Lena: Lebenslänglich - 43. Teil: Post für Hanna

 

Als Studentin Anfang zwanzig reist Hanna mit ihrer ersten lesbischen Freundin, der Dozentin Vera, nach Westafrika. In einer kleinen Stadt werden die beiden Frauen beinahe Opfer einer Vergewaltigung. Im Handgemenge tötet Vera einen der Männer. Aus Angst, das Gericht könnte nicht an Notwehr glauben und aus Furcht vor den elenden Haftbedingungen in dem bitterarmen Land behauptet die Akademikerin, der Tote gehe auf Hannas Konto. Völlig verstört und überrumpelt von den Ereignissen wird die Studentin zu dreißig Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Die ersten zehn verbringt sie als Kettensträfling in einem Arbeitslager, wo sie Gold aus einem Fluss schürfen muss. Nach einer erfolglosen Bewährungsverhandlung wird Hanna ins Mmaabo-Frauengefängnis verlegt. Befreit von der Fußschelle, über die sie im Lager zehn Jahre lang mit anderen Frauen zusammengekettet war, wagt Hanna die Flucht. Sie wird jedoch verraten und gefasst. Nach einer grausamen Bestrafung landet sie wieder als einzige Weiße in einer überfüllten Zelle.

 

 

In der linken Hand hielt ich das dünne Seil, dessen unteres Ende an der Kette zwischen meinen Füßen festgeknotet war. Ich zog es hoch, um besser gehen zu können, und auch, damit die Schellen meiner Fesseln über den Knöcheln blieben. Tat ich das nicht, scheuerten sie auf den Achillessehnen, was nach einer Zeit sehr weh tat. Vor allem, wenn ich mich so schnell bewegen musste wie jetzt.

Immer wieder fiel ich auf die Knie. Ungeduldig zog die Wärterin mich am Oberarm wieder hoch. „Komm schon, Hanna, Direktorin Shakarri wartet“, sagte sie ungeduldig.
„Und warum muss das so schnell sein?“, fragte ich. „Ich habe doch Zeit. Ich bin noch zwanzig Jahre hier.“
Sie lachte. Eigentlich war sie wütend auf mich, weil sie mich dabei erwischt hatte, wie ich mit der Gefangenen im Bunker redete.
„Wir gehen ganz normal“, sagt sie. „Wie lange bist du schon Gefangene? Zehn Jahre? Ans Barfußlaufen musst du dich doch gewöhnt haben.“

Das war eine Untertreibung. Ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern, wie Socken und Schuhe sich überhaupt anfühlten.
„Aber nicht an die Ketten.“
„Die wirst du aber so schnell nicht wieder los werden.“
Als hätte ich diese Erinnerung gebraucht. Blöde Kuh. Zum Glück beendete unsere Ankunft vor dem kleinen verfallenen Häuschen, in dem das Büro von Direktorin Shakarri untergebracht war, unser Gespräch. Die Wärterin klopfte, wartete das „Herein“ ab und führte mich ins Büro, das nach westlichen Standards eher einer ärmlichen Hütte glich. Der Holzboden schmiegte sich angenehm kühl gegen meine Fußsohlen, eine willkommene Abwechslung zum glühenden Staub des Gefängnishofes. Shakarri saß hinter einem chaotischen Schreibtisch voller Papiere. Ich erinnerte mich an den Umzug in meine Studienstadt in meinem alten Leben. Damals hatte ich auf die deutsche Bürokratie geschimpft. Was würden jene Gefangene für diese Bürokratie geben, die sich dank des Chaos und der Überforderung des hiesigen Behördenapparates seit Jahren in Untersuchungshaft befanden. Rückblickend war es eine Ironie. Meine Flucht aus dem deutschen Kleinstadtmief war die erste Etappe einer Reise gewesen, die mich nicht nur auf den aufregenden afrikanischen Kontinent führte, sondern auch noch ganz exotisch dahin, wo vor mir soweit ich wusste noch nie eine Deutsche gewesen war: Ins Mmaabo-Frauengefängnis.
Die Wärterin legte mir schwere Handschellen an und verband sie über eine Kette mit einem Eisenring im Fußboden.
„Soll ich Hannas Fußketten auch anschließen?“, fragte sie.
Direktorin Shakarri, die die ganze Zeit einen Brief in ihren Händen studiert hatte, sah auf und sagte: „Nein, nein, nicht so viel Aufhebens, es dauert nicht lange.“
Die Wärterin nickte und verließ den Raum. Shakarri las minutenlang weiter in ihrem Papier, bis ich kurz überlegte, als erste das Wort zu ergreifen. Kurz, weil ich sehr gut in Erinnerung hatte, wie mir diese Respektlosigkeit das letzte Mal vergolten worden war. Meine Hände wurden auf den Rücken gefesselt und meine Füße an den Querbalken des Gerüstes gebunden, an dem sonst Todesurteile vollstreckt wurden. Bis zum Einschluss am Abend hing ich dort mit dem Kopf nach unten. Wer schon mal längere Zeit kopfüber verbracht hat weiß, wie der Druck im Kopf langsam ins Unerträgliche steigt, bis man das Gefühl hat, die Augäpfel würden gleich explodieren. Es wird nicht angenehmer dadurch, dabei in der gnadenlosen Sonne Subsahara-Afrikas gebacken zu werden. An den Fußsohlen fing ich mir zu allem Überfluss einen schmerzhaften Sonnenbrand ein.
Shakarri kleidete sich in der gleichen olivgrünen Uniform wie die Wärterinnen, eine Erste unter gleichen. Anders als viele Wärterinnen umspielte kein fieses Lächeln ihre Lippen, wenn sie mich sah. Sie genoss es nicht, eine Toubab als Strafgefangene in zerlumpter Kleidung und mit schmutzigen nackten Füßen vor sich zu sehen. Sie hatte mich nicht zum Vergnügen gefoltert, sondern weil das, was ich getan hatte, nun einmal indiskutabel gewesen war. Stets war es ihr Anliegen mir, aber auch den anderen Gefangenen und den Wärterinnen zu zeigen, dass ich als weiße Europäerin keinerlei Sonderrechte genoss.
Ich hatte meine Lektion gelernt. Brav stand ich in meinen Ketten da und rieb die großen Zehen aneinander, bis die Direktorin mit dem Lesen fertig war. Sie sah mich an und hielt das Papier in die Höhe.
„Post für dich, Hanna.“
Ich verengte die Augen zu Schlitzen.

„Wenn der wieder von Vera ist, will ich ihn nicht haben.“
Vor ein paar Monaten hatte sie mir geschrieben. Der Brief war monatelang unterwegs gewesen. Liebe Hanna, es tut mir so unendlich leid, bla, bla, wenn du irgendetwas brauchst, lass es mich einfach wissen.

Als ob sie mir irgendetwas hätte schicken können, das mir die schlecht bezahlten Wärterinnen nicht abgenommen hätten. Das Beste kam aber auch in diesem Brief zum Schluss: Sie wisse, was ich durchmache, und sie würde sich freuen, wenn ich mal zurückschriebe.

Ich hatte den Brief so wutschnaubend zerrissen wie Tom das Tagebuch von Jerry. Dann habe ich ihn ins Plumpsklo in der Zelle geworfen und dabei wütend auf Deutsch mit mir selbst geredet: „Ich esse verschimmelten Mais und wische mir den Hintern wenn überhaupt mit altem Zeitungspapier, du blöde Schlampe. Aber sicher schreibe ich dir. Hast du noch dieselbe E-Mail-Adresse wie früher, dann nehme ich einfach meinen Laptop zur Hand und schreibe dir. Herrgott, ich habe nicht mal Schuhe an den Füßen, du weltfremde Fotze!“

Gleichzeitig lachend und weinend brach ich vor dem Klo zusammen, und in der Zelle wurde geflüstert: „Die Toubab, habe ich es dir nicht gesagt? Jetzt dreht sie durch.“
Direktorin Shakarri schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir leid, deine Freundin hat nicht wieder geschrieben.“
„Sie ist nicht meine Freundin.“
Shakarri sah mich kurz fragend an. Dann sagte sie: „Der Brief ist vom Gericht. Du musst noch einmal hin, wegen deiner Flucht. In zwei Monaten ist der Termin.“
Toll. In zwei Monaten würden sie mich also in eine der engen, fensterlosen Zellen unter dem Gericht sperren, wo ich zusammen mit Kakerlaken und Ratten nochmal zwei Monate auf die Verhandlung wartete. Aber bitte. Nach mehr als zehn Jahren Haft in Afrika hatte ich mich an einiges gewöhnt. Mehr Sorgen als die wochenlange Dunkelhaft im Gerichtskerker machte mir der Ausgang der Verhandlung.
„Die Frauen hier sagen, für einen Fluchtversuch bekommt man ein Drittel seiner Strafe nochmal drauf“, sagte ich. „Also zehn Jahre in meinem Fall.“

Was kann schlimmer sein als zwanzig Jahre lang als einzige Weiße in einer heißen und stinkenden westafrikanischen Gefängniszelle zu sitzen? Genau: Dreißig Jahre lang als einzige Weiße in einer heißen und stinkenden westafrikanischen Gefängniszelle zu sitzen. Mit roten Haaren rein, mit grauen Haaren raus, dachte ich.
„Das entscheidet der Richter“, sagte Shakarri. „Deswegen habe ich dich holen lassen. Möchtest du etwas sagen, das ich schon einmal ans Gericht schreiben kann? Zum Beispiel, dass es dir leid tut? Der Richter würde das mögen.“
Ich sah in ihren Augen, dass sie es ehrlich gut mit mir meinte. Shakarri war eben keine von denen, die erst dann zufrieden wären, wenn ich lebenslänglich einsäße. Sie ließ mich auspeitschen und in Ketten legen, aber sie tat es nur, weil es nun mal ihre Pflicht war. Ich glaube, sie mochte mich ein bisschen. Und dass ich ihr leid tat. Unter den Sträflingen kursierte das Gerücht, Shakarri sei selbst als junges Mädchen vergewaltigt worden. Darum vertraute ich ihr und sagte: „Okay. Es tut mir leid, ehrlich. Ich habe ein Verbrechen begangen und ich hätte meine Strafe dafür einfach akzeptieren sollen, weil ich sie verdiene.“
Shakarri notierte lächelnd meine Worte.
„Sehr gut“, sagte sie. „Ich will dir keine falschen Hoffnungen machen, aber die zehn Jahre wären auch nur die absolute Höchststrafe, Toubab.“
Ich nickte und bedankte mich. Später sollten sich meine Worte als fataler Fehler herausstellen, aber ich glaube nicht, dass Shakarri mich mit Absicht reingeritten hat.

Ein paar Tage später saß ich in an meinem Platz neben Zaliras Hängematte und massierte ihr die Füße, bis sie eingeschlafen war. Erleichtert seufzte ich, als sie anfing zu schnarchen. Im Rest der Zelle wurden Gespräche jetzt nur noch geflüstert, niemand wollte die Herrin über diesen Kerker aus ihrem Schlummer reißen. Einige der Frauen hatten sich außerdem selbst schon hingelegt.
Die nackte Kianga war die einzige Gefangene, die noch auf den Beinen stand. Erst heute war sie wieder aus dem Bunker entlassen worden. Sie federte auf ihren Zehenspitzen und versuchte, durch das Gitterfenster zu schauen, das aber viel zu weit oben in der Wand eingelassen war.
Ich vergewisserte mich noch einmal, dass Zalira wirklich schlief. Dann tapste ich so langsam und leise wie ich konnte rüber zu Kianga.

Das Seil, das meine Ketten hielt, zog ich straff, so dass sie nicht klirrten. Auf die Art war es doppelt schwer, über die anderen zu steigen. Eine von ihnen lag auf dem Rücken und hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Ich sah runter zu ihr und unsere Blicke trafen sich.
„An deiner Stelle würde ich zurück gehen auf deinen Platz, Toubab“, flüsterte sie. „Zalira prügelt dich windelweich, wenn sie das mitbekommt.“
„Mir doch egal“, erwiderte ich. „Ich bin doch nicht ihre Sklavin.“
Die Frau, vermutlich um die vierzig und schon länger im Gefängnis, lächelte. „Wenn du meinst, Toubab. Aber für mich sieht das nicht so aus, als tätest du's aus Liebe, wenn du sie massierst oder sie zwischen den Beinen küsst, sondern weil du weißt, dass sie dir sonst das Gesicht zerschlägt.“
„Und?“, erwiderte ich patzig. „Ist das dein Problem?“

Natürlich war ich so gereizt, weil die Zellengenossin eine schmerzliche Wahrheit auf den Punkt gebracht hatte: Ich war Zaliras Sklavin. So wie ich Kukuas Sklavin gewesen war. Ich hatte alle Rechte, alle Würde und Selbstbestimmung verloren, als der Richter mir meine dreißig Jahre Haft verkündete, so nebensächlich und kühl, als würde er aus einer Gebrauchsanweisung vorlesen.
„Nein“, sagte sie, immer noch lächelnd. „Ich bin in drei Jahren raus hier.“
Als wären Mmaabos Zellen nicht voll von Frauen, die ihre Strafen längst abgesessen hatten. Niemand kümmerte sich um einen, wenn man erstmal einsaß. Niemanden kümmerte es, was aus einem wurde. Wir alle waren zerknittertes, unter tausenden anderen Unterlagen verschüttetes Aktenmaterial auf Shakarris Schreibtisch. Wenn es überhaupt eine Akte von uns gab.
„Schön für dich“, sagte ich. „In nur zwanzig bis dreißig Jahren um diese Zeit sitze ich im Flieger nach Frankfurt.“
Sie grinste und zuckte die Schultern. Dann drehte sie sich auf die Seite und machte die Augen zu. Ich zeigte ihr den Mittelfinger und schlurfte weiter in meinem schwerfälligen Kettengang.
„Hi“, flüsterte ich leise, als ich bei Kianga angekommen war. Sie drehte den Kopf zu mir. Ihr Blick war finster. Eine Zellengenossin zum Fürchten, wenn man sie nicht kannte. Plötzlich weichten ihre harten Gesichtszüge auf. Sie lächelte.
„Hi“, sagte sie.
„Bist du in Ordnung?“
Sie nickte. „Nach dem Bunker ist es ein Genuss, wieder aufrecht zu stehen. Darum schlafe ich noch nicht.“
Ich lächelte verständnisvoll. Nach meinen sechs Monaten in dem engen Verschlag auf dem Gefängnishof hatte ich vor Glück geweint, als ich wieder in der Lage war, mich auszustrecken.
„Ich muss wieder vor Gericht“, sagte ich. „Wegen meiner Flucht. Wahrscheinlich bekomme ich nochmal ein paar Jahre drauf.“
Kianga seufzte. Ein Laut, der zu bedeuten schien: Es tut mir leid, aber sehe ich so aus, als könnte ich irgendetwas daran ändern?
„Was soll's“, sagte ich. „Ich werde eh nicht auf die große Gnade irgendeines Richters warten. Ich werde einen Weg finden, diese Fußeisen aufzubrechen, und dann werde ich es wieder tun. Weglaufen, meine ich. Solange, bis ich es zurück nach Deutschland schaffe. Bis ich frei bin.“
Kianga sah mich an, als wäre ich ein Kind, das gerade seine Formel für den Weltfrieden kundgetan hat.
„Ich wünsche dir Glück dabei, Toubab“, sagte sie.
Einen Moment lang lauschten wir schweigend den nächtlichen Geräuschen der Zelle: Schnarchen, Husten, Furzen, das Tippeln einer Ratte. Ich strich mit meiner freien Hand vorsichtig über Kiangas Schamhaar. Sie sah mich an.
„Keine Angst?“, fragte sie und deutete in Zaliras Richtung.
„Wenn du keine hast“, sagte ich. Natürlich hatte ich Angst. Aber ich hatte keine Lust, mir davon eines der wenigen Vergnügen kaputt machen zu lassen, das mir noch geblieben war.

„Wir könnten deine Rückkehr aus dem Bunker feiern“, schlug ich vor.
Sie griff meine Hand und schob zwei meiner Finger in ihre Scheide.
„Aber lass uns ganz leise sein“, flüsterte sie. „Man soll das Schicksal nicht herausfordern.“
Ich grinste und ging in die Hocke. „In deutschen Reisebüros hängt ein Bild von mir in dieser Zelle, da steht der Spruch auch drauf.“
Kianga unterdrückte ein Lachen. „Du bist wirklich schräg, Toubab“, sagte sie. „Sonst wärst du wohl auch nicht hier. Ich ... Oh!“ In diesem Moment drang ich mit der Zunge in sie ein.

Als wir fertig waren, küsste ich Kianga auf die Wange und sagte leise: „War doch toll, oder?“
Sie grinste mich mit ihren kaputten Zähnen an. Was wir füreinander getan hatten, hatte nichts mit Liebe zu tun. Wir waren einfach nur zwei Mädchen, die zusammenhielten. Darum war es auch keine Katastrophe, dass wir nicht in den Armen der anderen einschlafen konnten. "K'an si", flüsterte ich und schlich zurück auf meinen Hundeplatz bei der Hängematte.

Ein paar Tage später hockte ich mit Kianga und ein paar anderen auf dem Gefängnishof. Zalira hatte mir den Auslauf erlaubt, ein bisschen Zeit für mich, nachdem ich es ihr besonders gut besorgt hatte.
Wir saßen auf zwei verlausten Decken, die wir aus unseren Zellen mitgebracht hatten. Wenn meine Hacken von der Decke auf den Boden rutschten, zog ich sie schnell zurück, um mich nicht an dem glühenden Staub zu verbrennen. Ich schwitzte wie ein Schwein und nicht nur meine Füße, sondern auch mein Oberkörper war nackt. Ich schwitzte, weil ich in der gnadenlosen westafrikanischen Sonne auch noch arbeitete. Mit meinem zerlumpten Hemd polierte ich meine Fußketten. Ich hatte schlimme Geschichten von Sträflingen gehört, denen rostiges Eisen über die Haut geschrubbt war, bis sie Wundbrand bekommen hatten. Deshalb wienerte ich meine Fesseln bei jedem Hofgang.
Unter den Sträflingen gab es in diesen Tagen nur ein Thema. Der große Landesvater würde bald seine Tochter verheiraten. Zu solch freudigen Ereignissen wurden massenhaft Begnadigungen ausgesprochen.
„Für dich ist das leider nichts, weil du einen Mord begangen hast“, erklärte mir eine alte Frau, die mit uns auf der Decke saß.
Ich sah von meinen Ketten auf, wischte mir das schweißnasse Haar aus dem Gesicht und sah sie böse an.

„Mord heißt, dass man mit Absicht jemanden tötet, weil man sich da irgendwas von erhofft“, sagte ich. „Ich habe mich gegen eine Vergewaltigung gewehrt und der Idiot, der mich vergewaltigen wollte, ist jetzt tot. Ich kann nicht sagen, dass es mir leid tut, aber ich bin sicher keine Mörderin.“

Die Geschichte mit Vera behielt ich für mich. Die anderen hätten nur die Augen verdreht und zum Himmel gesehen. Jede hier drin erzählte, sie sei unschuldig.
Die alte Frau zuckte die Schultern. „Hier drin bist du eine. Und Mörderinnen werden nicht begnadigt. Wenn du mal Ärger mit der Regierung hattest, kannst du es auch vergessen.“
„Damit bin ich gemeint“, seufzte eine noch ältere Frau, die lichtes Haar und nur einen einzigen gelben Zahn hatte. Er steckte im Unterkiefer. Sie hatte einst Rebellen Unterschlupf gewährt, ironischerweise von einer Gruppe, die inzwischen längst die Regierung stellte. Dafür hatte sie fünfzig Jahre Zwangsarbeit bekommen. Wie ich hatte sie die ersten Jahre ihrer Haft in Ketten am Fluss geschuftet. Zwei Jahre, nachdem der politische Wind sich gedreht hatte, war sie noch einmal vor Gericht zitiert worden. Der Richter erließ ihr die Zwangsarbeit. Weil sie aber durch ihre Aktionen in der Vergangenheit bewiesen hatte, dass sie Autorität nicht akzeptierte und keine Regierung ihr vertrauen konnte, sollte sie für das Wohl des Landes den Rest ihres Lebens im Gefängnis verbringen.

Ich schüttelte wegen solcher Geschichten längst nicht mehr den Kopf. Immerhin teilte ich auch mit Frauen die Zelle, die wegen Hexerei eingesperrt waren.
„Und Drogen“, sagte eine Frau in meinem Alter. „Wenn du wegen Drogen drin bist, kannst du es auch vergessen.“
Ein spöttisches „Pf“ entfuhr mir. Die Wärterinnen kifften und nahmen vermutlich auch anderes Zeug, so wie sie sich manchmal aufführten. Billiges und schmutziges Zeug. Die einen zogen sich genau die Drogen rein, deretwegen die anderen ihnen als barfüßige Sträflinge ausgeliefert waren. Auch so ein Irrsinn, an den ich mich gewöhnt hatte.
„Und wer bleibt dann noch übrig, den sie rauslassen?“, fragte ich.

Neid hatte sich in meine Stimme geschlichen. Ich tat so, als interessiere mich das alles gar nicht, diese Träume von Freiheit. Von der Arbeit an meinen Fußketten sah ich nicht auf, als ich die Frage stellte.

Natürlich war meine Gleichgültigkeit eine Lüge. Kaum ein Tag verging, an dem ich nicht wenigstens für ein paar Sekunden daran dachte, was ich in diesem Moment in Freiheit tun würde, in Deutschland. Ich sah mich mit einem Buch und einem Tee auf dem Sofa liegen, sah mich durch den Stadtpark joggen, dankbar zu mir aufsehenden Kindern Nachhilfe in Französisch geben, träumte vom Geschmack von Himbeereis, dem prasselnden heißen Wasser einer Dusche auf meiner Haut und von Schuhen und Strümpfen an meinen Füßen. Im Arbeitslager am Fluss wurden diese Tagträume meist von einem Peitschenknall und der Aufforderung unterbrochen, ich solle aufhören in die Luft zu gucken und sofort meinen faulen weißen Arsch zurück an die Arbeit bewegen.
„Diebinnen und Nutten“, sagte ein Mädchen Anfang zwanzig. „Unsereins könnte was davon haben, dass der alte Sack seine kleine Schlampe unter die Haube bringt.“
Es setzte eine kurze, erschrockene Stille ein, in der das toughe Mädchen sich erschrocken umsah. Ihr Kommentar hätte ihr wohl mindestens zwanzig Stockhiebe auf die Fußsohlen eingebracht, hätten die Wachen sie gehört.
Als klar war, dass niemand mitgehört hatte, ergriff die Frau mit nur einem Zahn noch einmal das Wort.
„Einige von uns werden sie danach nach Pongwa schicken.“
„Die Gefängnisfarm?“, fragte ich. Mitgefangene hatten mir davon erzählt. Täglich zwölf Stunden Feldarbeit in der glühenden Sonne. Angeblich saß dort auch eine Deutsche ein, eine Drogenschmugglerin. Da bist du in Mmaabo besser dran, Toubab, hatten die anderen in der Zelle zu mir gesagt.
Die fast zahnlose Frau nickte.
„Und warum?“, fragte ich.
Sie lächelte. „Als der Präsident die Tochter bekommen hat, die er jetzt verheiratet, hat er auch vor lauter Glück massenweise Gefangene freigelassen. In Pongwa merken sie dann, dass Sklavinnen für die Felder fehlen. Sie lassen die gebliebenen Frauen bis in die Dunkelheit schuften und schicken sie auf den Acker, wenn die Sonne noch nicht aufgegangen ist.“
„Das hält doch keiner durch“, sagte ich, obwohl ich es nach meinen zehn Jahren am Fluss eigentlich besser wusste. Nur ein paar Wochen lagen zwischen einer Party im Audimax, bei der ich mich mit Weißwein betrunken und in Sneakers zu Achtziger Jahre Synthie-Pop getanzt hatte, und meinem ersten Tag im Lager, als ich barfuß wie die anderen Frauen an meiner Kette zur Arbeit gestolpert war, während eine Wärterin in schlechtem Englisch rief: „Hopp, hopp, hopp, Hanna, du bist hier nicht mehr in deinem Hotel, Sträfling!" Hanna, die Studentin in der deutschen Großstadt hätte niemals geglaubt, welche Knochenarbeit Hanna, die Strafgefangene in einem afrikanischen Arbeitslager, zu leisten in der Lage war. Sie hätte es sich nicht einmal vorstellen können.
Die Alte mit dem Zahn bohrte in der Nase und sagte: „Keine Minute vergeht, ohne dass die Peitsche knallt, aber irgendwann merken sie, dass sie nichts daran ändern können, dass der Tag 24 Stunden hat. Und weil der Mais von den Pongwa-Feldern wichtig für das Land ist, bestellen sie junge Mädchen zum Beispiel aus Mmaabo. Mich wird es wohl nicht treffen, aber du Toubab, du bist jung."
„Ich bin fast 34“, sagte ich. Es versetzte mir einen Stich ins Herz, das so offen auszusprechen. Zwölf Jahre lang war ich schon Gefangene. Eine Zeit im Leben, die ich mit tanzen, Männern, Reisen, meinem Studienabschluss und den ersten Berufsjahren hätte verbringen sollen, hatte ich stattdessen stupidester körperlicher Arbeit opfern müssen, um die Nächte zwischen schwarzen Frauen zu verbringen, für die ich eine arrogante Weiße war, und von denen es viele ebenso erhebend fanden wie die Wärterinnen, mich barfuß und in Lumpen schuften zu sehen.
Die fast Zahnlose lachte. „Das perfekte Alter für die Feldarbeit, Toubab!“
„Hanna! Komm hierher!“
Zaliras Stimme. Ich stöhnte.
„Ich muss los“, sagte ich und zog mein löchriges Hemd über.
„Vielleicht hast du ja Glück“, meinte Kianga. „Vielleicht schicken sie dich wirklich nach Pongwa und sie nicht. Oder umgekehrt.“
Wir sahen uns an und dachten vermutlich beide dasselbe: Zalira war Anfang dreißig. Die Chancen standen bestens, dass wir beide in Pongwa landeten, wo ich dann immer noch ihr Haustier wäre. Ihr kleines weißes Äffchen.
„Ja, vielleicht“, sagte ich, und stolperte kettenklirrend zu Zalira. Als ich bei ihr war, gab sie mir eine krachende Ohrfeige.
„Was fällt dir ein, deine Titten so rumzuzeigen, du weiße Schlampe!“, keifte sie. Ein paar der Wärterinnen und Gefangene sahen zu uns und lachten. „Hanna hat Ärger mit ihrem Mann!“, rief ein Sträfling und das Gelächter wurde lauter.
Zalira riss mir an den Haaren und zeigte auf die offenen Plumpsklos auf dem Hof. „Ich sollte dich darin ersäufen, du dummes Stück! Wer hat dich in Deutschland eigentlich großgezogen? Ein Schwein?“
Sie zog mich an meinen Haaren in ihre Ecke des Gefängnishofes, wo ich ihr und ihren Freundinnen die Schultern massieren musste, während sie mit toten Kakerlaken knobelten.
Vielleicht war Pongwa wirklich eine Chance. Wenn nicht, müsste ich trotzdem etwas unternehmen. So wollte ich nicht weitermachen. Ich musste Zalira loswerden. Egal wie.
 

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