Trine (Teil 2)

 

Auf dem Rückweg musste ich die ganze Zeit an die vergangenen vier Wochen denken, seit ich nach meinem Gefängnisaufenthalt bei Charly angeheuert hatte. Bis jetzt hatte ich Memori, Caro, Kyra und Jessi weggebracht und Jessica und Constanze von ihren Einsätzen abgeholt. Und nur bei zwei der Kunden hatte ich laut Charlys strenger Richtlinien, die er niemals verletzte, übernachten müssen. Denn das gehörte zu meinen Aufgaben: bei neuen Kunden, die Charly noch nicht kannte, galt es, einen Tag und eine Nacht zu bleiben, bis ich überprüft hatte, ob es den Mädels auch gut ging. Wenn man bei der Aufgabe überhaupt von „gutgehen“ sprechen konnte. Aber das stand auf einem anderen Blatt. Charly hatte da ganz klare Vorstellungen:

„Sie dürfen nicht frieren und nicht hungern“, hatte er in einer meiner Einweisungsstunden lang und breit doziert. „Wenn das der Fall sein sollte, bringst du sie wieder mit! Schließlich sind sie immer längere Zeit an einem Ort. Du weißt, unter einer Woche gebe ich sie gar nicht erst her. Stell Dir vor, sie kommen abgemagert oder krank zurück. Was das kostet! Hast Du verstanden?“

Was ich meinte, verstanden zu haben war, dass es Charly ums Geld ging. Wo ich zunächst gedacht hatte, es läge ihm etwas an seinen Mädels. Aber diese ganze Ethik, die hier zwischen Charly und seinen „Damen“ - wenn ich das mal so sagen darf – herrschte, erschloss sich mir ja ohnehin nicht so richtig. Noch nicht. Vielleicht würde ich sie eines Tages noch begreifen. Um hinter der Windschutzscheibe fühlbar mit dem Kopf zu schütteln musste ich mir lediglich vorstellen, wie ich Kyra nach Hannover gefahren und am nächsten Tag wieder mit zurückgenommen hatte.

Dieses Ehepaar, das sie gebucht hatte, war nichts gewesen für Kyra und es hatte sich daraus eines der wenigen Male ergeben, wo man die Sklavin wieder mit zurück nahm. Dieses Pärchen hatte allen Ernstes für die Sklavin einen Käfig in den Garten gestellt. Dort sollte sie die meiste Zeit des Tages verbringen. Es war schon Herbst und auf meine skeptischen Blicke hin hatte Kyra am Abend noch den Vorsatz gehabt, die Sache durchzuziehen. Mit einem Blick und indem sie mir kurz die Hand auf den Arm legte, hatte sie mich vorsichtig davon abgehalten, diesem Wunsch nach Einsatz unserer Leasingobjekte zu widersprechen.

Erst am nächsten Mittag, nachdem sie trotz einiger Decken, auf denen ich bestanden hatte, durchgefroren war, bat sie darum, wieder mit zurück nachhause zu dürfen.

Also rief ich vorsichtshalber Charly an. Er war mitten in meine Schilderung vom "Käfig im Garten" hinein geplatzt mit den Worten:

"Bring sie mit! Keine Frage, bring sie wieder her. Das geht überhaupt nicht. Sag diesen stinkfeinen Herrschaften, sie haben § 4 des Vertrages verletzt. Demnach ist bei Zuwiderhandlung gegen die Bestimmungen der hinreichenden und ausgewogenen Nahrung und der angemessenen Temperatur die Hälfte der gesamten Summe fällig und die Sklavin sofort wieder an uns auszuliefern. Eine so geartete Absicht, wie das, was sie mit ihr bereits getan haben, würde bereits ausreichen für § 4. Wenn sie nicht zahlen, schicke ich ihnen das ukrainische Inkassounternehmen. Sag ihnen das."

Also hatte ich noch mit dem Ehepaar diskutieren müssen, die zunächst uneinsichtig waren. Was das denn für eine Sklavin sei, die nicht mal ein wenig frieren könne? Dann hatte ich ihnen die Stelle in ihrem Vertrag, den sie unterzeichnet hatten, gezeigt. Wahrscheinlich war der vor lauter Gier nach etwas Abwechslung von beiden nur überflogen worden oder sie hatten ihn einfach nicht ernst genommen. Und dann hatte ich ganz beiläufig das Inkassounternehmen erwähnt. Danach zahlten sie anstandslos und ließen Kyra mit mir gehen. Erst jetzt wusste ich, wie wichtig eigentlich mein Job war, den der Chef bis zu meinem Eintreten selbst ausgeführt hatte.

Zuerst fuhr ich mit Kyra in ein Kaffee und flößte ihr heißen Tee mit Rum ein, so lange, bis sie nicht mehr konnte und sogar ein wenig beschwipst war. Aber sie schien sich schon erkältet zu haben und als wir in der Firma ankamen, hatte sie schon fast keine Stimme mehr. Der Chef war stinkesauer.

"Du hättest das nicht zulassen dürfen", schimpfte er mich. "Wozu schicke ich dich denn mit? Du sollst auf sie aufpassen, das ist dein Job, sonst könnte ich sie auch mit einem Taxi dort hinbringen lassen."

Und Kyra versuchte, mich zu verteidigen, indem sie zugab, dass sie mich am Abend vom Eingreifen abgehalten hatte. Aber der Chef ließ das Argument nicht gelten, im Gegenteil, mir schien, er wurde jetzt erst richtig wütend.

„Sie ist eine Sklavin! Weißt Du überhaupt, was das ist? Man lässt sich nicht von einer Sklavin von irgendetwas zurückhalten, was man für richtig hält. Oder meinst Du, Du fährst hier Amazonen in der Weltgeschichte umeinander? Tse, das ist ja lächerlich. Hast du das jetzt verstanden? Wenn nicht, dann kannst du deine Sachen packen. So jemanden kann ich doch nicht ernsthaft gebrauchen, oder?" 

Er wartete stur auf die Antwort auf sein kleines, fieses „oder“.

„Ganz bestimmt Charly, es war das letzte Mal, dass ich auf eine von ihnen gehört habe. Hundertprozent. Du kannst dich auf mich verlassen.“

Dabei dachte ich eigentlich im Moment nur daran, dass es Freitag war und es schon langsam anfing, zu dämmern und ich am Wochenende etwas vorhatte. Andererseits brauchte ich auch diesen Job. Wer würde mir sonst noch ein Gehalt und gleichzeitig eine so tolle Wohnmöglichkeit geben, wie dieser etwas merkwürdige Zeitgenosse, der es nicht so genau mit Führungszeugnissen nahm? Und dann fuhr es Charly heraus.

„Damit Du es nicht wieder vergisst: Du wirst Kyra gesund pflegen. Vielleicht merkst du dir dann zuverlässig, was zu deinem Jobprofil gehört und außerdem..., es hat sowieso niemand anderes Zeit, die Krankenschwester zu spielen.“

Diese Ansage von Charly traf mich wie ein Schlag, obwohl ich einsah, dass Kyra jetzt dringend Zuwendung brauchte. Und auf einmal mischte sich Kyra in meine Gedanken, indem sie sich an den Chef wandte.

„Bitte, lass ihn doch fahren, Charly. Ich komme schon alleine zurecht, er hat doch etwas vor“,

 krächzte sie, so dass man sie kaum verstehen konnte und da riss dem Chef wohl der Geduldsfaden. Ich hatte keine Zeit, das Gefühl der Rührung über ihre Verteidigung in mir aufkommen zu lassen. Denn als Charly sich erhob, sah ich wie Kyra zusammenzuckte und schon hallte seine unzweideutige Ansage in den Raum:

„Auf die Viere! Sofort!“

Während er mit langsamen Bewegungen, denen man allerdings den Zorn anmerkte, hinter seinem Bürostuhl die lange Schublade einer Kommode aufzog und ihr eine gefährlich aussehende Peitsche entnahm, zog Kyra hektisch ihre Kleidung aus und alles lag jetzt verstreut irgendwo um sie herum, als sie schon auf dem Boden mitten im Raum kauerte und angstvoll erwartend zu ihm hoch sah.

Das Ganze ging in Windeseile vonstatten. Kaum hatte sich unser Brötchengeber wieder in unsere Richtung gewandt, hörte ich auch schon das erste Pfeifen von den Wänden zurückschallen. Erschrocken trat ich einen Schritt zurück. Dann folgten noch drei oder vier pfeifende Laute, die sich mit Kyras Wimmern mischten. Ich hatte bestimmt keinen Atemzug genommen, bis Charly innehielt. Alles war so schnell gegangen und jetzt lag Kyra am Boden und schluchzte leise, aber dennoch so, dass es ein grausam klingendes Husten auslöste, als ich den Chef von oben auf sie herab sagen hörte

„Was ist jetzt, meine Liebe? Komm schon!“

„Es tut mir leid, Charly“,

weinte sie. Aber er war offensichtlich noch nicht zufrieden. Ich sah, wie sich das Ende der Peitsche von drei der fünf Hiebe anfing, deutlich auf dem Rücken der freundlichen Sklavin abzuzeichnen. Bei einem Striemen hatte die Peitschenspitze sogar ihre Schulter getroffen. Fasziniert sah ich zu, wie zunächst aus hellrot, dunkelrot wurde und mein Blick musste wie gebannt auf diesem Vorgang hängen geblieben sein, als ich den Chef fordern hörte.

„Die ganze Leier, wenn ich bitten darf“,

herrschte er sie jetzt an, noch immer wütend, und ging zu seinem Schreibtisch zurück.

Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Erst als Kyra den Rest ihrer Stimme zusammennahm, war mir klar, was er gemeint hatte.

„Verzeih bitte Chef, dass ich mich in Deine Angelegenheiten gemischt habe. So viele Tage, wie sich Striemen auf meinem Rücken befinden, verlange ich keinen Lohn für meinen nächsten Job. Das soll meine Strafe sein.“

Bei ihren Worten war er vom Schreibtisch zu ihr zurückgekehrt und stand jetzt wieder über ihr.

"Genau" 

"so" 

"gehört" 

"es" 

"sich" 

Mit jedem einzelnen Wort landete ein weiteres Mal das Instrument auf ihrem Rücken und auf dem Po. Und jedes einzelne pfeifende und klatschende Geräusch hatte ihr heftigere Wehklagen entlockt.

Die letzten hellroten Zeichen kreuzten sich nun mit den alten, die schon dunkler waren. Ein faszinierender Prozess, fand ich und dachte für einen Moment lang nicht an Kyras Schmerzen, die so heftig sein mussten, dass sie jetzt schluchzte und immer wieder ausstieß

„Es tut mir so leid, es tut mir wirklich so leid.“

Charly warf jetzt die Peitsche auf das Sofa, das an einer Wand stand und nahm wieder in seinem Sessel hinter dem Schreibtisch Platz. Wie ein Wurm lag Kyra am Boden und hielt sich die Hände vors Gesicht, als sich seine eindeutige Ansage an mich richtete.

„Bring sie nachher ins Bett und kümmere dich um sie. In zwei Wochen geht sie zum Grafen Stollberg. Bis dahin wirst du sie mir gesund pflegen. Und jetzt sag mir, wie viele Tage sie bei ihrem nächsten Einsatz arbeiten wird, in denen ich ihren gesamten Lohn kassiere und sie nicht einen Cent davon sieht. Ich will es mir aufschreiben.“

Verdutzt, dass er mich angesprochen hatte, sah ich auf Kyras Rücken und suchte ihn mit den Augen ab. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass es ihm um das Zugeständnis von Kyra ging. Dass jeder Striemen bedeutete, sie würde für Gottes Lohn arbeiten.

„Neun“, bemerkte ich nach einer Weile und er sah mich fragend an

„Du hast dich verzählt?“

Ich schüttelte unsicher den Kopf, als ich seine mittlerweile wieder sanfter werdende Stimme vernahm.

„ Merk Dir“,

wandte er sich mit einem strengen Blick an mich, stand dabei auf und kam auf mich zu.

„In solchen Dingen solltest du lieber zweimal nachzählen. Das ist bares Geld. Du bist schließlich Buchhalter, oder?“

„Ja“, gab ich zu, „aber ...“. Ich wollte ihm erklären, dass es schwierig war, die kreuz und quer laufenden rötlichen Linien auseinander zu halten, aber dann fuhr er mir schon in die Parade.

„Kein aber. Wenn Du sie beim Nachsehen nicht auseinanderhalten kannst, dann zählst du das nächste Mal besser gleich mit. Kyra,“ wandte er sich nun an die leise schluchzende Frau auf dem Boden, „du weißt, wie viele es waren. Sag´ es ihm. Und sag´ ihm auch gleich, dass – sollte er das nächste Mal wieder eine falsche Zahl angeben - dass du dann die gleiche Anzahl noch einmal erhältst. Hast Du verstanden“,

sah er jetzt wieder mich an.

„Ja klar“, gab ich verdattert und eingeschüchtert zu und dann hörte ich Kyra von unten, wie sie ihm die korrekte Antwort gab. Kyra sah zu uns herauf.

„Es waren zehn, Chef.“ Und zu mir wandte sie sich mit den Worten:

„Und Du, bitte, bitte, verzähl dich das nächste Mal nicht mehr. Du hast gehört, was Charly sonst vorhat.“

Ihre Stimme und wie sie um meine Umsicht bettelte, das ging mir mitten ins Herz. Ich fühlte mich wirklich Scheiße, während ich sah, wie der Chef sich die Zahl zehn und daneben Kyras Namen auf einem Schmierzettel notierte. Mittlerweile war er zum Schreibtisch zurückgekehrt. Wahrscheinlich würde er später die Ausbeute seiner Strafaktion in eine Tabelle eintragen, nahm ich an. Es ging ja schließlich wirklich um bares Geld für ihn!

Ich trat an Kyra heran, fasste sie unter den Arm und während ich sie hochzog, funkelte ich Charly etwas an, als ich ihr versprach:

„Keine Sorge. Das nächste Mal werde ich besser aufpassen.“

„Danke“, kam es von ihr und beim zweiten „Danke“ wollte sie meine Hand nehmen. Ich traute zunächst meinen Augen nicht, aber es war genauso, wie es aussah: sie wollte meine Hand küssen. Aber ich zog sie reflexartig zurück. Denn schließlich war ich es, der sich bei ihr hätte bedanken müssen dafür, dass sie wusste, wie viele Hiebe auf ihren Rücken gezischt waren und dafür, dass sie all das im Grunde ja nur ertragen musste, weil sie mich verteidigen wollte.

„Du solltest niemals einer Sklavin deine Hand entziehen, wenn sie sie küssen möchte. Es sei denn, du wolltest sie bestrafen“,

hörte ich Charly jetzt sagen und sah zu ihm

„Wolltest du Kyra denn bestrafen? Gibt es einen Grund“,

hakte er unverhohlen nach

„Nein. Sie hat nichts Unrechtes getan. Im Gegenteil“, beeilte ich mich festzuhalten.

„Dann erlaube ihr, deine Hand zu küssen. Sie weiß, dass sie allen Grund zur Dankbarkeit dir gegenüber hat.“

Während der Belehrung von Charly war ich – aus welchem Grund auch immer – ein, zwei Schritte zurückgegangen und wollte jetzt wieder auf Kyra zugehen, da hörte ich erneut die Stimme meines Brötchengebers

„Halt! Bleib stehen! Du machst keinen Schritt. Selbstverständlich kommt sie auf dich zu!“

Wie angewurzelt blieb ich stehen und sah Kyra, wie sie auf mich zu gekrochen kam. Ich bewegte mich keinen Millimeter. Und erst, als sie vor mir war, den Kopf auf der Höhe meiner Knie, verdeutlichte Charly

„So! Jetzt darf sie dich noch einmal bitten.“

„Bitte“, kam es nun von ihr und mir wurde heiß, wie sie so vor mir kniete, „ich möchte mich bei Dir bedanken. Darf ich?“

Langsam streckte ich ihr meine Hand entgegen.

„Danke“, hauchte sie, nachdem sie ihren Mund auf den Handrücken gedrückt hatte. Ich war fasziniert von diesem Augenblick, aber Charly riss mich aus meinen Gefühlen.

„Lass dir immer sagen, wofür sie sich bedankt. Sie soll die Gelegenheit noch einmal bekommen, ihre Verbundenheit auch in Worte zu fassen!“

„Wofür bedankst du dich“, konnte ich, mittlerweile fast nur noch heiser herausbringen.

„Dass du wie Charly jetzt auch mein Herr bist. Dass Du das nächste Mal aufpassen wirst, wie lange ich ohne Lohn arbeiten muss. Und einfach, dass Du jetzt auch bei uns allen bist. Dafür danke ich dir!“

Charly ließ keine Zeit, ihre Worte zu genießen oder ihren Anblick, sondern seine feste Stimme platzte sofort in den – wie ich fand – magischen Moment:

„Jetzt kannst du sagen, was du möchtest. Wonach Dir der Sinn steht, es ist egal. Oder Du sagst nichts. Es liegt an dir.“

Ich sah auf sie hinunter, auf ihren Rücken, auf ihre Position und irgendwie kam mir das alles hier verkehrt vor, aber dann auch wieder richtig. Ich war hin und hergerissen. Als ich nicht gleich etwas erwiderte, wandte Charly sich noch einmal mir zu.

„So, jetzt hast gleich einmal einen Eindruck bekommen, wie die Kommunikation zwischen Herr und Sklavin ablaufen kann. Das passte jetzt, dass du das miterlebt hast. Und merk dir gleich. Du bist nie, hörst du, niemals im Unrecht. Schmink dir dieses Gefühl ein für alle Mal ab. Die Schuld ist immer auf der Seite der Sklavin.“

„Wenn Du möchtest, darfst Du Dir den Umhang für den Nachhauseweg nehmen, meine Rose. Deine Sachen bleiben in dem Fall natürlich wie immer im Schrank. Entscheide dich“,

hörte ich jetzt den Chef. Nun kümmerte er sich ausschließlich um Kyra und klang sogar wieder ganz sanft. Kyra schniefte noch, stand aber wieder auf zwei Beinen und zog ihr Oberteil, das aus Zeitnot um ihren Hals hängen geblieben war, über den Kopf. Danach sammelte sie ihre restlichen Klamotten vom Boden auf und ging damit zum Schrank.

„Komm setz dich“, kam jetzt Charlys Anweisung an mich.

„Man muss nicht stehen, während eine Sklavin eine Aufgabe erledigt. Es sei denn, man hielte dabei eine Peitsche oder Gerte in der Hand“, lachte er und zündete sich die erloschene Zigarre wieder an.

Ich setzte mich und wir sahen Kyra zu, wie sie jedes ihrer Kleidungsstücke auf einen extra Bügel hängte. Sogar den BH und den Slip jeweils auf einen. Dann entnahm sie dem Schrank einen weiten, roten, warmen Umhang ohne Ärmel, den sie sich umlegte und den sie zuhalten musste, damit er nicht von ihrem Körper glitt. Als der Stoff kurz ihren Rücken berührte, verzog sie das Gesicht und dann richtete sie ihre Ellbogen so nach hinten aus, dass sie damit das Gewebe von ihrer rückwärtigen Haut fernhalten konnte.

„Und was ist mit Deinem Mantel an der Garderobe“?

Charly blies kleine blaue Wölkchen in den Raum und ich wunderte mich über die Dickfelligkeit meines Chefs angesichts Kyras  desolatem Zustand. Er schien nicht die Bohne Mitleid mit ihr zu haben oder sich Gedanken darüber zu machen, dass sie ja ohnehin mit ihrer Gesundheit schon angeschlagen war.

Kyras Bewegungen, als sie mir den Umhang über die Beine legte und zur Garderobe lief, waren hektisch und verspannt.

„Verzeih“, murmelte sie vor sich hin und hängte ihre dicke Jacke auch über einen Bügel, bevor sie durch den Raum zurückgelaufen kam und sich den Umhang wieder schnappte. Charly hatte sie genüsslich beobachtet und strahlte übers ganze Gesicht. Man sah ihm seine Zufriedenheit jetzt an.

„Kyra weiß, was es sie kostet, ihre Sachen wieder zu bekommen. Ich möchte aber, dass auch du mit unseren Usancen vertraut wirst. Kyra, erklär es ihm“, murmelte er, während er an seiner Zigarre zu kauen schien.

„Für jedes Kleidungsstück, das hier im Schrank hängt und das wir wiederhaben möchten, dürfen wir einem Geschäftsfreund vom Chef oder ihm selbst mit unseren Lippen zu Diensten sein.“

Und während ich noch darüber nachdachte, was sie eigentlich gemeint hatte, sah ich Charly an, der schmunzelte und ich hörte, wie er sie lobte.

„Das hast du sehr schön ausgedrückt, meine Rose. Und gut, dass wir das Thema einmal ansprechen. Ich plane eine kleine Party für Freunde. Sieh doch gleich noch einmal nach, wieviel Sachen von Dir und den anderen sich da schon angesammelt haben?“

Kyra war sofort wieder verschwunden und studierte jetzt den Inhalt des Schrankes.

„Mir schwebt so eine kleine Fete mit acht Leuten vor. Sieh nach, ob das ausreicht, was du findest!“

Kyra drehte sich auf einmal herum.

„Zwei sind es von Leonore, eins von Jessi und fünf von Caro und meine sechs von heute“.

„Na dann reicht´s ja aus, wenn ich dich und Leonore hinzu bitte, oder?“

„Ja Charly“, antwortete sie demütig und schloss den Schrank. Dann kam sie schweigsam auf mich zu und bedeutete mir mit einem Blick in Richtung Ausgang, dass wir jetzt gehen sollten. Erst an der Tür, an die ich ihr gefolgt war, wandte sie sich nochmal Richtung Schreibtisch:

„Gute Nacht, Chef“

Mittlerweile schien Charly wieder ganz entspannt und versöhnt zu sein, obwohl er eigentlich auch vorher nicht direkt aufgebracht war, aber etwas konzentrierter würde ich sagen. Und darum wahrscheinlich antwortete er.

„Dir auch eine Gute Nacht, meine Rose. Und werd´ schnell gesund, hörst du?“

„Ja, das versuche ich, ganz bestimmt. Und danke noch einmal für alles“,

bestätigte sie, die Konsequenzen für ihr Verhalten verstanden zu haben und dann ging sie endlich vorwärts, während ich den Chef, als sich die Tür langsam schloss, noch sagen hörte

„Gerne, meine Rose. Nicht dafür.“

 

Bewertung

11 Votes with an average with 4.1