Das Reich der Megara - 41

 

Helena lag auf einem goldsamtenen Diwan in ihrer Residenz und kostete den Schluck des edlen Rotweines. Sie wartete begierig auf die Rückkehr ihrer Gesandten, die die Angaben des Abas überprüfen sollten.

Es gab also eine alte Verbindung zu den Höhlen mit der Festung? Alte Minenschächte, die bis in das Höhlensystem führten? Abas hatte Helena den genauen Ort verraten, wo der Zugang zu den sagenumwobenen Höhlen war.

Die zwei Soldatinnen waren eiligst aus der Residenz galoppiert, um zu der besagten Stelle in einer nahen Felsenschlucht zu reiten. Dort war ein Teich mit einem Zufluss über einen Wasserfall. Hier im Süden war Wasser zwar ein kostbares Gut, doch führte der Fluss aus unerklärlichen Gründen Salzwasser, so dass sich gewöhnlich niemand für den Teich und den Wasserfall interessierte.

Doch nun sollte er das Tor in die Unterwelt sein! Die Reiterinnen stiegen ab und betrachteten die Wasserwand. „Dahinter soll die Pforte zu einem gewaltigen Höhlensystem sein?“, fragte die eine ungläubig. „Wir werden es erfahren!“, sagte die andere bestimmt und stieg in das Wasser, das ihr am Ufer nur bis zu den Knien reichte. Sie zog ihr Schwert, als erwarte sie ein Monster oder einen göttlichen Wächter mit blitzenden Dämonenaugen und Hörnern, der den Eingang verteidigte.

Ihre Kameradin folgte ihr auf dem Fuße, zog aber sicherheitshalber auch ihr Schwert. Respektvoll näherten sie sich dem rauschenden Fall. Das Wasser wurde immer lauter in ihren Ohren. Die ersten Spritzer befleckten ihre Lederwesten und ihre Gesichter. Sie sahen sich an und dann sprangen sie wie eine Person todesmutig durch die undurchsichtige Wand…

… und fanden sich in einer kleinen Grotte wieder. Das Wasser dunkelte den natürlichen Felsraum stark ab, doch konnten die Soldatinnen noch gut die Umgebung aus hellem Gestein erkennen. Auf der anderen Seite des Gewölbes führte offenbar ein schmaler Gang in die Finsternis. „Hier können wir ohne Fackeln nichts ausrichten“, stellte die Soldatin fest.

„Aber wie bekommen wir Lichter trocken durch den Wasservorhang?“, wollte die andere wissen.

Zunächst kehrten sie um und berichteten der Statthalterin, was sie entdeckt hatten.

Helena war begeistert. „Das muss der Eintritt sein, von dem Abas gesprochen hatte. Ein Trupp soll die Höhle erkunden! Noch heute!“

Also machten sich drei Soldatinnen und sechs Kampfsklaven auf den Weg. Auch Pechfackeln hatten sie dabei, die in dickes und gewachstes Leder eingebunden waren, damit sie trocken durch die Wasserwand gelangten. Sogar Proviant hatte die Gruppe dabei. Wer wusste schon, wie lange die Höhlengänge waren?

Drei Kampfsklaven übernahmen die Spitze, drei folgten als Nachhut. Obwohl die Leibeigenen nicht zur Klasse B, also den riesigen Barbaren, zählten, waren sie viel größer und breiter als die Soldatinnen und mussten sich an einigen Stellen des Ganges mühsam durch schmale Schlitze quetschen.

Fast nirgends war der Gang hoch genug, dass die Männer gerade marschieren konnten.

Die Fackeln loderten und zauberten unheimliche Schatten an die rauen Felswände. Doch dann wurde der Gang so niedrig und schmal, dass die Männer nur noch kriechend vorwärts kamen. Die Soldatinnen blieben zurück. „Zwei von Euch erkunden den Gang“, befahl die Anführerin und zeigte auf die beiden „Freiwilligen“.

Es dauerte lange, da kroch einer der Sklave rückwärts endlich zurück und berichtete aufgeregt: „Wir haben eine weitere größere Höhle entdeckt. Aber der Zugang ist so eng, dass mein Kamerad an der Hüfte stecken geblieben ist.“

Die Centuria, die die Gruppe führte, meinte: „Aus dem Weg! Ich gehe selbst.“ Sie griff sich eine Fackel mit verkürztem Stab und kroch in den tunnelartigen Gang.

Vor ihrem Gesicht loderte die Flamme. Wenn das Feuer jetzt erlischt, bin ich verloren, fürchtete die Frau. Es wurde immer enger. Sie fragte sich, wie die Sklaven es überhaupt geschafft hatten, ihre umfangreichen Leiber hier hindurch zu zwängen. Bald schon erkannte sie die Umrisse von Füßen, von Beinen und…

… den Hintern des Sklaven, der in dem Zugang zu der entdeckten Höhle steckte. „Mach, dass du weiter kommst!“, befahl die Centuria streng. „Aus dem Weg!“

Eine dumpfe Antwort ertönte: „Ich versuche es ja. Aber meine Hüfte sitzt fest!“ Der Leibeigene stützte sich mit den Händen an der Felswand der Höhle ab und versuchte mit aller Kraft, seinen Unterleib aus dem Gang zu drücken, doch alle Versuche blieben erfolglos.

„Vielleicht kann ich dir helfen“, rief die Soldatin. Der Sklave fragte sich skeptisch, wie die zierliche Frau die Kraft aufbringen wollte, ihn…

…doch im nächsten Moment war ihm klar, was die Soldatin gemeint hatte. Sie heizte seinem Allerwertesten mit der Fackel ein. Die Schreie des Sklaven hörte sie dumpf durch die Felsen und schmunzelte. So ein glühendes Holz war doch ein hervorragendes Mittel, um Sklaven voranzutreiben. Und schon bald flutschte der Leibeigene wie ein Korken aus einer Flasche in die Höhle. „Geht doch!“, freute sich die Centuria und kroch hinterher.

Die Höhle war größer als der Thronsaal der Fama. Und sogar gewaltiger als der Thronsaal der Megara, vermutete die Centuria. - Bald würde sie es genau wissen, falls dieses Höhlensystem wirklich bis zu den Minenschächten unter der Festung reichte.

Die Centuria leuchtete in der großen Höhle umher. Leider fand sie keine weiteren Gänge. „Sollte das etwa eine Sackgasse sein?“, fragte sie, und ihre Worte hallten von den Felswänden wider. „Vorwärts!“, befahl die Uniformierte dem Sklaven und versetzte ihm einen kräftigen Tritt in den noch heißen Hintern. „Prüfe die Wände, ob da irgendwo ein Gang zu finden ist.“

Der Sklave tastete sich vorsichtig vor und suchte nach einer Öffnung in der rauen Wand. Doch nirgends war etwas zu entdecken. „Hier ist nichts“, rief er zu der Centuria, als er alles abgesucht hatte. „Versuche es noch einmal! Hier muss ein Durchgang sein!“, behauptete die Uniformierte borniert und trank aus einem Lederschlauch einen Schluck Wasser.

Schließlich kroch sie zurück, um die anderen und mehr Fackeln zu holen. Nun stand der Sklave in stockfinsterer Dunkelheit. Irgendwo tropfte es. Der Mann drehte sich angstvoll im Kreis und suchte die Schwärze nach gefährlichen Tieren, Unholden oder Dämonen ab, doch er konnte nichts sehen. War das Wasser, das sich an der Decke sammelte und hinabtropfte? Oder stand im Schatten der Finsternis ein sabberndes Monster, dass nur darauf gewartet hatte, ihn zu fressen?

Wo blieben sie denn?, fragte sich der Mann nach einer Weile. Als nach einer gefühlten Ewigkeit immer noch niemand erschien und auch nichts zu hören war, versuchte er zurück in den Gang zu kriechen, aus dem er gekommen und die Centuria wieder verschwunden war, doch passte er einfach nicht hindurch.

Wie sollte er nun überhaupt jemals wieder diese Höhle verlassen?, durchschoss ihn panisch ein Gedanke. Der Sklave versuchte hektisch in den Zugang zu krabbeln, aber egal, wie er sich verrenkte, er schaffte es nicht. „Hallo? Hilfe!“, rief er in seiner Not. Wo blieben nur die anderen? Sie hätten längst hier sein müssen.

Die Centuria war zurück gekrochen, hatte von der Höhle erzählt und meinte schließlich: „Lasst uns zuerst eine kleine Mahlzeit zu uns nehmen und ein wenig ausruhen, bevor wir alle in die Höhle vordringen.“

Das ließen sich die Soldatinnen und die Leibeigenen nicht zwei Mal sagen. Erst nach geraumer Weile machten sie sich auf den Weg zu dem zurückgelassenen Sklaven, der in der Dunkelheit mittlerweile Panik, Platzangst und Angst vor bösen Geistern durchlebte und am ganzen Leib schlotterte.

Als die drei Uniformierten und fünf anderen Kampfsklaven in der Höhle endlich erschienen und sie mit ihren Fackeln ausleuchteten, saß der Sklave in einer Ecke des Hohlraumes zusammengekauert und zitterte vor Angst. „Nicht mehr allein lassen, bitte…“, stammelte er.

Viele Meilen weiter im Osten saß Caduceus über eine Schale mit Kräutern und einem geheimnisvollen Sud gebeugt. Trotz Verbot seiner Herrin hatte er erneut die Dämpfe entzündet, die ihm Sehkraft schenkten.

Der Alchimist sah Leda nur sehr verschwommen. Die Königin war noch immer als Magd irgendwo… gefangen? Er konnte es nicht genau erkennen. Doch in seinen Bildern tauchte plötzlich die alte Tyrannin Megara auf. Sie saß nicht auf ihrem Thron sondern lief gehetzt durch einen engen Gang… eine Höhle… Oder war es ein Minenschacht? Hunderte Leiber verfolgten sie… Was hatte das zu bedeuten?

Caduceus konnte sich keinen Reim darauf machen. Dann verschwand die Vision und ein neues Bild erschien vor seinen Augen: Abas, der Königsgemahl saß neben Leda auf dem Thron. Die Beiden wurden vom Volk bejubelt…

Caduceus bekam rasende Kopfschmerzen. Er schüttelte das Haupt und verjagte alle Bilder. Hatte er die Vergangenheit gesehen? Oder gar die Zukunft? Würde Leda wieder den Thron des Reiches besteigen?

Der Alchimist war so aufgeregt, dass er sein Tintenfässchen umkippte. Schnell rettete er die Pergamente, die in der Nähe lagen, doch einige Schriften waren besudelt und nicht mehr zu gebrauchen. Die Arbeit von Stunden! Caduceus machte sich seufzend daran, sein Missgeschick zu beseitigen und die befleckten Seiten zu ersetzen. Aber seine Gedanken waren dabei nicht den Buchstaben sondern Leda, Abas und Megara zugewandt.

Am nächsten Morgen wachte er vom Klatschen der Peitsche auf. Er zog sich schnell sein Wams über und blickte aus dem kleinen, vergitterten Fenster seiner Kammer: Auf dem Innenhof wurde einer der Feldsklaven gezüchtigt.

Caduceus eilte hinaus und blieb an dem überdachten Weg entlang des Gebäudes stehen, um einen Haussklaven zu fragen, warum der Leibeigene eine so schwere Strafe erhielt. Der Diener antwortete: „Es geht das Gerücht, dass ein Troll aus der Metropole geflüchtet und Richtung Osten unterwegs sei. Er könnte sich hier irgendwo in den Wäldern aufhalten. Der Sklave hatte so große Angst, dass er zum Haupthaus geflüchtet ist und um eine andere Arbeit gebettelt hat.“

Caduceus tat der Mann leid, denn er hatte wahrlich aus Furcht gehandelt. Er schritt zu seiner Herrin, die er auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes bemerkte, und bat höflich um Gnade für den Sklaven, der schon erschöpft über dem Strafbock hing wie ein nasser Sack.

Die Herrin hörte dem Alchimisten gnädig zu. Kein anderer Sklave hätte es gewagt, ungefragt die Herrin anzusprechen. Caduceus erbat sogar Erbarmen, brachte eine Bitte vor.

Die Herrin seufzte und hob die Hand, worauf die Frau mit der Peitsche sofort die Züchtigung unterbrach. Caduceus sah erleichtert zu der Verwalterin des Hauses, die für die Bestrafungen zuständig war. Sie trug eng anliegende Hosen, die nach außen weit ausgestellt waren. Schwarze, kniehohe Stiefel bedeckten ihre Füße und Unterschenkel, ein weißes Seidenhemd trug sie am Leib, über das sie eine feine Lederweste gestreift hatte. Die rechte Hand, die die Peitsche hielt, war in einen schwarzen Lederhandschuh gehüllt.

Die Verwalterin zog diesen nun aus und steckte ihn sich in den breiten Gürtel. Sie sah aufmerksam zu der Hausherrin hinüber. Caduceus hatte sein Ziel tatsächlich erreicht. Mit einem Zeichen sorgte die Gebieterin dafür, dass die Bestrafung beendet war.

Die Verwalterin band den Sklaven los, der kraftlos in den Staub fiel. Als sie ihn mit der Peitsche auf die Beine bringen wollte, rief die Herrin über den Platz: „Genug! Bringt ihn in seine Unterkunft und sorgt für eine Heilsalbe und einen Verband.“

Die Verwalterin schaute, als habe sie gerade etwas Unerhörtes wahrgenommen. Sie hätte lieber den Peitschengriff als Knüppel verwendet, um den faulen Sklaven vom Boden zu prügeln. Sie hätte ihm die Lederschnur um den Hals gewickelt und ihn hoch gezwungen. Sie hätte…

Doch sie führte die Anweisungen gewissenhaft aus, schickte einen Diener mit der Kräutersalbe und einem Leinenverband, den er dem Delinquenten um die Hüfte wickelte, nachdem er ihm die kühlende Zubereitung vorsichtig auf den Hinterbacken verteilt hatte.

Die Herrin wunderte sich wegen der Sorge um den Sklaven und ließ Caduceus später am Tage zu sich kommen, um ihn wegen der Sache zu befragen. Sie wusste selbst nicht so genau, warum sie dem Wunsch des Alchimisten entsprochen hatte.

Caduceus erwähnte die verwirrenden Traumbilder, die er gehabt habe. Von Leda und Abas auf dem Thron und dem Untergang des Matriarchats. Die Herrin spottete: „Und daran glaubst du, Narr? Mannsbilder werden niemals die gleichen Rechte besitzen wie Damen. Schlag dir das aus dem Kopf! Der Sklave hat die Züchtigung verdient. Und er hätte noch mehr Schläge bekommen. Ich lasse bereits schon viel zu viel durchgehen. Weißt du nicht, wie es in anderen Häusern zugeht?“ Sie grinste. Caduceus schaute sie verdutzt an.

Die Herrin erzählte von der Nachbarin, einer Großgrundbesitzerin mit hunderten Sklaven, die auf ihren Plantagen schufteten. „Dort ist das Spießrutenlaufen eine beliebte Unterhaltung. Auch die Herrin und alle weiblichen Angestellten beteiligen sich mit Freude daran. Wenn ein Sklave seinen Tagessoll nicht erreicht, läuft er mehrfach die Reihe entlang…“

Und je mehr sie von den Bestrafungen bei der Nachbarin erzählte, desto froher war Caduceus bei seiner Herrin zu leben.

Am Nachmittag besuchte er den wunden Sklaven, der auf dem Bauch lag und stöhnte. „Wie geht es dir?“, fragte er. Der Liegende bedankte sich bei dem Alchimisten. Doch dann begann er zu weinen.

Caduceus fragte irritiert: „Was ist denn?“

Der Sklave jammerte: „Die Verwalterin war vorhin hier. Sie hat mir angedroht, Salz und Pfeffer auf meinem Arsch zu verreiben.“

Caduceus war entsetzt von solcher Grausamkeit. Aber was sollte er tun, solange Weiber alle Rechte hatten? Männer mussten sich fügen. Sie mussten ihr Schicksal begreifen und annehmen oder verzweifeln. Doch Caduceus erinnerte sich an seine Traumbilder. Vielleicht wurden sie ja doch eines fernen Tages wahr…

Als die Centuria bei der Statthalterin vorsprach und erklären musste, dass die große Höhle eine Sackgasse war, zitterte ihre Stimme. Würde Helena sie dafür verantwortlich machen? Würde sie als Überbringerin der schlechten Nachricht bestraft werden?

Doch glücklicherweise schritt Helena zu ihrem Prügelsklaven, um sich an diesem auszutoben.

Hätte die Centuria kein Stirnband getragen, hätte sie sich wohl den Schweiß abwischen müssen. Erleichtert verließ sie die Residenz. Im Nachhinein musste sie über den Befehl zur Erforschung der Höhlengänge sogar schmunzeln. Auf dem Rückweg hatte sie noch Mal ihr Vergnügen gehabt. „Wie schnell doch der fette Arsch des Sklaven durch den Gang gepasst hat, als ich ihn ein wenig mit dem Fackelstumpf angetrieben habe“, erinnerte sie sich amüsiert.

Helena sah die Lage weniger belustigt. Sie ärgerte sich maßlos darüber, dass ihr Plan, Megaras Festung unterirdisch zu stürmen, misslungen war. Wütend ließ sie Abas vorführen.

Die Palastwachen zwangen den Königsgemahl auf die Knie. „Rede!“, forderte die Statthalterin. „Wo ist der Zugang zu der Zitadelle? Die Höhle ist nicht mit den Minenschächten verbunden!“

Abas hob abwehrend die Hände: „Aber ich habe doch niemals gesagt, dass es einen direkten Durchgang gibt…“

Helena schnaubte zornig und spuckte ihm ins Gesicht. „Bringt ihn zurück in den Kerker. Und nehmt ihm die Kleider und schließt ihn in das Eisenbrett!“

Abas wurde hochgerissen und so schnell mitgenommen, dass er halb stolperte, halb über den Marmorboden schleifte.

Helena erschien kurz darauf ein zweites Mal bei ihrem Prügelsklaven, der sich mit jämmerlichem Gesicht die blauen und roten Striemen auf seinem Hinterteil besah. Seine Augen quollen ihm fast aus dem Kopf, als die Statthalterin erneut zur Gerte griff…

Während die unterdrückten Schreie des Prügelsklaven dumpf bis auf den Hof der Residenz drangen, öffnete sich dort ein schweres Holztor: 24 Kampfsklaven aus einer Einheit im Westen marschierten in Reih und Glied hinein. Ihre rustikalen Rüstungsteile klapperten, die Schnürsandalen an ihren Füßen stampften im Gleichtakt.

Mehrere Soldatinnen überwachten die kleine Parade. Als Nachhut folgten sechs Leibeigenen, die völlig nackt in Ketten versuchten, den marschierenden Vordermännern zu folgen. Und das war gar nicht so einfach, denn die Sechs waren so verkettet, dass Fußgelenke und Gemächt der Leibeigenen mit einer kurzen Kette verbunden waren, die sie in die Hocke zwangen. Die Hände waren ihnen im Nacken an ihren Halsring gefesselt.

„Was haben diese Exemplare sich zu schulden kommen lassen?“, wollte eine der Soldatinnen wissen. Ihre Nachbarin antwortete: „Sie sind aus einer Schwefelmine desertiert. Haben angeblich Erstickungsanfälle bekommen. Die Bezirksduxa wird an ihnen ein Exempel statuieren. Man munkelt, sie sollen in eine Höhle gebracht werden…“

Die beiden Frauen betrachteten die sechs Gefangenen, wie sie in ihrem erzwungenen Entengang noch mehrfach im Kreis über den Hof gejagt wurden. Eine andere, junge Soldatin kicherte leise, als sie sah, wie einer der Leibeigenen sich dabei versehentlich immer wieder die Männlichkeit zerrte und aufquiekte.

Ein anderer Sklave verlor das Gleichgewicht und kippte in den Staub. Sofort schlugen zwei Wächterinnen gleichzeitig auf ihn ein. „Wirst du wohl deinen Arsch heben und weiterlaufen!?“, hieß es im Befehlston. Doch der Mann kam in seiner Fesselung nicht mehr auf die Füße. Bei seinen hilflosen Versuchen strampelte er, stöhnte verzweifelt und jammerte, doch dann schaffte er es irgendwie doch noch, unter den auf ihn einprasselnden Beschimpfungen, Hieben und Tritten in Position zu kommen und gedemütigt hinter den anderen so schnell er konnte herzuwatscheln.

Nordwestlich der Metropole näherten sich einige Reiterinnen mit vier Gefangenen. Honos und die drei ehemaligen Soldaten der Leda wankten erschöpft mit auf dem Rücken gebundenen Händen hinter den Reiterinnen her, die sie an einem Seil führten.

Honos konnte es immer noch nicht fassen, dass er diesen Furien alles erzählt hatte. Sie wussten nun, dass er Majordomus der Leda war, sie gemeutert hatten, auf einem fremden Kontinent gestrandet waren, nun wieder hier waren, und das Leda noch lebte.

Was so eine kleine, scharfe Klinge an einem Gemächt nicht alles bewirkte! Vor allem, wenn es sein eigenes war!

Honos war sich klar, dass er nun nicht einfach als Leibeigener auf irgendeinem Sklavenmarkt verschachert, sondern als politische Geisel festgehalten wurde, falls Leda jemals wieder an die Macht zu kommen versuche. Ein lebenslanger Kerkeraufenthalt erwartete ihn.

Tartaros, der eigensinnige Schmied, hatte es da ja noch gut getroffen, ärgerte sich Honos. Der Kerl würde nun in den nördlichen Wäldern leben. Frei.

Doch da irrte Honos gewaltig.

Tartaros war zunächst den vier ehemaligen Gefährten in einiger Entfernung gefolgt, hatte sich dann aber weiter nach Osten abgesetzt. Am Abend hatte er ein Lager aufgeschlagen und war gerade dabei, vor seinem Lagerfeuer, das nur noch vor sich hinglühte, einzuschlummern, da wurde er auf ein Mal hellwach. „Was war das?“

Er wollte sein Schwert ziehen und musste zu seinem Schrecken merken, dass sein Gürtel leer war. Honos hatte ihm die Waffen genommen, erinnerte er sich entsetzt! Was sollte er nun tun?

War das ein wildes Tier gewesen? Eine Art Brüllen. Halb menschlich, halb animalisch.

Tartaros tastete nach einem dicken Holzstück, das an einem Ende noch glühte und griff es mit seiner kräftigen Hand.

Wer ihn überfallen wollte, der musste es mit ihm aufnehmen. Tartaros spannte seine starken Muskeln an. Nur wenige Recken konnten es in Körperkraft mit ihm aufnehmen. Und auch im Faustkampf war er geübt. Doch was sollte er gegen einen Bogenschützen unternehmen? Aber ein Bogenschütze stampfte nicht so laut daher und brüllte. Das musste ein Tier sein.

Tartaros lugte in die Dunkelheit. Er war bereit, den Knüppel auf den Gegner zu schmettern, dass sowohl Holz wie auch Schädel des Angreifers zersplitterten…

Wieder das Brüllen. Nur noch lauter. Näher.

Tartaros Herz raste. Zweige schoben sich zur Seite.

Tartaros machte sich bereit. Er würde es notfalls mit einem Bären oder einem Panther aufnehmen…

Jetzt bewegten sich nicht nur Zweige sondern ganze Äste zur Seite, knackten, brachen, stürzten zu Boden.

Schließlich schien es sogar zwei junge Bäume auseinander zu reißen. Der Kopf des Schmiedes hob sich in den Nacken. Er sah mit offenem Mund nach oben.

Vor ihm stand eine über zwei Mann große Wand aus Fleisch. Der Troll war das Letzte, das Tartaros in diesem Leben sah…

Als die Söldnerinnen bei Fama, der Siegreichen, vorsprechen wollten, wurden sie zunächst von den Gardistinnen barsch abgewiesen. „Kein Troll – kein Einlass – keine Belohnung!“, stellte die Uniformierte prägnant fest.

Doch als die Anführerin der Kopfgeldjägerinnen von einem besonderen Fang berichtete, wurde die Gardistin hellhörig.

Es dauerte nicht lange, bis die Frau mit Honos vor der ehrwürdigen Königin Fama stand.

„Honos“, sagte die Regentin, und ihr Tonfall troff dabei vor Spott und Hohn. „Der Majordomus der Leda. Sieh an!“

Die Söldnerin wurde großzügig mit Goldmünzen bedacht und bedankte sich mit einer tiefen Verbeugung vor der Majestät. Sie verließ die Residenz und stolzierte die große Treppe des Anwesens hinab auf, vorbei an den Gardistinnen und zurück auf die Straße.

Ihren Kameradinnen gab sie einen nur geringen Anteil der Belohnung ab. Mit den Worten „mehr war Honos nicht wert“ teilte sie jeder Jägerin drei Goldmünzen aus und ergänzte großzügig: „Nehmt die drei übrigen Sklaven. Mir bleiben als Anführerin ja fünf Goldmünzen. Da sollt ihr den Rest noch unter euch aufteilen dürfen.“

Damit verabschiedete sie sich. Unter ihrer Lederweste fühlte sich der Filzbeutel mit den 15 Goldmünzen, die ihr geblieben waren sehr gut an. Zur Feier des Tages würde sie ein Lusthaus aufsuchen und sich von einem Sklaven verwöhnen lassen. Von Kopf bis Fuß…

Die anderen Söldnerinnen ahnten nichts davon, dass sie betrogen worden waren und waren mit den drei Goldmünzen recht zufrieden. Für die drei anderen Sklaven würde es zusammen nicht einmal einen Bruchteil dessen geben.

Sie zog es ebenfalls als erstes in ein Lusthaus. Nur eine einzige der Frauen bestand darauf, die Sklaven vorher auf einem Markt zu verkaufen, um das Geschäft abzuschließen.

Die Kameradinnen wollten sich nicht damit aufhalten und schenkten der Frau kurzerhand die drei Männer.

Also zog die Söldnerin alleine mit ihnen los. Nur zwei Straßen weiter sah sie schon eine kleine Bühne, auf der Dutzende Sklaven eng aneinandergereiht in Ketten standen und verschachert wurden.

Die Sklavenhändlerinnen hatten es in dieser Zeit nicht einfach. Die Preise waren so tief wie der Westozean und entsprechend war die Gewinnspanne so niedrig, dass sich das Geschäft kaum lohnte.

Die Befürchtungen der Jägerin wurden wahr: Die Händlerin wollte ihre drei Sklaven nicht kaufen – höchstens fast geschenkt nehmen. Hinzu kam, dass die Männer keine erzogenen Leibeigenen waren, in denen ein tiefer Gehorsam innewohnte. Sie würden bei der nächsten Gelegenheit weglaufen oder gar die Hand gegen ihre Herrin erheben. Das vergällte ihr die Freude an ihrem neuen Besitz.

„Vielleicht sollte ich sie einfach in der Gasse stehen lassen“, seufzte die Söldnerin, „und mich einer neuen Gruppe anschließen, um den Troll doch noch zu finden“.

Honos wurde mit kurzen, schweren Fußketten in einen dreckigen, dunklen Kerkerraum gestoßen. Anschließend kamen die zwei Wächterinnen, die ihn hinab gebracht hatten, zu ihm und steckten seine Handgelenke in ein Eisenbrett, das über seinem Kopf an dem groben Mauerwerk eingesetzt war. Wenigstens war das Prangereisen so nah am Boden angebracht, dass er dabei sitzen konnte.

Als die Frauen den Kerker verließen, konnte Honos im Schummerlicht Umrisse von zwei Gestalten sehen. Er hatte offenbar zwei Mitgefangene. Die Gestalten kamen langsam näher. Sie sahen aus, als würden sie schon lange in diesem Kerker leben müssen. Ihre Kleider waren nur noch schmutzige Fetzen, die ihre dreckigen Leiber kaum bedeckten.

Honos fragte: „Wer seit ihr? Ich heiße Honos. Ich… Hey!“ Die Männer zerrten an seiner Kleidung und rissen sie ihm vom Körper. „Was soll das? Finger weg! Das sind meine Sachen!“ Doch die Männer zogen, zerrten und rissen an dem Stoff, bis jeder von ihnen seinen Teil hatte und sich die Leinenstücke um den Körper wickelte oder knotete.

Honos dagegen saß nun splitternackt in seiner Fesselung, die Arme noch über dem Kopf in Prangereisen gefangen.

Einige Stunden später öffnete sich ein Schlitz in der Eisentür: Eine Wärterin schob drei Schalen mit einem Haferschleim hinein und dazu einen Kübel mit abgestandenem Wasser.

Die Männer fielen über das Essen her, wie hungrige Tiere. Honos hatte kein großes Verlangen nach dem unappetitlichen Brei, doch so langsam knurrte ihm der Magen vor Hunger. „Hey“, rief er den Mitgefangenen zu. „Bringt ihr mir meine Schüssel bitte? Wie soll ich denn essen mit den Armen über dem Kopf?“

Die Männer sahen kurz auf, doch dann widmeten sie sich wieder ihren Schalen. Einen Löffel hatten sie nicht zur Verfügung, daher mussten sie mit den Fingern den Brei in ihre Schlünde schaufeln.

Als ihre Schüsseln leer waren, teilten sie sich die dritte Portion.

Honos sah hilflos zu. „Aber… Das ist doch meins…“ Die zwei Männer beachteten seine Einwände nicht und schaufelten Honos Anteil gierig in sich hinein.

Wenigstens hielten sie ihm den Kübel Wasser hin, der allerdings nur noch ein paar Schlucke enthielt, so dass er trinken konnte.

Einige dicke Steinmauern über dem Gefangenen wechselte ein Säckchen mit Goldmünzen die Besitzerin: Eine Wächterin nahm den kleinen Lederbeutel rasch aus jungen Händen entgegen. Aurora und Vesta blickten verstohlen um sich, dass sie niemand sah.

Die Wächterin winkte die beiden Edelfräuleins hinter sich her und schloss die knarrende, dicke Kerkertür auf. Eine lange Wendeltreppe mit ausgetretenen Stufen ging es hinab. Die Luft hier unten war unangenehm feucht und kühl. Die Uniformierte führte ihre zwei Gäste durch einen langen Gewölbekorridor, an dessen rohen, kahlen Wänden Fackeln leuchteten. Vesta und Aurora bekamen Beklemmungen in dieser trostlosen und engen, dunklen Umgebung.

Danach ging es durch eine Gittertür und einen weiteren Gang entlang. Links und rechts führten dicke Türen zu Verließen. Es folgten einige Zellen mit Gitterwänden, die nur zum Teil bewohnt wurden. Vesta schrie schrill auf, als ein Gefangener aus der Dunkelheit hervor geschossen kam und ihr seine schmutzige Pranke entgegenstreckte: „Wasser, Herrin. Bitte habt Erbarmen mit einem armen, unbedeutenden Sünder…“

Ruckartig zog der Gefangene seine Hand zurück, als die Wächterin mit einer Rute danach schlug.

„Kommt, weiter“, drängte sie die beiden Fräuleins und beschleunigte ihre Schritte, die in dem Gewölbe laut klackten.

Und endlich erreichten sie eine weitere dicke Tür, deren massige Eichenbohlen von außen mit schweren Eisennieten verstärkt waren. Als die Tür aufschwang, winkte die Wächterin die beiden Damen hindurch. „Was immer ihr vorhabt, macht es schnell, bevor meine Ablösung erscheint“, wies die Wächterin die jungen Frauen an.

Vesta und Aurora schlüpften in die Zelle. Die Luft war furchtbar und beleidigte die verwöhnten Näschen der zwei Damen. Aber darüber verloren sie kein Wort.

Sie sahen Amatio vor sich: Er lag in Ketten auf einem Dornenbett und stöhnte vor sich hin.

„Erkennst du uns?“, beugte sich Vesta über den Sklaven.

Amatio blickte sie nicht an. Seine Augen wirkten blind. Ob er es wirklich war, konnten die Frauen nicht sagen. Er trug einen schmutzigen Lendenschurz, sonst nichts.

Aurora streckte ihre behandschuhten Finger aus und hob den dreckigen Stoff an, warf ihn nach oben auf Amatios Bauch und grinste böse. „Du wirst wohl keine Frau mehr beglücken!“

Vesta griff unter ihr langes, bauschiges Kleid und zog einen schmalen, langen Dolch aus einem Strumpfband. Sie richtete die Klinge auf Amatio und sagte: „Du bist schuld an unseren Keuschheitsgürteln. Dafür wirst du sterben!“

Theatralisch hob sie die Waffe, doch in diesem Moment öffnete sich hinter ihr die Tür und eine Stimme rief erbost: „Wartet!“

Vesta und Aurora drehten sich überrascht um: Eine andere Wachfrau.

Aurora zischte: „Verschwindet! Wir sind noch nicht fertig!“

Doch die Uniformierte kam herein und schloss die Tür hinter sich. Dann zog sie ihr Schwert. „Ich habe genug gesehen und gehört. Ihr seid wahrlich Bestien. Ihr habt den Tod verdient!“

Die beiden Edeldamen sahen sich bestürzt an. „Ihr…. Gerra?“, japste Vesta. Aurora wurde noch bleicher als sie sowieso schon war.

Die Schmiedemeisterin! Sie lebte! Und sie war hier in der Metropole!?

Gerra kam auf die beiden Fräuleins entschlossen zu. „Wenn ich Fama nicht töten kann, so soll wenigstens ihre verkommene Brut ihr Leben aushauchen.“

Mit diesen Worten hob sie ihre Klinge, bereits in Reichweite zu den verschreckten jungen Ladys.

Viele Meilen weiter westlich waren Helena und ihre Armee immer noch unschlüssig, wie sie die Festung der Megara stürmen könnten. Die Höhle war eine Sackgasse gewesen, doch Fama, die Siegreiche, drängte darauf, dass die alte Tyrannin endlich aus ihrem Bau zu holen sei. Die Sklavenhändlerin Ceres war längst zu einer wichtigen Beraterin geworden und in den Stand einer Duxa erhoben worden.

Doch gemeinsam mit der Statthalterin entwickelte sie bereits einen neuen Plan.

Sie musste wissen, ob Abas die Wahrheit gesagt hatte, oder ob es einen anderen Eingang zu dem Höhlensystem gab, das schließlich doch noch eine Verbindung zu Megaras Bastion herstellte.

Aber dieses Mal nutzte sie nicht die Folter sondern ging subtiler vor.

Noch an diesem Tag erhielt der Königsgemahl einen Mitgefangenen.

Erst, als der neue Zellenbewohner seine Kapuze lüftete, erkannte Abas überrascht: „Ein Weib? Wer seit ihr?“

Die Frau war schmutzig, doch wunderschön. „Ich heiße Ceres. Ich war Gardistin unter Königin Leda. Man hat mich im Westen gefangen genommen. Ich soll in diesem Kerker verrotten, weil ich weder Megara noch Fama die Treue schwören will.“

Abas war äußerst erstaunt. Eine Gefolgsgenossin? „Wisst Ihr etwas über Ledas Schicksal? Gibt es noch mehr Freie, die das Schreckensregime nicht anerkennen?“ Abas überhäufte Ceres mit Fragen und erkannte schließlich, dass er sie für eine Antwort auch zu Wort kommen lassen musste. Gebannt hing er ihr an den Lippen.

Er war so von ihrer Erzählung verzaubert, dass ihm erst nach einer Weile auffiel, dass er nackt vor ihr stand – eingeschlossen in ein grausames Eisenbrett, das ihn in unnatürliche Haltung zwang. Doch in diesem Moment spürte er nur heiße Scham vor den Augen des Weibes.

Doch Ceres schien seine Nacktheit gar nicht zu bemerken oder eine Bemerkung wert zu sein. Stattdessen holte sie ein Stück altes, trockenes Brot aus ihrem schmutzigen Rock hervor und reichte es dem hungrigen Abas.

Seit die Soldatinnen in der Höhle nicht weiter hatten vordringen können, war Helenas Großzügigkeit dem Königsgemahl gegenüber wie weggeblasen gewesen. Wieder hungrig nahm er die Gabe der Samariterin gerne an und kaute auf der harten Rinde. Auch Wasser reichte Ceres ihm. In einer verbeulten Schale war genügend vorhanden.

Gegen Abend brachten die Wärterinnen dann sogar eine Mahlzeit, die für Kerkerhäftlinge recht annehmbar war und neben einer faden Suppe sogar Fleischreste enthielt.

„Sagt mir, Abas. Wenn sich genügend Rebellen zusammenfinden… Können wir auch die Bastei der Megara stürmen? Gibt es eine Schwachstelle in den Mauern?“

Auf diese Frage hatte sie lange Zeit hingearbeitet, hatte von Rebellen schwadroniert, die sich heimlich formierten und eine Revolte starten wollten, Fama und Megara und alle bösen Weiber entmachten würden…

Und schließlich führte Ceres sogar noch ein abgemachtes Schauspiel auf, als die Wärterin plötzlich erschien und sie aus der Zelle schleifte und drohte: „Unsere Kampfsklaven rufen nach einem Weib. Und du bist die Auserwählte!“

Verächtlich lachend schubste die Uniformierte die Gefangene hinaus. Als die schwere Tür ins Schloss fiel, hörte Abas ihre verzweifelten Rufe und Laute, als werde sie geschlagen und den Gang entlang getrieben wie ein Schlachtvieh.

Doch das Schmierentheater war nur zu dem Zwecke, Abas Vertrauen zu gewinnen. Mit blauen Flecken und zerrissenem Rock und Hemd erschien Ceres eine Stunde später wieder, wurde grob in die Zelle geworfen und unter höhnischem Gespött zurückgelassen.

Abas hätte sich nichts mehr gewünscht, als Ceres in die Arme nehmen und trösten zu können, doch in seiner Fesselung war dies nicht möglich. „Oh, Ceres, was haben dir diese Tiere nur angetan?“, fragte er mitleidig.

Und dann staunte er, dass ihm der Mund offen stehen blieb, als Ceres sich kraftlos auf die Beine hob und mit zitternder Hand einen Schlüssel hochhob, dass Abas ihn sehen konnte. „Ich schließe dich jetzt aus dem Eisenbrett frei.“

Abas ließ es starr geschehen. Zum einen, weil seine Gelenke steif geworden waren, zum anderen weil er immer noch kaum glauben konnte, was da geschah. Woher hatte Ceres…

Und dann kam ihm der furchtbare Gedanke. „Oh, Ceres! Was musstest du dafür tun? Was hast du erlitten? Nur, um mir Linderung zu beschaffen?“

Ceres machte einen Knicks. „Majestät. Ihr seit für mich immer noch der Gemahl der Königin!“

Abas stöhnte, als er seine Glieder bewegte. Blitzartige Schmerzwellen durchschossen seinen Körper. Trotzdem nahm er Ceres in die Arme und bedankte sich unter Tränen bei ihr.

Spät in der Nacht drückten sich die beiden Gefangenen eng aneinander, um der Kälte des Gemäuers einigermaßen entgegenzuwirken. Abas flüsterte: „Es gibt noch eine Besonderheit in der Außenmauer, die kaum jemand kennt. Vermutlich weiß selbst Megara selbst davon nichts.“

Ceres horchte auf. Sie versuchte nicht zu aufgeregt zu klingen, doch musste sie sofort fragen: „Was für eine Besonderheit?“

Abas erwiderte: „An einer Stelle sind vier Blöcke nur Blenden. Hinter den dünnen Platten besteht die Mauer nur aus einem Holzgerüst. Auf der Innenseite ist dies ebenfalls so. Es ist eine Art Notausgang, der von König Talos III. eingebaut worden ist, noch vor seiner Hochzeit mit Megara. Wozu er diente, das weiß ich nicht, aber er könnte die Achillesferse der Festung sein.“

Ceres Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie versuchte ruhig zu wirken. „Wo ist die Stelle?“ Ihre Stimme war ein wenig höher und lauter als sonst.

Abas sah sie verwundert an. „Warum musst du das wissen? Die Erkenntnis wird diese Kerkermauern wohl niemals verlassen. Ich glaube nicht an einen Sieg der Rebellen.“

Verzweifelt seufzte Abas vor sich hin. Er war hoffnungslos.

Auch Ceres seufzte. Doch aus einem anderen Grund. Am liebsten hätte sie Abas gerüttelt und geschüttelt, damit er die Stelle endlich nannte, aber sie musste sich mit dieser Information für heute zufrieden geben, wenn sie nicht verdächtig werden wollte.

Sie kuschelte sich noch enger an den Königsgemahl und fühlte seine Männlichkeit. „Wenn ich es so nicht aus ihm herausbekomme, dann vielleicht mit den Waffen eines Weibes…“, überlegte sie und griff hinter ihren Rücken.

Sie spürte, wie Abas Luststab in ihrer Hand wuchs und strich sanft darüber. So ging es eine Weile.

Sie spürte, wie seine Lust sich Bahn verschaffen wollte, doch verweigerte sie ihm die Entladung und zog ihre Hand zurück, bevor Abas seinen Samen vergießen konnte.

Aufstöhnend schlossen sich seine Arme enger und fester um den zierlichen Leib des Weibes, doch wagte er nicht, seine Erfüllung einzufordern.

Ceres hatte heute schon genug grobe Mannsbilder erdulden müssen...

Im Machtzentrum des Reiches, der Metropole, herrschte im Palast der Fama große Aufregung. Die Regentin eilte die Stufen in den Kerker hinab, um persönlich nachzuschauen, was dort geschehen war. Die Wächterin, die völlig aufgelöst erschienen war, hatte etwas von Vesta und Aurora erzählt, die leblos in einer leeren Zelle gefunden worden seien. Und der Gefangene Amatio sei geflohen.

„Wie konnte das geschehen?“, brauste die Herrscherin auf und raffte ihr prunkvolles Kleid hoch, um nicht darüber zu stolpern.

Die Gardistinnen, die polternd hinter ihr hereilten, konnten kaum Schritt halten. Fama, die Siegreiche, hetzte die Stufen hinab in das feuchtkalte Gewölbe und ließ sich zu der Zelle des Amatio führen.

Eine Heilerin kümmerte sich bereits um ihre Töchter. „Was ist geschehen?“, wollte Fama wissen.

Eine Wächterin tauchte auf und meldete salutierend: „Große Königin, es gab eine Verräterin in unseren Reihen. Zwei Wachfrauen sind niedergestochen worden und…“

Sie wurde von einer Gardistin unterbrochen, die keuchend auftauchte: „Majestät! Wir haben die Flüchtigen gestellt. Gerra, die ehemalige Zunftmeisterin der Schmiede, hatte sich verkleidet als Wächterin eingeschmuggelt, wohl um ihren Liebsten…“

Sie unterbrach mitten im Satz und erglühte, als sie Famas Gesichtsausdruck bemerkte. „Ich meine, Euren untreuen Lustsklaven zu befreien.“

Fama sog zischend Luft durch die Nase ein. „Bringt dieses Gewürm zu mir! Ich werde ihnen beiden die Haut…“

Die Gardistin verbeugte sich. „Verzeiht, Majestät. Doch die Bogenschützinnen haben ihre Körper auf der Flucht durchsiebt.“

Fama schnaubte erbost. Gerra und Amatio hatten sich ihrer Bestrafung entzogen!

Schließlich fiel ihr Blick auf ihre Töchter, die am Boden lagen. Die Heilerin hatte bei Vesta zahlreiche Schröpfgläser angebracht während Aurora mit ausgestreckten Armen einen Aderlass über sich ergehen lassen musste. „Was fehlt meinen Töchtern?“, fragte Fama.

Die Heilerin antwortete: „Sie sind von Gerra niedergeschlagen worden. Ihr Geist ist verwirrt. Sie warne kurz bei Besinnung, doch sprachen sie nur Unfug. Dann fielen sie wieder in tiefen Schlaf.“

Die Frau rührte einen grünlich-braunen Schleim zusammen, den die beiden Damen wohl schlucken sollten, wenn sie wach würden. „Schafft sie nach oben in ihre Gemächer“, befahl Königin Fama und rümpfte die Nase. Stammte der Gestank von dem Sud oder dem Gemäuer? Sie wollte nur noch raus aus dieser fürchterlichen Umgebung.

Als die Regentin den Kerker verlassen hatte, holte die Heilerin eine Tonschatulle hervor und öffnete sie: Zwei Wärterinnen drehten sich angewidert weg. So viele Blutegel auf einmal hatten sie noch nie gesehen.

Als vier Sklaven mit Tragen kamen, um die beiden Edelfräuleins in ihre Gemächer zu bringen, ahnten sie nicht, wie verunstaltet Vesta und Aurora unter ihren Laken waren. Die Heilerin hatte sie entkleidet und die Egel auf ihren Leibern verteilt.

Eine Gardistin ahnte, was sich hier abspielte: Vesta und Aurora hatten die Heilerin in der Vergangenheit zahllose Male mit unnützen Fragen genervt.

Welche Medizin kann einem Sklaven welche Beschwerden verursachen?

Welche Wirkung hat dies?

Was geschieht, wenn man einem Sklaven von diesem Sud verabreicht? Oder es ihm in größeren Mengen einflößt? Oder es in seinen Arsch spült?

Was brennt auf einem frisch gestriemten Arsch am besten?

Die Heilerin durfte die störenden Fräuleins nicht davonjagen, schließlich waren sie die Töchter der Statthalterin gewesen – und nun sogar Prinzessinnen. Aber solange sie besinnungslos waren, würde sie mit Freude an ihnen experimentieren…

Bevor Fama in den Thronsaal zurückkehrte, besuchte sie Honos in seiner Zelle. Vier Wärterinnen banden zuvor die beiden Mitgefangenen fest und stülpten schwarze Hauben über ihre Köpfe. Die Augen der Königin durften nicht von den dummen Gesichtern der Männer beleidigt werden. Und ihren Anblick hatten sie in keiner Weise verdient.

Fama näherte sich Honos und grinste ihn an. „Wie gefällt euch euer neues Heim?“

Honos erwiderte schwächlich: „Habt Erbarmen mit mir. Ich habe Leda längst die Treue abgeschworen. Ich habe im Exil rebelliert und gehöre nicht zu ihr. Ihr habt keinen Vorteil durch mich.“

Fama hob ihre fein gezupften Augenbrauen: „So! Dann seit ihr also nichts wert?“ Sie winkte eine Wärterin herbei. „Bringt mir diesen Kopf heute Abend auf einem silbernen Tablett.“ Damit drehte sie sich um und verließ die Zelle. Honos rief ihr verzweifelt hinterher: „Majestät! Bitte! Ich könnte Euch vielleicht den Aufenthaltsort der Leda nennen.“

Seine Stimme war schrill und voll Panik. Die Königin erschien. „Was sagtest du?“

Honos wiederholte: „Ich weiß, wo sich Leda aufhält. Ich habe sie in einem Hafen der Westküste gesehen.“

Fama überlegte. Versuchte der Majordomus mit einer Lügengeschichte seinen Hals zu retten? Oder wusste er wirklich etwas?

Leda!

Sie war aus dem Exil zurück? Dieses Weib lebte noch und wagte es sogar ins „Reich der Fama“ zurückzukehren?

Sie wies die Wärterin an: „Lasst ihn am Leben.“

Honos atmete auf. Dann ergänzte Fama: „Aber ich muss wissen, ob dieser Nichtsnutz die Wahrheit spricht. Bringt ihn später zur Befragerin!“

Honos ächzte. Befragerin? Er sollte gemartert werden! Nur das konnte dies bedeuten!

Als seine Mitgefangenen wieder von ihren Hauben und den Ketten befreit wurden und die Wärterinnen die Zelle verlassen hatten, erzählten die Männer Honos von den Befragungsmethoden, die sie selbst zwar noch nicht erlebt, aber von denen frühere Mitgefangene berichtet hatten.

Dem Majordomus wurde speiübel. Er schlotterte am ganzen Leib und wäre zusammengesunken, wenn er nicht in das Eisenbrett gezwungen gewesen wäre.

„Hört auf mit diesen Schauergeschichten!“, forderte er. Am liebsten hätte er sich die Ohren zugehalten, aber die Fesselung ließ dies nicht zu. Die Männer setzten ihre Erzählungen rücksichtslos fort und wussten auch von Amatios Schicksal und schmückten es so blumig wie möglich aus. „Wir haben seine Schreie gehört. Und das Gelächter der Frauen“, flüsterte der eine Mann. Der andere griff Honos ans Gemächt und zog es lang. „Und dann…“

Die Tür wurde erneut geöffnet und zwei Wärterinnen peitschten die Männer zur Seite, befreiten Honos aus seinem Eisenpranger und legten ihm neue Ketten an, mit denen er nur kleine Trippelschritte machen konnte. Seine Hände waren immer noch an ein Halseisen gebunden.

„Wie wir sehen, bist du schon nackt“, lachte eine der Uniformierten und versetzte Honos einen kräftigen Hieb über seine Hinterbacken. „Du kannst die Befragerin wohl kaum erwarten!“ Die Frauen lachten höhnisch und zerrten Honos aus der Zelle.

Einer der Männer rief ihnen hinterher: „Wann bekomme ich meine Freiheit wieder? Ich habe doch nur ein Stück Leder gestohlen weil meine Schuhe…“

„Ruhe!“, gab eine der Wächterinnen zurück. „Du bleibst solange in deinem Loch, bis ich etwas anderes sage. Und das wird in diesem Leben nicht mehr geschehen!“

Honos wurde in einen kahlen Gewölberaum gebracht, wo er von den Wärterinnen zu einer Steinsäule gestoßen wurde, vor der eine kleine Treppe aus Holz stand: „Hoch mit dir! Setz dich auf die Säule!“

Honos gehorchte und nahm auf dem etwa zwei Handbreit großen Sitz Platz.

Die Wärterinnen entfernten die Treppe aus Holz, so dass Honos Füße in etwa einer Elle Höhe in der Luft hingen. Bequem war es hier nicht gerade. Eine Frau komplett in ein schwarzes Gewand gekleidet erschien: Die Befragerin.

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