Das Reich der Megara - 57

 

Während sich eine Schar unterdrückte oder bestochene Kleinstaaten um Cassandra sammelten und eine bedrohlich mächtige Streitmacht bildeten, verstärkte Vesta in der Metropole die Wehranlagen an den Grenzen und schickte Trupps in die „Freien Ländereien“, um über genügend Vorwarnzeit zu verfügen, sollte der Feind es wagen, die Metropole anzugreifen.

Besonders die Stadt selbst erhielt eine dickere und höhere Mauer mit Zinnen, Wachtürmen und Schießscharten, mit Verteidigungskatapulten und übergroßen Armbrustmaschinen, die Bolzen in die verfeindeten Reihen jagen konnten, die dick wie ein Baumstamm waren und problemlos sogar einen Troll gefällt hätten.

Vom politischen Geschäft lenkte die junge Königin Vesta sich und die feinen Damen des Hofes mit regelmäßigen Spielen in der Arena ab.

Der Troll war dabei stets der Höhepunkt des Spektakels. Die Soldatinnen hatten ihn mit Hilfe von Stachelbändern, Lanzen und langen Bullenpeitschen dressiert, so dass der Gigant in der Manege wie ein abgerichtetes Äffchen allerlei lustige Kunststückchen vorführte.

Vesta hatte den Troll rasieren lassen und zwei dicke Eisenringe durch seine Brustwarzen stechen lassen, die mit einer Kette verbunden waren, die als Zügel diente. Auch einen fetten Nasenring trug der Troll.

Eine Art von Mutprobe für Freiwillige war, mit der Hand das schwere Eisengewicht zwischen den Beinen des Riesen zu berühren, während der Troll mit seinem Nasenring an einen gewaltigen Bodenring eingehakt war.

Dabei lenkten zwei Mutige das wütende „Vieh“ von vorne ab. Der Troll wischte mit seinen kräftigen Armen nach den Personen, die außer der tödlichen Reichweite um seine Aufmerksamkeit buhlten.

Dabei kniete er mit dem Kopf am Boden. Von hinten war er also für einen dritten Mutigen erreichbar. Doch wehe, der Troll schob dabei seine mächtigen Oberschenkel zusammen oder trat aus!

Der Nervenkitzel war für die Damenwelt auf den Rängen ein Heidenspaß.

Trotz all der Vergnügungen musste Vesta regelmäßig Krisensitzungen mit ihren Duxas halten. Denn die Gefahr aus dem Nordosten wuchs von Tag zu Tag. Cassandra war mittlerweile Herrscherin über ein majestätisches Reich. Und die Metropole sollte ebenfalls befriedet werden.

Neben den vielen Untertanen der angliederten Staaten kamen noch ungezählte Ströme von frischen Sklaven dazu, die im Eilverfahren zu Kämpfern ausgebildet wurden.

Allerdings ahnte Vesta nicht, dass ihr noch eine ganz andere Gefahr drohte: Ihre Schwester Aurora hatte damit begonnen vorsichtig ein Netz aus Intrigen und Bestechung zu spinnen. Sie wollte die Mehrheit der Duxas auf ihre Seite ziehen und mit einem Militärputsch an die Macht kommen. Schließlich stand ihr die Krone zu, war sie sich sicher.

Eine Duxa erwies sich kurze Zeit später dabei pikanterweise als doppelte Verräterin. Sie kassierte von Aurora einen Schweigelohn und gab sie dann doch ihrer Schwester preis.

Des Mittags drangen vier Gardistinnen in Auroras Gemach, in dem sie sich gerade mit zwei Lustsklaven vergnügte.

Grob nahmen sie die Schwester der Königin fest und brachten die zeternde und Drohungen ausstoßende Gefangene in den Kerker unter dem Palast.

Als Aurora von einer Wachfrau erfuhr, wessen sie beschuldigt wurde, war dies keine große Überraschung. Wer sonst, als Vesta in persona, würde es wagen, sie festnehmen zu lassen!? Und das konnte ja nur eines bedeuten: Hochverrat!

„Ich will mit meiner Schwester sprechen! Sofort!“, rief sie hinter den rostigen, dicken Eisengittern und umklammerte das kalte Metall mit ihren feinen Fingern.

Hämisch antwortete die Uniformierte: „Du hast nun gar nichts mehr zu befehlen.“

Sie griff nach der Wandfackel und stiefelte aus dem Gewölberaum, knallte die schwere mit Eisen beschlagene Holztür des Vorraumes zu und ließ Aurora in stockdunkler Nacht zurück.

Durch einen Riss im Gemäuer hörte sie von Ferne Trommelwirbel wie zur Ankündigung einer Bestrafung. Vorsichtig tapste Aurora in der Finsternis umher. In ihrer Zelle gab es keine Möbel sondern nur altes Stroh als Nachtlager. Die Prinzessin fühlte an der rauen Wand entlang und ertastete einige Eisenringe, die in das Mauerwerk eingelassen waren, einige sich klamm anfühlende Ketten und einen Rinnsal Flüssigkeit, das hinablief und auf dem Boden eine kleine Pfütze bildete.

Sie lauschte, wie es in einer anderen Ecke tropfte. Dann erreichte sie wieder die Front ihres Gefängnisses, die aus einer rostigen Gitterwand bestand. Sie sackte an den Stäben zu Boden und schluchzte. Wie hatte Vesta ihren Plan nur herausbekommen?

Es mussten Stunden vergangen sein, da schreckte Aurora aus einem unruhigen Schlaf auf. Sie hockte immer noch an dem Gitter. Ihr verwöhnter Hintern tat ihr vom harten Boden weh. Auch der Rück schmerzte, der gegen die Eisenstäbe gelehnt war.

Aurora horchte in die Stille. Da war doch ein Geräusch gewesen. „Hallo?“, rief sie. Aber sie erhielt keine Antwort.

Dann war es wieder da: ein Scheppern. War hinter der Tür in einem anderen Raum ein Leidensgenosse eingesperrt?

Doch seufzend musste Aurora erkennen, dass die Geräusche von Würfeln stammten: Wachfrauen schlugen beim Glücksspiel mit einem Lederbecher auf den umgedrehten Boden eines Bottichs. Mal waren Jubel, mal verärgerte Ausrufe zu vernehmen.

Wann würde ihre Schwester endlich auftauchen?

Zelos hatte bei weitem noch nicht genug Münzen zusammen, um eine Schmiede bezahlen zu können, doch war ein Anfang gemacht. Nun musste er sich eine Arbeit suchen, bei der er etwas verdienen konnte.

Bald schon fand der ehemalige Oberste von Ledanien einen Zimmermann, der einen Gehilfen benötigte. Doch die Arbeit brachte ihm nicht den erwünschten Lohn.

Wenige Tage später stellte er sich als früherer Kämpfer bei einer Schwerterschule vor. Die Frau in Lederhose und Fransenwams beäugte Zelos von oben bis unten. „Ihr wollt meine Soldaten etwas lehren können?“ Ihre Stimme triefte von Unglauben.

Doch Zelos erhielt seine Chance und überzeugte die Leiterin der Ausbildungsstätte. Sie nickte zufrieden und küsste ihren Anhänger, den sie um den Hals trug und in der Form eines Trollzahnes gestaltet war – oder sollte es etwa ein echtes Exemplar sein?

Zelos erfuhr es nicht. Aber wichtiger war: Von nun an brachte er Jünglingen, die in Helenas Heer aufgenommen werden wollten, den Schwertkampf nahe.

So sparte Zelos, hier als Anonymos bekannt, Münze für Münze. Als er an einem späten Nachmittag in seine preiswerte Unterkunft lief, kam er an einer Gauklerin vorbei, die auf einem kleinen Tischchen vor sich drei gleichgroße Wallnusshälften liegen hatte.

Eine kleine Menschentraube hatte sich vor ihr gebildet. Auch Zelos trat dazu und beobachtete interessiert, wie das Weib mit flinken Fingern die Nussschalen hin- und herbewegte.

Schließlich hob sie eine an und zeigte eine Perle, die darunter lag. Jetzt stülpte sie die Schale wieder darüber, verschob die Nüsse erneut und fragte dann ihr Publikum, unter welcher Nuss sich die Perle wohl befinde.

Zelos verfolgte das Raten eine Weile. Fast immer fanden die Personen die richtige Nuss. Wer wählte, bezahlte vorher einen kleinen Einsatz. Wenn er schließlich auf die Schale zeigte, unter der sich die Perle befand, bekam er den doppelten Einsatz zurück.

So ging es eine Weile hin. Zelos fragte sich schon, wie sich die Gauklerin es sich leisten konnte, so viele Münzen zu verlieren. Aber dann siegte die Neugier, und er spielte mit. Das Weib war zwar schnell, doch Zelos geschulte Augen waren es auch. So verdiente er mehrmals hintereinander das Doppelte seines Einsatzes.

Die Gauklerin seufzte. „Alles oder nichts, sonst bin ich bald arm.“

Zelos schlug ein und schob ihr seinen gesamten Beutel mit Münzen hinüber. All sein Erspartes. Doch würde er nun die Perle finden, hätte er genug Silber zusammen, um eine Schmiede aufsuchen zu können.

Wieder verfolgte er die Schale mit der Perle ganz genau. Am Schluss war er sich absolut sicher. Er zeigte auf die rechte Nuss. Die Gauklerin hob die Schale an…

…und Zelos Unterkiefer fiel hinab. Sie war leer.

Das Weib hob die beiden anderen Nusshälften, und die Perle fand sich unter einer der zwei. Zufrieden grinsend sammelte sie alles Münzen ein und räumte zusammen: „Ich muss weiter. Macht es gut, Fremder. Vielleicht ist Euch das Glück ein anderes Mal hold.“

Entsetzt sah er der Frau nach.

„Betrug!“, rief er. „Du bist eine Schwindlerin!“

Er wollte schon hinterher, doch da war er plötzlich von kräftigen Männern umringt. Zelos blieb nur der Rückzug. Mit hängendem Kopf lief er in seine Unterkunft. Er hatte alles verloren. Die Alten Götter mussten ihn hassen!

Catulus lief zu einer Schmiede und reichte der Handwerksmeisterin das Goldnugget. „Befreit mich aus meinem Keuschheitsgürtel, und er gehört Euch.“

Die Frau beäugte den Klumpen und biss hinein. Zufrieden nickte sie und pfiff laut nach ihren Helfern. Zwei Männer mit nacktem Oberkörper und Stiernacken erschienen. „Befreit den Recken aus seinem Keuschheitsgürtel.“

Die Männer machten sich ans Werk. Zunächst klemmten sie vorsichtig die Schelle zwischen eine Quetsche. Dann machten sie sich mit langen Zangen und Haken über die Vorrichtung her.

Doch der Keuschheitsgürtel leistete erbitterten Widerstand. Plötzlich hörten die Männer hinter sich die Schmiedemeisterin rufen: „Was ist das? Schwarze Magie! Dieser Schurke will uns begaunern! Lasst ab von ihm!“

Die Helfer traten erschrocken zu Seite. Catulus starrte das Weib fragend an. „Was gehabt Ihr Euch denn so?“ Doch dann sah er die Bescherung: Das Nugget war zu einem Kieselstein geworden. „Aber…“ Er wollte seinen Augen nicht glauben.

Die Schmiedin kniff ihre Augen zu schmalen Schlitzen zusammen: „Ich weiß nicht, wie du Schuft das gemacht hast, aber du sollst einen Denkzettel erhalten, der dir solche Untaten austreibt!“

Catulus ruckte und zerrte an der Quetsche, aber ohne den langen Hebel, den ein Helfer in der Faust trug, konnte sich der Jüngling nicht daraus befreien. Sein Gemächt saß fest zwischen den massiven Eisenbacken. „Lasst mich frei!“, forderte er und zerrte weiter. Aber die Schmiedin dachte nicht daran. Sie näherte sich von hinten mit einem glühenden Eisen. „Mal sehen, ob wir das Höschen nicht doch noch abbekommen. Auf ganz besondere Weise. Wenn es heiß genug ist, lässt es sich ganz einfach biegen.“

Catulus flehte: „Bitte, werte Schmiedin! Bitte tut das nicht! Ich wollte Euch nicht betrügen! Mein Wort als Ehrenmann!“

Die Schmiedin gackerte, als habe er einen köstlichen Scherz gerissen. Dann hielt sie das orange aufleuchtende Ende ihres Stabes zwischen Catulus Beinen hindurch gegen seine Keuschheitsschelle. „Nicht bewegen!“, riet sie ihm.

Catulus atmete schnell, flach, riss die Augen auf, drehte den Kopf umher. Seine Hilfe suchenden Blicke zu den Gesellen brachte ihm nur Hohn und Spott ein. Die Nähe zu dem glühenden Eisen war schon heiß genug, aber wenn…

Plötzlich schrie der ehemalige Sklave schrill auf. Die Schmiedin war abgerutscht und hatte seine Pobacke berührt. Es zischte und knisterte in der Luft. Schnell drückte sie ihm einen kühlen Lappen auf die malträtierte Stelle.

„Gnade!“, jammerte Catulus. „Es tut mir Leid! Ich wollte Euch nicht…“

Die Schmiedin fiel ihm ins Wort: „Ruhe! Lasst ihn frei! Er hat seine Lektion erhalten. Und wie ich sehe, war ich nicht die Erste, die seinen süßen Hintern mit dem Eisen verziert hat.“ Sie strich mit ihrem Finger über die Brandzeichen auf seinen Backen.

Wieder zeterte Catulus los, weil er im ersten Augenblick dachte, dass er erneut das heiße Eisen berührte. Hastig zog er sich die Hosen hoch und flüchtete aus der Schmiede. Das Gelächter der Männer begleitete ihn bis in die Gasse.

Am nächsten Tag lernte Zelos einen jungen Mann kennen, den die Schwertlehrerin als Gehilfe eingestellt hatte. Der Jüngling namens Catulus sollte die Schneiden schärfen und die Waffen sauber halten.

„Achte darauf, dass er ordentlich arbeitet“, sagte die Frau an Anonymos gerichtet. Zelos nickte. Er betrachtete den Gehilfen skeptisch. „Du bist sehr gut gekleidet für einen Handlanger.“

Catulus erzählte, dass er früher ein wohlhabender Mann gewesen sei, doch sein Vermögen verloren habe, als er aus einem fernen Reich hatte fliehen müssen.

Zelos fragte, ob er schon eine Bleibe habe, was Catulus verneinte. Zelos schlug vor: „Dann wohne bei mir. Dafür bekomme ich einen Teil deines Lohnes.“

Catulus willigte notgedrungen ein und murmelte: „Aber Kost und Logis! Ich brauche meinen Verdienst. Ich muss dringend einige Silbermünzen zusammensparen.“

Wofür er das Geld benötigte, verriet er nicht.

Einige Tage später erwischte Zelos seinen Untermieter im Adamskostüm, als dieser sich gerade unvorsichtigerweise aus einem Waschzuber erhob, als Zelos in die Kammer kam. „Sieh an! Er trägt einen Keuschheitsgürtel“, wunderte sich der ehemalige Oberste.

Catulus stotterte: „Das… äh… hat einen Grund… Ich trage ihn aus Treue zu meiner Geliebten…“

Zelos lachte humorlos auf: „Unfug! Du bist ein entlaufender Leibeigener aus dem Osten, richtig?“

Catulus seufzte. Sein Bekannter würde ihn doch wohl nicht etwa verraten? Aber an wen? Hier in Helenas Reich war er sicher.

Und zu seiner großen Überraschung hob Zelos – hier als Anonymos bekannt – sein fadenscheiniges Leinengewand. Catulus war sprachlos. Anonymos trug ebenfalls einen Keuschheitsgürtel. „Aber… Wieso… du?“

Zelos winkte ab. „Ich könnte dir nun auch so eine Räubergeschichte erdichten, aber lassen wir es einfach. Ich bin kein Minnesänger oder Troubadour. Wir haben beide dasselbe Problem und brauchen Silber, um eine Schmiede zu bezahlen. Also lass uns fleißig sein und für unseren Aufschluss schuften.“

Die Männer gaben sich die Hand darauf und versprachen, nichts vom Geheimnis des anderen auszuplaudern.

Anonymos und Catulus plagten sich von morgens bis abends in der Soldatenschule. Catulus schliff und polierte Klingen, schleppte Waffen, sortierte sie, versorgte kleine Blessuren der Schüler und garantierte für das Wohlergeben der Leiterin – wie genau, das wollte er Anonymos nicht erzählen.

Anonymos bildete die Kämpen mit Schwert, Lanze, Schild und Morgenstern aus, zeigte ihnen die Kunst des waffenlosen Nahkampfes und lehrte sie einige weiterer Fähigkeiten.

So wuchs der Inhalt ihrer Geldbeutel langsam aber stetig.

Und als sie etwa die Hälfte des Schmiedelohns zusammengespart hatten, war Anonymos von einem Morgen an verschwunden.

Catulus hörte in der Söldnerschule, dass sein Bekannter nicht mehr dort arbeitete. Mit einer furchtbaren Ahnung lief er zurück zu der Kammer und stellte fest, dass auch die wenigen Besitztümer von Anonymos verschwunden waren und…

Catulus wühlte in dem Schrank, wo er seine Ersparnisse versteckt hatte…

Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Der Beutel war weg. „Dieser miese Verräter!“

Zornig zerrte er an seinem Keuschheitsgürtel. „Wann komme ich endlich aus diesem Kerker meiner Männlichkeit? Wann? Ihr Alten Götter! Warum? Was habe ich verbrochen, dass Ihr mich so straft!?“

Frustriert sackte er zusammen. Das Sparen würde wohl wieder von vorne beginnen müssen. „Falls mir dieser Drecksack irgendwo in dieser Stadt über den Weg läuft, drehe ich ihm seinen Hals um!“, knirschte der abstinente Catulus. Der entflohene Liebessklave aus der Metropole war verzweifelt. Er verdammte vor lauter Frust seine Männlichkeit. Was hatte es doch ein Haremswächter aus früheren Jahren gut, dem solche schmerzhaften und unbarmherzigen Gelüste fremd waren!

So vergingen die schweißtreibenden Tage für den entflohenen Sklaven, während Zelos als freier Recke im wahrsten Sinne des Wortes jedem weiblichen Rock hinterher jagte. Mit dem vollen Geldbeutel hatte er sich die Freiheit aus seinem Keuschheitsgürtel und ein edles Gewand erworben.

Bald schon war er unter seinem hiesigen Namen Anonymos als Schürzenjäger verschrien, aber es gab immer wieder Mägde und sogar Damen von Stand, die seinem Charme und seiner Männlichkeit verfielen.

Lediglich musste er aufpassen, dass ihn sein früherer Mitbewohner nicht aufspürte. Und die Sorge vor Entlarvung machte ihm mehr und mehr Sorge.

Doch das Blatt wendete sich, als er eine schicksalhafte Begegnung mit einer Magd namens Insidia, einer unglaublichen Schönheit, die allen Mannsbildern den Kopf verdrehte, hatte.

Natürlich verfiel auch Anonymos dem jungen wollüstigen Weib, doch auch sie verliebte sich in den kräftigen und gestandenen Mann, der mit seinem Eisenschwert so geschickt war wie mit seinem Liebesschwert.

Bald schon waren die beiden ein Paar. Und in Anonymos reifte ein hinterhältiger Plan, wie er Catulus ein für alle mal loswerden könne.

Insidia erschien eines Tages bei Catulus, der noch in der Kriegsschule arbeitete und bezirzte ihn nach allen Künsten der Verführung.

Und trotz der Gewissheit seiner Gefangenschaft in einem Keuschheitsgürtel war er wehrlos gegen die fleischlichen Verlockungen dieses Prachtweibes.

Doch kaum lagen sie gemeinsam in wilden Küssen im Stroh – Insidia hatte leidenschaftlich ihr Kleid aufgerissen, um die gierigen Finger des Jünglings zu spüren – schrie sie plötzlich um Hilfe.

Catulus wusste gar nicht, wie ihm geschah, da standen schon mehrere Krieger um ihn und zerrten ihn grob von der Schönheit weg.

Trotz der Beteuerungen des Burschen, wurde er von Wachleuten unter der Leitung einer Centuria abgeführt und in das Stadtgefängnis gebracht.

In Helenas Reich entwickelte sich zwar in diesen Tagen eine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, doch war diese Entfaltung zunächst ein zartes Pflänzchen. Mannsbilder, die sich etwas zu schulden kommen ließen, mussten noch mit harten Strafen rechnen. Und die Richterinnen glaubten eher einem Weib als einem Manne.

Catulus fand sich in einer Sammelzelle mit Bettlern, Strauchdieben und anderen Strolchen wieder, darunter auch Schläger, Räuber und angeblich sogar Mörder. Hoffentlich würde sich seine Unschuld bald herausstellen, betete er zuversichtlich zu den Alten Göttern.

Doch die Mühlen der Justiz mahlten langsam. Wer weiß, ob es jemals zu einer Anklage kommen würde? Vielleicht sollte er Zeit seines Lebens im Kerker mit diesem lichtscheuen Gesindel verbringen?

Genug Zeit hatte er, darüber nachzugrübeln, warum die Schönheit ihn hereingelegt hatte. Solche Fallen wurden hin und wieder zwar reichen Mannsbildern gestellt, um sie auszurauben – aber er hatte doch nichts!

Während Catulus sich keinen Rat wusste, erzählte Insidia ihrem Anonymos ihre gelungene Tat.

Die beiden fühlten, wie die Hitze in ihnen aufstieg, wie sie sich gern den fleischlichen Gelüsten hingaben. Zelos suhlte sich in der Vorstellung, dass Catulus aus dem Weg geräumt war. Im Keuschheitsgürtel und Gefangener der Stadtwache – dort würde er vegetieren müssen!

Insidia versprach ihm, „dass ich mich darum kümmern werde, dass der Bursche uns nicht mehr die Wege kreuzt. Ich habe Freunde unter den Wächterinnen. Catulus wird bald, ohne vor eine Richterin gebracht worden zu sein, in den Kerker unter Helenas Palast geliefert werden und dort für immer verschwinden.“

Anonymos küsste seine Komplizin leidenschaftlich. „Oh, Insidia. Du bist so teuflisch klug wie schön!“

Nun gab es kein Halten mehr für die beiden Liebenden. Anonymos raffte ungeduldig ihren Rock hoch und stieß sein pochendes Schwert in ihre Vulva, die heiß und nass voller Gier das harte Fleisch empfing.

Schon am nächsten Tag hatte Anonymos eine Idee, wie er künftig mit Insidia Münzen verdienen wolle.

Die beiden gingen zu einer Schmiede und erwarben Dutzende Keuschheitsgürtel. In den Tavernen und Schenken der Stadt ging Insidia in den Folgenächten auf die Suche nach Opfern. Die Schönheit brauchte nicht viel Überzeugungskraft zu leisten, um so manchen Kämpen um den Finger zu wickeln.

Die meist angetrunkenen Mannsbilder waren zu fast allem bereit, um die anmutige Aphrodite zufrieden zu stellen. Daher ließen sich die meisten Recken darauf ein, sich als „Liebesbeweis“ für einen Tag von dem Lockvogel in einen Keuschheitsgürtel stecken zu lassen. Am nächsten Morgen sollten sie dann ihre „Belohnung“ erhalten.

Doch statt der ersehnten wilden Lust mit dem Prachtweib erschien ein angeblicher Bote der Dame, der den Schlüssel der eisernen Hose zum Kauf feilbot. Da der Preis immerhin noch etwas niedriger war als eine Schmiedin zu beauftragen – ganz zu schweigen von der Scham, diese aufsuchen zu müssen – ließen sich fast alle Geneppten darauf ein.

Anonymos und Insidia scheffelten so Beutelweise Silbermünzen und erwarben bald ein hübsches und komfortables Heim mit Dienstboten.

Fast war Catulus vergessen, bis Insidia Wochen später auf ihn zurückkam: „Was glaubst du, was aus dem Sklaven geworden ist?“

Anonymos zuckte mit den Schultern: „Lass es uns herausfinden und ihn besuchen. Kannst du arrangieren, dass wir mit ihm allein sind?“

Insidia nickte langsam und sah ihrem Geliebten tief in die Augen: „Welcher Schalk treibt dich nur hier wieder an?“

Sie sollte es bald erfahren: Anonymos und Insidia hatten eine ganze Stunde mit Catulus alleine, dafür hatten sie mit ein paar Münzen gesorgt.

Als Catulus seine Besucher erkannte, sprang er an das rostige Gitter und brüllte: „IHR? Du verlogenes Biest! Und DU! Du Dieb! Du hast mir… Ihr gehört zusammen?“

Anonymos lachte dreckig. „Und wie du siehst, bin ICH nun derjenige mit dem Brokatstoff. Du dagegen trägst nur noch schmutzige Fetzen am Leib. Ach ja, und einen Keuschheitsgürtel immer noch.“

Insidia hauchte dem Entrüsteten entgegen: „Da dachten wir, wenn du schon Zeit deines kümmerlichen Lebens kein Weib mehr sehen wirst, sollst du zumindest noch ein einziges Mal eines betrachten dürfen.“

Sie räkelte sich vor ihm und öffnete langsam die Schnüre ihres Kleides und nestelte an ihrem Mieder.

Sie kam näher und zeigte ihm ihre blanken Brüste, die sich ihm entgegenreckten.

In Catulus tobte ein Widerstreit. Er wollte dieses Biest wegstoßen, doch genauso drängend war das Bedürfnis, diese wundervollen Brüste zu berühren…

Er streckte sehnsüchtig seine Hände nach ihr aus, doch blieb Insidia stets aus seiner Reichweite und kicherte.

Anonymos griff ihr unter den Rock und knetete obszön ihre Pobacken. „Und DAS sollst du auch wenigstens mit deinen hungrigen Augen verfolgen dürfen…“

Catulus war steif vor Entsetzen. In seinem Keuschheitsgürtel wurde es eng wie nie. Die beiden wagten es, vor ihm…

Er konnte sich nicht bewegen, nicht sprechen, nicht einmal die Augen vor dem verschließen, was sich da an Verlangen und Verlockungen abspielte. Die gleitenden Finger, die sündige Lust, die heiße Leidenschaft, Gekicher…

Ungezähmtes Stöhnen, wilde Bewegungen…

Ein Mahlstrom der Passion…

Dann entlud sich die Hitze vor ihm…

Catulus sah schmachtend und tief gedemütigt, wie das Paar in ihrem außergewöhnlichen Liebesnest ihre Freude teilte und sich an seinem grausamen Schicksal ergötzte.

Als die zwei feixend den Gewölbekeller verließen, in dem sich das Verlies des armen Sklaven befand, brannte es in Catulus Augen. Tränen des Zornes, der Frustration und der Verzweiflung waren ihm die schmutzigen Wangen hinab geflossen.

Dem späteren Gelächter und hämischen Bemerkungen der Wächterinnen zufolge, wussten auch diese Bescheid über seine grausame Vorführung.

In der Dunkelheit plagten Catulus böse Nachtmahre: Umkreist von Wächterinnen, die ihm ihre nackten Brüste entgegenstreckten, die ihn auslachten und Wachmänner, die ihn mit ihrer eigenen Lust bespritzten… Schreiend und mit den Armen abwehrend wedelnd erwachte der Gefangene.

Er war allein in seiner Zelle.

Allein mit seinem Keuschheitsgürtel.

In den Mauern des Vergessens, wie der Kerkerkomplex der Helena auch genannt wurde.

Der Seher Caduceus war bald bis an die Grenze zu Ledanien vorgerückt. Seine Visionen hatten ihn vor einer Begegnung mit einem Troll oder Räuberbanden verschont.

Tief atmete er den Dampf einer geheimen Kräutermischung ein, die über einem kleinen Lagerfeuer siedete. Er musste den genauen Ort des magischen Kristalls kennen, um die Höhle zu finden. Und in dieser Nacht war es soweit.

Er brach auf, um schließlich den Grenzwall von Ledanien zu durchreiten. Die Wachen fragten ihn, wer er sei, wo er herkam und wo er hinwolle.

Caduceus erzählte, dass er Reisender sei, der aus dem fernen Osten komme und an die Westküste möchte, um dort in einem Fischerdorf einen Verwandten zu besuchen.

Der leitende Grenzwächter winkte ihn gegen einen kleinen Zoll an einigen Lanzenreitern vorbei. Der alte Greis war wohl weder Räubergeselle noch feindlicher Spion. Und ein mittelloser Vagabund war er auch nicht; sonst würde er nicht auf so einem edlen Rappen sitzen.

Der Uniformierte kaute auf einer Betelnuss herum und sah dem Reisenden gleichgültig hinterher. Vom Wegegeld würde er wie üblich ein Scherflein in die eigene Tasche stecken.

Caduceus hatte sich genau eingeprägt, wo die Höhle sich befinden sollte. Seine Visionen hatten sich in seinem Hirn eingeprägt wie Brandeisen in nacktes Fleisch. Zu wichtig war seine Mission.

Langsam stieg die Ebene ein wenig an, der Boden wurde steiniger. Der Seher spürte die Nähe zu dem Kristall. Sein Herz schlug kräftig.

Nach einer weiteren Stunde Ritt stieg er von seinem Rappen und führte das Tier eine Weile über unebene Felsformationen, dann hatte er den Eingang zur Höhle erreicht.

Er band den Vierbeiner an einem knorrigen Olivenbaum an und betrachtete den engen Schlitz, der den Eingang zu dem unterirdischen Bau bildete. Teilweise mit Efeu bedeckt, war er für Uneingeweihte kaum zu bemerken.

Caduceus entzündete eine Pechfackel und schob sich mit ihr in den Spalt. Die Luft im Innern war feucht, kühl und stickig. Plötzlich raste etwas auf ihn zu.

Caduceus duckte sich und glaubte schon an die Attacke eines Höhlenkobolds, doch der Angreifer stellte sich als Fledermaus heraus. Beinahe war ihm die Fackel aus der Hand gefallen. Erleichtert stand der Seher wieder auf.

Tapfer trat er tiefer in die Höhle vor. Mit seinem lodernden Licht wischte er von links nach rechts, um den Raum auszuleuchten und sich vor Gefahren zu schützen.

Vielleicht hatten die antiken Magier das Versteck des Kristalls mit Fallen vor Besuchern abgesichert. Langsam stapfte Caduceus Schritt für Schritt tiefer in den Gang vor.

Stalaktiten und Stalagmiten versperrten ihm teilweise den Weg. „Für solche Abenteuer bin ich einfach zu alt“, schnaufte der Greis und quetschte sich an den Tropfsteinen vorbei. Jedes Geräusch, das der Seher machte, schallte und echote laut an den feuchten Wänden der Höhle.

Und als der Eindringling schon erschöpft eine Pause einlegen wollte, erblickte er einen grünen Schimmer. Der Kristall!

Caduceus arbeitete sich weiter vor. Jetzt spürte er auch die Kraft des magischen Steins. Je näher er kam, desto stärker schien der Kristall zu leuchten. Und schließlich stand Caduceus fast ehrfürchtig vor dem geheimnisvollen Brocken.

Er lag auf einem flachen Felsen und strahlte so hell, dass der Seher seine Fackel kaum benötigt hätte. Er hatte sein Ziel erreicht.

Aber wie sollte er den magischen Bann von dem Kristall nehmen?

Er musste zerstört werden, so viel war ihm in seinen Visionen klar geworden. Doch womit? Ob er sich einfach mit einem Fels zerschmettern ließ?

Caduceus rieb sich nachdenklich das Kinn. Wenn sein Versuch misslang, würde er vielleicht von einem Kraftstoß des Kristalls vernichtet werden?

Mitnehmen konnte er den grünen Stein auch nicht. Er saß unverrückbar auf seiner kalten Unterlage fest. Und je näher der Seher dem Kristall kam, desto heller schien er zu leuchten, fast als wolle er den Eindringling abwehren.

Warum habe ich nicht an einen Streitkolben oder ähnliches gedacht!, schalt er sich. Er sah sich in der Höhle um und schwenkte die Fackel. Nirgends lag ein loser Fels.

Aber irgendetwas in ihm warnte ihn auch davor, den Kristall einfach zu zerschmettern. Vielleicht wäre ich des Todes, fürchtete Caduceus. Er beugte sich näher über den grünen Stein und griff danach. Er legte seine rechte Hand über ihn, dann zusätzlich die linke. Der Seher schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine magischen Kräfte.

Die bannenden Ketten mussten dem Leviathan genommen werden, doch dazu musste der Kristall erlöschen. Caduceus murmelte rituelle Formeln und begann zu zittern. Die magische Arbeit kostete ihn alle Lebenskraft. Aber der Schein des Steins wurde schwächer und schwächer… und bevor das Lebenslicht des Sehers erlosch, erstarb das magische Band.

Caduceus brach erschöpft zusammen. Die Magie des Kristalls war erstickt.

Viele Meilen westwärts türmten sich auf dem großen Westozean die Wellen. Ein Sturm wütete und erzeugte weiße Schaumkronen. Der Himmel verdunkelte sich zu einem Grau, verdüsterte sich weiter und war bald fast schwarz. Ein ohrenbetäubender Donner krachte, und ein gezackter Blitz erhellte für kurze Augenblicke grell die schwarzen Wogen. Die See brodelte und dann…

…tauchte ein Monstrum an die Oberfläche, das seit Jahrhunderten auf dem Meeresboden gefangen gewesen war.

Der Leviathan war frei und brüllte so laut, dass das Wasser zu zittern schien. Endlich waren seine Ketten gelöst! Jedes Schiff, das sein Reich zu durchdringen versuchte, würde er gnadenlos in die Tiefe ziehen und zermalmen.

Ein ganzer Tag verging, bis Caduceus Kraft fand, aufzustehen und sich aus der Höhle zu schleppen. Sein Rappe hatte sich von dem Ölbaum befreit und weidete nicht weit auf einer Wiese, durch die ein kleiner Bach floss.

Der Greis wankte schwach und unsicher bis zu dem Wasser und fiel wie leblos hinein, trank gierig das kühle und erfrischende Nass und sammelte langsam wieder Lebenskraft.

Später suchte er Beeren und Früchte und machte sich nach seiner Mahlzeit auf den Weg zu Leda.

Was wird die Königin für Augen machen, wenn sie ihren alten Weggefährten wieder sieht, stellte sich Caduceus vor.

Je näher er der Burg der Regentin kam, desto mehr Kraft durchströmte seinen Leib. Bald schon sah er die Fahnen auf den Türmen der Zitadelle wehen. „Leda“, sagte er zu sich selbst. „Wie habe ich mich nach diesem Wiedersehen verzehrt!“

Als er mit klappernden Hufen seines schwarzen Rosses auf die Zugbrücke ritt und vor dem Fallgitter den Wachen seine Ankunft ankündigte, eilte ein Uniformierter sofort zur Königin.

Kurz darauf erschien Leda persönlich und eilte dem Greis, der vom Pferd gestiegen war, entgegen. „Caduceus! Das uns das Kismet wieder vereint! Wer hätte das gedacht? Die Alten Götter sind uns gnädig!“

Der Seher musste bei Wildbret, erlesenen Früchten, Wein und Mokka berichten, was er erlebt hatte.

Auch Gladius und Nike gehörten neben Abas zu den Auserwählten der Runde und lauschten dem Alchimisten gespannt.

Schaulustige versammelten sich um die Burg und auf den Gängen, um so schnell wie möglich die Neuigkeiten zu erfahren. Unter die Wissensdurstigen gesellte sich auch ein neugieriger Wachmann, der erst seit kurzer Zeit im Dienste der Leda stand.

Er war als mittelloser Flüchtling mit einer Weinhändlerin nach Ledanien gekommen und hatte sich der Streitmacht von Ledanien verdingt. Eisern sparte er nun seinen Lohn. Wofür, verriet er seinen Kameraden nicht. Zu sehr schämte sich Aphron für seinen Keuschheitsgürtel. Aber seine eingesperrte Männlichkeit hatte er für einige Stunden vergessen. Zu sehr fesselte ihn die Ankunft des geheimnisvollen Alten.

Später kümmerte sich Caduceus um den Königsgemahl. „Zelos, dieser Verräter!“, murmelte der Seher. „Vielleicht kann ich in meinen Visionen erfragen, was aus ihm geworden ist.“

Leda winkte ab: „Zelos ist für mich gestorben. Er ist verbannt und so soll es bleiben.“

Caduceus bereitete eine Kräuteressenz und kochte daraus einen Tee für den Genesenden. Dann bestrich der Heiler sein Gesicht mit einer Salbe aus „Drachenblut“, einem Pulver aus Zinnober und Scharlachbeere. Der Greis hielt seine Hände über Abas Stirn und rezitierte Formeln.

Von diesem Tage an gesundete Abas deutlich schneller. Und nicht nur das. Er spürte sogar, wie seine Manneskraft erwachte. Anfangs nur schwach, dann allerdings umso deutlicher.

Leda konnte es kaum glauben und erlebte seit langer Zeit wieder eine Liebesnacht mit ihrem Gatten. Ein Rausch der Sinne durchströmte die beiden in höchstem gemeinsamem Glück. Ihre Leiber und Herzen verschmolzen miteinander in heißer Glut. Anschließend schmiegten sie sich aneinander und schworen sich ewige Treue.

Als Abas eingeschlafen war, weinte Leda still vor Glück. Aber auch aus schlechtem Gewissen, denn nach dem mutigen Duell von Gladius war in ihr erneut ein Verlangen nach dem Schultheiß erwacht. In ihren Träumen durchlebte sie hunderte Male die Leidenschaft im Exil, die sie mit Gladius in vergangenen Tagen erfahren hatte – als sei es gestern gewesen. Doch diese Vereinigung sollte und durfte es nie wieder geben.

In der Liebesnacht des Königspaars stand Caduceus allein am Spitzbogen-Fenster seines Turmes, in dem er eine Kammer bewohnte und schaute in die tiefschwarze Nacht, die heute keine Sterne und nur einen schmalen Neumond zeigte, hinaus.

Plötzlich landete ein Falke am Mauerwerk, schrie und flatterte. Der Seher schloss die Augen. Sofort erschienen ihm verschwommene Trugbilder: Der Leviathan war entfesselt. Keine Armada würde den Alten Kontinent erreichen. Würde das Westvolk eine zweite Invasion versuchen, so würde sie fürchterlich scheitern. Der Drache würde sämtliche Schiffe in ihr nasses Grab ziehen und die armen Seelen verspeisen.

Der Hofalchimist brühte sich eine kleine Menge Schlafmohn, um seine Augen schwer werden zu lassen und begab sich auf sein Nachtlager. Dann blitzte ein Gedanke in ihm auf: Auch im Osten braute sich Gefahr zusammen. Ledanien musste wachsam bleiben. Caduceus würde beim nächsten Vollmond die Alten Götter befragen, ob der Feind bereits auf dem Weg war, die Westküste zu verwüsten…

Nur wenige Wochen später erschienen in ganz Ledanien Barden, die von Caduceus Reise sangen. Ein Mann in grünem Filz und mit Fasanenfeder an seinem Spitzhut spielte laut auf einer abgenutzten Drehleier und gab Verse über einen monströsen und Feuer speienden Leviathan zum Besten, den die Alten Götter als Protektoren des Kontinents vor bösen Dämonen geschaffen hatten.

Ein anderer Minnesänger mit einer Laute verkündete den heldenhaften Kampf zwischen einem Magier und einem bösartigen Drachen, der aus der Unterwelt ausgerissen war. Das Untier sei durch Blitzschläge aus dem Stab des Hexenmeisters besiegt worden und müsse ihm nun dienen, der den geflügelten Lindwurm seit diesem Tage zum Schutze des Kontinents über den Westozean geschickt habe. Keine bösen Mächte oder fremden Völker sollten jemals den Kontinent bedrohen können.

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