Das Bangkok-Syndikat - Teil 43

 

Siebenunddreißigster Tag, mittags, Bangkok

„In meinem Bereich hat jeder anstandslos gezahlt, da ist alles wie gehabt. Nur in Zhis und Wens Bezirken gab es Verweigerungen. Selbst die üblichen Drohungen und Nachdruck durch unsere Jungs haben da nicht geholfen. Nur ein paar haben schließlich doch noch bezahlt, allerdings hinter vorgehaltener Hand, als ob sie sich gefürchtet hätten, von jemandem dabei erwischt zu werden.“

Wangs Miene blieb ausdruckslos. Aufmerksam blickte er durch das große Fenster seines Büros auf die Straße hinab und beobachtete das Treiben in der Szene, nicht das kleinste Detail blieb seinen  wachsamen Augen verborgen. Jemand attackierte ganz offen sein Machtgefüge, ein Affront, den seit mittlerweile zwanzig Jahren niemand mehr gewagt hatte. Dennoch, der alte Kampfgeist des Paten war sofort wieder erwacht. Sein Herausforderer würde es bitter bereuen, sich mit ihm angelegt zu haben.

„Was sagen die anderen? Gibt es Gerüchte auf der Straße? Hast Du unsere Leute bei der Polizei gefragt?“

Wang fuhr herum und brüllte.

„Jetzt lasst Euch nicht alles aus der Nase ziehen, verdammt nochmal!“

„Keiner unserer Leute weiß etwas Konkretes. Nur, dass Fremde unsere Kunden verängstigen und unsere Jungs ganz unverhohlen abgeworben werden.“

Der Pate erinnerte sich an Khoa, der zusammen mit einem zweiten seiner Männer am gestrigen Tage Fremden nachgestellt hatte, um sie für eine unverschämte Beleidigung zur Verantwortung zu ziehen. Khoa hatte die Sache geregelt, zumindest hatte der Pate das gedacht. Jetzt allerdings war sich der Alte nicht mehr so sicher, ob dies auch tatsächlich der Fall gewesen war. Das Hemd seines Handlangers war sauber geblieben, nicht die geringste Spur an seinem Körper hatte auf ein Handgemenge hingewiesen.

„Ich will umgehend wissen, was da gespielt wird! Hör zu, Bonian! Khoa weiß etwas, jede Wette! Der andere, Du weißt schon … dieser Neue … der ebenso. Jemand will mir meinen Clan auseinandernehmen und glaubt vielleicht, dass ich das so ohne Weiteres hinnehmen werde. Sag Nori, sie soll die beiden fertig machen! Du kümmerst Dich dann um das, was sie von den beiden übrig gelassen hat. Mach ein Video davon und zeig es anschließend unseren Leuten, damit sie wissen, welche Folgen es hat, wenn sie mich verraten.“

Bonian wurde bleich, schickte sich aber umgehend an, dem Befehl seines Chefs Taten folgen zu lassen. Nori bei der Arbeit zusehen zu müssen war alles andere als unterhaltsam für ihn. Erst recht nicht, wenn es um die eigenen Leute ging, die sie in die Mangel nahm. Was waren dagegen schon die beiden Kugeln, die er ihnen letztendlich in ihre Köpfe schießen würde? Erlösung und Gnade.

„Eine Sache wäre da noch, Chef.“

Wangs Gesichtsausdruck verhieß Bonian nichts Gutes. Hatte der Pate soeben genickt? Egal, viel schlechter konnte die Laune des Paten kaum noch werden.

„Wir haben allein während der letzten Nacht zehn Männer verloren. Sind alle untergetaucht und niemand weiß wohin.“

Der Alte nickte. Es war also noch schlimmer, als er befürchtet hatte.

„Gut. Besorg umgehend neue Leute und finde diese dreckigen Verräter. Halte Dich notfalls an ihren Familien schadlos. Halte mit allem dagegen, was wir haben, Bonian! Hörst Du!?! Egal, was es kostet! Sonst bleibt nichts von dem übrig, was wir uns über all die Jahre so mühevoll aufgebaut haben.“

Bonian war schon lange im Geschäft. Wenn er auch selbst nie einen Krieg zwischen den Clans miterlebt hatte, so wusste er aus den alten Geschichten, wie grausam und unerbittlich diese geführt worden waren.

„Habt Ihr eine Ahnung, wer dahinterstecken könnte, Chef?“

Wang blickte wieder aus dem Fenster und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Schließlich wandte er sich wieder seinem Vertrauten zu.

„Nein. Nicht die geringste. Aber Du siehst ja selbst, wie breit gefächert wir angegriffen werden. Es muss jemand sein, bei dem viele Fäden zusammenlaufen. Zweifellos eine sehr mächtige Person, da hege ich nicht den geringsten Zweifel.“

Der Alte hielt in seinen Ausführungen inne, überlegte einen kurzen Moment, setzte schließlich fort.

„Vielleicht ist es auch besser so. Solche Leute können sich nicht lange vor mir verstecken.“

Wangs Gesichtszüge entspannten sich merklich.

„Los! Mach jetzt, was ich Dir gesagt habe. Sobald Du Näheres weißt, gibst Du mir umgehend Bescheid.“

 

Siebenunddreißigster Tag, abends, Bangkok

Alain wunderte sich, dass er schon seit einigen Tagen keinem „Kunden“ mehr zu Willen sein musste. Von Kim wusste er, dass auch Tom geschont worden und in seiner Zelle geblieben war, lediglich Uaan hatte den Klub einmal mit Nori verlassen. Obgleich er nicht mehr vergewaltigt, gedemütigt und geschlagen wurde, quälte ihn die Ungewissheit, das eigene Schicksal betreffend, zumindest im gleichen Maße, wie die körperlichen und seelischen Grausamkeiten, denen er in den letzten Wochen immer wieder ausgesetzt worden war. Hoffnung und Angst wechselten im steten Rhythmus, bei jedem Geräusch auf dem Gang vor seiner Zelle durchlebte er den gleichen Horror, auch wenn dieser sich nun auf rein psychischer Ebene abspielte.

Kim war den ganzen Tag unterwegs gewesen, nur einmal, um die Mittagszeit, hatte sie ihren Kopf in die Zelle gesteckt, um nach ihm zu sehen. Sie war stärker, als er geglaubt hatte, gab sich beherrscht, trotz ihrer Angst um die gemeinsame Zukunft. Sie schien seinen Beteuerungen nicht wirklich Glauben schenken zu wollen, obgleich er sich redlich bemühte, ihr Vertrauen endgültig zu gewinnen.

Erkannte sie die Lüge hinter seinen Worten? Spürte sie, dass er selbst nicht daran glauben wollte, was er ihr gegenüber beteuerte? Es lag nicht einmal an seinen spießigen Eltern. Niemand in seinem Bekanntenkreis würde eine Thailänderin akzeptieren. Allein das Klischee der geheirateten Nutte erschien ihm unmöglich.

Alain schloss die Augen, während das schlechte Gewissen in seine Gedanken hämmerte. Das Gefühl, einen Menschen derart abzuwerten, der ihm, der eigenen Gefahr trotzend, so sehr geholfen hatte, fraß sich ebenso intensiv wie quälend in seine Seele. Würde sie Geld von ihm nehmen, wenn dieser Wahnsinn hier endlich vorbei war? Es sah doch ganz danach aus, oder irrte er sich? Irgendeine tiefere Bedeutung musste es doch haben, dass man sie nicht mehr holen kam und in Ruhe ließ.

Immer wieder durchdachte er diese Konstellationen. An nichts anderes konnte sich sein Gehirn mehr festhalten, so sehr er sich auch bemühte. Es gab nur seine Gefangenschaft, Kim, Tom, Christian, Nori, die Männer, die ihn vergewaltigten, diesen Klub, in dem er eine Hölle vor Augen geführt bekam, in der er selbst zu genau der Hure geworden war, die er sich früher selbst auf den Straßen oder in diversen Etablissements genommen hatte.

 

„Kim! Warte!“

Die blonde Thai-Domina wandte sich zu Nori um, die ihr durch das Treppenhaus nach unten gefolgt war.

„Wie geht es Deinem Alain? Ist soweit alles okay mit ihm?“

Noris Stimme klang überspitzt besorgt und höflich.

Kim legte ihre Stirn in Falten und neigte den Kopf zur Seite. Sofort versteifte sie ihre Haltung und signalisierte damit ihre innere Anspannung, ohne dass deren Grund ersichtlich wurde.

„Es wundert mich, dass er nicht mehr gebucht wird. Was hast Du mit ihm vor?“

Noris Blick schien die blonde Domina abzutasten wie ein Körperscanner auf dem Flughafen.

„Tja … Was könnte wohl der Grund sein, dass sie in ihren Zellen bleiben durften? Vielleicht habe ich ja etwas anderes mit unseren deutschen Liebchen vor?“, antwortete die Gefragte mit süffisantem Grinsen.

Doch diesmal hielt Kim dem Blick ihrer Kollegin mutig stand. Sie würde um Alain kämpfen, koste es, was es wollte. Das stand für sie außer Frage. Schließlich liebte sie ihn wirklich.

„Aber mal unter Kolleginnen … Es geht ihm doch gut, nicht wahr? Oder steht er mittlerweile drauf? Dann kann ich ihm gerne jemanden schicken.“

Nori gab sich keine Mühe ihren Zynismus zu verstecken. Angewidert wollte Kim sich abwenden, als sie auch schon Noris Hand auf ihrer Schulter spürte, die sie daran hinderte.

„Warte, Kim! Ich mache mir doch nur Sorgen um unsere Jungs. Hat Alain alles? Braucht er irgendetwas? Ein Radio, einen Fernseher vielleicht? Möchte er deutsches Bier? Oder Briefpapier, um nach Hause zu schreiben?“

Noris stechender Blick schien die blonde Domina zu durchbohren. An dieser Stelle hätte sie reagieren müssen. Es konnte nur sie gewesen sein, die den Brief geschrieben und abgeschickt hatte. Niemand sonst hätte die Gelegenheit dazu gehabt.

Kims Gesichtsausdruck blieb gelassen und gleichgültig. Weder senkte sie ihren Blick, noch ging sie auf Abstand. Kein Zucken, keine Nervosität, hatte sich Nori möglicherweise doch geirrt? Vielleicht hatte der Onkel jemanden im Klub bestochen?

„Bist Du fertig?“

Nori konnte ihre Enttäuschung vor ihrer Kollegin nicht verbergen.

„Geh schon. Kümmer Dich um Deinen Alain. Wer weiß, wohin Eure gemeinsame Reise noch gehen wird, nicht wahr?“

Dieses Mal zeigte Kim ihre Besorgnis.

„Wie meinst Du das? Was hast Du mit ihm vor?“

Nori spielte die Unwissende.

„Ich? Gar nichts. Aber ich bin ja auch nur ein kleines Rädchen im Getriebe, Kim. Was sollte ich da schon über Alains Schicksal erfahren? Oder über Deines?“

Nori zeigte ein breites Grinsen, wandte sich um und stieg die Treppe wieder nach oben. Kim aber eilte nach unten, bog um die Ecke und erbrach sich. Sich vor diesem Monster zu beherrschen, schien ihr mehr Kräfte abverlangt zu haben, als sie hatte.

 

Alain öffnete seine Augen, als er das Schloss in der Zellentür knarzen hörte. Schon im Türstock legte Kim den Zeigefinger ihrer rechten Hand auf ihre Lippen und schüttelte beschwörend den Kopf. Der junge Deutsche verstand. Ihre Zelle wurde videoüberwacht und so gab er sich betont unauffällig, setzte sich auf und wartete, bis Kim sich zu ihm begeben hatte. Seine blonde Thaidomina ließ ihre rechte Hand mit verhaltener Intensität in sein Gesicht klatschen, drängte auf ihn ein und drückte seinen Körper wieder aufs Bett. Ihre Lippen berührten die seinen, dann hörte er sie in brüchigem Englisch flüstern.

„Sie weiß es.“

Schnell presste sie ihren Mund auf den seinen und gab ihm damit Zeit, die Nachricht zu verarbeiten. Erst als sie seinen Hals zu küssen begann, durfte er ihr ins Ohr flüstern.

„Die Nachricht?“

Die junge Thailänderin nickte. Ihre Hand griff nach Alains Glied und begann es fordernd zu stimulieren. Dem Deutschen war nicht nach Sex zumute, zu tief saß ihm der Schock in den Gliedern.

Nochmals näherte sich Kims Gesicht dem seinen, nach einem fordernden Kuss begann die Domina erneut zu flüstern.

„Lass es uns machen, Alain. Danach können wir so tun, als ob wir schlafen.“

Alain küsste ihre Schultern, ihren Hals, drückte ihren Körper schließlich zur Seite, um sich nun selbst auf sie zu legen. Kims nahezu trockene Scheide offenbarte ihm, wie wenig ihr selbst der Sinn nach körperlicher Vereinigung stand. Erst nach mehreren Versuchen gelang es ihm, sein Glied in ihr Geschlecht gleiten zu lassen.

„Woher weiß sie es?“, flüsterte er ihr ins Ohr.

Kim brauchte nicht zu antworten. Er sah es an ihrem Gesichtsausdruck, dass auch sie selbst es sich nicht erklären konnte.

„Scheiße!“

Alain konnte seine Gefühle kaum noch unter Kontrolle halten. Sollte all sein Hoffen wirklich vergebens gewesen sein? Kim versuchte ihn zu beruhigen, selbst jetzt dachte sie zuerst an ihn. Schwebte sie nicht selbst in weitaus höherer Gefahr? Wenn Nori die Gewissheit erlangen würde, das sie diejenige gewesen war, die den Brief geschrieben und zur Post gebracht hatte, musste sie ohne Zweifel mit dem Schlimmsten rechnen.

Eine Weile lagen sie noch aufeinander, dann löste Alain seinen Körper von dem ihren.

„Du musst aufpassen, Kim! Du wirst bestimmt beschattet. Verhalte Dich unbedingt so, wie Du es sonst auch immer tust. Verstehst Du?“

Tiefe Sorge klang aus Alains Stimme, doch die junge Thailänderin verstand den Sinn hinter seinen Worten nicht wirklich. So musste der junge Deutsche seine Befürchtungen mühsam umschreiben, sorgsam darauf bedacht, nach außen hin weiterhin den Eindruck zu erwecken, als würden sie sich lediglich ihren Zärtlichkeiten hingeben.

Endlich verstand sie, worum es ihm ging, und nickte. Sie schien sich ehrlich zu freuen, dass ihm ihr Schicksal scheinbar wirklich am Herzen lag. Doch wie konnte es auch anders sein? Ohne ihre Hilfe hätte er die letzten Wochen niemals durchgestanden. Möglicherweise wäre er schon dem Wahnsinn verfallen oder hätte sich gar umgebracht. Allerdings hätte Nori ihm diese Möglichkeit wahrscheinlich verwehrt. Er traute diesem Scheusal alles zu. Im Nachhinein musste er feststellen, dass sich diese Thai-Domina nicht einmal groß verstellt hatte. Er erinnerte sich noch gut daran, wie herrisch und trocken sie sich Christian gegenüber schon in den ersten Tagen gegeben, ihn vor seinen Freunden bloßgestellt und gedemütigt hatte. Und solch einem Menschen hatten sie tatsächlich vertraut? Er verdrängte die Erinnerungen, die ihn seine Mitschuld erkennen ließen und ihm vor Augen führten, wie begierig er gewesen war, eine Sklavin zu nehmen, um ihr das zuzumuten, was jetzt ihm angetan wurde. Wo lag der Unterschied? In seiner Herkunft? In seinem Geschlecht? Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben hinterfragte er sich selbst.

„Alain.“

Langsam drehte der junge Deutsche seinen Kopf und blickte Kim fragend an. Zärtlich strich ihre linke Hand mit einer nervösen Bewegung über seine rechte Wange. Was sie jetzt sagen wollte, schien sie einiges an Überwindung zu kosten.

„Du nimmst mich mit?“

Alain zögerte in diesem Moment keine Sekunde. Vielleicht wünschte er es sich ja wirklich?

„Ja! Verlass Dich drauf! Du bleibst nicht hier!“

Eine Träne löste sich in ihrem rechten Auge und rann ihre Wange hinab. Dieser Moment berührte ihn tief in seiner Seele, auch wenn er sich dagegen zu wehren versuchte.

„Versprichst Du es mir?“

Alain nickte, rückte näher an Kim heran und gab ihr einen Kuss.

„Ja doch! Mach Dir deswegen keine Sorgen! Wir müssen nur durchhalten.“

 

Achtunddreißigster Tag, morgens, Bangkok

Bonians Erschöpfung drohte endgültig den Sieg übers seinen Willen davonzutragen, an Schlaf war in den letzten beiden Tagen nicht zu denken gewesen. Nur mit größter Anstrengung hielt er sich noch auf den Beinen und bewahrte mühsam seine Konzentration.

Zwei neue Gehilfen saßen mit im Auto, Malaien, die Wang sich von einem Freund erbeten hatte. Abgebrühte und mit allen Wassern gewaschene Spießgesellen, die keine Miene bei dem an Grausamkeit kaum noch zu überbietenden Horrorszenario verzogen hatten, das sie die ganze Nacht lang mit angesehen und zudem auch noch aufgezeichnet hatten.

Die Domina hatte entsetzlich gewütet. Selbst jetzt klingelte es noch in Bonians Schädel, so laut hallten die markerschütternden Schreie der beiden Verräter nach. Natürlich hatten beide ausgepackt, immerhin wusste man jetzt, woran man war. Immer wieder hatte Khoa beteuert, dem Angebot nicht erlegen zu sein, doch Wang hatte natürlich recht. Man durfte hier nicht die geringste Nachlässigkeit einreißen lassen, widrigenfalls die ganze Organisation binnen kürzester Zeit wie ein Kartenhaus zusammenbrechen würde. Selbst wenn hierfür Kollateralschäden in Kauf zu nehmen wären und es auch einmal den Falschen treffen konnte, durfte man gerade jetzt, da sich die Gewitterwolken über ihren Köpfen zusammenzogen und die Gefahr mit jedem Augenblick wuchs, nicht das geringste Anzeichen von Schwäche zeigen.

 

„Wohin fährst Du eigentlich?“

Bonian wandte sich seinem Beifahrer zu, einem groß gewachsenen, schlaksigen Typen, dessen tief liegende Augen in Kombination mit dem verknöcherten und von Narben gezeichneten Gesicht ihn beinahe unheimlich erscheinen ließen. Bonians Eindruck, eher einen Toten denn Lebenden neben sich sitzen zu haben, schien nicht so weit hergeholt zu sein.

„Die beiden haben es gleich geschafft. Ich denke, es ist nur noch eine Erleichterung für sie.“

Bonian nickte nachdenklich. Herrn Wangs Gefängniswärterin hatte die beiden ununterbrochen mit hemmungsloser Brutalität misshandelt und war dabei, so wie auch er selbst, stets penibel darauf bedacht geblieben, unerkannt zu bleiben. Nun lagen die beiden Opfer im Kofferraum des Wagens, übersät mit den Malen und Wunden der stundenlangen Folterungen, die das Maß des Erträglichen bei weitem überschritten hatten. Mehrmals hatte Khoa Nori aufgefordert, sie endlich zu töten, während Sarot immer wieder um sein Leben gefleht und um Gnade gebettelt hatte. Diese unschönen Momente würden selbst einem hartgesottenen Typen wie Bonian noch lange in Erinnerung bleiben.

„Dort vorne ist es. Wir sind da.“

Aus gutem Grunde hatte man sich für das Haus des Präfekten entschieden. Der Mann verfügte über mächtigen Einfluss in höchsten Kreisen, sein Wort hatte in Politik und Justiz Gewicht. Das Anwesen lag einsam und verlassen an der Küste, niemand würde sich an dem stören, was nun unweigerlich noch folgen musste.

Die drei Männer stiegen aus dem Wagen, der kleinere der beiden Malaien öffnete die Kofferraumklappe. Geknebelt und mit Draht gefesselt lagen die schwer verletzten Männer bewegungslos in unnatürlicher Haltung auf dem ungepolsterten Boden, lediglich ihre Augen verrieten die Angst vor dem unausweichlich erscheinenden Schicksal.

„Erschießen wir sie?“

Bonian schüttelte den Kopf. Wang wollte ein Zeichen setzen, einerseits um seine Feinde zu warnen, andererseits um ihnen zu zeigen, dass er sich der Herausforderung stellte.

„Ich sag es Euch gleich, okay?“

Bonian griff nach dem Bolzenschneider, den er vor Antritt der Fahrt in einem Seitenfach des Kofferraums deponiert hatte, und durchtrennte die schwere Eisenkette, mit deren Hilfe das Zufahrtstor gesichert war. Die beiden Malaien zerrten währenddessen die Leiber ihrer Opfer aus dem Inneren des Fahrzeugs. Wangs Unterführer beabsichtigte, das grausame Schicksal der beiden ehemaligen Mitglieder der Organisation nicht noch weiter zu verschlimmern und verbot seinen Handlangern jegliche weitere Misshandlung oder Verhöhnung derselben. Seine ehemaligen Clan-Kollegen hatten das Schlimmste überstanden, jetzt würde er die beiden nur noch erlösen müssen. Kurz und schmerzlos würde es zu Ende gehen, auch wenn er hierfür die Anweisungen seines Paten ignorieren musste.

 

Achtunddreißigster Tag, mittags, Bangkok

„Sie haben also gesungen?“

Bonian betrachtete seinen Paten, der an seinem Schreibtisch saß und einen Stapel Papiere durchsah.

„Ja. Es schaut nicht gut aus. Sie wurden beide direkt angesprochen und haben dasselbe Angebot erhalten.“

Wang sah nicht auf, betont lässig blätterte er weiterhin in seinen Unterlagen.

„Welches?“

Auch diese Frage wirkte beiläufig, dabei musste es den Paten doch eigentlich brennend interessieren, was seine Feinde gegen ihn ausgeheckt hatten.

„Straffreiheit, Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm und Absicherung der engeren Familie, zudem allgemeine Amnestie für sämtliche, in der Vergangenheit begangenen Verbrechen. Wer Sie verrät, bekommt also eine blütenweiße Weste, Herr Wang.“

Erstmals hob der Pate den Kopf und taxierte seinen Unterführer nachdenklich. Er schätzte Bonian sehr für dessen Treue und Zuverlässigkeit. Bisher hatte es keinen Grund gegeben, an ihm zu zweifeln. Oder etwa doch?

„Ein verlockendes Angebot, nicht wahr? Da beginnt man schon mal nachzudenken.“

Bonian verneinte ebenso schnell wie entschieden.

„Nein! Einmal Verräter, immer Verräter. Man wäre für sein Leben gezeichnet.“

Wang lächelte.

„Gib mir den Film!“

Bonian reichte seinem Paten eine SD-Karte, die dieser umgehend in den entsprechenden Slot seines Notebooks einschob. Nach wenigen Augenblicken drangen gellende Schreie aus den Lautsprechern, die sich zu Mark und Bein durchdringendem Brüllen und Kreischen steigerten.

„Hast Du Fotos von dem Haus gemacht?“

Wieder lehnte sich Bonian über den Schreibtisch, um Wang das Gewünschte zu überreichen.

„Gut. Das wird wohl genügen. Zeige unseren Jungs diesen Film! Jeder, der uns verrät, soll sich im Klaren sein, welches Schicksal ihn erwartet. Du bist für sie verantwortlich, Bonian! Überwache sie rund um die Uhr! Jeder Kontakt zu Fremden ist ab sofort ausnahmslos untersagt, es sei denn, er wird durch uns genehmigt. Hast Du mich verstanden?“

Wang fixierte seinen Unterführer mit durchdringenden Blicken.

„Ich habe einige Stunden telefoniert. Weder die anderen Familien, noch unsere Kontaktleute im Regierungspalast wollen mit mir reden. Ich werde behandelt wie ein Aussätziger. Es scheint mir, als sei ich in ihren Augen schon tot … oder zumindest hinter Gittern. Aber notfalls bringe ich jeden einzelnen von ihnen um, solange ich noch die Kraft dazu habe.“

Der Tonfall des Paten hatte im Laufe seiner Ausführungen deutlich an Härte und Gereiztheit gewonnen. Bonian hegte Zweifel, ob er das Wort in diesem Augenblick an ihn richten durfte, doch die Dringlichkeit der Umstände beließ ihm keine andere Wahl.

„Sie sollten das Haus verlassen, Herr Wang. Hier sind sie nicht mehr sicher. Gerade wenn unsere „Freunde“ sich ihrer so sicher sind, bedeutet das nichts Gutes für uns.“

Der Pate schien über die Worte seines Unterführers nachzudenken. Wahrscheinlich hatte er ähnliche Befürchtungen.

„Bring mich heute Nacht in den Klub! Kein Wort zu irgendwem! Von mir aus sollen sie alle denken, ich hätte mich hier verschanzt und würde meine Räume aus Angst vor meinen Feinden nicht mehr verlassen wollen. Wheng und Zhi halten hier die Stellung. Sie sollen wachsam bleiben, ich will nicht auch noch einen der beiden verlieren.“

Der treue Unterführer bestätigte die Anweisungen des Alten.

„Wen möchten Sie als Begleitung an ihrer Seite wissen?“

Der Pate schien verunsichert. Es fiel ihm wohl schwer, jemanden zu benennen, dem er noch vertrauen wollte.

„Die zwei Malaien. Von denen droht wahrscheinlich weniger Gefahr, als von meinen eigenen Leuten.“

Bonian, der diese Entscheidung bereits vorausgesehen hatte, lächelte, während die Anspannung langsam aus seinem Gesicht wich und einer gewissen Erleichterung Platz schuf.

„Soll ich im Klub Bescheid geben? Sie haben nämlich schon angerufen, weil niemand zu ihrem Schutz erschienen ist.“

Wang schüttelte entschieden den Kopf.

„Nein! Besser nicht. Besorg mir aber unbedingt ein neues Handy und pack das Wichtigste für mich ein!“

 

Achtunddreißigster Tag, abends, Bangkok

Jasmin wurde sichtlich nervös, als Bonian ihre Anwesenheit im Klub verlangte. Es musste etwas passiert sein und sofort kam ihr Long in den Sinn, an dem die Mafia ein mahnendes Exempel statuiert und damit ihre Wankelmütigkeit unter Beweis gestellt hatte. Hatte sie etwas falsch gemacht? War sie es, über die man dieses Mal Gericht halten würde? Sie dachte an Nori. Steckte etwa diese Teufelin dahinter?

Eilig hastete die Klub-Chefin an den wartenden Damen vorbei die Treppe hinauf, die zum Haupteingang des Gebäudes führte. Geflissentlich ignorierte sie das breite Grinsen der bizarren Geschöpfe, die ihrem Weg säumten. Drei Männer standen wartend in der Vorhalle, die sich nun zu der eintretenden Frau umdrehten.

Jasmin wurde blass. Erst jetzt begriff sie, dass es der Mafiaboss persönlich war, der sie besuchte.

„Herr Wang! Ich wusste nicht, dass Sie uns besuchen wollen. Ich habe gar nichts vorbereitet.“

Schweigend musterte der Pate die Chefin seines Klubs und verzog dabei keine Miene. Er konnte affektiertes Verhalten nicht leiden, zumindest nicht, wenn es sofort als solches zu erkennen war.

„Wo ist Nori?“

Jasmin stotterte und sah sich Hilfe suchend um, als ob sich die Domina in den Sitzreihen vor der Bühne versteckt haben könnte.

„Ich gehe sie sofort holen.“

Wang schüttelte sein Haupt.

„Nein! Du bringst mich zu ihr.“

Jasmin überlegte kurz, dann glaubte sie zu wissen, wo die Domina sich aufhielt. Um diese Zeit konnte Nori eigentlich nur oben in ihrem Appartement sein.

„Dann folgen Sie mir bitte, Herr Wang. Wir müssen leider einige Treppen steigen, da die Fahrstühle nicht mehr sicher sind.“

Der Pate antwortete nicht, zeigte Jasmin jedoch durch eine fordernde Geste, dass er keine weitere Konversation mit ihr wünschte.

„Dort vorne, die rechte ist es.“

Jasmin deutete auf eine Tür und trat beiseite. Wang nickte einem seiner Leute zu, der daraufhin mehrere Male mit der Unterseite seiner rechten Faust wuchtig gegen die hölzerne Tür zu Noris Appartement schlug. Lärmend drang das laute Klopfen durch den Korridor. Schritte wurden laut, dann riss die Domina die Tür auf. Unbändige Wut spiegelte sich in ihrem Gesicht wider, bis sie begriff, wer da vor ihrer Tür stand. Wang war gekommen und wollte zu ihr. Sie rang vergeblich nach Beherrschung, Übelkeit und Schwindel trübten ihren Geist, während sich ein drückendes Gefühl in ihrem Unterleib auszubreiten begann. Der Pate aber holte bereits aus und schlug ihr hart ins Gesicht.

„Kennst Du mich nicht mehr, dass Du mich nicht willkommen heißt?“

Nori schloss die Augen, trat an den doppelt so alten Mann heran und küsste ihn auf den Mund. Wang packte ihren Hinterkopf, um ein Zurückweichen zu verhindern, und drückte seine Zunge zwischen ihre Lippen.

Jasmin erstaunte diese Szene zutiefst. Neben Abscheu und Ekel vor Wang, empfand sie auch Mitleid für Nori. Keinesfalls aus Sympathie, sondern weil sie sich an Long erinnert fühlte, der sie auf ähnliche Art und Weise vergewaltigt hatte.

Endlich, nach einem langen, peinlichen Moment, löste sich Wang von der Domina, drückte sie beiseite und betrat das Appartement. Seine Männer folgten ihm grinsend, während Nori, bleich vor Schrecken, Jasmin einen fragenden Blick zuwarf.

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Kommentare

dass dieser Teil nun auch schon wieder zu Ende ist. Es bleibt einfach spannend. Komisch, nach allem, was Nori sovielen angetan hat, wie wiele Menschen sie quälte und an deren Leiden sich ergötzte, sobald Wang in ihrer Nähe ist, bekomme ich doch tatsächlich Mitgefühl für diese Frau.

Danke auch für diesen Teil und lasse natürlich 6 Sternchen da.

Das ist blanke Folter. Nicht nur das auch dieser Teil wieder viel zu schnell vorbei ist, nein auch das man förmlich spürt wie sich das Ende nähert und man immer noch keine Idee hat was aus den drei Jungs werden wird.

Vielen vielen Dank für diese höchst spannende Geschichtenreihe.

nein, nicht ziehen, sondern abknabbern. Vielleicht sollte ich auch einfach in den Tisch beißen. War zwar fast unvermeidlich, dass Wang in den Club zieht, spitzt es aber doch ziemlich an.

Etwas schade die ungenutzte Gelegenheit, den erträglichen Teil von Noris Programm mit den Abtrünnigen zu schildern, es hätte ja eine Aufwärmphase noch im anregenden Bereich geben können. Oder sie hätte auch überraschende Lustlosigkeit verspüren können, wenn auch nur, weil sie mit der Aktion gegen den eigenen Plan arbeitet? Bei aller Spannung: etwas Haue darf doch sein.