Das Märchen vom freien Willen

Das Erdloch, in dem sie auf die Auspeitschung warten, ist nur vier Schritte breit. Der Alte sitzt am feuchten Lehmboden und stützt seinen Kopf nachdenklich auf die Hände. Vor ihm dreht der Junge rastlos seine Runden, - rennt im Kreis als könnte er sich so hochdrehen und die Flucht ergreifen.

„Wird Ihnen nicht langsam übel, junger Mann“, fragt der Alte, „mir wird schon beim Zusehen schwindlig, wie Sie kreisen.“

„Übel? Unerträglich ist es! Wir sind wie Tiere eingesperrt, wie Ratten in einem Loch, man kann doch nicht…“

„Also, eingesperrt haben sie uns tatsächlich“, unterbricht ihn der Alte, „doch ob man wie ein Tier ist, liegt immer noch an einem selber. Ich sitze auf jeden Fall wie ein Mensch hier und versuche mich auf eine durchaus menschliche Sache zu konzentrieren. – Ein lieber Kollege hat mir bevor ich herkam ein kleines Schachrätsel gegeben und ich möchte es endlich mal lösen.“

„Was reden Sie? Ist Ihnen jetzt nach Schachrätseln? Wissen Sie nicht, was sie mit uns morgen tun werden?“

„Natürlich weiß ich das. Der Vormittag wird morgen wahrlich unangenehm, aber das ist noch kein Grund sich bereits den heutigen Abend zu verderben.“ – Der Alte grinst und seine Augen verschwinden in Tausend Lachfalten.

„Haben Sie denn gar keine Angst?“ Der Junge hat inzwischen aufgehört zu laufen, er setzt sich hin und schaut seinen Mithäftling mit Staunen an.

„Nein. Sie können sich in Ihren jungen Jahren die Aufregung noch leisten. Mir hat aber mein Doktor zur tunlichsten Stressvermeidung geraten. Also halte ich mich daran und erspare meinem schwachen Herzen zumindest heute das böse Adrenalin, gerade wenn es morgen so eh… so anstrengend wird.“

Der Junge wirkt ein wenig beschämt, aber auch aufgeheitert. Er will nicht als Feigling stehen vor dem alten Mann. „Bei mir geht es ja auch nicht um Angst, aber es ist so ungerecht! Verstehen Sie, ich habe nichts getan!“

„Wie meinen Sie das, mein Freund? Haben Sie etwa ihre - wie alt sind Sie denn? - siebzehn - achzehn Lebensjahre schuldlos in seraphischer Reinheit verbracht?“

„Ich bin einundzwanzig Jahre alt“, korrigiert ihn leicht beleidigt der Junge.

„Oh, Verzeihung, ganze einundzwanzig Jahre haben Sie also gelebt ohne, wie Sie es ausdrücken, etwas getan zu haben?“

„Nein, das wollte ich nicht sagen. Aber das, was mir vorgeworfen wird, habe ich nicht getan. Ich kann schwören, dass ich es nicht getan habe!“

„Ich glaube Ihnen auch ohne Schwur“, der Alte winkt nachlässig ab, „aber darum geht es gar nicht. Diese Leute draußen, die wissen doch grundsätzlich nicht, was sie tun und warum. Sie halten es doch nicht für einen Rechtsstaat, was wir da haben, - diesen Chaos? Sind Sie politisch interessiert? – Wohl nicht. Auch besser so. Also, vergessen Sie es, glauben Sie mir einfach, diese Leute wissen nicht, was sie tun. Aber wir werden es bald wissen. Sie bekommen also… was bekommen Sie denn eigentlich?

„Siebzig Peitschenhiebe für Diebstahl.“

„Halt! Nicht für Diebstahl. Sie haben doch nichts gestohlen, nicht wahr? Sie bekommen also siebzig Peitschenhiebe und wir Zwei wollen überlegen, für was die Strafe gelten soll. Entscheiden müssen Sie ohnehin alleine, aber ich helfe Ihnen ein wenig, wenn Sie möchten.“

„Kann ich das wirklich so entscheiden?“ Der Junge ist noch recht skeptisch.

„Natürlich können Sie das. Sie sind ein freier Mensch, Ihr Körper gehört Ihnen und Schmerzen, die Sie haben werden, gehören Ihnen auch. Damit können Sie abrechnen, was Sie für richtig halten. Schmerz ist ein universelles Zahlungsmittel und zudem ein sehr faires, denn jeder Mensch kann davon so viel aufbringen, wie er bereit ist zu geben.“

„Naja... Ich weiß es nicht. Ich habe etwas getan, was sehr Schlimmes… Aber es ist lange her, sind schon fast zehn Jahre. Darf ich Ihnen erzählen?“ Der Junge fasst den Alten schutzsuchend am Ärmel und schaut ihm ins Gesicht. Der Alte nickt und neigt den Kopf lauschend zur Seite.

„Mein Hund, mein guter Cäsar, mit dem ich wie mit einem Bruder aufgewachsen bin, er war so alt wie ich und mit vierzehn Jahren schon ganz grau und krank. Er hat alle seine Zähne verloren und konnte kaum noch fressen. Außerdem bekam er einen dicken Tumor in der „Achsel“ und ihm tat jeder Schritt weh. Da hat mir mein Vater ein Jagdgewehr in die Hand gedrückt und befohlen, ich soll mit Cäsar in den Wald gehen, wie auf die Jagd, die er als junger Hund so liebte, und ihn dort erschießen. Hingegangen bin ich mit ihm, aber ich konnte nicht abdrücken. Ich habe es einfach nicht geschafft. Wie soll man nur schießen, wenn er so ruhig da sitzt und treuherzig in die Augen schaut? Ich hab ihm dann einen Stock geworfen und er ging ganz langsam hinkend ihn zu holen, da hätte er mir den Rücken gekehrt. Ich konnte wieder nicht. Ich brachte es einfach nicht. Und heimzugehen mit dem Cäsar habe ich mir auch nicht getraut. Und da hab ich was Schreckliches getan. Ich hab ihn an einen Baum angebunden und lief einfach davon. Ich lief bis nach Hause ohne mich einmal umzudrehen, ohne Halt. Ich hab meinen alten Freund mitten im Wald stehen lassen, damit er dort an Durst und Hunger stirbt. Bloß, weil ich so feige war, so elend feige…“

„Ja… Das ist tatsächlich sehr schlimm.“ – Die sarkastische Leichtigkeit ist aus der Stimme des Alten gewichen. „Es ist sehr schlimm und Sie müssen dem Schicksal danken, dass Sie morgen diese Chance bekommen. Dass Sie überhaupt bezahlen dürfen. Viele kommen ihren Lebtag gar nicht dazu. Was Sie morgen leiden müssen, wird reichen. Schließlich waren Sie mit vierzehn Jahren noch ein Kind.“

„Aber es hilft doch meinem Cäsar nichts mehr.“

„Nein. Aber für Sie schafft es ein Gleichgewicht, eine Nullbilanz, - wissen Sie, was das ist? So dürfen Sie einen Neuanfang machen. Hören Sie mir ganz gut zu, merken Sie es sich für morgen: Sie sind kein Opfer. Den Grund, wofür Sie da sind, wissen wir nun. Und Sie werden dazu stehen, mit aller Entschlossenheit und aller Kraft. Nehmen Sie diese Strafe nicht als Zwang! Gehen Sie morgen hin und holen Sie die siebzig Schläge, die Ihnen zustehen. Keine Angst! Wenn Sie schreien müssen, schreien Sie, aber verzweifeln Sie nicht, zweifeln Sie nicht daran, dass was Gutes geschieht mit Ihnen.“ Dann lächelt der Alte wieder, wie halb im Scherz fügt er hinzu: „Und vergessen Sie nachher nicht dem armen Peitschenmann zu danken, - sein Job ist wirklich nicht zu beneiden und ein dankbares Wort hört er dafür wohl nie.“

 

***

 

Der Junge hat seinen Kopf auf den Schoss des Alten gelegt, er klammert sich an seinem Ärmel und schläft. Der Alte traut sich gar nicht zu rühren, er betrachtet in Sorge den schmächtigen Körper des Jungen und hütet seinen Schlaf. „Was für eine schreckliche Welt! Es ist fast noch ein Kind, wie kann man so einen jungen Menschen unter die Peitsche schicken? Wie kann man überhaupt einen Menschen schlagen… Und was ich ihm da erzählt habe… Hält es überhaupt? Reicht es, dass er diese Grausamkeit überlebt, dass er nicht gebrochen wird? Ich bin kein guter Rhetor, aber ich hab mich bemüht, mehr konnte ich ihm nicht geben. Götter, vergebt mir, wenn es nicht das Richtige war. Götter, steht dem Jungen bei…“ 

 

Im Morgengrauen holt ein Wächter den Häftling ab, sieht ihn kurz an und ruft gleich nach Verstärkung: der Wächter ist erfahren und der Blick des Jungen kommt ihm gefährlich vor, - überlegen und wissend, als würde dieses halbe Kind ein Geheimnis mit sich tragen. So schaut ein Gefangener nur, wenn er einen sicheren Fluchtplan hat und Hilfe von außen erwartet.  Doch der Wächter hat sich getäuscht. Der Junge geht bereitwillig mit. Er erspart seinen Henkern die verzweifelte Abwehr und das Betteln um Gnade und legt sich ganz ruhig auf die Pritsche. Unter den Schlägen ist er nicht besonders tapfer, - sein Körper bäumt sich auf, er schreit und weint wie jeder gewöhnliche Mensch, der große Schmerzen leiden muss. Doch als es vorbei war, passiert das Unfassbare. Der Junge steht langsam auf und schaut zu seinem Peitschenmann: „Danke für Deine Mühe, Du Armer! So ein Job ist nicht zu beneiden. Ich danke Dir!“ Auf seinem verweinten Gesicht nistet sich ein kleines Lächeln ein. Fast überheblich klopft er seinem Henker auf die Schulter. So etwas hat der  Henker noch nie erlebt. Vor lauter Staunen bringt er nicht mal einen Zorn über diese Frechheit auf. Er bleibt einfach mit dem offenen Mund stehen… 

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Kommentare

Echt gut geschrieben und der Junge hat die Peitschenhiebe gut Überstanden, also haben die Worte des Alten wohl geholfen.

Das ist mir 5* wert.

Eine sehr schöne Geschichte, gut erzählt.  Dass sie wenig mit BDSM zu tun hat soll mir nun einmal egal sein. 

Wie kommst du nur dazu, hier so eine Geschichte zu veröffentlichen?

Das ist doch etwas zum Nachdenken! Das auch noch vor dem zweiten Kaffee!

Dann auch noch ein wenig traurig!

Mach nur weiter so, wirst schon sehen, was du davon hast!

 

Von mir jedenfalls sechs Sterne für diese wertvolle Geschichte, die mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf gehen wird!

 

Gruß

Jo

In reply to by Jo Phantasie

Ich möchte noch etwas zum BDSM-Bezug dieser Geschichte sagen.

Dieses Sujet ist meine wiederkehrende, fast zwanghafte "masochistische Allmachtsphantasie": man verleiht dem eigenen Leiden einen Sinn, - einfach so per autoritäten Beschluß. Und was Sinn hat, ist gut. Basta. So kann einem kein Übel widerfahren, - kein Unrecht und keine Gewalt.

 

Ich habe lange überlegt, ob ich die Geschichte einfach "Vom freien Willen" oder eben "Ein Märchen vom ..." betiteln soll. Die Vernunft hat gesiegt. Es ist ein Märchen, leider. Aber diese Idee vom verwandelten Leid ist der Leitmotiv von meinem SM.

 In dem ich der Kraft meiner innersten Wahrheit vertraue, sprenge ich die Fesseln meiner alten Ängste.

In reply to by TaugeniX

....das du die Geschichte hier reingestellt hast. Gerade die Vielfalt der Geschichten und die Sichtweise anderer finde ich toll.
Deswegen danke von mir für diese etwas andere Geschichte.

Auch hier gilt dasselbe wie für "Die richtige Antwort". Ich spare mir das Abtippen oder copy&paste, bitte dort nachlesen: Themenverfehlung für dieses Geschichtenforum etc.pp.
Nur mit einem Unterschied: dass ich hier doch alle 6 Sterne vergebe. Warum? Weil ich die Idee, ungerechte Strafen oder Schicksalsschläge als Kompensation für ungeahndet gebliebene Verfehlungen hinzunehmen - und auch noch dafür dankbar zu sein - als Reinigung und Befreiung quasi - so genial finde. Ich werde wirklich versuchen dieses Konzept etwas in mein Leben mitzunehmen, es hat etwas Ausgleichendes und schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe - die alte Schuld kann losgelassen werden, und man erträgt das aktuelle Leid besser. Chapeau!

Gruß, Canis

In reply to by canis infernalis

Danke, Canis für Deine positive Kritik!

 

Ich weiß, dass es eine abwegige Auffassung von BDSM ist, aber für mich, für mein persönliches Erleben ist diese Verwandlung des freiwilligen oder auch unausweichlichen Schmerzes in Befreiung und Freude - das Kernstück und der Sinn des Masochsimus.