Marla, Teil 1

 

Scheinbar ziellos, aber mit eiligen, fast gehetzten Schritten streifte Marla durch das hektische Treiben des nächtlichen Raumhafenviertels. Ein dichtes Gewusel, verschiedenste Sprachen und verschiedenste Gerüche umgaben sie. Händler priesen Waren an, deren Herkunft durchaus zweifelhaft sein mochte, Siedeküchen bruzzelten für jede Geschmacksrichtung und ein ständiges Kommen und Gehen beherrschte die engen Gassen. Diese Gassen waren auch einer der wenigen Orte, an dem sich der gute alte Solar als Zahlungsmittel gehalten hatte - bargeldlose Zahlung war hier verpönt - niemand wollte in diesen Ecken seine Geschäfte offen und nachvollziehbar durchführen. Dafür gab es hier kaum etwas, das sich nicht für Geld beschaffen liesse. Der Trubel der Nacht zog sich hier bis zum Morgengrauen hin. Während tagsüber Usotaris Gluthitze in den Fassadenfluchten brütete und kaum ein Lebewesen sich blicken liess, ermöglichten erst die kühleren Nachtstunden Tätigkeiten im Freien. Tagsüber spielte sich das Leben in der Stadt in den gepflegten und modernen, unterirdischen Bereichen ab. Schon seit Jahrzehnten entstanden überirdisch kaum noch neue Gebäude. Und die Vorhandenen standen zum Großteil leer. Nach Fertigstellung und Inbetriebnahme der neuen Terminals zweihundert Kilometer entfernt, versank der alte Raumhafen Xarrions in Bedeutungslosigkeit und wurde schliesslich stillgelegt. Und mit dieser Stillegung wurde ein Großteil der Gebäude im Raumhafenbezirk überflüssig und hatte keine Funktion mehr. Doch die Raumfahrerszene blieb in der alten Raumhafengegend. Diese Melange der Spelunken, der zwielichten Gestalten, der Kreativen, der Lebenskünstler, aber auch der Rauschsuchenden und Berauschten, hatte sich in den tiefen Straßenschluchten, dunklen Gassen und Winkeln gehalten. Und wie mit einer Startpfeife angepfiffen, begann das Treiben bei Sonnenuntergang. Wenn die Nacht zur Hälfte verstrichen war, begann es ruhiger zu werden, und je näher es dem Sonnenaufgang entgegenging, umso zwielichtigere Gestalten traf man an. Doch noch war es in der ersten Hälfte der Nacht und der Trubel in vollem Gange. Nur mit Mühe hatte Marla es in dem Gedränge vermeiden können, ihr doch recht empfindliches Outfit am Stehimbiss nicht zu ruinieren. Sie trug eine locker fallende, sehr weitgeschnittene Kombination, aus fast weissem, raschelnd leichtem Stoff, die in diesem Jahr auf Usotari einfach angesagt war. Sie wog fast nichts und fiel völlig locker über den Körper, was bei den Temperaturen in Xarrion ein echtes Argument war. Der Schnitt war raffiniert und doch einfach: Ein Silikonband bildete den oberen Abschluß über der Brust, ein zweites Silikonband unter der Brust ließ das Oberteil bauschig über die Brust fallen. Von dort fiel es locker über die Hüfte, teilte sich im Schritt in zwei Beine, die in weit ausgestellte Hosenbeinen ausliefen. Die beiden Armlinge wurden über die Arme bis fast unter die Achseln gezogen und endeten offen in drei Schlaufen für Daumen, Mittelfinger und kleinem Finger bei offener Handinnenfläche. Bei gesenkten Armen bildeten die Abschlüsse der Kombination und der Armlinge so eine schöne gerade Einheit. Vervollständigt wurde die Kombi aus einem Stirnband aus demselben Material, das sich aufgewickelt als Stirnband, abgerollt als Kopftuch oder Halstuch tragen ließ oder auch als Schutz vor Nase und Mund bei Sand- oder Staubstürmen nützlich sein konnte. Und der Stoff war so schön pflegeleicht: die gesamte Kombination konnte man zusammenknüllen, bis es gerade mal eine Handvoll Material war. Kurz aufschütteln, reinsteigen und gut. Trotzdem wäre ein Fleck von der süssen Soße, die von den frittierten Sandläufern tropfte, ärgerlich gewesen - ohne Spezialreiniger war an ein Entfernen nicht zu denken. So achtete Marla darauf, daß sie sich eine Ecke am Stehimbiss sicherte, bei der sie keinen direkten Kontakt zum Hauptstrom der Gasse hatte, als sie ihre knusprigen Lieblingsinsekten mit Stumpf und Stiel verspeiste. Früher hatte sie die pikanten und scharfen Gerichte bevorzugt, aber seit sie von V379A zurückgekehrt war, hatte sie einen richtigen Heisshunger auf süsse Gerichte und auch bei den Getränken wählte sie im Gegensatz zu früher nun immer öfter die bittersüsse Richtung.

Überhaupt hatte sich einiges verändert in den wenigen Wochen nach ihrer Rückkehr. Manchmal kam Marla ins Grübeln und fragte sich nach dem Warum. Aber meistens schob sie solche Gedanken immer in kürzester Zeit beiseite, denn hatte sie nicht selbst immer gesagt, daß man nie stehenbleiben darf? Dass Veränderung gut und wichtig ist? Wenn man nicht mehr bereit für neues ist, dann ist man bereit zu sterben, denn dann ist das Leben vorbei. Also hielt sich Marla fast tröstend an ihre alten Parolen, wenn sie sich mal wieder fragte, welches Teufelchen sie wohl geritten haben möge, sich ausgerechnet hier eine Wohnung zuschreiben zu lassen. Sie spürte nur in sich diesen Drang nach Leben, diesen dringenden Wunsch, sich am liebsten in die dicksten Menschenmasse zu begeben und mittreiben zu lassen. Es zog sie immer wieder in die Menge und sie sog gierig die Düfte und Dünste dieses Treibens in sich auf. Die frische Brise der Nacht hatte gegen die Ausdünstungen dieser Masse an Individuen in den engen Gassen kaum eine Chance - nur in ruhigeren, abgelegeneren Bereichen zog der Dunst ab und ließ die Nachtluft nachströmen. Marla hatte sich weitertreiben lassen bis sie etwas abseits vom Strom eine Nische fand, die sie zum verweilen einlud: Auf der anderen Gassenseite schallten aus einem offenen Clubeingang treibende, elektronische Beats, die eine fast hypnotische Wirkung hatten. Flackernde Lichter aus dem Eingang und aus der Umgebung verstärkten die Wirkung fast noch. Und die Mischung aus den Ausdünstungen schwitzender Körper, frischer Nachtbrise, heisser Speisen und süsslicher Räucherwaren ließen Marla die Augen schließen und zeitlos dahingleiten. Wahrscheinlich hätte Marla noch länger mit geschlossenen Augen verbracht, wenn nicht plötzlich jemand unmittelbar neben ihr laut und deutlich die Luft durch die Nase einzog. Marla öffnete die Augen und sah sich mit einem kräftigen, aber wenig gepflegten Gegenüber konfrontiert, der völlig ungeniert an ihr roch.

"Schnecke, du riechst verdammt gut."

Marla blickte dem Fremden lange in die Augen. Dann beugte sie sich zu ihm herüber, bis ganz nah neben sein Ohr. Und sog dann auch laut und vernehmlich die Luft ein.

"Lass gut sein", sagte sie dann. "Du nicht."

Er ließ ein tiefes, kehliges Brummen hören. "Da gäbe es verschiedene Möglichkeiten..." erwiderte er nach kurzer Pause.

"Nein wirklich, das wird nichts mit uns beiden."

"Hmmm... ich würde dich auch gut bezahlen", ließ er nicht locker. Er fasste Marlas Handgelenk und presste ihre Hand in seinen Schritt, um ihr sein gesteigertes Bedürfnis zu verdeutlichen. Marla wich seinem Blick keinen Moment aus, sondern blickte ihn unverwandt in die Augen. Dann presste sie mit einem kurzen Griff sein Genital, daß er sich fast auf die Lippen biss und sagte: "Beim nächsten Mal vielleicht, aber jetzt entschuldige mich bitte", und wand sich zum gehen. Sie hörte ihn noch etwas verdriesslich vor sich hin brummeln, bevor sie wieder im Gewühl eintauchte und ihn hinter sich ließ.

 

***

 

 

Marla stand nackt vor den großen Spiegelwänden, die sie in ihrem Badezimmer hatte anbringen lassen und musterte ihr Spiegelbild mit kritischen Blicken. Dunkle Ringe unter den Augen - daß sie ihre Wachzeiten derzeit in den Nachtrythmus geschoben hatte, schien nicht spurlos an ihr vorüberzugehen - eigentlich war sie immer ein Tagmensch gewesen. Aber sie hatte sich auch nicht weiter für Erotik und Sex interessiert, während sie derzeit eine nicht vergehen wollende, ständige Lust in sich spürte, eine Hitze, die sie bisher nicht gekannt hatte. Es dürften drei volle Jahre ohne Körperkontakt gewesen sein, und es hatte ihr nichts gefehlt. Doch sie ließ sich nicht irritieren. Im Gegenteil, sie begrüsste diese Veränderung - bot sie ihr doch eine Möglichkeit für völlig neue Erfahrungen und ungeahnte Erlebnisse. Es sensibilisierte und inspirierte sie und sie war sicher, daß ihr diese Erfahrungen zu einem späteren Zeitpunkt möglicherweise zu zusätzlichen Einnahmen verhelfen konnten. Sie hatte zwar noch keine Ahnung über das wie, aber ihre Neugier und ihr Forscherdrang hatten ihr schon oft ungeahnte Zusatzeinkünfte verschafft: Wie zuletzt die Entdeckung und Zubereitung der Kakaonüsse von CVOUZ, die mittlerweile Eingang in die High-End Küchen der Planeten gefunden hatte.

Marla strich sich über das lange Haar, ließ die Finger über ihre Augenbrauen gleiten und kam dann zu dem Entschluß, sich zu verändern. Schon länger imponierten ihr die Kupferfarbenen oft auch Kupfergöttinnen genannt, doch bisher hätte sie nicht den Mut zu einer solchen Typveränderung gehabt. Es gehört sehr viel Selbstbewusstsein dazu, sich als Frau von seinen Haaren zu trennen und sich die gesamte Körperoberfläche kupferfarben einfärben zu lassen. Und nicht selten geizten die Kupferfarbenen nicht mit ihren Reizen sondern betonten sie noch mit entsprechender Kleidung. Nachdem sich eine Kupfergöttin aber nach einem sexuellen Übergriffsversuch sehr erfolgreich zur Wehr setzte und den angetrunkenen Angreifer mitsamt seinem Kumpan durch gezielte Tritte handlungsunfähig gemacht hatte, sprach man unter der Hand davon, daß alle Kupferfarbenen zu einem Zirkel gehören würden, der eine spezielle Kampfeskunst beherrsche. Wahrscheinlich kein Wort wahr, aber Gerüchte verbreiten sich schnell in dem Raumfahrerviertel und halten sich hartnäckig.

Marlas Entschluß stand fest. Sie schnallte sich den Hüftgürtel mit ihrer Geldtasche um, warf sich den Tarkun über, zog die Sandalenriemen fest und verließ die Wohnung.

Der Tarkun war ein eher traditionelles Kleidungsstück, ein schwarzer Überwurf, der den gesamten Körper verhüllte. Im Gesichtsbereich war ein transparenter Stoff eingearbeitet, der eine gute Sicht von innen nach aussen ermöglichte, allerdings von aussen völlig undurchsichtig war. Im Schulterbereich gab es Schlitze, durch die man die Arme hinausstecken konnte, wenn es denn erforderlich war.

Marla huschte durch das Treiben in der Nacht und erreichte bald den gesuchten Laden: einen Bodymodshop, vor dessen Schaufenster sie schon des öfteren gestanden hatte, um sich die Auslagen anzuschauen. Hier gab es eigentlich alles für permanenten und semipermanenten Körperschmuck und Körperverzierungen. Marla hielt sich nicht lange vor dem Eingang auf sondern trat durch den klingenden Perlenvorhang in den Laden. Sie stellte sich an den verwaisten Tresen und blickte sich um. An den Wänden hingen zahlreiche Darstellungen von verzierten Körpern oder Körperteilen, teilweise recht skurriler Art. Aus dem Hinterzimmer drangen Geräusche, dann tauchte durch den Vorhang eine kauende, ausgefallen gekleidete, junge Frau in den Laden. "Okri! Kundschaft!" rief sie über die Schulter nach hinten ins Hinterzimmer. Ein Brummeln war die Reaktion. "Tschuldigung, wir haben noch eine Behandlung. Um was geht’s?"

"Kein Problem, ich wollte mich erkundigen, ob Sie hier auch kupfern?"

Die junge Frau hinter dem Tresen setzte ihr breitestes Grinsen auf und entblößte ihre chromglanzlackierten Zähne. "Wir sind die Besten!", strahlte sie.

"Wieviel?"

"Achthundert", antwortete die noch immer grinsende Frau. "Mit Garantie! Färbt nicht ab und muss nur einmal im Jahr aufgefrischt werden!"

"Stolze Summe", stellt Marla knapp fest.

Durch den Vorhang trat nun auch der mit Okri angesprochene Mann, wohl der Betreiber des Ladens: "Ist jeden einzelnen Solar wert.", brummte er.

Marla sah ihn durch ihren Schleier an, konnte aber seine Augen nicht mustern, da er dort, wo normalerweise die Augenbrauen waren, schwarze Kunststofffäden eingenäht hatte, die bis zu den Nasenflügeln reichten und die Augen verbargen. Ähnliche Fadenvorhänge hatte er sich in die Brustmuskulatur eingenäht. Diese fielen über die Brustwarzen, die dazwischen herauslugten.

Ungewöhnlich, fand Marla. Und sah für ihren Geschmack eher bemüht als gelungen aus.

Er kam um den Tresen herum, stützte sich mit einem Ellbogen auf den Tresen und musterte die Konturen des schwarzen Tarkans. Dann beugte er sich ganz nah heran und flüsterte Marla zu: "Ich wüsste schon, wie wir das etwas billiger machen könnten.  Dauert nicht lange und tut auch nicht weh. Jedensfall nicht viel..."

Marla wandte sich wortlos in Richtung Ausgang ab.

"Hey! Warte, das war nicht sooo ernst gemeint! Lass uns nochmal über den Preis verhandeln, okay?"

Marla macht auf dem Absatz kehrt. "Sechshundert. Und keine Abstriche, sondern das volle Programm."

"Abgemacht. Weil ich heute so gutmütig bin." Er streckt die Hand aus und wartete auf Marlas Handschlag, der das Geschäft bestätigte.

"Schnucki, machst du die Wanne fertig?", gab er seine Anweisungen über die Schulter an die Frau.

"Na klar", erwiderte sie noch immer kauend und verschwand.

"Dann kommen Sie mal mit nach hinten, ich werde Ihnen kurz erläutern, wie die Sache funktionert."

Marla folgte ihm ins Hinterzimmer und sie setzten sich.

"Du legst dich eine viertel Stunde in die warme Lösung. Komplett mit Haaren, nur das Gesicht bleibt draussen. Da können wir nur mit feuchten Tüchern arbeiten, das Zeug sollte nicht in Mund und Augen - brennt teuflisch. Nach dieser Viertelstunde hast du kein Haar mehr am Körper und die Poren sind schön offen. Dann spülen wir den Farbstoff rein. Halbe Stunde muss das Einwirken. Auch da geht es im Gesicht nur mit feuchten Tüchern. Deshalb wird es im Gesicht auch nicht so dauerhaft sein, wie überall sonst. Du bekommst von mir daher eine Flasche mit Tönung für ein Jahr, da kannst du das Gesicht auffrischen, wenns zu blass wird. Alles okay? Noch Fragen?"

"Wie ist das mit dem Haarwuchs?"

"Kein Haarwuchs, solange die Kupferfarbe aktiv ist. Etwa ein Jahr lang, dann wird es langsam verblassen und die Haare werden wieder spriessen."

"Alles okay", erwiderte Marla.

"Dann leg mal ab, die Wanne dürfte gleich soweit sein."

Er deutete auf einen Vorhang, hinter dem sich ein Kämmerchen zum Umkleiden befand. Nachdem Marla unter dem Tarkun nur den Gürtel und Sandalen trug, war dies schnell erledigt und sie trat nun unverhüllt durch den Vorhang. Okri pfiff anerkennend durch die Zähne: "Respekt! So langes, tolles Haar - lass es mich abschneiden, bevor du in die Wanne gehst - ich geh auch noch fünfzig im Preis runter!"

Marla nickte. "Kein Problem - ob die Haare jetzt in der Wanne schwimmen oder vorher fallen ist mir einerlei."

 

**

 

Marla war sehr glücklich mit ihrem neuen Aussehen. Anfangs war ihr das Spiegelbild zwar sehr fremd: der kahle, glänzende Schädel ohne Augenbrauen, ohne Wimpern. Aber auch faszinierend und ausdrucksstark. Sie bereute keine Sekunde diesen Schritt und hatte sich auch stilgerecht eingekleidet. Mit schwarzglänzendem Unterbrustkorsett mit eingearbeiteten Kupferfäden, einem dazu passenden Halskorsett, darunter der hauchdünne, transparente, hochgeschlossene schwarze Kapuzencatsuit und schwarzglänzende Hochabsatzschuhe, die ihr etwas Übung abverlangten. Sie genoss die bewundernden Blicke, die sie auf sich zog und glaubte zugleich Ehrfurcht und Vorsicht zu spüren. Sie hatte einige Stunden in einem Club verbracht, der ihre Musikrichtung bediente und sich dort an verschiedenen Getränken, Räucherwerk und anderen dort erhältlichen Substanzen etwas berauscht, jedoch nicht so gehenlassen, daß sie nicht mehr klar denken konnte. Und sie hatte die Aufmerksamkeit eines Norrenten auf sich ziehen können - einer dieser Eigenbrötler, denen man nachsagte, eine höhere Form der Lust zu beherrschen. Und Marla war brennend daran interessiert herauszufinden, wie viel hinter diesem Gerücht stecken möge. Sie hatte sich auf ein Gespräch eingelassen und schon nach kurzer Zeit herrschte unausgesprochene Einigkeit über den weiteren Verlauf des Abends. Sie verliessen zu zweit den Club durch den Tiefausgang zur Röhrenbahn und bestiegen eine Zweierkabine, die sich nach dem Schliessen der Türen in Bewegung setzte. Während der Fahrt setzten sie ihr Gespräch fort und nach kurzem kam der Norrent zum Thema.

"Du weißt, daß ich in Sachen Körperlichkeit nicht zur breiten Masse gehöre?"

"Na das hoffe ich doch", erwiderte Marla.

"Ich erwähne das nur. Die schnelle Nummer wirst du bei mir nicht bekommen."

Marla lehnte sich wohlig an seine Schulter: "Das hört sich doch gut an. In der Ruhe liegt die Kraft, hm?"

"In der Ausdauer und der ungestörten Ruhe. Du wirst sehen, es lohnt sich. Lass dich nicht irritieren, dass ich dich fixieren werde - das ist entscheidend für die Ruhe."

Marla war durch ihren leichten Rausch viel zu angeregt und versessen auf das kommende, als daß sie irgendetwas nun noch hätte abbringen können.

"Zeig mir deine Lust, ich möchte sie erleben!"

 

In seiner Wohnung angekommen führte der Norrent Marla nicht in sein Schlafraum sondern in ein anderes Zimmer, in dem als einziges Möbelstück eine Art Bett stand, an dem zahlreiche Gurte herumlagen. Er legte die verschiedenen Gurte in Position und wandte sich dann der interessiert zuschauenden Marla zu. Er ließ seine Finger über ihre Lippen gleiten, umfasste dann ihren Hals und öffnete das Halskorsett. Lächelnd und mit geschlossenen Augen träumend wartete Marla, bis auch die Haken ihres Korsetts geöffnet waren und das feste Kleidungsstück zu Boden rutschte. Ihr Catsuit ließ sich mit zwei Druckknöpfen hinten am Kragen öffnen, dann streifte sie ihre Schuhe ab und schlüpfte aus dem hauchzarten Stoff. Er führte sie zum Bett und legte sie in Position. Lächelnd schloss er den breiten Bauchgurt, nahm dann ihre Arme hoch und legte sie in Gurte über ihrem Kopf. Einen weiteren Gurt verschloss er oberhalb ihrer Brust, bevor er auch die Gurte an den Fußgelenken und Oberschenkeln anlegte. Marla hatte die Augen geschlossen und er strich ihr liebevoll über den kupferglänzenden Kopf bevor er dann damit begann, die Gurte der Reihe nach vom Bauchgurt beginnend stramm anzuziehen. "Du bist ein wunderschöner Anblick, so wie du jetzt daliegst." Marla ließ einen kurzen Blick über ihren stramm verspannten Körper mit den weit geöffneten Schenkeln gleiten bevor sie den Kopf wieder aufs Kissen fallen ließ. "Ich liebe es, eine schöne Frau wie dich zu kontrollieren."

Sie hörte, daß er auch aus seiner Bekleidung stieg. Als er nackt war, sah sie, wie er aus einem Kästchen einen glänzenden Ring nahm, an dem Bänder herabhingen. Interessiert verfolgte sie, wie er sich den Ring über die Eichel schob und die Folienbänder, auf denen metallische Punkte glänzten, auf den Schaft bis zur Wurzel hin klebte. "Was machst du?", fragte sie.

"Das, meine Liebe, gibt mir die Möglichkeit, unser Spiel bis ins Unendliche auszudehnen. Dieser Ring wird unsere Muskeln anregen. Aber jetzt ist nicht die Zeit für Worte." Sprachs und schob der erstaunen Marla einen Ballknebel in den Mund, den er hinter ihrem Kopf verschloss. Dann stieg er auf das Bett und legte sich auf sie. Marla stöhnte, als seine Eichel ihren Weg fand und sich dann langsam der Schaft in sie schob. Es irritierte sie, als er regungslos auf und in ihr liegenblieb. Minutenlang veränderte er seine Stellung nicht. Die Minuten vergingen und die Hitze in Marla erregte sie weiter, ohne daß sie irgendetwas beeinflussen konnte. Dann spürte sie ein zartes, dann stärker werdendes Prickeln das ihre Scheidenmuskeln anregte, sich veränderte und dann eine Art und Intensität hatte, daß ihre Scheidenmuskeln seinen Schwanz fest umschloss. Sie hörte ihn tiefer einatmen. Er presste seinen Unterleib auf den ihren ohne sich weiter zu bewegen. Er brauchte auch nichts tun, denn die Kontrolle übernahm der Ring mit seinen elektrischen Impulsen. Marla war zum zuschauen verdammt, hatte keine Möglichkeit, sich den Impulsen zu entziehen oder irgendetwas zu beeinflussen. Der Ring spielte mit ihren verschiedenen Muskelgruppen und ließ sie rythmisch vibrieren, dann zupacken, dann wieder zucken oder entspannen. Manchmal in sanften Wellen, dann in fast schmerzhaft beissendem Stakkato. Ihr ferngesteuerter Unterleib nahm keine Rücksicht auf ihre Bedürfnisse sondern schien nur seinen Vorstellungen zu folgen. Sie wurde fast wahnsinnig, als er kurz vor einem Höhepunkt den Rhythmus wechselte und in eine ruhige Pause zurückfiel, später dann, als sie eigentlich völlig erschöpft und schweissnass nach mehreren Höhepunkten eigentlich eine Ruhepause gebraucht hätte, peitschte er mit heftigen Stromschlägen ihre Muskeln in ein Stakkato, das den Norrent zum hecheln brachte und Marla in ihren Knebel wimmern ließ. Und auch er wurde von den Impulsen immer wieder stimuliert und seine Erregung ließ nicht nach. Längst lag sie auf einem durch Schweiss und Körpersäfte durchnässten Laken, ihre Gliedmassen schmerzten und die Muskeln krampften durch die lange, ungewohnte Haltung. Das Gefühl in der Scheide begann langsam taub zu werden sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren, als er nach ewiger Zeit endlich aus ihr herausglitt und sich des Rings entledigte. Er öffnete mit ein paar Handgriffen alle Fesseln und Marla legte dankbar ihre Beine zusammen und die Arme herab, um dann völlig erschöpft inmitten der Gurte auf dem durchnässten Bett einzuschlafen.

 

Marla wachte auf. Sie brauchte ein paar Momente um klar zu werden und sich zu orientieren. Ihr war kalt, sie lag auf der feuchten Unterlage. Der Raum war erfüllt von Dämmerlicht und durch kleine Lichtschlitze fiel auch Tageslicht in das Zimmer. Marlas Gliedmassen schmerzten noch immer. Nachwehen der langen Fixierung in unbequemer Stellung. Sie rutschte vom Bett und stand auf. Auf nackten Füssen verliess sie den Raum. Durch die geöffneten Türen sah sie den schlafenden Norrenten in seinem Bett. Marla rieb sich mit der Hand über das Gesicht und versuchte sich dann kurz zu orientieren. Mit schmerzenden Gliedmassen hob sie ihren Catsuit vom Boden auf und begann hineinzusteigen. Jede Bewegung tat ihr weh. Nachdem sie die Druckknöpfe am Hals geschlossen hatte, verstellte sie mit einer Drehung daran die Transparenz des Stoffes, bis er eine blickdichte, schwarze Oberfläche besaß. Sie legte das Halskorsett in das offene Korsett und rollte dann beides zusammen. Ihre Schuhe nahm sie ebenfalls zur Hand und verliess dann geräuschlos die Wohnung, um die Schuhe erst vor der Tür anzuziehen. Zum Glück hatte das Gebäude einen direkten Tiefdurchgang zu einem Röhrenbahnhalt, so konnte sie den Weg durch die Gluthitze im Freien vermeiden. Automatisch erschien nach wenigen Momenten eine leere Kabine, in die Marla sich erschöpft fallen ließ, um sich von ihr zu ihrer Wohnung bringen zu lassen. Dort angekommen machte sie sich noch nicht einmal die Mühe, aus dem Catsuit zu schlüpfen, sondern ließ sich einfach auf ihr Bett fallen, zog sich die Decke bis unters Kinn und schlief kurz darauf tief ein.

 

**

 

Imposant und gewaltig. Der Sternenkreuzer "Sonnenstrahl" umkreiste Usotari in einem Parkorbit und nahm die letzten Passagiere an Bord, bevor sich die Zubringerfähren wieder von der Sonnenstrahl lösten und auf die Planetenoberfläche zurückkehrten. Per Lautsprecherdurchsage wurde mitgeteilt, daß sich der Abflug noch etwas verzögern würde, da die Zubringer der Luxus- und der Extraklasse verspätet seien, aber auf der Sonnenstrahl war niemand in Eile - es war der Beginn einer mehrwöchigen Raumkreuzfahrt ohne Zeitdruck, dafür mit allem erdenklichen Komfort, nach oben kaum Grenzen, je nach gebuchter Klasse. Zwar versuchte der eine oder andere Passagier einen Blick auf die zuletzt eintreffenden Passagiere der Extraklasse zu werfen, vielleicht wäre ja ein bekanntes Gesicht darunter, doch wie es sich in den letzten Jahren zur Mode entwickelt hat, verschleierten sich die Promis oder wer sich dafür hielt in der Öffentlichkeit. So konnte man nur erkennen, daß für den verschleierten Gast der Extraklasse ein eigenes Fährschiff andockte und der Schiffskapitän höchstselbst die Begrüssung des Gastes an Bord übernahm, bevor er mit seinem vornehm schreitenden Gefolge in den abgeschirmten VIP-Bereich verschwand. Kurz danach löste sich die Sonnenstrahl aus der Umlaufbahn und nahm Fahrt auf.

 

Wie immer hatte Kura Zermalan eine gesamte Zimmerflucht auf der Sonnenstrahl für sich und sein zahlreiches Gefolge reserviert. Er kostete sein Vermögen in vollen Zügen aus, lebte verschwenderisch und rauschhaft. Er warf seinen Schleier auf die erstbeste Sitzgelegenheit und ließ sich auf eine der vielen Liegemöglichkeiten des Prunksaals nieder, der nach den aktuellsten Trends ausgestattet war. Die Wände waren mit Stoffen bespannt, die durch verdeckte Luftdüsen in Bewegung und Wallung versetzt wurden. Die Decke bestand aus fugenloser Goldfolie, die spiegelglatt gespannt war. Der Boden war mit flauschigem Belag versehen und überall luden üppige Polstermöbel und Ruhestätten zum verweilen ein. Frisches Obst stand auf kleinen Beistelltischchen, süsse Leckereien und Räucherwaren luden zum Zugreifen ein.

"Kindchen", säuselte Kura Zermalan, "bereitet mir ein Bad zur Entspannung, diese Anreise war soooo anstrengend. Ihr macht euch bitte auch ein bisschen frisch derweil. Danach gibt’s ein feines Fresschen."

Aus seinem Gefolge, das ausnahmslos aus jungen Männern und Frauen bestand, entfernten sich drei, um im benachbarten, privaten Wellnessbereich die Becken vorzubereiten. Zermalan brachte stets seine eigenen Badezusätze mit. Kugeln, die prickelnde Bläschen erzeugten, die beim Zerplatzen einen violetten Nebel erzeugten, der betörend süß und schwer duftete. Und es war selbstverständlich, daß Zermalan das Becken nicht alleine benutzen wollte. Drei der Jünglinge, die wohl gerade erst ihr Samenabgabe und Sterilisation hinter sich hatten und als frischgebackene Erwachsene nun neugierig auf den Weltraum waren, schlüpften in völlig durchsichtige, aber stramm anliegende Catsuits und machten sich bereit, ihren Gastgeber während des Bades zu unterhalten oder zu waschen.

Kaum hatte sich die illustre Gesellschaft zum gemeinschaftlichen Geplätscher in die violettwabernde Sprudelsuppe niedergelassen, als eilig eine eng geschnürte Gespielin mit einer tragbaren Bildstelle hereintrippelte.

"Kura, ein dringendes Gespräch", flötete sie.

"Kindchen, halts mir hin."

Kura Zermalan wedelte den violetten Dunst etwas zur Seite und blickte auf die Bildstelle.

"Ahhh, Karkkh, du bist es. Was gibt es denn interessantes?"

"Kura, ich glaube ich habe eine geschickte Lösung, die sich bestimmt gut vermarkten lässt. Der C300 Universalbot ist eigentlich in jedem Haushalt mindestens einmal zu finden. Während meiner langen Zeit bei der Cetek konnte ich einiges an Informationen über Aufbau und Details des C300 gewinnen. Am Kern selbst können wir nichts ändern, der ist gut gesichert. Ich bin aber auf eine Möglichkeit gestossen, den Kern zu überlisten: Der C300 ist modular aufgebaut. Durch den Austausch eines simplen Chipmoduls können wir große Teile des alten Kerns lahmlegen und auf unseren Chip übernehmen. Auch die Updatefunktion ist damit in unserem Bereich - die Logik checkt nicht mehr auf den Ceteknetzen nach Updates sondern bekommt nur das, was wir updaten wollen."

"Das ist mir zu technisch. Sag mir, was es bringt", nörgelte Zermalan.

"Du wolltest einen Bot für alle sexuellen Dienste inklusive SM-Praktiken."

"Genau, und alles, was auf dem Markt ist, hat Sperren drin. Kein Bot würde irgendeine Handlung ausführen, die Schmerz verursachen könnte, selbst auf ausdrücklichen Wunsch. "

"Eben, die Grundsätze der Unversehrbarkeit des menschlichen Körpers. Und die können wir austricksen. Mit unserem Überchippen können wir den C300 dazu bringen, daß er auf Wunsch auch Auspeitschungen durchführt oder Körperteile durchbohrt. Also alles, was das Herz deiner Kunden begehren mag."

"Aber er ist soooo häßlich!"

"Dafür billig und somit für viel mehr Kunden interessant, als wenn wir einen kompletten Sexbot verkaufen würden. Und das eine schließt das andere ja nicht aus: wir können jederzeit einen formvollendeten Lover daneben anbieten."

Kura wedelte den violetten Dunst vor seiner Nase wieder etwas zur Seite und brummte unwillig.

"Gibt es denn schon einen Prototyp?"

"Ich hätte drei Chipmodule hier. Die Softwareroutinen sind sicher noch nicht perfekt und ich möchte sie auch noch etwas testen, bevor ich sie direkt auf Menschen loslasse. Aber es gibt noch ungezählte Optionen: Durch die Möglichkeit, jederzeit Updates nachladen zu lassen, könnte ich es vielleicht irgendwann schaffen, die Kontrolle über die eingebaute Kamera des C300 zu bekommen. Wär das nicht eine interessante Sache?"

Plötzlich war Kura Zermalan wie elektrisiert. Er kaute auf seiner Unterlippe und überlegte. "Jaja, das könnte ich teuer verkaufen. Exklusiv sozusagen. Freier Blick in fremde Schlafzimmer. Ein Kunde bezahlt Geld, um mit unserem Chip seinen C300 aufzurüsten und sich von ihm ficken zu lassen. Und ein anderer Kunde bezahlt Geld, um heimlich zuschauen zu dürfen, wie der sich vom C300 ficken lässt. Und wenn du es schaffst, daß wir den C300 dann noch etwas fernsteuern könnten, dann könnte ich noch mehr Geld für den Premiumzugang nehmen: Nicht nur zuschauen, sondern heimlich aus der Ferne den fickenden C300 beeinflussen..."

"Da wäre ich vorsichtig, das könnte Reklamationen bringen. Das gibt nämlich enttäuschte Kunden, wenn ihr C300 sie nicht so befriedigt, wie sie es sich erwarten. Könnte das Geschäftsmodell ruinieren."

"Na gut, aber die Vorstellung ist reizvoll...."

 

 

**

 

Marla saß in eine Decke gehüllt vor dem Lichtausschnitt ihres Wohnraums und ließ die Blicke über das abendliche Stadtbild schweifen. In beiden Händen hielt sie einen warmen Krug des bittersüssen Gebräues, das sie so angenehm von innen wärmte. Ihre Wohnräume waren in einem ehemaligen Gewerbeturm in einem der oberen Stockwerke, der die meisten Gebäude überragte. Ihr Stockwerk war ursprünglich für reine Büronutzung konzipiert gewesen. Später, als die Unternehmen nach Schliessung des Raumhafens verschwanden, hatte sich hier ein Kreativkünstler eingebucht, der einen Großteil der zahlreichen Räume nach seinen Ideen umgestaltet hatte. So war in einem der großen Büroräume eine richtiggehende Wellnessoase und Badelandschaft entstanden, für die ihm Marla höchst dankbar war, hatte sie doch die letzte Stunde dort in prickelnden Whirlpools mit belebenden Zusätzen verbracht. Diese Wohnung empfand sie als echten Glücksgriff. Sie hatte sich nach ihrer Rückkehr von V379A an eine Unterkunftssucherin gewandt, die für ihre Bemühungen, eine Bleibe nach Marlas Vorstellung zu finden, eine recht hohe Summe berechnete, doch für diese Wohnung fiel Marla die Ausgabe leicht. Sie wollte weg aus den modernen und makellosen, unterirdischen Bereichen. Dort fehlte ihr nun das gewisse Etwas. Keine Frage: es ließ sich wunderschön wohnen in den subplanetaren Oasen. Man hatte kilometergroße, subplanetare Blasen geschaffen, deren Spitze die Oberfläche durchdrangen und von veränderbar transparenten Kuppeln überwölbt war, durch die echtes Tageslicht eindrang. Die Kuppeln waren als Erholungsparks gestaltet, mit Freibädern und allem, was ein Mensch zum Wohlfühlen bevorzugte. Am Rand der Parks reihte sich Gastronomie und Verkauf, in den Geschossen darüber befanden sich die privaten Wohneinheiten, alle mit Blick in den Park. Von diesen Oasen gab es mittlerweile über vierzig Stück in unterschiedlicher Größe und Ausgestaltung. Und hier spielte sich nun für den Großteil der Bewohner der Lebensmittelpunkt ab. Nicht auf der unwirtlichen Oberfläche unter den Extrembedingungen, die den ersten Siedlern vor fünfhundert Jahren das Leben so schwer gemacht hatten. Marla blickte über die teils recht skurrile Skyline der Stadt. Die weissen Gebäude strahlten in der roten Abendsonne fast idyllisch. Nur in den Straßenschluchten wiesen die Gebäude noch ihr usprüngliches Anthrazitgrau auf - überall dort, wo das zerstörerische UV-Licht der Sonnenstrahlen hinreichen konnte, zersetzten es die obersten Millimeter des Kunststoffs. Zurück blieb ein weissmehliges Puder, das als Schutzschicht die Strahlung reflektierte. Solange,bis es von den Sandpartikeln in den Windböen abgestrahlt wurde und das UV-Licht wieder seine zerstörerische Kraft einsetzen konnte. Nachdem die Hauptwindrichtung westlich war, waren es überwiegend die Ostseiten der Gebäude, die vom ständigen Zahn der Zeit betroffen waren. Und bei den ersten Gebäuden hatten es Sonne, Sand und Wind auch schon geschafft, nicht mehr genutzte und gewartete Gebäude durchzufressen und Sand in das Innere geblasen.

Marla nahm den letzten Schluck ihres Gebräues und wandte ihren Blick seufzend von der Abendszene ab um aufzustehen. Sie suchte erneut ihre Wellnessoase auf, um sich von der Anaconda massieren zu lassen. Marla fand, daß dem Erfinder dieses genialen Gerätes eine besondere Belohnung zustand - sie nutzte die Anaconda regelmäßig. Eigentlich sah sie aus wie eine Rolle Klebeband. Marla begann das Band über Arme und Beine abzuwickeln, auch über Körper und Hals, bis die gesamte Rolle verbraucht war. Dann legte sie sich auf eine weiche, bequeme Liege und wartete. Das Band reagierte auf den Körperkontakt und blähte sich langsam auf, bis Marla sich wie im Würgegriffe einer Schlange vorkam. Sofort begann die Massagewirkung einzusetzen. Wie knetende, massierende Wellen wurde ihr Körper bearbeitet. Es war erstaunlich, wie gezielt dies geschah: Die Nackenmuskulatur wurde kräftig geknetet, während der Hals vorne völlig unberührt blieb und keinerlei Einschränkungen beim Atmen eintraten. Nach zwanzig Minuten fiel die Anaconda in sich zusammen wie ein Luftballon, aus dem man die Luft gelassen hatte. Wohlig räkelte sich Marla, raffte sich dann auf und rollte das Band wieder auf den Walzenkern. Sie sah aus den Augenwinkeln, daß ihr Controller mit einem Blinksignal den Eingang einer Nachricht signalisierte. Marla nahm den Controller und drückte die Metallspange über ihr rechtes Handgelenk. Sie drückte kurz den roten Stein auf der Oberseite, worauf auf der nächsten Bildstelle, die sich neben der Badtür befand, die Nachricht aufblendete. Marla überflog die kurze Textnachricht. Sie stammte von ihrer Freundin Dorjana: "Schön, daß du wieder da bist. Meld dich doch mal und sag mir, wo du jetzt wohnst!"

Marla drückte die Nachricht weg und ging ins Wohnzimmer. Sie schlüpfte in einen weichen, cremeweissen Wellnessmantel, ließ sich vor der großen Bildstelle nieder und zog das Eingabetablett zu ihrer Liege hin, um sich die Tageskarten von ein paar gastronomischen Einrichtungen durchzuschauen. Beim dritten Angebot wurde sie fündig und orderte per Tabletteingabe ihr Menü, das etwa zwanzig Minuten später in dem kleinen Kleinteile- und Speisenaufzug in ihrem Eingangsbereich eintraf. Marla gab ihrem Haushaltsbot, den sie "dienstbare Blechbüchse" nannte, einen Wink, woraufhin sie das Menü direkt auf die Liege vor der Bildstelle serviert bekam. Beim Essen überflog sie das Infoangebot der Nachrichtensender, blieb dann aber bei einer Übertragung hängen, die sich mit Landschaft und Pflanzenwelt eines ihr unbekannten Aussenplaneten befasste. Eine Urwelt mit giftblubbernden, heißen Sümpfen, in denen es von Mikroorganismen und niederen Lebensformen wimmelte, denen man besser fern bleiben sollte. Da war Marla V379A mit seinem gemäßigten Klima schon wesentlich lieber. Atembare Atmosphäre, wenn auch recht dünn mit niedrigem Sauerstoffanteil und einem unangenehmen Geruch. Beides in Kombination war wohl die Ursache, daß der ansonsten sehr angenehme Planet nie großflächig besiedelt wurde. Das hatte ihn für Marla so interessant gemacht: Auf zahlreichen Reisen war sie durch die Wildnis gestreift, immer auf der Suche nach neuen Früchten oder Pflanzen, die mit neuen Düften, Aromen oder Geschmacksrichtungen die vorhandene Palette bereichern konnten. Sie hatte mittlerweile einen untrüglichen Riecher, wo es sich lohnte, Ausschau zu halten und konnte so schon einige neue Entdeckungen gewinnbringend verkaufen. Ihre letzte Reise war leider nicht von einer neuen, einträglichen Entdeckung gekrönt. Neben unzähligen Insektenstichen hatte sie sich eine am Ende fingernagelgroße Zecke in den Feuchtwiesen eingefangen, die sie sich von einem Mediziner vom Oberschenkel entfernen lassen musste und die ihr dann noch eine einwöchige Infektion mit Fieberschüben eingebracht hatte. Aber es war ja auch nicht so, daß Marla auf ein zusätzliches Einkommen angewiesen wäre. Wie überhaupt niemand auf den Planeten ein zusätzliches Einkommen brauchte: Jeder registrierte Bewohner erhielt wöchentlich eine Summe auf sein Privatvermögen verbucht, ohne dafür irgendeine Gegenleistung erbringen zu müssen. Wozu auch: alle Dinge des persönlichen Bedarfs und des täglichen Lebens wurden in den Robotfabriken produziert oder verarbeitet und standen fast kostenfrei und in beliebiger Menge zur Verfügung. Energie stand in beliebiger Menge zur Verfügung. Selbstproduzierende Technik ebenfalls. Auf mondenumspannenden Produktionsstätten, die dem Plan eines geistig verwirrten Gehirns entsprungen zu sein schienen erstreckten sich scheinbar chaotisch zusammengewürfelten Industriebauten und bedeckten jedes freie Plätzchen unfruchtbaren Gesteins. Alles schien mit allem zusammenzugehören und zusammenzuarbeiten und dies auf Hochtouren. Es bedurfte keiner menschlichen Seele auf diesen unwirtlichen Himmelskörpern - alles lief rein maschinell: Die Strahlbahnen der Sonnenzapfer speisten diesen Produktionskomplex mit gewaltigen Energiemengen. In regelmässigen Abständen tauchten unförmige Rohstofftransporter aus dem All auf und lieferten ihre Fracht ab. Weitere Rohstoffe trafen entstofflicht über das Richtstrahlsystem ein und auf dem gleichen Weg wurden die Fertigprodukte abtransportiert. Alles lief vollautomatisch, ohne direktes Eingreifen eines Menschen. Es gab auch keine Möglichkeit, hier irgendwie steuernd einzugreifen. Weder war eine Steuerungszentrale zu erkennen, noch gab es klimatisierte oder auch nur beleuchtete Bereiche, die für Menschen ausgebaut waren. Es war schlicht nicht erforderlich und daher auch nicht vorgesehen. Wozu sollte sich auch ein Mensch mit derart niederen Tätigkeiten wie der Überwachung der Produktion abgeben? Es gab ausreichend intelligente Technik, die selbständig alle erfüllbaren Wünsche und Bedürfnisse befriedigte. Es gab im All ausreichend Energie und Rohstoffe. Die Rechner planten, überwachten und produzierten fast alles, ohne daß ein Mensch eingreifen musste. Die Menschen konnten sich ihre Zeit frei gestalten. Ob künstlerisch oder wissenschaftlich, niemand war gezwungen, eine bestimmte Tätigkeit auszuüben, denn die Technik konnte fast alle Wünsche erfüllen. Mehr als einmal hatte Marla Dokumentationen über diese vollautomatischen Anlagen beim Wechseln der Kanäle gesehen. Und solange sie ein so angenehmes Leben hatte, interessierte sie sich auch überhaupt nicht dafür, was dafür erforderlich war. Geld bezahlen musste man nur, sobald man menschliche Dienste in Anspruch nahm. Und die meisten Menschen fanden ihre Erfüllung indem sie eine Leidenschaft oder Vorliebe wirtschaftlich umsetzen und ihre Dienste oder Produkte gegen Geld anboten. Manchen war der Ruhm und Bekanntheit genug, doch das war eher im künstlerischen Bereich so. Wer seine Berufung eher bei den Dienstleistungen fand, ließ sich auch ordentlich entlohnen.

Marla warf einen Blick zum Sichtausschnitt der Aussenwand und sah, daß die rote Sonne mittlerweile gänzlich verschwunden war und die glitzernden Sterne das Panorama hinter den nun schwarzen Gebäudeumrissen bildete. In der Richtung, in der die neuen Terminals lagen, sah sie den Schein von startenden und landenden Zubringerschiffen. Und noch weiter am Horizont war der gleissende Übertragungsstrahl eines aktiven Sonnenzapfers zu erkennen, der unbegrenzt Energie ins Netz einspeiste, ohne daß dafür ein Kraftwerk mit seinen Emissionen die Umwelt belastete.

Marla ließ ihre Blechbüchse die Reste ihres Menüs beseitigen und stand auf um sich ihr einen heissen Rauschsud zuzubereiten. In siedendes Wasser legte sie drei getrocknete Plattfrösche und kochte sie zehn Minuten lang aus. Das Wasser goss sie dann in ihren Inhalator, gab ein paar Tropfen ätherische Öle und etwas Zucker hinzu und setzte sich dann damit an ihren Tisch. Tief sog sie die Dämpfe in ihre Lunge und wartete lange, bis sie wieder ausatmete. Sie hatte das Gefühl, daß sich ihre Atemwege weiteten und befreiten. Zugleich veränderte sich ihre Wahrnehmung, legte sich ein Nebel über ihre Sinne während sie glaubte, Töne als Farben zu sehen und Gerüche zu hören. Mehrmals inhalierte sie tief, bis der Sud soweit erkaltet war, daß kein nennenswerter Dampf mehr aufstieg. Marla lehnte sich zurück und genoss mit geschlossenen Augen dieses Rauschgefühl, bis sich nach einer halben oder dreiviertelstunde die Wahrnehmung wieder soweit normalisiert hatte, daß sie wieder normal gehen konnte. Kurz drückte sie auf ihren Controller am Armgelenk und ließ sich dann vor dem Eingabetablett der Bildstelle nieder, um eine kurze Textmitteilung einzugeben. Sie hatte sich die Wohnungsnummer des Norrenten eingeprägt, so konnte sie ihm auch eine Mitteilung auf seine Bildstelle schicken. Es war wirklich keine lange Mitteilung, sie bestand nur aus drei Worten: "Hast du Lust?".

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: "Heute nicht. Morgen?"

Etwas enttäuscht tippte Marla eine Bestätigung mit der Uhrzeit und ihrer Adresse durch, dann beendete sie den Mitteilungsmodus. Mit ein paar Tastendrücken liess sie sich vom System ein Alternativangebot für die Abendgestaltung machen. Sie hatte ihre Vorlieben abgespeichert und liess eine Umgebungssuche der Veranstaltungen laufen. Nach kurzem Durchblättern entschied sie sich für eine schon laufende Musikveranstaltung in einer stillgelegten Montagehalle beim alten Raumhafen. Nach kurzer Überlegung in Sachen Outfit entschied sie sich für Netzstrümpfe, Stiefel, den Kunststoffriemenbody und den kleinen Rucksack. Und sie entschloss sich, die komplette Strecke mit der Röhrenbahn zurückzulegen und nicht in ihrem ausgesprochen freizügigen Outfit den Weg durch die Gassen zu nehmen.

Wummernde Bässe und grell zirpende Rhythmen empfingen Marla an der Eingangskontrolle. Sie versuchte sich etwas zu orientieren, doch das Blitzlichtstakkato und die Laserblitze trugen nicht sonderlich zur Erhellung der riesigen Halle bei, in der eine recht stattliche Menge wogte. Marla genoss noch das berauschte und schwebende Nachgefühl ihres Rauschsuds und wurde schnell von den Rhythmen eingenommen und synchronisierte sich mit ihren pulsierenden Beats. Sie erblickte am Rand der Halle ein paar Stände, an denen Händler nicht nur Getränke verkauften. Marla lächelte. Sie war sicher, daß sie hier diverse Stimulantien und Glücksbringer erwerben konnte und sie ihren Rauschzustand aufrechterhalten konnte,solange sie wollte. Mit einer Mischung Stimmungsaufhellern, Aufputschmitteln und musikintensivierenden Tabletten, die auch den Bewegungsdrang deutlich verstärkten, war Marla bestens gewappnet für die Nacht und ließ sich von der wogenden Menge ins Laserblitzgewitter treiben, um dort dem Tanz der Leiber zu folgen. Es gab hier keine Verständigung, nur Lautstärke, Bewegung, Schweiss und Blitze.

Nach über zwei Stunden, in denen die Musik ohne Unterbrechung ihrem Beat folgte und nichts den endlosen Tanz störte, war Marla so ausgetrocknet, daß sie sich an den Rand treiben ließ und dort an einem Stand ein Getränk orderte. Ihr fiel ein am Rand tanzender, kahlköpfiger Mann auf, der ihr den Rücken zuwandte und der Musik folgte. Marla trat von hinten an ihn heran, sog tief den Geruch seines schweissglänzenden Körpers auf und begann dann, sich zur Musik und seinen Bewegungen zu synchronisieren. Sie schob die Arme von hinten um seinen Körper und fasste fest seine Brustwarzen zwischen Daumen und Zeigefinger. Er hielt für einen Moment inne, bewegte sich dann weiter zur Musik und griff ihre rechte Hand, die er dann in seinen Schritt hinabführte. Marla spürte die Zeichen sehr deutlich, glitt in einer schnellen Bewegung vor den Tänzer und kniete vor ihm nieder. Ohne zu zögern schob sie ihre Lippen über seine Eichel während ihre Finger seinen Schaft massierten. Seine Hände packten ihren kahlen Schädel und hielten ihn wie ein Schraubstock fest an Ort und Stelle, bis zum bitteren und feuchten Ende, das er mit geschlossenen Augen genoss. Als er die Augen öffnete, war Marla schon wieder in der Menge verschwunden, auf dem Weg zum nächsten Kick. Sie konnte sich hinterher nicht mehr genau erinnern, was alles passiert ist, dafür hatte sie zu viele verschiedene berauschende Substanzen durcheinander konsumiert. Sie wusste, daß sie noch mindestens 3 weitere Männer oral zum Höhepunkt getrieben hatte, glaubte sich aber auch daran zu erinnern, daß sie sich mitten in der Menge von mehreren Männern nacheinander ficken liess. Und sie erinnerte sich, breitbeinig auf dem Waschtisch der Damentoilette gesessen zu haben und von einer jungen Frau mit grünen kurzen Haaren ausgiebig geleckt worden zu sein. An mehr konnte sie sich nicht erinnern, aber das war ja auch schon mehr als genug, in Anbetracht der Tatsache, daß sie vor wenigen Wochen noch völlig enthaltsam gelebt und keinen Gedanken an den Austausch von Körperflüssigkeiten verschwendet hatte.

 

**

Ende Teil 1

Bewertung

Votes with an average with

Kommentare

Ich habe mich gerade gefragt, warum ich diese Geschichte so komplett übersah. Und ich glaube, es ist die Überfrachtung mit tags. Da bin ich, zugegeben zu faul, um mir mein Körnchen selbst raus zu picken.

Hinzu kommt die schwere Lesbarkeit, wenn du das Leben als solches schilderst.
Mehr Absätze wären hilfreich, Beispiel:
Beschreibung der Stadt, Absatz; warum Bargeld, Absatz; Beschreibung des Tages, Absatz; Beschreibung der Nacht, Absatz; Vorstellung Marlas... usw. Sobald Handlung und wörtliche Rede drin sind funktioniert das doch gut.

Jetzt aber zum für mich grundsätzlichen Problem, wo willst du mit deiner Geschichte hin? Warum sollen wir uns mit Marla beschäftigen? Das ist mir noch nicht so ganz klar. Die Sexszenen können es, zumindest jetzt, nicht sein. Dafür sind sie nicht ausführlich genug. Es fehlt was. Dafür ist die Schilderung der Lebensumstände, der zukünftigen Entwicklungen so nachvollziehbar und spannend gelungen. Schade um den schönen Ansatz.

Ich wünsche mir auf jeden Fall mehr aus dieser merkwürdigen Welt.