Lena: Lebenslänglich - 25. Teil: Die Verrückten

 

 

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Von den zehn Frauen an der Kette kannte Lena nur Emefa, die anderen waren mehr oder weniger namenlose Gesichter aus Pongwa. Kabisa hatte den deutschen Sträfling einmal mehr in die Gruppe gesteckt, die die Gefängnisleitung für eine Sonderaufgabe in die Stadt geschickt hatte. Jede mit einer dicken Eisenschelle um den rechten Knöchel und daran jeweils zusammengekettet reinigten die Gefangenen einen Graben, der mit allerlei Unrat verstopft war: Tote Tiere, faulige Marktabfälle, menschliche Fäkalien. Passanten sahen schnell zu, dass sie weiter kamen, während sie ihre Hände schützend vor Mund und Nase hielten. Bei einigen konnte Lena nicht sagen, ob ihr angewiderter Blick den Inhalten des Grabens galt oder den zerlumpten, barfüßigen Zwangsarbeiterinnen, die ihn auf Knien leerten. Selbst die ausländische Gefangene fesselte die Blicke nur kurz, so schlimm war der Gestank und so eilig das Bemühen der freien Menschen, weiter zu kommen.

Lena war die Vorletzte an einem Ende der Kette, Emefa neben ihr die Letzte. Vom anderen Ende der Eisenfessel rief eine Frau Lenas Namen. Sie sah auf und zuckte zusammen. Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass die Schlange tot war. Die Gefangene musste sie aus dem Graben gezogen haben, nur ein Tierkadaver von vielen. Lena hatte die etwa vierzigjährige Frau noch nie zuvor gesehen. Sie hielt die Schlange am Schwanz in die Höhe und grinste. Ihr fehlten die beiden oberen Schneidezähne.

„Kennst du die, Mpiri?“, fragte sie lachend und in schlechtem Englisch. „Eine Verwandte von dir?“

Wahrscheinlich ist sie neu im Gefängnis, dachte Lena. Hat selbst Angst und versucht sich den anderen zu beweisen, indem sie auf jemanden einhackt, den sie für noch ausgestoßener als sich selbst hält: Die weiße Ausländerin. Lena seufzte. Das Wissen um solche solche soziologischen Mechanismen half einem nicht weiter, wenn man selbst mitten in dem besprochenen Dilemma saß. Niemand hier interessierte sich für Soziologie. Sklavinnen hatten andere Sorgen.

„Frag sie doch!“, rief Lena zurück. Das war nicht besonders geistreich oder schlagfertig, aber wenn sie das Duckmäuschen gab, würde der Frischling immer wieder versuchen, sich auf ihre Kosten hervorzutun.

Lenas Antwort hieb der Frau mit der Schlange das Grinsen aus dem Gesicht. Sie warf das verendete Reptil nach der deutschen Mitgefangenen. „Frag du sie!“, kreischte sie fast schon.

Die Schlange roch furchtbar. Die Augen hatten die Insekten bereits weggefressen. Lena hatte eine Idee. Sie hielt sich das Aas vors Gesicht und sagte: „Was meinst du, kennen wir uns von irgendwoher?“

Alle lachten – die Frauen, die den heraufziehenden Ärger zu Ungunsten der Toubab genossen hatten ebenso wie die, die aus Angst vor Schlägen einfach weiter in der Jauche herumgewühlt hatten.

„Hey!“

Das war die Stimme einer der beiden Wachen gewesen. Die Gefangenen konnten sie bei der Arbeit nicht sehen, sie saßen unter dem schattenspendenden Holzdach eines heruntergekommenen Kiosks und tranken Coca Cola aus Flaschen. Lena hatte gehört, wie eine gesagt hatte: „Gut, dass wir Samantha nicht dabei haben, die würde vor Heimweh in Tränen ausbrechen.“

Stiefel näherten sich. Jetzt lachte statt der Sträflinge ein Pärchen in einigen Metern Entfernung darüber, wie panisch die Sträflinge zurück an die Arbeit gingen. Mit einem gemeinen Ziepen sauste ein Stock auf Lenas Hintern nieder.

„Au!“

Das Pärchen lachte weiter. Lena drehte sich um und sah hoch. Über ihr stand Ashaki, keine zwanzig, eine der jüngsten Wachen in Pongwa.

„Ich hab nicht mal angefangen“, meckerte Lena.

„Das interessiert mich nicht!“, schimpfte Ashaki. „Geh' zurück an die Arbeit, Toubab! “ Dann wechselte sie von Englisch nach Bambara.

„Das gilt für euch alle! Haltet den Mund und arbeitet gefälligst!“

„Lena hat wirklich nicht angefangen“, sagte Emefa, ohne sich umzudrehen. Sie schien voll darauf konzentriert, ein paar leere Konservenbüchsen aus dem Graben zu fischen. „Warum fragst du nicht erst einmal ein paar der anderen Gefangenen, was genau passiert ist, Ashaki?“

Ashaki stand mit offenem Mund da. Lena spürte ihre Fassungslosigkeit darüber, dass sie gerade von einer Frau belehrt wurde, die auf den Knien im Müll wühlte und nicht einmal Schuhe an den Füßen hatte. Das Problem war wohl, dass Ashaki Emefa nicht nur barfuß kannte, nicht nur in Lumpen, nicht nur als Sträfling. Bis vor einigen Monaten war die freche Gefangene Ashakis Vorgesetzte gewesen. Lena spürte ein bewunderndes Kribbeln im Bauch im Angesicht der natürlichen Autorität Emefas. Gerade verwandelte sich der überrumpelte Ausdruck in Ashakis Gesicht in einen wütenden, und sie zeigte mit ihrem Stock auf Emefa und setzte an, etwas zu sagen, als die einstige Wache fortfuhr: „Du kannst nicht einfach Lena die Schuld geben, nur weil du vielleicht keine Weißen magst. Eine gute Wache jedenfalls würde das nicht tun.“

Jetzt änderte Ashakis Gesichtsausdruck sich gleich zweimal in schneller Folge: Auf Einsicht folgte Trotz, schließlich war sie noch ein Teenager.

„Mach gefälligst weiter, Emefa“, befahl sie, aber es klang kleinlaut. Die junge Wache stapfte davon.

Ein paar Minuten lang arbeitete Lena schweigend neben Emefa und sah immer mal wieder bewundernd zu ihr hoch. Der Schweiß glänzte auf dem Gesicht der ehemaligen Wache und tropfte auf den Unrat, den sie aus dem Graben gefischt hatte. Ihr Kopftuch war schmutzig, das zerrissene Sträflingshemd gab den Blick auf das meiste von ihrem Rücken frei. Sie arbeitete barfuß und in Ketten, zog gerade in diesem Moment ein Stück Stoff aus dem Graben, das den Flecken nach zu urteilen jemand benutzt hatte, um sich damit den Hintern abzuwischen – und doch war da nicht das geringste Anzeichen von Demütigung in ihrem Blick.

„Was ist dein Geheimnis, Emefa?“, fragte Lena.

„Was meinst du, Toubab?“

„Das war doch irre eben!“ Lena drehte sich kurz erschrocken um. Ashaki und die andere Wache, Ashakis Vorgesetzte Uboro, hatten sich Zigaretten angezündet und blickten gebannt einem Geländewagen hinterher, in dem weiße Touristen in modischer Sportkleidung saßen. Glück gehabt, dachte Lena. Ihr Ausruf würde ihr keine Prügel einbringen. Die Wachen waren abgelenkt. Sie war so erleichtert, dass ihr nicht einmal der mitleidige Blick der beiden Frau im Auto etwas ausmachte.

Lena zog eine tote Ratte aus dem Graben und kicherte dabei innerlich über sich selbst. In ihrer Bewunderung für Emefa war sie der Popstar-Verehrung einer Sechzehnjährigen so nahe gekommen, dass sie auch wieder redete wie eine Adoleszente: „Das war doch irre, ey!“ Dabei stand ihr dreißigster Geburtstag in wenigen Wochen bevor – jedenfalls, wenn sie die Monate seit ihrer Inhaftierung richtig mitgezählt hatte. Sicher war sie da nicht.

Emefa zuckte die Schultern.

„Emefa“, sagte Lena. „Jeder anderen hätte die gutmütigste Wache für so dreiste Wiederworte dermaßen auf die Fußsohlen geschlagen, dass sie wochenlang nur noch auf den Knien rumrutschen kann.“

„Ich hab ihr nur meine Meinung gesagt.“

„Das ist es doch!“ Lena hörte, wie ihre eigene Stimme vor lauter Begeisterung um in die Höhe schoss. „Ein Gefangener mit Meinung ist bei mir zu Hause schon nicht ganz ohne Probleme, und unsere Gefängnisse sind wesentlich ...“

„Ich weiß“, unterbrach Emefa. „Ihr seid so reich, dass sogar Sträflinge Schuhe tragen.“

Lena nickte. „Und es schuftet auch niemand in Ketten auf irgendwelchen Feldern. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Du Emefa, du bist wichtig. Das mit Ashaki gerade war so beeindruckend. Ich glaube, dass du selbst als Sträfling noch die Kraft hast, einiges zum Guten zu ändern in Pongwa. Oder zumindest zum halbwegs Erträglichen.“

Emefa atmete nachdenklich aus und schüttelte den Kopf. Lena war es peinlich, aber bei dem Schnaufen konnte sie nicht umhin, Emefas große, platte Schwarzen-Nase zu bemerken.

„Ich bin Gefangene, genau wie du, Toubab“, sagte Emefa. „Ich glaube, du überschätzt meine Möglichkeiten gewaltig. Die Sonne ist deinem blonden Europäer-Kopf mal wieder nicht gut bekommen. Und jetzt geh zurück an die Arbeit, bevor sie dir auf die Fußsohlen schlagen, bis du nur noch auf Knien voran kommst.“

Während sie still weiterarbeiteten, konnte Lena mit ihrem immer besser werdenden Bambara genug von dem verstehen, was Uboro und Ashaki sprachen, um sich den Sinn der Unterhaltung zusammenzureimen.

„Stimmt es wirklich, mit der Weißen?“, fragte Ashaki.

„Welche?“, fragte Uboro zurück. „Die Amerikanerin oder die Deutsche?“

„Lena natürlich“, sagte Ashaki. „Nennen die anderen Gefangenen sie wirklich Mpiri, weil sie … weil es ihr wie einem Kerl kommt? Spritzt sie da unten raus?“

Lena glaubte, Uboros gemeines Grinsen zu hören.

„Ja, das stimmt.“ Sie erzählte Ashaki die Geschichte von dem Tag, als Lena und Nawiri an die Kreuze gefesselt waren.

„Oheneewa“, lachte Uboro. „Die miese Lesbe hat sich natürlich über die Gelegenheit gefreut, und wir wollten es einfach wissen, genau wie du jetzt.“

Sie erzählte, wie Lenas Saft in den Staub gespritzt war, während die Deutsche von Orgasmus-Krämpfen geschüttelt an ihren Fesseln gezerrt hatte.

„Igitt!“, entfuhr es Ashaki. „Meinst du, bei der Amerikanerin ist das auch so? Das ist ja ekelhaft.“

„Nein“, sagte Uboro kichernd. „Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass alle Toubab-Frauen so sind. Aber jetzt mal was anderes.“

Uboros Stimme hatte in einen strengen Ausbilderton gewechselt.

„Was war das gerade mit Emefa?“

Lena sah erschrocken hoch zu der ehemaligen Wache, die unbeeindruckt weiterarbeitete.

„Ich glaube, Sie reden über dich“, flüsterte Lena ihr zu.

„Und davor haben sie über dich geredet“, sagte Emefa. „Kümmere dich nicht darum und arbeite weiter, Toubab. Es gibt sowieso nichts, was wir dagegen machen könnten.“

Mit angewidertem Gesicht zog Lena etwas aus dem Graben, das aussah wie die Innereien einer Kuh, die in der Sonne vertrocknet waren.

„Warum, was war mit Emefa?“, fragte Ashaki. Ihre Stimme klang ängstlich.

„So darfst du dich von ihr nicht behandeln lassen“, sagte Uboro. „Sie ist ein Sträfling, du bist die Wache. Das hat sich fast angehört, als wäre es umgekehrt. Wenn sich so etwas in Pongwa herumspricht, nimmt dich niemand mehr ernst.“

Lena hörte, wie Uboro und Ashaki ein paar Mal an ihren Zigaretten zogen. Uboro spuckte aus. Die Gefangene, die Lena mit dem Schlangenkadaver aufgezogen hatte, hisste Beleidigungen in ihre Richtung. Ohne sie anzusehen, zeigte Lena ihr den Mittelfinger.

„Ich dachte, weil es doch Emefa ist“, piepste Ashaki.

„Was heißt das?“, wollte Uboro wissen. „Sie ist eine Gefangene wie jede andere auch.“

„Aber … sie war doch auch mal deine Vorgesetzte, oder?“

Ungeduldiges Schnaufen, dann Uboros Stimme: „Komm mal mit.“

Lena hörte die schweren Stiefelschritte herannahen. Emefa seufzte nur, als Uboro die Kette an ihrem Fuß packte und ihn in die Höhe zog. Sie lag jetzt auf dem Rücken und stützte sich mit den Ellenbogen ab. Die anderen Gefangenen starrten vor sich hin und ignorierten das Geschehen, wohl aus Angst, selbst Opfer einer solch willkürlichen Misshandlung zu werden.

Uboro schlug mit ihrem Stock auf Emefas Fußsohle. Die ehemalige Wärterin zog zischend Luft durch Zähne ein, die sie fest aufeinandergebissen hatte.

„Glaubst du, eine Frau mit dreckigen nackten Füßen ist meine Vorgesetzte?“, schimpfte Uboro.

Ashaki schüttelte den Kopf und sah zu Boden.

„Egal, was sie mal war, heute ist sie eine Gefangene“, erklärte Uboro weiter. Jetzt klang sie wie eine sachliche, aber nicht zwangsläufig strenge Lehrerin. Sie gab Emefa einen weiteren Hieb auf die Sohle.

„Hey was soll denn das jetzt?“, ging Lena dazwischen. Sie war bereits beim ersten Hieb zusammengezuckt. Emefa sah sie an und schüttelte den Kopf. Zu spät. Ashaki schlug ihr mit dem Stock auf den Rücken.

„Halt gefälligst den Mund und geh zurück an die Arbeit, Lena!“, befahl sie.

Uboro lächelte stolz und nickte Ashaki zu. Die junge Wache nickte dankbar zurück. Uboro ließ Emefas Fuß los und gab ihr einen leichten Tritt in die Seite. „Und was sagst du zu der hier?“

Ashaki sah kurz zwischen Emefa und Uboro hin und her. Dann befahl sie: „Du auch Emefa, wird’s bald?“

Uboro spendierte ihr für ihren Mut eine Zigarette.

 

Kurz, bevor Uboro und Ashaki sie in Ketten zurück zur Farm trieben, hatten die Frauen noch einmal Gelegenheit, sich auszuruhen. Einige dösten oder sprachen leise miteinander, Emefa sah fast meditativ geradeaus, Lena knibbelte an ihren Füßen. Plötzlich streckte sie die Nase in die Höhe wie ein Hund. Über das Aroma von Fäulnis und Fäkalien hinweg nahm sie einen neuen – Nein – einen in Vergessenheit geratenen Geruch wahr: Frisch gebackenes Brot. Sie sah, wie Ashaki mit einem großen Fladen vor Uboro stand und sagte: „Ich weiß nicht, die Frau da hinten hat ihn mir gegeben. Für die Gefangenen, hat sie gesagt, weil der Graben sonst noch wochenlang verstopft gewesen wäre.“

Uboro schüttelte den Kopf. „So ein Quatsch. Als ob die Schlampen eine Wahl gehabt hätten. Glaubt die, die hätten das auch gemacht, wenn wir sie nicht in Ketten hierher geschleift hätten? Eine Toubab aus Deutschland macht sich hier freiwillig nützlich, oder wie?“

Lena sah eine verschleierte Frau in der Richtung verschwinden, in die Ashaki gezeigt hatte. Die Wohltäterin blieb kurz stehen, drehte sich um und sah ihr in die Augen. Lena ließ erchrocken von ihren Füßen ab. Sie erkannte die Augen. Es waren die, die sie oft in ihren Träumen sah. Es waren die ersten Augen einer Frau, die je von ihrer Spalte aus zu ihr hochgesehen hatten.

„Na ...wiri?“, flüsterte Lena.

Emefa lächelte und legte Lena eine Hand auf die Schulter. „Warum nicht?“, fragte sie. „Der strenge Schleier passt nicht, jedenfalls hatte ich nie das Gefühl, dass sie besonders gläubig ist. Aber ansonsten, warum nicht? Vielleicht macht sie Besorgungen in der Stadt, Futter für ihre Tiere oder so etwas.“

Nein, dachte Lena. Das war sie nicht nur vielleicht. Nawiri. Gerade wollte sie aufstehen und ihren Namen rufen. Dass ihr dafür Prügel sicher waren, war egal. Nawiri! Doch die verhüllte Gestalt lief davon, bevor Lena Gelegenheit bekam, sich von Uboro und Ashaki unter den neugierigen Augen der Passanten maßregeln zu lassen. Lena sah dem wehenden blauen Gewand hinterher, so lange es ging. Sie schämte sich, weil sie nicht anders konnte, als zu denken: Bitte, lass sie einen Grund finden, dich zu verhaften und für immer nach Pongwa zu schicken. Zu mir.

Als wären die Qualen ihres Verlangens nach Nawiri nicht schon genug, kam noch eine zweite unerfüllte Begierde hinzu. Der Brotgeruch ging ihr nicht mehr aus der Nase. Speichel tropfte Lena über das Kinn. Sie wischte ihn mit dem Ärmel ihres dreckigen Sträflingshemdes ab. Die Mägen der Frauen an der Kette schienen um die Wette zu knurren und immer lauter zu werden, als Ashaki auf sie zutrat.

„Für euch“, sagte die junge Wache und genoss einen Augenblick lang deutlich sichtbar die dankbaren Blicke der Gefangenen. Dann riss sie für jede ein Stück von dem Brot ab. Lena bekam das kleinste. Gierig biss sie hinein. Die Hülle war knusprig und warm, das Innere schmeckte herrlich. „Mmmh“, machte sie. Ein paar der anderen Gefangenen schmatzten laut.

Viel zu schnell war die Köstlichkeit verschlungen. Lena leckte sich die schmutzigen Finger. Ein Stück Brot, dachte sie. Ich komme mir vor, als wäre ich tot und im Himmel, wegen eines Stückchens Brot. Wieso passiert das hier mir? Wieso mir?

Uboro und Ashaki trieben die Sträflinge zurück nach Pongwa, bevor ihre Gedanken Lena in den Wahnsinn treiben konnten.

 

Obwohl der Arbeitstag auf dem Feld noch nicht vorbei war, durften die Sträflinge, die in der Stadt gearbeitet hatten, frei auf dem Pongwa-Gelände herumstromern. Lena rieb den wunden roten Ring, den die Eisenschelle auf ihrer Haut über dem Fußknöchel hinterlassen hatte. Sie betrachtete kurz Emefas schmutzig-goldene Fußsohlen. Ashaki hatte die ehemalige Wache für ihre frechen Wiederworte in den Fußblock geschlossen, auf Uboros Befehl hin.

„Uboro ist ein dummes Stück“, sagte Lena. „Es haben fast alle zwischendurch Mist gemacht, aber du musst an das Ding hier.“

Emefa winkte ab. „Das hat einen Grund. Sie wollte Ashaki den Respekt vor mir aberziehen. Darum musste sie auch das Holz um meine Knöchel schließen und das Schloss einrasten lassen.“ Unter den Wachen war es üblich, einer Gefangenen im Fußblock nach dem Zuschnappen des Schlosses einen kräftigen Stockhieb auf die nackten Sohlen zu geben. Blieben die Füße trotz der Schmerzen, wo sie waren, saß alles vorschriftsmäßig, der Sträfling war fest im Holz eingeschlossen. Ashaki hatte zunächst gezögert, aber dann umso stolzer die Brust herausgestreckt, als Emefas hoher Schrei über das Pongwa-Gelände hallte.

„Das macht es doch nicht besser!“, sagte Lena.

„Nein, aber verständlich“, fand Emefa. „Du magst das anders sehen, aber du bist auch nie etwas anderes gewesen als Sträfling.“

„Was?“ Lena zeigte Emefa einen Vogel. „Spinnst du? Ich bin nicht immer in diesem scheiß Land gewesen, und ich bin bestimmt nicht immer Sträfling gewesen. Bis vor anderthalb Jahren habe ich noch keine Läuse in den Haaren oder Pilze in meinem Hintern gehabt, und bloß weil du mich nur barfuß kennst, heißt das nicht, dass ich noch nie Schuhe an den Füßen hatte. Auch wenn sie mittlerweile so aussehen, mit dem ganzen Dreck und der dicken Hornhaut.“

Emefa schüttelte den Kopf. „So habe ich das nicht gemeint, Toubab. Tut mir leid. Ich verstehe, wie schrecklich es hier drin für eine Europäerin sein muss. Aber wenn du ganz ehrlich bist, hat dich auch niemand gezwungen, die Drogen zu schmuggeln.“

Lenas Hand schnellte unkontrolliert nach vorne, als hätte sie plötzlich ein eigenes Bewusstsein entwickelt. Sie traf Emefas linke Fußsohle, und es klatschte genau wie bei einer Backpfeife. Emefa schrie auf. Ashakis Stockhieb lag noch nicht lange zurück, der Striemen war noch deutlich zu sehen.

„Emefa, verdammt, entschuldige!“, rief Lena. „Es tut mir leid, aber wie kannst du so etwas sagen? Ich habe keine Drogen geschmuggelt! Vier Kilo Heroin, so ein offensichtlicher Quatsch! Ich habe mal Gras geraucht, da war ich sechzehn! Ich bin Jounalistin, Emefa! Die haben mir was angehängt, damit sie mich in diesem Drecksloch verschwinden lassen können!“

Emefa presste die Lippen aufeinander und schloss die Augen. Schon als Wärterin war sie rücksichtsvoll mit der Gefangenen aus Deutschland umgegangen, hatte aber nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie deren Geschichte für ein Märchen hielt.

„Lena, das Gericht hat deine Schuld ganz klar festgestellt ...“

„Was ist mit den Drogen in deinem Spind?“

Emefa erstarrte.

„Das ist etwas anderes“, sagte sie. „Und im Gegensatz zu dir habe ich mich damit abgefunden, für eine sehr lange Zeit im Gefängnis zu sitzen. Wenn du ständig darüber nachdenkst, dass du unschuldig bist, wirst du hier drin verrückt.“

„Ich bin schon längst irre!“, schrie Lena und stampfte mit dem nackten Fuß auf.

Sträflinge und Wärterinnen sahen zu ihnen herüber, ein Geier flatterte erschrocken davon. Lena und Emefa sahen sich an. Emefa lachte als Erste. Schließlich hielt Lena es nicht mehr aus und fiel ein.

„Du bist irre“, gackerte Emefa. „Du hast recht. Die irrste Weiße, die mir je begegnet ist. Eigentlich müssten sie dich in Mmaabo einsperren, in den Zellen für die Wahnsinnigen.“

Lena sah Emefa an und schielte. Die ehemalige Wache konnte nicht weitersprechen. Vor Lachen hielt sie sich den Bauch. Lena ging um den Fußblock herum, bückte sich zu Emefa hinab und umarmte sie.

„Ich bin unschuldig“, sagte sie. Sie war unsicher, ob die Tränen in ihre Augen wirklich Lachtränen waren. „Ich bin unschuldig und ich finde mich mit gar nichts ab. Ich werde nicht für immer in diesem scheiß Gefängnis verrotten, und wenn sie mir fünfmal lebenslänglich geben.“

Emefa streichelte mütterlich Lenas Rücken.

„Wie du meinst, Toubab“, sagte sie. „Wie du meinst.“

 

Lena blieb bei Emefa am Fußblock. Sie mieden die Themen Schuld und Unschuld. Stattdessen fragte Emefa Lena über Deutschland aus. Die Wohnung, in der sie gewohnt hatte, das Essen, das sie gegessen hatte, die Kleidung, die sie getragen hatte.

„Ich hatte eigentlich nur drei paar Schuhe“, erzählte Lena. „Sneakers für den Sport, normale Halbschuhe für die Arbeit, und Schicke mit hohen Hacken, falls es mal was zum Feiern gab. Ich war keine sehr typisch westliche Frau, was das angeht. Eine meiner Freundinnen hatte fast achtzig Paar.“ Sie rieb sich die Füße und betrachtete sie nachdenklich. „Wenn ich gewusst hätte, dass ich ab achtundzwanzig für den Rest meines Lebens barfuß laufen soll, hätte ich es wahrscheinlich mehr genossen, Schuhe zu tragen.“

Emefa sah die schmutzigen, nackten Füße des weißen Sträflings nachdenklich an.

„Was ist?“, fragte Lena.

Emefa zuckte die Schultern. „So sehr ich's versuche, ich kann mir dich nicht mit Schuhen an den Füßen vorstellen.“ Sie zeigte auf Lena. „Obwohl du eine Toubab bist, und jeder hier in dem Glauben aufwächst, dass alle Weißen reich sind und selbstverständlich nie barfuß laufen.“

„Alle Toubabs, die nicht im Gefängnis sitzen“, sagte Lena.

„Ja“, stimmte Emefa zu. „Da hast du wohl Recht.“

Eine Wache lief über den Hof zum Tor und öffnete es für einen Geländewagen. Das Auto hielt neben der Wache an, das Fenster öffnete sich elektrisch. Jemand beugte sich raus und sprach mit der Wache. Lena erkannte den Fotografen James erst auf den zweiten Blick.

„Hey, den kenne ich“, flüsterte sie. Emefa blickte rüber zum Auto.

„Tatsächlich?“, fragte Emefa. Woher?“

„Als wir neulich Kabisa in die Stadt gebracht haben, im Wagen.“

James sagte etwas, die Wache nickte und lief dem langsam über den Hof rollenden SUV voraus in Richtung der Hauptverwaltung. Auch wenn sie schon lange nicht mehr recherchiert und geschrieben, sondern nur noch zerlumpt und barfuß auf dem Acker geschuftet hatte, kam Lena nicht gegen ihren erwachenden journalistischen Instinkt an.

„Was macht der hier?“, fragte sie leise, mehr an sich selbst als an Emefa gewandt.

„Was geht uns das an?“, fragte Emefa.

Lena blickte sich nach Emefa um, führte grinsend den Zeigefinger an die Lippen und schlich los in Richtung des Lehmbaus, in dem die Wache und James verschwunden waren.

„Lena, wo willst du hin?“, zischte Emefa ihr hinterher.

„Ich bin Journalistin“, sagte Lena. „Ich finde Sachen heraus.“

„Du bist was?“ Emefas tiefe Stimme schoss beim letzten Wort eine Oktave in die Höhe. „Du bist ein Sträfling, Mädchen! Du bekommst Ärger fürs Lauschen, Kabisa steckt dich in den Ofen! Lena, komm zurück!“

Lena winkte nur beschwichtigend und gab acht, dass keine Wärterin und auch kein Sträfling sah, wie sie sich dem Bau näherte, in dem die Direktorin ihr Büro hatte.

Emefa gab nicht auf. „Lena! Toubab! Oh, Allah, was bist du für ein dummes weißes Ding! Kein Wunder, dass du dich in solche Schwierigkeiten gebracht hast!“

 

Lena hockte sich unter ein Fenster, die Arme um die Knie geschlungen. Sie knetete nervös ihre Zehen und blickte sich ein paar Mal um. Niemand hatte sie gesehen. Niemand, außer Emefa, die in einiger Entfernung am Fußblock saß und mit Händen und Füßen gleichermaßen zu versuchen schien, die deutsche Gefangene zurück zu sich zu winken.

„Vielen Dank, dass sie mich hier heute empfangen, Direktorin Sanogo“, hörte sie James sagen. „Mein Name ist James Mbye.“ Er sprach Englisch mit einem Akzent, der weit weniger stark war als der der Gefangenen und Wachen in Pongwa. Offensichtlich gehörte er zu denen, die es entweder geschafft hatten oder bereits privilegiert geboren worden waren, und die nun Abstand zu ihren bettelarmen Landsleuten suchten, indem sie sich weigerten, Bambara zu sprechen.

„Sie hatten bereits angerufen“, sagte Direktorin Sanogo. Es klang misstrauisch. „Ich hätte Sie nicht empfangen, aber danach bekam ich einen Anruf von … recht hoher Stelle, mit der Bitte, Ihnen einen Termin zu geben.“

„Tut mir leid“, sagte James. „Ich wollte keine Druck-Situation erzeugen. Ich bin sicher, dass wir uns auch so einig werden.“

Die Gluthitze und ihr klebrig-trockener Gaumen wurden Lena schlagartig bewusst, als sie hörte, wie Getränke in Gläser gegossen wurden. Wahrscheinlich reichte die Wache James gerade ein Glas kühlen Wassers mit Zitrone. Lena leckte sich die Lippen.

„Was wollen Sie?“, fragte Direktorin Sanogo.

„Sie haben nicht nur einheimische Sträflinge, sondern auch Ausländer“, sagte James.

„Das stimmt“, bestätigte Sanogo. „Wir haben drei Frauen aus Marokko, zwei aus Mauretanien, eine aus dem Senegal, sehr viele aus Sierra Leone, die vor dem Krieg geflüchtet waren und dann hier auf die schiefe Bahn geraten sind ...“

„Das meine ich nicht“, unterbrach James. „Hier sitzen Frauen ein, die nicht einmal aus Afrika stammen. Toubabs.“

„Ja, und?“ Die Direktorin klang aufgebracht. „Glauben Sie, dass die was Besseres sind, weil sie weiß sind? Ein ordentliches Gericht hat sie verurteilt und jetzt sitzen sie hier ihre Strafe ab. Wo ist das Problem? Sind Sie Anwalt?“

James lachte auf. „Ich bin kein Anwalt. Und wenn der Gerechtigkeit damit genüge getan wird, sehe ich auch kein Problem darin, Toubabs hier ins Gefängnis zu schicken anstatt in ihrer Heimat, wo sie als Sträflinge noch ein besseres Leben haben als ein Großteil der hart arbeitenden Menschen bei uns.“

Er schleimt sich ein, dachte Lena. Was willst du, James?

„Wie viele Toubabs sitzen denn in Pongwa ein?“, wollte James wissen.

„Zwei“, antwortete Direktorin Sanogo. „Eine Deutsche und eine Amerikanerin.“

„Welche ist die dunkelhaarige, noch sehr jung ...“

„Samantha. Die Amerikanerin.“

„Samantha.“

Ein genervtes deutsches „Oh, bitte“ entfuhr Lena, so notgeil hatte James den Namen ihrer Mitgefangenen ausgesprochen. Erschrocken presste sie die Hand auf den Mund. Ihr ohnehin schnell pochendes Herz begann zu rasen. Als sie nach oben blickte, fürchtete sie, in das Gesicht der Wache zu sehen, das aus Vorfreude auf die bevorstehende Foltersitzung mit der dummen Deutschen breit grinste. Stattdessen sprach James irgendwann einfach weiter, als wäre nichts gewesen.

„Ich bin kein Anwalt, Direktorin Sanogo, ich bin Fotograf. Und ich bin international im Model-Geschäft unterwegs.“

Lena musste grinsen. Es hatte geklungen, als wäre James zu einhundert Prozent von der einschüchternden Wirkung seiner Worte überzeugt gewesen. Anscheinend passierte nichts, Direktorin Sanogo musste sich völlig ungerührt zeigen.

„Nun, äh“, fuhr James fort. „Im Model-Geschäft, und ich kenne sehr viele sehr einflussreiche Geschäftsleute. Einer davon hat dieses Treffen heute ermöglicht.“

„Wie schön“, sagte Direktorin Sanogo. Der Klang ihrer Stimme verriet, dass sie die unterschwellige Drohung in James' letztem Satz durchaus verstanden hatte. „Aber in Pongwa wird nicht fotografiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihre Freunde so einflussreich sind.“

„Was soll ich hier denn fotografieren, ein paar ungewaschene Frauen ohne Schuhe an den Füßen?“, lachte James. Lena glaubte, ihn trinken zu hören. „Ah, das ist gut. Was für eine Hitze. Wie das wohl ist, da draußen auf dem Acker zu schwitzen?“

„Sie schnupfen doch bestimmt Kokain“, sagte Sanogo. „Lassen Sie sich einfach erwischen. Es gibt auch eine sehr schöne Gefängnisfarm für Männer in diesem Land.“

Auf der die Haftbedingungen nach westlichen Standards pure Folter waren, die aber den Insassen dennoch einen Hauch mehr Menschenwürde ließ als die Frauengefängnisse, wie Lena aus ihren Recherchen wusste. James räusperte sich.

„Ich will diese Samantha“, sagte er. „Ich werde wahnsinnig bei dem Gedanken, dass dieses Gesicht und dieser Körper hier drin verschimmeln.“

„Das werden sie aber“, sagte die Direktorin. „Samantha hat vor Gericht den Jackpot geknackt, genau wie Lena, die deutsche Toubab. Lebenslange Haft ohne Bewährung. Sie können nicht einfach hier reinspazieren und eine Gefangene mitnehmen, weil Sie finden, dass sie ein hübsches Gesicht hat. Samantha Hardes ist eine Terroristin. Sie trägt die Verantwortung für den Tod vieler Menschen.“

„Haben Sie etwas zu schreiben?“

„Wie bitte?“

„Geben Sie mir bitte etwas zu schreiben.“

Lena hörte das Klicken eines Kugelschreibers, einen Augenblick später wieder die Stimme von Direktorin Sanogo: „Was soll das, was heißt das?“

„Das ist die Summe, die wir Ihnen für Samantha zahlen.“

„Sind Sie verrückt? Soviel verdiene ich in einem Jahr.“

„Meine Geschäftspartner verfügen über die Beziehungen, diese Amerikanerin in jedem Fall hier herauszuholen. Aber ich habe gesagt, redet mit der Direktorin, sie ist bestimmt eine vernünftige Frau und wir werden uns einig. Anstatt dass Samantha hier also einfach so gegen ihren Willen herausgeholt wird, bekommen Sie eine ordentliche Entschädigung für Ihre Mühen. Was sagen Sie?“

Sanogo schien kurz zu überlegen. „Es wird kompliziert, wenn man eine Toubab aus Europa oder Amerika einsperrt, auch wenn sie es verdient hat. Aber ich fürchte, der Fall Samantha Hardes liegt noch sehr viel komplizierter, als Sie ahnen, Mr. Mbye.“

„Umso besser für Sie!“, frohlockte James. „Dann haben Sie den Ärger nicht mehr!“

Lena hörte die Direktorin angestrengt schnaufen, während sie über James' Angebot nachdachte. Die Journalistin in ihr hatte derart die Kontrolle übernommen, dass der Sträfling jede Vorsicht vergaß und nicht bemerkte, wie die Chefwärterin Kabisa langsam von hinten an die unter dem Fenster kauernde Gefangene heranschlich.

„Suchst du etwas Bestimmtes?“

Lena fuhr herum. „Kabisa!“ Vor Entsetzen riss sie die Augen weit auf. Kabisa griff Lenas Ohr und zog sie daran in die Höhe.

„AU! Bitte, bitte, Kabisa, lass mich das erklären ...“

„Das musst du nicht.“

Lena sah durchs Fenster, dass James und Direktorin Sanogo von ihren Stühlen aufgesprungen waren.

„Was ist da los?“, fragte James. Sanogo seufzte.

„Lena“, sagte sie. „Die Deutsche. Hat nur Unsinn im Kopf. Wollen Sie die auch gleich mitnehmen?“

„Was soll ich mit ihr machen, Direktorin?“, fragte Kabisa.

„Entscheide selbst“, erwiderte ihre Chefin. „Ich hab hier im Moment zu viel um die Ohren für so etwas.“

Kabisa zeigte mit dem Stock auf die Wache im Büro.

„Hast du die nicht gesehen?“, fragte sie scharf und zog Lena an ihrem Ohr noch ein Stück höher.

„AU, Kabisa, bittebittebitte nicht so stark!“

Die Untergebene stand stramm, die Hände auf dem Rücken, die Augen geradeaus gerichtet. „Wir sprechen uns nachher noch“, drohte Kabisa. „Aber jetzt erst einmal zu dir, Toubab.“

 

Lena sah der Leiter hinterher, die Kabisa wieder an die Oberfläche zog. Sie rieb sich das schmerzende Ohr. Hinter ihr rasselte Hanazullumi in ihren schweren Ketten, Ratten piepsten in der Dunkelheit.

„Hey, du schon wieder, i ni ce“, begrüßte die Eingekerkerte den Gast.

„I ni ce“, gab Lena lächelnd zurück. Sie versuchte, sich den Ekel nicht anmerken zu lassen, den Hanazullumis nackter, mit Pilzen und Entzündungen übersäter Körper in ihr weckte. Sie sah wieder hoch zu Kabisa.

„Was meinst du, Lena?“, sagte die Chefwärterin. „Eine Woche da unten? Lernst du dann, dass sich Lauschen nicht gehört?“

Jetzt, wo sie ihr Ohr zurückhatte, zeigte Lena Kabisa dreist den Mittelfinger.

„Einen Monat dann eben, wie du meinst“, freute Kabisa sich. Hanazullumi kroch schwerfällig in den Lichtkegel aus der Oberwelt von Pongwa. Sie schirmte die Augen gegen die ungewohnten Sonnenstrahlen ab, wobei ihre Ketten klirrten.

„Hey, könnt ihr mir irgendwas geben für die Ratten, einen Stock oder so etwas?“, rief sie hoch zu Kabisa. „Es werden immer mehr, sie fressen mir die Abfälle weg.“

Kabisa ignorierte die inhaftierte Politikwissenschaftlerin, die seit Jahrzehnten in dem Verlies schmachtete.

„Dass du auf halbe Ration gesetzt bist, versteht sich ja wohl von selbst“, sagte sie an Lena gewandt.

„Es sind so viele Ratten, sie beißen mich auch immer öfter“, klagte Hanazullumi. „Ich glaube, ich bin krank davon geworden. Ich hatte ziemlich lange blutigen Durchfall.“

Lena roch den Beweis für Hanazullumis Worte nicht nur, er quoll ihr auch schmierig und rot zwischen den Zehen hervor. Sie hoffte, dass es keine Parasiten waren, die durch Hautkontakt übertragen werden konnten, und dass die Impfungen, die sie sich vor dem Abflug nach Westafrika hatte geben lassen, abdeckten, was immer Hanazullumi blutige Diarrhö beschert hatte.

Hanazullumi zog anklagend an den fast fingerdicken eisernen Gliedern an ihrem Halseisen. Die vier Ketten daran führten zu den Schellen an ihren Hand- und Fußgelenken.

„Deretwegen habe ich es nicht immer rechtzeitig auf den Eimer geschafft“, sagte sie. „Wenn ihr mir die wenigstens abnehmen würdet ...“

„Halt endlich den Mund, Hanazullumi!“, unterbrach Kabisa zornig. „Keinen Menschen interessiert, was du in deiner Kloake da unten machst!“

Sie zeigte auf Lena. „Also, Toubab, wenn ich es nicht vergesse, sehen wir uns nächsten Monat.“

Der Krach der zufallenden Klappe ließ die Ratten aufgeschreckt auseinandertippeln. Lena hörte, wie oben das dicke Eisenschloss einrastete. Der Lichtkegel war jetzt viel enger, die Sonnenstrahlen fielen durch das winzige, vergitterte Loch in der Falltür.

„Keinen interessiert, was du in deiner Kloake machst“, wiederholte Hanazullumi Kabisas Worte. „Diese miese Ziege. Was weiß die denn? Ich hab mir meine faulen Obstschalen hier unten schon mit den Ratten geteilt, als die noch nicht einmal geboren war.“

Sie streichelte Lenas nackten Fuß. „Naja, wenigstens habe ich jetzt mal wieder ein paar Tage lang Gesellschaft.“

Lena streichelte Hanazullumi über das verfilzte Haar. Zusammen verscheuchten sie ein paar Ratten, die in Rissen in den Wänden verschwanden. Als Gastgeberin bot Hanazullumi Lena ein bisschen Reis in einem dreckigen Becher aus Blech an. Lena sah ein paar dicke Maden darin herumkriechen, aber sie bedankte sich und aß, um nicht unhöflich zu sein. Was hätte sie als Sträfling außerdem anderes zu erwarten gehabt als madigen Reis? Während sie sich an das Kitzeln im Mund gewöhnte, erzählte sie Hanazullumi, wie es ihr seit ihrem letzten Aufeinandertreffen ergangen war.

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Kommentare

Huhu, liebe Lena-Fans! :)

 

Von dieser Folge an ändert sich etwas an Lena, von dem einige vielleicht sagen: "Wen interessiert's?", aber da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, möchte ich es zumindest mal kurz erklärt haben.

 

Ich mag den Klang von "Mzungu" sehr und habe dieser Vorliebe bisher den Realismus untergeordnet. Tatsache ist nämlich, dass die Menschen in Westafrika, wo Lena spielt, die Weißen nicht Mzungus nennen, sondern Toubabs. Da Lokalkolorit für mich beim Schreiben viel von Lenas Reiz ausmacht, habe ich das angeglichen. Ich hoffe, Ihr mögt Lenas Abenteuer trotzdem weiterhin lesen.

 

Grüß euch ganz lieb

Hanna