Sand – Teil 2

 

Die Bewegungen, die er regelmäßig vollzog, wenn er schreibend am Tisch saß, waren die eines Menschen, der sich in seinem Körper zutiefst unwohl fühlte. So deutete eine häufig zu beobachtende Kopfdrehung daraufhin, dass er sich gegen die eng geschnürte Krawatte zur Wehr setzen musste, damit sie ihm nicht den Atem nahm. Gleichzeitig schien er ihrer Restriktion zu bedürfen, um nicht in sich zusammenzufallen. Diese Ambivalenz spiegelte sich auch in seinem Umfeld. So zeichnete sich das gläserne Haus, das er bewohnte, durch eine große Offenheit aus, während es allein eine leblose Steinwüste war, die dadurch ins Rauminnere gelangte. Diese Doppeldeutigkeit verwies auf sein tiefes Verlangen, sich auf die Welt einzulassen, vor der er sich gleichzeitig verschloss. So glich das Haus, dessen Fassaden, so oft es die Wetterbedingungen zuließen, im Boden versenkt waren, einem aussichtslosen Warten auf etwas, das es selbst immer schon abgetötet hatte.

Entsprechend ging auch von dem reduzierten Interieur, trotz der Leichtigkeit der einzelnen Stücke, eine kühle Starre aus. Es war so, als hätte jeder Stuhl, jeder Tisch und die Bücher in den Regalen an dem ihnen zugewiesenen Ort den Tod gefunden. Dasselbe galt für die junge Frau, der ebenfalls eine Position in diesem Arrangement zuzukommen schien. Obgleich nicht eigentlich gefesselt, war es wohl den stählernen Manschetten und dem engen Halsband zuzuschreiben, dass ihr nackter Körper fest in den Raum eingebunden war. Und doch unterschied sie sich von allen übrigen Gegenständen. Denn da sie innerlich glühte, musste sie ihre ganze Konzentration aufbringen, um die Spannung, die den Raum hielt, nicht aus dem Kontinuum geraten zu lassen. Ohne es wirklich zu erahnen, kam ihr dadurch eine ungleich bedeutende Funktion in diesem Ensemble zu. Wäre sie nicht da, würde alles hier verkümmern; wäre sie aber zu sehr da, sprengte es den Raum auseinander.

Er hatte bereits einige Sklavinnen besessen, da ihm allein ein besitzendes Verhältnis zu einem Menschen stark genug schien, um der entgrenzenden Tendenz Einhalt zu gebieten, die jeder zwischenmenschlichen Beziehung immanent ist. Allein als Besitzender konnte er die Nähe einer Frau erfahren, ohne ihr selbst ausgesetzt zu sein. Nach einer solchen Bindung verzehrte er sich beinahe krankhaft. So verlangte es ihn, an allen Gefühlen und Empfindungen eines anderen Menschen teilzuhaben und doch wollte er von diesen nur unter seinen Bedingungen etwas wissen. Deshalb musste seine Sklavin auf ähnliche Weise, wie sie unter seinem Desinteresse zu verschwinden hatte, im Moment, in dem er sich erhob, an sie herantrat, sie am Hals ergriff und ihr mit seiner Hand durch die Spalte fuhr, bereit sein, ihm ihren schönsten Orgasmus zu schenken.

Auch wenn er sich dabei bemühte, ihren Bedürfnissen entgegenzukommen, war es ihr besonders anfangs schwer gefallen, sich ganz im Moment zu versenken. Meist brachte er lange mit der Liebkosung ihrer Schamlippen zu, bevor er, sich zwischen sie schiebend, einige Male über ihre Öffnung streichelte und sich, erst wenn die junge Frau bereits Mühe hatte, ihre Augen offen zu halten, ihrer Klitoris widmete, wobei sie unter zartem Keuchen nicht anders konnte, als ihre Augen wieder aufzureißen. Mit der Zeit hatte sie es zunehmen geschafft, ihren Körper mit seinem Begehren zu synchronisieren. So hing sie, spätestens als er mit zwei Fingern in sie eindrang, während sein Daumen an ihrer Klitoris verweilte, nur noch an seiner Hand, die nach wie vor ihren Hals hielt und klammerte sich mit ihren Augen an seinen Blick. Und unter Japsen und einer schockhaften Kontraktion ihres gesamten Gewebes ließ sie sich von seiner Hand zum Höhepunkt bringen. Auch nachdem sie gekommen war, gab er ihr meist etwas Zeit, um sich zu sammeln, ihre Atmung zu stabilisieren und ihre Ausgangsstellung einzunehmen. Doch wenn er von ihr abließ, hatte sie sich so zu geben, als sei nichts geschehen, als sei sie wieder verschwunden.

Dieser unvermittelte Wechsel zwischen Vernachlässigung und totaler Zuwendung erforderte, dass sie mit ihrem ganzen Sein ununterbrochen für ihn offen stand. Ignoriert zu werden, verschaffte ihr keine Freiheit, sondern zwang sie, jeden seiner Schritte zu antizipieren und ihr gesamtes Bewusstsein auf ihn auszurichten. Nur so konnte sie garantieren, dass sie bereit war, sich gänzlich in einem Moment seiner Wahl zu erschöpfen. Dadurch griff er viel stärker in seine Sklavin ein, als ihre Erzieher dies vorgesehen hatten. Denn anstatt sich ihres Lust- und Schmerzempfinden allein zu bedienen, um sie zu kontrollieren, verlange er es ihr, um seiner selbst willen ab. Damit sie sich ihm in jedem Stöhnen, Wimmern und Schreien gänzlich hingab, hielt er es für notwendig, ihre Gefühle und Empfindungen ständig zu steigern.

Die Kehrseite dieser Freilegung ihres Innenlebens zeigte sich daran, dass seine Sklavin nach einem anfänglichen Aufblühen, währenddessen sie ihm viel Freude bereitete, zunehmend an Kontrolle über sich verlor. Hatte sie es erst einmal erlernt, sich in die Stille seines Hauses einzuordnen, so erfasste sie bald eine neue Unruhe, die er als störend empfand und in seiner Gegenwart nicht dulden konnte. Nahm sie Überhand, blieb ihm nichts anderes übrig, als die Sklavin abzustoßen. Für diese war ihr Schicksal umso kläglicher, da ihr die Hintergründe ihres Verweises verschlossen blieben. Unfähig ihr seine Gefühle zu eröffnen, war die Sklavin dazu verdammt, an ihrem Scheitern zu zerbrechen. Einem solchen Unmut näherte er sich auch jetzt an, da das Mädchen, das er ‘Sarah’ genannt hatte, nach zweieinhalb beinahe idealen Jahren nachlässig zu werden begann. Häufig dachte er darüber nach, es aufzugeben und eine neue Sklavin auszuprobieren. Sicher würde er es genießen zu sehen, wie sie sich in ihren Namen hineinlebte. Gleichzeitig hielt Sarah wohlwissend, dass etwas nicht stimmte, sich in Ermangelung eines anderen Haltes krampfhaft an ihrem Namen fest.

Denn sie bezweifelte, dass sie nach ihrem Verkauf ihren Namen behalten durfte. Ab dem Tag, als ihr Herr ihr ihren Namen gegeben hatte, war sie davon ausgegangen, dass er ihr gehörte. Nun begann sie ihn als Leihgabe zu begreifen, die nie gänzlich mit ihrem Körper verwachsen war. Trotz dieser Einsicht gelang es ihr nicht recht, sich an jenen Zeitpunkt zurückzudenken, als ihre Existenz noch eine unbenannte war, auch wenn dieser Zustand nicht einmal drei Jahre zurücklag. Wollte man sie damals ermahnen oder ihr Verhalten korrigieren, trat man nah an sie heran und griff ihr ins Haar oder packte sie am Kinn. Während dieser Jahre, so erschien es ihr nun, war ihre Existenzweise eine rein physische gewesen.

Erst in der Obhut ihres Besitzers erfuhr sie, was es bedeutete, rufbar zu sein. So hatte sie eine andere, eine verbale Nähe kennengelernt, die auch aus großer Distanz auf sie einwirken konnte. Trotzdem deutete ihr Nervensystem einen Befehl aufgrund ihrer Prägung stets physisch. Selbst wenn die Stimme ihres Besitzers sie aus großer Entfernung traf, ging von ihr, insbesondere wenn sie ihren Namen transportierte, ein Sog aus, der vor allem ihren Körper ansprach. “Sarah” Jedes Mal, wenn sie sich vernahm, brach eine physische Gewalt in sie ein, die sich zwischen zwei Gedanken schob und einen Augenblick im Fluss der Zeit markierte. Selbst in den dunkelsten Momenten konnte das Erklingen ihres Namens sie ihres Platzes versichern. Nicht als Körper, der benutzt wurde, sondern als Name, der eine Funktion in einem Satz erfüllte, empfand sie ihre Existenz als gesichert. Mit dem Verlust ihres Namens, so war sie überzeugt, würde sie wieder zu dem identitätslosen Wesen werden, das sie früher war.

Ihr Name galt ihr vor allem dann als letzter Rückhalt, wenn ihr jegliche Zuneigung seitens ihres Herrn fraglich geworden war. Musste sie etwa den Sand, der über den Tag hinweg ins Haus geweht worden war und sich auf dem Travertinboden abgesetzt hatte, nicht wie üblich mit einem Lappen beseitigen, sondern mit ihrer Zunge auflecken, so dürstete es sie mehr nach dem Klang ihres Namens als nach Wasser. Diese Strafe war ein Seltenheit. Ihr Besitzer bediente sich ihr allein, um Vergehen zu ahnden, die er als besonders schwere Enttäuschung empfand. Mit auf dem Rücken fixierten Händen hatte sie sich dann dicht über den Boden zu bewegen, wobei sie sich bemühte, mit ihrer Zunge selbst in die Vertiefungen der groben Steinplatten vorzudringen. Wenn ihr noch genug Speichel blieb, um den Sand aufzunehmen, war die Arbeit nur erniedrigend. Hatte sich der feine Staub aber in ihrer Mundhöhle abgelegt, stellt sich schnell ein ernsthaftes Unbehagen ein. Bis tief in ihren Rachen zog sich diese Staubschicht dann, sodass der Versuch zu schlucken unabwendbar in einen Hustenanfall müdete. Auch ihre Zunge begann zunehmend zu schmerzen. Denn ohne die Feuchtigkeit, die ihr das Eindringen in die zerkrustete Oberfläche erleichterte, scheuerte sie sich an den scharfen Kanten schnell wund. Damit stand ihre Qual jedoch erst am Anfang. Denn sobald ihr Herr ihren Husten vernahm, trat er mit einem Rohrstock an ihre Seite und begann ihren weit herausgestreckten Po zu bearbeiten. Schnell brachten sie die feinen Schlänge, die sie in kurzen Intervallen trafen, zum Weinen. Fast mit jedem Schlag lösten sich dann Tränen von ihrer Nasenspitze, die den Sand am Boden anfeuchteten. Bald darauf begann unter dem Schluchzen auch ihre Nase zu laufen, sodass sich am Boden ein schleimiger Matsch bildete, den zu schlucken sie sich bemühen konnte. Auch das Röcheln, das ihr der Rohrstock aus dem Rachen zwang, brachte einen Hauch kondensierten Speichels mit sich, der ihre Mundhöhle befeuchtete. Und doch war diese Erleichterung nur von kurzer Dauer. Bald hatten sich auch diese Flüssigkeitsreserven erschöpft und die Schläge, die sie ohne Unterlass trafen, zwangen sie von mal zu mal tiefer zu Boden. Ihr Gesicht langsam über den Stein schiebend, verkrustete der Sand sie nun auch äußerlich und drang in ihre Augen ein, die sie daraufhin zukneifen musste. Vollends erschöpft und gänzlich ausgetrocknet, sank sie so in sich zusammen. Zu Tausenden von Sandkörnern zerstäubt, setzte auch sie sich mit ihrer feinen Gestalt am Boden ab und verlor jeglichen Begriff von sich selbst.

Ein solcher Moment war es gewesen, durch den sie ihren Namen als Essenz ihrer selbst zu denken gelernt hat. Denn als die Schläge verklangen, was sie wie aus großer Distanz wahrnahm, holte das Erklingen ihres Namens sie aus der Tiefe ihrer Vergessenheit zu sich zurück. “Sarah” Mit jedem Mal, dass ihr Name in ihr anklang, vernahm sie ihn deutlicher. Zu Bewusstsein gerufen, setzte sich ihr Körper aus dem Sand, zu dem sie zerfallen war, neu zusammen. Und die Bewegung ihres Mundes, zu der sie sich zwang, um ihrem Herrn zu antworten, löste die Verkrustungen, sodass sie sich ihm mit einem zarten Flüstern bestätigen konnte.

In der Rückschau sprach sie es der anfänglichen Fragilität ihres neugewonnen Körpers zu, dass ihr Herr sie nach einer derartigen Strafe mit größter Vorsicht behandelte. Half er ihr etwa dabei, ihren Oberkörper aufzurichten, um ihr mit einem feuchten Waschlappen das Gesicht reinigen zu können, so waren es stets kaum wahrzunehmende Berührungen, die sich ganz auf sie einließen. In solchen Momenten offenbarte sich ihr, dass er sich sehr wohl ihrem Bedürfnis unterordnen konnte, doch schien ihm dies eben nur dann möglich, wenn sie fast nicht mehr vorhanden war. Aufgrund der Seltenheit eines solchen Kontaktes versuchte sie sich gänzlich, an jenen Punkten ihres Körpers zusammenzufassen, die von seinen Fingerspitzen angeregt wurden. Und mit einer unendlichen Wehmut darüber, dass sie diese Nähe wie durch einen Schleier vernehmen musste, versuchte sie seine ganze Wärme zu absorbieren. Ähnlich zart verhielt er sich ihr gegenüber, wenn er sie, zur Genüge gereinigt, aufhob und zur Couch trug, wo sie mit ihrem Kopf in seinem Schoss zur Ruhe kommen durfte. In diesem Moment war sie ihm, so furchtbar die Strafe auch gewesen war, dankbar, dass er sie zerbrechen ließ, damit sie sich neu begreifen konnte.

 

© 2014 by AngelusNovus unter der Creative Commons License 4.0 CC BY-NC-ND

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Kommentare

... habe ich selten thermoplastische Elastomere in literarische Form gegossen gesehen. Toll, was es in Taiwan alles gibt ... oder habe ich da etwas missverstanden? Ernsthaft: Das ist wirklich eine großartige Lektüre - sprachlich noch gelungener als Teil 1. Einziges Manko: Der Text ist viel zu dicht für eine Mittagspause oder eine Ablenkung beim Selberschreiben. Ein Protagonist, der unter der Enge seiner eigenen Krawatte zu leiden scheint, aber seine Sklavin mit Selbstverständlichkeit in die "gesicherte Existenz" eines Staubsaugers überführt - das ist schon starker, nicht leicht verdaulicher Tobak. Manchmal ... nein, sehr, sehr selten wünsche ich mir ein großes Extra-Sternchen für die raren Momente wirklich außergewöhnlichen Lesegenusses. Hier wäre es angebracht, denn Form und Inhalt bilden ein gelungenes Ganzes. Schade, es gibt nur 6.

In reply to by Chris Dell

Interessantes Manko: Da ich meinen Alltag (noch) nicht um eine Mittagspause herum organisieren muss, hatte ich dieses Problem nicht auf dem Schirm. Danke für diese Horizonterweiterung. Eventuell ändert sich ja mein Schreibstil mit dem Eintritt ins Berufsleben, (wobei mir die Vorstellung im Großraumbüro auf dieser Seite rumzuhängen (noch?) skurril bis irritierend erscheint.) Mein Lexikon habe ich erweitert; allerdings wirkt die Definition jetzt doch etwas sehr elastisch auf mich. Vielen Dank für das zusätzliche Sternchen; vielleicht könntest du es SK andrehen?

Nach dem ersten Teil fand ich keine Worte zu beschreiben, was er in mir bewirkte, und auch jetzt fällt es mir schwer, aber ich möchte doch so gern.

Dieser Geschichte liegt so viel Wehmut und gleichzeitig so viel Liebe zugrunde, dass jedes einzelne Wort schmerzt und zugleich innere Ruhe auslöst. So bitterzart, so brutal feinfühlig beschrieben, möchte ich nach jeder Zeile aufhören zu lesen und kann doch nicht vor dem Ende Halt machen. Und sehe mich dann selbst in Tausende kleine Sandkörner zerfallen, mich nach der Stimme, nach der Nähe verzehrend, die mich wieder existieren lässt.

Ich danke Dir für so tiefe Einblicke in die Seelen der beiden Protagonisten!

... "sein tiefes Verlangen, sich auf die Welt einzulassen, vor der er sich gleichzeitig verschloss" - und sie ist ihm "dankbar, dass er sie zerbrechen ließ, damit sie sich neu begreifen konnte" ...

 

sechs staubkörnchen und ich freue mich auf den nächsten teil.

...in malerische Sprache verpackt. Wobei ich damit nicht einmal so sehr die Grausamkeit der Strafen meine, als vielmehr die emotionale Grausamkeit, die Unsicherheit der Sklavin über ihre Zukunft. Er wird sie hinausstossen in diese dystopische öde Welt, die du da gezeichnet hast. Angelus Novus, ist das Luzifer?

Den ersten Teil fand ich stimmiger. Du hast ein Gewebe von Stimmungen gezeichnet, in das man sich mit leisem Grauen fallen lassen konnte. Hier fällst du immer mal wieder aus dem Rhythmus, weil du etwas näher erklären willst/musst, was sich aus der Situation nicht zu ergeben scheint. Dadurch werden manche Stellen "zu intellektuell". Intellektuell kann man aber weder begreifen, warum er sie so behandelt, noch warum sie sich so behandeln lässt. Es hinterlässt mich ein wenig wütend, weil ich die Hintergründe dieser Welt nicht kenne, in der die beiden sitzen. Aber vermutlich wirst du die ja noch nachliefern - oder auch nicht :)

Eine GEschichte, die Emotionen weckt. Und die technisch einwandfrei  ausgeführt ist. Viel mehr kann man nicht verlangen :)

In reply to by Salomé

An Alle (auch wenn sich diese Antwort aus ökonomischen Gründen an Salomés Kritik entlanghangelt): Vielen Dank für die lobenden Worte und die Denkanstöße. Letztere stellen mich jetzt allerdings vor ein Problem. Ich bin mir nämlich unschlüssig, ob ich mein Programm offenlegen soll, weil das ja eventuell von der Geschichte ablenkt. Wer also glaubt, dass ihm zusätzliches Geplapper den Lesespaß (der mir natürlich wichtiger ist) kaputt macht, sollte hier nicht weiterlesen. Eventuell sind nachfolgende Überlegungen aber auch das Machwerk eines Wahnhaften und eure Interpretationen sind viel besser; dann bitte einfach dagegen feuern und zwar mit allem, was ihr habt. Das wäre super!

Meine Grundidee war es, im pornografischen Bild zu denken. Ich dachte, dass das lustig sein könnte, weil ja überall von der schändlichen Wirkung der Pornografie gesprochen wird. Deswegen habe ich Salomés Intellektualismus-Vorwurf auch nichts entgegenzusetzen. Allerdings würde ich darauf bestehen, dass hier angewandt gedacht wird, d.h. die Begriffe in Bilder (Strafen) übersetzt werden und dadurch eine eigene Dynamik entfalten. Im Grunde ging es mir darum, dass Körper miteinander Philosophie treiben, d.h. ganz ohne darüber zu sprechen. Deshalb gibt es außer diesen Wortsprengseln auch keine Dialoge. Im Idealfall würden sich in der Geschichte dann permanent zwei Lesarten überlagern: eine abstrakt-intellektuelle und einer körperlich-sinnliche. Wenn man will, kann man sich für eine der Ebenen entscheiden, oder sie parallel lesen. Ich verstehe diesen Text aber ganz definitiv als Experiment, weshalb ich euch für jede Kritik dankbar bin. Natürlich freue ich mich auch, wenn euch die Geschichte einfach so gefällt.

Zum Profil-Namen: nicht Luzifer, sondern ein Gemälde von Paul Klee, dass inzwischen auch mein Benutzerbild ist. Aus ihm habe ich Stimmung und Erzählkonstellation abgeleitet. Walter Benjamin schreibt dazu in Über den Begriff der Geschichte:
„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Ich finde dieses melancholische Geschichtsbild ganz und gar wunderschön. Meine Idee war es, dass da eine Frau am definitiven Ende einer Beziehung steht und versucht, die Trümmer zu bergen, um ihnen etwas sinnvolles abzugewinnen. So ähnlich wie die Melencolia auf dem Dürer-Gemälde. (Das war so eine Subidee: alles im Stil einer ‘melancholischen Erotik’ zu schreiben). Eine normale SM-Beziehung konnte es nicht sein, weil man permanent das Gefühl haben muss, dass es hier um das ganze Leben geht und außerhalb von dieser Beziehung nichts ist. Deswegen bin ich mir auch nicht sicher, ob ich dir den Gefallen tun kann, näher auf die “Hintergründe dieser Welt” einzugehen. Im nächsten Teil werde ich das versuchen, soweit es denn geht. Wenn man hier allerdings wieder ein stimmiges Weltbild hinsetzen würde, dann wäre die melancholische Sortierarbeit Sarahs ja überflüssig. Ich denke, es ist wichtig, dass ihr nur Fragmente und Erinnerungssplitter bleiben, in die sie sich irgendwie zurückversetzen kann. Und sonst gibt es da halt nur das Nichts.

Zum Problem des “Begreifens”: Ehrlich gesagt war mir die psychologische Motivation der Handlungen nicht so wichtig. Vor allem die Intention des Mannes hat mich nicht so sehr interessiert. Wichtiger ist mir, wie die Sklavin ihre Strafen in der Erinnerung interpretiert, also mit Sinn ausstattet. Deswegen verstehe ich diese auch als symbolische Denkbilder oder Allegorien. Im zweiten Teil wird beispielsweise der Übergang von einer körper- zu einer sprachbasierten Existenzform dargestellt. Deswegen war es mir wichtig zu zeigen, dass der Sand Sarah die körperliche Funktion des Schluckens nimmt. Dagegen steht, wenn sie wieder zu sich kommt, mit der Sprache, die sie wiedererlangt, eine intellektuelle Qualität im Vordergrund. Darüber hinaus erfolgt ein Wechsel im Status der Handlungen. Während “er sie zerbrechen ließ”, sie sich also passiv verhält, nimmt sie bei der Wiederaneignung aktiv an ihrer Subjektkonstitution teil: “damit sie sich neu begreifen konnte.” Daran zeigt sich, dass ihr der Name nicht einfach passiv oktroyiert wurde, sondern sie sich die Sprache aktiv angeeignet hat. Deswegen würde der Verlust ihres Namens sie nicht nur zurück in eine namenlosen Existenzweise befördern, sondern ihr ihre Lebensgrundlage entziehen.

Mit der Szene war ich mir sehr unsicher, weil sie so brutal ist, aber dann habe ich mir gedacht: “Wenn die Figuren sich bei Salomé blutige Fleischfetzen von den Hufen lecken, dann kann sich an dem bisschen Sand eigentlich niemand stören.” Danke dafür!

P.S. Apropos Namen: Bin ein ganz großer Fan deiner Liana, auch wegen des “L” am Anfang, aber warum haben bei dir die Männer immer so merkwürdige Namen? (Rainer, Bernd, oder Fred; die kommen daher wie Peng, Peng und Peng und behindern ständig meinen Lesefluss!)

In reply to by angelusnovus

...dass mir viele Männer wie "Peng Peng und Peng" vorkommen Image removed.. Frauen dagegen sind weich wie Liana oder Malina, oder hell wie Elli oder Emmi, oder einfach schön wie Marielle oder dunkel wie Salo oder Cora, oder bürokratisiert wie D94-112, oder weitblickend wie Leena.

Also alles ganz logisch. Wie sollte es auch anders sein, die Charaktere stammen ja von mir? Image removed.

Jedenfalls danke für deine ausführlichen Erhellungen. Ich denke, ich hatte die Geschichte doch nicht ganz richtig interpretiert. Bin gespannt, wie es weiter geht.

Auch hier wie beim ersten Teil:

Sehr guter Erzählstil, aber die Protagonistin wirkt auf mich wie eine leere Hülle, ein Schatten bzw ein Geist. Sie scheint mir in Teilen bereits ein "identitätslosen Wesen" zu sein und droht es nicht beim Verlust ihres Herren zu werden.

Ich hoffe hier noch eine Entwicklung des Charakters zu erfahren, denn das Geschriebene hat Potential. Ecken, Kanten, persönliche Grenzen, das Erleben und die Verarbeitung und differenzierte, prägnante Reflektion fände ich persönlich interessant.

Auf das für mich persönlich "Negative und Wünschenswerte" gehe ich hier nur so stark ein, weil vieles so gut ist und ich auf Besseres in Zukunft hoffe. Also bitte nicht entmutigen lassen.

In reply to by SK

Eigentlich habe ich gegen deine Beschreibung gar nicht soviel einzuwenden, nur finde ich das (in dieser Geschichte) halt gut so :-) Folgende ‘Korrektur’ würde ich mir allerdings vorbehalten:
Nicht die Frau wirkt wie ein Geist sondern der Mann: Der hat mich einfach nicht so sehr interessiert. Deswegen habe ich das Haus interpretiert und es ihm in den Charakter projiziert. Jetzt ist er halt nun einmal so beweglich wie ein Immobilie. Ich brauchte einfach einen psychischen Mechanismus, dem Sarah ausgesetzt ist. Gut finde ich daran, dass der Mann dadurch wie ein Gespenst in den Glasflächen seines Hauses aufgeht. Dadurch ließe sich sagen, dass Sarah eigentlich mit dem Haus interagiert. Das tut sie ja insofern, als dass ihre Strafen durch die architektonisch-geografische Lage vorgegeben werden. (einfallender Sand usw.)
Wenn der Mann also ein Geist ist, der im Haus aufgeht, ist die Frau ein Echo, das sich in ihm aushallt. (VIELEN DANK für diese Einsicht!) Aufgrund dieser sehr basalen Konstellation können leider nur die ganz grundsätzlichen Charakterzüge verhandelt werden. Im Grunde habe ich diesen exterritorialen Raum nur gewählt, um mich ganz auf fundamentale Fragestellungen beschränken zu können. Eine Veränderung der Figuren würde wahrscheinlich dem Handlungsgerüst schaden.
Aber keine Sorge: Es wird nur noch drei Teile geben, dann hat sich die Geschichte erschöpft. Im nächsten Text werde ich dann versuchen, diese Konstellation in einen ‘realistischen’ Raum zu übersetzten. Ich hoffe, dass diese Geschichte deinem Geschmack dann besser entsprechen wird.

[Anmerkung: Ich finde es sinnvoll, die Qualität einer Geschichten an den Maßstäben zu messen, die sie selbst vorgibt.]

Worte fallen mir dafür nicht wirklich ein, zumindest nicht die richtigen. Die Gefühle die du hier sehr gut Beschreibst, mit genau den richtigen Worten udn genau dem richtigem Stil. Es ist unfassbar schön Geschrieben. Deshalb volle punktzahl von mir.

 

Gruß PetSlaveRico

Du scheinst mir zu sehr in die eigene Sprache verliebt zu sein, nicht dass ich Sprache in dieser Qualität nicht zu schätzen wüsste. Für mein Gefühl leidet darunter aber die Geschichte und du verlierst den Faden. Meine Meinung, auch wenn ich damit offenbar etwas allein da stehe ;-)

In reply to by Raale

Nicht in die eigene, nur in Sprache: Ich finde halt nicht, dass die Sprache notwendigerweise die Sklavin der Geschichte sein muss. Manchmal lohnt es sich auch das Machtverhältnis umzudrehen. Allerdings stimme ich dir absolut zu: Hier hat sich die Sprache streckenweise zu sehr verselbstständigt. Dieses ‘Klang’-Spiel mit ‘verklangen’, ‘Erklingen’ und ‘anklang’ ist latent verrückt. Habe mich (von der Sprache) dazu hinreißen lassen, weil es hier eben um sie geht. Im nächsten Teil wird der ‘Engel der Geschichte’ sie zu zügeln wissen!

....wurde hier schon in den Kommentaren geschrieben,
 denen ich zustimme und ich könnte das sicher nicht so ansatzweise beschreiben oder erklären.

Mal abgesehn davon, was die Geschichte mit meinem Hirn anstellt,
was mich zu einem Kommentar hinreißen lässt ist, sind angelusnovus Gedankengänge und Beweggründe,
zum Aufbau der Erzählung. Sind sie ohne hin schon ein unausgesprochener Teil der Geschichte,
wenn du sie nicht mitteilen würdest. Mir dienen sie als Maßstab oder als Richtung, ein Vergleich,
ob ich das erfasst habe was der Autor zum Ausdruck bringen wollte.

Ich frage mich ob ich sie lieber am Ende der gesamten Geschichte lesen möchte oder meine Neugier siegt
und es doch zu jedem Teil wissen möchte. 

"Da steh ich nun, ich armer Tor! und bin so klug als wie zuvor"

einerseit möchte ich die Geschichte weiterlesen, auf der anderen Seite vielleicht nicht,
ich bräuchte so eine Zange die Schmiede verwenden das das heiße Eisen auf abstand hält,
sonst verschluckt die Geschichte mich am ende noch.