Thao Teil 33

 

Der nächste Morgen

„Warte mal! Mein Schuh ist aufgegangen.“

Thao blieb stehen und sah Karl dabei zu, wie er sich vor ihr bückte. Sie konnte sich den Schulweg ohne ihn gar nicht mehr vorstellen.

„Na endlich kniest Du wieder einmal vor Deiner Herrin.“

Der Junge grinste zu ihr hoch.

„Soll ich heute einen Termin machen, Sklavin?“

Thao nickte ohne zu zögern.

„Ja, mach! Dann habe ich es hinter mir.“

Der Junge sah sie schräg an.

„Freust Du Dich denn gar nicht?“

Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

„Im Moment noch nicht, vielleicht kommt das ja noch.“

Diese Konstellation kam Karl irgendwie bekannt vor.

„Hast Dich vorhin ganz schön zusammengerissen.“

Thao wusste genau, was er meinte.

„Ich wollte nicht, dass wir wieder im Streit auseinandergehen. Aber schön war der Morgen nicht, da hast du recht.“

Karl dachte an die nervöse Stimmung beim Frühstück. Thao und ihre Mutter hatten jeden Reibungspunkt gemieden. Keine von beiden hatte dabei einen glücklichen Eindruck auf ihn gemacht.

„Du, wegen dem Sama .... Wir können das auch verschieben.“

Thao überlegte kurz, verneinte dann aber.

„Nee! Ich bin neugierig, was mein Herr mit mir anstellen wird.“

Das Mädchen lächelte. Sie konnte sich ihren Karl als Dominus nicht vorstellen.

Karl hatte genau über diesen Punkt nachgedacht.

„Weißt Du, was mein Problem ist?“

Thao ahnte es.

„Du hast keinen blassen Schimmer, oder?“

Der Junge nickte geknirscht. Sein Mädchen kam näher an ihn heran und gab ihm einen Kuss.

„Ich zeige Dir ein paar Seiten, da kannst Du Dich informieren. Die sind seriös und wenn Du Fragen hast, gibt es sogar ein Forum dafür.“

Karl nahm ihre Hand.

„Bist Du öfter auf so etwas?“

Thao grinste ihn an.

„Ab und zu. Ich muss doch lernen.“

Er erinnerte sich an die verunglückte Session.

„Sag nichts!“

Thao hatte seine Gedanken erraten.

„Denkst Du noch oft daran?“

Karl schüttelte den Kopf.

„Du?“

Sie nickte und sah zu ihm hoch.

„Ruf Du beim Sama an und mach einen Termin! Aber diese Woche kriegen wir das nicht mehr hin, fürchte ich.“

Karl gab ihr recht und überlegte. Er hatte zwei Klausuren, für die er noch lernen musste.

„Dann nächste Woche am Freitag? Dann fangen doch sowieso die Ferien an.“

Thao stieß ihn an.

„Willst Du mich bis dahin keusch halten? Nur ein Vorschlag.“

Karl runzelte seine Stirn und zeigte eine unwillige Miene.

„Du spinnst wohl?“

Sie grinste ihn frech an. Karl aber schlug ihr wütend auf den Hintern.

„Tue nicht so, als ob DU das lange aushalten könntest!“

Sie gab ihm recht.

„Heute Nachmittag hab ich keine Zeit, Süßer. Musst ohne mich auskommen.“

Der Junge dachte an Anne.

„Du meinst wegen dem Auftrag für Deine Mutter? Ich kann etwas dazu geben, wenn Du es brauchst.“

Sie sah ihn verblüfft an.

„Was meinst Du?“

Karl blieb stehen.

„Ich habe auch was gespart, ich kann es Dir geben, wenn Du magst.“

Sie drückte ihn an sich.

„Lieb von Dir, aber das möchte ich nicht. Ist meine Sorge, nicht Deine.“

Er sah ihr in die Augen.

„Wenn es aber hilft, kommst Du darauf zurück!“

Thao gab ihm einen Kuss.

„Komm! Wir müssen.“

Sie hetzten die Straße hinunter. Bis zum Beginn der ersten Stunde blieben ihnen nur noch zehn Minuten.

„Wir sehen uns in der Pause, Süßer!“

Sie winkte ihm zu, stieß einen Jungen brutal aus dem Weg und presste sich zwischen der Masse der Schüler durch die Eingangstür. Karl sah ihr vorwurfsvoll hinterher.

 

In der Penne

„Kommst Du auch mit auf die Party am Freitag?“

Karl blickte auf, Resa hatte sich zu ihm umgedreht.

„Ich denke schon.“

Der Junge vor ihm grinste.

„Allein oder mit Deiner Punkerin?“

Karl legte den Kopf schief.

„Stört Dich was an ihr? Dann kann ich gern mit ihr darüber sprechen.“

Resa sah ihn seltsam an.

„Nee, das kannst mal lieber lassen. Gibt es was Neues von Simon? Hab gehört, dass er endlich seine Krankmeldung eingereicht hat.“

Karl wurde das Gespräch zuwider.

„Kannst Du Klatschweib Pause machen?“

Resa grinste breit.

„Kannst ja richtig frech werden, Karl, wenn Du einen Weiberrock hast, hinter dem Du Dich verstecken kannst.“

Karl musste sich zusammenreißen.

„Wer von uns hat denn vor ihr Schiss?“

Endlich gab Resa auf und drehte sich wieder nach vorne um.

„Leck mich am Arsch, Klappergestell!“, hörte Karl ihn noch sagen.

 

„Nun, Karl? Wie soll das weitergehen mit uns? Sie sollten ihren Schulbüchern schon ein wenig Aufmerksamkeit schenken, sonst sehen wir uns im nächsten Jahr noch einmal wieder.“

Karl sah zu Schamlippchen hinauf, die eigentlich in Ordnung war, aber jetzt, wo sie direkt vor ihm stand, verwirrte ihn der in ihr Geschlecht einschneidende Stoff.

„Geht klar.“, murmelte der Junge.

Die Lehrerin aber glaubte ihm nicht.

„Du bist doch mit der Thao zusammen. Sie kann Dir doch helfen.“

Karl sah an ihr vorbei. Die meisten seiner Mitschüler hatten ein fettes Grinsen im Gesicht. Fast konnte er jetzt seine Freundin verstehen. Auf die meisten von ihnen gab er wirklich nicht viel.

 

„Kann ich Dich sprechen?“

Karl sah zu Anke hoch. Sie war eines der wenigen Mädchen in der Klasse, das ihm nie ausgewichen war.

„Klar! Was ist los?“

„Andreas will Dich stellvertretend für Simon verprügeln und Deine Freundin notfalls gleich mit. Er hat sich sogar Verstärkung geholt, Du solltest also nicht auf den Ball gehen.“

Karl sah sie verständnislos an.

„Aber ich habe ihm doch eigentlich nichts getan?“

Anke schüttelte den Kopf.

„Doch! Es kamen einige dumme Sprüche wegen Simons Aktion, vor allem aber, weil Andreas nicht im Park aufgekreuzt ist und einen Rückzieher gemacht hat. Sei vorsichtig!!“

Karl Herz schlug schneller. Er dachte an Thao, die würde dem Typen niemals ausweichen. Er war regelrecht verzweifelt.

„Danke, Anke!“

Das Mädchen legte ihm im Vorbeigehen ihre feingliedrige Hand auf die schmale Schulter.

 

Karl saß neben Thao auf der Bank und sah auf sein Handy hinunter. Er spielte nicht üblich damit, doch konnte er dadurch dem Gespräch mit seiner Freundin aus dem Weg gehen. Er konnte sich denken, wie sein Punkermädchen auf diese Bedrohung reagieren würde. Auf jeden Fall aggressiv, doch wenn Andreas tatsächlich nicht alleine sein würde, hätten sie keine Chance. Er dachte an den Ball am Freitag. Wie konnte dieser Idiot allen den Spaß mit seiner Rachsucht verderben? Kurz dachte er an seine Mutter. Es würden ein paar Worte reichen und sie hätten Ruhe vor diesem aggressiven Schläger, doch wie stand er dann vor seiner Klasse da? Es war ein Mittel, das er nie in Erwägung gezogen hatte und auch nicht wollte. Aber jetzt ging es nicht mehr allein um ihn.

„Was machst Du da eigentlich? Sonst tippst Du doch immer wie wahnsinnig auf dem Teil herum.“

Der Junge schrak aus seinen Gedanken.

„Nichts, ich habe nur nachgedacht.“

Thao sah ihn fragend an.

„Aber nicht wieder über mich, oder?“

Seit dem Sama schien sie in diesem Punkt wirklich sehr verunsichert zu sein. Er schüttelte den Kopf.

„Ach, ich bin in Latein scheiße und die blöde Kuh hat mich vor der ganzen Klasse bloßgestellt.“

Thao grinste.

„Ich kann Dir helfen, wenn Du magst, dann gibt es auch keinen Ärger mit Schamlippchen mehr.“

Karl sah sie verbittert an.

„Weißt Du was? Das war auch ihr Rat. Scheiße, wie machst Du das? Ich habe Dich nie lernen sehen.“

Thao hob die Schultern.

„Ich kann mir gut Sachen merken, war schon als Kind so.“

Karl war diese Erklärung zu einfach.

„Und Mathe?“

Sie rückte näher an ihn heran. Ihre Nasenspitze stupste an die seine.

„Macht mir einfach Spaß.“

Karl spürte ihre Lippen und ließ sich küssen.

„Das ist so unfair, echt.“

Sie sah ihn liebevoll an.

„Dafür bist Du in einer anderen Sache viel klüger. Du liest die Menschen, Karl, und tust ihnen gut.“

Er verdrehte die Augen.

„Das macht mich ja noch mehr zum Softie. Toll! Der nette Karl!“

Thao packte ihn am Kinn und küsste weiter. Er spürte ihre Zunge in seinem Mund, schloss die Augen und fühlte zusammen mit ihr den Moment. Thao stand auf, setzte sich auf seinen Schoß und schenkte ihnen beiden noch mehr Nähe. Er spürte ihre festen Brüste, das Streicheln ihrer Hände in seinem Gesicht. Alles andere schien nicht mehr wichtig zu sein.

Die Pausenklingel schrillte. Widerwillig lösten sie sich voneinander. Thao stand auf und zog ihn mit sich hoch. Nach einer kurzen Umarmung liefen sie die Treppen zum Eingang hinauf.

„Bis heute Abend, okay?“

Thao winkte ihm noch einmal zu.

„Ich komm zu Euch!“

 

Gedankenverloren ging Karl die Treppen zum Klassenzimmer hinauf. Und wenn er mit Andreas reden würde? Vielleicht konnte man so dem Ärger aus dem Weg gehen. Er sah ihm vor dem Klassenzimmer stehen, zusammen mit Resa und zwei anderen aus der Klasse. Karl nahm seinen Mut zusammen und ging auf ihn zu.

„Du, Andreas! Ich will mit Dir reden.“

Der kräftige Junge wandte sich ihm zu.

„Was will denn das dürre Arschloch von mir? Kriegst noch Fresse voll, hab´s nicht vergessen.“

Karl sah ihm in die Augen.

„Du, ich will kein Ärger mit Dir. Lass mich einfach in Ruhe, okay?“

Andreas sah ihn gehässig an. Karl hatte es noch schlimmer gemacht.

„Hast Du Angst, mein Kleiner? Passt Deine Punkerfotze nicht gut genug auf ihren Süßen auf?“

Karl hörte das höhnische Gelächter der anderen.

„Ich will einfach keinen Stress haben. Und ob Du es mir glaubst oder nicht. Ich möchte auch, dass Du keinen Stress bekommst.“

Andreas musterte ihn. In den Worten des Jungen fand er eine Drohung.

„Wie meinst Du das?“

Karl konnte bei ihm Unsicherheit spüren.

„Lass uns einfach in Ruhe! Ist besser für Dich.“

Andreas sah sich zu den anderen um. Sie warteten gespannt auf seine Reaktion.

„Freitag sehen wir uns auf der Party, Karl, dann „reden“ wir über alles. Thao kann sich dann gern an unserem „Gespräch“ beteiligen.“

Karl nickte.

„Gut! Dann „reden“ wir.“

Er versuchte vor Andreas keine Schwäche zu zeigen. Aber der aggressive Junge hatte schon einmal seine Feigheit gezeigt und wenn er sich so sicher war, dann konnte das für Thao und ihn nichts Gutes bedeuten. Hätte sich Simon damals nicht eingemischt, hätte er einfach ein paar in die Fresse bekommen und es wäre vorbei gewesen. Jetzt sah die Sache allerdings ganz anders aus. Übelkeit stieg in ihm hoch und die Sorge um Thao. Wahrscheinlich wollte Andreas sie nur demütigen und bloßstellen, aber Karls Freundin würde das ohne Gegenwehr niemals zulassen.

 

Hilfe von Bernard

Nach der Schule zu Hause angekommen, hatte sich das Punkermädchen sofort an die Arbeit gemacht. Sie wollte ihre Mutter aus den Händen dieses Wiesels lösen, mit aller Macht, die sie hatte. Fast eine Stunde hatte sie nach den Weg gesucht, der aus Sicht ihrer Mutter am wenigsten Fragen aufwerfen würde. Das Mädchen glaubte, ihn nun endlich gefunden zu haben.

Thao starrte auf ihr Handy. Sie wusste noch nicht genau, ob sie diesen Weg gehen sollte, aber es schien der einzige zu sein, der plausibel schien. Bernard und Sylvia hatten zwei Firmen und somit natürlich auch genügend Vorwände, um einen Lektor zu konsultieren. Sie schloss die Augen und fasste einen Entschluss. Nervös wählte sie die Nummer des dem Fotografen und dessen Frau.

„Hallo! Ich bin´s, Thao!“

Bernard schien wirklich froh zu sein.

„Hallo! Schön, dass Du Dich meldest Mädchen. Wollen wir einen Termin für die letzte Session machen? Kali hat auch schon gefragt und wäre gern wieder dabei.“

Thao freute sich, Bernards Stimme klang ruhig und besonnen.

„Gern. Wann?“

Sie hörte, wie er in seinem Terminkalender blätterte

„Ich würde Mittwoch vorschlagen, muss das aber auch noch mit Kali absprechen. Wäre Dir das zu früh?“

„Nein, das passt super!“

Das Mädchen dachte schon an den nächsten Schritt, sie brauchte jetzt einen plausiblen Text, der für eine Korrektur durch ihre Mutter in Frage kommen würde.

„Alles klar, ich simse Dir noch, wenn es auch bei Kali okay geht. Bis dann, Thao! Freue mich.“

Thao war erleichtert. Bis jetzt schien alles zu klappen.

„Bis Mittwoch vielleicht. Tschüss!“

Bernard verabschiedete sich von ihr und legte auf.

Thao räumte ihr Handy beiseite, stapelte leeres Papier auf ihren Schreibtisch und fing an im Internet zu recherchieren. Es musste eine Art Unternehmensbeschreibung werden, die mit dem Atelier von Bernard und Sylvia zu tun hatte. Am besten ausbaufähig, sodass sie Gelegenheit bekam, dass Ganze noch zu strecken.

Kurz schweiften ihre Gedanken zu Karl. Was er wohl gerade machte? In Gedanken bei ihm, überflog sie die angezeigten Seiten im Internet. Erst einmal die Konkurrenz ansehen, dann konnte sie sich ein Bild darüber machen, wie man sich als Foto- und Fetischatelier zu präsentieren hatte. Nur die Fehler durfte sie nicht vergessen einzubauen. Nicht viele, aber hie und da ein paar Komma- und Grammatikfehler. Thao stellte sich ihre Mutter vor, wie sie von Rüdiger gequält wurde. Ihr wurde schlecht bei dem Gedanken.

Thao hielt sich die Stirn. Kopfschmerzen plagten sie. Sie hatte zwar einiges an Material gefunden, aber das Verändern und Umschreiben kosteten sie Kraft und Nerven. Bis jetzt hatte sie 10 Seiten verändert und zum Teil auch umgeschrieben, doch das reichte bei weiten noch nicht. Sie benötigte Material im ungefähen Ausmaß eines durchschnittlichen Buches.

Sie hoffte nur, dass Bernard und Sylvia ihr helfen würden, vielleicht hatten sie sogar selbst eine Idee? Das Mädchen seufzte. Die letzten Wochen waren so durchwachsen von guten und beschissenen Momenten.

 

Telefonat mit Amelie

„Thao?“

Das Punkermädchen freute sich vielleicht das erste Mal so richtig, dass sie die Stimme des dicken Mädchens hörte.

„Hey wie geht’s Dir?“

Amelies Stimme klang wie immer fröhlich und aufgedreht.

„Gut! Bin jetzt noch eine Woche im Krankenhaus und dann geht´s ab in den Süden.“

Thao würde sie vermissen. Sie schien selbst von dieser Kenntnis überrascht zu sein.

„Danke für den schönen Abend bei Euch, es hat richtig Spaß gemacht.“

Amelie lachte.

„Wenn Ihr wüsstet, wie süß Ihr alle seid! Ich danke Euch so sehr, dass Ihr da wart!“

Thao fiel die Party ein.

„Kommst Du am Freitag?“

Amelie schien zu überlegen.

„Ich weiß nicht, Thao. Du weißt, wie die anderen sind.“

Die Punkerin dachte an die ganzen Sprüche wie „Supervollfett“, „Schwabella“ oder „Die unendliche Reise um Amelie“.

„Ach, Karl kommt auch mit und wir begucken uns dann die ganzen Volltrottel. Das wird bestimmt auch Spaß machen. Außerdem möchte ich Dich noch einmal sehen.“

Amelie ließ sich überreden.

„Kann ich Dich was anderes fragen?“

„Klar! Schieß los!“

„Hat Xena etwas wegen Günter gesagt?“

Thao freute sich.

„Wieso? Hat er ein Auge auf sie geworfen?“

Amelie kicherte ins Telefon hinein.

„Er war von ihr mehr angetan, als von ihrem Motorrad, und das will wirklich was heißen.“

Thao war neugierig.

„Und? Ist schon was passiert zwischen den beiden?“

Amelie seufzte.

„Xena hat ihn auf einen Kaffee hereingebeten, mehr aber nicht. Günter ist sehr verunsichert und traut sich nicht, sie noch einmal anzusprechen.“

Thao konnte sich vorstellen, was als Nächstes kommen würde.

„Das tut mir für ihn leid. Er soll doch einfach fragen, ob sie mal mit ihm was trinken oder essen geht. Mehr als nein kann sie nicht sagen.“

Amelie zögerte.

„Könntest Du nicht mal vorfühlen? Wenn sie ihm einen Korb gibt, würde ihn das ziemlich treffen, fürchte ich.“

Thao dachte an dem Kerl im Biergarten.

„Pass auf! Ich rufe sie an, aber Du redest mit Günter. Xena hat einiges durch, von daher soll er ihr Zeit lassen. Okay?“

Amelie versprach es.

„Magst mir mehr darüber erzählen?“

Thao verneinte.

„Kann ich nicht, sie hat selbst nur ein paar Andeutungen gemacht.“

Thao freute sich. Vielleicht fanden Günter und Xena ja wirklich zueinander.

„Ich rufe sie heute Abend an. Dann melde ich mich bei Dir.“

Amelie bedankte sich.

„Schönen Gruß von Günter soll ich Dir bestellen.“

„Danke! Ich wünsche ihm viel Glück. Sag ihm das bitte!“

Das Punkermädchen lächelte und legte ihr Handy beiseite. Wenn Günter Glück hatte, dann war er nicht der Einzige mit Flöhen im Bauch. Das Telefonat mit Amelie hatte ihrer Stimmung gut getan. Mit einem Lächeln machte sie sich wieder an die Arbeit und begann eine neue Seite.

 

Anruf bei Xena

„Na alte Domse? Alles fit?“

Xena schien in schlechter Stimmung zu sein, ihr Lachen war eher verhalten.

„Und bei Dir, Babybitch?“

Thao überlegte, ob sie sich Xena anvertrauen sollte, aber sie selbst war ja nicht der Grund, warum sie bei ihrer Freundin angerufen hatte, sondern Günther.

„Und? Hast Dein Motorrad heile wieder?“

Xena schien die Antwort auf diese Frage wirklich Probleme zu bereiten.

„Was machst denn gerade?“

Thao versuchte es ganz beiläufig klingen zu lassen.

„Ach, ich muss hier was schreiben.“

Xena blieb stumm.

„Warum fragst Du?“

Der Domina schien wirklich nicht gut zu gehen.

„Ich wollte fragen, ob ich vorbeikommen kann. Nur so ne Stunde oder so.“

Thao sah auf die Blätter vor sich auf dem Tisch und auf den Browser in ihrem Laptop. Sie war eigentlich mittendrin gewesen.

„Klar! Komm vorbei!“

„Danke Dir. Sei gespannt! Ich bringe uns was mit.“

Thao musste lachen.

„Aber keinen Alkohol! Bitte!“

Xena war einverstanden.

Dem Mädchen dachte an Karl. Er würde Verständnis haben, wenn sie heute zu Hause blieb. Sie nahm ihr Handy und tippte eine Nachricht an ihren Freund.

 

Xenas Problem

Eine halbe Stunde später klingelte es. Thao drückte den Türsummer der Eingangstür des Hauses und wartete am Treppengeländer. Wie nicht anders erwartet steckte die schrullige Nachbarin ihren Kopf durch den Türspalt.

„Schönen guten Abend, Frau Passow!“

Die alte Frau nickte und Thao glaubte ein angedeutetes Lächeln auf deren Lippen zu erkennen.

Sie hörte Xenas Stiefel auf die Steinstufen knallen, sah den behandschuhten Arm am Geländer und ab und an den weißblonden Schopf.

„Grüß Dich, Kleine! Schau mal!“

Die Blondine in ihrer schwarzen Lederkluft hielt zwei riesige Becher vor Thaos Gesicht.

„Vanille und das andere ist Melone.“

Thao verzog ihren Mund zu einem breiten Grinsen.

„Milchshakes?“

Xena nickte.

„Ich weiß! Das ist noch schlimmer als Alkohol, oder?“

Sie folgte der Punkerin ins Wohnzimmer.

„Komm! Setze Dich, wohin Du magst.“

Die Domina nahm auf dem längeren Flügel der Eckcouch Platz und stellte die beiden Becher auf den flachen Wohnzimmertisch.

„Was magst denn?“

Thao entschied sich für Melone.

„Okay!“

„Du weißt, was das heißt, wenn Frauen zu Zucker greifen?“

Xena sah Thao fragend an.

„Wenn ich ehrlich bin, nicht.“

Die Punkerin grinste.

„Du hast Kummer, oder? Liegt es an Günter?“

Xena wurde bleich. Das Mädchen hatte zielsicher bei der sonst so resoluten und beherrschten Frau ins Schwarze getroffen.

„Gefällt er Dir?“

Xenas blaue Augen sahen nachdenklich zu ihr hinüber.

„Ja! Sehr sogar. Er ist wirklich nett.“

Thaos Herz schlug Purzelbäume.

„Wow! Geil! Na das ist doch super.“

Die Domina schüttelte den Kopf.

„Gar nichts ist super, Thao.“

„Wie meinst Du das?“

Xena nahm den Becher und zog am Trinkhalm. Sie schien Zeit zu brauchen, um die richtige Antwort zu finden.

„Günther ist wirklich ein Guter. Ich habe ihn, wie Du es mir geraten hast, in die Wohnung gelassen, Kaffee gekocht ...“, sie blickte Thao lächelnd in deren Augen, „… und fast vier Stunden mit ihm gequatscht.“

Xena deutete auf Thaos Milchshake.

„Trink schon, Blöde Kuh!“

Thao zeigte ihr den Finger, griff aber lachend zu ihrem Becher.

„Und wo ist jetzt Dein Problem?“

Xena drehte den Becher zwischen ihren Fingern im Kreis.

„Mehr geht nicht. Würde er mich berühren, kämen Bilder aus meiner Erinnerung hoch und ich würde austicken.“

„Und wenn ich Dich berühre, ist alles normal?“

Sie packte Xena an deren Arm. Die lächelte und sah auf die Hand des Mädchens hinunter.

„Ja! Waren auch keine Frauen damals.“

Thao sah ihre Freundin flehentlich an.

„Komm schon! Vielleicht geht es Dir dann besser!“

Die Blondine mit den harten Gesichtszügen starrte vor sich hin, schüttelte dann aber den Kopf.

„Ich bin einfach noch nicht so weit. Vielleicht kommt es ja noch, oder?“

Sie warf einen flüchtigen Blick auf die Punkerin.

„Du hast doch mal gesagt, Du würdest ihm dann gern weh tun. Und dann kannst Du ihn berühren?“

Xena nickte.

„Bei meinen Kunden ist es ja im Grunde nichts anderes.“

Thao hatte das nicht gemeint.

„Und ... Du weißt schon.“

Sie deutete auf ihren Schritt und die Brüste. Xena lächelte.

„Ja, wahrscheinlich auch. Ich bin es dann, die quält und kontrolliert, weißt Du?“

Thao dachte an Amelies Bruder.

„Hast Du mit ihm darüber gesprochen?“

Xena sah sie schockiert an.

„Spinnst Du? Was denkst Du, was er dazu sagen würde, wenn ich ihm die Domina preisgebe?“

Die Punkerin versuchte sich Günters Reaktion vorzustellen.

„Was kann Dir schon passieren?“

Xena schüttelte ihren Kopf.

„Du meinst, ich solle ihn bitten, sich von mir quälen zu lassen, damit ich ihn berühren und lieben kann?“

Thao nickte. Xena hatte recht, das schien wirklich abwegig. Das Punkermädchen stand auf und setzte sich neben die Domina, nahm sie in den Arm und drückte sie an sich. Die ließ das nur anfänglich widerwillig zu, entspannte sich dann aber doch.

„Weißt Du was!?! Dann sag ihm, dass Du im Moment nicht kannst. Vielleicht wird ja eine Freundschaft draus, oder? Wäre doch auch schon ein Fortschritt für Dich.“

Xena lehnte sich zurück, zog an diesem so gar nicht zu ihr und ihrem martialischen Outfit passenden Strohhalm und nickte nachdenklich.

„Wäre schön, wenn er das annehmen würde.“

„Er hat sich in Dich verknallt.“

Xena starrte Thao erschrocken an.

„Nee! Komm bitte! Das ist jetzt nicht wahr, oder?“

Ihre blauen Augen verrieten Thao, wie ihr zumute war.

„Was ist so schlimm daran? Er kann doch auch nichts dafür.“

„Das weiß ich doch. Aber das tut mir so leid für ihn.“

Thao kam ein Gedanke.

„Ich hab eine Idee! Wie wäre es, wenn wir alle am Freitag zur Abiparty gehen?“

Xena schüttelte ihren Kopf.

„Geht bei mir nicht. Es kommt ein Kunde. Und bei Günter wird es auch nicht klappen.“

Sie sah Thao nachdenklich an.

„Und genau so etwas würde ihm auch Hoffnung machen, verstehst Du? Ich muss mit ihm reden. Sehr dringend sogar.“

Xena seufzte.

„Kannst Du mir über Amelie seine Nummer besorgen? Ich rufe ihn an und kläre das, oder?“

Thao fand das nicht passend.

„Sag es ihm nicht durchs Telefon! Ist doch Kacke sonst.“

Die Blondine nickte.

„Du hast ja recht. Klugscheißerin!“

Sie grinste und kniff Thao in die Wange.

„Ey! Blöde Alte!“

Sie boxte die große Frau zurück.

„Thao, ich finde es super, dass wir Freundinnen geworden sind. Das ist echt cool!“

Das Mädchen grinste und zwinkerte ihr zu.

„Das kommt, weil ich so toll bin.“

Xena lachte.

„Ja, wahrscheinlich.“

Sie schlürften schweigend ihre Shakes, lummelten auf der Couch und sahen vor sich hin.

„Soll ich Mucke anmachen?“

Thao ging zur Anlage.

„Ich habe auch softe Scheiben von meiner Mutter, wenn Du magst.“

Xena lachte schallend.

„Echt? Was denn für welche? Zeig mal!“

Die Domina brachte ihren Lachanfall kaum noch unter Kontrolle.

„Roland Kaiser? Ist das Dein Ernst?“

Thao legte eine Platte auf den Teller.

„Santa Maria ... Insel wie aus ....“, sang sie mit.

„Du hast so einen Knall, weißt Du das?“

Die große Blondine lachte sich schief. Thao aber kannte keine Gnade.

„Komm schon! Ich fang nochmal von vorne an!“

Xena stellte sich neben sie. Thao staunte. Nach anfänglichen Schwierigkeiten sang die Domse gar nicht mal schlecht. Sogar den Text konnte sie ziemlich schnell wiedergeben.

„Hast Du das schon mal gemacht?“

Thao nickte.

„Als ich noch klein war, mit meiner Mutter zusammen. Mein Vater hat abgekotzt, sag ich Dir. Er hasste Schlager.“

Sie musste bei diesem Gedanken lachen, schwieg dann aber plötzlich. Er tat auch gleichzeitig sehr weh.

„Komm! Ich hole Wein. Wir müssten noch welchen in der Speise haben.“

Xena verstand sie nicht.

„Du wolltest doch noch was schreiben. Du machst Dir jetzt keine Umstände wegen mir, oder?“

Thao schüttelte genervt den Kopf.

„Quatsch nicht! Leg schon mal das nächste Lied auf und hör gut zu! Wenn ich die Flasche offen habe, singen wir mit!“

 

Sehnsucht

„Na mein Süßer, was machst Du?“

Sie hielt das schnurlose Telefon an ihr Ohr, während sie den Korken in die leere Weinflasche presste. Xena war gefahren. Nach dem Shake, einem Dutzend Lieder und einem einzigen Glas Wein wollte sie nach Hause. Thao spürte, dass Xenas Gedanken immer wieder bei Amelies Bruder waren. Sie schien sich in diesem Moment selbst nicht leiden zu können.

„Ich lerne. Mann, ist das zum Kotzen, wenn Du nicht da bist.“

Thao lächelte. Ihr ging es nicht anders.

„Lass mich mal heute hier. Ich habe noch einiges zum Schreiben, weißt Du?“

Karl zeterte richtig.

„Aber ich vermisse Dich nunmal so.“

Thao lachte.

„Was denn genau? Spricht da mein Karl oder das geile Fickerle?“

Der Junge fand das nicht lustig.

„Ich gebe ja zu, dass ich gern mit Dir schlafen würde, aber tu nicht immer so, als ob ich nur deshalb mit Dir zusammen wäre.“

Thao spürte seine Gereiztheit.

„Klappt nicht so mit dem Lernen, oder?“

Der Junge seufzte.

„Überhaupt nicht.“

Sie spürte eine gewisse Spannung bei ihm.

„Ist irgendetwas?“

Karl zögerte.

„Nein, warum?“

Das Mädchen war verunsichert.

„Ich spüre, dass Dich was beschäftigt.“

Das Gespräch verlief für beide nicht so, wie erhofft. Frustriert über die Sorgen und die Trennung voneinander, wünschten sie sich eine gute Nacht. Kurz überlegt Thao, ob sie zu ihm gehen sollte, aber es war ihr die Mutter in diesem einen Augenblick wichtiger. Sie wollte sich darauf konzentrieren und zwang sich, ins Bett zu gehen. Morgen würde sie weiterschreiben müssen, um Bernard und Sylvia dazu zu bringen, ihr zu helfen. Es konnte nur gut sein, wenn sie etwas konkretes hatte, das sie dabei unterstützte. In Gedanken an ihre Mutter, aber auch Karl und Xena, ging sie schließlich ins Bett und vergaß, dass Amelie eigentlich noch ihren Anruf erwartete.

 

Bewertung

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Kommentare

langsam gehen mir aus was ich zu dir sagen kann sena  du hälts die geschichte  immer so hoch  das ich die nächste  kaum erwarten kann  !!!!!  wie immer bekommst du alle sterne von mir 

...die mit dem harten Panzer ihre Verletzungen schützt und sich davor fürchtet, jemanden ranzulassen. Nachfühlbar und eindrücklich. Ich habe immer das Bedürfnis, mich dafür zu entschuldigen, was ich in "Liebesbeziehung..." manchmal von Xena gedacht habe.

Die Party am Freitag... sie werden sie wohl nicht sausen lassen, diese Dickköpfe. Obwohl das das einzig Vernünftige wäre. Naja, wir dürfen ja nicht spekulieren. Aber ich warte mit einer bangen Spannung...

wie immer! eigentlich wollte ich ja die Geschichte von xena erst nach Thao lesen aber langsam halt ich das nicht mehr aus! 6*

bin ich es ja nicht, die über Fehler im Text stolpert, aber im 1/3 der Story sind mir doch heute einige Fehler aufgefallen, die für die Bewertung aber keine Sternchenabzüge sind, bei mir. Volle Sternchenanzahl wie eigentlich immer.

Eine schöne Geschichte, die ich immer mit viel Freude lese.

Besonders gefällt mir auch, das die Hauptakteure der Geschichte eigentlich alle ihre "Macken" haben und auch Äußerlich eher zu den Außenseitern gehören. In dieser Geschichte sind sie Helden und zeigen ihre Stärken nicht immer gleich offensichtlich. Irgendwie lebt die Story davon, das Außenseiter wie Heinrich, Amelie, Karl und Thao als Helden dastehen. Und Xenas Auftreten in der Öffentlichkeit  unglaublich stark erscheint, braucht Nachhilfe in Sachen, wie lerne ich einen jungen Mann kennen und erlebt wohl zum ersten Mal in ihrem Leben, was es heißt, eine Freundin zu haben.

Einfach nur super.

well wishes

yuna