Die Marathonfrau (III)

 

Für die Beobachter auf den Hügeln musste es ein bizarres, gleichsam traumhaftes Bild geben, wie Monique und Anke in langweilig kleinen Schritten nebeneinander die Erhebung herunter eilten. Monique mit ihrer schokoladenbraunen Haut und schwarzen Haaren, daneben Anke mit ihrem zwar sonnengebräunten, im Vergleich zu Monique aber eher blassweißen Teint und strohblonden Haaren, beide splitternackt und mit Ketten an Händen und Füßen gefesselt. Nebeneinander laufend in einem absurden Wettkampf.

Albern. Albern und geil sah es wohl für die Beobachter aus, vermutete etwas in Anke.

Aktuell versuchte sich ihr Hirn aber nur mit der Auseinandersetzung zu beschäftigen, in der sie sich gerade befand. Es lief nicht schlecht. Monique lief zwar auch sehr vorsichtig und bemühte sich, dass ihre Füße nicht von den Fesseln verletzt wurden, aber Anke hatte bereits einen besseren Rhythmus gefunden. Sie hatte Monique schon einen Meter abgenommen, das war gar nicht so wenig bei einem solchen Wettstreit.

Sie hatten sich beide wohl denselben Punkt ausgesucht, bei dem sie den Durchbruch durch die grüne Dschungelwand wagen wollten. Direkt neben dem matschigen Ausläufer des Urwald-Baches, den es vermutlich gab.

 

Anke wollte gerade die lästigen Lianen an einem uralten Baum beiseite wischen, als sie eine Bewegung direkt hinter sich wahrnahm. Monique ! Die ehrlose Schlange hatte einfach einen Sprung gewagt, der sie bis zu Anke getragen hatte.

Monique landete an Ankes Schulter und stieß sie direkt in das Sumpfgelände. Anke hatte mit ihren gefesselten Füßen keine Chance, den Sturz zu vermeiden und landete aufklatschend in dem brackigen Wasser. Monique stieß einen Triumphschrei aus und kämpfte sich sofort in den Urwald hinein, während Anke um ihr Leben kämpfen musste.

Sie war viel zu tapfer, um tatsächlich unter solchen Umständen sterben zu können, aber sie brauchte tatsächlich zehn Minuten, bis sie sich aus dem Schlamm und dem Wasser wieder herausgearbeitet hatte.

Und Anke hatte Todesangst gehabt. Ein Moment der Schwäche hätte Tod durch Ertrinken bedeutet.

„Das büßt du, Schlampe“, schwor Anke, obwohl sie noch nie zuvor solche Äußerungen getätigt hatte oder auch nur solche Gedanken gehabt hätte. Aber Monique war von diesem Moment an endgültig ein rotes Tuch für sie.

 

Die gewonnene Zeit hatte Monique natürlich so gut wie möglich ausgenutzt und war bereits ein ganzes Stück von Anke entfernt. Ganz glücklich war sie im Moment aber offenkundig nicht, Anke konnte ihr Wutgeschrei deutlich vernehmen. Vermutlich verhinderte gerade ein dichtes Pflanzenwirrwahr ihr Weiterkommen.

Anke ließ sich nun auch noch die Zeit, ihre Umgebung genau unter die Lupe zu nehmen. Schwer atmend entdeckte sie tatsächlich so etwas wie einen fast ausgetrockneten Bachlauf, an dessen schlammigem Ufer die Dschungel-Vegetation nicht ganz so dicht war. Zwar führte dieser Weg nicht direkt in Richtung des Zieles, aber man konnte rascher vorankommen.

Anke hetzte mit den kleinen, kontrollierten Schritten weiter durch den Schlamm. Sie kam zügig voran, obwohl sie sich in einem weitläufigen Halbkreis bewegen musste, hatte sie schon bald einiges des Abstandes auf Monique aufgeholt. Deren Wutgeheul klang schon viel näher als ein paar Minuten zuvor.

Ein gehässiges Zischen ließ Anke zusammenzucken. Keine fünfzig Zentimeter neben ihr wand sich eine baumdicke, mindestens fünf Meter lange Würgeschlange durch den Matsch und suchte das Weite. Zum Glück hatte sie wohl keinen Appetit.

Anke blieb wie angewurzelt stehen und beobachtete erschrocken die anmutigen Bewegungen des mächtigen Tieres. „Was machst du denn hier ?“, murmelte sie, „ich dachte, ihr wohnt auf Bäumen und wartet dort auf so hilflose Opfer wie mich und Monique.“

Schlagartig wurde Anke durch diese Begebenheit bewusst, dass noch ganz andere Gefahren auf sie in diesem Urwald lauerten, als tückische Baumwurzeln und Monique. Sie beschloss, noch vorsichtiger zu sein, und eilte dann weiter.

 

Längst hätte sie schon nicht mehr sagen können, wie lange dieser Wettlauf bereits dauerte. Eine halbe Stunde nur ? Schon zwei Stunden ?

Anke hatte sich noch nie so erschöpft gefühlt, aber das bedeutete nichts. Sie hatte ihre Kontrahentin fast eingeholt, deutlich hörte sie schräg vor sich die wütenden Bewegungen der dunkelhäutigen Schönheit, die sich wie eine Berserkerin durch das dichte Gestrüpp tankte.

Das Sonnenlicht drang bereits wieder an mehreren Stellen durch das Blätterdach des Urwaldes, das deutete darauf hin, dass die Grenze des Waldstreifens in Kürze erreicht war. Die Bäume standen nicht mehr so dicht, der ehemalige Bachlauf, an den Anke sich gehalten hatte, machte einen scharfen Knick zurück in das Dickicht, hier war die Stelle, an der sie ihn verlassen musste.

Vielleicht zwanzig Meter schräg vor ihr brach in diesem Moment Monique aus dem Unterholz und starrte Anke erschrocken an. Sie konnte sich wohl nicht erklären, wie Anke den erlittenen Sumpf-Fallen-Rückstand wieder fast aufgeholt hatte.

Beide hielten für einen kurzen Augenblick inne, sahen sich an, dann liefen sie sofort weiter auf die letzten Bäume zu, hinter denen der Anstieg zur Zielfahne lag. Anke hätte bei diesem Abstand auf relativ harmlos-gleichförmigem Gelände wahrscheinlich keine Chance mehr gegen Monique gehabt, doch diese war durch das für sie überraschende Auftauchen Ankes so durcheinander, dass sie sich mit ihrer Fußkette an einer an sich harmlosen Baumwurzel verhedderte und mir einem schrillen Schrei zu Boden fiel.

 

Triumphierend trippelte Anke an ihr vorbei und durchbrach das letzte Gestrüpp vor dem freien Aufstieg zur Zielfahne, als sie von Moniques jämmerlichem Geschrei gestoppt wurde.

„Nein ! Oh Gott ! Ahh, ich glaube, mein Knöchel ist gebrochen. Neeeeiiiiiinn !“ Anke stoppte ihre Bewegungen. „Hör bloß nicht auf sie. Es ist ihr letzter schmutziger Trick. Das ist alles“, versuchte sie sich einzuhämmern, aber sie konnte nichts gegen ihre Natur machen.

Sie wandte sich um und sah zu Monique. Verkrümmt lag sie auf der Erde, ihr linker Fuß schien tatsächlich reichlich verdreht zu sein. Sie musste einfach versuchen, ihr zu helfen, die Schergen der Gangsterbosse würden das – wenn überhaupt – nicht besonders zartfühlend tun. Anke hoppelte mit kurzen Schritten zurück zu Monique.

Bei der schokoladenbraunen Schönheit angekommen, registrierte sie sofort das schmerzverzerrte Gesicht der Frau und beugte sich zu ihr herunter. „Was ist denn los, kannst du dich noch bewegen ?“, fragte sie besorgt.

Anke hätte ihrer Konkurrentin diese schauspielerische Leistung wirklich nicht zugetraut. Es war wirklich alles nur Show gewesen, Monique fehlte gar nichts. Als Anke sich arglos über sie beugte, griff die heimtückische Ziege sofort nach Ankes Haaren und zog sie zu Boden. Ehe sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte, kniete Monique schon auf ihrem Rücken und verhinderte jeden Widerstand von ihr. Ankes vor dem Körper gefesselten Hände waren nutzlos unter ihrem Bauch eingeklemmt. Hilflos strampelte sie etwas mit ihren Beinen, konnte damit ihre Widersacherin allerdings nicht abschütteln.

Monique grunzte zufrieden und griff sich einige Lianen, die es hier im Überfluss gab. Ungeschickt aber für den Moment und ihren Zweck ausreichend band sie damit Ankes sowieso schon durch die Fußkette gefesselten Beine vollständig zusammen.

 

Nachdem sie ihr hinterlistiges Werk beendet hatte, stand sie auf und blickte verächtlich auf Anke herab. „Ich lasse mich nicht versklaven, blonde Hausfrau. Viel Spaß noch im Dschungel.“

Als wären diese Worte nicht schon genug der Demütigung gewesen, ließ Monique es sich nicht nehmen, Anke noch verächtlich auf den Rücken zu spucken, bevor sie gemütlich in Richtung Zielflagge davontrabte.

Anke dachte nicht im Traum ans Aufgeben und drehte sich sofort auf den Rücken, um ihre Beinfesselung loszuwerden. Dies gelang ihr erstaunlich rasch, Monique hatte mit ihren eigenen gefesselten Händen nicht sehr viel Sorgfalt anwenden können.

Dieses teuflische Miststück !

Als Anke sich wieder auf die Beine gequält hatte, war Monique schon dreißig Meter von ihr entfernt. Das würde sie auf der kurzen, verbleibenden Strecke nicht mehr einholen können, obwohl Monique sich in der Gewissheit des sicheren Sieges sehr langsam bewegte.

Anke griff sich einen faustgroßen Stein und hetzte so schnell es nur ging zum Rand des Urwald-Streifens. Dort angekommen blieb sie schweratmend stehen. Obwohl Monique so langsam und vorsichtig gelaufen war, musste sie zwischendurch doch noch mal gestürzt sein, denn sie war plötzlich nur noch zwanzig Meter vor Anke. Weit genug, aber immerhin gab das die letzte Chance, auf die sie so gehofft hatte.

Es kam ihr nun zugute, dass sie in ihrer Jugend auch mal Fußball gespielt hatte, so war sie imstande, auch mit ihren gefesselten Händen den Stein zu benutzen. Sie wusste, dass es nur noch diese Möglichkeit gab, sonst hätte sie unwiderruflich verloren. Es missfiel ihr, dass dies ein dreckiger Trick war, aber bislang hatte nur Monique mit solchen Tricks gearbeitet, also durfte sie das auch.

Wie ein Fußballer beim Einwurf holte sie mit ihren gefesselten Händen Schwung hinter ihrem Kopf und schnellte den Stein dann unter dem Einsatz ihrer Körperspannung in Richtung der unfairen Athletin.

 

Es glich einem Wunder, aber Anke hatte tatsächlich das Glück der Tüchtigen. Der Stein traf Monique irgendwo im Bereich Hinterkopf oder Nacken, so genau war das für Anke nicht zu erkennen.

Monique kreischte schrill auf und fiel benommen zu Boden. Sie rührte sich kaum mehr und gab auch keinen weiteren Laut von sich. Anke lief klimpernd los und passierte Monique, als diese sich nun wirklich schmerzerfüllt wieder zu räkeln begann.

„Du-wider-wärtige-miese-Hure“, brachte Monique nur mühsam hervor, als Anke sie ohne weiteren Blickkontakt einfach am Boden liegen ließ und dem Ziel zustrebte. Monique rappelte sich wohl auf und nahm die Verfolgung auf, doch das interessierte Anke nicht mehr. Ihre Augen waren starr auf die rote Fahne gerichtet, die das Ziel darstellte.

Kurz bevor sie die Fahne erreichte, plumpste der Stein weit neben ihr zu Boden, mit dem sie Monique niedergestreckt hatte. Anke konnte schon fast über diesen Versuch lachen. Monique hatte wahrscheinlich nie Fußball gespielt.

 

Oben auf dem Hügel warteten am Ziel wie angekündigt die Leute der Gangster-Bosse. Je zwei vom Shogun und dem Grünen Drachen.

Triumphierend grinsend nahmen die Leute vom Drachen „ihre“ Wettkämpferin in Empfang und freuten sich offenkundig, dass Anke gewonnen hatte. Sofort bekam sie etwas Wasser eingeflößt, einer der Männer befreite sie sogar von ihren lästigen Fußketten.

Als Monique wenige Minuten später das Ziel erreichte, wurde sie weit weniger herzlich empfangen. Die Handlanger des Shoguns hatten einen grimmigen Gesichtsausdruck und packten Monique sogleich unsanft an ihren Armen. Ihre Handschellen wurden so mit ihrer Fußkette verbunden, dass sie nur noch gebückt gehen konnte. Wieder konnte Anke nichts dagegen tun, trotz allem Mitleid mit ihr zu empfinden.

Mit einem äußerst geländegängigen Jeep fuhren die Männer mit den beiden Frauen nun zurück zum Ausgangspunkt des Wettkampfes, wo die beiden Chefs der Banden sie erwarteten.

 

Der Grüne Drache strahlte wie ein Schuljunge, dem ein besonders witziger Streich gelungen ist, der Shogun starrte hingegen so verbittert in die Gegend, als wollte er am liebsten die ganze Welt in den Untergang stoßen. Seine Augen machten Anke wahrlich Angst. Immer, wenn er sie ansah, lag ein scheußlich lauernder und gieriger Ausdruck darin.

„Du hast gewonnen“, sagte der Shogun mit Grabesstimme zum Grünen Drachen. „Hätte ich nicht gedacht. Eine tolle Lady.“ Dabei bedachte er Anke wieder mit einem Blick, der ihr eine Gänsehaut auf dem ganzen nackten Körper bescherte.

Mit einem Kopfnicken deutete er seinen Leuten an, dass Monique nun übergeben werden sollte. Die durch die Fesseln gebückt dastehende Monique wurde zum Grünen Drachen gebracht. Selbst in dieser demütigen Haltung war sie fast so groß wie er.

 

Danach ging alles sehr schnell. Anke wurde zum Lager zurückgebracht, ihre Handschellen wurden auch noch entfernt, endlich war sie wieder frei. Sie durfte sich waschen, bekam zu essen und letztlich auch noch saubere, frische Kleidung. Monique sah sie nicht mehr.

Nach einer kurzen, fast schon rührenden Abschiedsszene von ihrem Peiniger, dem Grünen Drachen, wurde Anke zu dem Hubschrauber gebracht, mit dem der Anführer der Verbrecher sich zumeist bewegte, und ließ sich darin in einen Polstersitz fallen.

Sie wurde nicht mehr gefesselt, nur eine Augenbinde wurde ihr angelegt, damit sie auf dem Flug nicht erkennen konnte, wo sie sich befunden hatte. Ankes Gedanken fuhren während des Fluges wild Karussell, sie konnte all die Geschehnisse überhaupt noch nicht verarbeiten.

Nach kaum eineinhalb Stunden Flug setzte der Helikopter irgendwo auf, Ankes Augenbinde wurde entfernt, und zwei Leibwächter des Grünen Drachen brachten sie aus dem Hubschrauber heraus. Sie sah, dass sie sich an einem Außengelände eines großen Verkehrsflughafens befanden.

Willenlos ließ Anke sich von den beiden Männern in eine Vorhalle dirigieren, dort ließen die Kerle sie stehen, nachdem sie ihr den weiteren Weg gewiesen hatten.

„Dies ist der Flughafen von Hanoi. Dort drüben ist das Haupt-Terminal, deine wichtigsten Unterlagen sind hier.“ Der Typ, der schon bei ihrer Entführung in Da Nang dabei gewesen war, überreichte ihr ein Päckchen, in dem ihr Ausweis, ihre Kreditkarten und noch einige andere wichtige Dinge waren.

„Gute Reise, schöne Europäerin“, grinste er, dann verschwanden die Männer und Anke war allein.

 

Anke fühlte sich wie in einem seltsamen Fiebertraum, als sie sich auf den weiten Weg zum Haupt-Terminal machte. Aus unerfindlichen Gründen hatte sie kein gutes Gefühl dabei, obwohl es so aussah, als sei der Albtraum endlich zu Ende.

Eine Art nervöser Erleichterung nahm von Anke Besitz, als sie nun am Schalter im Terminal des Flughafens von Hanoi stand und darauf wartete, den sofortigen Rückflug in die Heimat buchen zu können.

Der Gedanke, dass sie doch eigentlich vorgehabt hatte, hier noch zwei Wochen Urlaub zu verbringen, kam ihr nach den Geschehnissen im Dschungel absurd und abwegig vor. Alles kam ihr jetzt absurd und surreal vor. Der ganze Aufenthalt hier, der Marathonlauf, die Entführung, der bizarre Wettkampf im Dschungel, ihre Freilassung und Moniques Versklavung...

Sie wollte nur noch weg aus dieser grünen Hölle, so schnell wie möglich zurück nach Deutschland. Ihr Gepäck, das sich noch im Hotel in Da Nang befand, würde sie sich nachsenden lassen, da gab es bestimmt keine Probleme.

Endlich war sie an der Reihe und erkundigte sich nach der nächsten Verbindung nach Mitteleuropa. Sie hatte Glück. Es gab noch freie Plätze in einer BritishAirways-Maschine, die in drei Stunden starten sollte. Mit Zwischenlandungen in Bombay und Kairo würde es sogar direkt nach Frankfurt/Main gehen.

Mit vor Aufregung zitternden Fingern holte Anke ihre Kreditkarte hervor und hielt kurz darauf das heißersehnte Ticket in ihren schweißnassen Händen. Noch drei Stunden bis zum Ende dieses Albtraums.

 

„Wie schön. Ich sehe, wir nehmen den gleichen Flug. Schade, dass ich dich nur bis Bombay begleiten werde.“

Anke zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen, als sie die ihr bekannte Stimme mit dem grauenhaften Akzent hörte. Sie blickte von ihrem Ticket hoch und sah neben sich die Inderin stehen, die den gestrigen Marathon in Da Nang gewonnen hatte. Anke wurde mulmig zumute.

Nicht etwa, dass sie weitere homoerotische Avancen der schlanken Inderin fürchtete, damit würde sie schon klarkommen, aber die Frau kam ihr plötzlich vor wie ihr ganz persönlicher Unglücksbringer. Mit der merkwürdigen Szene in dem Duschraum hatte alles begonnen, so kam es Anke jedenfalls vor.

Und jetzt traf sie die Dame einen Tag später ausgerechnet hier am Flughafen in Hanoi kurz vor ihrer Abreise wieder und würde auch noch das gleiche Flugzeug nehmen wie sie. Das erschien Anke wie ein böses Omen, auch wenn das natürlich völliger Quatsch war. Es war eben ein Zufall, sonst nichts. Das Flugzeug würde schon nicht abstürzen, nur weil die Inderin mit drin saß.

Dennoch wurde Anke unruhig.

„Nun, bis Bombay ist doch schon mal besser als gar nichts, oder ?“, erwiderte Anke mit lieblichem Lächeln und betonte das „gar nichts“ so, dass die Inderin wusste, es würde nichts laufen mit sexuellen Spielchen. Darauf war ihr nun wirklich die allerletzte Lust gründlich vergangen.

„Entschuldige mich, ich muss mich dringend frisch machen.“ Das war nicht einmal gelogen, Anke glühte geradezu. Sie machte sich auf den Weg zu den Toilettenräumen.

 

„Was bin ich denn auf einmal für eine hysterische Kuh ?“, überlegte Anke, während sie mit kaltem Wasser ihr Gesicht erfrischte. Im Spiegel über dem Waschbecken blickten ihr die müden eigenen Augen entgegen. Kein Wunder, sie hatte in der letzten Nacht nicht viel geschlafen.

„Gefangen wie ein Tier“, erinnerte Anke sich mit Schaudern. Aber wovor hatte sie jetzt eigentlich noch so unbestimmbare Angst ? Ihr konnte doch nichts mehr passieren. Man hatte sie freigelassen, in drei Stunden würde sie im Flieger über den Wolken sitzen und morgen vielleicht schon über alles lachen.

Gut, lachen würde sie wohl eher nicht, allein schon, weil sie an das Schicksal von Monique würde denken müssen.

Klar, die Ziege hatte unfair und mit harten Bandagen gegen Anke gekämpft, aber deshalb gönnte Anke ihr trotzdem noch lange nicht das traurige Dasein als Sklavin in dem Bordell von dem grünen Drachen.

Anke nahm sich vor, so viel wie möglich für Monique zu tun, zumindest erst einmal die Behörden über die Vorgänge zu informieren. Allerdings erst, sobald sie sicher zurück in Deutschland war.

Sie fühlte sich unwohl allein in dem großen Sanitärraum, in dem jedes Geräusch mehrfach von den gekachelten Wänden widerhallte.

Prustend beugte sich Anke noch einmal tief über das Waschbecken und kühlte mit dem herrlich eisigen Wasser auch ihren Nacken. Das vertrieb kurzfristig alle trüben Gedanken und diffusen Ängste. Sie fühlte sich schon viel besser, als sie ihr Gesicht abtrocknete und die Tür quietschen hörte.

 

„Hallo Täubchen, willst du uns etwa wirklich davon fliegen ?“

Eiskalt lief Anke eine Gänsehaut über den gesamten Körper. Die Stimme gehörte einem der Leibwächter des Shoguns.

Anke wollte herumwirbeln und um Hilfe schreien, da wurde sie auch schon von rauen Händen gepackt und ihr Oberkörper wurde wie von einem Schraubstock umklammert. Eine Hand wurde auf ihren Mund gepresst, und nach Sekundenbruchteilen war Anke völlig bewegungsunfähig und konnte keinen Laut mehr von sich geben.

Es musste der Glatzkopf sein, der hinter ihr stand und sie festhielt, denn an der Tür stand der andere Bodyguard vom Shogun mit einem riesigen Rollkoffer. Damit verbarrikadierte er gerade den Eingang. Der Typ grinste schmierig.

„Weißt du, was der Grüne Drache dir zu erzählen vergessen hat ? Dass der Shogunein extrem schlechter Verlierer ist. Spielschulden sind Ehrenschulden, keine Frage. Das sieht unser Boss auch so. Er hat verloren. Monique und das unwichtige Etablissement gehören jetzt dem Grünen Drachen. Aber unser Chef möchte wenigstens einen Trostpreis. Der Trostpreis bist du.“

Anke wand sich im eisernen Griff des anderen Gorillas, aber sie konnte nichts tun. Hilflos umpfte sie in die Hand, die ihr den Mund zuhielt.

„Du hast unseren Boss so schwer beeindruckt, dass er nicht mitansehen kann, wie du einfach verschwindest. Er möchte dich haben. Und was er haben möchte, bekommt er für gewöhnlich auch. Deswegen sind wir hier, um dich von deiner unsinnigen Reise abzuhalten.“

Er verzog die Mundwinkel wie ein Wolf seine Lefzen.

„Du bist auch viel zu warm angezogen. Bei uns darfst du immer nackt herumlaufen.“

 

Plötzlich rüttelte jemand an der Tür versuchte, den WC-Raum zu betreten. Der Leibwächter am Eingang brüllte irgendetwas auf Vietnamesisch, dann war Ruhe. Anke konnte sich nicht bemerkbar machen, so sehr sie es auch versuchte.

„Es wird Zeit, hier zu verschwinden“, hörte Anke die Stimme des Glatzkopfes an ihrem Ohr. „Lass uns die Kleine hübsch verpacken und dann los !“ „Du hast recht“, sagte der Türwächter gelangweilt, „wir müssen los.“

Er zauberte aus seiner Hosentasche ein Instrument hervor, das wie ein einfacher Kolben aussah. Der Injektionsdorn, der vorn ein kleines Stück herausragte, zeigte Anke jedoch deutlich, wofür das Gerät vorgesehen war.

Ein letztes Mal bäumte sich Anke vergeblich in dem brutalen Griff des Glatzkopfes auf, dann spürte sie schon den Einstich an ihrem nackten Oberschenkel. Sekunden später verschwamm die Flughafentoilette vor ihren Augen und sie verlor das Bewusstsein.

Anke bekam nicht mehr mit, dass ihre Arme und Beine fest verschnürt wurden, ein Knebel in ihrem Mund fixiert wurde, und die Männer sie in dem großen Rollkoffer verstauten, in dem Anke schließlich aus dem Flughafen-Terminal geschafft wurde.

 

 

Eine Woche später

 

 

Es war wieder so weit. Die Erotik-Bar des Shoguns würde in wenigen Minuten geöffnet werden, daher wurde Anke wie jeden Abend von den Angestellten des Lokals in die Mitte des großen Raumes geführt.

Ihre Bekleidung bestand einzig und allein aus wildledernen Overknees und einem schwarzen Cowboy-Hut, der einen hübschen Kontrast zu ihren hellblonden, langen Haaren herstellte. Die Asiaten standen auf dieses billige Outfit, wahrscheinlich, weil sie sich der Illusion hingeben konnten, Anke sei eine gefangene westliche Amazone. Ankes strahlend blonde Haare waren allein schon eine Sensation in dieser Gegend.

Wie immer wurde Anke auf dem drehbaren Podest zwischen zwei Säulen angekettet, die Arme nach oben gestreckt, die Beine gespreizt. Das Podest würde sich den ganzen Abend lang langsam drehen, so dass jeder Besucher der Bar sie immer wieder von allen Seiten betrachten konnte.

Der Clou der ganzen Angelegenheit war jedoch ein kleiner Kasten mit mehreren Drehreglern, der neben dem Podest stand. Um diesem Apparat Sinn zu geben, musste Anke erst „präpariert“ werden, bevor der Betrieb losging.

Wie meistens übernahm diese Aufgabe auch an diesem Tag der Chef höchstpersönlich. Nachdem Anke sorgfältig angekettet war, betrat der Shogun den Raum und näherte sich seiner wehrlosen Gefangenen. In seinen Händen trug er einen Doppeldildo und verdrahtete Saugnäpfe.

Anke kannte die Prozedur mittlerweile und ließ sie klaglos über sich ergehen. Proteste halfen ihr so oder so nicht weiter.

Langsam und erstaunlich zartfühlend führte der Shogun den gut eingefetteten Doppeldildo in Ankes Scheide und ihren Po ein, bevor er ihn an ihrer Hüfte mit einem Gurt fixierte. Die Saugnäpfe fanden ihren Platz auf ihren Brustwarzen, dann war auch schon alles fertig.

Beendet wurden die Vorbereitungen mit einem Test des Gerätes, der die funkgesteuerten Dildos und Saugnäpfe zur Aktivität bringen konnte. Der Shogun drehte an zwei Reglern, die Saugnäpfe vibrierten an Ankes Brüsten und stimulierten ihre Nippel mittels Unterdruck. Anke machte ein Hohlkreuz und blickte an die Decke der Bar.

Der Shogun drehte die Regler zufrieden in die Ausgangsstellung zurück und drehte an den anderen beiden Reglern. Sofort begannen die Dildos in Anke gleichmäßig und ruhig zu vibrieren. Stufenlos konnte die Intensität der Stimulation geregelt werden. Der Shogun begnügte sich mit sehr feiner Dosierung. Eine Hüftbewegung Ankes zeigte dem Shogun, dass auch hier alles mit dem Gerät in Ordnung war. Wie immer lächelte er der Attraktion seines Ladens hinterhältig zu, streichelte sanft über Ankes Hintern und verließ den Raum wieder.

 

Anke wusste, dass sie den ganzen Abend lang diese Gefühle erdulden musste, denn dieses Gerät war der Grund dafür, dass das Geschäft so gut lief.

Für eine nicht gerade geringe Gebühr durfte nämlich jeder Gast, der sich daran versuchen wollte, für fünf Minuten diese Regler bedienen. Wem es gelang, sie so geschickt zu bedienen, dass Anke ein lustvolles Stöhnen entlockt wurde, hatte für den Rest des Abends alle Getränke frei. Es erklang immer ein höchst respektvolles Gemurmel im Saal, wenn jemand wieder so gekonnt Ankes Lustzentren angeregt hatte, dass sie nicht anders konnte, als lustvoll zu stöhnen oder gar zu schreien. Eigentlich blieb es erstaunlich ruhig im Publikum an den Abenden. „Würde man so etwas auf St. Pauli machen“, hatte Anke schon oft gedacht, „würden die Leute vor Belustigung gröhlen und klatschen.“ Hier in Asien waren selbst die sexhungrigen Nachtgäste sehr viel dezenter.

Dennoch waren es diese Momente, in denen sie ihre Erregung nicht mehr verbergen konnte, die unangenehmsten überhaupt. Sie hätte es noch vor einer Woche nie für möglich gehalten, aber es war so, dass sie die Zurschaustellung ihres Körpers vor wildfremden Menschen und die dabei erfolgende Stimulation durch die Dildos und Saugnäpfe als äußerst erregend empfand.

Schon zweimal war sie an solchen Abenden sogar zum Orgasmus gekommen. Dennoch schämte sie sich dafür, ihre Lust so öffentlich zeigen zu müssen. Das war fast das einzige, was sie noch ernsthaft störte.

Hatte sie sich schon im Lager des Grünen Drachen rasch an ihre Nacktheit gewöhnt, war sie mittlerweile auch völlig einverstanden damit, dauerhaft gefesselt zu sein. Seit einer Woche war sie rund um die Uhr immer in irgendeiner Weise gefesselt oder angekettet, es störte sie längst nicht mehr so wie am Anfang, sie fand sogar Gefallen daran.

Es schockierte Anke, wie schnell sie sich mit ihrem Schicksal als Gefangene angefreundet hatte. Sie wollte noch immer fliehen, weg von diesen Banditen, die sie wie ein Haustier hielten, zurück nach Hause, aber sie ahnte, dass dieses Abenteuer ihr Leben für immer verändert hatte.

Sie würde sich von nun an immer danach sehnen, eine Gefangene sein zu dürfen. Nackt und wehrlos dem Willen anderer ausgeliefert.

Anke schüttelte die Gedanken ab.

 

An sich hatte sie Glück im Unglück. Sie wurde längst nicht so übel behandelt wie sie es befürchtet hatte. Tagsüber musste sie wie andere Sklavinnen des Shogun in der Küche helfen, sauber machen oder sonstige Arbeiten erledigen, nach ihrem nächtlichen „Auftritt“ wurde sie in einem nicht einmal unbequemen Bett angekettet und durfte immer lange ausschlafen.

Und das Wichtigste war : der Shogun hatte angeordnet, dass ihr nichts grundlos angetan werden durfte, woran sich alle hielten.

Anke durfte weder vergewaltigt, noch geschlagen oder sonstwie misshandelt werden. Auch zu essen und zu trinken bekam sie regelmäßig und reichhaltig. Der Shogun wollte seine blonde Attraktion in jeder Hinsicht unversehrt behalten.

Trotzdem hoffte Anke, dieser Situation entrinnen zu können. „Wenn mir das nicht bald gelingt“, dachte sie, „werde ich mich selbst verlieren und gar nichts anderes mehr wollen als das hier.“ Und das durfte nicht wahr sein. Das war doch nicht ihr Leben.

Anke seufzte und betrachtete gelangweilt die Scharen lüsterner Gäste, die nach der Öffnung des Eingangs in die Bar strömten und sie wie ein berühmtes Gemälde in einem Museum anstarrten.

Zwei Stunden später war es wieder einmal so weit. Ein krummbeiniger kleiner Mann an den Reglern des Gerätes reduzierte genau im richtigen Moment die Stimulation von Ankes Brustwarzen und verstärkte dafür die Vibrationen in ihrem Po so perfekt, dass sie nichts mehr aufhalten konnte.

Wie in Trance ließ Anke ihre Hüften kreisen, riss in Ekstase an ihren Fesseln und brüllte ihren Orgasmus in die Weite des Schankraumes hinein. Ein anerkennendes Raunen aus Dutzenden von Kehlen war die Antwort der Gäste.

Der Krummbeinige grinste selbstzufrieden und das Podest drehte sich leise surrend weiter, so dass jeder der Anwesenden in Ankes verschwitztes, erschöpftes Gesicht blicken konnte.

 

Plötzlich war vom Eingangsbereich her Lärm zu vernehmen. Das war nicht selten, oft standen draußen frustrierte Menschen, die keinen Platz mehr bekommen hatten und denen der Eintritt in die überfüllte Bar verwehrt werden musste.

Doch dieser Krach klang anders, irgendwie gefährlicher, das registrierte Anke trotz ihres Zustandes sofort. Auf einmal waren auch Schüsse zu hören und die Unruhe unter den Gästen wuchs. Anke hob ihren Kopf und konnte aufgrund der Position des Podestes gerade nur den Krummbeinigen sehen, der ihr diesen intensiven Höhepunkt beschert hatte, was er ohne diese Apparatur wahrscheinlich nie geschafft hätte, wie sie angeekelt konstatierte.

 

Er blickte mit aufgerissenen Augen in Richtung des Eingangs, den Anke gerade nicht sehen konnte. Wildes Getrampel war zu hören, die Gäste gerieten in Panik, zwei weitere Schüsse fielen, der Mann an dem Apparat zuckte, sein Kopf schwankte von rechts nach links, er schaute Anke mit bereits brechenden Augen an und sank tot zu Boden.

Die Besucher der Bar flohen in wilder Hysterie und atemberaubender Geschwindigkeit. Dann kehrte Ruhe ein. Das Podest hatte sich so weit gedreht, dass Anke jetzt den Eingang der Bar im Blick hatte. Mindestens zehn Leibwächter des Grünen Drachen standen dort, mitten unter ihnen der Boss selbst, der nun den Schalter betätigte, der das gemächlich drehende Podest zum Stillstand brachte.

Die Stille, die nun herrschte, war gespenstisch. Das einzige Geräusch, das noch zu vernehmen war, war das gleichmäßige Summen des Vibrators in Ankes Po.

Der Grüne Drache ging gemessenen Schrittes zu dem Apparat und stellte ihn aus. Anke war erleichtert.

Der Banden-Chef betrat das Podest und stellte sich dicht vor die angekettete Deutsche.

 

„Es tut mir leid. Wirklich.“ Er sprach so leise, dass Anke ihn kaum verstehen konnte. „Der Shogun war ein gemeiner Schurke, genauso wie ich. Aber es gibt selbst unter Leuten wie uns eine Art von ungeschriebenem Ehrenkodex, den niemand verletzen darf. Er hat es trotzdem getan und ich hätte es ahnen müssen. Ich stehe in Ihrer Schuld.

Ich habe überhaupt nur von seinem würdelosen Vorgehen erfahren, weil gestern einer meiner Leute hier in der Bar war und Sie gesehen hat. Es war zufälligerweise derjenige, der neulich den Wagen steuerte, in dem Sie entführt wurden. Er hat Sie sofort erkannt und mir diesen ungeheuerlichen Verrat des Shoguns gemeldet.

Vielleicht ist es eine kleine Genugtuung für Sie, wenn Sie wissen, dass ich dem Shogun vor zehn Minuten die Kehle aufgeschlitzt habe. Er wird Ihnen nie wieder etwas antun können.“

Anke konnte ihre eigenen Gedanken kaum mehr sortieren. Was für ein Irrsinn ! Zwei ostasiatische Gangsterbanden-Chefs hatten sie zum Spielball ihrer perversen Wetten gemacht, jetzt stand sie hier nackt und angekettet vor einem der beiden, der ihr beichtete, gerade den anderen ihretwegen umgebracht zu haben – das war doch alles vollkommen absurd !

„Bitte, ich will einfach nur hier weg“, war alles, was sie hervorzubringen imstande war.

„Natürlich“, antwortete der Grüne Drache und griff nach den Manschetten, die Ankes Hände an den Säulen festhielten. Er zögerte kurz, blickte sie noch einmal von Kopf bis Fuß an, und entschied sich dann lieber dafür, zuerst den Gurt von ihrer Hüfte zu lösen, der die beiden Zapfen in Ankes Unterleib gehalten hatte.

Anke entfuhr ein leises Seufzen, als der Grüne Drache den Doppeldildo aus ihrem Intimbereich entfernte. Er übergab ihn einem seiner Leibwächter. Anke wollte lieber gar nicht erst wissen, was er damit noch anstellen wollte.

Nachdem er Anke dann von allen Fesseln befreit hatte, betastete er voller Vorfreude die Säulen, an denen sie angekettet gewesen war und untersuchte die Saugnäpfe für die Brustwarzen-Stimulation. „Ich glaube, dies wird der perfekte Arbeitsplatz für Monique“, murmelte er mehr zu sich selbst als an Anke gerichtet.

Ankes Mitleid mit Monique hielt sich in Grenzen. Es gab weitaus schlimmere „Jobs“ als diesen auf der Welt.

 

 

Wieder war Anke mit dem Hubschrauber des Grünen Drachen zum Flugplatz von Hanoi gebracht worden, diesmal hatte der Flug nur deutlich länger gedauert. Die Bar des Shoguns hatte sich wahrscheinlich in seinem Heimatland Kambodscha befunden, aber letztlich war Anke das auch völlig egal. Nach Hause. Alles verarbeiten, falls das überhaupt möglich war. Weg aus dem Dschungel. Das war wichtig.

Diesmal blieben drei Männer vom Grünen Drachen bei ihr, bis sie auf ihrem Platz in der Maschine nach Frankfurt saß. Die Typen hatten sogar die Sicherheitskontrollen am Flughafen passiert, waren mit Anke in den Jumbo gekommen und hatten alle Passagiere genau unter die Lupe genommen. Die Leute des Grünen Drachens waren offenbar bekannt und geduldet wie gefürchtet in Vietnam.

Die hauptsächlich europäischen anderen Fluggäste empfanden es als beängstigend, von bewaffneten Zivilisten im Flugzeug beäugt zu werden, doch die Aufregung legte sich, als die Kerle endlich zufrieden waren und die Boeing verließen. Diesmal drohte Anke wohl keine Gefahr mehr.

Planmäßig hob die Maschine ab und rauschte schon Minuten später über den grünen Urwald, in dem Anke so seltsame Abenteuer hatte erleben müssen. Bei einem Blick aus dem Fenster bekam sie eine Gänsehaut.

 

Anke lehnte sich zurück und schloss die Augen. Sie wusste, dass sie sowieso nicht schlafen konnte, aber versuchen wollte sie es zumindest. Merkwürdige schrille Geräusche und ein Rütteln in der Kabine ließen ihre Aufmerksamkeit wieder erwachen. Lange waren sie noch nicht in der Luft, höchstens zwei Stunden.

Anke sah aus dem Fenster und erkannte mit leisem Schrecken, dass aus einem der Triebwerke dunkler, fast schwarzer Qualm strömte. Die anderen Passagiere wurden auch aufmerksam und unruhig. Die Stewardessen rannten von einem zum anderen und beruhigten alle so gut sie konnten.

Es dauerte noch zwanzig Minuten, dann kam die Durchsage aus dem Cockpit. „Meine sehr verehrten Damen und Herren, leider haben wir technische Schwierigkeiten, wie Sie vielleicht schon bemerkt haben. Bedauerlicherweise ist es daher nötig, einen ungeplanten Zwischenstopp in Bombay einzulegen. Machen Sie sich bitte keine Sorgen, es kann nichts passieren.“

Anke wurde nervös, obwohl sie keine Angst verspürte. Sie war Vielfliegerin und kannte sich einigermaßen aus. Diese Kisten waren so konstruiert, dass sie sogar nur noch mit einem statt vier Triebwerken absolut steuerbar waren. Abstürzen würden sie so schnell nicht.

Aber ausgerechnet Bombay. Bombay war es, was ihr Magenschmerzen bereitete. Sie wusste auf Anhieb gar nicht genau, warum eigentlich.

 

Fünfzig Minuten später setzte die Maschine auf dem Rollfeld in Bombay auf, und die Bordgäste konnten ohne Probleme herausgeführt werden.

Die Enttäuschung folgte eine Stunde später. Es gab nur eine Lautsprecherdurchsage im Wartebereich.

„Für alle Fluggäste des Linienfluges XK 37453 von Hanoi nach Frankfurt am Main. Aufgrund technischer und organisatorischer Probleme gibt es keine Möglichkeit für eine Weiterreise vor dem morgigen Abend. PanAm entschuldigt sich ausdrücklich und zahlt selbstverständlich alle Kosten, die für die Übernachtung entstehen. Hilfen und Hinweise am Info-Stand im Vorraum unseres Terminals. Vielen Dank.“

Anke lächelte. Es hätte schlimmer kommen können. Nach den Erlebnissen der letzten Tage war sie sowieso schon viel entspannter als die meisten Mitreisenden, die zusammen mit ihr dem Informations-Schalter entgegen strebten. Die aufgeregt schnatternden Touristinnen bedachte sie mit kaum einem Blick. Was diese nun für ein „Abenteuer“ hielten, war für Anke nicht mehr als ein Komma im dicken Buch des Lebens.

 

Warum ihr Bauch bei der Nennung des Städtenamens Bombay so warnend reagiert hatte, wurde ihr in der Warteschlange vor dem Info-Schalter klar. Mit halbem Ohr hörte sie den Klagen der nordhessischen Hausfrauen vorn in der Schlange zu, als sie plötzlich jemanden sah, mit dem sie gar nicht mehr gerechnet hatte.

Die schöne Inderin, die den Marathon in Da Nang vor ihr gewonnen hatte, wäre fast eiligen Schrittes an ihr vorbei marschiert. Kaum nahm sie Anke allerdings wahr, blieb sie wie angewurzelt stehen und kam sogleich strahlend auf sie zu.

„Das gibt’s doch nicht, wo kommst du denn jetzt her ?“, freute sie sich aufrichtig. „Ich hatte befürchtet, ich würde dich niemals mehr wiedersehen, warum bist du denn plötzlich hier in Bombay ? Und warum bist du nicht in dem Flugzeug gewesen, das mich hierher brachte ?“

In Ankes Kopf ruckelte alles durcheinander, sie wusste absolut nicht, wie sie der Inderin begegnen sollte nach allem, was geschehen war. Aber eines war klar. Zweimal hatte sie der Inderin zu entkommen versucht, zweimal war sie kurz danach Opfer einer Entführung geworden. Sowohl kurz nach der Szene im Duschraum des Stadions von Da Nang, als auch nach der Situation im Flughafengebäude von Hanoi.

Vielleicht durfte Anke schlichtweg nicht mehr versuchen, der Inderin zu entkommen. Ein Wink des Schicksals eben. Anke ließ sich auf diesen Gedanken ein und lächelte honigsüß zurück. „Meine Güte, lass uns doch einen Kaffee zusammen trinken gehen, dann erzähle ich dir alles“, erwiderte Anke und trabte mit der Inderin zum nächsten Starbucks.

Beeindruckt betrachtete Anke ihre Begleiterin. Die großgewachsene Inderin trug Business-Outfit, ein schlichtes aber elegantes Kostüm, das so gut geschnitten war, dass es den gertenschlanken Körper der Läuferin gekonnt betonte. An den Füßen trug sie hochhackige Pumps, in denen sie mit ihren langen Beinen erstaunlich sinnlich gehen konnte. Sie war einfach eine atemberaubend schöne Frau.

 

Es brauchte mehr als einen Kaffee und ein Baguette, bis Anke mit ihrer Erzählung fertig war. Die Inderin, die sich mittlerweile mit dem Namen Asha vorgestellt hatte, glotzte an mehreren Stellen der Geschichte ungläubig, aber interessiert.

„Und ... du hattest wirklich einen Orgasmus, kurz bevor ... ?“, fragte Asha beeindruckt. Anke zuckte mit den Schultern. „Den hatte ich nicht freiwillig. Der Typ an den Reglern spielte so geschickt mit meinen Empfindungen, dass einfach nichts anderes ging.“

„Du standest nackt und gefesselt vor einer Horde wildfremder Menschen !“, bohrte Asha weiter und hatte dabei einen raubtierhaften Ausdruck in ihren schönen schwarzen Augen. Anke bemerkte diesen Ausdruck, aber sie hatte sich innerlich sowieso schon auf die hübsche Inderin eingelassen.

„Es ist ein unglaublich erotisierendes Gefühl, wehrlos und nackt vor unbekannten Menschen zu stehen. Kannst du dir das nicht vorstellen ?“

Asha lächelte verschmitzt und hintergründig. „Doch, das kann ich durchaus“, erwiderte sie leise und zog aus ihrer Handtasche ein Paar Handschellen, die sie vor Anke auf den Tisch legte.

„Wenn du möchtest, kannst du diese Nacht gern bei mir zu Hause verbringen“, bot Asha mit rauchiger Stimme an.

 

Keine zehn Minuten später saß Anke mit Asha auf der Rückbank eines Taxis und genoss die gierigen Blicke des Fahrers im Rückspiegel, der sichtbar begeistert beobachtete, wie Asha die Hände Ankes mit den Handschellen auf ihrem Rücken fixierte.

„Wie lange dauert Ihre Schicht eigentlich noch ?“, wurde er von Asha gefragt.

Anke sah das Lächeln auf dem Gesicht des Taxifahrers, zog probeweise an ihren Fesseln und genoss das Kribbeln zwischen ihren Schenkeln, das immer stärker wurde.

 

 

ENDE

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Kommentare

...du hast an dem Rennen die Lust verloren und wolltest es nur noch schnell zu Ende bringen. Dann meldet sich die Angst, es gibt ein Farina-typisches Ende: Die Protagonistin verschwindet spurlos. Angenehm überrascht liest man dann mehrere (unwahrscheinliche, aber gut geschriebene) Wendungen.

Am Rande noch ein Anachronismus: Es war nie möglich, mit PanAm nach Bombay zu fliegen und dort ins Starbucks zu gehen, weil PanAm längst pleite war, bevor Starbucks ins Ausland expandierte. Aber das nur als Detail :)

Insgesamt ist mir dieser Teil zu routiniert, kühl und distanziert. Technisch wie immer tadellos. Trotzdem: Die ersten zwei Teile haben mir besser gefallen. Daher diesmal nur fünf Sterne.

hatte ich noch das Gefühl, es mit dem großartigen Beginn einer nicht minder großartigen Erzählung zu tun zu haben. Dann las ich von den plattformbedingten "Zusammenfassungen" und ahnte schon, was sich nunmehr bestätigt hat: "Nur" eine Kurzgeschichte - aber eine richtig gute! Gemessen an manch anderem Zeug eine 10-Sterne-Story, aber Analphabetentum kann nicht der Maßstab für Geschichtenschreiber sein. Gemessen an Teil 2 und den darin vorhandenen Ansätzen von mir nur 5 Sterne für diesen Schluss. Eine Bereicherung ist die Autorin für dieses Archiv aber auf jeden Fall (naja - eher die Geschichten, denn wer stellt sich schon Autorinnen in ein Archiv ... außer Absolutist vielleicht *g*).

Ich rühme die Ausdauer und das fehlerfreie Schreiben des Textes. Der Inhalt kann mich nicht beeindrucken.

Tut mir leid für den 1 Stern

aber leider fur mich ein blödes ende mit zu wenig sex ich würde mich freuen über eine neue geschichte vielleicht mit die beiden scxhönen sportlerinnen Image removed. sonst sehr guten noten von mir