Das Bangkok-Syndikat - Teil 8

 

Sechster Tag, früher Abend, Bangkok

Bangkoks Flughafen Suvarnabhumi ist eine Stadt für sich. Etwa dreißig Kilometer ostwärts der thailändischen Hauptstadt gelegen, werden hier jährlich mehr als fünfzig Millionen Passagiere abgefertigt. Er dient unter anderem auch als Knotenpunkt zu weiteren, kleineren Flugplätzen der Region Südostasien.

Hier hieß es für die vier Ankömmlinge vor allem Ruhe zu bewahren, beisammenzubleiben und sich an den vielen Schildern zu orientieren, die den Weg aus dem Passagierterminal zum Hauptausgang wiesen. Uaan erwies sich hier als sehr nützlich für die drei Deutschen, führte sie die Jungs doch sicher durch das Labyrinth der Gates und Kontrollen hindurch, um nach beinahe einer Stunde Marsch endlich auf dem weitflächigen Vorplatz stehenzubleiben, wo dichter Verkehr, vor allem Busse und Autos, Passagiere zum Flughafen hin- oder von diesem wegbrachte.

„Scheiße, ist das ein Trubel hier.“

Alain versuchte vergeblich, ein System hinter diesem Chaos zu entdecken.

Uaan zeigte auf ein gelbes Symbol, welches auf das von Nori erwähnte Restaurant hinwies.

„Wir müssen die Unterführung nehmen.“

Die kleine Thai-Frau führte die drei Männer Treppen hinunter, geleitete sie durch einen breiten Fußgängertunnel, der regelrecht von Menschenmassen geflutet zu sein schien, und brachte sie auf der anderen Seite der breiten Verkehrsstraße wieder zurück an die Oberfläche.

Christian sah auf seine Uhr. Wenn Nori ähnlich lange brauchen würde, um aus dem Flughafen herauszukommen, würden sie wohl länger als zwei Stunden auf sie warten müssen.

Sie gingen in das Fast-Food-Restaurant, das Nori ihnen beschrieben hatte und den drei jungen Männern wie eine bekannte Insel in einem unerforschten Meer erschien.

„Wenn wir schon mal hier sind, können wir ja auch ausgiebig dinieren.“, meinte Tom.

Er bat Uaan, einen freien Tisch zu suchen, und erkundigte sich nach ihren Essens- und Getränkewünschen. Dann stellten sie sich ans Ende einer einzelnen, endlos scheinenden Reihe von Thais und Ausländern, in der es aber rasch voranzugehen schien.

„Sag mal, Chris, was hat Nori gemeint, wo sie uns unterbringen wird?“, wandte Tom sich an seinen Arbeitskollegen,

„Nichts Konkretes, nur, dass wir von dort aus schnell die Innenstadt erreichen können und sie auch immer jemanden zur Hand hat, der uns durch die Stadt führen kann. Sie scheint sich da schon Sorgen um uns zu machen.“

Alain lachte laut auf.

„Sorgen? Um uns? Wohl eher um ihren kleinen Kuschelsklaven, oder?“

Christian boxte ihn auf dem Oberarm.

„Höre endlich auf mit der Scheiße!“

Tom sah ihn nachdenklich an.

„Jetzt mal Tacheles, Chris. Was hält Dich bei der? Sie behandelt Dich doch wie Scheiße, oder nicht? Du bist doch nur ein Mittel zum Zweck für sie. Ehrliche Zuneigung konnte ich da bisher nicht entdecken.“

Christian dachte an die Momente, als er mit ihr schlafen durfte, an die seltenen Streicheleinheiten und Küsse, die sie ihm geschenkt hatte. Jeder dieser Augenblicke schien seine Bedeutung gehabt zu haben. Ganz so war es also nicht, wie Tom es sah. Er vermisste sie in diesem Moment, sehr sogar.

„Sie ist da vielleicht nicht so offen, wie andere Frauen. Aber es gab wirklich schöne Momente zwischen uns.“

Alain grinste, während er an Christians Hämatome dachte.

„Das kann ich mir gut vorstellen.“

Er wollte Christians kurze Hose anheben, um sich die blauen Flecke anzusehen. Der aber schlug Alains Hand energisch weg.

„Mann! Jetzt gib endlich Ruhe, Du blöder Wichser!“

Tom versuchte, die Lage mit einem Themenwechsel zu beruhigen.

„Wisst Ihr schon, was wir uns anschauen wollen?“

Alain runzelte die Stirn.

„Ihr kommt jetzt nicht mit irgendwelchem Kulturscheiß, oder? Würde ich nämlich echt zum Kotzen finden.“

Tom grinste breit.

„Wir können doch die Tage nicht nur in irgendwelchen Puffs abhängen, Alter. Sehen wir uns doch ein paar Tempel und Paläste an! Ein großes Museum soll es auch geben.“

Alain winkte ab.

„Da halte ich mich lieber an Nori. Die gibt mir sicher interessantere Einblicke in die hiesigen Sehenswürdigkeiten.“

Er schien sich über seinen Wortwitz zu freuen. Christian aber ekelte sich regelrecht vor ihm, nie hätte er es für möglich gehalten, dass sich ein Mensch derartig verstellen konnte. Auch wenn er nach wie vor unschlüssig betreffend Alains eigentlicher Persönlichkeit war.

„Jetzt hör endlich mit dem Scheiß auf! Wir sind dran.“

Christians Blick wanderte über die zweisprachigen Schautafeln, dann bestellte er bei einem merkwürdigerweise schwer einzuordnenden Thailänder. Oder handelte es sich doch um eine Frau? Dieser oder diese begegnete ihm mit routinierter Freundlichkeit, eher wie ein Roboter wirkend, denn wie ein Mensch. Wie viele Kunden würde er oder sie wohl an einem Tag bedienen müssen?

 

Sie ließen sich Zeit mit dem Essen. Uaan hatte Familie in Bangkok und wollte diese gern mit Tom besuchen. Der zierte sich ein wenig, willigte aber schließlich doch ein. Etwas schien ihm Sorgen zu bereiten, Christian spürte es deutlich, fragte aber nicht nach.

„Ich mag sie wirklich, Chris. Das ist echt ein Problem für mich.“

Sein Freund zeigte sich verständnislos. Uaan war eine hübsche Frau, lieb und zärtlich, ein wahr gewordener Traum, wie er fand. Was musste man in Deutschland für einen Status innehaben, um an solch eine Frau zu kommen?

Sie redeten in ihrer Muttersprache, ein Umstand, der Uaan zu verunsichern schien. So wollte Tom, der dies bemerkte, das Gespräch nicht künstlich in die Länge ziehen.

„Wenn ich sie mit nach Hause nehme, Christian, dann wird sie für ihre Familie erst einmal kein Geld verdienen. Ist Dir klar, was das für mich bedeutet? Und selbst wenn sie einen Job in Deutschland findet, würde sie immer, zumindest an ihre Eltern, gefesselt bleiben. Im Moment weiß ich einfach nicht, was ich tun soll. Es tut mir so gut, wenn sie bei mir ist.“

Uaan legte Tom ihre rechte Hand auf den linken Oberschenkel. Er sah auf sie hinab, ergriff ihre Hand und führte sie an seinen Mund.

Christian aber konnte sich über diese Geste nicht freuen. Die beiden schienen nicht wirklich eine realistische Chance zu haben. Er dachte an Nori. Sie zumindest war sich seiner sicher.

Nachdem sie aufgegessen hatten und der Tisch abgeräumt worden war, hieß es, auf Nori zu warten. Noch über eine Stunde würde sie brauchen, ihr Flieger war noch einmal nicht gelandet.

Alain taxierte ungeniert die vorbeiziehenden Frauen, während Uaan und Tom das Gespräch mit Christian suchten. So verging die Zeit relativ schnell und es kam kaum Langeweile auf.

 

„Hey! Schau, Christian! Deine Herrin wackelt an.“

Christian ignorierte Alains Hohn, suchte in den Menschenmassen nach der Thai-Domina und war erleichtert, als er sie endlich entdeckt hatte. Er erhob sich von seinem Platz und ging ihr freudig entgegen. Tatsächlich ließ Nori seine Umarmung zu und erwiderte sogar seinen Kuss. Wieder reichte sie ihm ihre schwere Tasche, zog ihn außer Hörweite seiner Tischgesellen und richtete die nächste Forderung an seine Adresse.

„Gib mit Deinen Pass! Ausländer werden hier oft bestohlen.“

Er überreichte ihr umgehend das Reisedokument. Was hätte sie damit auch anstellen sollen?

„Wie war Dein Flug?“

Wie üblich antwortete die strenge Asiatin auch diesmal nicht auf seine Frage, ließ ihn stehen und begrüßte nachlässig seine am Tisch sitzenden Flugbegleiter. Alain schien sich wirklich über ihre Anwesenheit zu freuen, schließlich hatte er ihr in Phuket Geld und sie ihm im Gegenzug ein Versprechen gegeben.

„Ich habe zwei Freunde angerufen. Sie werden bald hier sein.“

Mit denkbar gelangweiltem Gesichtsausdruck setzte sie sich an den Tisch. Als Christian neben ihr Platz zu nehmen gedachte, blickte sie ihn auf seltsame Weise an, sodass er zögerte.

„Brauchst Du etwas?“

Hinter ihren Brillengläsern schienen ihn Noris braune Augen regelrecht auszulachen.

„Hol mir ein kleines Eis!“

Christian betrachtete nachdenklich die lange Schlange vor der Ausgabe, im unsicheren Gefühl, ob die Zeit noch reichen würde. Sie hatte doch eben noch erwähnt, dass ihre Freunde gleich kommen würden. Zudem spürte er die auf ihn gerichteten Blicke seiner Reisebegleiter, die ihn regelrecht zum Widerstand gegen die diktatorische Art dieser Thailänderin aufzufordern schienen.

Ach, was sollte es. Sie wussten doch gar nichts von dieser Frau.

„Was für eines möchtest Du denn?“

„Bring mir Papayaeis!“

Christian stellte sich in die Reihe, es würde bestimmt eine halbe Stunde dauern, bis er endlich am Tresen angekommen sein würde. Er seufzte. Nori war wirklich alles andere als einfach.

Tom aber hatte von dieser Szene genug.

„Sag mal, Nori, warum demütigst Du ihn so?“

Die resolute Thailänderin zeigte sich im gleichen Maße verwundert wie verständnislos.

„Demütigen? Weil er mir ein Eis kaufen soll?“

„Du hättest ihn doch auch darum bitten können, oder nicht? Ihr Asiaten seid doch sonst so höflich.“

Sie lächelte Tom an, schien ob seiner Fragen nicht ungehalten zu sein.

„Das ist nicht die Art von Beziehung, die ich mit ihm leben möchte. Ich sage klipp und klar, was ich von ihm haben will, und er wird es mir geben. Alles andere wäre verschwendete Zeit, oder siehst Du das anders? Was ist bitte, was ist danke, Tom? Sinnlose Floskeln, die es zwischen mir und Christian nicht geben wird.“

„Und wenn er sich etwas von Dir wünschen würde, Nori? Was ist dann? Wie reagierst Du darauf? Mit Schlägen etwa?“

Nori lehnte sich zurück, ihre Augen blieben auf Tom gerichtet, verrieten jedoch keinerlei emotionale Regung. Sie hatte etwas von einem autistischen Menschen an sich, wie er fand.

„Ja. Das würde ich wahrscheinlich tun. Aber warum machst Du Dir Sorgen um ihn, Tom? Frag ihn, ob er nicht mehr bei mir sein will!“

Christians Arbeitskollege gab fürs Erste auf. Das zwischen Nori und seinem Freund würde ein Ende finden. Spätestens in zwei Wochen.

 

„Sie sind da! Wir müssen los!“, trieb die dominante Asiatin zur Eile.

Alain grinste breit, als er Christians verstörten Blick registrierte. Er war für Nori beinahe zwanzig Minuten angestanden. Als er nun an der Reihe nach hinten blickte, wirkte sie wie stets herrisch und unnahbar. Zumindest nickte sie ihm zu, damit ihr Einverständnis bekundend, dass er unverrichteter Dinge an den Tisch zurückkehren durfte.

Die energische Asiatin führte ihre vier „Freunde“ zu einem großen Parkplatz, auf dem bereits ein schwarzer Kleinbus mit verspiegelten Scheiben auf sie wartete. Der Wagen sah ziemlich neu und hochwertig aus. Christian Neugier wuchs mit jeder Minute. Was er wohl noch alles über sein Mädchen herausfinden würde?

Die Schiebetür wurde geöffnet und zwei normal gebaute Thai-Männer stiegen lässig aus dem Wagen. Beide trugen verspiegelte Brillen, über bunten Hawaiihemden schwarze Sakkos und waren mit goldenen Halsketten und Armbändern behängt. An ihren Handgelenken glitzerten mächtige Chronographen, auffällig viele Tätowierungen zierten die Hälse der beiden und verloren sich abwärts unter der Kleidung.

Die Thaidomina nickte ihren beiden Landsleuten zu und bat die Reisegesellschaft, in den Bus zu steigen.

Alain sprach aus, was Tom dachte.

„Die sehen nicht gerade vertrauenserweckend aus. Sind die wirklich in Ordnung?“

Nori, die zwischen ihm und Christian auf der hinteren Sitzbank Platz genommen hatte, lachte.

„Keine Sorge, sie wurden für ihre Dienste bezahlt, und so lange sind sie Garanten für Eure Sicherheit. Niemand in Bangkok legt sich mit der Mafia an.“

Tom stöhnte auf. Wo hatte Christian sie da nur reingeritten? Er saß mit Uaan ihnen gegenüber auf der mittleren, entgegen der Fahrtrichtung montierten, mittleren Sitzreihe und zeigte sich sichtlich ungehalten. Seine kleine Thai-Freundin hingegen war blass geworden, warf Nori einen seltsamen Blick zu und enthielt sich jeglicher Wortspende.

„Du quartierst uns aber nicht bei der thailändischen Mafia ein, oder?“

Nori lachte.

„Es wäre die chinesische, Tom, wenn überhaupt. Nein, keine Sorge. Ich bringe Euch bei einem Freund von mir unter. Er ist Jurist mit besten Beziehungen. In Bangkok kommt man nicht weit, wenn man nicht viele Freunde hat.“

Christian sah vor zu den beiden Männern, die sich in einer fremden Sprache unterhielten. Dass Nori etwas mit Kriminellen zu tun hatte, behagte ihm überhaupt nicht.

 

Nach einer etwa einstündigen Fahrt bog der Wagen in eine Auffahrt ein und hielt an. Der Beifahrer stieg aus, ging auf ein mächtiges Tor zu und drückte dort auf den Knopf der Gegensprechanlage. Kurz darauf begann es sich öffnen. Langsam fuhr der Bus durch einen gepflegten Garten auf ein ansehnliches Steinhaus zu, das nicht prunkvoll, aber dennoch durch seine Größe und Gefälligkeit beeindrucken konnte.

Noch während die Insassen dem Kleinbus entstiegen, entließ die hohe, zweiflügelige Eingangstür des Hauses einen Mann mittleren Alters, der auf die Angekommenen zusteuerte, die vor dem Wagen standen und ihrem Glück noch nicht wirklich zu trauen schienen.

„Scheiße, was macht der Typ?“, glaubte Tom einem optischen Trugbild aufzusitzen.

Der ältere Thai war tatsächlich vor Nori auf die Knie gegangen, beugte sich nun zu den Spitzen ihrer Schuhe hinab und begann diese zu küssen. Sie richtete einige Worte in ihrer Landessprache an ihn, während sich die Jungs von der Mafia ausgiebig über diese Szene amüsierten.

Nori deutete dem ihr Respekt bezeugenden Thai mit einer Geste ihrer rechten Hand an, aufzustehen, woraufhin sich dieser hastig erhob und in fließendem Englisch deren Freunde überschwänglich begrüßte.

„Dr. jur. Katanaa, es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen. Bleiben Sie, solange es Ihnen beliebt. Deutschland ist ein wundervolles Land, es hat eine so außergewöhnliche Kultur und die Welt mit seinem unglaublich scheinenden Wissen sehr bereichert. Treten Sie bitte ein! Ich zeige Ihnen alles.“

Alain verkniff sich ein Lachen. Was war das nur für ein Schleimscheißer?

„Hast Du was mit ihm? Scheint eine gute Partie zu sein. Warum nicht er, sondern unser Depperl?“

Nori grinste, hob Daumen und Zeigefinger in die Luft und zeigte vielleicht einen Zentimeter Abstand zwischen ihnen. Alain konnte nicht anders, sein Lachen entlud sich ungehemmt. Christian aber sah die Thai-Domina wütend an. Wie konnte sie diesen Mann nur derartig demütigen, der ihren Freunden sein Haus derart großzügig zur Verfügung stellte? Diese Seite an ihr schätzte er nicht im Geringsten. Vielleicht würde er diesbezüglich ja ein Gespräch mit ihr führen dürfen?

Sie aber hatte keine Zeit für ihn, wies ihn ab und wandte sich stattdessen seinen Freunden zu.

„Mein Sklave wird Euch in allen Belangen uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Wenn Ihr etwas benötigt, sagt es ihm und er wird sich darum kümmern. Ich und Christian fahren jetzt zu mir nach Hause. Wir werden morgen Abend wieder nach Euch sehen.“

Tom blickte Nori erstaunt an. Niemand hatte bislang davon gesprochen, dass sie sich trennen sollten.

„Warum bleibt er nicht hier bei uns?“

Christian zeigte seine Unsicherheit, wusste er doch nicht so recht, wie er auf ihre Ansage reagieren sollte.

„Frag ihn doch, Tom, wo er lieber sein möchte.“

Tom warf Christian einen fragenden Blick zu, konnte sich dessen Antwort aber denken.

„Sei nicht böse, okay? Ihr seid doch gut untergebracht und ich habe ein wenig Zeit, um mit Nori zusammen zu sein.“

Tom gefiel diese Situation nicht im Entferntesten. Doch er wusste, dass seine Bemühungen, Christian doch noch umzustimmen, von vornherein zum Scheitern verurteilt waren. Er war Nori bereits hörig.

„Gut! Du rufst an, wenn etwas ist. Wir sehen uns dann morgen.“, resignierte Uaans Freund.

Alain aber wandte sich an Nori, redete auf sie ein und erinnerte sie  noch einmal an ihr Versprechen. Sie versicherte ihm, dass sie es nicht vergessen hätte und er sich nur noch ein wenig gedulden müsse.

Christian verabschiedete sich, dann zog Nori ihn auch schon wieder in den Kleinbus. Es war endlich soweit, sie würde ihm nun seinen endgültigen Platz in ihrer Welt zuweisen.

„Wohin fahren wir?“

Nori reagierte auf diesmal mit keiner Silbe auf seine Frage. Er verstand und blickte aus dem Seitenfenster, an dem die belebten Straßen Bangkoks vorbeizogen. Zielstrebig nahm der Kleinbus seinen Weg durch die Stadt. Der Zustand der Straßen verschlechterte sich beinahe mit jedem Kilometer, die Anzahl der Autos nahm ab, während immer mehr Roller und Tuk-Tuks die enger werdenden Gassen bevölkerten. Nahezu überall zogen in grellem Neon gehaltene Reklameschilder, mit denen zahllose Clubs ihre Shows präsentierten, aber auch Ladengeschäfte ihre Waren feilboten, die Blicke des jungen Deutschen geradezu magnetisch an. Doch auch eine Vielzahl an Prostituierten stand an den Straßen, suchte nach Kundschaft,  an die sie ihre Leiber verkaufen konnte. Nori folgte seinem Blick, Christian schien über die Maßen verunsichert zu sein.

„Dort vorn ist es, wir sind gleich da.“, erklärte sie ihm nach der nunmehr etwa dreiviertelstündigen Fahrt.

Christian sah zwischen den Vordersitzen hindurch nach vorn. Ein großes, vierstöckiges Gebäude baute sich vor ihnen auf, das, von einer hohen Außenmauer mit Stacheldrahtkrone umgeben, nicht gerade einladend auf ihn wirken konnte. „Club Bizarr“ klärte ein großes, am Dach montiertes Schild in rotem Neon den Neuankömmling auf.

Einer der beiden Mafiosi griff nach seinem Handy, dann öffnete sich auch schon das große stählerne Tor, das die Zufahrt sicherte.

Der junge Deutsche riss die Augen auf. Der Innenhof glich dem eines Gefängnisses, kalt, betoniert, kein Stück Grün war zu sehen. Stattendessen standen sechs in Lack und Leder gekleidete Frauen am Haupteingang und sahen dem Kleinbus interessiert entgegen, der langsam vorfuhr. Nori stieg aus, reichte Christian ihre Hand, griff ungeduldig nach der seinen und zog ihn aus dem Bus, dann hinter sich her in das Gebäude. Ehrfürchtig wurde sie von den Frauen begrüßt, während auf dem Boden kauernde, in Ketten und seltsamen Geschirren gefesselte Sklaven und Sklavinnen apathisch vor sich hinstarrten. Allesamt vollkommen nackt und gänzlich enthaart, trugen sie seltsame Tätowierungen auf den Stirnen, die an Schriftzeichen erinnerten.

 

Durch eine breite Milchglastür ins Gebäude gekommen, breitete sich eine große Bühne vor Christians Augen aus, mit Sitzreihen davor, die bestimmt um die zweihundert Zuschauer fassen konnten. Ein schwarzer, schwerer Vorhang verdeckte die Szene. Der staunende Deutsche war neugierig zu erfahren, welche Shows hier wohl gezeigt wurden. Nori aber zog ihn weiter, öffnete mit einem Schlüssel eine große schwere Brandschutztür und ging einen langen Flur entlang, von dem aus viele weitere Türen nach links und rechts abgingen. Das Gebäude erinnerte Christian irgendwie an ein kleines Krankenhaus. Erschrocken zuckte er zusammen, als ein Schrei durch das Gebäude hallte und in einem kläglichen Heulen verebbte. Unsicher starrte er Nori hinterher, die ihn aber, ohne darauf einzugehen, zu einer Treppe weiterzog.

Endlich, im obersten Stockwerk, blieb sie vor einer schwarz gestrichenen Tür stehen, schloss diese auf und befahl ihm, hindurchzugehen. Christian betrat einen vielleicht vierzig Quadratmeter großen Raum, in dem sich, neben einem Doppelbett, noch ein großer, dunkelbrauner Holzschrank sowie ein Tisch mit einem alten Röhrenfernseher befand. Eine weitere Tür fand sich rechts neben jener, die er soeben durchschritten hatte, und mochte wohl zu einem Badezimmer führen.

„Zieh Dich aus! Dann reden wir.“

Christian befolgte ihren Befehl umgehend, während er sich weiterhin in diesem Zimmer umsah. Abgesehen von einem seltsamen Gestell an der Wand, dessen Funktion er sich nicht erklären konnte, schien nichts besonders an diesem Raum zu sein. Nur das Bett war mit seltsamen Haken und Ösen versehen, was wahrscheinlich Noris Vorliebe für Fesselspiele geschuldet war.

Die junge Asiatin wartete, bis er sich völlig entkleidet hatte und zeigte dann vor sich auf den Boden. Das kannte er schon, weshalb er auch nicht zögerte, vor ihr auf die Knie zu gehen. Ganz im Gegenteil, sein Glied war längst betriebsbereit und reckte sich ihr freudig entgegen. Nori aber holte etwas hinter ihrem Rücken hervor, legte es ihm ohne zu zögern um den Hals und der Junge hörte nur noch ein klickendes Geräusch in seinem Genick. Verwundert fühlte er nach dem Teil, es war aus massivem Metall gefertigt. Verstört wollte er sie nach dem Sinn ihres Unterfangens befragen, als die kompromisslose Domina auch schon an ihm vorbei zum Bett ging, einen Schalter drückte und damit einen Haken von der Decke herunterließ, der an einem dünnen Kabeldraht hing und dem nackten Jungen bislang entgangen war.

Was sollte das alles? Erstaunt sah er zu Nori hoch, die sich ihm näherte und ein dickes Vorhängeschloss in ihren Händen hielt.

Er hatte nun endgültig genug. Sie sollte ihm endlich erklären, was zu tun sie mit ihm beabsichtigte, widrigenfalls er auf der Stelle das Weite suchen würde. Er riss ihre Hand zur Seite, als sie nach dem Halsband greifen wollte, hinderte sie daran, den Haken an seinem Halsband zu fixieren und sah nach seiner Kleidung, die auf dem Bett lag.

„Ich möchte gehen! Mach das wieder ab!“

Nori atmete tief durch, ließ aber keinerlei Anstalten erkennen, seinem Wunsch nachzukommen.

„Mach die Scheiße ab, hab ich gesagt! Ich will Deine Spiele nicht mehr mitmachen!“

Ihre braunen Augen, nichtssagend wie immer, waren ruhig auf ihn gerichtet. Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust und schien darauf zu warten, dass er wieder zur Vernunft kommen würde. Er aber sah sie entgeistert an, näherte sich ihr, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, als ein weißer Blitz vor seinen Augen explodierte und ein heftiger Schmerz in seinen Kopf fuhr. Er schrie auf, ließ sich auf den Boden fallen und presste seine Hände an die Stirn. Er hatte früher als Jugendlicher unter Migräne gelitten, doch dieser Schmerz, obwohl sehr ähnlich, war um ein Vielfaches heftiger.

„HÖR AUF! HÖR BITTE AUF! LASS MICH DOCH BITTE GEHEN!“

Er wimmerte, kauerte auf dem Boden, seine Hände dabei gegen seinen Kopf drückend. Tränen rollten über seine Wangen, er war nur noch ein vom Schmerz verzerrtes Bündel Mensch. Nori aber bückte sich neben ihm hin, hakte das Kabel in sein Halsband ein und fixierte es mit einem massiven Vorhängeschloss an seinen Platz.

„Du musst mir gehorchen, Christian. Mach mir nicht immer Ärger, dann tue ich Dir auch nicht weh.“

Er heulte immer noch. Es schien ihm, als sei der Polarexpress direkt durch seinen Kopf gerast. Selbst seine Augen, Kiefer, ja sogar seine Zähne schmerzten entsetzlich.

„Was machst Du mit mir? Ich habe Dir doch nichts getan. Ich mag Dich doch.“

Nori setzte sich auf das Bett und sah zu ihm hinunter.

„Komm zu mir.“

Sie klopfte neben sich auf die Matratze. Hastig kletterte er zu ihr aufs Bett, hielt aber respektvoll Abstand.

„Wir reden jetzt. Ich erkläre es Dir, damit Du endlich begreifst.“

Nori suchte nach den richtigen Worten, legte ihre schwarzen Harre über die rechte Schulter und richtete ihren tiefbraunen Augen auf ihn.

„Weißt Du, Christian, so wie Du jetzt mir gehörst, so gehöre ich auch jemandem. Einem Mann, genau genommen.“

Christian war erstaunt, vergaß für einen Moment seinen Schmerz.

„Bist Du seine Sklavin?“

Nori senkte ihren Blick.

„Nein. Vielleicht nicht ganz. Dieser Mann herrscht über das Viertel hier, über all die Nutten, Kriminellen, Händler, Dealer und Süchtigen. Ihm gehört sogar die Polizei. Er entscheidet über das Leben der Menschen, bestimmt, wer Wohlstand erlangt oder in Armut darben muss. Wer lebt oder stirbt.“

Ihre Stimme bekam einen dumpfen Ton.

„Ich will meine Freiheit, Christian. Und ich will einen Menschen, dem ich vertrauen kann, der sauber ist und eigentlich nicht hierher gehört. Mit dem ich reden kann, wenn mir danach ist, und der mir keine Sorgen bereitet. Er soll mir hörig und ergeben sein, akzeptieren, dass er in allen Belangen mir gehört.“

Er starrte Nori an, als ob er den Verstand verloren hätte. Das, was sie ihm soeben erzählt hatte, schien sich nur schwer mit dem in Einklang bringen zu lassen, was er für Recht und Ordnung hielt.

„Und ausgerechnet Du willst mir dann meine Freiheit nehmen? Mich hörig machen? Wie bescheuert bist Du eigentlich?“

Die junge Asiatin blickte Christian einen langen Moment enttäuscht an, drehte sich dann zur Wand um und betätigte den Schalter. Oben in der Decke begann es zu surren, dann spürte Christian auch schon, wie sein Hals hinaufgezogen wurde. Das stählerne Band war zwar innen mit weichem Stoff ausgekleidet, dennoch drückte es schmerzhaft gegen seinen Hals und ließ ihn hastig aufstehen, um nicht gewürgt zu werden. Er röchelte, wollte sie anflehen, ihn wieder herunterzulassen, doch Nori ließ ihn achtlos auf dem Bett stehen und verschwand im angrenzenden Badezimmer.

Christian stöhnte entmutigt. Was hatte er denn verbrochen, dass er gerade an diese Frau geraten musste? Er war doch zu allen nett und freundlich, hatte fleißig gearbeitet, nannte einige sehr gute Freunde sein Eigen …

Verdammt, wo blieb sie nur? Wann ließ sie ihn endlich wieder herunter? Er griff in das Halseisen, versuchte, es irgendwie zu lösen, doch stattdessen wäre er beinahe mit seinen Füßen auf der weichen Matratze weggeknickt.

 

„Ich habe Dir gesagt, Christian, gehorche mir und ich tue Dir nicht weh.“

Er starrte zur Badezimmertür, in der er Nori entdeckte. Sie trug einen schwarzen Lederanzug und schwere Stiefel an den Füßen, derbe Lederhandschuhe bedeckten ihre Arme bis zum Hals.

Zielstrebig ging sie auf das Bett zu, sah müde zu ihm auf und hieb ihm dann die rechte Faust mit voller Wucht in sein Gemächt. Würgend hing er in dem Stahlring, die Thaidomina aber drückte den Knopf und gab ihm damit etwas Spielraum. Wimmernd kauerte er auf der Matratze, während sie darauf wartete, dass er sich wieder beruhigte.

Niedergeschlagen heulte Christian wie ein kleines Kind. Warum nur tat sie ihm das an? Weshalb behandelte sie ihn so brutal und grausam? Sie konnte sich doch nicht einfach sein Leben aneignen und ihm das Recht auf einen eigenen Willen aberkennen?

Seine Wehleidigkeit wurde von Verzweiflung und Wut abgelöst. Wie gerne würde er sich auf sie stürzen, ihr Gleiches mit Gleichem vergelten. Vielleicht konnte er diese schwarze Lederhexe in seine Gewalt bringen?

Nori legte den Kopf schief, zeigte ihm eine dicke, kurze Lederpeitsche und rollte sie ab, um deren Riemen durch ihre linke Lederhand gleiten zu lassen. Christian aber versuchte instinktiv, vor ihr zu fliehen. Diese Frau schien dem Wahnsinn verfallen zu sein.

„Du darfst nicht mehr denken! Hörst Du? Hör auf damit!“

Sie ließ die Peitsche einmal vor ihrem Körper knallen, holte hinter ihrem Rücken aus, dann schnellte ihr Arm blitzschnell in Christians Richtung. Als ob eine Kralle an seinem nackten Körper reißen würde, brüllte der Junge auf und kreischte seinen Schmerz, so laut er konnte, in den Raum. Nori aber holte erneut aus und peitschte ihn wieder. Der Riemen dieses Marterinstruments klatschte gegen seinen Oberarm, während dessen Spitze an seinem Rücken ins Fleisch biss. Ohne Unterbrechung ließ die grausame Thailänderin den nächsten Schlag folgen und das geflochtene Lederband in seinen Bauch beißen, um auch dort einen sengenden Schmerz zu hinterlassen.

Nach etlichen Schlägen hielt sie endlich inne, er aber lag im Bett und verzweifelte, laut kreischend, an seinem Leben.

„NICHT MEHR DENKEN! HÖRST DU? NIE MEHR!“

Die unbarmherzige Asiatin schien wirklich wütend auf ihn zu sein, da er sie zu dieser Abstrafung gezwungen hatte. Sie setzte sich zu ihm aufs Bett, griff in seine Haare und zog ihn mit der linken Hand an sich heran, in der rechten immer noch die Peitsche haltend.

„Nicht mehr denken, Christian.“

Der junge Mann heulte ungehemmt in ihren, vom schwarzen Leder bedeckten Schoß, während die Thai-Domina ihren Handschuh sanft über seinen zerschlagenen Körper streicheln ließ.

„Nicht mehr denken.“

Bewertung

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Kommentare

der sich abzeichnete wird jetzt konkret. Mir gefällt, wie Christian durch die Geschichte und in diese(r) Beziehung stolpert. Seine Hoffnungen und Verzweiflung, zum Teil auch Überforderung sind packend und eindringlich. Man kann sich dem Sog der Geschichte an dieser Stelle nicht entziehen. Die Emotionen und Gedanken folgen einer eigenen, stimmigen Logik, ohne psychologisierend ausgewaltzt zu werden. Die klare Sprache passt gut dazu.

Bei Tom und Alain zeichnet sich auch ab, wofür die beiden als Muster stehen. Alain wird dabei nicht simpel als böse abgestempelt und verdammt, sondern der Leser darf sich selbst ein Bild machen. Das finde ich gut. Ich finde beide aber ein wenig blass bzw. etwas eindimensional gezeichnet.

Insgesamt merkt man, dass Du/Ihr von Geschichte zu Geschichte routinierter wirst/werdet. Damit meine ich nicht eintönig, sondern dass es runder geschrieben ist, ohne seine Ecken und Kanten zu verlieren. Ich freue mich auf die nächsten 41 Teile (schließlich sollen es ja keine 50 werden :)

Tolle Geschichte die du/ihr geschrieben habt!!!

Macht schnell weiter, kann es kaum erwarten mehr zu lesen, bin fast schon süchtig nach euren Geschichten.