Endstation Schicksal - 2.Teil

 

Um Himmels Willen. Was hat er denn jetzt vor? Er wird doch nicht … Oh, und wie er wird. Er kommt tatsächlich auf mich zu. Was soll ich denn jetzt machen? Stehen bleiben? Weglaufen? In Ohnmacht fallen? Wobei ich Letztes wohl kaum beeinflussen kann. Erwartet er überhaupt von mir, dass ich etwas tue? Was ist das auch für eine Situation - wie KANN er nur auf einmal hier sein? Die Wahrscheinlichkeit dafür … Wahrscheinlichkeiten - hm. Könnte ich theoretisch ausrechnen, bräuchte nur n, p und k. Wobei man dann eine Stichprobe machen müsste, um einen Vergleichswert zu bekommen, mit welchem man dann P berechnen kann … was höchstwahrscheinlich bei unter 10% liegt. Obwohl ich im Schätzen jetzt nicht so bewandert bin - aber logisches Denken beherrsche ich allemal.

Apropos logisch: Eines ist für mich gerade überhaupt nicht nachvollziehbar - warum schaut er mich so an? Wie soll man das denn verstehen? Irgendwie … abwartend, herausfordernd, und - was ist das? Abschätzend? Tja, mein Lieber, ich glaube, bis Menschen Gedanken lesen können, wird es noch eine Weile dauern - und das ist auch gut so. Ich bin ja froh, dass ich keine Kopfschmerzen bekomme, bei dem, was mir alles durch den Schädel hüpft. Andererseits … sein stechender Blick scheint mich tatsächlich zu durchbohren. Anders als auf den Bildern, auf denen er selbst so unnahbar erschien. Seine Augen … oh Gott, diese Augen. Wie eine wunderschöne Oase, ein Zufluchtsort, ein Ort der Stille, Geborgenheit - und Sicherheit. Wenn ich nicht aufpasse und mich in ihnen verliere, zeigt mein Gesicht gleich das komplette Gegenteil, und er wird mich noch für einen Junkie halten. Völlig bekifft - oder auf Drogen … süchtig nach ihm.

Meine ganzen wirren Gedanken lenken mich viel zu sehr ab, sodass ich erst im berühmt-berüchtigten letzten Moment bemerke, dass er schon vor mir steht. Lässig, cool, selbstbewusst - so ganz anders, als ich mich im Moment fühle. Sein „Hallo“ durchdringt lautstark (wobei sich hier eine ausgeglichene Balance zwischen ‚laut‘ und ‚stark‘ abzeichnet) mein Bewusstsein und macht mit einer ungeheuren Intensität auf sich aufmerksam.

Was jetzt? Die Möglichkeit, einfach auf dem Absatz kehrt zu machen, ihm den zwar entzückenden, doch definitiv auch unhöflichen Rücken zuzuweisen, und davon zu stolzieren, habe ich allem Anschein nach verspielt.
‚Wie wär’s, wenn du ihm einfach antwortest? ‘ - ach halt doch die Klappe. Diesen blöden Engel auf meiner Schulter kann ich jetzt am Allerwenigsten gebrauchen. ‚Einfach antworten‘ - ha! Wenn das nur so einfach wäre.
‚Du machst es dir einfach zu schwer … schon wieder‘ - schon wieder? Was soll das denn heißen? Ich bin die unkomplizierteste Persönlichkeit, die ich kenne. Ich bin ja schließlich eine Frau.

‚Hey … was kann dir passieren? Natürlich, er kennt dich in- und auswendig. Aber na und? Was soll ihm das hier, auf einem völlig überfüllten und komplett überwachten Bahnhof bringen? Du brauchst nicht einmal Angst zu haben, er kann dir nichts tun - ihr seid hier unter Massen von Menschen. Außerdem: was hätte er für einen Grund? Schon mal daran gedacht, dass er sich vielleicht einfach nur nett mit dir unterhalten will - wenn ihr euch schon so zufällig hier trefft? Wobei - das ist sogar nach meinem Geschmack, ein minimalistisch gigantischer Zufall. Jetzt reiß dich endlich zusammen, du machst dich doch zum kompletten Vollhorst hier! Noch einmal: dir kann nichts passieren - also antworte ihm! ‘

Damit gibt zwar mein kleiner Schutzengel Ruhe, doch dafür stehe ich jetzt (wortwörtlich) vor einem weitaus größeren Problem: Meine komplette Aufmerksamkeit widmet sich wie auf Knopfdruck der Person vor mir. Der Person, die mich immer noch so verräterisch anlächelt. Verräterisch … und verdammt sexy. Himmel Herr Gott, reiß dich zusammen, Maria!

Mal ganz unter uns: es ist gar nicht so einfach, sich zusammenzureißen, wenn man einen so attraktiven und geheimnisvollen Mann vor sich zu stehen hat … Außerdem hat Mister Angel gelogen … Massen von Menschen? Ist ja lustig, redet der von einem anderen Bahnhof? Meiner Ansicht nach befinden sich in unmittelbarer Nähe gerade einmal vier andere Personen …

Doch schlussendlich siegt die Höflichkeit und zu meinem minder schüchternen, wie überraschtem Lächeln, gesellt sich ein leises „Hallo“ - für das ich mir höchstpersönlich in den Allerwertesten treten könnte. Noch aufgeregter und kurz vor einem emotionalen Zusammenbruch stehend klingt wahrscheinlich nur meine Mutter, wenn ihre ach so kostbaren Porzellanfiguren auch nur einen Millimeter anders stehen als am Vortag. Wie war das mit Frauen und unkomplizierten Persönlichkeiten?
 

* * *

 

Na immerhin, ein "Hallo" ist schon mal ein Anfang. Etwas schüchtern, aber süß. Verdammt süß! Da schmelzen einem sämtliche Gefühlspanzer hinweg, die man sich im Laufe der Jahre so zugelegt hat. Einfach so. Mir nichts, dir nichts. Ohne Vorwarnung und mit null Chance, dies zu verhindern. Ich betrachte sie, forme in Gedanken das eben Gesagte auf ihren Lippen nach. Sie lächelt. Nicht aufdringlich, nein. Eher erwartungsfroh, neugierig – fast schon ein wenig lüstern. Als wenn ich es geahnt hätte, sie bringt mein Innerstes in Wallung. Was ich äußerlich zu verbergen suche, jedoch an einer Stelle absolut nicht gelingen will. Warum muss ich auch immer solch enge Klamotten tragen?
 

Sie wartet. Ich weiß schon worauf. Auf ein Wort von mir, auf irgendein ein Zeichen. Aber ich schweige, lächle, schaue und genieße. Unsere Augenpaare treffen sich und ich durchbohre sie, als könnte ich damit die Herrschaft über sie erlangen. Ich kann, ich weiß es! Weiß sie um die Gefahr? Noch hält sie stand. Wie lange noch? Ich kann ewig mit meinen grünen Augen in ihr gräuliches Blau eintauchen, das ist kein Problem. Mein Lächeln wird eine Spur dämonischer, der Blick zur entkleidenden Hypnose. Nur wenig beuge ich mich ihr entgegen, die Augen nicht von ihr lösend.
 

Sie kann meinen Atem auf den Wangen spüren, ich den ihren nicht. Stille, nichts als lautlose Stille. Als wäre sie erstarrt und wollte diesen Moment für die Ewigkeit festhalten. Noch immer wagt sie nicht, Luft zu holen. So ähnlich muss sich das Opfer vor dem tödlichen Biss eines Vampirs fühlen. Ich sauge sie aus, förmlich in mich hinein. Wenn das so weitergeht, gehört sie in wenigen Sekunden mir. Ich habe keine Gewissensbisse, sie will es so. Geh doch, wenn du kannst! Reiß dich los von mir! Versuch es nur! Es ist dir unmöglich, du kannst nicht, du willst nicht.
 

Die Sekunden verrinnen ohne ein einziges Wort. Sie könnte nicht einmal, wenn sie es wollte. Gänsehaut zeichnet sich bei ihr ab und gegen ihr Shirt drücken sich verräterische harte Nippel. Ein Grinsen macht sich in meinem Gesicht auf den Weg, ein breites Grinsen. Ich könnte jetzt mit meinem Handrücken über ihre Wange streichen und mit der anderen Hand den Weg unter das Shirt beschreiten. Da ist keine Gegenwehr, da ist Verlangen, Sucht nach Unbekanntem. Soll ich? Nein, noch nicht. Zu früh, viel zu früh. Aber es ist nicht mehr fern.
 

Ihre Brust hebt und senkt sich. Ah, sie lebt. Schön, ich mag nämlich keine blutleeren Leichen. Jetzt. Da war es, ein kaum merkliches Zittern. Nur ein Hauch, aber es war da. Der ganze Körper hat vibriert. Ich habe es genau gesehen, mir entgeht nichts. Mir entgeht nie etwas. Manche Leute meinen, ich wäre omnipräsent. Sie ahnen nicht, wie recht sie damit haben. Da, schon wieder. Ihre Knie werden weich und weicher. Sie schlottern fast. Nicht vor Angst. Nein, das ist pure Lust. Hier folgt kein Koma, bestenfalls eine Ohnmacht, und zwar mir gegenüber. Zufrieden registriere ich diesen Umstand und spüre selbst zunehmende Erregung.
 

Cool bleiben, Junge. Ganz cool. Es ist alles in Ordnung, es muss so sein. So soll es sein! Neben uns, um uns existiert nichts mehr. Der Bahnsteig ist menschenleer, zumindest für uns. Die übrigen Wartenden verschwinden verschämt in Bahnhofshalle und Tunnel, vergraben sich in den neuesten Nachrichten ihrer Zeitung, die sie schon vor Stunden gelesen haben. Selbst der Budenbesitzer steckt kopfüber in seinem Würstchenkessel. Wir brauchen keine Gaffer. Wozu auch? Es reicht vollkommen, wenn ich dich betrachte. Und du mich. Wie lange noch?
 

Nicht mehr lange. Du kannst es nicht ewig hinauszögern, das Unvermeidliche, den gesenkten Blick. Ich habe dich längst in der Hand, ich bestimme. Wenn ich jetzt sagen würde: „Küss mich!“, du würdest es tun. Aber ich sage nichts, habe Zeit. Alle Zeit der Welt. Du wirst nicht davonlaufen. Deine Knie sprechen eine deutliche Sprache. Dann ist es soweit. Ein Schauer erfasst dich. Du denkst, ich soll dich endlich anfassen, greifen und mit mir ziehen. Egal wohin. Nur fort. Du wünschst dir nichts sehnlicher als das. Das erste Mal befällt dich Angst. Angst davor, nicht mehr zurück zu können.
 

Deine Augenlider flackern. Krampfhaft bemüht, mir standzuhalten. Zwecklos. Sie sinken tiefer und tiefer, der Kopf tut es ihnen gleich. Die Hand zuckt und wehrt sich dagegen, nach meinem Arm zu greifen. Ja, du bist eine unkomplizierte Persönlichkeit. Alles ist so leicht und einfach. Du willst mich und ich dich. Einfacher und unkomplizierter geht es schon nicht mehr. Meine zunehmende Nähe schreckt dich nicht. Nur noch Millimeter trennen uns. Unaufhaltsam streben wir aufeinander zu. Das heißt, ich strebe und du lässt es geschehen. Hast du eine andere Wahl? Willst du überhaupt eine Wahl?
 

Der einfahrende Zug nähert sich gefährlich. Ich packe zu und ziehe dich im letzten Moment fest an mich, halte dich fest. Du bist gefangen, fühlst dich wie wehrlos gefesselt, deine Wangen glühen und dir knicken die Beine kraftlos weg. Ich muss dich festhalten. Du lässt mir keine andere Wahl. Will ich überhaupt eine Wahl? Die Waggons rauschen in kürzestem Abstand hinter deinem Rücken vorbei. Ich presse dich an mich, spüre dich und deine Erregung. So, wie du meine fühlst. Ein flüchtiger Kuss, ein zweiter, viel innigerer folgt. "Nicht zu nahe am Gleis genießen - die schmecken umwerfend!"

 

Bewertung

Votes with an average with

Kommentare

man könnte meinen er beißt gleich zu. Gut geschrieben, wie nicht anders zu erwarten. Aber es sollte dann doch mal was mehr passieren. Vor allem möchte ich endlich wissen, was.

In reply to by Raale

und ob er das wird!

Für die Fortsetzung der Geschichte gilt eigentlich 1:1 das, was ich schon zum ersten/letzten Teil geschrieben habe. Genau so ging es mir diesmal wieder beim Lesen.

Gruß, Canis

In reply to by canis infernalis

anderen Lesern gefällt aber offenbar gerade, dass es anscheinend langsam voran geht. Dir sind im Grunde zwei Aspekte entgangen. Einmal wird ja durch das Vorhandensein zweier Autoren jede Szene zwei Mal beschrieben, nur aus verschiedener Sicht. Das "verlangsamt" automatisch. Es ist also eine Geschichte, die faktisch in zwei Varianten geschrieben wird, aus Sicht von M und F. Andererseits ist es die Kürze/Länge der Teile, die wir wählten, die du zwar mit Kritik versiehst, welche aber den Vorwurf der Langsamkeit eigentlich im Sande verlaufen lässt. Nachher im Stück wirkt es vielleicht ganz anders. Daran sollte man vielleicht auch mal einen Gedanken verschwenden.

Ich denke, du hast andere Vorlieben und bist eventuell auch ein Stück weit ungeduldiger. Dein gutes Recht. Aber auch cherubin u.a. haben ihr Recht. Mal schauen, ob sich stilistische Eskapaden ergeben. Wir sind ja noch ganz am Anfang.

Ein wahrlich fantastisches Kopfkino, das ihr Beiden hier erzählt. Ich finde hier war mehr Aktion als in manch anderen Erzählungen, wo es nur um die Anzahl von Orgasmen geht. Das Spiel mit Gefühlen finde ich aufregender, als die reine physische Handlung.

Bitte erzählt weiter in dieser Art.

MfG cherubin

In reply to by cherubin

nun wahrlich nicht meine Triebfeder bei dieser Story. Und mich freut es, wenn es gefällt. Vor allem auch für die Mitautorin, welche mir gern mal unterjubeln möchte, sie könne so gar nicht schreiben. Also danke ich vor allem auch in ihrem Namen. Wir werden uns weiterhin bemühen. Für meinen Teil kann ich auf jeden Fall versprechen, dass Gefühl und Psyche nicht zu kurz kommen werden.

In reply to by cherubin

Danke Dir für das Lob :)
Und bei den Gefühlen werde auch ich höchstwahrscheinlich bleiben. Ich hab da so meine ganz eigene Einstellung dazu und habe auch das Gefühl dass mich Tonys Teile gewissermaßen "leiten", oder mir den Anschub geben meine mit größter Mühe zu schreiben - wahrscheinlich weil ich genauso gut wie er schreiben will..

...da passiert zwischenmenschlich so viel, auch ohne eigentlich vorantreibende Handlung- also MEIN Kopfkissen läuft dabei ebenfalls auf Hochtouren, bin sehr gespant wie es weiter geht- leider kann man nur sechs Sterne vergeben....Image removed.Image removed.

In reply to by subkathy

für deine aufbauenden Worte. Da es selbst 1:1 Kopfkino ist, bin ich natürlich froh, wenn es auch als solches wirkt. Wünsche dir weiterhin viel Freude am Lesen.