragen und diese Position beziehen sie mir gegenüber auch heute - wissen nicht, wie sie sich in meiner Gegenwart verhalten sollen, wie sie mich ansprechen können; wissen meine Reaktionen nicht zu deuten, haben keinen Schimmer, ob meine Antworten ironisch, oder doch ernst gemeint sind. Persönliche Details zu erfahren geben sie langsam auf. Letztendlich basteln wir trotz Kommunikationsprobleme und nicht bestehenden Sympathien gar professionell eine kleine Powerpoint-Präsentation über ThyssenKrupp und deren Personalführung zusammen. Meine vier Kommilitonen tragen sie mehr oder weniger kompetent vor – ich bediene nur die Maus am Computer, die uns von Folie zu Folie führt. Mir recht. Dem Dozenten auch. Kein Problem.

Es ist 16 Uhr, als ich letztendlich an der Bushaltestelle stehe. Ich habe mich viel zu dick eingepackt, der Winter ist längst zurückgewichen und ich scheine das noch nicht so recht begriffen zu haben. Die Jackenknöpfe lösend steige ich in den Bus ein, wie auch geschätzte 30 andere Studenten; ein Sitzplatz ist eine Utopie, ich darf 20 Minuten lang gegen die Gravitation und den betrunkenen Fahrstil des Busfahrers ankämpfen – was mich irgendwie an mich selbst erinnert. Den Lappen habe ich allerdings schon längst wieder bekommen… Ich weiß noch, wie mein alter Herr damals ausgerastet ist, schließlich hatte er die 600 Euro zahlen müssen. Christopher wird mich mit seinem Wagen wahrscheinlich nie fahren lassen, aber das muss er auch nicht: Ich hasse Autofahren. Zudem lasse ich mich allzu gern von meinem Anwalt durch die Gegend kutschieren. Erst recht, wenn er mich immerzu so harsch über die Mittelkonsole zerrt und gierig seine Lippen auf meinen Mund presst, wann immer ihm danach ist.

Ich will mich sputen, schnell zu ihm gelangen.

Eilig werfe ich einige Sachen mehr in meine kleine Reisetasche, die mich schon so oft begleitet hat; als aller erstes packe ich den besonderen Ring ein, der in der tiefschwarzen Schatulle ruht. Christophers Geschenk. Der kleine Ring auf dem größeren Ring. Nicht wirklich schön und doch so viel bedeutend, nicht wirklich teuer und doch mit wertvollem, sentimentalem Wert belegt.

Mein Magen knurrt. Ich verpasse den Bus. Es ist wie immer.

Die kleine Reise ist mittlerweile eine Routine. Ich kenne jedes Gebäude, das ich passiere, jede Straße, jede Leuchtreklame. Beinahe sprinte ich die Treppen hoch, klingele - es ist 17.15 Uhr. Da ich keine haargenaue Zeit mit Christopher abgemacht habe, kann ich nicht zu spät sein. Ein Grinsen tritt auf meine Lippen, im selben Moment schwingt die Holztür auf und er steht vor mir: lächelnd, die Haare perfekt nach hinten gegelt, die blauen Augen freudig leuchtend. Er trägt eine graue Jeans, einen simplen, schwarzen Rollkragenpullover. Darüber eine pechschwarze Schürze, die ihn wie einen prominenten TV-Koch aussehen lässt. Es riecht köstlich, mein Magen macht sich erneut laut bemerkbar und Christopher lacht, tritt zur Seite, hält mir die Tür auf.

„Komm rein“, meint er milde und schließt hinter mir ab. „Geh weiter, Niko“, fügt er hinzu. Unser kleiner Code, der mir mitteilt, dass ich mich meiner Kleidung nicht hier im Flur entledigen muss, dass ich so bleiben kann, dass meine Bestrafung noch nicht beginnt; dass wir jetzt erst einmal ein paar normale Stunden miteinander verbringen werden. Wenn man unser alltägliches Miteinander überhaupt mit diesem Wort bezeichnen kann.

„Wie war die Uni?“, fragt er mich, als ich meine Tasche abstelle und aus meiner Jacke schlüpfe.

„Paul und Markus waren nicht da“, informiere ich ihn und er nickt grinsend, weiß, was dies für mich bedeutet hat. Ich entledige mich meiner Schuhe und folge meinem Freund dann in die Küche. Er steht am Herd, als ich mich an den bereits gedeckten Tisch setze.

„Heute gibt es Hirschbraten mit Backkartoffeln und roter Beete“, informiert er mich, ohne sich mir zuzuwenden.

„Wow“, meine ich nur und muss an meinen TV-Koch-Gedanken von eben denken.

„Ich hoffe, ich kann bald ein ‚wow’ äußern“, sagt er etwas ironisch und dreht sich zu mir um, deutet auf den Küchentisch. „Ich hab dir was gekauft“, erklärt er, als ich ihn verwirrt ansehe. Erst jetzt sehe ich in die genaue Richtung, in die er mit dem Zeigefinger weist. Rechts neben mir, direkt an der Küchenwand, liegt ein Geschenk; in rotes Papier gewickelt. Umgehend reiße ich es auf - Das Kochbuch.

„Ahhhhhh“, mache ich zufrieden. „Danke, Christopher.“

„Bedank dich nicht zu früh“, entgegnet er keck und kommt auf mich zu, und funkelt mich dabei irgendwie diabolisch an. Mit beiden Händen stützt er sich an der Tischplatte ab und beugt sich bedrohlich zu mir herab, sodass sein Gesicht das meinige fast berührt. Arktisches Blau. Wie ich es liebe. „Für jedes verpatze Gericht gibt es eine gerechte Strafe, Niko“, haucht er gefährlich, mit diesem feinen Grinsen auf den Lippen, das auf Arroganz und Amüsiertheit deutet. Er küsst mich; zart, kurz und viel zu schnell. „Essen ist fertig“, informiert er mich dann, als es plötzlich schon wieder vorbei ist. Schmunzelnd holt er das Wild aus dem Backofen, während ich das Gefühl, von ihm geküsst worden zu sein, noch immer genieße.

Das Essen schmeckt hervorragend.

Wie in einem teuren Restaurant.

Wir sprechen ein wenig über Frank und über Holger und Martin. Die beiden organisieren nächste Woche eine Gay-and-Lesbian Fetisch-Party. Christopher fragt mich, ob wir hingehen wollen. Ich zucke mit den Schultern. „Ich habe keine Meinung. Von mir aus.“

„Vor mir aus“, imitiert er mich zunächst. „ist eine Meinung, Niko“, beendet er den Satz.

Ich verziehe das Gesicht. Christopher schaut mich herausfordernd an.

„Also gehen wir“, fasse ich zusammen, mehr fragend als feststellend.

„Bingo“, kommt es von ihm.

„Wer kommt noch?“, hake ich nach.

„Kilian wird auf jeden Fall dort sein“, antwortet er und legt sein Besteck beiseite, wischt sich seinen schönen Mund mit der Serviette ab. „Karina und Ina wollten vielleicht auch kommen. Mit ihrer Frauenrunde.“ Ich verdrehe die Augen. „Ich weiß, dass du Miriam nicht magst. Aber das wirst du ertragen“, kommentiert er mein Tun. Miriam ist eine bisexuelle Frau Ende 30, gutaussehend, nicht fest liiert, witzig, gebildet – und sie findet meinen Freund äußerst attraktiv. Natürlich flirten sie nicht, Miriam schmeißt sich nicht an ihn ran; Christopher geht auf diese Weise auch nicht auf sie zu, schon allein, weil er mit Frauen absolut gar nichts anfangen kann – als potenzielle Partner. Er ist einfach nur ein Gentleman. Wie immer, auch ihr gegenüber: höflich, charmant, zuvorkommend. Auch wenn es keinen triftigen Anlass gibt, bringt mich Miriams Nähe zu ihm öfters aus dem Konzept. Sie mag mich zwar sehr und findet unsere Bindung spannend, aber ich empfinde eine simple Antipathie, die ich nicht genau erklären und definieren kann. Manchmal ist das einfach so. Ich denke, ihre Sympathie für Christopher ist einfach nur das I-Tüpfelchen dieser Empfindungen.

„Soll ich abräumen?“, frage ich ihn also, auch um von Miriam abzulenken.

„Nein“, meint er nur und steht auf. „Du gehst ins Arbeitszimmer, machst den Rechner an und öffnest schon mal deine angefangenen Bewerbungen, an denen wir gleich weiterarbeiten werden.“

„Okay. Danke fürs Essen“, entgegne ich und erhebe mich ebenfalls. Christopher lächelt. Ich komme nicht umhin, an ihn heranzutreten und ihm einen liebevollen, zarten Kuss auf die Wange zu hauchen.

„Ab ins Arbeitszimmer…“, flüstert er verspielt-bedrohlich und sieht mich in eben dieser Art dabei an. Grinsend drehe ich mich um und tue, wie mir aufgetragen wurde.

Christophers Arbeitszimmer ist groß, nicht so geräumig wie sein Büro und irgendwie auch viel gemütlicher eingerichtet, mit kuscheligem Teppich, dunkelbraunen Holzregalen, in denen Ordner und Bücher ruhen; einem großen Doppelfenster, das bis zum Boden reicht, weinroten Gardinen und schneeweißen Vorhängen. Ein riesiges Bild hängt an der Wand, dort, wo der tiefe Arbeitsschrank steht, auf dem Drucker, Fax und ein zweites Telefon verweilen, das WLAN-Modem. Eine winterliche Landschaft. Der massive, antik anmutende Schreibtisch aus Eichenholz gefertigt ist das Zentrum des Raumes. Ich rutsche in den breiten, pechschwarzen Ledersessel und schalte den Rechner ein, richte meinen Kopf nach links und betrachte den Bildschirm, der mir schon bald die Oberfläche von Windows zeigt.

Meine Dateien habe ich auf meinem USB-Stick mitgebracht. Die kläglichen Versuche eines Anfangs. Die Word-Dokumente mit den Adressen und den Notizen aufrufend erkenne ich, dass sich so etwas wie Heißhunger auf Süßes in meinem Innern breit macht. Ich husche zurück in die Küche. Christopher ist noch mit dem Abwasch beschäftigt.

„Gibt’s ein Problem?“, fragt er umgehend, den Blick auf mich richtend. Ich schüttele lediglich den Kopf und mache mich schon daran, einen gewissen Küchenschrank aufzumachen, in dem mein Freund Süßigkeiten aufbewahrt. Für sich selbst: Pralinen, dunkle Schokolade, so etwas wie Raffaello. Für mich: Kinderschokolade, Snickers- und Marsriegel, Schokobons. „Sauber“, murmele ich und will nach ihnen greifen. Ich schaffe es gerade noch, meine Hand wegzuziehen, als Christopher die Schranktür mit einem lauten Knall zuschlägt. Sein kalter Blick ruht auf mir, er steht mir so nahe, dass ich seinen Atem an meiner Haut spüren kann.

„Niko“, haucht er gefährlich und langgezogen. „Was soll das werden?“, will er wissen.

Verdammt. Mein Heißhunger hat die Kontrolle über mich ergriffen, ich hatte nicht nachgedacht. „Es tut mir leid, Christopher“, sage ich nun aufrichtig und senke den Blick etwas. „Ich habe mich vergessen.“

„Das will ich meinen, mein Freund“, entgegnet er spöttisch und schnaubt.

„Darf ich mir etwas Süßes nehmen?“, frage ich ihn und sehe ihm nun in die Augen.

Erlaubnis; ich bitte ihn um seine Erlaubnis. Er muss sie mir geben, dann darf ich mich bedienen. Wie am Tisch. Immer erst nach ihm auftun, auf sein kurzes Nicken warten, seine Erlaubnis bekommen.

„Nein“, meint er schroff, die Hand noch immer an der Schranktür ruhend. „Später. Erst wirst du arbeiten. Verstanden?“

„Ja, Christopher“, entgegne ich.

„Abmarsch“, ordert er und deutet streng mit seinem Finger auf die Küchentür. Ich verlasse den Raum, so wie er mich auffordert, setze mich vor den Rechner, warte. Nach wenigen Minuten betritt er das Arbeitszimmer und wirft mir etwas zu. Ich reagiere schnell, reflexartig. Ein einzelner Schokobon ruht in meiner Handfläche, die ich nun betrachte. Ein Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht.

„Mehr gibt es, wenn du gute Arbeit leistet“, scherzt er und ich stehe auf, mache ihm Platz, packe die kleine Süßigkeit zwischen meine Lippen und laufe ins angrenzende Zimmer, um den etwas kleineren Drehstuhl dazuzuholen. Der Chefsessel gehört Christopher. Der andere ist für mich, der, den ich gerade neben ihn schiebe. Die Augen meines Freundes ruhen auf dem Bildschirm. In Gedanken, konzentriert, liest er, was ich fabriziert habe; schweigt. Dann dreht er mir seinen Kopf zu. Der schokoladige Geschmack verweilt noch immer auf meiner Zunge.

Christophers Augen sind nicht so kalt wie sie es der Fall ist, wenn er mich bestrafen will. Sein Blick ist ernst, aber nicht gemein, nicht selbstgefällig oder arrogant. Einfach nur ernst.

„Ist das alles, was du bis jetzt geschafft hast?“, fragt er mich entschieden.

„Äh… Ja. Ich sagte ja, ich komme nicht richtig voran“, entgegne ich und starre den Bildschirm mit meinen Notizen an. „Aber ich hab schon Adressen rausgesucht.“

„Adressen rausgesucht, oder dich tatsächlich über die hier aufgelisteten Firmen informiert?“, hakt er direkt nach – etwas säuerlich.

„Naja… rausgesucht.“

Er lehnt sich seufzend zurück und verschränkt die Arme vor seiner Brust, stiert mir regelrecht an. „Du hast noch nie wirklich Bewerbungen geschrieben“, bemerkt er trocken.

„Nö, wieso denn auch“, gebe ich etwas patzig zurück.

„Haben die euch das nicht an der Uni beigebracht?“

Ich denke an den freiwilligen Kurs zur Praktikums-Beratung mit integrierten Bewerbungsschreibkurs; den ich verpennt habe. „Nicht wirklich“, antworte ich deshalb – etwas zu unsicher. Christopher schnaubt.

„Komisch Niko, in deinem Kursangebot steht aber deutlich geschrieben, dass ihr vor eurem Praxissemester von den Praktikumsbeauftragten eures Studiengangs beraten werdet…“, sagt er dann, etwas sarkastisch. Scheiße. Ich hab total vergessen, dass er sich alles, was mit mir zu tun hat, genau ansieht, dass er Bescheid weiß. Ich seufze laut.

„Okay, ich hab den Termin verpennt!“, gebe ich zu und lasse die Schultern hängen.

„Dann lüg mich nicht an“, entgegnet er knapp.

„Sorry…“, murmele ich.

„Ich sag dir jetzt was: du hängst dich an den Rechner und guckst dir genau an, welches Unternehmen dir mit welchem Bereich für die Zukunft nützlich wäre, ja? Dann machst du eine neue Liste, mit den genauen Ansprechpartnern fertig und wir setzen uns gemeinsam ans Werk, um darauf hin zu zielen, deine Bewerbungsschreiben zu formulieren“, schlägt er mir vor oder besser gesagt: befiehlt er. „Hast du schon Bewerbungsfotos machen lassen?“

„…scheiße, voll vergessen.“

Christopher seufzt genervt. „Das machst du dann morgen.“

„Gute Idee.“

Er sieht mich noch eine Weile nachdenklich an und ich frage mich, was ihm durch den Kopf geht. Sein Blick ist immer noch so ernst. Diese Seriosität macht mich irgendwie nervös. „Kann es sein, dass du überhaupt gar keinen Bock auf das Ganze hast?“, fragt er mich plötzlich, die Beine übereinander geschlagen, die Arme immer noch verschränkt. Er wirkt ein wenig wie ein Lehrer. Ein strenger Lehrer. Oder ein strenger Vater. Das Oberhaupt einer wichtigen Familie die für Disziplin und Ordnung steht und es dir reinprügeln wird, wenn du dich diesen Prinzipien nicht aus freiem Willen fügst.

„Ehrlich gesagt: nein“, gestehe ich und schaue ihm dabei nicht in die Augen.

„Dann rate ich dir jetzt einfach mal, deine Faulheit wegzusperren und dich ans Werk zu machen. Du wirst heute so lange hier sitzen, bis die Bewerbungen fertig sind“, schimpft er kalt und leicht erzürnt. Er fasst mich nicht an. Er zieht mich nicht an den Haaren, oder schubst mich an den Schreibtisch; er steht einfach auf, straft mich mit einem herabwürdigenden Blick, der irgendwie anders ist als sonst, im Spiel, und verlässt den Raum.

Ich seufze laut, bleibe eine Weile einfach so sitzen und rutsche dann erst in den freigegebenen Chefsessel, beginne die aufgetragene Recherche – und scheitere kläglich. Weil ich schon auf der ersten Seite des ersten Unternehmens keine Konzentration aufbringen kann; weil ich Sätze von vorne lese und alle Buchstaben wie Hieroglyphen erscheinen. Weil ich weiß, dass diese Schreiben von hoher Wichtigkeit sind und die ersten wahren Schritte auf meinem beruflichen Weg sein werden. Genau vor jenem will ich mich drücken. Ich finde es erschreckend, dass mein Bachelor zu Ende geht, dass ich bald den ersten Abschluss in der Tasche haben werde. Dann bleiben mir noch zwei Jahre des Masterstudiums, bis es ernst wird. Und ich will nicht, dass es ernst wird. So, wie es jetzt ist, ist es perfekt, diese Routine, die Vorlesungen, die Hausaufgaben – und doch so viel Zeit. Zeit für Christopher und mich. Zeit für Horrorfilme. Zeit fürs Faulenzen.

Wenn ich an das Praktikum denke, wird mir schlecht. Fünf Tage die Woche zur selben Zeit aufstehen, immer pünktlich sein, Anwesenheitspflicht, Tag für Tag acht Stunden ackern, sich dem Gebilde fügen, strebsam sein.

Ich lande auf einer Seite, für die ich wahrscheinlich umgehend eine Ohrfeige von Christopher ernten würde; einem Sammelsurium an Browserspielen. Simplen, ablenkenden, bunten Tätigkeiten, die binnen Sekunden geladen haben; die einen einladen, nicht mehr auf seine Umwelt zu achten.

Ich schrecke hoch, als die Tür sich plötzlich öffnet und Christopher hineinstolziert, direkt auf den Schreibtisch zugeht. In der ersten Sekunde bin ich so paralysiert, sodass ich nichts tun kann; in der nächsten mache ich mich panisch daran, diese Spielchen, von denen ich drei gleichzeitig offen habe, damit ich noch schneller zwischen ihnen wechseln kann, wegzuklicken – viel zu offensichtlich. Christopher steht schon hinter mir, die Augen auf den Bildschirm gerichtet. Ich kann ihn schnauben hören und betrachte, wie der Browser hängen bleibt. Ich möchte am liebsten meinen Kopf gegen die Tischplatte hauen, so beschämt bin ich.

„Du willst Praktikum bei jetztspielen.de machen? Interessant“, sagt er in diesem fiesen, zynischen Ton.

Ich rutsche etwas nervös auf dem Stuhl zurecht und räuspere mich. „Ich hab eben nur ne kleine Pause gemacht. Ich, äh, bin noch nicht fertig“, erkläre ich ihm, während ich mich ihm zuwende. Er sieht… ziemlich wütend aus.

„Okay“, sagt er klar und hebt eine Hand, in drohender Geste. Dann: „Code Red.“

Deutlich und ruhig ausgesprochen. Eine bedeutungsvolle Pause zwischen den Äußerungen. Diese zwei englischen Wörter halten die Zeit an. Sie stoppen unseren Fluss. Sie lösen unser Verhältnis auf. Er steht über mir, Christopher, mein Freund, mein Geliebter – nicht als Master, nicht als Herr; nicht als Sklavenhalter. Einfach nur als mein Freund.

Code Red“ – unser Alltagspasswort, das unsere BDSM-Beziehung zu einer völlig normalen Beziehung transformiert, bis der, der es ausgesprochen hat, es – mit Einverständnis des Anderen – durch die Äußerung „Code Green“ wieder aufhebt.

Wir benutzen es, wenn es um wichtige Diskussionen geht, wenn Christopher mir mit seiner Macht nicht den Mund verbieten will. Wenn wir Entscheidungen treffen wollen. Richtige Entscheidungen, gemeinsam getroffene Entscheidung. Oder wenn wir uns streiten…

„Ich fühle mich ein wenig verarscht, Herr Klaas“, sagt er giftig und rührt sich nicht vom Fleck. „Ich stehe in der Küche, bekoche dich, arbeite mein Arbeits-Pensum ab, damit ich Zeit für dich und deine Bewerbung habe und du spielst hier mit irgendwelchen virtuellen Affen!“ Er deutet wütend auf den Bildschirm. Der Browser reagiert endlich wieder. Das von mir nicht angerührte Word-Dokument liegt wieder auf der Oberfläche. „Was soll das?!“, blafft er mich an.

Ich fahre mit meinen Händen durchs Gesicht. „Ich bin einfach nicht bei der Sache“, sage ich dann.

„Das haben wir ja jetzt schon festgestellt. Wo liegt das Problem? Du hast lang genug geschlafen, du hattest keinen langen Tag, du hast gut gegessen“, zählt er auf.

„Ja, ich weiß!“, zische ich.

„Also?“, verlangt er weiterhin eine Erklärung, die Augenbrauen angehoben, ein skeptischer und ziemlich von Wut gezeichneter Blick auf mir ruhend.

„Mann!“, meine ich und stehe auf, der Stuhl rutscht nach hinten und prallt beinahe gegen Christopher. „Ich hab einfach keine Lust drauf.“

„Vielleicht solltest du aber Lust drauf haben!“, moniert er lauter. „Wir haben jetzt Mitte April, falls du es nicht realisiert hast. Deine Vorlesungen haben bereits angefangen. Du hättest jetzt schon längst deine Bewerbungen rausschicken müssen. Du weißt ganz genau, dass manche Firmen eine Frist von einem Jahre haben – die fehlt jetzt somit schon die Hälfte.“

„Paul und Markus haben auch noch nichts“, werfe ich ein und lehne mich gegen das Schreibtischblatt.

„Unterbrich mich nicht, ja…?“, meint er dazu nur ruhig, seine Stimme jedoch bebend. Ich beiße mir auf die Unterlippe. Ich habe ihn schon lange nicht mehr so… sauer gesehen. Wirklich sauer. Real sauer. Ungut sauer. „Dir ist scheinbar nicht bewusst, wie wichtig praktische Erfahrung heutzutage ist. Das Praxissemester ist nicht umsonst angelegt worden. Du solltest froh darüber sein, andere Studenten ersticken an der Theorie und sind später nicht fähig, zu arbeiten. Du bekommst die Chance, schon jetzt einen Blick in die Arbeitswelt zu werfen. Ich kann verstehen, dass dir das Angst macht. Man will für immer studieren, es nicht so ernst nehmen, viel Freizeit haben, lange Semesterferien; aber ich bezweifle, dass du vor hast, ein Langzeitstudent zu werden. Oder?“

Ich schüttele bedächtig den Kopf. Sein Blick durchdringt mich. Geht tief. Bis in die Knochen. Ich fühle mich wie ein Kind. In solchen Momenten wird mir unser Altersunterschied bewusst. Ich kaue auf meiner Unterlippe.

„Ich finde es ätzend, dass du meine Zeit so dermaßen verschwendest“, fährt er nun mit aggressiveren Worten fort. „Ich finde es eine Frechheit, dass du meinen Befehl, der dir gut tut, so missachtest und dich querstellst. Wenn du nicht willst, dass ich dir helfe, dann sag es mir.“

Er schweigt, wartet auf eine Antwort.

„…ich will ja, dass du mir hilfst“, stammele ich, aber ich weiß nicht, was ich weiter sagen soll. Ich bin ein beschämtes Kind. Eigentlich weiß ich es besser, weiß, dass er recht hat. Meine Faulheit steht mir im Weg. Es gilt, sie zu bekämpfen.

„Dann mach das, was ich dir sage. Ich helfe dir jetzt auch gern beim Firmencheck“, meint er ruhiger.

„Das wäre gut, ich brauche jemanden, der mir da derbe in den Arsch tritt…“, gebe ich zu und kratze mich immer noch peinlich berührt am Hinterkopf. Christopher grinst.

„…darin bin ich recht gut“, sagt er dann etwas erheitert und ich muss leicht lachen, als unsere Augen sich treffen.

„Tut mir leid“, meine ich.

„Das hoffe ich“, entgegnet er daraufhin ernst. „Wollen wir?“ Ich nicke. Er setzt sich wieder in den Chefsessel, rutscht aber ein Stück weit weg, damit ich direkt an die Tastatur und Maus kann.

„Code Green“, sagt er leicht und sieht mich dabei an. Ich muss bestätigen. Tief blicke ich ihm in die Augen.

„Code Green“, wiederhole ich dann.

„…gut“, kommt es dann wieder leicht arrogant von ihm, sein Blick an Härte gewonnen, sein Grinsen an Großspurigkeit, an der Christopherischen Süffisanz. Er ist wieder voll und ganz mein Herr, auf der alltäglichen Ebene. Ich muss in mich hineingrinsen, als wir uns ernsthaft an die Arbeit machen.

Irgendwie ist diese Erkenntnis immer erstaunlich. Die Erkenntnis, dass wir solch eine funktionierende Routine haben nach zwei Jahren Beziehung. Auf solch extremen Ebenen. Und ich habe das Gefühl, dass wir immer krasser werden. Im positiven Sinne. Ich kann mir ehrlich gesagt, keine andere Bindung mehr vorstellen. Wieder muss ich an Kilians Worte denken; dass manche Menschen für BDSM einfach prädestiniert bin. Ich denke, ich gehöre dieser Kategorie Mensch an. Auch wenn zu Anfang nie gedacht hätte, dass ich irgendwann mal alleine von Peitschenhieben kommen könnte…

Schon seltsam, wie verwirrt ich an jenem Geburtstagsabend vor zwei Jahren gewesen war, als ich ständig an den Gummimaskenmann gedacht hatte…

 

 

*

 

 

Es war damals erst Nachmittag, als wir das erste Mal miteinander geschlafen hatten. Mein Herz wollte sich einfach nicht beruhigen. Mit weit offenen Augen lag ich auf meinem Rücken und starrte die graue Decke meines kläglichen Schlafzimmers an. Erst vor wenigen Minuten hatte Christopher sich aus mir heraus gezogen; ich war noch immer geweitet und ließ die heißen und verdammt frischen Erinnerungen durch meinen Kopf gehen. Christophers von Verlangen dominiertes Gesicht, die Art, wie er sich auf die Unterlippe gebissen hatte, als er mich nahm, der Klang seines Stöhnens.

„Hey…“, flüsterte er und ich erschrak. Das Bett gab ein Stück weit nach, als er sich wieder neben mich setzte. Vorsichtig legte sich seine linke Hand auf mein Knie und er spreizte mein Beine; ich hielt die Luft an, nur um zu erkennen, dass er mich säubern wollte. Das Tuch war weich und Christopher tat es mit so einer Selbstverständlichkeit, dass ich gar nicht protestierte. Er zauberte ein weiteres Tuch wie aus dem Nichts und wischte meinen Bauch ab – auf dem ich unverkennbare Spuren unseren Zusammenseins hinterlassen hatte.

Er verschwand, kam in wenigen Sekunden schon wieder, noch immer splitterfasernackt. Ich konnte meine Augen nicht von ihm nehmen. „Was ist?“, hakte er sachte nach und lächelte dabei, als er sich wieder neben mich legt, die Decke über unsere Körper zog, mich wieder an sich drückte, an seine immer noch erhitzte, klar Haut. Ich sog seinen betörenden Duft ein, kuschelte mich an ihn.

„Ich kann nicht glauben, dass ich mit dir geschlafen habe…“, murmelte ich gegen seine Halsbeuge. Er lachte kurz und seine Brust bewegte sich dabei rapide auf und ab.

„War es schön für dich?“, erkundigte er sich mit milder Stimme.

Ich nickte hastig, hob meinen Kopf an, sodass ich ihm direkt in die Augen blicken konnte. „Ja, war es… Christopher“, fügte ich an. Er lachte erneut leise und kurz. Dann strichen seine Finger über meine Wangen. Er hielt meinen Kopf fest und küsste mich.

„Geht’s dir denn mittlerweile etwas besser?“, fragte er.

„Das Aspirin scheint ein wenig geholfen zu haben“, meinte ich daraufhin.

„Das ist gut. Und wie sieht es seelisch aus? Immer noch Angst vor dem Gummimaskenmann?“, scherzte er.

„…ein bisschen“, meinte ich grinsend und er küsste meine Stirn.

„Ich will nicht, dass du Angst hast“, bemerkte er leise.

„Mhm…“, machte ich und nickte dabei. Momentan… verspürte ich sie auch nicht mehr. Seine Worte hatten mich beruhigt. Schon allein das Aussprechen meiner Ängste hatte befreiend gewirkt.

Vergiss bitte diesen Gummimaskenmann. Wir beide werden nur das tun, wozu wir beide auch Lust haben.

Er hatte gesagt, es ginge ihm um mein Einverständnis. Dass BDSM auf Freiwilligkeit aufbaute.

Ich muss deine Vorlieben erst richtig kennenlernen, bevor ich ohne dein Wissen irgendetwas Neues in unsere Beziehung einbringe. Und momentan ist allesneu.

Ich lag mit Christopher im Bett. Nackt, leicht verschwitzt vom Akt. Mit Christopher Lang. Dem Anwalt aus dem Park.

„Ich steh auf Handschellen“, hörte mich nach einer Weile plötzlich plappern, in der wir einfach nur still dagelegen hatten.

„…ja, das weiß ich doch…“, kam es ruhig und trotzdem interessiert von ihm, irgendwie auffordernd, leise.

„Mhm…“, ich presste meinen Kopf weiter gegen seine Halsbeuge, spürte seine Arme um meinen Körper geschlungen und fuhr langsam fort: „Ich finde es geil, in diesem Moment, so ausgeliefert zu sein; wenn ich dann nicht fähig bin, in das Geschehen einzugreifen und einfach alles passieren lassen muss.“

„…erregt es dich, wenn du dich bewegen willst und es nicht funktioniert…?“

„…ja…“

„…törnt es dich an, wenn du dich winden und drehen kannst, wie du nur möchtest, und doch keine Befreiung findest?“, fragt er erneut mit einer tieferen Stimme, die mich erschaudern ließ. Die Zweifel, die mich die Nacht zuvor hatten zu tief ins Glas schauen lassen, waren weit, weit weg. Verdrängt. Dieses neue Gefühl zog mich wieder in den Bann. Die Erkenntnis, dass ich jetzt ein Sklave war. Ein Sex-Sklave. Was hatte Christopher genau gesagt?

Ich fordere deinen absoluten Gehorsam, aber ich bin kein Sadist. Ich will nicht, dass du deine eigene Existenz aufgibst und nur noch das tust, was ich von dir verlange. Ich will dass du mein Sexsklave wirst, aber ich will dich nicht auf diese Position reduzieren. Ich will, dass du „nein“ sagen kannst. Safety ist mir wichtig, Vertrauen ist mir wichtig.

Und…

Ich will dir weh tun. Ich will dich auf den Knien vor mir sehen. Ich will dich fesseln, knebeln, schlagen und ficken.

Eine Gänsehaut überkam mich.

Mal wieder.

Ein Moment, in dem mir abermals bewusst wurde, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte.

„…ja…“, beantwortete ich nun seine Frage.

„Das freut mich sehr…“, wisperte er und sein Atem strich über meine Stirn.

„Bleibst du heute Nacht?“, fragte ich ihn, irgendwie erwartungsvoll.

„Ich kann nicht“, sagte er und in seiner Stimme schwang ehrliche Enttäuschung und so etwas wie Bedauern mit. „Ich muss noch einen wichtigen Fall für Montag vorbereiten“, fügte er hinzu und seufzte; ich schwieg. „Zudem würde ich dir eh gern ein bisschen Zeit lassen, um über alles alleine nachzudenken…“

Er setzte sich auf und so war auch ich gezwungen, von ihm abzulassen. An die Bettkante lehnend betrachtete er mich mit einem milden Lächeln. „Ich möchte, dass du noch mal in Ruhe über alles nachdenkst…“

„Ich mach keinen Rückzieher!“, fiel ich ihm ins Wort.

„…ich weiß, Niko“, fuhr er darauf bezogen fort und grinste. „Dafür ist es auch längst zu spät, das wissen und fühlen wir doch beide…“, er nahm meine Hand und führte sie zu seinem Mund, hauchte mir einen Kuss auf meinen Handrücken. „Du bist bereits mein Sklave. Dein Training hat schon längst begonnen.“

„Ja, Christopher“, sagte ich und er lachte zufrieden.

„Sehr, sehr gut, Niko“, stellte er genüsslich fest und strich mir durchs Haar. So zärtlich. So langsam. Belohnend.

„Und dennoch“, setzte er wieder an und seine Berührung endete; mit ernster Miene begutachtete er mich. „Ich will, dass du diesen Abend erstmal sacken lässt und diese Vorstellung des Gummimaskenmannes aus deinen Gedanken verbannst.“ Er schaute mir sehr tief in die Augen und ich nickte einfach nur, wollte jenes tun, meinen Geist befreien. „Ich habe noch eine kleine Aufgabe für dich. Du bist ja ein recht guter Rechercheur, wir sich herausgestellt hat – auch wenn dich einige Dinge abgeschreckt haben mögen und dir eine etwas verquerte Vorstellung der Szene vermittelt haben. Ich will, dass du dir ein Blatt Papier nimmst und aufschreibst, was du dir auf keinen Fall vorstellen kannst, was du absolut nicht machen willst. Wenn du es schriftlich hast, wird es dir vielleicht ein wenig besser gehen – vor allem, da du mir dieses Blatt geben wirst, damit ich es auch noch mal vor Augen habe. Ja?“

„Gute Idee“, meinte ich daraufhin.

„Und wie gesagt: wenn ich dir etwas aus dem BDSM-Bereich zeigen will, dann spreche ich das vorher mit dir ab, damit du dich mental darauf vorbereiten kannst oder wir das gegebenenfalls verschieben können. Also musst du dir keine Gedanken mehr machen bei unseren Treffen, ob ich jetzt etwas vorhabe mit dir, oder eben nicht. Und wenn ich eine Tasche mitbringe und vorher nichts mit dir abgesprochen habe, kannst du davon ausgehen, dass dort weder Handschellen noch irgendwelche anderen Sextoys drin sind, okay?“

Ich musste irgendwie beschämt lachen, als ich an die Reisetaschen-Aktion von vorhin dachte.

„Ja, okay…“

„Gut“, sagte er nun eine Spur härter, ein Grinsen umspielte seine Lippen immer noch. Heute war Christopher nicht ganz so krass in seinem Emotionswechsel. Vermutlich, um mich zu beruhigen, weil ich immer noch gaga war vom Alkohol, weil er Rücksicht nahm. Ein schönes Gefühl waren diese Erkenntnisse…

Ich beobachtete ihn, wie er sich gemächlich anzog, seine Tasche packte. „Bleib liegen“, meinte er zu mir, als ich aufstehen wollte, um ihn zur Tür zu begleiten. „Ich finde den Weg schon“, scherzte er etwas sarkastisch. „Ich will, dass du dich ausruhst, verstanden…?“

„…ja, Christopher.“

„Gut.“ Ein Nicken. Ein Grinsen. Dann beugte er sich herunter zu mir, schlang seine Arme um mich und drückte seine Lippen auf die meinigen. „Genieß die Zeit allein und ruf mich morgen nach dem Frühstück direkt an. Das… ist ein Befehl“, machte er auf lockere Art und Weise deutlich.

„Okay, Christopher“, meinte ich nur und er nickte erneut zufrieden.

Dann war alles still und ruhig und meine Gedanken zu schwach, um sie wirklich wahrzunehmen. Mein Hintern pochte noch ein wenig – ich hatte lange Zeit keinen Sex mehr gehabt. Da war er. Der warme Rotschimmer auf meinen Wangen. Ich wälzte mich auf meinem Bett und lachte, wie ein Verrückter; oder wie ein verliebtes Schulmädchen aus Hollywoodfilmen. Stereotypische, übertriebene Darstellungen von sozialen Gruppen.

Ich hatte mit ihm geschlafen.

Ohne Kondom.

Er hatte mich mit seinem Saft gefüllt.

Ich war sein Sklave.

Was für eine seltsame, neue Welt… Ich dachte nach, führte mir Christophers Erscheinung vor die Augen, dachte an unser erstes Mal, an den Tag der letzten Woche, an dem er mir die ersten seiner Regeln vorgetragen hatte.

Als ich nackt vor ihm kniete…

Ich dachte an seine Bestrafung; die harten Klapse auf meinen Hintern…

Mein Handy vibrierte. Es lag direkt neben dem Bett. Christopher schrieb mir, wahrscheinlich schon von zuhause aus. Seit seinem Abgang war bereits einige Zeit verstrichen, wie ich erst jetzt bemerkte.

„Es war wunderschön mit Dir Niko… Ich vermisse Dich schon jetzt. Christopher“

…erneut wälzte ich mich auf dem Bett, mit klopfendem Herzen und tippte, als ich mich wieder beruhigt hatte, eilig zurück: „Ich fand es auch wundervoll. Ich hab so lange drauf gewartet… Bis Morgen, freue mich jetzt schon auf Deine Stimme! Niko“

Es dauerte nicht lang, da fiel ich wirklich in einen tiefen Schlaf. Ich hatte es nicht einmal geschafft, mir eine Schlafhose zu greifen; war einfach so, wie Christopher mich zurückgelassen hatte eingeschlafen.

Am kommenden Morgen erwachte ich gegen 10 Uhr. Ich duschte, schlüpfte in frische Klamotten, frühstückte hastig und setzte mich im Schneidersitz auf mein Bett. So etwas wie Aufregung hielt mich in ihrem Bann, als ich seine Nummer wählte, dem Freizeichen lauschte und erwartungsvoll auf seine wunderschöne Stimme wartete.

Ich erreichte ihn nicht. Die mechanische Mailbox erklang am anderen Ende und ich hasste es, aufs Band zu sprechen. Ein Klick, das Handy lag beiseite. Ich kaute auf meiner Unterlippe und ließ mich mit dem Rücken auf die Matratze zurückplumpsen; im selben Moment klingelte das Mobiltelefon und ich wirbelte zur Seite – sein Name stand deutlich auf dem Display, umgehend nahm ich das Gespräch an.

„Guten Morgen, Christopher!“, begrüßte ich ihn. Ein warmes, dezentes Lachen ertönte.

Dann diese milde Stimme: „Guten Morgen, Niko. Hast du gut geschlafen?“

„Ja, ja das hab ich. Und du?“

„Ich auch, danke, dass du fragst. Geht es dir gut?“

„Ja, ich bin gut“, sagte ich irgendwie dümmlich. Er lachte wieder.

„Ja, bis jetzt bist du ein braver Junge“, zog er mich – leicht verführerisch – auf. „Dein Kopf auch wieder OK?“

„Keine Kopfschmerzen und keine seltsamen Gedanken“, beantwortete ich seine doppeldeutige Frage.

„Gut.“ Raue Samtigkeit in seiner Stimme; ich erschauderte leicht. „Ich hoffe, deine Party hat dir trotz dieser quälenden Fragen und Bedenken gefallen?“

Hatte ich mich überhaupt schon bei Christopher bedankt? Ich konnte mich nicht mehr erinnern, war mir nicht sicher. „Ganz, ganz herzlichen Dank dafür, Christopher. Es war wirklich schön und das mit Sarah fand ich ehrlich gesagt auch sehr lustig – im Nachhinein. Auch wenn mir Frank ganz schrecklich leid tut. Dem war das ziemlich peinlich…“

„Dem sollte seine unterbelichtete Freundin auch peinlich sein“, kam es im etwas hochnäsigen Ton vom Anwalt. „Aber freut mich, dass er dir dennoch gefallen hat. Deine wenigen Freunde scheinen wirklich nett zu sein.“

Krasser Fang.

Mareikes Worte fielen mir ein.

„Ja… Ich glaube auch, sie fanden dich nett.“

„Wie kann man mich nicht nett finden?“

Ich konnte mir sein aufgeblasenes, triumphierendes Grinsen bildlich vorstellen bei dieser Äußerung.

„Ich finde dich sogar sehr nett“, meinte ich also glucksend.

„Sehr nett? Aha“, schmunzelte er.

„Sehr, sehr nett…“

„Ich werde aber nicht immer sehr, sehr nett zu dir sein…“

Etwas wundervoll-bedrohliches klang in seiner Stimme mit. Ein Prickeln auf meiner Haut.

„Das will ich auch nicht…“

„Apropos wollen…“, meinte er dann. „Ich hoffe, du hast meine kleine Aufgabe nicht vergessen?“

„Nein.“

„Nein, Christopher“, sprach er mir abermals vor.

„Nein, Christopher“, wiederholte ich unvorzüglich.

„Gut.“

Gott, sein knappes ‚gut’ brachte mich immer wieder beinah um den Verstand. Ein einzelnes Wort – aber dieser Tonfall und diese Bedeutung dahinter…!

„Dann mach dich an die Arbeit, lass dir aber Zeit. Ich will, dass du genau nachdenkst. Und ich möchte, dass du mich anrufst, wenn du meinst, du bist fertig. Einverstanden?“

„Ja, Christopher.“

„Wunderbar… Also. Bis später, Niko.“

„Ja, bis später.“

Ich holte den Laptop zu mir aufs Bett, loggte mich ein, öffnete ein neues Dokument; holte tief Luft, meine Fingerkuppen bereits über den Tastaturenblock streichend. Kurz schloss ich die Augen. Das war nicht einfach nur eine Liste, die ich anfertigen würde. Das war eine Entscheidung, die ich treffen würde; die Grenzlinie, dich ich ziehen durfte. Mein minimales Mitbestimmungsrecht auf unserem seltsamen Weg, den ich schon seit meiner ersten Wiederkehr in den Park eingeschlagen hatte. Ich drehte mich nicht mehr um, weil ich das Verlassene nicht mehr betrachten wollte.

„Gummimaskenmann…“, murmelte ich und kicherte dümmlich. Jetzt, nach diesem klärenden Gespräch, nach den beruhigenden Worten, war ich in der Lage, selbst ein wenig über mich zu lachen, diese Ängste von meiner Seele wegzuschieben, sie zuzuordnen und sie mit einer gewissen Distanz zu betrachten. Und dieser Gedankenzug wurde zum ersten Punkt auf meiner Liste. Ich zückte den Kuli.

- Stichwort Rubber: Ich will keine Gummimasken oder sonstigen Kopfbedeckungen tragen, die mir den Mund und die Augen zudecken - und keine Ganzkörperanzüge

Der erste Punkt eines Papiers, das Wichtigkeit erreichen sollte.

Ich stürzte mich erneut in die Recherche und gab Begrifflichkeiten ein, die mir schon bei meinem vorigen Stöbern aufgefallen und im Kopf geblieben waren.

- Richtiges Bloodplay

- Saliromanie bzw. Scat

Nein, ich konnte mir keine Toilettenspielchen vorstellen. „Der Sklave wird als Toilette von seinem Herren / seiner Herrin benutzt.“ Vielleicht waren meine Vorstellungen von dem kommenden Sexleben mit Christopher bereits „verquert“ und für manche „seltsam“ – aber dass mich Kot oder Urin an Kleidung, Körper – oder im Mund – erregen könnte; nein. Ein Schauer kroch meinen Rücken hinunter. Das wollte ich mir einfach nicht näher vorstellen. Ich bezweifelte zwar, dass Christopher darauf stand, aber ich sollte schließlich alles aufschreiben.

Das war sein Befehl.

Dass mein „Fleisch“ nicht zur sexuellen Befriedigung an andere Master „verliehen“ werden konnte, hatten wir bereits geklärt.

Ich fordere absolute Loyalität von dir. Und ich kann dich auch versprechen, dass auch ich dir absolut treu sein werde, verstanden?

Das hatte er mir im Bistro bei unserem ersten gemeinsamen Frühstück als Pärchen gesagt…

Ich surfte weiter, dachte nach, schrieb.

- Zwangsjacken

- Klinikspiele

- Branding

- Messerspielchen, Cutting

- degradierende Beleidigungen

- öffentliche Vorführungen

Und dann blieb ich auf einer besonderen Amateurseite hängen. Über verschiedene Bondage-Termini war ich zu ihre gelangt, musterte die kleinen Videobeispiele, die man kostenlos abrufen konnte, sich vor die Augen führte; lediglich ein paar Minuten, das Maximum: zehn. Ich schluckte.

Der Sklave: ein junger Mann mit zarter Haut und ausgeprägten Bauchmuskeln, komplett rasiert; die Arme mit einem hellen, weißen Seil in komplizierten Knoten und Windungen über die Brust, Schultern, Oberarme, Hals hinter den Rücken gebunden. Die Beine: gespreizt, ein Seil jeweils die Unterschenkel an die Oberschenkel bindend, keine Möglichkeit, die Beine zu strecken. Ein schwarzer Lederriemen um seinen Hoden gebunden. Sein Geschlecht: hart wie ein Felsen. Und der Master? Er umfasste den Hodensack, drückte zu – und begann zu schlagen. Mit der bloßen Hand. Zuerst langsam, in großen Abständen, dann wiederum schneller, bis sein Sklave jaulte; wieder langsam, Streicheleinheiten. Zuckerbrot und Peitsche. Dieser Begriff wurde mir durch diese Zuwendungen so deutlich. Der Sklave empfand enorme Pein; er schrie, wimmerte, jaule. Aber er stöhnte auch, keuchte, seufzte. Er wand sich, bäumte sich auf, zitterte.

Er kam.

Allein vom Schmerz, die die schlagende Hand seines Masters, verursacht hatte.

Video vorbei.

Noch mal.

CBT – Cock and Ball Torture.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging, wie viele kurze Clips dieser Art ich mir vor die Augen führte. Es war wie eine langsam erwachende Sucht, ein gieriges Verlangen, das ich zu stillen versuchte.

Ich fasste mich an.

Das war… es war phänomenal.

Wieso war ich vorher nie auf solche Praktiken aufmerksam geworden?

Weil ich nie den richtigen Partner hatte.

Meine Augen fanden den Weg zur Uhrzeitanzeige. Ich erschrak. Es war beinahe 14 Uhr. Ich griff zum Telefon.

„Hallo Niko“, grüßte mich Christopher, dieses Mal umgehend nach dem ersten Freizeichen. Hatte er meinem Anruf etwa entgegengefiebert?

„Hi…“, murmelte ich etwas heiser und musste mich räuspern.

„Ist deine Liste fertig?“, fragte er direkt.

Ich nickte und mir fiel auf, dass er diese Geste doch gar nicht sehen konnte. „Nein. Äh. Doch! Ja. Ja, sie ist fertig.“

„Was denn jetzt?“, kam es etwas patzig. O Gott, dieser Emotionswechsel. Herrlich!

„Sie ist fertig. Christopher.“

„Gut.“

Er wollte noch etwas hinzufügen, aber die Worte strömten einfach so aus meinem Mund: „Kommst du heute vorbei, um sie dir anzusehen?“

Klang ich flehend?

Er schmunzelte. Eine Weile schwieg er. „Eigentlich wollte ich dir Zeit für dich allein geben, weil du ja doch etwas überfordert schienst von der ganzen Sache… Aber scheinbar habe ich das falsch eingeschätzt.“

„Ja, hast du!“

„Halt den Mund!“

Diese barsche Stimme.

„Ich komme heute um 18 Uhr vorbei“, verkündete er dann schon etwas milder.

Dieser Wechsel…

„Falls du deine Meinung ändern solltest und doch lieber allein sein willst, sag mir einfach Bescheid. Ich bin dir dann auch nicht böse, wir können auch einfach erstmal nur miteinander telefonieren, okay?“

„Okay.“

Ich änderte meine Meinung nicht.

Stattdessen verfasste ich eine andere Liste. Eine JA-Liste. Eine Liste mit Dingen, die mich fasziniert hatten auf meiner virtuellen Suche. Die Tatsache, dass ich jene Praktiken in Zukunft tatsächlich durchleben würde, wirkte plötzlich gar nicht mehr abschreckend, so wie sie es gestern sporadisch noch getan hatte; sie wirkte betörend, irgendwie… berauschend.

- CBT

- Spanking

- Cum-Control

- Bondage im Allgemeinen

- Peitschen, Flogger, Rohrstocke, aufblasbare Knebel

- Reizstrom

- Pet-Play

Ich starrte auf den Bildschirm. Die beiden Listen. Ich schwitze, obwohl ich mich nicht bewegt hatte. Ich war außer Atem, obschon ich nicht gerannt war. Es war halb sechs. Eine halbe Stunde. In einer halben Stunde würde er wieder hier sein.

Mein fester Freund.

Mein Herr.

Mein Master.

Christopher.

 

Und unser Weg würde konkreter werden…

 

 

 

*

 

 

„Was bitte lenkt dich jetzt schon wieder ab?!“, erklingt die barsche Stimme in der Gegenwart. Erst jetzt bemerke ich, dass ich in meinen Gedanken schon wieder viel zu weit abgedriftet bin, dass die Bewerbung noch nicht vollends steht, dass ich weiter tippen muss. Ich will antworten, da reißt Christopher meinen Kopf hinten, seine Finger in mein Haar vergraben. „Was?!“, blafft er, seine kalten Augen auf mir ruhend.

„Ich hab mich an etwas erinnert!“, antworte ich gehorsam.

„An was?“, hakt er langgezogen nach.

„An meine Liste von No-Gos…“, meine ich kleinlaut. Er lässt ab von mir. Langsam richte ich meinen Kopf wieder nach vorne, den Augenkontakt nicht brechend. Christopher grinst. Eine Mischung aus Wärme und Arroganz.

„Ahhh“, macht er. „Die Liste…“

Wir schmunzeln beide.

„Du warst wirklich erpicht darauf, deinen Schwanz von mir verprügelt zu bekommen…“, raunt er und beginnt, mit einer Haarsträhne von mir zu spielen, sie zwischen seinen Fingern zu zwirbeln.

„…das bin ich noch immer…“, wispere ich rau zurück und beuge mich vor, will unsere Münder kollidieren lassen, seinen Duft einsaugen, meine Zunge über seinen Muskel streichen lassen; dieser Welt für einen kurzen Moment entfliehen und mich meinen düsteren Gedankengängen völlig hingeben. Aber das lässt Herr Lang nicht zu.

Unsanft pralle ich mit meinem Gesicht auf die Schreibtischplatte, seine Hand meinen Kopf brüsk dagegen drückend; sein Mund direkt an meinem Ohr flüstert er beängstigend: „Erst machst du diese verdammten Schreiben fertig… Dann, und nur wenn mir danach ist, werde ich mich deiner annehmen, Sklave. Kapiert, Niko?!“

„Ja, Christopher!“, wimmere ich. Meine Hose ist viel zu eng, das Kribbeln weitet sich aus.

„Gut“, meint er knapp. Dann erhebt er sich. „Den Rest schaffst du allein.“

Er ist fort.

Ich tippe.

Und ich weiß: Später wird ihm danach sein…

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Kommentare

Klasse Geschrieben. Diese Wechsel zwischen Gehorsam und den Erinnerungen an die Anfangszeit finde ich Interessant.

Dazu dann die Sache mit der fehlenden Lust Bewerbungen zu Schreiben und sich um einen Praktikumsplatz zu Kümmern weil das Studentenleben doch so Herrlich Bequem ist. Sein Wunsch ist wohl nur für Christoph da zu sein als sein Gehorsamer Sklave zu Leben und keine Vrantwortung zu haben, aber da Spielt Christoph nicht mit. Er will ja einen Sklaven haben der auch ein Eigenes Leben hat.

Vielleicht sollte er mal gar nicht mit Niko spielen und zur Bedingung machen das erst wieder gespielt wird wenn er Vernümfige Bewerbungen Geschrieben und auch Abgeschickt hat.

In reply to by Latexmike

...an dieser Stelle, nach all dieser verstrichenen Zeit, ein herzliches Danke für deinen Kommentar - und für deine Idee, die ich frecherweise in meine Sammlung aufnehmen werde ;-)

Obwohl das Posten des vorherigen Teils schon so lange zurück liegt war ich sofort wieder mitten drin. Das ist eines der größten Komplimente für eine Geschichte, dass ich machen kann.

Ich hatte nicht mehr erwartet, dass es doch noch weiter geht mit Christopher und Niko. Ich freue mich sehr, sehr, sehr darüber... auch über die PM, ISIS - vielen Dank dafür!

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, aber die ausführliche Beschreiben von Nikos Leben, seinen Befindlichkeiten und Gefühlen, sein Studentendasein, die Entwicklung der Beziehung....ist eben genau das was diese Geschichte so gut und lesenswert für mich macht.

Aufgrund Deiner Ankündigung harre ich jetzt voll freudiger und neugieriger Erwartung der Dinge die noch kommen werden:-)

In reply to by bell

Liebe Bell, vielen Dank für deinen Kommentar, ich habe mich wirklich SEHR gefreut, hier von dir zu lesen :-) Jetzt ist natürlich wieder viel zu viel Zeit verstrichen, aber ein WENIG fleißig bin ich gewesen und setze mich auch jetzt brav wieder für ein Stündchen an den PC *lach*

Ich habe schon nicht mehr dran geglaubt, dass diese Geschichte weiter geschrieben wird. Eine wirklich gelungene Fortsetzung.

Danke dafür.

In reply to by Nitro2811

Scheiß Real Life ;-) Glaub mir, ich wünschte ich hätte mehr Zeit zum Schreiben, aber ich bin mir absolut sicher, dass ich diese Geschichte zu ihrem Ende führen werde - der Plot steht ja schon lange fest, es geht ja eigentlich nur ums "Ausschreiben". Ja, wenn das nur nicht so viel Arbeit wäre ;D Auf jeden Fall DANKE für dein Interesse und deinen Kommentar!