Fetzen

Mit einem halb zufriedenen, halb schwermütigen Seufzen bedenke ich ihren neben mir ausgestreckten Körper und muss mich mit aller Kraft davon abhalten, sie zu berühren. Unvermittelt kommt mir der Rammstein-Titel in den Sinn: Weißes Fleisch. Womöglich lag der Textschreiber genau so da wie ich. Eine schlafende Frau neben sich, deren Leib sich wie eine satte Katze in die Kissen schmiegte, die Haut von einem dünnen Schweißfilm bedeckt, den ich zu verantworten habe.

Trügerischer Frieden hat sich über uns gebreitet. Für den Moment ruht sie, ruhe ich, doch die Jagd kann jederzeit von neuem beginnen. Ich hebe eine Hand, bewege sie sachte, ohne die Frau zu berühren, über ihre Kurven, fahre die Konturen der Schulter nach, hinab über die Rippen, die sich unter gleichmäßigen Atemzügen heben und senken. Auf der Seite liegend präsentiert sie mir die geschwungene Kuhle ihrer Taille, die in den verlockenden Hügel der Hüfte übergeht. Wärme strahlt von ihr aus, sammelt sich unter meiner Handfläche, die ich um Millimeter über ihre Haut hinweggleiten lasse, den auf meine Mitte deutenden Schenkel hinab. Ihr Knie, das gefährlich nah an meinem schwächsten Glied ruht, ist der entfernteste Punkt, den ich erreichen kann.

Ich wage es nicht, sie zu berühren. Sobald sie aufwacht, ist der Bann gebrochen. In dieser Sekunde ist sie mir wehrlos ausgeliefert. Mit den Augen fresse ich sie auf, bringe meine Lippen gerade so nahe an ihre Wange, fletsche die Zähne über der Seite ihres Nackens. Würde sie mich in diesem Moment beobachten, sie wäre wohl entsetzt ob der animalischen Regungen, die von mir Besitz ergriffen haben. So betrachte ich sie nur, mit Gier und Sehnsucht, und halte mich fern.

Sie gehört nicht mir. Was würde ich dafür geben, wäre sie ganz mein. Ich könnte die Fänge mit mehr Inbrunst in sie schlagen, als ich es vor kurzem noch getan habe. Zeichnen würde ich sie, meine Spuren in ihrer Haut hinterlassen. Für den Augenblick kann ich mich nur an meinen Fesseln um ihre Glieder erfreuen. Lederne Riemen liegen um ihre Handgelenke, die sie unter die Wange gebettet hat. Ihre Finger zucken. Wehmütig stelle ich mir vor, dass sie nach mir sucht, meine Haut unter ihren Händen fühlen will.

Unwillkürlich wende ich mich ab. Auf den Rücken gedreht blicke ich im Schein der Kerzen an die Decke. Ich muss nicht an mir hinabblicken, um zu wissen, weshalb ich uns diese Verbindung versage. Sie hat mich nie ganz gesehen, nie ganz gespürt. Die Hände gefesselt, mit verbundenen Augen, nur so kann ich ihre Hingabe ertragen.

Ich lege die Fingerspitzen auf die eigene Brust. Wulste begrüßen mich und lassen mich schaudern. Zögerlich streiche ich mit den Händen über meinen Torso hinab, bis glatte Haut fühlbar wird. Erleichtert atme ich ein. Nur diese Richtung, nie die andere.

So langsam wie möglich rolle ich mich auf die Seite, wieder der Schönheit zu. Ihre Augenbinde ist ein wenig verrutscht und flattert mit dem Blinzeln ihrer Lider. Schnell greife ich nach ihrem Gesicht, diesem weichen, glatten Antlitz, und richte den schwarzen Stoff, hinter dem sich mein wahres Gesicht verbirgt.

Sie seufzt. „Nur einmal.“

Ich lege die Lippen kaum fühlbar auf ihre und schüttle den Kopf. Niemals.

Da sie nun wach ist und aufbegehrt, bleibt wohl nur eines. Ich rolle mich auf sie und strecke ihre Arme. Sobald die Fesseln mit den Ringen am Kopfteil des Bettes vertäut sind, gönne ich mir das ergötzende Gefühl ihrer glatten Haut unter meine rauen Fingern.

Feuer. Jedes Mal.

Ich lasse die Handflächen über ihren Leib gleiten. Der Kontrast ist ekelerregend; braune, rote, entstellte Haut auf ihrem weißen Fleisch. Ich verstecke das Gesicht zwischen ihren Schenkeln, vergrabe meine Fratze in ihrem Schoß, an dem Ort, wo nur Wonne existiert. Sie raunt und schnurrt.

Wärme umfängt meine Wangen, als sie die Beine um meinen Kopf schlingt. Ich dränge mit der Zunge in ihre Falten und lasse mich von ihr gefangennehmen. Meine unförmigen Lippen schnappen nach den ihren; in Ermangelung einer Nase nehme ich den kleinen Knoten zwischen die Zähne, so sanft ich nur kann, und treibe sie vorwärts.

Ihre Hüften wogen mir entgegen, Säfte fließen, und sie ruft meinen Namen. Ich gleite über sie, lasse mein Gesicht, meine Brust ihren schlanken Körper entlangfahren. Für den Augenblick vergesse ich mich, die Abscheulichkeit, die ich bin.

Gerade will ich mich zur Ordnung rufen, mich selbst kasteien, weil sich sie zu viel habe fühlen lassen, da bäumt sie sich mir entgegen. „Nicht. Geh nicht weg.“ Sie wringt die Beine um mich und spreizt mit den Fersen meine Schenkel. Ich weiß nicht, ob es ihre Absicht war, aber sie zwingt mich in sich. Mein Glied gleitet in ihre Wonne, obwohl ich mich wehre.

Das Gesicht zwischen ihren Brüsten ruhend, vergeht mir der Atem. Noch nie habe ich sie so gefühlt. Immer habe ich sie nur von hinten genommen, damit sie nie das Feuer spüren muss, das mich versengt hat. Nie wollte ich ihre Lippen auf meinem entstellten Gesicht fühlen, das Erkennen und die Abscheu. Doch da ist nur Lust. Nur Genießen. Und Zuneigung.

Ich ruhe auf ihr, tief in ihr vergraben, und sie schmiegt die Wange an meine. An den Furchen meiner Fratze streift sie die Augenbinde ab. Bereit, mich sofort aus ihr zurückzuziehen, halte ich inne. Blicke auf sie hinab.

Sie blinzelt gegen den Schein der Kerzen an, bevor sie mich ansieht.

Ich schlucke, kämpfe gegen die Vernichtung, das Entsetzen an, das mir jeden Moment entgegenschlagen wird. Doch sie lächelt. Es ist ein müdes, erschöpftes Zucken ihrer Mundwinkel, mit dem sie mir bedeutet, die Bänder zu lösen. Ich folge ihrem Befehl und befreie sie, bevor ich mein Becken zurückziehe, um sie von diesem Grauen zu erlösen. Allein ihre Schenkel, die sich um meine Hüften klammern, fesseln mich an Ort und Stelle.

Sie hebt die Hände, die nur träge gehorchen wollen, doch ich schrecke zurück. Angst packt mich, als sich ihre Finger immer weiter auf meine Wangen zubewegen. Ich will fliehen, aber es gibt kein Entrinnen. Sie packt meinen Kopf und zieht mich zu sich hinab. Ich zittere wie Espenlaub. Das unförmige Etwas, das einst mein Gesicht war, schwebt nur noch wenige Millimeter über ihrem engelsgleichen Antlitz.

„Ich sehe dich.“

Glut schießt über meine Haut und ich presse die Lider zusammen.

„Ich sehe dich, und ich fühle dich.“ Ihre Finger streicheln über meine Wangen, die unerträglich brennen, bis kühle Rinnsale hinablaufen und unter ihren Händen zerfließen. Sie verteilt meine Tränen auf den Narben, die beide Hälften meines Gesichts überziehen. Meine zerfetzten Lippen zittern, öffnen sich in einem stummen Schluchzen. Tu das nicht. Fass es nicht an.

Sie hebt den Kopf, zwingt gleichzeitig meinen zu sich hinunter und drückt die Stirn an meinen Schädel. Ihre Fersen graben sich in mein Kreuz und sie zieht mich in sich hinein. Mit einem schmerzverzerrten Schrei vergrabe ich mich so tief ich kann in ihrem Körper. Sie stöhnt auf und spannt die Muskeln ihres Innersten an, lockt mich noch weiter in die Dunkelheit, in das Licht, das sie mir verheißt. Ihre zarten Lippen wandern über meine versengten Augenbrauen, den verkürzten Nasenrücken hinab zu meinem Mund … und dann küsst sie mich.

Sie hat es gesehen, das Schlachtfeld, das ich bin, und sie küsst mich. Ihre Zunge erobert meinen Schlund, während das Innerste ihres Körpers mich in sich saugt und alles von mir verlangt. Ich schlinge die Hände um ihren Hals, drücke zu, bis ihr Atem vergeht, und verzehre den Rest an Luft aus ihren Lungen. Sie bäumt sich auf und krallt die Fingernägel in meine halb kahle Kopfhaut. Wir verschlingen uns ineinander, bis keiner mehr weiß, wo wir beginnen oder aufhören, um schließlich zu einer Einheit zu verschmelzen und unsere Körper zu teilen. Sie pulsiert um mich, melkt mich und winselt, bis ich ihr den letzten Tropfen meines Safts verabreicht habe.

Ihr Leib ist um mich herum zu einer einzigen flüssigen Masse geworden, in der ich nur zu gern ertrinke. Zuletzt bleibt nichts übrig, als dass wir in einem Knoten aus Gliedern in den Laken liegen und die Luft des anderen atmen.

Irgendwann sind wir eingeschlafen.

Wo ich stets dachte, dass es Glück ist, immer zuerst aufzuwachen, da ist es wohl nun mein Fluch. Ich betrachte ihr weißes Fleisch und will nichts mehr, als es für immer als Meines zu zeichnen. Aber dort ist der Spiegel. Ich mustere den Rest von mir, den das Feuer übrig gelassen hat, und ekle mich vor dem, was ich sehe. Wenn ich auf sie hinabblicke, dann weiß ich, sie hat etwas Besseres verdient.

So leise ich kann, befreie ich mich aus dem zerwühlten Bett und schlüpfe in die Uniform. Mit einem müden Blick zurück ziehe ich die Tür zum Hotelzimmer zu. Als ich vor dem Gebäude auf ein Taxi warte, die Hand scheinbar entspannt in die Hosentasche gesteckt, streiche ich mit dem Daumen über den Brief mit den Marschbefehlen.

Es wird mein letzter Einsatz werden. So oder so.

Bewertung

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Kommentare

sooo ein trauriges ende......
ich liebe ja ein happy end und doch.... dieses ende passt einfach perfekt zu der geschichte!

ich lasse dir 5 sterne da

hmm.... gab es nicht mal 6????

Damit ist alles gesagt! Du weißt auch so, was ich denke und hier ungesagt bleiben wird.

Danke für diesen Text!

Er allein ist der beste Beweis dafür, wie wichtig und unverzichtbar Megs Seite war, ist und immer bleiben wird..

 

Fünf von fünf Sternen. Absolut und tief berührend nachvollziehbar. 

Danke für eure Kommentare :) Sie motivieren mich, immer weiter zu schreiben.

Die Inspiration für die Geschichte stammt übrigens von den Bildern des Fotografen Michael Stokes. Auf den ersten Blick nicht leicht anzusehen, aber definitiv wert, gesehen zu werden.

Megs, ich bin überglücklich, dass deine Seite wieder da ist.

typische Loreley - perfekt komponiert von der ersten bis zur letzen Zeile

 

Alle Nachahmer: Setzen Sechs!

absolutist

 

Vom Inhalt her ein wenig zu melodramatisch für meinen Geschmack, aber dafür wunderbar geschrieben. So oder so ein Genuss, wieder etwas von Dir lesen zu dürfen ;-)

 

So berührend, immer wieder.

danke für den Hinweis zu den Bildern. Kannte ich vorher nicht!