Das Handy (4.Episode - Teil 2 von 3)

 

Entschlossen erklimme ich die fünf Stufen des Eingangs in der Seitenstraße des Kurfürstendamms. Na gut, so forsch nun auch wieder nicht. Schließlich bin ich ein wenig verunsichert. Ist mir dieses kleine und doch so augenscheinliche Detail entgangen? Mit Fingern wie Fragezeichen entfalte ich den an mich adressierten Brief. Nein, meine Sinne scheinen noch beisammen. Erleichtert nehme ich die gewohnten Kopfzeilen und den normalisierten Puls zur Kenntnis.

 

Und doch vermitteln die Zeilen ein ungewohntes Bild. Was, verdammt noch einmal, ist es? Irgendetwas weicht der Norm, nur was? Die Unterschrift allein – schnörkellos, geradlinig, fast hart und keinen Widerspruch erwartend – kann es nicht sein. Sie trägt trotz allem noch weibliche Züge. Ich raufe mir die fehlenden Haare. Im großen Spiegel des altertümlichen Aufzugs färbt sich die Kopfhaut rot wie das Band der Rücklichter im nächtlichen Stau einer zweispurigen Autobahn. So nachhaltig ist mein Tun.

 

Wenig später setzt sich der Stau in Gang, auch mein Magen in Bewegung. Ich hasse Aufzüge! Aber es ist deutsche Vorschrift – alles, was mehr als fünf Etagen besitzt, soll über eben einen solchen verfügen. Und mal ehrlich: Wer tut sich freiwillig die durchgängig gut zwanzig Zentimeter hohen Treppenabsätze eines Baus der Gründerzeit an? Noch dazu fünf Stockwerke lang? Also insgesamt – die üblichen weiteren fünf zum Auftakt mitgerechnet – 115 „Turnvater Jahn-Gedächtnistritte“ zum Advokaten-Olymp? Die baupolizeilich gesperrte Treppe im Colosseum-Zustand lässt mir außerdem gar keine andere Wahl.

Ablenkung während der Himmelfahrt verschafft mir einzig die abermalige Brieflektüre. Erst beim fünften Lesen fällt es mir wie Putz von Wänden auf. Der Ton ist ein gänzlich anderer. Hieß es früher: „… bitten wir sie höflichst, uns in den nächsten Tagen, vorzugsweise am … um ..., mit ihrem Besuch zu beehren …“, lautet es hier: „… erwarte ich Sie am … um … zum klärenden Gespräch.“ Noch immer höflich und korrekt – doch bestimmt und keinen Widerspruch auch nur ansatzweise duldend. Nicht im Traum ist es mir eingefallen, den Termin durch Verschiebung selbst zu bestimmen.

 

Was war das? Ein unrhythmisches Rucken, eine fast unmerkliche Liftverstimmung. Da, ein weiteres zaghaftes Hüsteln der musealen Technik mit Scherengittern. Kalter Schweiß füllt Stirn und Nacken nur wenige Meter vor dem Ziel. Durch das Türenfenster kann ich das rettende Podest schon erkennen. ‚Eins. Zwei, drei …’, zähle ich in Gedanken der Ankunft entgegen. Plötzliche Dunkelheit umfängt mich mit dem Röcheln der maschinellen Antike. Angstvoll starren leuchtende Augen ins Nichts. Ich venti … nein … hyperventiliere, die Knie schlottern wie der Geburtstagsplum der Queen. Die Lider fallen wie U-Boot-Schotts im Selbstschutzmodus.

 

Mit letzter Kraft erhebe ich die Fäuste, um mich in die Freiheit durchzuschlagen. Das Resultat ist beeindruckend. Es holt mich von den Beinen, bäuchlings lande ich im Treppenhaus auf hartem Granit, frisch verziert mit Marmor. Und drücke diesen meinen Stempel auf. „Au!“, ertönt es mit leichtem Widerhall aus meinem Munde. Gestein und Faust vertragen sich offenbar nicht sonderlich. Einen zweiten Schmerzensruf verkneife ich mir, als in Kettenreaktion Kinn, Nase und Stirn dem unerfreulichen Beispiel folgen. Dann denke ich nur noch an die „Pension Schöller“ und schmecke „Bnut“.

 

„Sie sind fünf Minuten zu spät, mein Herr. Frau Doktor wird wenig erfreut sein“, ist die ganze Begrüßung und erste Hilfe. Ein gekonnter Absatzdreh auf meinem Handrücken sorgt nach dem geistigen auch für das körperliche Erwachen. Einen weiteren schmerzlichen Freudenschrei versage ich mir. Wut gemischt mit Sucht nach Fluch steigt in mir auf. Aber gegen wen sollte sich mein Ärger richten? Gegen den Aufzug? Oder gegen meine eigene Dämlichkeit? Die Dame verbietet mir die Höflichkeit als Zielobjekt. Also verraucht alles, verpufft – ohne Schall und …

 

* * *

 

„Guten Tag!“ Wer schon mal einen Pfennigabsatz auf der Flosse spürte und anschließend diesen Schraubzwingengriff einer zierlichen Anwaltsperson, der denkt nicht daran, dass das ein guter Tag sein könnte. „Ich bin Dr. Julia Seele.“ Mit diesen knappen Worten schiebt sie mir einen unbequemen Bürostuhl Modell „Kantine“ in die Kniekehlen. Höflichkeit geht anders. Ich sitze.

 

„Wenn ich dann …“, erhebe ich mich fünf zärtliche Millimeterchen vom Platz. Weiter komme ich nicht. Ein zweiter Schraubstock auf der Schulter zwingt mich dieselbe Strecke zurück. „Nicht nötig, ich erkläre Ihnen alles.“ Kunstpause. Ein Blick, der afrikanische Heuschreckenschwärme in Schockstarre versetzen könnte, und dazu dieses Lächeln, wissend und überlegen.

 

Das Schweigen wage ich nicht ansatzweise auszufüllen, mein Charme schaufelt sich stumm sein eigenes Grab. „Na sehen Sie, geht doch“, lobt sie mich aus mir unerfindlichen Gründen wie einen kleinen Schuljungen, als bräuchte ich Trost und Zuspruch, und tätschelt mir die Wangen wie ein Axel Schulz. „Zur Sache.“ Natürlich, was sonst? Deswegen bin ich hier. „… haben Sie einen Gesamtschaden in Höhe von exakt fünfundfünfzigtausendfünfhundertundfünfundfünfzig Euro verursacht …“ Vor meinem geistigen Auge reihen sich lauter Fünfen aneinander und zelebrieren eine Gottlieb Wendehals-Polonaise. Breites Grinsen.

 

„Ihnen wird das Lachen schon noch vergehen.“ Kann es sein, dass ich mich verhört habe? „In meiner Großherzigkeit habe ich mir erlaubt, in Vorlage zu gehen …“ Bei diesen Worten streckt sie mir ihren Oberkörper derart entgegen, dass ich gut zur Supernase in der Provence taugen würde. „Was gedenken Sie also zu tun?“, reißt sie mich aus süßlichem Traum und geistiger Vollnarkose.

 

„Da … ab … i … no … ni … dacht“, versuche ich keine Entscheidung kund zu tun. „Gut!“ Das ist alles? Stille, nichts als Stille. Mir will es nicht gelingen zu denken, noch weniger etwas zu sagen. Kann ein einziges Wort eine derartige Wirkung haben? „Ich gehe davon aus, dass es Ihnen unmöglich ist, die Summe aufzubringen.“ Es nickt, ich bin es nicht. Im Sechserpack rutschen mir die Klöße hinab. „Dann unterschreiben Sie das hier!“ Fordernder kann ein Blick nicht sein, mit dem ein Stück Papier vor meine Nase geschoben wird. „Aber das ist doch nur ein leeres …“ Auf der Tischplatte folgt der zweite Akt der „Pension Schöller“.

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Kommentare

 In dem ich der Kraft meiner innersten Wahrheit vertraue, sprenge ich die Fesseln meiner alten Ängste.

Na dann bin ich ja mal gespannt welcher normale Wahnsinn uns erwartet.
Liebe Grüße und ich lass mal ein paar Beruhigungsspritzen da.

In reply to by Ancilla

Welcher Wahnsinn? Die Menschheit ist eh verrückt, da fällt mein kleiner Beitrag doch gar nicht ins Gewicht.

sehr merkwürdig, sehr gut geschrieben ... aber was soll diese Geschichte hier?

Lassen wir uns überraschen, was Frau Doktor mit dem " Blick, der afrikanische Heuschreckenschwärme in Schockstarre versetzen könnte" noch alles einfällt ;-)

P.S. Wunderschön, zum klauen: "... mein Charme schaufelt sich stumm sein eigenes Grab."

In reply to by Raale

diese Geschichte hier? Ganz ehrlich: ich weiß es auch noch nicht. Lassen wir uns doch einfach mal überraschen. Image removed.

Liebevolle Details sprachlich grandios aufbereitet. Ein vollkommener Lesegenuß! ...

Leider nur so kurz! Bitte rasch den 3. Teil!

baer

In reply to by baer66

Denke, das geht anders. In der Länge der Kürze muss ich dir zustimmen. Ergab sich so. Der/die nächste/n Teil/e folgen zügig. Danach werde ich alte angefangene Texte aufarbeiten. Die Zeit ist reif dafür. Nennt man wohl ausmisten oder so.

Was sich da zusammenbraut, läßt sich noch nicht erahnen. Aber ein wunderbar geschriebender Text und eine intrigierende Eröffnung der menschlichen "Schachpartie". 

In reply to by TaugeniX

Genau daran musste ich denken. Das war noch Schach ohne Klassenkampf, reinster Sport sozusagen. Es freut mich, dass selbst dir die Zukunftsdiagnose noch nicht gelingen will. Abwarten! Es ist noch lang nicht Schluss. Image removed. Oder doch?

Wäre der obige Text ein Klavierstück, so würde ich vielleicht von wunderbar perlenden Läufen, briliianten Lagenwechseln und perfekt vorgetragenen Verziehungen sprechen - dem leider die Melodie fehlt, an der sich der Zuhörer erfreuen möchte.

So kurz dieser erste Teil auch sein mag, erscheint er mir viel zu lang, dafür, dass eigentlich nichts passiert. Hier wird für mich Sprache um der Sprache Willen präsentiert und nicht, um eine Geschichte zu erzählen. Etwas weniger Verkopfung im Wortgeflecht und etwas mehr Inhalt würden mir mehr Lesespaß bereiten.

In reply to by FlorianAnders

als Unbeteiligter kaum anders als dir. Aber mittendrin sehe ich das anders. Natürlich ist die Kürze der "Teile" Mittel zum Zweck und die bislang präsentierte "Spielerei" gewollt. Du hattest es an anderer Stelle schon einmal formuliert: manchmal ist mir und meinen Gedanken nicht zu folgen. Inhalt ist, wer ihn sehen will - nicht immer im Megs'schen Portalsinne muss ich zu meiner Verteidigung gestehen. Aber etwas als Medium zu benutzen, verbietet sich nicht. Jeder, der versucht, etwas zu schreiben, tut das.

Fragen werfe ich genug auf. Es sind nicht nur meine Fragen, wenn auch oft. Das Ende war bei dieser Geschichte von Anfang an offen. Ich brauchte die Reaktionen der Leser, um mich für eine meiner angedachten Varianten zu entscheiden. Das ist, denke ich, legitim. Die Melodie ist weniger atonal angelegt, als es dir erscheinen mag. Zwei deutliche Linien sind gezeichnet. Dass ich sie nicht mit Paukenschlag oder Fanfare einläute, liegt an bewusst leisen Tönen, die ich nur selten brachial zur Seite schiebe. Hier eben gefühlt noch gar nicht.

Du hast, ohne es wirklich zu wissen, trotzdem etwas getroffen. Und zwar ziemlich punktgenau. Nur der Schluss, den du daraus ziehst, ist nicht die Wirklichkeit.