Das Reich der Megara - 54

 

 

„Darf ich einige dieser Bolzen haben?“, fragte Aurora, bevor sie sich nach Hause begab. Cassandra reichte ihr eine kleine Kiste, die mit ihnen gefüllt war. Auch eine kleine Armbrust behielt die Prinzessin.

Als Cassandra kurz darauf am hohen Fenster ihres Palastes die Abreise ihres Gastes beobachtete, begann sie herzhaft zu lachen. Aurora versetzte sämtlichen Sänftenträgern einen Bolzen in die Allerwertesten und drohte mit Nachschub, falls sie nicht schleunigst lostrabten.

Die Tyrannin verließ das Fenster und betrachtete eine Wandkarte aus Leder, die den gesamten Kontinent mit seinen Kleinstaaten kunstfertig darstellte. Am Rand war der Kontinent von den schwarzen Köpfen der Nägel umzingelt, die die Karte im Mauerwerk hielten.

Cassandras Blick schwang zur Metropole und weiteren Reichen im Osten. Bald würde sie alleinige Herrscherin über ein gewaltiges Ostreich sein. Die Allianz mit der Metropole würde nur ein Vorwand sein, um ihre Truppen in die Stadt positionieren zu können. War ihre Streitmacht erst in Stellung, konnte sie die Regierung der Metropole entmachten. Vielleicht mussten dafür nicht einmal viele Kampfsklaven ihr Leben lassen.

Vermutlich, so überlegte Cassandra, war nun Vesta, Famas zweite Tochter, auf dem Thron. Die Unerfahrenheit der Göre würde alles noch einfacher machen, lächelte Cassandra in sich hinein. Und wenn erst die Metropole in ihrer Hand war, fielen auch die restlichen Staaten der Reihe nach. Das eine oder andere Städtchen würde sie niederbrennen müssen, doch was war so ein bescheidenes Opfer im Gegensatz zu einer Ostmacht unter ihrer Stimme, die bald auch den Westen niederwalzen würde!?

Cassandra sah sich in den Folianten der Chronisten bereits in einem Atemzug mit Megara genannt.

Als sich bereits wenige Tage später erste Truppenteile in Richtung Metropole bewegten, erhielt auch Aurora davon Kunde.

Cassandras hinterhältiges Spiel blieb nicht geheim, so dass auch die Prinzessin erschrocken davon erfuhr, welche Bösartigkeit sie vorhatte.

Was sollte sie nun tun? Ihre Schwester warnen? Oder auf Seiten der Cassandra bleiben und vielleicht die zukünftige Statthalterin der Metropole werden?

Darauf kann ich nicht hoffen, sagte sie sich. Ich muss Vesta vor dem feigen Überfall warnen. Dann kann ich sie immer noch vom Thron stoßen. Aber ein halber Kontinent von Cassandra unterjocht… Die Alten Götter mochten dieses Verhängnis verhindern!

Aurora nahm all ihren Mut zusammen, packte einigen Vorrat und befahl einigen Haussklaven, drei Rösser zu satteln und hinter der Residenz im Schatten der hohen Mauer bereit zu halten.

Sie packte die kostbarsten Juwelen in einige dunkelblaue Samtbeutel und hoffte, dass sie damit die Wächterinnen bestechen konnte. Auch einen Dolch steckte sie ein und band ihn am Strumpfband unter ihrem Kleid fest.

Sie setzte alles auf eine Karte. Sollte ihre Flucht nicht gelingen, würde Cassandra sie sicherlich in einen Kerker stecken oder den Priesterinnen des Malus-Kultes ausliefern.

Aber die Angst wurde von ihrer Sorge um ihr Schwesterchen besiegt… oder war es die Sorge um den Verlust der Krone?

Aurora gelang es, ungesehen aus der Residenz und bis zu den Reittieren. Doch schon war ihre Abwesenheit bemerkt worden. Alarmrufe schrillten auf. Die Majordoma lief hinter ihr her. Aurora drehte sich langsam um. War ihre Flucht hier schon zu Ende?

Plötzlich zog die Prinzessin ihren Dolch und versenkte ihn schmatzend in der Brust der Majordoma, die auf den verzierten Schaft der Waffe starrte und ihn umfasste.

Sie öffnete den Mund und ein Röcheln erklang. Dann sackte sie zusammen.

Aurora setzte ihren Weg fort, als sei nichts geschehen. Bald stieg sie auf einen Schimmel und begleitete ihren Ehesklaven sowie einen weiteren Leibeigenen, der ihr hörig war, zur Stadtmauer.

Zwei Soldatinnen kamen mit langen Hellebarden auf das Trio zu und versperrten ihnen den Weg. Aurora, die sich einen Seidenschal um Kopf und Gesicht gebunden hatte, um nicht erkannt zu werden, hielt ihnen zwei Beutel mit den funkelnden Edelsteinen hin. Die Frauen sahen sich an und nickten kaum merklich.

Eine von ihnen gab einen Befehl an mehrere Kampfsklaven, die an einer schweren Winde das Fallgitter in die Höhe zogen.

Aurora und ihre beiden Begleiter ritten eilig durch das Stadttor und galoppierten über die Ebene. Hinter ihnen hörten sie Hörner Alarm rufen.

Als Aurora sich im Sattel umdrehte, bemerkte sie eine Reiterschar, die ihnen folgte.

Im gestreckten Galopp konnte sich die Prinzessin kaum auf ihrem Schimmel halten. Als Aurora schon verzweifelt ihr Schicksal besiegelt sah, blieb die Schar gerüsteter Reiterinnen hinter ihnen zurück. Bald war der Trupp kaum noch in Sichtweite.

Das Trio ritt etwas langsamer, um die erschöpften Tiere zu schonen. Hatten Cassandras Schergen aufgegeben? Aber warum?

Im nächsten Moment hörten die Drei ein gewaltiges Dröhnen und Brüllen, das ihnen durch Mark und Bein ging. Ein Troll!

Plötzlich gingen die Rösser panisch auf die Hinterhand und wieherten, bliesen Luft aus ihren Nüstern und blickten hektisch umher, trippelten unruhig hin und her und schnaubten nervös.

Als sein Tier aufbäumte, fiel der Leibeigene unglücklich zu Boden und jammerte: „Mein Bein!“ Er sah Hilfe suchend zu der Herrin. Aber Auroras Aufmerksamkeit war ausschließlich dem Troll gewidmet. Die Baumwipfel eines entfernten Haines bogen sich zur Seite. Das Ungetüm kam genau auf sie zu!

Der Leibeigene kämpfte sich auf die Füße, brach aber sofort vor Schmerz schreiend wieder zusammen. „Helft mir auf!“, flehte er furchtsam.

Aurora ließ ihr Ross rückwärts tänzeln. „Nein, bleib du hier und halte das Monster auf.“

Sie gab dem Schimmel die Sporen und jagte hinfort. Ihr Ehesklave folgte ihr so geschwind wie ihm möglich war.

„Lasst mich nicht hier zurück!“, brüllte der Leibeigene in Todesangst hinterher, wurde aber nicht gehört.

Entsetzt drehte er sich zu dem Hain um: Der Troll erschien am Rand und kam stapfend und polternd auf ihn zu. Von Lidschlag zu Lidschlag wurde das Ungetüm größer, gewaltiger…

Die Erde bebte unter seinen Tonnen von Gewicht. Die Lefzen zogen sich zurück und entblößten Reißzähne, wie sie der Mann noch nie zuvor gesehen hatte.

Aurora und ihr Gatte waren bereits weit entfernt, als der Leibeigene Opfer des Trolls wurde.

Abas stieg den höchsten der Türme von Ledas Burg hoch. Was Zelos ihm wohl so wichtiges und geheimes zu sagen hatte? Die Sonne war bereits untergegangen. Ein großer Vollmond schien herab und gab neben Abas Laterne das einzige Licht vom Himmel, dem in dieser Nacht die Sterne fehlten.

Abas merkte, wie Fledermäuse durch die Dunkelheit flatterten. Es war kühl, so dass der Königsgemahl seinen Umhang um sein Wams wickelte und hoffte, dass der Oberste ihn nicht lange warten ließ.

Seit der Kerkerhaft bei Megara spürte er jede Kühle sofort in seinen Knochen.

Der Aufstieg die lange Wendeltreppe bis zur Aussichtsplattform des Turms war schon mühsam genug gewesen. Überall zwickte es ihn. Bis auf ein entferntes Käuzchen war es still.

Als sich Abas herumdrehte, zuckte er zusammen: Zelos stand dicht hinter ihm. „Oberster!“, begrüßte der Königsgemahl den alten Weggefährten. „Ihr habt mich erschrocken. Was schleicht Ihr Euch so heran?“

Zelos entschuldigte sich formvollendet und deutete eine Verbeugung an. Insgeheim dachte er dabei: „Hat sein Gehör in der Kerkerhaft auch gelitten? Sollte ich mir eine Rasselkette umbinden?“

Abas erkundigte sich nach dem Grund für das Gespräch und den ungewöhnlichen Ort dafür. Zelos sah den Königsgemahl kalt an. „Ich kenne Euer Geheimnis“, sagte er ihm auf den Kopf zu.

Abas tat unwissend: „Geheimnis? Werdet deutlicher!“

Zelos tat ihm gerne den Gefallen: „Euer Keuschheitsgürtel.“

Abas wurde bleich. Ein Gesichtsmuskel zuckte unkontrolliert. „Woher…?“

Zelos grinste bitter: „ICH habe Leda den Vorschlag gemacht, Euch einzusperren.“

Abas fiel der Unterkiefer hinab. „Was…?“

Zelos: „Und ICH habe Euren Schlüssel dazu!“

Abas zitterte vor Aufregung. Ihm fehlten die Worte.

Zelos: „Und ICH habe den Schlüssel zu Eurer Männlichkeit im Graben der Burg versenkt.“

Humorlos lachte der Oberste auf. Dann meinte er: „Und wisst Ihr auch den Grund?“
Abas war starr wie aus Stein gehauen. Das da vor ihm musste ein Dämon sein, der ihm in einem Nachtmahr erschien.

Doch Zelos hörte sich sehr echt und lebendig an: „Leda hat sich mir hingegeben. Ganz und gar!“

Er kostete jedes Wort aus und betonte es genießend. Immer und immer wieder. „Während Ihr im königlichen Nachtlager geschlafen habt. Ihr und Eure… nutzlose Männlichkeit. Doch das ist vorbei! Leda gehört nun mir! Habt Ihr das verstanden?“

Abas bebte am ganzen Leib. Doch er war weiterhin zu keiner Erwiderung fähig.

Zelos kam auf den Königsgemahl zu und packte ihn am Wams. Mit Gewalt drückte er Abas auf den Abgrund zu…

Kurz zuvor hatte ein Stallbursche erschrocken festgestellt, dass er vergessen hatte, neues Heu in den Stall zu fahren. Eine ganze Wagenladung stand noch im Hofe der Festung. Wenn es regnete, würde er großen Ärger bekommen!

Er schlüpfte aus seiner Wolldecke und streifte sich sein Lederhemd über. Dann lief er im Dunklen über den Hof.

Rösser anzuspannen machte zu viel Lärm. Aber wie sollte er den schweren Holzkarren bewegen?

Er trommelte vier Burschen zusammen, die ihm noch einen Gefallen schuldig waren und versprach ihnen in den nächsten vier Tagen jeweils seine Wurstration.

Die jungen Männer folgten ihm noch müde aber willig zu dem Fuhrwerk und schoben auf ein geflüstertes Kommando des Stallburschen die Speichenräder vorwärts.

So bewegten sie das Gefährt über den Hof bis vor den Stall.

Der Stallbursche öffnete gerade leise die Pforte und hoffte inständig, dass sie nicht zu laut knarrte, da zerriss die Nacht ein furchtbarer Schrei.

Im nächsten Augenblick landete etwas laut krachend auf dem Heuhaufen und stob Myriaden von trockenen Halmen durch die Luft.

Die Jünglinge sahen mit offenen Mündern auf die Ladefläche des Karren. Ein Mann lag dort. War er etwa vom Turm gestürzt?

Die Jünglinge sahen nach oben, erkannten dort aber nichts. Einer der Burschen lief schnell nach einem Medikus. Die anderen versammelten sich um den Gestürzten, der ohne Bewusstsein war. Lebte er noch?

Der Stallbursche sah in dem Zwielicht nicht, ob er die Person kannte. Ein Wächter vielleicht? Aber der Recke war nicht gerüstet. Ein Knecht?

Als kurz darauf mehrere Wachen, ein Medikus und Nike, die Gardistin erschienen, erleuchtete die Umgebung von den mitgebrachten Fackeln und Laternen fast grell. Nike und der Medikus riefen wie aus einem Mund entsetzt: „Der Königsgemahl!“

Der Heiler rief nach frischen Tüchern und heißem Wasser. Er lagerte Abas anders und verlangte nach einer Trage. „Er muss sofort in meine Kammer gebracht werden.“ Dort hatte er seine Utensilien, die verschiedenen Messer, die Substanzen, die Schienen, um Brüche zu richten.

Kurz darauf erschien der Oberste: „Was ist los? Was ist geschehen?“

Nike berichtete ihm von dem schrecklichen Unglück. „Es war doch ein Unfall, oder glaubt ihr an einen Mordversuch?“, fragte sie.

Zelos sah sie ernst an. Das Entsetzen in seinem Blick deutete die Gardistin als Sorge um den Königsgemahl, doch galt es der Tatsache, dass Abas noch lebte.

„Ich muss mit der Königin sprechen.“

Ein Soldat salutierte: „Die Majestät ist bereits unterwegs.“

Als Leda besorgt aus der Kranken-Kammer erschien, passte Zelos sie ab. „Leda“, raunte er ihr zu. „Ihr müsst etwas Wichtiges erfahren.“

Leda sah ihn abweisend an. „Was sollte in dieser unheilvollen Nacht so bedeutend sein? Mich interessiert nur, ob Abas den Sturz überlebt. Wäre der Heuwagen dort nicht gestanden…“ Sie schluchzte leise, ihre schmalen Schultern bebten.

Zelos nahm sie in die Arme und strich ihr tröstend über den Rücken. „Darum geht es, Leda. Als der Tumult begann, bin ich an der Schreibstube vorbei gekommen und sah die geöffnete Tür und die brennende Laterne. Ich fand einen Brief auf dem Tisch liegen. Er stammt von Abas.“

Leda sah Zelos verwirrt an. „Was soll das bedeuten?“

Zelos atmete schwer aus. „Ich fürchte, Abas wollte seinem Leben ein Ende setzen.“

Die Königin wollte das nicht glauben: „Niemals! Abas liebt mich doch…“

Zelos streichelte Leda: „Ich weiß, es ist schwer zu akzeptieren…“

Leda riss sich von dem Obersten los. „Lasst mich allein.“ Sie schritt den Flur entlang.

Nike kam ihr entgegen. Die Königin trug ihr auf: „Bewacht meinen Gemahl und meldet mir sofort, wenn es ihm schlechter gehen sollte.“

Nike salutierte: „Sehr wohl, Majestät!“

Zelos raunte Nike zu: „Wie geht es ihm? Wird er es überstehen?“

Die Gardistin bedauerte unsicher: „Der Medikus weiß es nicht. Abas hat Blut verloren und innere Verletzungen. Die Knochenbrüche sind noch harmlos. Bei Sonnenaufgang wissen wir vielleicht mehr.“

Zelos verschwand in seinem Gemach. Was hatte dieser verteufelte Heuwagen da zu suchen? Wenn Abas überlebte, war er - Zelos - des Todes. Wäre der Krüppel doch nur nicht so gut bewacht! Ein Kissen würde das Problem schnell lösen…

Der Oberste hatte keine Ruhe. Er ging zurück und schickte die Wache unter einem Vorwand weg. Dann wollte er noch den Heiler für einen Moment aus dem Lazarett locken, doch es war auch noch ein Helfer dabei. Und Nike kam auch noch dazu.

Zelos kehrte in seine Kammer zurück und betete zu den Alten Göttern, dass sie Abas zu sich nahmen, bevor dieser aus seiner Ohnmacht erwachte.

Er musste zu Leda und ihr den Abschiedsbrief ihres Gemahls bringen. Der Oberste stiefelte los und wurde an der Tür zu den königlichen Gemächern von der Hofzofe abgewiesen. „Entschuldigt bitte, Herr Oberster, aber die Majestät hat ausdrücklich ausnahmslos jeden Besuch verboten.“

Zelos kniff zornig die Augen zusammen. „Dann gib ihr das hier von mir! Eile dich!“

Die Zofe machte einen Knicks vor dem hohen Gardisten und nahm eine Papierrolle entgegen, die mit einem königlichen Siegel geschlossen war.

Grimmig stapfte Zelos zurück zu seiner Kammer. Bevor er sich zurückzog, befahl er einem Gardisten, „mir sofort Bescheid zu geben, wenn es dem Königsgemahl besser oder schlechter geht.“

In dieser Nacht konnten Leda und Zelos kein Auge zutun: die Königin aus Sorge, dass Abas sterben könnte, der Oberste aus Furcht, Abas könne überleben.

Zelos wusch sich in der Nacht ein Dutzend Mal die Hände, doch er fühlte sich immer noch mit Blut besudelt. Die Hände, die den Königsgemahl rückwärts über die niedrige Brüstung gestoßen hatten, klebten vor Sünde.

Aurora und ihr Ehesklave ritten durch die Freien Ländereien in Richtung Metropole. Dummerweise hatte sie ihren Dolch zurückgelassen, doch ihr Gatte war mit Waffen gut bestückt.

Trotzdem litt die Prinzessin ständig Todesängste. Bei jedem Geräusch eines Vogels, eines Blattes im Wind oder eines Insekts, glaubte sie an Strauchdiebe, die sie überfallen und schänden wollten.

Doch bisher waren sie keinem Abschaum begegnet.

Der Proviant reichte nicht für die gesamte Route, aber ihr Gemahl besaß die Fertigkeit zu jagen. Als das Trockenfleisch aufgebraucht war, sorgte er für einen leckeren Braten aus Murmeltier.

Aurora drehte sich angewidert weg, als ihr Mann die Beute ausweidete; aber als es über dem Feuer ansprechend duftete, genoss sie das knusprige Fleisch wie eine Delikatesse aus der königlichen Küche.

Am nächsten Tag fanden sie eine Wasserquelle, um ihre Schläuche aufzufüllen. Und so ritt das Paar der Metropole entgegen, um Vesta vor Cassandra zu warnen – und natürlich auch, um ihre Krone einzufordern.

Doch dann kam der Tag, an dem ein wütendes Brüllen aus einem nahen Wald ertönte. Panisch flogen ganze Schwärme Vögel in die Luft. Kleinere Tiere wie Eichhörnchen, Dachse und Kaninchen flohen ebenfalls vor dem Störenfried.

Aurora wand sich zu ihrem Gatten um: „Was war das?“

Der Gemahl zuckte mit den Schultern. „So etwas habe ich noch nie gehört. Ein Walddämon?“

Aurora schlug ihm mit der Reitgerte quer durch das Gesicht. „Unsinn! Es gibt keine Walddämonen!“

Doch das Beben und Brüllen wurde lauter, kam näher…

Dann bogen sich die Wipfel zur Seite und ein Monstrum, über zwei Klafter hoch, ragte plötzlich in die Höhe. Ein Gigant. Ein Riese. Ein Koloss. Ein… „Troll!“, schrie Aurora schrill und schlug die Sporen ihrer Stiefel in die Flanken des Pferdes, das davonjagte.

Ihr Ehesklave zog seinen Bogen und schoss einen Pfeil auf den Muskelberg ab, doch der Pfeil kratzte nur an der dicken ledernen Haut.

Das Ross stieg hoch auf die Hinterhand und wieherte panisch, als das Ungetüm auf den Reiter zustampfte. Der Ehesklave fiel aus dem Sattel und zog wagemutig sein Schwert. Er hielt den langen Bihänder mit kraftvollem Griff und näherte sich vorsichtig dem Monstrum.

Der Troll öffnete die Arme und kam auf den Recken zu. Das Gebrüll des Riesen ging dem Mann durch Mark und Bein. Er sah die langen Zähne im weit aufgerissenen Maul, aus dem der Goliath seiberte.

Todesmutig schwang der Kämpe sein Schwert und zielte auf das linke Bein, so dick, dass er es kaum mit beiden Armen umfassen hätte können.

Doch unerwartet flink und gewand trat der Troll einen Schritt zurück.

Den folgenden Schwertstoß blockte die Bestie mit so viel Gewalt ab, dass der Kämpfer seine Waffe fast aus den Händen verloren hätte.

Im nächsten Moment trat der Troll näher auf den noch wankenden Gegner zu und versetzte ihm einen Faustschlag gegen den Rücken, der den Mann zu Boden brechen ließ. Verzweifelt versuchte der Mensch seine Klinge erneut anzubringen, doch er konnte nichts mehr daran ändern, dass der Troll seinen Fuß hob, um sein Opfer zu zerstampfen.

Der Ehesklave der Prinzessin wusste, dass ihm kein Knochen heil bleiben würde und schloss die Augen in Erwartung des sicheren Todes.

Doch der Troll nahm seinen Fuß wieder herunter und bückte sich stattdessen nach dem Schwert. In seinen gewaltigen Klauen wirkte der Zweihänder wie ein kleiner Dolch. Der Troll packte das Ende der Klinge und den Griff und bog die Waffe zu einem Ring. Dann schleuderte er sie wütend tief in den Wald.

Das Ross des Mannes war längst über alle Berge, doch besaß der Leibeigene noch seinen Bogen, den er auf dem Rücken trug. Vorsichtig zog er einen Pfeil aus dem Köcher, der nur wenig entfernt im Staub lag.

Der Troll schien sich nicht mehr für ihn zu interessieren. Der Kraftgigant scharrte mit seinen Füßen im Staub und besah sich den Kratzer an der Brust, den der Pfeil erzeugt hatte.

Langsam spannte der Mann den Bogen immer mehr und zielte auf den abgelenkten Troll, der in die Luft schnupperte, als nehme er irgendeinen Geruch auf.

Der Mann musste ein Auge treffen. Das würde die Bestie töten.

Als der Troll sich herumdrehte, war die Chance gekommen: Der Ehesklave zielte und schickte das tödliche Geschoss auf seinen Weg.

Aber seine Hände zitterten so vor Angst und Erschöpfung, dass er verfehlte. Erst jetzt bemerkte der Troll die Gefahr und kam wütend angestampft. Der Mann der Aurora wusste: Sein Schicksal war nun endgültig besiegelt.

Seine letzten Worte waren: „Oh, Ihr Alten Götter! Steht mir bei!“

Die Prinzessin war mit dem Ross überfordert. Sie wusste nicht, in welche Richtung sie das Pferd lenken sollte. Sie hatte die Orientierung verloren.

Als sie gegen Abend die Unruhe ihres Schimmels spürte, zitterte sie vor Furcht am ganzen Leib. In der Dunkelheit konnte sie kaum den Weg sehen.

Vielleicht war sie längst von ihrem Kurs abgekommen…

Aurora stieg aus dem Sattel und wollte lagern. Sie war müde und wollte bei Sonnenaufgang schauen, wohin sie ihr Ritt geführt hatte.

Im nächsten Moment krachten Zweige und Äste ganz in der Nähe. Ihr Ross wieherte auf und jagte davon – ohne seine Herrin.

Aurora stand alleine in der fremden Umgebung. Keine einzige Waffe hatte sie dabei. Sie fühlte sich verlassen, verloren und hilflos.

Hatte ihr Gemahl den Troll nicht aufhalten können? Hatte das Monster sie aufgespürt?

Oder waren es nur irgendwelche Tiere, deren Augen in der Finsternis glühten?

Dann wurde die furchtbarste Vorstellung zur Gewissheit: Der Troll erschien in seiner ganzen grausamen Macht und Größe aus dem Dickicht. Die zarte Prinzessin fiel unter einen Schatten, der noch schwärzer als die Nacht war.

Aurora wollte schreien, aber aus ihrer Kehle kam kein Laut. Hier also sollte sie ihr Leben verwirken! In einem dunklen und einsamen Wald inmitten der Freien Ländereien. Von einem Troll abgeschlachtet! Nie würde sie die Krone der Metropole tragen! Hier und jetzt würde sie ihren letzten Atemzug tun…

Tatsächlich schritt der Troll auf sie zu und packte sie mit beiden Pranken um die Hüfte und hob sie hoch. Wollte er ihr den Kopf abbeißen?

Die riesigen Zähne näherten sich der grazilen Schönheit, die ihre Augen schloss und ihre Ende erwartete.

Doch der Troll hielt seinen Schädel schief und schnupperte an seiner Beute. Sanft ließ er sie wieder auf den Erdboden und stellte sie dort ab.

Mit tiefer Stimme sagte er: „Waffen nicht gut! Dein Begleiter war böse!“

Aurora verschluckte sich fast vor Überraschung. Dieser Troll konnte sprechen!

Aurora war in diesem Moment zu aufgeregt, als dass sie sich an den Troll erinnerte, den die Sklavenjägerin Phoibe vom Ostkontinent mitgebracht hatte und für Fama in der Arena kämpfen lassen wollte.

Sklaven hatten berichtet, dass jener Troll auch hatte sprechen können – erlernt von den Amazonen, einem kriegerischen Weibervolk auf dem Ostkontinent.

Die Prinzessin sah den Berg aus Muskeln vor ihr an. „Was… Was willst du von mir?“ Eine vermutlich dumme Frage, doch ihr viel in diesem Augenblick nichts anders ein.

Der Troll antwortete: „Ihr Menschen seid böse! Ihr müsstet alle vernichtet werden!“

Aurora stöhnte erschrocken auf. Sie war kurz davor, in eine Ohnmacht zu fallen.

Dann grollte das Urwesen: „Aber du bist ein sehr kleiner Mensch. Du kannst nicht so böse sein wie der Mann, der mich töten wollte.“

Aurora sah zu ihm auf. „Ja, ich bin eine unbefleckte Jungfrau“, sprach sie so unschuldig wie ihr möglich war. „Bitte habt Erbarmen mit mir und lasst mich gehen.“

Der Troll brummelte und drehte Aurora mit seinen dicken Fingern im Kreis. Dann zerriss er ihr das Kleid ohne die geringste Kraftanstrengung mit jeweils einem Finger der beiden Hände.

Aurora, nur noch in knapper Leibwäsche, machte große Augen. Bevor sie sterben durfte, sollte sie also noch geschändet werden!

Erst jetzt merkte sie, dass der Troll nicht nackt war, sondern einen Lendenschurz aus dickem Leder trug. Der Troll packte Aurora wieder und legte sie vor sich hin, dann stieg er über sie und sank auf die Knie.

Die Prinzessin schüttelte panisch mit dem Kopf. Was sollte das werden? Sie erinnerte sich nun an den Koloss in der Arena, doch so groß wie dieses Gemächt, wie dieser Liebesstab… Nein, es war ein Liebesrammbock! So etwas hatte sie noch nie gesehen! Und schon gar nicht genau über ihr, während sie auf dem Waldboden lag.

„Zeig mir, wie ihr Menschlein Liebe macht“, verlangte der Riese und schob seinen Lendenschurz zur Seite.

Aurora glaubte, sich verhört zu haben. Doch der Troll grollte seinen Wunsch erneut.

In der Prinzessin keimte ein Fünkchen Hoffnung auf: „Wenn ich dir zeige, wie das geht… lässt du mich frei?“

Der Troll nickte: „Einverstanden.“

Aurora griff nach dem letzten Strohhalm und willigte ein. „Du musst tiefer herunter. Aber setz dich nicht auf mich. Ich würde zerbrechen.“

Der Troll folgte ihrer Anweisung. Aurora starrte auf den versteiften Luststab, der schwer auf ihrem Bauch lag und von der Hüfte bis zu den Brüsten reichte und diese nach oben drückte.

Der Prinzessin war klar: Der Körperbau des Trolls schloss eine Vereinigung wie zwischen Mann und Frau aus. Niemals würde sie ihn aufnehmen können. Also griff sie mit beiden Händen nach dem sündigen Fleisch und bewegte es vor und zurück.

Sie hatte das Gefühl, als umpackte sie vor sich einen jungen Baum – nur war dieser Baum glitschig und weich und beweglich. Hin und wieder zuckte der Luststab auf und stieß Auroras Brüste fast bis an ihr Kinn.

Sie spielte und streichelte und massierte die schwere Mordskeule auf ihrem Körper, kräftig und ausdauernd, in einem zügigen, jedoch nicht zu eiligen Rhythmus.

Langsam verlor sie die Angst vor dem gewaltigen Gemächt. Es war verrückt, doch sie verspürte nicht nur beim Troll sondern auch bei sich selbst steigendes Verlangen.

Der Troll stützte sich mit den Fäusten auf der Erde ab und lehnte sich leicht zurück. Nie zuvor hatte er solch schöne Gefühle erlebt.

Sein Liebesschwert zuckte und pochte, so dass Aurora aufpassen musste, dass sie von ihm nicht im Gesicht getroffen wurde oder es aus ihren Griffen verlor.

Sie umpackte das heiße Fleisch und bewegte ihre Hände und Arme daran rauf und runter. Wieder und wieder. Dabei versuchte sie ihre Lenden nach oben zu drücken und sich an dem Koloss zu reiben, so dass auch ihre Begierde immer weiter stieg.

Und dann kam der Vulkanausbruch: Der Troll verströmte seine Lust, die mit Gewalt durch die Brüste schoss und Aurora überschüttete. Gleichzeitig erreichte sie einen ungehemmten Höhepunkt ihres Feuers, dass Funken durch ihren Leib sprühen ließ, wie noch nie zuvor erlebt.

Der Troll brüllte vor Verlangen auf und sackte, zum Glück seitlich, neben die Prinzessin und starrte sie mit seinen großen, dunklen Augen an. „Du bist wunderbar“, sagte er.

War da ein Lächeln auf seinem Gesicht? Konnte ein Troll überhaupt lächeln?, fragte sich Aurora. Sie war über und über mit dem Beweis seiner Liebe benetzt und fühlte nicht etwa Abscheu sondern genoss diesen zauberhaften Augenblick.

Erst nach einer Weile sagte der Troll: „Du bist nicht sauber!“ Er packte Aurora, setzte sie auf seine Schulter und stapfte mit ihr durch den Wald zu einem Tümpel, in den er sie in hohem Bogen hineinwarf, dass das Wasser hoch spritzte und die Nackte aufquiekte.

Aber Aurora hatte die Angst vor dem Riesen längst verloren. Sie fragte nach ihrem Kleid. Der Troll holte es und meinte: „Habe es kaputt gemacht?“
Aurora nickte, meinte aber: „Mit der Schnur aus dem Mieder kann ich es notdürftig wieder zurechtmachen.“ Sie zog es über, obwohl ihre Scham vor dem Wesen zerronnen war.

Interessiert stellte sie fest, dass auch der Troll seinen Lendenschurz wieder trug.

„Was ist mit meinem Begleiter geschehen?“, wollte sie erfahren.

Der Troll antwortete: „Böser Mann wollte mich töten. Ich musste mich wehren.“

Aurora verstand. „Bringst du mich nach Hause?“

Der Troll zuckte mit den Schultern. „Warum nicht? Du warst gut zu mir. Du bist guter Mensch. Gutes Weib.“

Aurora setzte ihr süßestes Lächeln auf. Sie würde die Metropole schon bald wieder sehen!

In Ledanien hatte kein Versuch von Zelos gefruchtet, zu Abas vorzudringen. Noch immer hoffte er auf den baldigen Tod des Königsgemahl. Noch immer schwebte er zwischen Leben und Tod.

Leda hatte den vermeintlichen Abschiedbrief ihres Gatten gelesen, doch konnte sie nicht glauben, was darin stand.

„Liebste Leda,

ich bin seit der Kerkerhaft bei Megara

ein gebrochener Mann und falle dir

nur zur Last. Nimm dir einen kräftigen

Recken an deine Seite, an dessen

Schulter du dich lehnen kannst.

Auch habe ich gemerkt, dass

dein Herz an Zelos hängt. Meinen Segen

habt ihr. Du hast einen Besseren verdient

als mich. Werde mit ihm glücklich.

Ich möchte Euch nicht weiter im Wege stehen.

Dein Abas“

„Er hat sich niemals vom Turm gestürzt! Niemals!“, betete Leda tagtäglich hunderte male vor sich hin. „Und woher wusste er überhaupt von Zelos?“

Plötzlich jagte eine Zofe aufgeregt in das königliche Gemach. „Majestät! Euer Gemahl ist aus der Ohnmacht erwacht. Er versucht zu sprechen, ist aber zu schwach…“ Die Wangen der Bediensteten glühten vor Aufregung.

Leda wischte einen dunkelgrünen Umhang vom Haken und raste mit der Zofe im Schlepp durch den Flur zur Kammer des Medikus.

„Erzählt!“, forderte sie den Heiler auf. Der Mann berichtete von Abas Bewegungen. „Er hat kurz ein Auge geöffnet, aber es war zu schwach. Jetzt schläft er wieder. Er wollte auch sprechen, aber ich habe nichts verstanden.“

Leda beugte sich über ihren Gatten. „Oh, Geliebter! So sprich! Was möchtest du uns sagen? Hat dich jemand vom Turm gestürzt? Hast du den Brief geschrieben?“

Tatsächlich bewegte Abas murmelnd die Lippen. Leda hielt ihr Ohr ganz nah über seinen Mund und lauschte.

Zelos lief nervös vor der Kammer umher. Er musste eine Möglichkeit finden, Abas zum Schweigen zu bringen, bevor es zu spät…

Die Tür öffnete sich ruckartig und Leda befahl zwei Gardisten: „Nehmt den Obersten in Gewahrsam! Bringt ihn in den Kerker!“

Zelos schienen fast die Augen aus dem Kopf zu platzen. Die Uniformierten zögerten, Hand an den Obersten zu legen, aber der königliche Befehl war eindeutig. Sie nahmen ihm das Schwertgehänge und einen Gürtel mit einem Dolch ab und führten ihn ab.

Zelos brüllte: „Was ist denn los?“

Leda spuckte voller Hass hinter dem Obersten her. „Verräter! Mörder! DU warst es! Du hast ihn meucheln wollen, damit er dir nicht mehr im Wege steht! Oh, wie konnte ich mich nur so täuschen in dir!“ Sie drehte sich angewidert weg.

Zelos Geschrei hallte durch den Flur: „Abas hat im Fieberwahn gesponnen! Glaubt nicht, was er fantasiert! Majestät! So hört doch!“

Aber die Königin achtete nicht auf den Festgenommenen und schritt zum Medikus: „Wird er wieder gesunden?“

Der Heiler spitzte überlegend die Lippen: „Nun ja, ich habe seine Brüche versorgt. Die inneren Verletzungen werden heilen, wenn ich ihm von meinen Substanzen gebe und er sehr viel Ruhe einhält. Er hat wirklich Glück gehabt, dass er nicht auf die Pflaster gefallen ist.“

Leda berührte den Medikus kurz dankend an der Schulter und strich dann Abas liebevoll über die Wange. „Alles wird wieder gut“, versprach sie ihm und verließ die Kammer, um in ihr Schlafgemach zurückzukehren.

Am nächsten Tag verkündete sie Gladius und ihrem ganzen Hof von Zelos hinterhältiger Tat. Ihre Liebesaffäre stellte sie etwas anders dar, als sie gewesen war und berichtete sie davon, wie sehr der ehemalige Oberste in sie vernarrt gewesen sei.

Von Abas erfuhr Leda an diesem Tag noch einige Einzelheiten, die Licht in die Intrige brachten. So wurde es für sie zur Gewissheit, dass Zelos den Schlüssel zu Abas Keuschheitsgürtel absichtlich im Burggraben versenkt hatte. Tief in den Schlamm und Moder gesunken, würde er nicht mehr zu bergen sein, musste sich Leda eingestehen. Sie musste eine andere Lösung finden, um ihren Gemahl aus dem eisernen Gefängnis zu befreien. Doch vorerst stand seine Gesundung an erster Stelle.

Die Königin beförderte Nike zur neuen Obersten, die stolz in eine neue angemessene Uniform schlüpfte und feierlich auf die Flagge Ledaniens schwor, dass sie gemeinsam mit allen Gardisten und Gardistinnen für Leda bis in den Tod treu sein würde. Ihre Untergebende standen Spalier und präsentierten ihre Schwerter auf alte traditionelle Art und Weise.

Leda entschloss sich zu einem weiteren bedeutenden Schritt. Sie gab vom Einschluss ihres Gemahls Kunde und erwähnte schweren Herzens, wie es dazu gekommen war. Sie habe nur Abas Bestes gewollt, sei aber vom ehemaligen Obersten böse hintergangen worden, der nur einen Konkurrenten hinter Schloss und Riegel sehen wollte.

Dass sie Zelos den Schlüssel eigenhändig übergeben hatte, verschwieg sie, doch sie erwähnte den furchtbaren Verlust des Schlüssels durch Zelos.

Leda hatte mit ernsten Vorwürfen gerechnet – vielleicht gar der weitere Verzicht auf die Krone -, doch der Hof zeigte Verständnis für ihre Tat und überschüttete die Königin geradezu mit gut gemeinten Vorschlägen, wie man den Schlüssel doch noch finden könne: Netze, Taucher, Trockenlegung des Burggrabens, Magierkräfte und vieles mehr, doch die Regentin musste alles als erfolglos ablehnen.

Nichts und niemand würden den Schlüssel finden. Allerdings konnte sie nun guten Gewissens einen Schmied zum Hofe kommen lassen, denn durch ihre Beichte war der Keuschheitsgürtel ihres Gatten vorm Volke kein Geheimnis mehr.

Doch das wollte sie auf den Tag seiner Genesung verschieben.

Noch an diesem Tag sprach Gladius bei seiner Regentin vor. Der Schultheiß beschwor Leda, ihre und Abas beschmutzte Ehre durch einen Zweikampf mit Zelos wieder herstellen zu dürfen. „Bitte schlag mir das nicht ab! Ich bin fest entschlossen! Nie habe ich Euch um etwas gebeten, und Ihr wisst, dass ich mein Leben sofort für Euch geben würde…“

Königin Leda schluckte. Sollte sie Gladius sein Vorhaben erlauben? Er war ein hervorragender Soldat gewesen, doch war das lange her. Als Schultheiß fehlte ihm die Übung. Und Zelos gehörte zu den besten Kriegern, die Leda kannte. Der ehemalige Oberste galt selbst unter den besten Gardisten in ihren Reihen als fast unbesiegbar.

Da sie spürte, dass sie ihren alten Weggefährten Gladius tief verletzen würde, wenn sie ihm seinen Wunsch versagte, stimmte sie schließlich seufzend zu. „Doch soll der Zweikampf erst am Tag nach dem nächsten Vollmond stattfinden. So hat jeder Zeit, sich in der Schwertkunst zu üben. Auch Zelos soll seine Klinge und einen Kampfpartner im Kerker erhalten.“

Aurora ritt auf den breiten Schultern des Trolls und hatte ihre Hände in die zotteligen Nackenhaare des Urwesens gekrallt wie Zügel.

Nach einigen Stunden bat sie um eine kurze Pause und kam auf die Idee, aus einem Seidenschal eine doppelt so lange Schnur zu binden und diese dem Troll wie ein kleines Reitgeschirr umzulegen, so dass die Prinzessin einen improvisierten Sattel hatte.

Mehr als doppelt so hoch wie auf einem stattlichen Ross bewegte sich Aurora vorwärts. Kein Dickicht, kein Felsgestein, kein Fluss hielt sie auf. Der Troll kannte keine Barrieren, stampfte oder drückte notfalls Hindernisse zur Seite und setzte seinen Weg nach Auroras Anweisungen fort.

Als die Prinzessin am Horizont eine Reiterschar bemerkte, hielt sie den Tross zunächst für „Freie“, aber die Fahnen an den hohen Standarten zeigten das Machtemblem der Metropole.

Aurora jubilierte. Sie hatten es geschafft. Und bisher war von Cassandras Truppenverbänden noch nichts zu sehen gewesen. Doch dann stellten sich einige der Soldatinnen mit ihren Bögen in Kampfformation auf und bereiteten sich vor, einen Pfeilschauer auf den vermeintlich feindlichen Troll prasseln zu lassen. Und selbst, wenn der grobe Riese keine ernsten Verletzungen durch die Geschosse erleiden würde, so reichte bereits ein Treffer auf die junge Dame, um sie zu den Alten Göttern zu schicken.

„Lass mich runter!“, befahl sie und befreite sich aus ihrem selbst gebastelten Sattel. Mit dem Tuch aufgeregt winkend lief sie auf die Uniformierten zu. „Nicht schießen! Ich bin es! Prinzessin Aurora!“

Die Lady wagte viel, denn ohne Deckung bewegte sie sich auf die Frauen zu. Hatten sie sie erkannt oder lief sie in ihr Verderben?

Glorie oder Tod!, grummelte Aurora verbissen. Entweder werde ich mit Glanz und Gloria in die Metropole zurückkehren, oder ich werde auf diesem Felde gespickt mit Pfeilen mein Ende finden!

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