Domsen, Assis, Vollidioten - Teil 6

 

Vater, Mutter, Kind

Gerd war einfach nur todmüde, in diesem Moment und das obwohl er sein freies Wochenende hatte. Er hatte sich auf die Couch gelegt, den Fernseher angestellt und folgte einer lebhaften, aber ziemlich geistlos wirkenden Diskussion einer Politiktalkrunde.

Mein Gott, was hatte ihn die Kleine auf Trapp gehalten. Lisa hatte zwar nicht direkt darüber geklagt, dass die Mama nicht zu Hause war, aber dafür ständig an seinem Rockzipfel gehangen. Ob das Verlustängste waren? Xena war noch nie, schon gar nicht über Tage hinweg, von ihrer Tochter ferngeblieben, abgesehen von Tagen an denen ihre Kleine bei den Großeltern geblieben war.

„Es gibt doch wirklich nur noch Mist!“

Er schüttelte, frustriert vom Programm, seinen Kopf, schaltete das TV aus, legte die Fernbedienung auf den niedrigen Glastisch ab und rollte sich auf die Seite. Einfach Ruhe, nichts weiter. Er schloss seine Augen, die Gedanken verblassten, endlich wurde alles zum nichts….

„Papi! Ich muss auf die Toilette!“

Gerd blinzelte, sich mühsam wieder an das Licht gewöhnend. Sein kleiner blonder Engel, blickte ihn mit ihren großen, blauen Augen erwartungsvoll an, ihre Karlson-vom-Dach-Puppe dabei in ihren Händen haltend.

„Aber Du weißt doch wo sie ist, mein Schatz. Du kannst das alleine. Und Du hättest dazu nicht mal die Treppen heruntersteigen müssen.“

„Mami lässt immer das Licht an.“

Gerd stutzte. Ihm war nie aufgefallen, dass Xena das Badlicht für Lisa  angelassen hatte. Ach Scheiße! Er musste sich erst einmal wieder sammeln.

„Warte kurz, Prinzesschen, ich muss mich erst mal finden.“

Er lächelte zu ihr herunter, doch sie verstand nicht was er meinte. Aber Papa würde für sie aufstehen, dass reichte ihr.

Langsam, mit gequälten Gesicht, raffte er sich auf, blickte auf seine kleine Tochter herunter, innerlich von der Couch bereits Abschied nehmend. Er kannte Lisa. Es würde nicht nur bei dem Licht bleiben.

„Komm! Gehen wir nach oben.“

Er nahm sie bei der Hand und zusammen gingen sie aus dem Wohnzimmer heraus, in den kleinen Flur, wo eine enge Wendeltreppe nach oben, in den ersten Stock hinauf, führte.

„So, Süße. Das Licht ist an, dort ist das Klo und ich warte in Deinem Zimmer auf Dich, einverstanden?“

Lisa nickte. Er wollte hinter sich die Tür schließen, dann hörte er auch schon ihr piepsiges Stimmchen.

„Nicht zumachen!“

Er stöhnte gequält. War er als Kind auch so? Er konnte sich nicht daran erinnern. Wahrscheinlich aber schon, seine Mutter schwärmte noch heute davon, wie lieb und anhänglich er als Kind doch gewesen war. Er ließ die Tür also ein Stück offen.

„Ich warte in Deinem Zimmer, Schatz.“

Er hatte noch nicht mal die Tür zu Lisas Zimmer aufgemacht, als er sie auch schon wieder hörte.

„Erzählst Du mir was? Alleine habe ich Angst.“

Gerds Kieferknochen mahlten, sein ganzer Körper spannte sich wie ein Flitzebogen. Das war die Mutter in der Kleinen, das stand außer Zweifel.

„Aber sicher doch. Worüber denn?“

Er hockte sich auf die erste Treppenstufe und lehnte sich an die Wand.

„Rike hat ein Ferkel von Magarete bekommen. Ich kriege auch eins, wenn es Mutti mir erlaubt.“

Gerd runzelte die Stirn und wandte sich langsam zur Tür um.

„Und mich sollst Du nicht fragen?“

Lisas helle Stimme zögerte. Sie schien erst darüber nachdenken zu müssen.

„Nein. Magarete hat Mutti gesagt.“

„Und wo sollen wir ein Schweinchen unterbringen? Wir haben doch gar kein Platz für ein Haustier.“

Gerd konnte schon den Einwand seiner Tochter erahnen.

„Aber Ati wohnt doch auch bei uns.“

„Das ist schon richtig, aber bei Hunden geht das in Ordnung, während Schweine…“

„Mutti nennt Dich doch auch ihr Schweinchen.“

Gerd biss sich auf die Lippen, sich nur mit Mühe das Lachen verkneifend. Scheiße! Was hatte er an diesem Abend denn nur verbrochen.

„Magarete hat doch Recht. Frag Mutti, wenn sie wieder da ist.“

Für eine Weile wurde es ruhig, Lisa schien zu glauben, dass sie in Punkto Hausschwein ein Stück weiter gekommen war.

„Wann kommt sie denn?“

Gerd starrte müde vor sich hin. Soweit er hören konnte, hatte die Kleine bisher weder Groß noch Klein gemacht. Wahrscheinlich hatte sie einfach nur nicht einschlafen können.

„Morgen. Ich habe es Dir heute schon zehn Mal gesagt, mein Schatz.“

„Einmal schlafen?“

Gerd nickte, ohne dass es seine Tochter hätte sehen können.

„Einmal schlafen! Genau.“

Endlich ging die Toilettenspülung, dann hörte er wie Lisa ihr Stüfchen zurechtschob, damit sie den Wasserhahn und den Seifenspender erreichen konnte. Sie hatte panische Angst vor den kleinen Ekelmonstern, die auf ihren Händen lauerten, nachdem sie auf der Toilette gesessen hatte. Eine ihrer ersten Neurosen, super. Da hatte die Oma ganze Arbeit geleistet.

„Bist Du fertig?“

„Jaaaah. Ich komme.“

Die Tür wurde aufgestoßen, dann stürmte sie auch schon auf ihn los. Umarmte ihn und wartete darauf, dass er sie hochnahm und in ihr Zimmer trug.

„Na gut. Dann husch ins Bettchen.“

Er legte die Kleine hinein, deckte sie sorgfältig zu und setzte sich neben ihren Bett auf einen kleinen, grünen Hocker. Sie waren noch nicht fertig miteinander, dass wusste er aus Erfahrung.

„Liest Du mir?“

„Lisa ich habe Dir vorgelesen. Eine ganze Geschichte. Das ist noch keine Stunde her. Du musst ins Bett, schau die vielen Sterne dort draußen!“

Er deutete auf das Fenster.

„Oh, ja! Eine Sternengeschichte! Bitte Papi!“

Gerd liebte seine Kleine, trotzdem kotzte er innerlich. Was hatte er gestern noch zu Xena gesagt? Sie solle sich keine Sorgen machen und einfach mal Spaß haben. Auch von „sich gönnen“ war die Rede gewesen.

Wie dämlich er doch war! Wenn sie die Kleine ins Bett brachte, war nach fünf Minuten Ruhe und Lisa schlief. Ach, Scheiße. Er riss sich zusammen und fing an zu überlegen. Einen Sternengeschichte…

 

„Hey! Gerd!“

Gerd schmatzte, die erneute Störung nur widerwillig zur Kenntnis nehmend.

„Du musst doch nicht schon wieder?!“

Seine Stimme klang weinerlich.

Er hörte ein leises Lachen, erst jetzt wurde ihm bewusst, dass es nicht die Kleine war, die ihn angesprochen hatte.

„Ich war gerade, keine Angst.“

Er fühlte eine Hand behutsam über seine Stirn streicheln.

„Konnte Sie nicht schlafen?“

Er verneinte.

„Die hat mich wirklich auf Trab gehalten, die letzten beiden Tage. Mein Gott wie hältst Du das aus?“

Er sah nur Xenas schattenhafte Gestalt, die sich vor dem Flurlicht in der offenstehenden Zimmertür abzeichnete.

„Ich habe vorher mit Dir geübt, da geht das jetzt einigermaßen. Komm! Lass uns rübergehen.“

Xena reichte ihm ihre Hand und half ihm aus dem viel zu kurzen Bettchen heraus. Wie er darin hatte einschlafen können, auch noch die Kleine an seiner Seite, war ihr schleierhaft.

„Was machst Du überhaupt hier? Ich dachte Du kommst erst morgen wieder?“

Xena stieß ihn mit ihrem rechten Zeigefinger in die Seite. Er zuckte zusammen, es tat weh.

„Ich wollte nachsehen, ob Du Dich, so wie ich außer Haus bin, in das Bett einer anderen legst… .“

Er konnte nicht anders, er musste lachen.

„Psst. Du weckst sie wieder auf.“

Gerd hob seine Schultern.

„Ist doch jetzt egal, schließlich bist Du jetzt da.“

Xena kniff ihn in die Wange, dann zog sie ihn an sich heran. Ihre Lippen trafen sich, dann lagen sie sich in den Armen. Es war schön, sie brauchten einige Zeit um sich wieder voneinander zu lösen.

„Ich habe Dich vermisst.“

Gerd lächelte.

„Ich Dich nicht, ich war ja bei meiner anderen.“

Xena grinste und zwickte ihn erneut, so dass er zusammenzuckte.

„Nee im Ernst, Du hättest nicht zurückkommen müssen. Ich habe das gut hinbekommen. Hast Dir Sorgen gemacht, oder?“

Zur Gerds Überraschung verneinte sie.

„Nein. Warum? Das ist es nicht. Aber ich möchte Thao bei etwas helfen und dazu brauche ich ein paar Sachen. Ich fahre wieder morgen in der Früh zu ihr zurück.“

Gerds Gesicht wurde ernst.

„Bei was willst Du ihr helfen?“

„Nichts Besonderes. Sie braucht ein paar Sachen für einen Klienten, ich denke da habe ich das Richtige für sie.“

„Was für Sachen. Was arbeitet sie überhaupt?“

Xena zögerte. Sie spürte etwas an ihrem Partner, das ihr nicht gefallen wollte. Er schien ihr zu misstrauen, ein Gefühl das neu für sie war.

„Was ist los? Misstraust Du mir etwa? Von jetzt auf gleich? Weil ich zwei Tage weg war?“

Gerd blickte zu Boden. Sie lenkte ab, also verschwieg sie ihm etwas. Hatte es mit…, nein! Sie hatten darüber gesprochen. Er war einfach nur überempfindlich. Warum sollte sie nicht ihre kleinen Geheimnisse vor ihm haben.

„Entschuldige, ich bin einfach müde.“

Ihr harter Blick blieb noch eine Weile auf ihm liegen, dann wurde er weicher. Auch sie schien nicht streiten zu wollen. Sie kam ihm wieder näher und legte ihre Hand über seinen Schritt.

„Zu müde?“

Er lächelte, aber Lust hatte er in diesem Moment nicht. Sie fühlte es und war enttäusch. Es hätte diesen Abend zwischen ihnen zu etwas Besonderem gemacht. Stattdessen verkam er zu einem allabendlichen Einerlei.

„Und wenn Du noch einmal runter an den Computer gehst?“

Ihre Worte klangen gereizt, man konnte deutlich ihre Gereiztheit heraushören.

Gerds Reaktion aber lies nicht auf sich warten, sein Gesichtszüge froren ein, sie hatte ihm mit diesen Worten unglaublich verletzt. Also gab es da doch noch etwas! War ihr Verständnis, ihm gegenüber, nur gespielt gewesen? Nur schwer vermochte er es einen Ausbruch seiner Wut zu unterdrücken.

„Lass gut sein. Das war nicht fair, jetzt.“

Sie versuchte ihn zu beschwichtigen, hob ihre Hand, wollte ihn berühren, doch er zog sich vor ihr zurück. Er wollte sich an ihr vorbei in den Flur drücken, Xena aber versperrte ihm den Weg.

„Lass uns schlafen, Gerd. Wir sind beide müde.“

Er blickte sie an, zögerte, wollte seiner Wut auf sie nachgeben. Doch der Gedanke an die schlafende Tochter lies das nicht zu.

Xena kam ihm zuvor, mit dem tiefen Verlangen den Frieden zwischen ihnen wiederherzustellen.

„Setzt Dich, Gerd! Damit wir darüber reden können.“

Er war einverstanden und nahm auf seine Seite des Bettes Platz. Es war ein Zeichen für seine Wut, dass er den Abstand zu ihr suchte.  

„Du hast gesagt, dass Du mich verstehen kannst. Und dem ist nicht so, dass hast Du mir gerade deutlich zu verstehen gegeben.“

Xena blickte zu ihm hinüber, konnte nicht leugnen was er sagte.

„Stimmt, Du hast Recht, es lässt mir keine Ruhe.“

Gerds Kopf senkte sich, seine Finger griffen nervös ineinander.

„Mir auch nicht, Xena. Schon seit Jahren.“

Ihr zog es bei seinen Worten das Herz zusammen. In diesem Moment tat er ihr unbeschreiblich weh.

„Du bist also unglücklich mit mir?“

Er wandte sich zu ihr um. Sie verstand ihn falsch und er spürte die Gefahr dabei. Es war der Punkt wo er die Wahl hatte, es zwischen ihnen eskalieren zu lassen, oder den Konflikt beizulegen.

„Nein! Wie könnte ich das? Aber ich träume von ihr, sie will einfach nicht verschwinden. Das ist alles.“

Sie wandte sich zu ihn um, dachte an eine der Dominas aus dem Internet, die sie für kurze Zeit auf den Bildschirm seines PC´s gesehen hatte.

„Wen meinst Du?“

„Dich, nein sie.“

Sie verstand jetzt, doch wohler wurde ihr deswegen nicht.

„Ich hasse es, wenn etwas zwischen uns steht, Gerd. Ich habe viel darüber nachgedacht, auch über…, naja über „Sie“, wie Du sie nennst. Aber „sie“ hat zu einem anderen Teil meines Lebens gehört. Einen den ich weit hinter mich gelassen habe. Ich bin das einfach nicht mehr und kann es auch nie wieder sein. Selbst für Dich nicht.“

Er sah sie einen Moment lang an, dann senkte sich wieder sein Kopf.

„Und das weiß ich ja, respektiere das auch, aber sie will einfach nicht gehen.“

Ihre blauen Augen blickten in die seinen, als ob sie darin zu lesen suchten. Dann kam sie um das Bett herum und setzte sich zu ihm.  

„Es ist unser Problem, nicht Deins allein. Das habe ich Dir schon gesagt.“

Der Gedanke daran belastete ihn noch mehr.

„Das macht es schlimmer für mich.“

Sie umarmte ihn und drückte seinen Kopf gegen ihre Schulter.

„Muss es nicht. Es gibt für alles eine Lösung.“

„Und Du glaubst daran?“

Sie nickte.

„Klar. Einfach weil ich es muss, richtig? Mir behagt es nicht, dass ich dir im Moment, allein als Frau, anscheinend nicht reiche, Gerd. Aber wir haben das schon geklärt. Ich trage ja die Schuld daran, also werde ich lernen damit umzugehen. Und Du auch.“

Er verstand sie nicht, konnte sich kein Bild davon machen, worauf sie hinaus wollte. Er sah einfach die Lösung nicht. Wie könnte sie denn jemals akzeptieren, dass er eine Seite an ihr suchte, die einfach nicht mehr vorhanden war?

„Wie meinst Du das?“

Für einen Moment blieb sie stumm, schien sich genau zu überlegen, wie sie ihm antworten wollte.

„Ich will einfach die Einzige für Dich sein und Dir jetzt genauso entgegenkommen wie Du damals mir, erinnerst Du Dich?“

Sie zog ihre Stirn kraus und bis sich auf die Lippen. Eine Erinnerung wurde in ihr geboren, begleitet vom schlechten Gewissen.

„Man kann nicht behaupten, dass Du es leicht gehabt hast mit mir.“

Er lachte. Sie schaffte es tatsächlich ihn aus seiner Melancholie zu lösen.

„Du warst die Pförtnerin zur Hölle. Niemals hätte ich geglaubt, dass ich so etwas ertragen könnte.“

Xena fuhr mit ihrem Zeigefinger über seinem Dreitagebart.

„Und trotzdem hast Du es, für mich.“

 

Stevens Sonntagsprüfung – die Vorbereitungen

Was für eine beschissene Nacht das gewesen war. Trotz des späten ins Bett Gehens, hatte er bisher kaum ein Auge zugetan. Natürlich hatte es Hans nicht lassen können, ihn gestern noch mit in eine Kneipe zu schleifen und ständig an den Termin mit der Domina zu erinnern. Erik hatte fleißig dazu das seinige beigetragen, in dem er mit Hans zusammen über mögliche Praktiken spekuliert hatte, die wohl an ihm vollzogen werden würden.

Steven hätte ihnen beide am liebsten eine gescheuert. Vor allem Erik, den er ja selbst auch noch auf seine Befürchtungen aufmerksam gemacht hatte. Er blickte auf seine Uhr. Vier Stunden noch, dann sollte er sich bei der angegebenen Adresse einfinden.

Ob Hans wirklich nichts wusste? So sehr er auch gebeten und gedroht hatte, sein Kumpel hatte immer wieder versichert, dass er selbst nichts Genaues über den Termin erfahren hatte. Er hatte im Studio angerufen, wurde an eine Spezialistin verwiesen, hatte ihr von Steven erzählt, den Prüfungen, seinen Vorstellungen und den Preis mit ihr ausgehandelt, dass war alles.

Er ging zu seinem Kleiderschrank und öffnete ihn. Was trug man, wenn man seiner Herrin gegenüber trat? Einen Schutzanzug, inklusive Helm und Keuschheitsgürtel? Er musste lachen bei dieser Vorstellung. Ein Gag wäre es auf jeden Fall.

Er zog seinen Pyjama aus, ging ins Badezimmer und stellte sich in die Dusche. Er war gut gebaut, muskulös, vielleicht half ihm das bei seiner, ihm noch unbekannten, Gebieterin. Er blickte an sich herunter und griff nach seinem Glied. Er brauchte es nicht zu verstecken und würde es ihr gerne zeigen. Er lachte. Vielleicht würde es sogar richtig geil, werden? Es wäre nicht das erste Mal, dass er bei einer Frau Verlangen weckte.

Es tat gut, das Ganze mit Humor zu sehen. Auch wenn Steven nicht daran glaubte, dass er diese Methode lange aufrecht zu erhalten vermochte. Es war nicht direkte Angst, die ihn überkam, eher eine drückende Spannung, die weder auf etwas Gutes noch auf etwas Schlechtes hindeutete, sondern einfach dass mit ihm etwas Außergewöhnliches passierte, dass er nicht abschätzen und somit auch nicht für sich deuten konnte.  

Er suchte in seinen beiden Kleiderschränken nach etwas Besonderem, entschied sich aber schließlich für ein weißes Hemd, eine schwarze Krawatte und eine maßgeschneiderte Hose, die mehr betonte als verbarg. Nicht nur Frauen konnten ihre Reize zur Schau stellen, auch Männer vermochten das. Er drehte sich vor dem Spiegel zur Seite, bis er sein Profil sehen konnte. Ihm gefiel was er sah. Er war sich sicher, dass es der Domina genauso gehen würde.

 

Xena hatte eine unruhige Nacht hinter sich gebracht. Aber nicht nur sie hatte kaum Schlaf finden können, auch Gerd hatte Probleme damit, trotz dessen er so müde gewesen war. So redeten sie miteinander, lagen eng zusammen und suchten, jeder für sich, den anderen zu beruhigen. Sie machten sich umeinander Sorgen, konnte man überhaupt mehr, innerhalb einer Partnerschaft, verlangen? Trotzdem! Sie hätte ihn so gerne gespürt, es hätte ihnen beiden gut getan.

Immer noch in Gedanken stieg sie aus ihrem Wagen und warf einen Blick auf den, aus blassroten Backstein gebauten, Speicher. Er war nicht leicht zu finden gewesen und lag ziemlich abseits in einem alten Industriegebiet. Sie öffnete den Kofferraum, entnahm eine große, schwarze Sporttasche und schulterte sie.

„Du bist Xena?“

Eine mittelgroße Brünette öffnete ihr, blickte zu ihr auf und trat dann zur Seite um sie hereinzulassen. Xena bot ihr ihre Hand an, die von der jungen Frau zögernd angenommen wurde.

„Und Du?“

„Ich bin Elena. Komm bitte rein, es wird sonst schnell kalt hier drinnen.“

Elena hatte schöne grüne Augen, fand Xena, ein schmales Gesicht, war gefällig geschminkt und hatte eine sehr schlanke, fast drahtige Figur. Sie war, so wie sie selbst, ganz in schwarz gekleidet, nur dass Elena an ihren Fingern, Ohren und am Hals sehr viel Modeschmuck trug.

Xena folgte ihr durch einen langen, schmalen Gang, der nur sehr spärlich ausgeleuchtet war und überlegte angestrengt zu welcher Seite ihre Empfangsdame wohl gehören könnte. Diese Elena war nur sehr schwer einzuschätzen, aber sie tippte dann doch eher auf die dominante.

„Blöd am Sonntag zu arbeiten, oder?“

Xenas Begleiterin verneinte, es schien ihr nichts weiter auszumachen.

„Für mich eigentlich nicht, er ist ein Tag wo es ein wenig ruhiger bei uns zugeht. Zumindest tagsüber. Bedeutet für mich einfach weniger Stress.“

Sie zeigte auf eine alte Holztür.

„So, das ist der Personalraum. Ist nicht gerade ein Schmuckstück, aber bei uns wird da nicht so viel wert drauf gelegt wie in anderen Häusern. Thao wird Dir sicher alles erklären. Viel Spaß, Xena! Ich muss dann wieder ran. Sonst komme ich heute nicht mehr durch.“

Xena kapierte nicht und sah ihrer neuen Bekanntschaft, sichtlich verwirrt, hinterher.

„Du musst durch die Tür kommen und das Zimmer betreten um mir „Hallo“ zu sagen.“

Thao saß an einem langen Tisch, der flankiert von einem Dutzend bequemen Stühlen, den Hauptverwendungszweck des Raums, darstellte. Aschenbecher waren auf ihm zu sehen, auch einige Gläser und Tassen.

Xenas Freundin stand auf, trat an sie heran und umarmte sie.

„Sag mal Elena, die ist Domse, oder?

Thaos Gesichtszüge entgleisten für einen Moment, dann aber schien sie sich wieder zu fangen.

„Tut mir leid, aber das weiß ich nicht.“

„Wieso nicht? Die arbeitet doch hier.“

Thao lachte schallend auf.

„Schon, aber ich habe sie bisher nur Schrubber und Besen schwingen sehen, dafür aber nie die Peitsche.“

Xena verdrehte die Augen und stieß Thao wütend vor die Schulter.

Die brauchte Zeit um sich zu beruhigen, klang aber dann versöhnlich.

„Bist schon aufgeregt?“

Die Blondine nickte.

„Scheiße und wie. Ist halt doch einige Zeit her bei mir. Hast Du auf mich gewartet? Du bist noch nicht umgezogen.“

Thao winkte ab und deutete auf einen der Stühle.

„Hock Dich erst einmal hin und trink mit mir einen Kaffee. Wir haben noch genügend Zeit. Ich will Dir vorher einfach noch ein paar Sachen erklären.“

Xena war einverstanden, wollte aber vorher noch nach Aneliese fragen. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, was Thaos Nachbarin betraf.

 „Sie hat sich wieder im Griff, mach Dir keine Sorgen. Aber Du kannst Dir auf Deine Fahne schreiben, dass Du da ein Tor bei ihr eingetreten hast, das sie nur schwer wieder schließen konnte.“

In Xenas Magen breitete sich ein unangenehmes Gefühl aus. Sie hatte Aneliese nicht wehtun wollen. Es sollte eine Erklärung sein, weiter nichts.

„Wie das?“

„Du hattest Recht gehabt. Für Aneliese war das kein Spiel, Blondi. Man kann nämlich wirklich mit ihr alles machen. Sie hat liebe Eltern, die sie vor allem behütet haben und nie wirkliche Aggression von jemanden zu spüren bekommen. Von Kleinigkeiten einmal abgesehen.

Du hast sie, was das betrifft, also im Grunde genommen gestern entjungfert und ihr gezeigt, dass es da noch andere Seiten am Menschen gibt. Tja, und jetzt hat sie Angst, vor allem vor ihrem Bräutigam.“

Xena war blass geworden und blickte zu ihrer schwarzhaarige, hübschen Freundin hinüber. Sie fühlte sich richtig Scheiße, in diesem Moment.

„Das tut mir so leid.“

Thao verneinte.

„Nein, ich glaube das war ganz gut so. Sie möchte mit Dir reden, wenn Du wieder da bist. Du hast einen ziemlichen Eindruck bei ihr hinterlassen.“

Xena war einverstanden. Sie hatte das Bedürfnis etwas gutmachen zu müssen. Sie hatte Aneliese nicht nur ihr etwas über SM zeigen wollen, sondern sich selbst auch. Es war noch da, Thao hatte Recht gehabt. Doch so einfach den Wasserhahn aufdrehen, wie die Freundin glaubte, das konnte sie nicht.

Thao schob ihr eine große Kaffeetasse hin, schenkte ihr aus einer großen Thermoskanne ein und deutete auf eine Kondensmilchflasche und den Zuckerspender.

„So, können wir anfangen?“

Xena nahm einen Schluck und nickte ihr zu.

„Schieß los, ich bin gespannt.“

 

Steven saß jetzt schon eine halbe Stunde in einem der Korbstühle. Die Frau die ihm geöffnet hatte, war nirgends zu sehen und auch sonst rührte sich nichts. Zwar war die kleine Wartelobby hübsch eingerichtet und gemütlich, aber seine Freizeit wollte er in ihr dann doch nicht verbringen. Noch einmal griff er nach seinem Smartphone und vergewisserte sich, dass er pünktlich war.

„Fuck!“

In diesem Moment hasste er Hans besonders. Der Freund wusste, dass er Warten hasste, genauso wie Unpünktlichkeit.

Weitere zehn Minuten verstrichen, dann hörte er endlich Schritte.  Eine Tür am anderen Ende der Lobby öffnete sich und eine junge Frau mit blauen Kapuzenpullover, Bluejeans und kurzen Schnürstiefel betrat den Raum. Sie hatte hochgegelte, kurze schwarze Haare, tiefbraune Augen und ganz besondere, hübsche Gesichtszüge. Steven konnte nicht sagen warum, aber sie wirkten so ganz anders, als die Frauen mit den er es bis jetzt zu tun gehabt hatte.

„Hi!“

Ihre Blicke trafen sich kurz, dann verschwand sie hinter einer kleinen Theke und kramte in einem der Schränke, seinen Gruß dabei unerwidert lassend.

Steven aber hatte langsam keinen Bock mehr. Er war dagewesen und hatte jetzt lang genug gewartet, für ihn war die Prüfung somit beendet. In dem Moment wo er aufstehen wollte, tauchte die junge Frau wieder auf, lutschte an einem Lolly und hielt auch ihm einen hin.

„Magst?“

Erstaunt sah er zu ihr auf, lehnte aber dann dankend ab.

„Steven, oder?“

Er nickte, sie dabei erneut in Augenschein nehmend. Das Mädel hatte nicht nur ein geiles Gesicht, sondern auch einen ziemlich kurvenreichen Körper. Sie war nicht so schlank wie die Frauen auf die er sonst flog, aber sie wirkte dadurch auch viel einladender und üppiger auf ihn.

Lässig ließ sie sich in einem, ihm gegenüber stehenden, Sessel fallen, ihn dabei genauso eingehend betrachtend, wie er sie. Sie schien zufrieden, mit dem was sie sah und zog den Lolly schließlich lässig wieder aus ihrem Mund heraus.

„Ich heiße Thao, wir haben heute das Vergnügen miteinander.“

Sie reichte ihm die Hand.

Steven griff nach ihr, nickte der jungen Frau zu, blieb aber ernst. Er war immer noch wütend darüber, dass man ihn solange hatte warten lassen.

„Es ist Dein erstes Mal?“

„Du meinst, dass ich bei einer Domina bin? Ja.“

Er hatte eine andere Vorstellung von einer Femdom gehabt, doch war ihm das im Grunde genommen egal, sie sah niedlich aus und würde ihn schon darüber aufklären, was es mit all dem auf sich hatte.

„Domina trifft es nicht ganz. Aber Du wirst ja sehen.“

Sie steckte den Lutscher wieder in ihren Mund zurück und schien für einen Moment in Gedanken.

„Ich bin schon ziemlich lange in dem Geschäft, für mich ist es wichtig, dass Du mitmachst und Dich in Deine Rolle fügst. Vergiss die klassische Domina, bei mir geht es eher um Fantasien und Rollenspiele. Dein Freund Hans hat mir einiges von Dir erzählt und so denke ich, wir haben schon das Passende für Dich entwickelt.“

Steven hörte ihr gespannt zu, ihre Stimme hatte etwas Raues an sich, was ihm sehr gut gefiel. Nur klang sie auch distanziert und gleichgültig, etwas was er so bei Frauen bisher nur selten erlebt hatte.

„Bist Du sauber?“

Steven bejahte, ehrlich erstaunt über ihre Frage. Er konnte doch kaum ungepflegt auf sie wirken. Naja, vielleicht war diese Frage reine Routine für sie.

„Trägst Du Schambehaarung?“

Er verneinte. Wahrscheinlich suchte sie ihn, mit solchen Fragen, aus der Reserve locken zu wollen.

„Hast Du gesundheitliche Probleme? Zum Beispiel mit dem Herz, Kreislauf, irgendwelche Allergien oder Asthma?“

Er schüttelte seinen Kopf.

„Ansteckende Krankheiten wie Hepatitis, Aids oder Gonorrhoe?“

Steven grinste.

„Nein, ich habe eigentlich immer Kondome dabei.“

Sie lächelte.

„Das ist sehr löblich.“

Es klang sehr gnädig.

„Wie sieht es mit Deinem Schmerzempfinden aus? Würdest Du Dich da eher als sensibel bezeichnen oder hältst Du einiges aus?“

Steven überlegte. Ihre Fragestellung verriet ihm, dass es hier um die Intensität ihres gemeinsames Spiels ging. Trotzdem zögerte er damit, sich als besonders sensibel einzustufen, er wollte vor ihr nicht als Memme dastehen, aber eben auch nicht hart gezüchtigt werden.

„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht.“

„Kein Problem, dass finden wir dann schon für Dich heraus. Es ist bei unserem Spiel auch nicht vordergründig, das Quälen meine ich.“

Steven war erleichtert.

„Das freut mich zu hören.“

Thao lächelte zu ihm rüber.

„Wir werden ja sehen, wie oft Du Dich, heute noch, „freuen“ wirst.“

Stevens alte Befürchtungen wurden wieder wach, vielleicht hatte er mit seiner Erleichterung übertrieben? Scheiße, jetzt war alle seine Sorgen wieder da.

„Hast Du noch Fragen an mich, Steven?“

„Ja? Wie lange wird das dauern? Ich muss auch noch irgendwann wieder nach Hause.“

Das Gesicht der jungen Frau blieb entspannt. Stattdessen hörte man ein deutliches Knacken, wahrscheinlich hatte sie in diesem Moment, dass Zuckerstück in ihrem Mund zerbissen.

„Ich muss mich noch umziehen, die reine Spielzeit beträgt dann ungefähr zwei Stunden. Bis 16 Uhr dürften wir dann fertig sein. Du kannst danach mit uns noch einen Kaffee trinken wenn Du magst, oder auch gleich abhauen.“

Steven wurde nervös. Er war fest davon ausgegangen, dass sie sich allein mit ihm auseinandersetzen würde.

„Ich hatte angenommen wir beide wären allein.“

Sie schüttelte ihren Kopf.

„Nein, eine Kollegin wird mir helfen. Aber sie ist ganz nett, Du wirst es sehen.“ 

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Kommentare

latexvieh

....also ich für meinen Teil - wäre sehr skeptisch, wenn meine Frau meint, Sie möchte ihre Neigungen nicht mehr ausleben, dann aber an einem Sonntag morgen mit ihren Outfits verschwindet - ohne im Detail zu sagen was sie vorhat.....

 

....da ist quasi der Streit vorprogrammiert - und vorallem das Gefühl der Unehrlichkeit und Vertrauensverlust und das ist eigentlich noch viel schlimmer.

kritisiert ganz offen. Teilt mir meine Fehler mit und weißt mich auf Unklarheiten hin, da bin ich stets offen und dankbar für. Zumindest wenn der Ton passt und man nicht oberflächlich rasiert wird. 

LV: Zwischen Gerd steht etwas, dass viele Paare entzweiht die sich eigentlich lieben. Sexuelle Wünsche die unausgesprochen bleiben, aus Angst vor der Reaktion des Partners. Hier ist es zum Glück zwar nicht ganz so schlimm, aber die beiden sind sich unsicher umeinander und das möchte ich hier spürbar werden lassen. Ich kann da nur um Geduld bitten, was die Handlung betrifft ich bleibe am Ball und schreibe so schnell ich kann weiter. 

Lieben Gruß an alle Leser.

Sena

man hab ich gelacht...., „Mutti nennt Dich doch auch ihr Schweinchen.“

So ein "kleiner" Ausflug in die Vergangenheit :o) 

Ja, die lieben kleinen, können manchmal ganz schöne Brocken raushauen.

Bin ja schon gespannt, in welche Richtung sich Aneliese entwickeln wird.

Und Steven? Ich weiss nicht ob ich ihn beneiden,oder bedauern soll!