Die Unterwerfung des Innenarchitekten - Kapitel 6 bis 10

 

Kapitel 6 Vorbereitungszeit

„Zu dir oder zu mir?“

Michael fragte sich, ob Alina die Anspielung bewusst war, die sie da gerade gemacht hatte.

Michael war davon ausgegangen, dass es in ihrer Wohnung stattfinden würde. Aber er hatte auch nichts dagegen, es bei sich zu machen. Er hatte seine Wohnung gerade neu eingerichtet, hatte einen großen Esstisch aus rustikalen Schiffplanken gekauft, der richtig teuer gewesen war. Der Designer hatte ihm sogar den Namen des Schiffs genannt, von dem es stammte und das jahrelang im karibischen Meer gefahren sein sollte. Passend dazu sechs antike Stühle, die er aus Portugal hatte importieren lassen. Ebenfalls sündhaft teuer. Der Rest des Zimmers (Wände, Decke, Fliesen, Teppich) war komplett in dem gehalten, was seine Putzfrau „weiß“ nannte.

„Weiß? Weiß nennen Sie das? Das ist doch nicht weiß!“, hatte er sich echauffiert, als sie das Ensemble zum ersten Mal gesehen hatte und nicht in Ehrfurcht erstarrt war. Michael hatte sich so auf ein ehrliches Feedback, also ein überschwängliches Lob gefreut. Er hatte wochenlang nach der perfekten Kombination gesucht.

„Ist das nicht weiß? Was dann?“

„Das ist Elfenbein!“

„Elfenbein? Wie der Zahn vom Elefanten?“

Michael war ernüchtert. „Genau. Wie der Zahn vom Elefanten. Oder wie Perlen vor die Säue!“

Seine Putzfrau wusste das alles immer noch nicht zu schätzen. Sie zeigte auf den ebenfalls elfenbeinfarbenen Teppich, der von glücklichen Kindern in Pakistan in einer Manufaktur handgeknüpft worden war, wie ihm ein Zertifikat versicherte, und meinte:

„Wenn Sie mit Ihren Schuhen darüber laufen, ist der nicht lange elefantenweiß.“

„Machen Sie sich darüber mal keine Sorgen!“

Michael hatte noch nie an diesem Tisch gegessen. Er selbst kochte nicht, aß außerhalb oder ließ sich von allen Lieferservices der Umgebung sein Essen bringen. Er schmierte sich manchmal ein Butterbrot mit Käse oder Wurst, aber das aß er in seiner sündhaft teuren Küche.

Er hatte also noch keine Gelegenheit gehabt, sein Esszimmer irgendwem zu zeigen. Eigentlich hatte er nicht so viele Freunde. Schon gar nicht solche, die man zum Essen einlud oder solche, die seinen Geschmack zu schätzen gewusst hätten. Und selbst wenn er solche Freunde gehabt hätte und sie ein Seminar belegt hätten, um zu erkennen, was er da gezaubert hatte, dann hätte er für sie nicht kochen können. Weil er das einfach nicht kochen konnte.

Er war kein Eremit und nicht unbedingt ein Einzelgänger, aber nachdem er seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert hatte, war ihm bewusst geworden, dass er langsam zu alt war für Nächte in Clubs und Saufereien. Dazu kam, dass seine Freunde einer nach dem anderen Familien gegründet hatten, heirateten, Väter wurden. Die Saufkumpane waren ihm abhandengekommen. Neue wollte er sich keine suchen, und so hatte er den Entschluss gefasst, sich auf seine Karriere zu konzentrieren. Also arbeitete auch er mehr. Wobei Arbeit bei ihm eben darin bestand, sich im Internet über die neuesten Trends in der Ausstattung von Räumen zu informieren. Das war das A und O in seinem Gewerbe. Man musste wissen, was gerade in war und welche neuen Entwicklungen es gab. So vergingen schon mal ein paar Tage, in denen er sich mit nichts anderem beschäftigte als ultraflachen Membran-Lautsprechern, die man unsichtbar in den Wänden versenken konnte. Und dann vergingen noch einmal Tage damit, diese mit Soundbars zu vergleichen. Um wirklich kompetent zu sein in diesen Dingen, musste er natürlich Erfahrungen aus erster Hand sammeln. Also ging auch schon mal ein Nachmittag beim Hi-Fi-Spezialisten drauf, um sich beraten zu lassen, und ein weiterer, wenn die Boxen dann in seine Wohnung eingebaut wurden. Michael hatte nicht das Gefühl, seine Zeit zu vertrödeln. Er kam allein ganz gut zurecht. Das bezog sich nicht nur auf seine Freunde, sondern auch auf Freundinnen und Beziehungen. Sie waren ihm einfach zu kompliziert geworden. Viele Frauen in seinem Alter hatten bereits so schrecklich konkrete Vorstellungen vom Leben, vom beruflichen Erfolg und von der Familie. Die Frauen waren nicht mehr so locker wie mit Anfang zwanzig. Sie entschlossen sich nicht mehr spontan, mit ihm eine Weltreise zu machen. Stattdessen hatten sie ausgearbeitete Pläne in der Tasche, bis wann sie was erreicht haben wollten, damit sie das nächste Ziel in Angriff nehmen konnten. Und wenn sie ihn aufforderten, seine Pläne für das Leben zu benennen, dann fühlte er sich jedes Mal hilflos. Denn er hatte einfach keine konkreten Pläne. Klar wäre es schön, wenn er erfolgreich wäre. Aber das konnte er ja schlecht sagen. Laut der Biographie, die er anderen erzählte, leitete er ja schon eine erfolgreiche Agentur. Aber Frauen reichte das nicht mehr. Heutzutage war es nicht genug, Carpe Diem als Lebensmotto zu formulieren. Man musste als Frau drei Kinder wollen und gleichzeitig die Karriere managen. Und die passenden Männer mussten auch schrecklich erfolgreich sein.

Auch in sexuellen Belangen stand er nicht unter Druck. Er hatte das Internet, zwei gesunde Hände, und wenn er mal so richtig viel Verlangen hatte, dann ging er zu einer Prostituierten. Oft war das noch nicht vorgekommen, aber er hatte es ein paarmal versucht. Andern gegenüber würde er das allerdings vehement abstreiten. Darauf gekommen war er nach der Lektüre eines Zeitungsartikels, in der es um Zwangsprostitution ging. Hängen geblieben war bei ihm, wie viele Männer gemäß der Statistiken einer Frauenrechtlerin diese Dienste in Anspruch nahmen: Jeder dritte Mann, hatte er gelesen! Da kam er sich fast als Versager vor, dass er in dieser Hinsicht keine Erfahrung hatte. Also war er mal zu eines der besseren Bordelle in der nächsten Stadt gefahren. Es war ungewohnt, vor allem der Gedanke, dass man es mit einer Frau trieb, die das alles nur für Geld tat und für ihn nichts übrig hatte. Aber wenn er ehrlich war, hatte er als reicher Sohn einer Bau-Dynastie auch schon Frauen in der Disko aufgegabelt, die auch nichts anderes von ihm wollten als sein Geld. Den großen Unterschied sah er da nicht. Die Prostituierte machte ihm in der Beziehung jedenfalls nichts vor.

Allerdings hatte er sich bisher nur Blümchen-Sex gekauft, wie man so sagte. Seinen missglückten Versuch mit dieser Mistress Jasmin verbuchte er nicht unter Sex, sondern unter totalem Reinfall.

Sein neues Leben weitgehend ohne Frau und Freunde war also kein Trauriges. Er war mit sich vollkommen im Reinen. Was er vermisste, war der Zuspruch für seine innenarchitektonischen Meisterwerke wie die elfenbeinfarbene Essecke mit dem Schiffswrack-Tisch.

Michael dachte an die reichen Familien, die sich von ihm ihre Wohnung einrichten ließen, und die er zum Essen zu sich einladen würde. Denen musste er etwas bieten. Oder wenn er seine eigene Familie einlüde, um ihr zu verkünden, dass er das erste Mal so richtig schwarze Zahlen geschrieben hatte mit seinem Unternehmen. Seiner Familie würde er etwas bieten müssen. Natürlich waren diese schwarzen Zahlen mit der Anschaffung der Essecke in weitere Ferne gerückt, denn das alles war ihm dann doch etwas teurer gekommen, als er sich das ausgerechnet hatte. Aber man musste ja vorsichtig sein.

Michael war also einverstanden damit, das Essen bei ihm abzuhalten. Alina hatte versprochen, sich um alles zu kümmern, und Michael hatte seinen Nachmittag damit verbracht, bei Villeroy und Bosch nach einem Ess-Service zu suchen, das zu dem Tisch passte. Porzellan in Elfenbein hatte Villeroy und Bosch allerdings nicht im Programm, und so musste er mit Eierschalen-Grau vorlieb nehmen. Er hoffte, dass diese winzige abweichende Farbnuance nicht zu sehr auffallen würde. Für seinen geschulten Blick hingegen war es ein Dorn im Auge. Aber die meisten seiner Bekannten bezeichneten alles als weiß, was nicht grau war.

Michael freute sich auf den Abend. Er mochte Alina. Kein Zweifel. Sie war keck, vorlaut, charmant. Er hätte sie nicht unbedingt als schön bezeichnet, aber definitiv als hübsch. Er kannte Frauen, die gebildeter waren, aber sie war ja auch noch jung. Sie schien ihm unerfahren, vielleicht sogar provinziell, aber daraus machte sie ja auch keinen Hehl. Sie war jung. Das war sie in der Tat. Zu jung für ihn? Circa zehn Jahre jünger.

Er fand, dass sie miteinander noch kompatibel waren. Ältere Männer und jüngere Frauen, das passte.

Als sie schließlich bei ihm klingelte, da war er schon ein wenig aufgeregt, als hätte er ein richtiges Date. Dabei war es ja nur diese kleine, vorlaute Studentin, der er in seiner großherzigen Hilfsbereitschaft beim Umzug geholfen hatte.

Er fühlte sich ein wenig overdressed in seinem weißen Hemd (nicht in Elfenbein und auch nicht in Eierschalen) und dem Boss-Anzug, als er ihr öffnete. Sie stand da in Jeans und T-Shirt mit einem Korb voller Lebensmittel.

„Gerade noch einen Termin gehabt oder hast du dich für mich so in Schale geworfen?“ fragte sie. Michael nahm die Gelegenheit gerne wahr, seine übermäßig schicke Kleidung herunterzuspielen und meinte:

„Komme gerade von einem Unternehmer, der sich sein Haus von mir einrichten lassen will! Puh“, seufzte er. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie anstrengend manche Leute sind! Die Leute wollen einfach keinen guten Geschmack entwickeln, egal wie sehr man versucht ihnen zu erklären, warum dies oder das ein No Go ist!“

„So schlimm?“, fragte Alina, und Michael glaubte, aufrichtiges Mitleid herauszuhören. Er war froh, dass die Geschichte nicht ganz erfunden war, denn in der Tat gab es diesen Unternehmer, der keinen Geschmack hatte und beratungsresistent war. Die Geschichte war nur schon ein paar Monate her und so schlimm war es dann auch nicht gewesen. Aber immerhin: Michael war bereit, diese Anekdote in all ihren schillernden Details zu erzählen. Zu wenige Leute zeigten Interesse für seine Sorgen und die Probleme, die er zu lösen hatte.

Sie gingen in die Küche und Alina übernahm die Initiative, als wäre das ihre eigene Küche. Sie packte die Zutaten aus, kramte in seinen Schubladen nach Messerchen und Schüsseln. Michael ließ sie machen.

Erst einmal allerdings wechselte Alina das Thema:

„Ich hoffe, du magst vegetarisch. Ich habe nämlich vegetarisch geplant.“

Das fing ja schon gut an, dachte Michael, sagte aber:

„Vegetarisch ist super. Ich esse auch immer weniger Fleisch. Und wenn dann nur bio. Ich wusste gar nicht, dass du Vegetarierin bist!“

„Bin ich eigentlich auch nicht. Aber ich will’s mal ausprobieren.“

„Klar, absolut. Ich kann auch nicht ertragen, wie die Tiere behandelt werden. Antibiotika im Fleisch, und dann all das Methan in der Luft, das das Klima kaputt macht!“

„Ehrlich gesagt esse ich schon ziemlich gern so ein richtiges Steak. Das ist doch was Geiles, wenn es noch so ein bisschen rosa ist!“

„Medium rare!“, warf Michael ein. „So mag ich es auch am liebsten…“, und bremste augenblicklich seinen Enthusiasmus, um seine Glaubwürdigkeit nicht zu gefährden: „Also, wenn ich mir mal eines gönne. Passiert aber immer seltener!“

„Ganz genau! Aber ich dachte mir, jetzt wo ein neuer Lebensabschnitt anfängt hier in der Stadt, da versuche ich mal was Neues. Kein Fleisch! Zumindest manchmal. Versuche ich zumindest. Was meinst du?“

Michael meinte eigentlich nichts dazu. Es war so eine Sache, die man eigentlich machen könnte. Aber es würde ein zu großes Opfer erfordern. Aber er spielte politisch korrekt mit:

„Ich versuche mich auch zu ändern. Ich esse beispielsweise keinen Thunfisch mehr, seit sich eine Dokumentation gesehen habe, was die mit den Delfinen machen!“ Das war sogar nur zum Teil gelogen. Michael aß keinen Thunfisch, weil er den schon als Kind nicht gemocht hatte.

Michael aß einfach zu gerne und alles, was ihm der Lieferservice brachte. Aber er kannte natürlich auch die Regeln, und die besagten, dass man sich mittlerweile um die Herkunft der Lebensmittel und das Leid der Rinder, Thunfische und Hühner Gedanken machte. 

„Thunfisch liebe ich! Da werde ich immer schwach!“, meinte Alina, und Michael, der zwar einen guten Eindruck machen wollte, aber auch nicht zu sehr wie ein Moralist rüberkommen wollte, war froh, dass er nicht den Öko-Aktivisten mimen musste.

„Es gibt ja immer noch diesen Thunfisch, der an der Leine geangelt wird. Für den muss kein Delfin sterben.“

„Ach wirklich? Wusste ich gar nicht“, meinte Alina, und Michael war zufrieden, dass er in dieser Sache einen Wissensvorsprung hatte.

„Der ist was teurer, aber den gibt’s auch in Dosen. Musst du mal drauf achten!“

„Mache ich!“

Damit war das Thema fürs erste durch.

Aline verlangte von Michael irgendwelche Schüsseln, und er stellte ihr die hin. Er nahm ihr Lob für seine tolle Küche dankbar zur Kenntnis, auch wenn Alina offensichtlich keine Ahnung hatte und die exklusive Arbeitsplatte aus lombardischem Schiefer nicht würdigte, dafür aber den Dampfgarer, den er noch nie benutzt hatte, und der ihm nichts bedeutete. Ideal war ihr Sachverstand also nicht, und so eine tolle Köchin konnte sie nicht sein, wenn sie die Utensilien nicht einmal genau kannte.

Kapitel 7 Vorlautes Dinner

Alina freute sich auf den Abend. Im Moment lief alles nach Plan. Der Umzug war reibungslos abgelaufen, besser als sie erwartet hatte. Sie war noch nie umgezogen. Umso zufriedener war sie mit der Reibungslosigkeit, mit der ihr Umzug vonstattengegangen war. Sie hatte das alles gut geplant. Monate vorher hatte sie schon Pläne gemacht, hatte Listen angefertigt, was sie mitnehmen wollte, was sie in welcher Kiste verstauen wollte und in welcher Reihenfolge sie die Dinge ein- und auspackte. Sie hatte sich gut vorbereitet. So gut, dass ihre ganze Familie sich über sie lustig gemacht hatte.

Überhaupt ihre Familie. Sie war froh, von der wegzukommen. Ihr ganzes Leben lang hatte sie die um die Ohren gehabt. Mit zwei kleinen Brüdern, die sie zwar oft mochte, die öfter aber vollkommen unerträglich waren. Sie bezeichnete ihre Brüder als ADHS-Monster.

Alina hatte ihre Schulkameradinnen beneidet, die sofort nach dem Abi weggezogen waren und sich eigene Wohnungen gesucht hatten. Für sie selbst hatte das keinen Sinn gemacht, denn ihr Arbeitgeber lag drei Straßen weiter. Warum hätte sie da umziehen sollen? Ihre Eltern waren froh, dass sie blieb. Nicht zuletzt, weil Alina damit auf die beiden kleinen Brüder aufpassen konnte. Im Gegenzug musste sie kein Kostgeld abgeben. Es war ein Arrangement, mit dem beide leben konnten. Zu Beginn zumindest. Irgendwann hatte es Alina aber nur noch genervt. Dass sie nie ihren Frieden hatte, kein bisschen Privatsphäre, weil ihre kleinen Brüder nervten, Krach machten, immer wieder ungefragt in ihr Zimmer platzten. Zu den unpassendsten Zeiten.

Es ging einfach nicht mehr. Am Ende zählte sie die Tage bis zum Ende ihrer Ausbildung und zum Beginn ihres Studiums.

Und schließlich war da noch ein weiterer Punkt, der wie ein Klotz an ihrem Bein hing. Ihr Freund, mittlerweile Ex-Freund. Der war ein lieber Kerl, immer gut zu ihr gewesen, immer nett und freundlich. Für ihren Geschmack und nach den mittlerweile fast drei Jahren, die sie zusammen waren, zu lieb, zu nett, und zu freundlich.

Wenn sie schon als spießig galt, dann war er eine Wohnzimmerschrankwand aus Eichenholzimitat. Sie hatte das mal gut gefunden. Dass er so beständig und berechenbar war. Dann aber nervte er sie nur noch.

Sie hatte also Schluss gemacht. Es hatte ihn hart und unerwartet getroffen, aber so war das Leben halt. Es bot keine Sicherheit. Egal, wie wenig man im Leben riskierte, man konnte sich nie sicher sein, dass einen nicht die Freundin verließ, weil sie die Langeweile nicht mehr ertrug.

Sie hatte sich dabei definitiv nicht gut gefühlt.

Er hatte ihr die Schuld gegeben, und sie hatte das akzeptiert. Ihre Worte „liegt nicht an dir, ich habe mich verändert. Lass uns nicht so auseinandergehen. Wir können ja Freunde bleiben“ klangen blöd und waren ihr im Nachhinein selbst peinlich. Aber was anderes als Floskeln fiel ihr auch nicht ein.

Nun war Alina also frei von ihrem ganzen Ballast. Kein trauriger Job, keine neurotische Familie, kein einschläfernder Freund mehr. Sie war frei. Frei in der großen Stadt zu tun, was sie wollte, selbst die Dinge in die Hand zu nehmen.

So stand sie nun in der schicken Küche ihres neuen Nachbarn, der zu verkörpern schien, was ihr fremd war. Und sie lobte seinen Dampfgarer. In ihrer Familiengeschichte spielte der Dampfgarer eine kleine Rolle. Nach einem Asienurlaub hatte ihre Mutter so von Reis und gedünstetem Essen geschwärmt, dass sie unbedingt einen Dampfgarer anschaffen wollte. Ihr Vater hingegen empfand das als herausgeschmissenes Geld und ein weiteres unnützes Gerät, das nur Platz wegnahm. Am Ende hatte dieser Disput sich ausgeweitet, war eskaliert und so lange angedauert, bis das Verlangen nach Reis aus dem Dampfgarer erloschen war, aber bleibende Schäden in der Familiengeschichte angerichtet waren. Es war lächerlich.

Das war so eine kleine Anekdote der Spießigkeit ihrer Familie. Aber Alina hatte daraus gelernt, was ein Dampfgarer war und welche Vorteile er bot. Zwischenzeitlich hatte ihre Mutter so sehr die Vorzüge für ihre Gesundheit hervorgehoben, dass die Frage nach dem Dampfgarer eine um Leben und Tod wurde. Scheinbar gab es keinen besseren Weg, die flüchtigen Vitamine im Gemüse am Leben zu erhalten. Und ihr Vater hatte daraufhin, um nicht weniger lächerlich zu sein, jedem Familienmitglied ein Röhrchen mit Multivitamintabletten auf den Tisch gestellt. Es war hoch hergegangen, und Alina hatte an diesen Diskussionen sogar teilgenommen. Heute war ihr das peinlich.

Nun war sie in der neuen Welt, stand in einer Küche, in der ganz beiläufig ein Dampfgarer sogar in die Einbauküche integriert war. Wenn das nicht der Unterschied zwischen ihrem kleinbürgerlichen Leben und der kosmopolitischen Offenheit des Großstädters war!

Sie erzählte Michael diese Anekdote, und er schmunzelte:

„Ich habe das Ding noch nie benutzt! Hab’s mir aufschwatzen lassen. Im Nachhinein hätte ich lieber ein Weinregal an der Stelle gehabt.“

Sie konnte es nicht glauben.

„Du hast das Ding noch nie benutzt? Wahnsinn! Wir müssen unbedingt mal zusammen Reis und Gemüse dünsten!“

„Auf jeden Fall!“, stimmte Michael enthusiastisch zu, und da wurde Alina bewusst, dass sie schon ihre gemeinsame Freizeit plante. Aber Michael schien daran keinen Anstoß zu nehmen:

„Ich kenne einen großartigen Asia-Laden, da gibt es handgemachtes chinesisches Porzellan! Und du bekommst dort die beste Fischsauce.“

Okay, warum nicht? Einen Insider, der ihr die Geheimtipps der Stadt zeigen konnte, das war genau das, was Alina brauchte. Michael schien in dieser Hinsicht hilfsbereit. Er schien entspannt zu sein, ein wenig unkonventionell, für ihren Geschmack etwas zu materiell. An Statussymbolen schien er Gefallen zu finden. Seine Wohnung war geschmackvoll eingerichtet, das musste man ihm lassen. Es fanden sich nicht viele Möbel oder Einrichtungsgegenstände darin, aber die wenigen kamen umso mehr zur Geltung. Das war anders als die Wohnungseinrichtung, die sie kannte. Die Dinge schienen hier zusammenzupassen. Ihre Eltern hatten auf so etwas nie geachtet. Da wurden Möbel einfach irgendwohin gestellt. Was zusammenpasste und was nicht, war nie eine Frage. Hier lag auf jeden Fall eine Idee zugrunde.

Ein wenig verursachte er ihr Minderwertigkeitskomplexe, denn sie musste erkennen, dass sie außer „schön“ keinen klugen Satz zu dem Stil der Wohnung sagen konnte. Sie hatte einfach keine Ahnung.

Es half auch nichts, dass er ihr drei verschiedene Weine vorschlug, und sie keinen Plan hatte, für welchen sie sich entscheiden sollte. Sie wählte am Ende den Merlot, und Michael meinte, dass das eine sehr gute Wahl gewesen sei, und dass sie offensichtlich etwas von Wein verstünde. Sie nahm an, dass er ihr schmeicheln wollte, und sie fand das in Ordnung.

Alina hatte einen grünen Salat geplant, eine vegetarische Bolognese und zum Dessert einen Fruchtquark. Sie war zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Bio-Supermarkt und begeistert gewesen.

Es gab also viel zu tun. Alina kochte gerne, und wenn ihre Brüder sich einigermaßen benahmen, dann kochte sie auch mit denen zusammen. Sie übernahm dann immer das Heft des Handelns und dirigierte. Knapp, präzise, auf den Punkt. Nur so konnte das gehen.

Da Michael ziemlich offen zugegeben hatte, dass er keine Ahnung vom Kochen hatte und die ganze beeindruckende Kücheneinrichtung nur Fassade war, übernahm sie also das Kommando und dirigierte Michael in dieser fremden Küche.

Es stellte sich schnell heraus, dass Michael sich ungeschickter anstellte als ihre jüngeren Brüder.

Es reichte nicht, ihm zu sagen, er solle das Nudelwasser aufsetzen. Sie musste ihm auch den Topf zeigen und erklären, wie viel Wasser er einfüllen musste. Die Tomaten schnitt er zu klein, die Möhren zu groß. Die Zwiebeln schnitt sie lieber sofort selbst.

Schon bald kommunizierte sie nur noch in der Befehlsform.

Michael machte es nichts aus, dass das so Mädchen, das ein Jahrzehnt jünger als er war, ihm sagte, was er tun solle. Im Gegenteil, er war sogar sehr folgsam, widersprach nie, tat, wie ihm geheißen.

Das war Alina schon fast ein wenig unheimlich, denn sie war es nicht gewohnt, so reibungslos zu kochen. Ihre Brüder stellten doch immer ihre Kompetenz in Frage, spielten mit dem Essen oder fuchtelten mit den Küchenmessern vor dem Gesicht des anderen herum.

Michael hingegen war friedlich, gehorchte, widersprach nicht. Er akzeptierte, dass sie das Sagen hatte.

Eigentlich nett, dachte Alina. Ein Typ, der einfach den Mund hält, wenn es angebracht ist, und tut, was er soll! Diesen Gedanken hatte sie allerdings formuliert, bevor sie bemerkte, dass sich in Michaels Schritt eine ziemliche Beule gebildet hatte. Doch bevor sie sich darüber empören konnte, hatte ihr loses Mundwerk dazu schon einen Kommentar abgelassen:

„Sag mal, hast du die Salami gesehen?“

Michael war verwirrt. „Welche Salami? Ich dachte, hier ginge alles vegetarisch zu. Gibt es vegetarische Salami?“

Nun war es zu spät. Sie hatte es angesprochen, jetzt musste sie es auch durchziehen. Alina zog es nun durch. Alina kramte zwischen dem Gemüse, öffnete den Kühlschrank, suchte in den Schränken, während Michael ihr perplex zusah.

„Was für eine Salami?“

Michael wusste wirklich nicht, was Alina meinte. Sie hatte keine Salami mitgebracht, Salami war nie ein Thema gewesen.

Vielleicht war das eine Metapher. Wie die Salamitaktik zum Beispiel. Vielleicht eine Anspielung. Er kratzte sich am Kopf.

„Ach, da ist sie ja!“

Alina zeigte auf seinen Schritt, in dem es in der Tat lang und hart geworden war.

„Naja, eher ein kleines Würstchen, aber immerhin!“ Sie lachte.

+ + +

Michael wurde erst bleich und im nächsten Moment knallrot.

Er war ertappt!

Verdammt!

Aber wie war es dazu gekommen?

Während Alina ihm all diese Koch-Anordnungen gab, hatten seine Gedanken sich selbständig gemacht. Was sollte man bei solch banalen Aufgaben wie dem Schneiden von Tomaten auch anders machen? Er hatte sich stattdessen seine eigenen Gedanken gemacht und sich vorgestellt, wie sie lautlos in seine Küche gekommen war, als er sich gerade eine Pizza aus dem Tiefkühlfach in die Mikrowelle stellen wollte.

„Du willst mir so einen Fraß anbieten?“, rief sie, und er zuckte vor Überraschung zusammen und drehte sich schuldbewusst zu ihr um.

„Natürlich nicht!“, hatte er gestammelt. „Die Pizza war für mich!“ Es war eine abwegige Fantasie, das gab er gerne zu. Aber auf die Schnelle fiel ihm nicht mehr ein. Es waren einfach diese ganzen Befehle, die sie ihm um die Ohren haute. Er konnte ja auch nichts dafür!

Sie sah atemberaubend aus, wie sie da stand in einem knappen schwarzen Rock, schwarzen Strümpfen, die in hochhackigen schwarzen Pumps steckten. Darüber eine glänzende schwarze Bluse, die gefährlich viele Knöpfe geöffnet hatte. Darunter konnte er einen spitzenbesetzten BH ausmachen. Ihre blonden Haare waren streng zu einem Dutt gebunden. Die Lippen in einem kräftigen Rot angemalt.

Sie strahlte Autorität und Überlegenheit aus. Aber leider nur in seinen Vorstellungen.

In der Realität trug Alina Jeans, ein T-Shirt und Chucks. Nicht sehr erotisch.

„Du wolltest dir also irgendeinen Fertigdreck reinpfeifen, bevor du mir was anbietest?“

„Nein, natürlich nicht. Das wollte ich nicht.“

„Und warum hast du dann diese Plastikpizza in der Hand?“

„Naja… die… ist… ich weiß auch nicht!“

„Du weißt auch nicht?“

Ihre Schuhe knallten auf seinen Küchenfliesen aus Naturstein, als sie mit ausladenden Schritten und einem kriminell scharfen Hüftschwung in die Küche kam und sich auf einen Barhocker aus massivem, gebürstetem Edelstahl schwang. 

Er starrte Alina mit offenem Mund an.

„Du wirst mir jetzt was zu essen machen! Und ich werde dich beaufsichtigen. Offensichtlich kann man dich ja nicht allein lassen, oder?“

Er senkte den Kopf schuldbewusst.

„Oder?“, blaffte sie. „Kannst du nicht antworten?“

„Doch, natürlich!“

„Na also! Und wie lautet jetzt die Antwort?“

Er sah sie fragend an.

„Auf meine Frage!“

„Oh… Nein, man kann mich nicht allein lassen.“

„Man kann dich nicht allein lassen! Du sagst es ja selbst!“

Sie schlug die Beine übereinander, und Michael starrte mit offenem Mund auf sie. In seiner Hose war es eng geworden, und sie hatte das bemerkt.

„Du stehst auf sowas, habe ich Recht?“

Er reagierte nicht.

„Antworte gefälligst!“

Er nickte.

„Du lässt dich gerne herumkommandieren! Du bist so einer von denen!“

Er wusste nicht, wie er reagieren sollte, also nickte er wieder stumm mit gesenktem Kopf. Anblicken konnte er sie nicht. Sie hatte einfach zu viel Autorität.

„Du bist so eine armselige Gestalt!“

Sie lachte ihn aus, und er stand da wie ein kleiner Schuljunge.

„Mir ist nach einem Salat. Den machst du mir jetzt! Da ist eine Salatgurke im Kühlschrank. Außerdem zwei mittelgroße Tomaten.“

„Jawohl“, murmelte er, holte die verlangten Teile und stand unschlüssig vor ihr.

„Küchenbrett, Messer, und dann hockst du dich hier vor mir auf den Boden!“

„Sofort!“, murmelte er und kam sich wie ein Dienstbote vor.

Dann stand er da, immer noch mit seiner gefrorenen Pizza, einem Holzbrettchen, einem Küchenmesser, der Salatgurke und den zwei Tomaten.

„Hier auf den Boden, vor mir!“, befahl sie ihm. Mühselig stellte er die Sachen vor sich auf den Boden.

„Weißt du was, deine Pizza, die macht doch ein wunderbares Sitzkissen!“

Er sah sie entgeistert an.

„Aber die ist doch noch gefroren!“

„Umso besser!“

Er konnte es nicht fassen.

„Los jetzt! Wenn du dich nicht beeilst, dann lasse ich dich deine Hose ausziehen, und dann kannst du mit deinem nackten Arsch drauf sitzen!“

Er nickte konsterniert, legte die Pizza auf den Fußboden und setzte sich darauf. Er spürte die Spitzen des gefrorenen Gemüses und die Kälte, die durch seine dünne Stoffhose drang. Er war froh, dass er seine Hose anbehalten hatte. Wie demütigend! Mühsam schnitt er das Gemüse, hockte da wie ein Idiot auf dem Boden und über ihr saß auf dem Hocker mit übereinandergeschlagenen Beinen Alina.

Wenn er den Kopf ein wenig hob, sah er ihre Beine. Die schwarzen Strümpfe ließen sie umso attraktiver aussehen, und würde er seinen Kopf noch etwas weiter heben, könnte er unter ihren Rock sehen. Aber er traute sich nicht, denn Alina ließ ihn nicht aus den Augen, und so blieben ihm nichts als seine Phantasien, und er musste sich vorstellen, was sie unter dem Stoff wohl verbarg.   

Je länger er auf der Pizza saß, desto mehr weichte sie auf. Er spürte den mittlerweile matschigen Teig unter sich. Was für kranke Ideen hatte sie nur?

„Schneid das kleiner! Und gerade! Schneller! Wie du das Messer hältst! Wie ein totaler Anfänger!“

Als er alles geschnitten hatte und Alina einigermaßen zufrieden war, ließ sie ihn aufstehen. Die Abdrücke seiner Pobacken waren in dem matschigen Brei unter der Plastikfolie eindeutig zu erkennen.

Sie ließ ihn das geschnittene Gemüse in eine Schüssel geben und setzte ihre Anweisungen fort:

„Ich will Croutons. Also toastest du mir Brot! Aber vorher schneidest du die Kruste ab!“

„Jawohl!“

Michael tat, wie ihm geheißen.

„Mach mir eine Vinaigrette!“

Er sah sie fragend an.

„Du weißt nicht, wie man die macht, richtig?“

„Nein, leider nicht!“, musste er zugeben.

Sie seufzte: „Du bist so ein Nichtsnutz!“

Er zuckte hilflos mit den Schultern.

„Also muss ich dir das auch noch zeigen! Aber vorher will ich, dass du diese Pizza da loswirst!“

Er sah auf den traurigen, matschigen Klumpen am Boden.

„Heb sie auf!“

Er hob sie auf.

„Gib sie mir!“

Er reichte ihr das labberige, matschige Teil.

„Mach das Fenster auf!“

Er öffnete das Küchenfenster und war froh, dass er ein wenig Distanz zwischen sich und ihr bekam.

„Komm her!“

Er ging zurück zu ihr. Mit spitzen Fingern hielt sie ihm die halb aufgetaute Pizza vor.

„Weißt du, was das ist?“

Er schüttelte den Kopf.

„Das ist deine Selbstachtung! Sieht ziemlich erbärmlich aus. Was meinst du?“

Er nickte und schaute beschämt zu Boden.

Michael wäre am liebsten im Boden versunken. Wie sie ihn demütigte und erniedrigte! Und er war gleichzeitig vollkommen scharf darauf.

Mit einer schwungvollen Bewegung warf sie das schwabbelige Teil wie eine Frisbee Scheibe aus dem Fenster. Ein paar Sekunden lang geschah nichts, dann hörte er das Quietschen von Fahrradreifen und entfernt eine wütende Stimme: „Was soll der Scheiß?“

„Da geht‘s hin!“ Sie lachte. Michael wusste nicht, was sie meinte. „Der letzte Rest deiner Männlichkeit!“

Noch nie hatte eine Frau so etwas zu ihm gesagt. Noch nie war er so scharf gewesen. Er war bereit sich vor ihr in den Schmutz zu werfen. Er war bereit, ihre Füße zu küssen, wenn sie nur damit aufhörte, oder vielleicht besser, wenn sie weitermachte.

„Das macht dich an, was?“ Sie lachte abschätzig. „Weißt du, was meinem Salat noch fehlt? Ich will eine Salami.“

Was sollte das jetzt? War sie nicht Vegetarierin?

„Hast du die Salami gesehen?“

„Was für eine Salami?“

Michael war total verdutzt.

„Ach, da ist sie ja! Eher ein kleines Würstchen, aber immerhin!“

Sie lachte.

Mit einem Paukenschlag, Theaterdonner und einem Eimer eisigen Wasser ins Gesicht war Michael wieder in der Realität.

So schön seine Fantasie gewesen war, so schrecklich peinlich war ihm nun, dass er ertappt war. Er musste sich erst orientieren. In der Realität war es nicht mehr in Ordnung, dass er einen Steifen hatte. Es war nicht mehr okay, dass sie ihn scharf machte. Es war alles andere als okay oder in Ordnung. In der Realität musste er sich benehmen.

„Muss dir nicht peinlich sein!“

Es war ihm nur peinlich.

„Ist doch schön, dass du dich freust, mich zu sehen!“

Sie lachte, und er war verwirrt. Er spürte, dass sein Kopf knallrot wurde. Immerhin war sein Blut nun nicht mehr in seinem Schritt. Dort war ganz schnell wieder alles zusammengeschrumpft. Trotz der netten Worte, hatte Michael Probleme, seine Fassung zurückzugewinnen. Was eben noch seine Fantasie gewesen war, die Überlegenheit dieser Studentin, die ihn winzig und klein machte, das war plötzlich real geworden. Aber statt sich unterwerfen zu können, musste er sich mit einer extrem peinlichen Situation auseinandersetzen. Was sollte er darauf erwidern? Schon wieder war er in ein Fettnäpfchen getreten. Ein richtig tiefes, schmieriges, glitschiges Fettnäpfchen. Und es war ihm bis ins Gesicht gespritzt.

+ + +

Alina musste schmunzeln. Da hatte sie ihn erwischt! Sie hatte zwei Brüder, die mittlerweile in der Pubertät und auch ständig irgendwie scharf waren. Alina hatte sich daran gewöhnt, dass Männer so waren. Sie hatten sich nie so richtig unter Kontrolle. Hätte sie es gestört, sie hätte es nicht erwähnt. Aber da war dann noch der Merlot, der ihre Zunge gelockert hatte. Vielleicht hätte sie doch einen anderen Wein wählen sollen.

Dass Michael das so peinlich war, hätte sie allerdings nicht gedacht. Sie hätte vermutet, dass er mit der Sache entspannter umgegangen wäre. Immerhin war er der Domina-Mann.

Sie hätte auch gerne gewusst, was da in seinem Kopf vorgegangen war. Sie waren beim Kochen. Was konnte ihn da zu einem Steifen treiben? Alina war sich sicher, dass nicht sie es war, denn sie hatte ja nichts getan. Wahrscheinlich hatte er an irgendwelche Erinnerungen aus seiner Vergangenheit gedacht, an irgendeinen Sex mit einer Verflossenen oder so. Sie hätte es gerne gewusst. Aber der Satz: „Woran denkst du gerade?“ war total doof und in dieser Situation sowieso.

So musste sie nun ihrerseits zur Deeskalation schreiten.

„Nichts passiert, alles gut!“ Den Hinweis auf ihre pubertierenden Brüder unterließ sie besser, obwohl sie ihn auf den Lippen hatte.

Michael brauchte eine Weile, um sich wieder zu fangen.

Eine Weile schwiegen sie und arbeiteten weiter.

+ + +

Alina und Michael verfielen wieder in diese Routine, dass Alina die Anweisungen gab, aber dieses Mal ließ Michael seine Gedanken nicht frei laufen. Stattdessen hing er dieser Phantasie nach, die ihm diesen Ärger bereitet hatte. Die waren schon geil gewesen, das konnte er nicht leugnen. Wollte er auch nicht. Aber was war das mit dieser gefrorenen Pizza gewesen? Was da in seinem Kopf vorging. Er wusste nicht, ob das kreativ oder krank war. Er konnte Alina schlecht nach ihrer Meinung fragen. Aber er hätte es gerne. Er hätte sich ihr gerne geöffnet, vor ihr alle Geheimnisse ausgebreitet.

Er hätte sich gerne in ihre Hände begeben.

„Während sie weiter diese banalen Sachen machten wie eben Gemüse zu schneiden und zu kochen, etwas, das richtige Köche sehr viel besser konnten, weshalb man ihre Dienste in Anspruch nehmen sollte, beschäftigte er sich mit einer anderen Frage.

Aber er sprach sie erst aus, als sie ihr Essen beendet hatten.

Es war köstlich gewesen, das mussten beide zugeben. Michael hatte das vegetarische Hauptgericht erstaunlicherweise genossen, auch wenn ihm zwischendrin das Fleisch ein wenig gefehlt hatte. Aber er war satt geworden.

+ + +

Alina hatte die Vorspeise als etwas fad empfunden. Sie fand, dass Michael mit Essig und Öl zu sparsam gewesen war. Aber wenn man nicht alles selbst machte, durfte man sich auch nicht beschweren. Zudem war Michael erstaunlich amüsant gewesen. Er hatte eine seltsame Sicht der Welt, die ihr manchmal naiv schien, manchmal kriminell sorglos. Ihn schien nichts zu bekümmern, nichts bereitete ihm Sorgen. Er war entspannt, was das Leben anging und von sich überzeugt. Nicht immer auf eine arrogante Weise. Sie konnte es nicht genau beschreiben. Er schien von den Problemen der Welt wenig zu wissen. Dafür lebte er ganz gut in seiner eigenen Welt mit ihren eigenen Gesetzen.

Sie musste einige Male an den Spruch denken, den man Marie Antoinette zusprach: „Wenn die Armen kein Brot haben, dann sollen sie Kuchen essen!“ Der passte irgendwie, auch wenn Michaels Ignoranz sicher nicht so groß war und sie ihm unrecht tat.

Aber er war in einem goldenen Käfig aufgewachsen, was sollte man da erwarten? Man konnte ihm schlecht vorwerfen, dass er das wahre Leben nicht kannte als Sohn einer viel zu reichen Familie.

Alina hatte ein wenig befürchtet, dass ihre unbedachte Salami-Bemerkung den Abend zerstört hatte. Eine ganze Weile danach war er nämlich recht still gewesen. Dass er an einem Plan brütete, war ihr nicht bewusst.

Sie hatten sich kurz über seinen Beruf unterhalten. Alina konnte es nicht glauben, dass Menschen sich Leute holten, die ihnen die Wohnung oder was auch immer einrichten ließen. Ihrer Meinung nach musste es einem selbst doch gefallen, wie man wohnte. Konnte man das anderen überlassen? Man musste schon ziemlich reich sein, wenn man solche Dinge nicht selbst in die Hand nehmen wollte.

Danach hatten sie sich über Alinas Studium unterhalten und ihre Ausbildung zur Industriekauffrau zuvor. Sie hatte ihm ihre Gründe erläutert, warum sie ihre Ausbildung gehasst hatte, und die konnte er vollkommen nachvollziehen, Alina seine Begründung hingegen nicht:

„Ich könnte auch nicht für andere Leute arbeiten! Man muss einfach sein eigener Chef sein. Wenn man mal keinen Bock hat zu arbeiten, dann muss man auch mal zuhause bleiben können. Dafür muss man selbstständig sein! Dann kann man das!“

Alina kannte ein paar Leute, die selbständig waren, und die arbeiteten weitaus härter, länger und für weniger Lohn als viele Angestellte. Aber Michael verstand unter Selbständigkeit eben etwas Anderes.

Dabei war er kein Idiot und kein Macho. Er stimmte ihr zu, dass Frauen heutzutage arbeiten und Karrieren haben wollten. Er war einsichtig, wenn sie ihm ihre Argumente nannte. Er lebte nur eben ein wenig hinterm Berg, was das wahre Leben betraf.

+ + +

Ironischer Weise dachte Michael ähnlich über Alina. Ziemlich schnell spürte er das latente Minderwertigkeitsgefühl, das an ihr nagte, weil sie eben aus einer Kleinstadt kam und sich dem Großstadtleben unterlegen fühlte. Dabei hatte er Schwierigkeiten, die Vorzüge einer großen Stadt zu anzuerkennen. Die Leute waren unhöflicher zueinander, alles war schmutziger, egoistischer und komplizierter.

Natürlich gab es Museen und eine Oper, aber wer ging schon dahin? Oder in den Zoo? Brauchte man auf dem Land ja auch nicht, da gab es genug Tiere. Man musste nicht mal Eintritt bezahlen.

Er mochte Alinas Entdeckerdrang und die vielen Fragen, die sie stellte. Das hatte etwas, und da war diese Entschlossenheit, etwas aus sich zu machen. Aber sie war noch am Anfang ihres Studiums, und da waren ihre Vorstellungen noch vage. Sie schien noch offen sein, sprach noch nicht von Kindern oder Ehe. Den ganzen Abend schien das nicht für sie zu existieren. Er mochte das. Sie waren sich in der Beziehung ähnlich.

Und sie sah süß aus. Etwas kleiner, natürlich blond, nicht so aufgetakelt wie viele Frauen in seinen Kreisen. Auch das mochte er.

Schließlich ging es um Alinas Lebensunterhalt. Sie wollte kellnern, um zu Geld zu kommen, weil das Studenten eben machten. Sie konnte sich aber auch vorstellen, irgendwas in der Buchhaltung zu machen. Sie hatte das ja alles gelernt.

Obwohl Michael sich mit dem Wein zurückgehalten hatte, weil er sich nicht noch einen Fauxpas leisten wollte und der Merlot ihm sowieso nicht so gut schmeckte, war es dann wohl doch der Alkohol, der seine Zunge so weit lockerte, ihr den Vorschlag zu machen, der den ganzen Abend schon in seinem Kopf herum gespukt war.

„Wie wäre es, wenn du meine Domina wirst?“

Für ein paar Sekunden war es still, und Michael dämmerte, was er da gerade vorgeschlagen hatte.

Es wurde ihm verdammt klar, dass da ein weiteres Fettnäpfchen war, in das er mit beiden Beinen reingesprungen war. Aber diese Salami-Sache hatte ihn nicht losgelassen. Sie war das alles schuld gewesen.

„Was?“ Sie prustete laut lachend heraus. „Ich? Du spinnst!“

Michael wurde ziemlich schnell klar, dass das vielleicht nicht die beste Idee gewesen war. Aber er hatte schon ein paar Rückschläge einstecken müssen, irgendwann musste er doch auch mal erfolgreich sein. Also gab er dieses Mal nicht so schnell auf:

„Warum nicht?“

„Ruf! Patschuu! Mich! Patschuu! An! Patschuu!“ Jedes überdramatisierte Wort war gefolgt von dem alkoholisiert generierten Geräusch eines Peitschenhiebs. Sie lachte laut, aber er sah sie nur aufmerksam an. Es war ihm ernst, kein Witz.

Alina hatte schon ein wenig getankt, und durch die geschürzten Lippen flogen bei jedem Geräusch kleine Speicheltropfen umher.

Michael suchte sie beiläufig auf seinem teuren Tisch aus rustikalen Schiffsplanken und tippte mit seinem Zeigefinger auf jede, wie man Brotkrumen aufsammelt.

„Ich meine das ernst!“, sagte er, als sie sich etwas beruhigt hatte, schließlich.

„Sicher!“

„Ich würde dich auch bezahlen!“

Sie lachte wieder.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass man das als Prostitution bezeichnet!“ Sie hielt einen imaginären Telefonhörer ans Ohr und sagte: „Hallo Mama! Ich habe einen neuen Job! Ich bin die Domina von so einem berühmten Innenarchitekten!“ Sie schwieg, als hörte sie einer imaginären Antwort zu.

Das „berühmt“ schmeichelte Michael, auch wenn es nicht so gemeint war.

„Ja, ich werde dafür bezahlt!“ Pause „Genau, wie eine Nutte!“

„Nutte würde ich das nicht nennen!“, meinte Michael nun und unterbrach die Einlage. Er musste sich ein wenig am Riemen reißen, um nicht gekränkt zu klingen.

„Wie würdest du es dann bezeichnen?“

„Naja, eine Nutte, die macht, was der Freier von ihr verlangt. Eine Domina bestimmt selbst, was sie tut und wann und wie. Du wärst die Chefin. Das ist ja gerade der Gedanke einer Domina!“

„Ich würde jemanden, der für sexuelle Dienstleistungen bezahlt wird, eine Prostituierte nennen.“, meinte sie, und diese Logik hatte natürlich etwas, das musste Michael zugeben.

„Ich würde das anders nennen.“ Aber Michael wusste auch nicht so genau, wie er es nennen sollte. „Du müsstest nichts tun, was du nicht willst! Du bist total selbstbestimmt.“

„Außer, wenn es mit dir durchgeht? So wie eben?“ Sie schmunzelte. „Und ich mit dir in die Kiste steigen soll.“

„Nein, nein, nein! Um Gottes Willen! Eine Domina steigt doch nicht mit ihrem… mit ihrem…“ er suchte nach dem richtigen Wort.

„Freier?“, bot sie an.

„Nein, eben nicht. Mit dem… Mann.“

„Mit dem Mann?“

„Ja, mit dem Mann!“

„So wie in: Jeder Mann ist ein Freier?“

„Du willst mich einfach nicht verstehen!“

„Was ich nicht will, ist, eine Nutte zu sein!“

„Ehrlich gesagt, dieser Feminismus steht dir nicht!“

„Okay.“

+ + +

Das hatte gesessen. Alina wollte keine Feministin sein. Sie nahm auch nicht so sehr an dem unmoralischen Angebot Anstoß. Es wirkte nur so vollkommen absurd. Sie war keine Domina, sie scheuchte vielleicht ihre Brüder herum, aber das hatte natürlich nichts Sexuelles.

Igitt!

Allein der Gedanke!

Sie stellte sich in Lederklamotten vor mit der Peitsche in der Hand und mit hochhackigen Schuhen, auf denen sie nicht laufen konnte. Also würde sie ständig umknicken und stolpern, dabei aber ein ernstes Gesicht bewahren, denn sie war ja die feine Dame. Es war zu komisch.

Sie musste unvermittelt losprusten.

„Was ist so witzig?“, fragte Michael nicht sauer, sondern ehrlich interessiert.

„Ich stelle mir nur gerade vor, wie ich hier deine Herrin gebe!“ Sie musste wieder ausgelassen lachen. „Du musst mich mal auf hochhackigen Schuhen sehen!“ Michael konnte es sich vorstellen, aber Alina war noch nicht fertig: „Wie ein Elefant auf Rollschuhen!“

+ + +

Michael lächelte unverbindlich wie jemand, der den Witz eines anderen nicht goutiert, aber höflich bleiben will.

Stattdessen arbeitete er an dem Prostitutions-Problem, das er durchaus nachvollziehen konnte. Wenn er sie für so etwas bezahlte, dann prostituierte sie sich für Geld, egal was sie dafür tat. Das verstand er durchaus. Auf der anderen Seite konnte man das Ganze ja auch als Therapie sehen. Wäre sie seine Psychiaterin, wäre nichts auszusetzen gewesen an solch einem Arrangement. Aber nun war es zu spät, ihr das zu verkaufen, und es widerstrebte ihm auch, sich als jemand darzustellen, der therapiert werden musste.

„Ist das nicht sowieso alles ziemlich albern?“ Alina ergriff die Chance, ihre Neugierde zu stillen.

„Was meinst du?“

„Dominas in Leder mit Peitschen! Stehst du echt auf sowas? Das ist doch ein Witz oder?“

Es war ihm peinlich, dass sie das ansprach, obwohl er das ganze Thema ja begonnen hatte.

„Ich finde diese ganze Latex, Leder-Sache auch abgedroschen, sagen wir klischeehaft und meinetwegen auch lächerlich.“ Er wollte ehrlich sein.

„Wie geht das denn? Du findest, das ist alles abgedroschen, aber willst, dass ich mich für dich ins kleine schwarze Lederkleidchen zwänge?“

Nun wurde es ihm wirklich peinlich, so in die Mangel genommen zu werden. Wie kam sie dazu, ihn so auszufragen und seine Vorlieben zu hinterfragen, sich darüber lustig zu machen? Es war natürlich der Alkohol! Musste sie so verdammt offen sein? Das war ihm peinlich. Sah sie das nicht? Sie hatte im Vergleich zu ihm kräftig zugelangt. Aber trotzdem! Er hätte in der Sache so eine Art Verhört sehen können, indem er ihr seine geheimsten Wünsche offenbaren müsste. Aber so weit waren sie nicht, und wenn man ihre Reaktion betrachtete, dann schwand die Hoffnung.

Er sah das Ganze schon den Bach runtergehen, so ähnlich wie mit der Prekariatsdomina.

„Okay, okay! Schon gut! Ich will mich nicht über dich lustig machen!“, lenkte sie ein und versuchte sich ein wenig unter Kontrolle zu bekommen.

„Oh, Danke!“, meinte Michael sarkastisch. „Nett, dass du ein wenig Rücksicht auf mich nimmst.“

„Es ist nur, dass dein Vorschlag so unglaublich doof ist!“ Sie prustete augenblicklich wieder los, fing sich dann aber wieder, legte beide Hände über den Mund und schaute ihn mit ihren großen Augen an.

Er fand es süß.

+ + +

Alina fand, dass ihr Verhalten langsam peinlich wurde, und sie bemühte sich, die Kontrolle nicht zu verlieren.

„Ich bin einfach nicht der Typ für Leder und Peitschen.“ Und nach einer kleinen Pause: „Tut mir leid! Hast du vielleicht einen Schluck Wasser für mich? Ich glaube, ich muss mal ein wenig Pause machen.“

Michael stand auf, um ihr ein Wasser zu holen und fand, dass er schon ganz schön gehorchte. Aber im Moment war er eben nur ein guter Gastgeber, und das war nicht das, was er sein wollte. Er war schon wieder mit dem Wasser zurück, als ihm etwas einfiel. Er goss ihr aus der Karaffe ein und ging dann an sein Bücherregal, um einen schweren Bildband zu holen.

„Kennst du Helmut Newton?“

Alina kannte ihn nicht.

„Ein Fotograf. Ist jetzt tot. Der ist vor allem für seine Frauenporträts berühmt.“

„Und?“

„Sieh dir die Bilder an! Und ich mache uns in der Zwischenzeit einen Espresso.“

Michael räumte den Tisch ab und Alina blätterte in dem Bildband. Schon wieder war ihre Dummheit deutlich geworden. Sie kannte den Namen Helmut Newton nicht. Einige der Fotos allerdings kamen ihr bekannt vor.

Es waren vor allem Schwarzweißfotos und viele zeigten starke Frauen. Teilweise waren sie nackt, aber sie schienen keine von diesen blonden Dummchen und Sexsymbolen zu sein. Die rational Denkende in ihr erkannte in den Fotos ungefähr das gleiche Dilemma, das das Angebot von Michael vergiftet hatte. Egal, wie stark sie aussahen, sie zogen sich halt für die Kamera aus.

Aber diesen Gedanken wischte Alina schnell beiseite. Die Fotos waren spannend und interessant, und die Frauen schienen mysteriös. Manche kannte sie. Catherine Deneuve war häufiger zu sehen. Marilyn Monroe hatte sich ablichten lassen von ihm. Aber in erster Linie waren es Frauen, die souverän und selbstbewusst waren, selbst - oder vielleicht gerade - ohne Kleidungsstücke.

Das also wollte Michael? Solche stolze, starke Frauen? Okay, Dominas waren das nicht. Aber so war Alina nicht. Sie hatte nicht diese Beine, sie hatte nicht diese Figur, sie hatte nicht diese Ausstrahlung! Sie war ein bisschen zu klein, ihr Bauch war ein wenig zu rund, sie hatte ein paar zu viele Kilos. Manche ihrer Körperteile hätten etwas straffer sein können. Sie hatte kein großes Problem damit, ihr Aussehen gehörte nicht zu ihren Unsicherheiten. Aber sie war eben nicht so wie die Frauen in den Fotos. Obwohl sie was hatten, das gab sie gerne zu.

Michael kam zurück mit zwei Espressos.

„Und?“

„Und was?“

„Die Fotos.“

„Sind nett.“

„Nett?“

„Gut sind sie.“

„Und?“

„Und? Was willst du hören?“

„Sind das nicht großartige Fotos von großartigen Frauen?“

„Bist du Fotograf? Willst du von mir solche Fotos machen?“

„Was, wenn du so eine Frau wärst?“

„Meinst du das ernst?“

„Warum nicht?“

„Du willst, dass ich so werde?“

„Warum nicht?“

„Gerade noch habe ich gedacht, dass du doch nicht so seltsam bist, und jetzt kommst du mit so einem Vorschlag? Meine Beine sind halb so lang, ich bin doppelt so schwer!“

„Es geht doch nichts ums Aussehen!“

„Sondern?“

„Es geht um die Haltung. Du kannst so sein! Du musst nur so sein wollen! Es liegt an dir.“

„Just do it? Ich bin aber nicht so. Du kannst doch nicht Leute so einfach ändern!“

„Aber du kannst dich ändern! Es geht doch um dich, nicht um mich!“

„Ich bin zufrieden, wie ich bin!“

„Mit deiner ganzen Unsicherheit und diesem Schwärmen für die große Stadt?“

Alina schwieg. Michael konnte nicht sagen, was das bedeutete. Er war sich sicher, dass er sie nicht überzeugt hatte, aber vielleicht hatte er sie zum Grübeln gebracht.

Und das hatte er. Alina dachte nach. Nicht darüber, zur Domina zu werden, sondern über ihre eigene Unsicherheit. Sie hatte das eigentlich kaschieren wollen. Zumindest vor so einem eher oberflächlichen Menschen wie Michael. Und jetzt das!

Sie schwieg und blätterte noch etwas in dem Buch herum. Die Frauen darin hatten schon etwas Mysteriöses, gar etwas Mystisches. Sie sah sich nicht so. Aber nicht nur ihr Verstand hatte in der Angelegenheit etwas zu sagen, der Alkohol wollte mitspielen, und der Alkohol war keck, verspielt und mutig, und Alinas Verstand taumelte ein wenig träge hinterher.

Sie beugte sich vor, ihre Augen funkelten frech, und ihre Stimme klang herausfordernd:

„Dann will ich jetzt einen Cognac. Aber mit Eis!“

Sie lächelte ihn erwartungsvoll an, lehnte sich zurück und trank mit abgespreiztem kleinem Finger ihren Espresso.

Michael unterdrückte ein Lächeln. Cognac mit Eis? Sie war süß, wie sie da saß, ihn anlächelte, aber nicht so richtig viel Ahnung hatte.

Sofort regte es sich wieder in seiner Hose.

Dieses maliziöse Lächeln, wie sie ihr Kinn in die Hand stützte und keck schaute! Vor allem aber stieg sie auf seine Avancen ein, spielte mit.

„Sehr wohl, die Dame!“, meinte Michael, stand auf, verbeugte sich leicht und ging an seine Bar. Er hatte diesen richtig teuren Cognac. VSOP, zwanzig Jahre alt. Er hatte ihn noch mit seiner letzten Verflossenen gekauft, und das war auch schon einige Jahre her. Aber auch wenn Michael selbst nicht in der Lage gewesen wäre, die Qualität des Cognacs zu beurteilen, so griff er trotzdem an der Karaffe vorbei zu dem vergleichsweise billigen Hennesy aus dem Supermarkt. Sie würde den Unterschied nicht merken, schon gar nicht, wenn er den Branntwein in den teuren und überdimensionierten Cognacschwenkern aus Irland servierte. Es brach ihm ein wenig das Herz, als er drei Eiswürfel in das Glas warf, aber wenn sie das so wollte, dann sollte sie es bekommen.

„Bitte sehr!“, sagte er, verbeugte sich und stellte den Schwenker vor ihr auf den Tisch.

Sie nahm es, schwenkte das Glas, als wüsste sie, was sie tat. Die Eiswürfel klimperten.

Michael stand derweil etwas steif und unschlüssig da. Er wollte sich nicht mehr setzen. Also stand er da und kam sich dabei deplatziert vor, als er sah, wie Alina sich in ihrem Stuhl räkelte, ihre Lippen um das Glas legte und an dem Cognac nippte. Dabei ließ sie Michael nicht aus den Augen.

Ihr Blick war anzüglich, von sich selbst überzeugt und vom Alkohol ein wenig glasig.

Michaels Fantasie setzte sich wieder in Bewegung. Er fand sich hilflos, wie er vor ihr dastand, sich ihren Blicken ausgeliefert sah, die ungeniert über seinen Körper glitten und ihn musterten. Wie hypnotisiert starrte er sie an. In diesem Moment konnte sie mit ihm machen, was sie wollte. Seine Spannung wuchs zusammen mit dem Druck in seiner Hose.

Wie sie dort saß, war sie das Ziel seiner Träume. Eine entschlossene Frau, die mit ihm spielte. Er wollte ihr Spielzeug sein, ihr Objekt, mit dem sie tun oder lassen konnte, was sie wollte. War das nicht ein großartiges Geschenk, das er ihr machte? Er war bereit, sich ihr hinzugeben. Sie müsste sein Geschenk nur annehmen.

Alina musterte ihn, wie er da vor ihr stand.

+ + +

Er war schon süß, ein wenig hilflos und sichtlich nervös. Sie spürte ihre Rolle wie in einem Rausch, und zwar neben dem Alkoholrausch, den sie empfand. Es störte sie nun ein wenig, dass der Alkohol ihre Sinne benebelte, auch wenn er dazu geführt hatte, dass sie überhaupt so weit gegangen war.

Sie mochte seine Unsicherheit, dass er nicht wusste, was sie vorhatte, was sie mit ihm anstellen konnte.

Es waren nie zuvor gedachte Gedanken, und Alina erkannte, dass sie unglaubliche Möglichkeiten hatte. Sie wusste nur nicht, wie sie damit umgehen sollte.

„Dreh dich um!“, befahl sie und winkte beiläufig mit dem Zeigefinger.

Michael gehorchte.

+ + +

Nun stand er mit dem Rücken vor ihr, konnte nicht sehen, was sie tat. Er fügte sich in seine Rolle, hörte, wie sie sich in ihrem Stuhl regte. Vielleicht um besser zu sehen? Was dachte sie von ihm? Wurde er ihren Erwartungen gerecht? Gefiel er ihr? Michael fand, dass er sich ganz gut gehalten hatte. Er hielt sich in Schuss, trainierte ein wenig, joggte.

Aber natürlich war das subjektiv, und Alina als viele jüngere Frau hatte vielleicht andere Standards. Michael hatte seine erste Midlifecrisis, wie er das Überschreiten des dreißigsten Lebensjahres nannte, gut überstanden. Aber er war natürlich keine Zwanzig mehr.

Allein die Tatsache, dass er sich begutachten lassen musste! Er hatte das nicht nötig, und doch setzte er sich dieser erniedrigenden Prozedur aus, und er war ernsthaft besorgt, ob er ihren Anforderungen gerecht werden könnte. Das war ein neues Gefühl für ihn. Bisher hatte er sich im Umgang mit Frauen immer selbstbewusst gefühlt. Nun war das plötzlich anders.

„Kannst du mit gestreckten Beinen deine Zehen berühren?“, fragte Alina kühl.

Michael bückte sich und schaffte es mit wenig Mühe. Zwar hatte er nicht so viel getrunken, aber trotzdem schoss der Alkohol nun in seinen Kopf, und er musste sich ein wenig konzentrieren, dass er nicht das Gleichgewicht verlor.

„Klappt ja schon ganz gut!, kommentierte Alina selbstgefällig, und Michael empfand einerseits Genugtuung über das Lob, war gleichzeitig aber indigniert über den arroganten Tonfall. Was immer aber gerade passierte, es war geil. Total sexuell, obwohl nichts passierte. Er tat nur, was sie sagte. Aber allein die Tatsache, dass sie es ihm befahl, und er sich ihr unterwarf, er ihren Befehlen nachkam, nur um ihr zu gefallen. Die Prekariatsdomina hätte sich davon eine Scheibe abschneiden können!

„Du hast einen knackigen Arsch! Wackle mal was damit!“

Michael tat es. Umständlich wackelte er mit den Hüften hin und her. Was für ein peinliches Bild er da abgab!

„Schüttel dein‘ Arsch für mich!“, sang sie dazu mit einer erstaunlich hellen Stimme.

Wieder so ein Stich! Michael nahm es hin und ertrug auch ihr mädchenhaftes Lachen.

„Du machst ja echt, was ich will! Du bist mir ja ein kleiner Arschwackler!“

Michaels Selbstachtung war im Keller, aber er machte weiter, bis sie ihn aus der peinlichen Lage entließ und er sich wieder aufrichten konnte.

„Kannst dich wieder umdrehen!“

Sein Kopf war rot und er schwitzte auch ein wenig, als er sich ihr wieder zuwandte. Auch das war ihm peinlich, er hatte sich so eine Mühe gegeben, souverän zu sein.

„Du machst ja echt, was man dir sagt!“, lachte sie. Alina hatte die Füße keck auf den Tisch gelegt.

„Gefällt mir!“

Michael kommentierte das nicht. Er betrachtete sie stattdessen mit gesenktem Kopf. Sie erschien plötzlich so unglaublich schön, wie sie sich in ihren Stuhl geräkelt hatte, mit geröteten Bäckchen und leicht glasigen Augen. Dazu der Pferdeschwanz, der sie unschuldig wirken ließ, und trotzdem gab sie ihm all diese Befehle, die er dankbar aufleckte wie ein Kater die ihm hingestellte Milch.

Alina goss sich noch etwas von dem Cognac ein und leerte das Glas in einem Zug. Dann nahm sie einen Eiswürfel und lutschte schmatzend daran.

Michael beobachtete neidisch, wie das gefrorene Wasser langsam zwischen ihren roten, weichen Lippen schmolz.

Wusste sie, was sie da tat? Wie erotisch das wirkte? Oder war sie wirklich so unschuldig?

+ + +

Alina hatte in diesem Moment keine so tiefen Gefühle. Sie amüsierte sich darüber, dass er tat, was sie sagte. Sie war das von ihrem Ex nicht gewohnt. Sie war das von Männern generell nicht gewohnt.

Ihr wurde das Ganze allerdings auch unheimlich. Sie war nicht mehr ganz nüchtern, nicht mehr ganz zurechnungsfähig, und was sie da machte, könnte sie am nächsten Tag bereuen. Sie war sich nicht sicher. Es war Zeit, sich zu verabschieden, über alles nachzudenken und am nächsten Morgen eine Liste mit Pros und Kontras zu machen. Auch wenn sie im Moment nicht so genau wusste, worüber. Einfach pro und kontra. Einfach versuchen, es zu strukturieren und zu verstehen.

„Es ist spät. Ich sollte gehen, bevor wir hier noch Sachen machen, die nicht so gut wären!“

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, was aus dieser Situation nicht gut werden könnte!“, meinte Michael süffisant, und nun wurde Alina erst bewusst, dass er lange nichts gesagt hatte. Sie hoffte, dass sie selbst nicht zu viel Unsinn von sich gegeben hatte.

„Okay, das Spiel ist beendet! Du darfst mir noch die Füße küssen, und dann bin ich weg!“

+ + +

Was hatte sie da gerade gesagt? Es war wirklich Zeit, sich zu verabschieden. Sie redete sich um Kopf und Kragen!

Alina konnte es nicht fassen, Michael konnte es auch nicht fassen.

Er sah, wie sie sich über ihre eigenen Worte erschrak und platzierte nur einen kurzen Kuss auf die Spitze ihrer Chucks. Ihm schien das der Weg zu sein, der zu den wenigsten Komplikationen führte. So entstünde keine total unangenehme Situation. Er signalisierte nicht, dass er zu weit gegangen war, und er ließ sich nicht gehen, indem er sich vor ihr auf die Knie warf und mit seiner Zunge ihre Sohle ableckte.

Sie wollte die Füße vom Tisch nehmen, aber verlor die Koordination, und so endete die Bewegung, die schwungvoll und dynamisch hätte sein sollen, in einem ungelenken und dumpfen Hinunterfallen ihrer Füße auf die Holzdielen.

„Uups!“, kicherte sie.

Es lag wohl nun an Michael, sich um Alina zu kümmern.

Er half ihr auf, aber ihre Schritte waren unsicher.

„Hab wohl was zu viel getankt!“, meinte sie.

Michael versuchte sie, zu stützen, da das aber nicht so richtig half, hob er sie schließlich kurzerhand hoch und trug sie aus seiner, durch das Treppenhaus hinauf zu ihrer Wohnung.

„Du bist mir ja ein Gentleman!“, rief sie laut, und ihre Stimme hallte durch das Treppenhaus.

„Psst!“, machte er, und Alina lachte erst laut auf, dann äffte sie ihn lautstark nach.

Sie legte ihren Kopf an seine Schulter, und Michael konnte nicht anders, als seine Nase einmal kurz in dem warmen Duft ihrer Haare zu ertränken. Er hätte darin wirklich baden können, so warm, so weich, so betörend. Er hatte das vermisst: Den Duft der Haare einer Frau.

Als sie schließlich an ihrer Wohnung angekommen waren, richtete sie sich auf und drehte den Kopf so schnell, dass ihr Pferdeschwanz über sein Gesicht strich wie eine unglaublich weiche neunschwänzige Katze. Die Berührung elektrisierte ihn, und seine Nerven erinnerten sich lange an diesen Augenblick.

„Okay, mein kleiner Hengst. Den Rest schaffe ich allein. Lass mich mal runter!“

Er kam dem Wunsch nach, und Alina kramte in ihrer Hosentasche nach dem Schlüssel, fand ihn, schaffte es mit Michaels Hilfe, den Schlüssel ins Schloss zu stecken und die Tür zu öffnen.

„Jetzt weiß ich auch, warum ihr Männer es besoffen nicht hinkriegt! Ihr findet den Eingang nicht!“

Sie lachte über ihren eigenen Witz, schlüpfte durch die Tür und knallte sie hinter sich zu.

Wenn Michael sich noch einen Abschiedskuss erhofft hatte, war er enttäuscht worden.

Er hatte zu Beginn des Abends mit diesem Verlauf nicht gerechnet.  

In Alinas Wohnung rumpelte es noch einmal kräftig, irgendwas fiel auf den Boden, und es klang, als wäre etwas kaputt gegangen. Aber bevor Michael fragen konnte, rief sie hastig durch die geschlossene Tür:

„Alles gut, nichts passiert!“

Süß war sie, das musste man ihr lassen!

Kapitel 8 Katerfrühstück

Alina stöhnte.

Ihre Kopfschmerzen waren schlimm. Ihr Hirn schien aufgequollen und drückte gegen die Schädeldecke.

Sie hatte zu viel getrunken.

Sie hätte nicht so viel trinken sollen!

Ihre zweite Nacht in der Stadt war schon eine Nacht mit zu viel Alkohol gewesen.

Als sie zum Bad tapste, um sich kalt oder zumindest lauwarm zu duschen und wieder Herrin über ihren Kopf zu werden, sah sie unter ihrer Wohnungstür hindurch geschoben einen Zettel.

„Mach die Tür auf!“

Was für ein Ton!

Sie tat es trotzdem. Auf der Fußmatte stand ein Tablett. Darauf ein Sektkübel gefüllt mit Eis, in dem eine Flasche Orangensaft steckte. Daneben eine Packung Aspirin und ein Zettel: „Kaffee und Croissants gibt’s bei mir!“.

„Wie aufmerksam“, dachte sie sich, nahm das Tablett hinein. Sie warf sich zwei Tabletten ein und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. Danach kam die Dusche, die sie dann doch nicht ganz so kalt nahm, wie sie sich vorgenommen hatte.

Langsam erinnerte Alina sich an den vergangenen Abend. Es war nett gewesen. Sehr nett. Michael war interessanter, als sie gedacht hätte. Sicherlich ein wenig seltsam in seinen Ansichten, aber nicht unbedingt das arrogante Arschloch, für das man ihn hätte halten können. Sie verstand, dass er einfach ein wenig zu reich war für sein eigenes Wohl.

Langsam kam ihr die kleine Spielerei am Ende des Abends auch wieder in den Sinn.

Gott, sie hatte wirklich zu viel getrunken, dass sie ihn da für sich hatte posieren lassen! Es war ihr zuerst schrecklich peinlich, wie sie sich da verhalten hatte. Aber dann fand sie, dass sie sich nicht wirklich schämen müsste. Wofür auch?

Während sie ihren Körper einseifte, kam ihr der Gedanke, dass sie schon länger keine fremden Hände mehr berührt hatten. Ihr erster Freund hatte fast ein Ritual daraus gemacht, ihr die Haare zu waschen. Eine Zeitlang hatten sie jeden Samstag zusammen gebadet. Er hatte hinter ihr in der Wanne gesessen und ihre Haare shampooniert. Dabei war es dann fast immer zum Sex gekommen. Sie erinnerte sich noch gut an seine Hände, die ihre Brüste von hinten umfasst hatten und dann langsam tiefer wanderten. Sie hatte sich dann zurückgelehnt an die Brust ihres Freundes und sich verwöhnen lassen. Das war schon geil gewesen.

Lange hatte diese Beziehung allerdings nicht gedauert, denn außer dem Sex hatte dieser Typ nicht viel zu bieten gehabt. Er war ein richtiges Arschloch, um es genau zu sagen, und diese Bade-Sache war auch eigentlich die einzige Qualität, die er zu bieten hatte. Im Bett konnte er nicht so viel reißen. Aber da er Alinas erster war, konnte sie seine mangelnde Qualität erst im Nachhinein beurteilen. Alina hatte irgendwann das Gefühl, dass er diese Bade-Sache irgendwo aufgegabelt hatte, vielleicht in einem Pornofilm, und dass er nun sein winziges Repertoire immer wieder mit leichten Variationen abspulte. Sie warf ihm das allerdings nicht wirklich vor, denn so wahnsinnig experimentierfreudig war sie in sexuellen Angelegenheiten bisher auch nicht gewesen. Zumindest war die Welt, in der Michael sich bewegte, ihr vollkommen fremd, und auf „23 Positions in a One Night Stand“, wie Prince gesungen hatte, war sie auch noch nie gekommen. In ihrem ganzen Leben war sie noch nicht annähernd an diese Zahl gekommen. Wenn sie richtig ehrlich war, konnte sie die unterschiedlichen Positionen an den Fingern einer Hand abzählen. Allerdings bedeutete ihr das auch nicht viel.

Aber dieses gemeinsame Baden, das hatte sie in guter Erinnerung. Ihr schoss der Gedanke durch den Kopf, dass sie dergleichen wieder haben könnte, wenn sie auf Michaels Angebot einstieg. Sie könnte ihm einfach befehlen, zu tun, was sie wollte, und er würde gehorchen. Der Gedanke hatte in der Tat etwas. Ein Sexspielzeug zu haben, das ihr die Haare wusch, ihr nach einem langen Tag die Füße oder den Rücken massierte, ihr Arbeit abnahm.

Sie hätte so einen kleinen Lakaien schon gebrauchen können!

Aber natürlich war ihr auch klar, dass er eine Gegenleistung erwartete, und die konnte sie nicht akzeptieren.

Sie stieg schließlich aus der Dusche und fühlte sich besser. Die Kopfschmerzen waren einigermaßen verschwunden. Alina überlegte, ob sie Michaels Angebot mit Kaffee und Croissants annehmen sollte, aber sie entschied sich dagegen. Sie hatte noch Brot da, das weg musste, und sie wollte ihm auch nicht den Anschein vermitteln, dass sie beide jetzt irgendwie in einer engeren Beziehung zueinander stünden. Immerhin war er immer noch mehr als zehn Jahre älter, führte ein anderes Leben und war überhaupt nicht ihr Typ. Und dann war da auch noch das mit der Domina.

Alina machte sich also ihr Frühstück und surfte auf ihrem Tablet, während sie das doch schon etwas trockene Brot kaute. Es erinnerte sie an zuhause. Ihre Mutter kaufte auch immer zu viel Brot, das dann alt und trocken wurde. Sie hatte jetzt die Gelegenheit, ihre Gewohnheiten zu ändern. Es war jetzt ihr Leben.

Einfach mal weniger Brot kaufen!

Nachdem sie herausgefunden hatte, dass Spiegel Online keine interessanten Neuigkeiten zu vermelden hatte, surfte sie ein wenig herum, bis sie irgendwie bei dem Begriff „Domina“ landete. Aber die Bildersuche brachte nur Frauen in schwarzen Latexklamotten, die Peitschen oder andere Utensilien schwangen. Sie fand sich darin nicht wieder. Daher tippte sie „Helmut Newton“ ein und stöberte in den Fotos all der Frauen (und Männer), die alle etwas anderes ausstrahlten. Mehr noch als die Fotos, die er am Tag zuvor gesehen hatte, wurde sie jetzt aufmerksam auf die unterschiedlichen Menschen, und bald schon interessierten sie die nicht erotischen oder pornografischen Fotos viel mehr, denn sie sagten etwas über die abgebildete Person aus.

Sie wollte auch in Schwarzweiß abgelichtet werden. Sie wollte auch interessant und nicht so spießig sein. Doch bevor sie anfing, eine Liste zu machen, was nötig wäre, ihren Charakter spannender zu machen, schob sie Block und Bleistift beiseite. Ihre Listen waren eher Teil des Problems als der Lösung.

Kapitel 9 Stellenangebote

Michael stöhnte.

Er saß in seinem Büro, das auf der gleichen Etage gegenüber seiner Wohnung lag. Es war in kühler Sachlichkeit eingerichtet. Hier empfing er seine Klienten, hier erstellte er seine Pläne für Designs. Es war ein Luxus, sich ein so großes Büro zu leisten, aber er musste ja schließlich repräsentieren.

Michael wollte arbeiten, aber er konnte sich auf nichts konzentrieren. Immerzu drehten sich seine Gedanken um den vergangenen Abend. Vor allem um die letzte Stunde, in der er sich Alina, wenn auch nur kurz, ausgeliefert hatte. Es war ein winziges Spielchen gewesen, das nicht mehr als ein paar Minuten gedauert hatte, aber es hatte eine Welt an Möglichkeiten eröffnet.  

Genau das war es gewesen, was er suchte, was er bei dieser Mistress Jasmin nicht bekommen hatte. Er brauchte keine Schmerzen und nicht diese Verachtung, die sich wie kalter und schaler Zigarettenrauch überall breit gemacht hatte.

Er wollte diese Spiele von einer Frau, die nicht mit routinierter Geringschätzung einem Geschäft nachging. Was er wollte, war eine Frau, die ihn mochte, während sie ihn herumkommandierte.

Michael wusste nicht, ob der Wunsch unrealistisch war. Aber er war plötzlich in greifbare Nähe gerückt.

Alina war sicherlich die unwahrscheinlichste Domina, die man sich vorstellen konnte, aber hinter all ihrer Unbedarftheit und ihrer latenten Unsicherheit steckte eben Potenzial.

In der vergangenen Nacht hatte sie das bewiesen.

Das Posieren vor ihr, die Übungen, die sie ihn hatte machen lassen, schließlich der Kuss auf ihren Schuh. All das waren ihre Ideen gewesen, die einfach so aus dem Nichts gekommen waren. Was wäre da erst drin, wenn sie sich ein wenig in ihre Rolle eingefunden hätte?

Er musste sie für sich gewinnen.

Michael musste sie nur noch überzeugen, dass sie das auch wollte.

Daran arbeitete er gerade.

Denn nicht nur seine Erektionen hatten ihn in der Nacht wach gehalten, sondern auch die Ideen, sie stärker an sich zu binden. Ihren Hinweis darauf, dass sie keine Prostituierte sein wollte, konnte er nur vage nachvollziehen. Angestellte bezahlte man schließlich auch, und die hatten auch zu tun, was man von ihnen verlangte. Waren das nicht die Spielregeln am Arbeitsmarkt? Mussten sich nicht alle Arbeitnehmer irgendwie prostituieren? Man bezahlte jemanden, und im Gegenzug bekam man Gegenleistungen in Form von Arbeit.

Die Lösung lag also so nah. Wenn er Alina bezahlen sollte, dann eben für Leistungen, die nicht verfänglich waren. Der Rest käme dann von selbst, quasi als Überstunden oder Nebenleistungen. Er würde höchstens den Wunsch danach aussprechen, den hatte er ihr ja bereits mitgeteilt. Die Lösung war also einfach. Er musste ihr nur einen Job anbieten.

Eigentlich hätte er einen Termin mit einem Klienten vorbereiten sollen, der unbedingt Informationen über Terrazzo-Böden haben wollte. Terrazzo fand man häufig in Museen und es gab das Zeugs schon seit Tausenden von Jahren. Kurz gesagt mischte man bunte Steinchen mit Zement an, kippte das flüssige Zeugs auf den Boden, ließ es trocknen und schliff es dann ab, bis es glänzte und nett aussah. Michael hielt nichts davon. Es war eine ziemliche Sauerei und neigte dazu, Risse zu bekommen. Aber es war auch extravagant, und Michael versprach sich einen netten Profit, wenn er einen Terrazzo-Gießer fand, der all die Wünsche erfüllen konnte, die sein Klient geäußert hatte. Der wollte beispielsweise das Familienwappen als Mosaik mit Glitzersteinen.

Schrecklich!

Einflussreiche Klienten waren das, die ihm viele Aufträge verschaffen konnten, wenn er mit diesem Auftrag erfolgreich wäre. Es war nicht das, was Michael sich vorstellte. Als besserer Fliesenleger seinen Ruhm zu begründen.

Aber immerhin!

Aber statt herumzutelefonieren, feilte er an der Stellenanzeige, die er sich ausgedacht hatte, um Alinas moralische Probleme mit seinem Angebot auszuräumen.

Es war eigentlich ganz einfach: Er brauchte sie nur einzustellen!

Er würde sie für ihre Arbeit bezahlen. Fürstlich fügte er hinzu. Sie würden zusammen Zeit verbringen, und wenn Alina wollte, und nach dem vorhergegangenen Abend hatte er da keine Zweifel, könnten sie ein wenig miteinander spielen.

Michael hatte schon lange nach jemandem gesucht, der die Buchhaltung für ihn machte. Er war es einfach Leid, diese Arbeit über die Firma seines Vaters laufen zu lassen. Er wollte nicht, dass so ein Buchhalter der Firma seines Vaters ihn ständig hinterfragte, warum er dies oder das gekauft hatte, und ob Jenes oder Welches unbedingt nötig gewesen wäre. Herr Well, der oberste Buchhalter seines Vaters war da ziemlich penetrant und manchmal auch richtig impertinent. Was bildete der Mann sich ein, in seine Ausgabe reinzureden?

Also hatte Michael mit dem Gedanken gespielt, die Buchhaltung selbst zu übernehmen. Na gut, der Gedanke war ihm eigentlich erst am Tag zuvor gekommen, als Alina von ihrer Ausbildung erzählt hatte. Aber nichtsdestotrotz war das ein guter Vorschlag. Er würde sie offiziell als geringfügig Beschäftigte oder so führen und ihr die Miete erlassen. So genau hatte er nicht darüber nachgedacht, was genau er ihr anbieten sollte oder wie viel eine Buchhaltungs-Domina so verlangte. Er war sich ziemlich sicher, dass er im Internet dazu nichts finden würde. Keine Lohntabellen oder so.  

Aber was machte das schon?

Er spielte an dem Text herum. So weit war er schon:

Buchhalterin gesucht. Sind Sie jung, attraktiv, haben einen blonden Pferdeschwanz und Durchsetzungsvermögen? Dann haben wir die richtige Stelle für Sie. Bestimmen Sie Ihre Arbeitszeit nach eigener Wahl! Ein Ihnen untergebener Chef wird Ihnen stets zu Diensten sein.

Freie Kost und Logis, sowie ein Gehalt nach Vereinbarung. Melden Sie sich noch heute!

Er las seine Anzeige noch einmal und war zufrieden. Es wäre ein Angebot, das sie nicht ausschlagen könnte!

Michael feilte noch ein wenig am Design und dann druckte er die Anzeige aus.

Nachdem er Alina am vergangenen Abend zu ihrer Wohnung gebracht hatte war er… verliebt wollte er es nicht nennen, aber es ging schon so in diese Richtung. Wenn er an Alina dachte, dann regte es sich in erster Linie in seiner Hose, das aber ständig. Keine andere Frau hatte ihn seit Langem so sehr umgetrieben. Und dabei kannte er sie erst seit wenigen Tagen! Verrückt, wie die Dinge so liefen.

Eine wahre Femme Fatale, wie er fand.

Seit dem letzten Abend hatte er nicht viel geschlafen. Er hatte sich in seinem Bett gewälzt mit einer nicht enden wollenden Erektion. Gleich zweimal hatte er sich befriedigt. So sehr hatte ihn lange keine Frau mehr erregt!

Durch die angelehnte Tür hörte Michael, dass auf der Etage über ihm die Tür geöffnet wurde. Das musste Alina sein. Das Treppenhaus war ziemlich hellhörig. Michael stand auf, packte seine Stellenanzeige und den Mülleimer, den er sich vor der Tür bereitgestellt hatte. Er wollte das Treffen nach Zufall aussehen lassen und nicht aufdringlich rüberkommen. Also trat er vor die Tür und hantierte im Treppenhaus mit dem Mülleimer herum, bis sie die Treppen hinunter kam.

„Morgen! Wie geht’s?“

„Miau!“ antwortete sie mit kratziger Stimme.

Michael schaute verdutzt.

„Miau!“ wiederholte sie in der gleichen Stimmlage. Aber Michael verstand immer noch nicht und zuckte ratsuchend die Schultern. „Tut mir leid!“

„Kater!“

„Oh, verstehe!“ Er lachte. „Sehr schlimm?“

„Der O-Saft und die Tabletten haben geholfen. Danke dafür.“

„Nichts zu danken!“

Sie sahen sich an.

„Müll?“, meinte sie schließlich, als die Stille etwas lang zu werden drohte.

Michael musste nachdenken, dann verstand er und hob den Mülleimer.

„Ja, genau, ich wollte den Müll runterbringen!“

„Sehr schön! Ist immer gut, den Müll runterzubringen. Vor allem, wenn man dabei zufällig andere Leute trifft.“

Er fand, dass die Gelegenheit gut war, sein Angebot an die Frau zu bringen:

„Genau. Und ich wollte dir noch etwas zeigen!“

„Na, da bin ich aber gespannt!“

Er drückte ihr den Zettel in die Hand.

„Was ist das?“

„Lies!“

Das tat sie.

„Du bietest mir einen Job an.“

„Als meine Buchhalterin!“

„Mit freier Kost und Logis? Ich soll also bei dir einziehen?“

„Natürlich nicht! Du bleibst in deiner Wohnung! Aber ich erlasse dir die Miete. Und darüber hinaus könnten wir ja sowas wie einen 400-Euro-Job abmachen.“

„Für die Buchhaltung.“ Sie klang skeptisch.

„Ich brauche eine Buchhalterin!“

„Das ist ja gut, dass ich dir gerade über den Weg gelaufen bin!“

„Habe ich auch gedacht!“ Er ignorierte ihre Ironie. „Was sagst du?“

„Aber eigentlich zeige ich dir, wo der Hammer hängt und peitsche dir die Scheiße aus dem Arsch.“

„Ganz so drastisch müsstest du es nicht ausdrücken. Außerdem sind Peitschen nicht so mein Ding. Ich dachte, wir hätten das gestern klargestellt.“

„Oh, hatten wir das? Tut mir leid!“

„Ich weiß schon. Der Alkohol war‘s!“

„Da hast du Recht. Aber mein Suff hat dir auch ein paar schöne Augenblicke beschwert. Wenn ich so an den Balken denke, den du da in der Hose mit dir herumgetragen hast!“

„Mir schien, dass du aber auch ganz motiviert bei der Sache warst!“

„Meinst du?“ Alina lachte, und Michael war froh, dass sie es tat, denn es klang schön, und er fand, dass sie auf dem richtigen Weg waren, wenn sie so miteinander flirteten.

„Wie wäre es also mit dem Job?“

„Meinst du, ich könnte jemanden vertragen, der mir die Schuhe küsst?“

„Ich leck‘ auch!“

Sie sah ihn plötzlich erstaunt an und machte einen demonstrativen Schritt zurück.

„Deine Schuhe, meine ich!“, beeilte Michael sich.

„Ich denke, wir sollten es mit den Anspielungen für heute belassen! Ich brauche niemanden, der mir meine Schuhe leckt, und was anderes schon gar nicht!“

„Kein Problem. Das ist ja das Gute an dem Arrangement! Du bist die Chefin, du bestimmst, wie weit es geht oder ob überhaupt was geht. Wenn du nicht willst, dann passiert nichts! Dann hast du einen Job, ich eine Buchhalterin, und das war‘s. Ich suche mir irgendwo anders eine Domina. Aber wenn du willst, dann…“

„Dann?“

„Dann steht dir eine Welt offen, von der du bisher nicht mal geträumt hast!“

„Warum sollte ich jetzt anfangen, davon zu träumen?“

„Ich glaube, dass du ziemlich wissbegierig bist!“

„Meinst du?“ Sie lachte wieder, wechselte dann aber zu Michaels Enttäuschung das Thema: „Wer macht eigentlich jetzt deine Buchhaltung?“

Michael wollte nicht sagen, dass dies ein tyrannischer Lakai im Betrieb seines Vaters machte.

„Im Moment wird das im Betrieb meiner Eltern gemacht. Aber das ist nur eine Notlösung.“

„Aha. Aber jetzt hast du mich ja! Wenn ich träumen will.“

„Genau. Überleg’s dir! Wäre für uns beide ein gutes Geschäft. Du sparst die Miete, verdienst was, kannst dich auf dein Studium konzentrieren und verlierst nicht unnötig Zeit, weil du irgendwelche Jobs machen musst. Über die Arbeitszeiten können wir uns verständigen. Ist doch perfekt oder nicht?“

Sie dachte nach.

Michaels letzte Sätze hatten gute Argumente gebracht. Trotzdem war sie skeptisch.

„Ich wollte gerade in die Stadt. Ich muss zur Uni und wollte mich nach Jobs umsehen.“

„Als Kellnerin?“

„Das war mein Plan!“

„Hast du schon was in Aussicht?“

„Muss mal schauen!“

Michael zeigte auf die Anzeige: „Okay. Du kannst es dir ja überlegen.“

„Mache ich… übrigens, ganz witzig gemacht!“

„Kleinigkeit. Aber trotzdem danke!“

Eine Kleinigkeit war es nicht. Michael war von Alinas Reaktion ein wenig enttäuscht. Er hatte sich mehr erhofft. Das Lob am Ende besänftigte ihn nur gering.

„Okay, ich mache mich mal auf den Weg!“, meinte sie.

„Alles klar. Bis dann!“

„Musst du nicht auch runter?“

„Wieso?“

„Der Müll?“

„Oh, richtig!“

Zusammen gingen sie die Treppen hinunter.

„Aus was für einer Wohnung bist du da eigentlich gekommen?“

„Das ist keine Wohnung. Das ist mein Büro.“

„Du hast noch eine zweite Wohnung als Büro?“

„Das ist keine Wohnung, das ist einfach ein Büro.“

„Ich glaube, ich wäre auch gerne das Kind eines Bauunternehmers, der genug Häuser hat, dass er in Wohnungen baden kann!“

„Ganz so toll ist es nicht.“

„Du hast eine Wohnung, du hast eine zweite, die du als Büro nutzt, und meine Wohnung willst du mir umsonst überlassen!“

„Im Gegenzug arbeitest du für mich.“

„Ja, das auch.“, meinte Alina vage.

„Was soll das heißen?“

„Ist ja auch egal! Ich bin mal weg! Wünsch mir Glück, dass ich einen Job finde!“

„Viel Glück bei der Jobsuche!“

Er meinte es nicht so.

Sie winkte noch, und dann verabschiedeten sie sich im Flur.

Auf dem Weg zurück in seine Wohnung überlegte Michael, ob er alle Wirte der Stadt anrufen sollte (ein paar kannte er), um ihnen zu sagen, sie sollten auf keinen Fall eine blonde Studentin mit Pferdeschwanz einstellen, wenn die sich bei ihnen heute bewerben sollte. Aber das war eine arschige Idee. Und außerdem war es zu viel Arbeit, und der Erfolg einer solchen Aktion schien auch begrenzt. So blieb ihm nichts anderes übrig, als wieder in sein Büro zu gehen und da den Terrazzo zu recherchieren. Wenn er schon keinen Erfolg im Suchen einer Buchhaltungs-Domina hatte, dann vielleicht im Beruf.

Kapitel 10 Sein oder nicht Sein.

Die junge Frau fummelte an der riesigen Maschine herum. Sie hatte gerade eine andere Bedienung abgelöst, die schnell im Personalbereich des Cafés verschwunden war. Ein rotes Licht blinkte penetrant an der Maschine, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie sah freundlich aus, hatte ein paar Sommersprossen und eine spitze Nase. Alina konnte sich vorstellen, dass die Bedienung ein nettes Lachen hatte. Sie hatte runde Wangen und funkelnde Augen. Ihre braunen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

Sympathisch.

Aber eben überfordert mit der Maschine. Die kleine Frau blies sich gestresst eine Strähne aus dem Gesicht, drückte hilflos ein paar Knöpfe, aber nichts passierte. Sie fluchte, stampfte mit dem Fuß auf den Boden. Aber es half nichts. Der Kaffeeautomat blinkte stoisch weiter. Die junge Frau öffnete allerlei Klappen an der Maschine. Aber sie konnte den Fehler nicht finden.

„Was macht mein Latte Macchiato?“, rief jemand hinter Alina unhöflich und nun schon zum wiederholten Male.

„Kommt sofort!“, antwortete die Frau, aber sie klang nicht überzeugt.

Alina tat, als sähe sie auf ihren Block, aber sie betrachtete aufmerksam, wie die Frau sich erfolglos mühte und hilflos herumhantierte. Sie hatte Mitleid mit der Frau, die offensichtlich neu war und keine Ahnung hatte, wie diese riesige Maschine zu bedienen war, die doch eigentlich nichts anderes machen sollte, als ein wenig Kaffee zu brühen. Aber so einfach war es natürlich nicht, und einfacher Kaffee war bestimmt auch nicht Bestandteil eines Latte Macchiato.

„Ich habe nicht ewig Zeit!“ Alina drehte sich zu dem Mann um, der so penetrant forderte. Es war ein dürrer, bleicher, schwarz gekleideter Mann mit Pferdeschwanz. Er war Alina sofort unsympathisch. Offensichtlich ein Computerfreak und dazu ein Arsch.

„Sofort!“, antwortete die Bedienung leise. Aber alle Zuversicht war nun aus ihrer Stimme gewichen. Sie hatte die Hoffnung aufgegeben, das rote Blinken zu beseitigen. In einem letzten Akt zog sie den Stecker, und stöpselte ihn einen Augenblick später wieder ein. Die Maschine startete neu, allerlei Lichter gingen an und aus, die Maschine machte seltsame Geräusche. Die Augen Alinas und der Bedienung waren auf die rote Lampe gerichtet, die sich noch nicht gemeldet hatte. Solange dies nicht anging und die Maschine immer noch werkelte und Geräusche machte, war alles gut.

Alina hielt den Atem an und hoffte mit der Bedienung, dass das Blinken nicht wieder einsetzte. Die Maschine beendete ihre Geräusche, und die Hoffnung der beiden stieg, dass der Automat nun betriebsbereit war. Sekunden vergingen. Nichts geschah. Die Hoffnung stieg. Doch dann begann das rote Blinken wieder, und alle Hoffnung zerstob. Alina sah, wie die Schultern der Bedienung zusammensackten. Sie hatte Alina den Rücken zugedreht, aber Alina sah, wie sie sich die Augen wischte. Kein Grund zu heulen, dachte Alina, aber sie konnte es durchaus verstehen. Doch im nächsten Moment kam die Rettung. Die Kollegin, die sie gerade abgelöst hatte, kam zurück, hatte schon ihre Jacke an und sah routiniert, was mit der Maschine los war. Die weinende Bedienung musste nichts sagen, bekam nicht die Gelegenheit, ihren Frust auszudrücken. Stattdessen meinte ihre Ablösung nur:

„Das Scheißteil spinnt andauernd. Nicht deine Schuld!“, und dann tippte sie, leider viel zu schnell, als dass die Bedienung es hätte nachvollziehen können, ein paar Tasten. Das rote Blinken verschwand augenblicklich und im gleichen Moment setzte die Maschine sich in Gang und spuckte das Gewünschte aus.

„Du kriegst das schon hin! Bis dann!“, meinte die Ablösung und war auch schon verschwunden.

Alina konnte die Bedienung gut verstehen, die zwar nun einen Kaffeeautomaten hatte, der wieder funktionierte, aber keine Ahnung, wie sie ihn wieder richten konnte, wenn er wieder spinnen sollte. Alina beobachtete, wie die Bedienung dem dürren, bleichen, schwarzhaarigen Mann den Latte Macchiato brachte.

„Na endlich!“, raunzte er nur, widmete der Frau aber keinen Blick.

Alina reichte es nun. Was für ein Arsch! Ihr schoss eine Fantasie durch den Kopf:

Wie sie von ihrem Platz aufstand, zu dem Mann ging, der sich hinter seinem Laptop verkrochen hatte und ohne aufzublicken nach dem Latte Macchiato griff und gedankenverloren daran nippte, ohne ihn zu genießen. Und das, obwohl die Bedienung so viel Mühe damit gehabt hatte!

Alina stemmte eine Hand in die Hüften und sprach ihn an:

„Hey, du!“

Er sah auf und antwortete schroff:

„Was ist?“

„Du bist ein ziemliches Arschloch!“

„Was?“, fragte er irritiert. Er achtete nicht richtig auf sie. Sein Blick sprang immer wieder auf den Bildschirm zurück.

„Wie du die Bedienung behandelst!“

„Was geht Sie das an?“

„Sie ist neu. Hast du das nicht gesehen? Sie kennt sich noch nicht so aus!“

Wieder sprang sein Blick auf den Monitor, und er tippte schnell drei Tasten.

„Ist doch ihr Job, mich zu bedienen. Was soll das also?“

„Es ist aber nicht dein Job, andere Leute mies zu behandeln!“

„Nochmal: Was geht Sie das an?“

Wieder dieser Blick auf den Monitor. Nun tippte er einen ganzen Satz und ließ Alina dastehen.

Ihr platzte der Kragen.

Mit einer schnellen Bewegung klappte sie den Bildschirm zu, wie eine Mausefalle schnappte er zu. Der Mann konnte gerade noch seine Finger wegziehen, sonst hätte Alina ihm die zerquetscht.

„Hey, was fällt Ihnen ein?“

Er versuchte, den Laptop wieder zu öffnen, aber sie schlug mit der flachen Hand darauf. 

„Was fällt DIR ein!“, blaffte sie zurück. „Wo hast du deine Manieren her? Ich sag dir jetzt was: Du wirst dich bei der Frau entschuldigen.“

„Niemals!“, er lachte empört.

Der Mann kam sich immer noch ziemlich überlegen vor, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, lächelte sie überheblich an, kreuzte die Arme herausfordernd vor der Brust und wippte auf den hinteren Beinen des Stuhls

„Das ist ihr Job, mich zu bedienen, und sie macht ihn ziemlich beschissen, wenn ich das sagen darf!“

Alina hatte genug. Mit einer flinken Bewegung trat sie gegen die Sitzfläche des Stuhls, genau zwischen die gespreizten Beine des Mannes.

Er verlor das Gleichgewicht und kippte nach hinten um.

Seine Beine zappelten nun in der Luft wie die eines Käfers auf dem Rücken.

„Was fällt Ihnen ein!“, rief er erschrocken.

Sie griff den Latte Macchiato, trat ganz nah an den Mann heran, dann kippte sie ihn über ihm aus. Schön langsam. Über das Gesicht, über sein Hemd und ganz viel goss sie in seinen Schritt.

„Verdammte Scheiße!“, rief er empört.

Alina stellte ihren Fuß auf seine Kehle und drückte ihm langsam die Luft ab.

Seine Augen weiteten sich in Panik. Jetzt verstand er. Das war kein Spiel!

„Ich werde jetzt die Bedienung rufen, und dann wirst du dich bei ihr entschuldigen. Ganz höflich. Und dann wirst du die Sauerei hier aufwischen. Ist das klar?“

Sie drückte auf seine Kehle. Er röchelte, sah sie angsterfüllt an und winselte.

„Schön, dass wir uns verstehen!“

Sie drehte sich zur Theke um und sprach die Bedienung an, die das ganze Schauspiel ungläubig verfolgt hatte.

„Könnten Sie mal bitte herkommen und einen Lappen mitbringen? Dem Mann hier ist ein Malheur passiert.“

Die Frau nickte und kam.

„Und jetzt schön nett!“, ermahnte Alina den Mann. Dann hob sie ihren Fuß ein wenig von seiner Kehle.

Er schluckte, sah die beiden Frauen angsterfüllt an, dann stotterte er:

„Es tut mir leid, dass ich Sie so unhöflich behandelt habe.“

Die Bedienung nickte.

„Na gut. Entschuldigung angenommen!“

Alina war fast ein wenig enttäuscht, dass die Bedienung das Spielchen so schnell beenden wollte.

„Und jetzt wischst du hier die Sauerei weg!“

Sie nahm der Bedienung den feuchten Lappen aus der Hand und warf ihn dem Mann ins Gesicht. Dann nahm sie ihren Fuß von seiner Kehle. Die beiden Frauen sahen amüsiert zu, wie er die Pfütze wegwischte.

Alina gab manchmal Anweisungen:

„Da hinten auch!“

„Hier ist noch was!“

„Vergiss die Ecke da nicht!“

Irgendwann fand sogar die Bedienung Gefallen an dem Spiel und machte mit:

„Mach das ja ordentlich! Wehe, ich sehe da noch Flecken!“

„Jawohl!“, murmelte der Mann, kroch auf allen Vieren herum und wischte die Brühe weg.

Die beiden Frauen sahen ihm mit viel Vergnügen zu.

Am Ende entließen sie den Mann. Er stand gedemütigt da und lief gesenkten Hauptes aus dem Café. Die junge Frau sah Alina an und sagte: „Danke!“

„Kein Problem!“, antwortete sie.    

Ein komischer Gedanke war das.

Alina als Superheldin-Domina für die Rechte der mies behandelten Frauen.

Solche Phantasien hatte sie noch nie gehabt.

Dieses Domina-Angebot konnte sie nicht aus dem Kopf kriegen. Es war schon komisch. Aber sie mochte es. Sie mochte diese Fantasie.

Alina war von der Uni gekommen, wo sie eine Einführungsveranstaltung besucht hatte. Dann hatte sie sich noch ein paar Bücher besorgt und war schließlich in das Café gegangen. Sie wollte hier nach Jobs suchen. Kellnern hatte eigentlich recht weit oben auf ihrer Liste gestanden. Sie hatte das schon ein paar Jahre gemacht in einem Ausflugslokal in ihrer kleinen Stadt. Aber so richtig viel Lust hatte sie in diesem Moment zugegebenermaßen nicht. Das Problem der Bedienung, die nicht mit dem komischen Kaffeeautomaten umgehen konnte, hatte ihr den Rest gegeben. Alina konnte sich in die Nöte der Frau ziemlich gut einfinden. Es hätte ihr genauso ergehen können.

Da war immer noch das Angebot von Michael. Je länger es in ihrem Kopf umher kreiste, desto attraktiver wurde es. Es war ziemlich großzügig. So großzügig, dass sie eher das Gefühl hatte, ihn auszubeuten, wenn sie es annehmen sollte, als dass sie das Opfer wäre. Aber ohne eine gründliche Analyse und eine sorgfältig ausgefüllte Liste würde sie keine Entscheidung treffen.  

Alina schaute auf zwei Spalten auf ihrem Block. Oben hatte sie säuberlich zwei Überschriften geschrieben. „Michaels Domina“ und „Anderer Job (Kellnerin)“. Mit einem dünnen Bleistiftstrich, der akkurat mit einem kleinen Lineal gezogen worden war, hatte sie die Überschriften unterstrichen und mit einem weiteren Strich hatte sie zwei Spalten voneinander abgetrennt. Nun hielt sie den blau schreibenden Füller in der Hand, um ihre Argumente für beide Punkte niederzuschreiben. Der Bleistiftstrich war deshalb so dünn, weil es Argumente gab, die sich nicht unbedingt einer Seite klar zuschreiben ließen, und die daher in die Mitte kamen. In einem nächsten Schritt würde sie mit einem lilafarbenen Füller die Argumente kommentieren und bewerten. Wenn es ganz kompliziert würde, hätte sie auch noch einen rot und einen grün schreibenden Füller, mit denen sie die Gewichtung der einzelnen Argumente festlegen könnte.

Sie hatte schon so oft Listen gemacht, um zu einer Entscheidung zu kommen, dass sie die Methode perfektioniert hatte. Alina war mittlerweile so professionell im Umgang mit den Listen, dass sie ihr bei allen schwierigen oder unüberschaubaren Entscheidungen halfen. In diesem Fall allerdings starrte sie auf die Überschrift der linken Spalte und war von dieser irgendwie hypnotisiert.

„Michaels Domina“.

Es klang lächerlich. So lächerlich, dass sie gar nicht wusste, was sie damit anfangen sollte. Es war ein Klischee. Es klang absurd, jedenfalls nicht nach ihr. Hätte sie aufgeschrieben: „Ein Alien als Haustier halten“, es wäre nicht weniger abwegig gewesen. Aber im Gegensatz zu dem Alien-Haustier, das einfach nur lächerlich war, zog sie dieser Domina-Gedanke mehr und mehr an.

Alina hatte Schwierigkeiten, über das Wort „Domina“ hinauszukommen. Es klang exotisch, nicht nach ihr, aber auch spannend.

Natürlich gab es Argumente dafür.

Sie müsste sich keinen anderen Job suchen. Sie hätte mehr Zeit für ihr Studium. So richtig war sie zu nichts verpflichtet. Sie konnte neue Erfahrungen machen und ihren Horizont erweitern (ein durchaus gewichtiges Argument in ihren Augen). Sie mochte Michael irgendwie, wenn sie sich ihn auch nicht als Freund vorstellen konnte.

Auf der anderen Seite stand da natürlich der Gedanke, dass das alles schmutzig war und dass sie sich verkaufte.

Aber hinter dem Schmutzigen hatte sie sofort ein Fragezeichen gesetzt. Ihr Mittel, um anzuzeigen, dass hier ein schwaches Argument war, das sie nicht greifen konnte. Blieb also, dass sie sich verkaufte. Aber auch dieses Argument war für sie nicht so richtig greifbar, denn sie hielt ja die Zügel in der Hand. Sie war im Zweifel nicht auf dieses Arrangement angewiesen. Sie war nicht wirklich finanziell abhängig von Michael. Sie könnte auch andere Jobs finden, wenn sie wollte oder musste. Sie war keine verklemmte Feministin, nicht prinzipiell abgeneigt. Sie wollte Neuem gegenüber offen sein. Sie konnte sich, wenn auch nur diffus und fern, auf einer „hormonellen“ Ebene eine sexuelle Entspannung vorstellen, die ja auch nicht zu verachten war. Und das ganz ohne die Verpflichtung einer Beziehung. Es sprachen erstaunlich viele Argumente dafür. Mehr als sie im ersten Moment gedacht hatte. Und trotzdem war da das Wort „Domina“, mit dem sie nicht umgehen konnte.

Es war ihr irgendwie peinlich.

Doch gerade diese Erkenntnis machte sie wütend.

Sie wollte nicht so spießig und kleingeistig sein!

Sie wollte was erleben und sich weiterentwickeln!

Sie wollte sich nicht reinreden lassen.

Sie wollte Domina werden!

Das bedeutete ja noch nicht, dass die ganze Welt davon erfuhr.

Sie konnte es ja auch diskret sein.

Und sie würde eine Probezeit vereinbaren.

Und in erster Linie wäre sie für die Buchhaltung zuständig.

Und wenn ihr dann der Sinn danach war und sie sich traute und sich dabei wohlfühlte, dann würde sie vielleicht noch was anderes in dieser Richtung übernehmen. Aber nur dann! Er sollte sich nicht zu viel versprechen von dieser Sache.

Buchhaltung! Das war die Priorität.

Alina nahm den vollgekritzelten Zettel, faltete ihn sauber und ordentlich zusammen und zerriss ihn dann in winzige Schnipsel. Normalerweise archivierte sie diese Listen, um später noch einmal überprüfen zu können, ob ihre Entscheidungsfindung richtig gewesen war.

Diese hier aber erschien ihr zu brisant für so etwas.  Sie wollte nicht, dass jemand herausfand, was sie so trieb.

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Kommentare

Super geschrieben, ich warte auf die Fortsetzung.

Hallo NaSchmi

Wunderbare Geschichte, gefällt mir sehr gut. Freue mich auf die Fortsetzung.

Grus

Fury