Wenn alles endet ...

Myka Night

 

Eine Erzählung, die schon länger fast fertig in den Tiefen meiner virtuellen Schreibtischschubladen schlummerte. Dank TaugeniX' und fantasy69's letzten Veröffentlichungen habe ich sie wieder hervorgekramt und heute beendet. Danke für Eure Inspiration, ihr beiden! LG, nachthimmel

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Gedankenverloren steht sie am leeren Bahnsteig, neben sich nur ein kleines Köfferchen und über ihrer Schulter eine elegante kleine Handtasche, deren Fassungsvermögen mit Puderdose, Lippenstift, Eyeliner und Wimperntusche vermutlich schon grenzwertig ausgelastet ist.

Ganz verloren steht sie da, völlig in sich versunken und starrt unentwegt auf die Gleise. In ihren schwarzen Nylons mit Zwickel und Naht, den schwarzen Stilettos und ihrem schwarzen Cashmeré-Wollmantel passt sie so gar nicht auf den Bahnsteig mit seinen kaugummigefleckten Pflastersteinen, den eddingbeschmierten Schalensitzen und der alten Überdachung, an dessen Metall schon überall die Lackschicht abblättert, und wo sich schon die verschiedensten Sprayer mit einem mehr oder weniger schönen Graffiti verewigt haben.

In ihrem eleganten Outfit hätte sie eher in eine edle Theatervorstellung oder gar eine Opernaufführung gepasst. Doch sie steht hier. Beinahe macht es den Anschein, als ob sie aus einer anderen Szene geradezu herausgeschnitten und einfach hierher gestellt wurde, als ein wahnwitziger Anflug von Kreativität eines unbekannten Künstlers. Eine beinahe unwirkliche Erscheinung.

 

Ganz allmählich füllt sich der Bahnsteig. Es ist Freitagnachmittag, Pendler zieht es endlich nach Hause, man freut sich aufs Wochenende, ist voller Pläne für den heutigen Abend und die folgenden. Touri's mit grossen, schwer bepackten Rucksäcken zieht es in die Natur, lachend und scherzend kommen sie in kleinen Gruppen über das Pflaster geschlendert, vertieft in ihre Planungen. Die Frau mit dem Köfferchen beachten die wenigsten, zu sehr ist jeder mit sich selbst beschäftigt.

Junge Mädchen, die sich nach der ach so anstrengenden Schulwoche noch mit einem Shopping-Trip belohnt haben, flanieren mit übergroßen Handtaschen gackernd den Bahnsteig entlang als wäre es ein Catwalk. Ein paar Männer mittleren Alters verdrehen sich möglichst unauffällig den Hals nach ihnen, starren auf das knackige feste Fleisch ihrer Schenkel.

Ein alter Herr mit schlohweißem Haar beugt sich lächelnd noch ein wenig mehr auf seinen Krückstock, damit er den Schülerinnen ganz offensichtlich noch ein wenig länger nachblicken kann. Er genießt die Gunst des Alters, schöne Dinge wieder unverhohlen betrachten zu können, ohne dass er sich um die Meinung anderer kümmern müsste. Die wohlgeformten Beine in den klassischen schwarzen Nahtstrümpfen hatte er schon ausgiebig bewundert, doch die Frische der Jugend hatte ihn wieder abgelenkt.

Eine Gruppe Halbwüchsiger betritt den Bahnsteig. Breitbeinig, mit wippendem Gang und herausgestreckter Brust sind sie die Könige der Welt. Auch wenn sie mehr wie balzende Gockel anmuten. Als sie an der Frau in den Stilettos vorbeikommen, halten sie kollektiv für einen Moment inne und begutachten den erotischen Anblick der bestrumpften, gestreckten Beine, bekunden mit Pfiffen und pubertären Anmachsprüchen ihr Interesse.

Doch das Objekt ihrer Begierde reagiert in keinster Weise, und so erlahmt das ohnehin nicht ernstgemeinte Interesse der Jungen augenblicklich, und richtet sich auf die kichernden Mädchen einige Meter weiter an der Fahrplanauskunft.

Die Frau scheint von alledem nichts mitzubekommen. Kerzengerade steht sie da, mit durchgedrückten Schultern und die Füße eine Handbreit nebeneinander.

***

So hat es ihr Herr ihr beigebracht. Immer eine Handbreit auseinander, so dass sich die Knie nicht berühren. Schulterbreit nur, wenn sie sich präsentieren sollte. Bauch rein, Arsch raus. Und dann natürlich auch die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und die Brust herausgedrückt, damit ihr Herr einen ungehinderten Blick auf ihre Sklaventitten und ihre Sklavenfotze hatte.

Und natürlich hatte sie dabei immer ihren Blick gesenkt zu halten. Schultern herunter, ihren ohnehin langen Hals gestreckt, und nie durfte das Kinn die Brust berühren. Auf solche Kleinigkeiten achtete ihr Herr immer ganz genau. Jede noch so kleine Fehlhaltung wurde strengstens bestraft.

 

Am Anfang hatte er sie sehr oft bestrafen müssen. Stundenlang hatte er sie in den Positionen verharren lassen, bis ihr schwindelig wurde und sie schließlich hinfiel. Oder fürchterliche Krämpfe ihre Muskeln erschütterten, bis diese ihr den Dienst versagten. Doch auch wenn sie die Schläge mit der Gerte am Ende kaum noch zu zählen vermochte, fing seine Fürsorge, wenn er ihre Waden massierte oder ihren Kreislauf mit Wasser und Traubenzucker wieder stabilisierte, sie jedesmal wieder auf.

Es war von Anfang an eine eigenartige Liebe zwischen ihnen, schwankend zwischen Furcht und Freude, Schmerz und Erfüllung. Seine Liebe hatte sie nie in Sicherheit gewiegt, sie war nie selbstverständlich geworden, immer abhängig von ihrer Willigkeit und Leistungsbereitschaft. Und seinen Launen. Und doch fühlte sie sich richtig an.

Sie hatte geahnt, dass sie ihn mehr liebte, als er sie, doch immer die Hoffnung gehabt, dass er sie im Laufe der Zeit vielleicht genauso lieben könne. So uneingeschränkt wie sie ihn. Vielleicht, wenn sie sich Mühe gäbe, ihm jeden Wunsch von den Augen ablese. Wenn sie endlich gut genug und eine mustergültige Sklavin wäre.

Der Ehrgeiz packte sie und im Laufe der Zeit wurde ihre Haltung immer besser und die Gertenhiebe immer weniger, bis sie sich irgendwann formvollendet präsentieren konnte. Auch wurde sie immer geschickter, was das Erraten der Wünsche ihres Herrn anging, von der fehlerlosen Ausführung ganz zu schweigen. Das ausgerechnet dies der Anfang vom Ende war, kann sie heute noch nicht begreifen.

***

Eine Träne löst sich aus ihrem Auge und sucht sich ihren Weg die Nase entlang, bis sie im Mundwinkel hastig und mit einem Schluchzer von ihr fortgewischt wird. Ihre perfekt manikürten und rot lackierten Fingernägel krallen sich in das Papiertaschentuch und knüllen es zu einem kleinen festen Ball zusammen. Nur eine kurze Bewegung für einen Außenstehenden, dann scheint die Frau wieder erstarrt.

***

Heute liegt der gesenkte Kopf etwas mehr auf der Brust als sonst. Ihren Herrn würde es jetzt eh nicht mehr kümmern. Er hatte sie fortgeschickt. Verkauft. Ein kleiner Zettel in ihrer rechten Manteltasche sagt ihr die Adresse ihres neuen Besitzers. Deswegen steht sie hier so verloren zwischen all den Menschen hier auf dem Bahnsteig.

 

Erst heute Morgen hatte er es ihr gesagt. Nachdem sie sich, wie jeden Morgen, geduscht, gespült und entleert hatte, gab ihr Herr ihr die Anweisung, alle ihre Hygieneartikel in ihren Kulturbeutel zu verstauen. Sie hatte keine Fragen gestellt, denn im Laufe der Zeit hatte sie gelernt, dass er Rückfragen nicht wünschte. So manche rote Strieme auf dem Hintern hatte ihr dies im Laufe der Zeit mehr als nachdrücklich verdeutlicht.

Als sie aus dem Bad kam, hatte er ihre Sachen schon herausgelegt. Wie jeden Tag. Heute war es etwas Neues. Eine schwarze Hebe mit passendem Strapshalter und schwarzen Nahtstrümpfen. Sogar die Schuhe waren neu. Ein wenig wunderte sie das schon.

Als sie angezogen aus dem Schlafzimmer kam, und ihrer täglichen Hausarbeit nachgehen wollte, hielt er sie davon ab. Er müsse mit ihr reden. Führte sie ins Wohnzimmer und drückte sie auf die Couch.

Das war der Moment, in dem sie zum ersten Mal unruhig wurde. Sie hatte seine Couch immer nur pflegen dürfen seit sie bei ihm eingezogen war, als seine Sklavin immer nur zu seinen Füßen auf einer Decke sitzen dürfen. Dort war ihr Platz. Anfangs hatte sie dagegen aufbegehrt, konnte nicht verstehen, warum er sie wie einen Hund zu seinen Füßen wissen wollte. Doch einige Stunden auf Reiskörnern kniend brachten sie wieder zur Vernunft.

Er wollte es so. Und sie liebte ihn doch. Was waren da schon einige kleine Eingeständnisse ihrerseits gegen sein Wohlwollen? Und so fügte sie sich. Gehorsam wie sie war, hielt sie sich auch daran, wenn ihr Herr nicht im Hause war. Seine Gebote und Verbote waren ihr im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut übergegangen.

Er setzte sich neben sie, nahm ihre Hand und räusperte sich. Da hätte sie eigentlich schon wissen müssen, dass irgendetwas nicht stimmt. Doch eine perfekte Sklavin fragt nicht nach. Sie funktioniert. Und sie war eine perfekte Sklavin.

Mit leicht krächzender Stimme begann er seine Ausführungen. Sagte ihr, dass er sie sehr schätze und sie mittlerweile wirklich eine mustergültige Sklavin sei. Er hatte bei ihrem ersten Treffen damals schon gespürt, dass sie dieses unbändige Feuer der Hingabe in sich trüge, und auch den nötigen Ehrgeiz dazu besäße eine wirklich vollkommene Sklavin zu werden. Genau deswegen hatte er sich in sie verliebt. Sie war ein ungeschliffener Diamant, den er schleifen wollte. Nun sei sie makellos, und er wirklich, wirklich stolz auf sie.

Ein Lächeln huschte kurz über ihr Gesicht. Sie freute sich über sein Lob, denn es kam ausgesprochen selten über seine Lippen.

Er ließ seine Worte kurz wirken, denn er wusste genau wie er sie um den Finger wickeln konnte. Er hatte es im Laufe der Zeit geradezu zur Perfektion gebracht. Dann setzte er zum tödlichen Dolchstoß an ...

Im Laufe der Zeit sei jedoch etwas passiert was er nicht vorausgesehen hatte. Je fehlerloser sie wurde, desto weniger befriedigte ihn seine Rolle als Dom. Er hatte immer weniger zu erziehen, und langweilte sich zusehends.

Er vermisste ihr Aufbegehren, wenn sie ihren Willen durchsetzen wollte, ihre eindeutigen Manipulationsversuche, wenn sie ihn zu besänftigen versuchte, oder ihn zu etwas überreden wollte. Es waren die Dinge, die ihn gefordert hatten, als Dom die Zügel in die Hand zu nehmen und ihre Beziehung zu lenken.

Je geschulter sie wurde, desto besser erkannte sie seine Wünsche, und erfüllte diese zu seiner vollsten Zufriedenheit. Und trotzdem wurde er immer unzufriedener. Zu Beginn hatten sie sich so viel zu erzählen, doch im Laufe der Beziehung wurde ihre Kommunikation immer weniger, denn es ging ja alles seinen Gang. Sie erledigte ihre Aufgaben immer besser, und beraubte ihn so nach und nach seiner Aufgabe.

Und deswegen sei er schließlich zu dem Schluss gekommen, dass seine Aufgabe nun beendet sei, er habe sie erfolgreich zu einer vorbildlichen Sklavin erzogen und müsse sich nun neuen Herausforderungen stellen.

Die junge Frau mit den schulterlangen blonden Haaren, die er nunmehr seit zwei Monaten immer wieder zum Spiel dazu holte, hatte den Wunsch geäußert, auch eine so mustergültige Sklavin werden zu wollen, wie sie es war. Sie war absolut fasziniert von ihrer Hingabe und ihrer Perfektion. Und er war nun zu dem Entschluss gekommen, dass er sich ihrer annehmen wolle.

Hatte sie zu Anfang keine Fragen gestellt, weil sie eine gut erzogene Sklavin war, konnte sie nun keine stellen, weil sie zu geschockt war. Er hatte es geschafft, ihre lange gemeinsame Zeit mit ein paar wenigen Sätzen zu Staub zu zermahlen. Ihr wurde schwindelig.

Sie bat darum, eine Frage stellen zu dürfen. Als er es ihr gestattete, fragte sie, wie er sich das Leben mit zwei Sklavinnen den vorstelle.

Als er sich erneut räusperte und sich verlegen durch die Haare fuhr, reichte dies eigentlich schon aus, sie wusste, was er ihr nun eröffnen würde. Er erklärte, dass das Bild nach außen hin ja gewahrt werden müsse, und in seinem Haus keine Polygamie Einzug halten könne. Was würden da die Nachbarn denken? Deshalb habe er alle möglichen Hebel in Bewegung gesetzt, um sie gut unterzubringen.

Der ältere Herr, der letzte Woche zu Besuch kam und den sie bedient hatte, war äußerst angetan von ihr. Er suchte eine bereits vollständig ausgebildete, professionelle Sklavin als Ersatz für seine kürzlich verstorbene Frau, und war bereit, einen mehr als angemessenen Betrag dafür zu zahlen. Da er sich jedoch nicht an ihr bereichern wollte, hatte er ihr ein Konto eingerichtet, auf dem er dieses Geld für sie angelegt habe. Für ihre Zukunft. Schließlich sei er ja kein Unmensch.

Irgendwann nach älterer Herr verließen sie ihre Sinne. Sie bekam kaum mehr mit, dass er ihr in ihren schwarzen Cashmeré-Mantel half, und sie mit dem Auto zum Bahnhof fuhr. Wie er ihr dort galant wie immer aus dem Wagen half, ein kleines Köfferchen aus dem Kofferraum holte und ihr in die Hand drückte. Ihr ihren Fahrschein und ein wenig Kleingeld gab, sie auf die Stirn küsste, und ihr beteuerte, wie stolz er auf sie sei, und wie sehr er ihre Tapferkeit und Contenance bewunderte.

Wie sie auf den Bahnsteig gekommen war, wusste sie überhaupt nicht mehr. Doch nun stand sie hier.

***

Aus dem Lautsprecher ertönt eine weibliche Stimme. Die Dame der Bahngesellschaft kündigt die Einfahrt des Zuges mitsamt seiner Anschlussstellen an, und vermeldet eine Verspätung von ungefähr fünfzehn Minuten.

Die Backpacker-Touri's lassen sich davon kaum stören, die Pendler schauen entweder schicksalsergeben an die Hallendecke oder genervt auf ihre Uhren, und manch einer zückt sein Handy, um der Frau daheim zu vermelden, dass sie das Abendessen noch ein wenig zarter garen kann. Ausgerechnet die jungen Mädchen stöhnen übermäßig laut auf und beschweren sich lauthals über dieses inkompetente Unternehmen, welches seine eigenen Fahrpläne nicht einzuhalten vermag, und diskutieren in geradezu aufdringlicher Lautstärke und distanzlos über weitere Missstände in diesem Fahrgeschäft.

Die Frau in dem Cashmeré-Mantel steht weiterhin unbeweglich da, die Lautsprecherdurchsage scheint spurlos an ihr vorübergezogen zu sein. Tatsächlich hat sie die Durchsage überhaupt nicht registriert. Sie war zu unbedeutend, als dass sie zu ihr durchgedrungen wäre.

***

Sie ist noch immer damit beschäftigt, ihre Gedanken zu sortieren. Nichtsahnend war sie heute morgen aufgestanden, eine glückliche, ihren Herrn liebende Sklavin, und nun ist sie auf dem Weg zu einem unbekannten Mann, an den sie verkauft wurde. Wie ein abgelegtes Kleid, welches man lange Zeit gerne getragen hat, dessen man aber jetzt überdrüssig geworden war.

Was war nur passiert, dass er sie nicht mehr wollte? Sie hatte doch wirklich alles getan, was er von ihr verlangt hatte?! Sie hatte sich ihm unterworfen, und das in einem Maße, wie sie es selbst nie für möglich gehalten hätte. Und wie ihre Eltern und Freunde es nie verstanden hatten. Doch sie hätte alles getan um bei ihm, ihrem geliebten Herrn bleiben zu können. Alles was er verlangte. Sie liebte ihn doch über alles! Und wenn sie sich von ihm nach seinen Wünschen formen lassen würde, um schließlich die perfekte Frau an seiner Seite zu sein, würde er sie vielleicht auch endlich lieben können...

Sie gab ihre gutbezahlte Stelle als Privatsekretärin des medizinischen Leiters einer privaten Schönheitsklinik auf, um zu ihm zu ziehen. Ihre Eltern und Freunde erklärten sie für verrückt. Auch dass er bestimmte was sie trug und sie, die vormals kleine graue Maus, plötzlich tief ausgeschnittene Kleider und hautenge Pencil-Skirts mit halbtransparenten Blusen trug, und auf High Heels mit schwindelerregenden Absätzen lief, stieß auf wenig Gegenliebe. "Du bist doch keine Nutte!", brüllte ihr Vater sie bei ihrem letzten Besuch an, und ihre Mutter brach in Tränen aus. Fluchtartig verließ sie ihr Elternhaus und kehrte nie wieder zurück.

Das war vor gut fünf Jahren. Verletzt zog sie sich nach und nach auch von ihren Geschwistern und ihren alten Freunden zurück, denn niemand akzeptierte ihren Herrn. 'Er tut Dir nicht gut.', 'Er nutzt Dich nur aus!', 'Dieser Kerl macht Dich nur unglücklich!'. Diese und andere Aussagen schlugen ihr ständig von den Menschen entgegen, von denen sie dachte, dass ihnen ihr Wohl am Herzen liegen würde.

Sie war doch glücklich! Unendlich glücklich!! Warum konnten ihre Eltern, Geschwister und Freunde das nicht erkennen? Und vor allem, wieso konnten sie ihr das Glück denn nicht gönnen? Oder es wenigstens akzeptieren?

Ihrem Herrn schienen die negativen Feedbacks ihres Umfeldes nicht zu berühren, er schien wie ein Fels in der Brandung zu stehen, sicher und unverrückbar. Das hatte sie an ihm immer so bewundert, es hatte sie von Anfang an zu ihm hingezogen. Sie, die sich ihrer selbst meistens überhaupt nicht sicher war, hatte in ihm eine Stütze gefunden, einen sicheren Halt für ihr Leben.

Liebevoll half er ihr über ihren Verlust der weggebrochenen Freunde und Familie, indem er ihre Aufmerksamkeit auf ihre Pflichten und Aufgaben als Sklavin lenkte. So füllte er die entstandene Lücke mit seinen Anforderungen und Reglements, und sie stürzte sich mit Feuereifer in ihr neues Leben hinein, denn sie wollte doch so unbedingt die Frau und Sklavin werden, die er sich wünschte, gleichermaßen seine Traumfrau werden, wie er ihr Ritter in goldener Rüstung war!

So übte sie stundenlang die verschiedenen Positionen, von ihrem Herrn vorgeschriebene Handlungsabläufe, und kam sich dabei manchmal vor wie eine japanische Geisha. Und es erfüllte sie mit Stolz, dass ihr alles, was er ihr beibrachte und auftrug, mit der Zeit immer leichter von der Hand ging.

Belohnt wurde sie von ihrem Herrn mit den erfüllendsten Orgasmen, die sie je hatte, hochgepeitscht durch Enthaltsamkeit, Demütigung und Schmerz. 'Man kann das Gute erst dann genießen, wenn man auch das Schlechte annimmt', hatte ihre Mutter ihr immer gesagt. Ob sie damit auch den Sex gemeint hatte?

***

Ein abgerissener Obdachloser taucht auf dem Bahnsteig auf, will bei den Wartenden seinen nächsten Sprit schnorren. Eine ausgeklügelte Taktik, denn weit können die Angesprochenen ja nicht fliehen.Unsicher torkelnd steuert er auf den nächstbesten Wartenden zu, in seiner Hand einen alten zerknitterten Pappbecher vom 'Mäcces', den er auffordernd dem Anzugträger mit Lederkoffer neben sich entgegenstreckt. Dieser ignoriert ihn so gut er kann, indem er eifrig irgendetwas Wichtiges in sein Smartphone tippt.

Verächtlich die Nase rümpfend torkelt der Penner weiter, doch jeder Wartende versucht ihn auf die gleiche verschämte Art zu ignorieren, lediglich die Art der Ablenkung variiert. Als er eine kleine zierliche alte Frau mit ihrem Einkaufswägelchen ansteuert, die in einem viel zu großen Mantel steckt, fängt das kleine zerzauste Fellknäuel zu ihren Füßen an zu knurren. Je näher der Obdachlose sich der alten Dame nähert, desto hysterischer versucht der kleine zottelige Malteser den Angreifer zu verbellen. Der wiederum scheint noch am letzten Kater zu leiden, denn er wechselt freiwillig die Richtung, und sucht sich ein neues 'Opfer'. "Schhhh, schhhh, Brutus! Is ja allet joot, haste fein jemaat, Mama is ja hier!" tätschelt die Alte mit ihrer knotigen Hand ihren Liebling.

Die Frau im Cashmeré-Mantel hat von alledem nichts mitbekommen, immer noch tief in Gedanken versunken steht sie reglos neben ihrem kleinen Köfferchen. Auch den Obdachlosen scheint sie nicht zu bemerken, selbst als er schon direkt bei ihr steht. Auffordernd schüttelt er seinen Pappbecher, ein paar Münzen klimpern am Boden. "Ham'se ma 'n pa Euro für'n Bedürftjen, gnädje Frau?!"

Erschrocken starrt die Angesprochene ihn an, geradewegs aus ihren Gedanken gerissen. "Wie bitte? ... Oh! ... Nein, tut mir leid, ich habe kein Geld bei mir." Der Penner winkt verächtlich ab. "Ja, ja, immer dat Gleiche! Die uffjetakelsten Tussi's ham nie Kohle dabei! Zahlst wohl allet mitte Kaate, wat?! Kütt noch, dat ich mir demnächs' so'n Jerät zulejen muss, damit de fein'n Herrschaft'n ma' wat spring'n lass'n, wa'!?"

Noch immer schimpfend und motzend trollt er sich zur nächsten Gruppe, den 'Shopping-Prinzessinnen', die daraufhin ihre Gesichter verziehen und quietschend zurückweichen, als würde eine überdimensionale, haarige Spinne auf sie zu kriechen, oder mindestens eine fette zähnefletschende Ratte sie beschnuppern wollen. Die Frau in Schwarz hingegen ist schon wieder ganz in sich selbst versunken.

***

Warum hatte sie von alledem nichts bemerkt? Es hätte ihr doch auffallen müssen! War sie so in ihrer heilen Welt gefangen gewesen, dass sie die Augen vor dem Wesentlichen verschlossen hatte?

Gewiss, sie hatte sich schon gewundert, warum er vor einiger Zeit damit anfing, Gäste zu ihren Sessionen einzuladen. Am Anfang waren es Paare in gleicher Konstellation. Das gemeinsame Spiel war durchaus erregend, und gemeinsam litt es sich durchaus besser.

Dann folgten devote Singledamen. Das Spiel mit einer Frau war schon seltsam, doch sie tat es ihrem Herrn zuliebe. Sie wollte ihn doch nicht verlieren. Er wollte das Liebesspiel zweier Frauen genießen, also würde sie ihm den Wunsch erfüllen. Im Laufe der Zeit wurde sie sogar richtig gut darin, andere Frauen zum Orgasmus zu bringen und eigene vorzutäuschen. Doch wirklich genießen konnte sie es nie. Sie war wohl eindeutig hetero.

Zu guter Letzt lud er auch einige Herren zum Spiel ein. Führte voller Stolz seine gut ausgebildete Sklavin vor und erntete Lob und Anerkennung. Es kostete sie anfangs viel Überwindung, anderen Männern außer ihrem Herrn zu Diensten zu sein. Doch das Gefühl, ihren Herrn stolz zu machen ließ sie alles ertragen, und zum Schluss sogar so etwas wie Befriedigung und Stolz zu spüren, auch wenn sich das laut ihrem Herrn für eine Sklavin nicht ziemte.

Die Männer wechselten, die Frauen auch. Bis sich ihr Herr eine dauerhafte Gespielin für ihre Sessionen dazu holte. Ihre Eifersucht rügte er, zweifelte ihre Liebe an. Es verletzte mehr als jeder Gertenhieb. Ihre Zweifel küsste er mit Liebesbekundungen einfach beiseite, lobte ihre Perfektion und schmeichelte ihr, dass sie mit ihrem hervorragenden Wissen einer blutigen Anfängerin doch ein wenig Starthilfe geben könne. Er lächelte sein umwerfendstes Lächeln und setzte noch nach, dass doch wirklich niemand so perfekt werden könne wie sie, was mache sie sich denn überhaupt Sorgen?!

Sie konnte ihm den Wunsch nicht abschlagen. Eigentlich konnte sie ihm noch nie einen Wunsch abschlagen. Doch dass sie ihre eigene Nachfolgerin einweisen würde? Das hatte er ihr nicht gesagt.

***

Tränen laufen der Frau am Bahnsteig nun ununterbrochen in kleinen Rinnsalen über ihre Wangen. Unmerklich zittern ihre Schultern.

"Jeht et Ihnen nit joot, Frollein?" Die Alte mit dem Einkaufswägelchen und dem kleinen struppigen Kläffer hat sich an die Frau im Cashmeré-Mantel herangeschoben, und reicht ihr nun mit ihren knochigen Fingern ein Papiertaschentuch. Dankbar nimmt die Frau die barmherzige Gabe an und bedankt sich artig. Die Alte mustert sie nachdenklich von unten, während diese leise in das Taschentuch schnaubt.

"Wissen Se wat?! Der Kerl, der Ihnen dat Herz jebrochen hat, isset jar nit wert, dat Se ihm nachweinen. So'n hübsches Mädel lässt man nit loofe." Ohne eine Antwort abzuwarten trollt sie sich wieder von dannen, ständig mit ihrem kleinen Hund redend.

***

Oh Gott, es tut so weh! Als ob das Herz in abertausend Stücke zerspringen will! Er hatte ihr ein glühendes zweischneidiges Messer in ihre Eingeweide gejagt und langsam herumgedreht. Sie verspürt Schmerzen, würde sich am liebsten zusammenkrümmen, ihren Bauch halten und schreien. Leider wird sie an dieser Verletzung nicht schnell sterben, sondern elend langsam daran verbluten. Wochen und Monate wird diese Wunde tropfen, vielleicht sogar Jahre. Sie wird Schmerzen leiden die kein Schmerzmittel der Welt lindern kann.

Nacht für Nacht wird sie sich einsam in den Schlaf weinen, bis die Erschöpfung sie irgendwann übermannen und erlösen wird. Doch wenn ihr Herz einen schlechten Tag hatte und grantig ist, wird sie auch dann nicht zur Ruhe kommen können, weil die Selbstzweifel und die Selbstvorwürfe immer die gleichen Fragen in ihren Kopf hämmern werden.

Den Tag wird sie wie im Nebel verbringen, nicht fähig, ein Gegenüber im dichten Weiß zu erkennen. Gefangen in einer sich immer weiterdrehenden Spirale, nicht fähig, diese zu durchbrechen. Wie ein Drogensüchtiger werden sich ihre Gedanken in kleinen, engen Kreisen wie ein hungriges Raubtier um die immer gleichen Fragen schleichen, ohne jemals zum Sprung anzusetzen, und seine Begierde an der Antwort stillen zu können. War das noch ein Leben?

Warum hatte er ihr das angetan? Warum hatte er sie in seine Welt gelassen, um sie dann wieder aus ihrem kleinen Paradies zu werfen, wie Gott das erste Menschenpaar? Was hatte sie nur getan, dass er ihr ihre Liebe und Hingabe so vergalt? Lag es lediglich daran, dass sie unter seiner Hand zu einer ausgereiften, makellosen Sklavin geworden war? Sie ihm nun keine Anreize mehr bot, weil sie genau das geworden war, was er letztendlich doch immer wollte? Oder lag es vielleicht eher daran, dass er sie eigentlich nie geliebt, und sie lediglich als 'Projekt' gesehen hatte, um sich die Zeit zu vertreiben?

***

Bitterkeit mischt sich in die Traurigkeit, schnürt der Frau die Kehle zu. Sie versucht zu atmen, doch ihr Herz und ihr Kopf möchten am liebsten auf der Stelle den Freitod vollziehen und haben ihr die Kehle zugeschnürt. Verzweifelt ringt sie nach Luft, doch erst nach einigen Malen füllen sich ihre Lungen wieder mit Sauerstoff.

Die Alte mit ihrem Hund ist zwischen den vielen Menschen nur noch zu hören, und in dem Trubel der jetzt auf dem sich immer weiter füllenden Bahnsteig herrscht, achtet niemand mehr auf die Frau im Cashmeré-Mantel. Völlig einsam steht sie inmitten unter den Pendlern und Reisenden.

***

Sie hatte ihm ihr Herz gegeben. Mit voller Hingabe. Ein Geschenk von ganzer Seele. Und er hatte es verkauft. Wie Esau sein Erstgeburtsrecht für ein simples Linsengericht. Lieblos und ohne jegliche Wertschätzung. Er hatte ihre Seele mit Füßen getreten. Sie wie einen räudigen Köter davon gejagt.

Wie soll sie nun mit einer solchen Schmach leben, nachdem sie achtlos alle Warnungen in den Wind geschlagen hatte? Wie würden ihre Freunde reagieren? Vor allem ihre Familie, mit der sich sich gerade wegen ihm zerstritten hatte? Würden sie ihr verzeihen? Sie wieder in ihre Mitte aufnehmen? Vor allem - könnte sie ihnen überhaupt noch unter die Augen treten, vor lauter Scham?

Und ihr neuer Herr? Wie würde er sie behandeln? Er hatte sie wie einen Besitz gekauft, wie ein Haustier, ein Möbelstück. Würde er sie besser behandeln als ihr alter Herr? Oder würde er sie genauso benutzen und gebrauchen, ohne Rücksicht auf ihre Gefühle, ihre Bedürfnisse?

Wohin sollte sie jetzt nur gehen? In ein neues unfreies Leben zu einem neuen Herrn? In eine neue Abhängigkeit? Als gehorsame, perfekte Sklavin? Ihrem alten Herrn ein letztes Mal alle Ehre erweisen und seine erzieherische Fähigkeit untermauern? Oder sollte sie ihr Leben endlich wieder in die eigene Hand nehmen und beiden Herren mit Ungehorsam trotzen, sie beide in einem letzten Akt brüskieren? Konnte sie das überhaupt? Noch einmal komplett bei Null anfangen?

Sie steht an einer Weggabelung, weiß nicht, welchen der beiden Wege sie einschlagen soll. Die Teile ihres zerbrochenen Herzens scheinen wie Millionen scharfer Glassplitter in ihr Fleisch zu schneiden, bereiten ihr geradezu körperliche Schmerzen.

In ihrer Verzweiflung und ihrem unendlichen Schmerz fällt ihr Blick mit einem Mal auf die Gleise und erkennt plötzlich einen dritten Weg. Einen ganz einfachen. Einen, der keinerlei Planung erfordert, keinerlei Schmach bereithält, keinen Schmerz, keine Demütigungen, kein Leid. Einen, der auch nicht mit falschen Versprechungen lockt. Völlig klar und nüchtern, geradezu kalt, eröffnet er ihr eine völlig neue Option.

Eine scheinbare Unendlichkeit blickt sie auf diesen zwar dunklen, aber in diesem Moment nur allzu verlockenden Weg.

Dann geht ein Ruck durch ihren Körper. Sie hebt den Kopf, mehr als es sich für eine Sklavin geziemt, streckt sich und drückt die Brust durch. Sie hat sich entschieden ...

***

Die Bremsen der Bahn greifen früher als gewöhnlich, und bringen den Zug mit ohrenbetäubenden Geschrei zum Stehen. Einige der Wartenden auf dem Bahnsteig halten sich aufgrund des unangenehmen Quietschens die Ohren zu, suchen hektisch nach dem Grund des abrupten Bremsens.

Entsetzte Gesichter auf dem Bahnsteig richten sich erschrocken und auch neugierig dorthin, wo sie den Grund für das verfrühte und plötzliche Bremsmanöver vermuten, und wo die Frau, die optisch so gar nicht auf diesen Bahnsteig passt, gestanden hatte. Und nun nicht mehr steht...

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Kommentare

Eine bewegende Geschichte, Nachthimmel ... und vom Inhalt abgesehen auch formal gelungen, finde ich. Diese Konzentration auf den einen einen Ort, auf den inneren Film ... und besonders gefallen haben mir auch die Andeutungen von Details der Erziehung: nichts ausgewalzt, alles so angedeutet, dass es sich in der Fantasie des Lesers entfalten muss oder gar nicht ... ganz besonders liebe ich die Reiskörner ;-) Und die Schlüssigkeit im Berufsbild ... beim Lesen dachte ich mir schon bald, das ist die typische Chefsekretärin oder "Vorstandsassistentin" ... ich kenne viele, die den größten Teil ihres Lebens in aller Hingabe in Vorzimmern vergeuden, sich ausbeuten lassen, demütigen ... und ganz ohne die Befriedigung, die im SM ja immerhin mitspielt, mitspielen kann. Und dann war sie tatsächlich Sekretärin ;-)

Und ich weiß wieder einmal, warum ich jedes Mal die Kurve kratze, wenn Hörigkeit ins Spiel kommen könnte ...

Myka Night

In reply to by BonSado

... sind total fies! Ihre Form und Größe machen sie zu sehr schmerzhaften Gegnern von Schienbein und Knie... ;-)

Das das Berufsbild so schlüssig ist, war mir gar nicht so bewusst, aber ich denke, du hast recht. Viele Assistenzkrafts- und Sekretärinnenberufe zeichnen sich durch viel Arbeit im Hintergrund aus, unsichtbar, mit Zeiteinsatz weit über das Normalmaß hinaus und überdurchschnittliches Engagement wird oft für selbstverständlich genommen... ja ich glaube, dafür braucht man schon eine besondere menschliche Eignung. :-)

Dankeschön für deinen Kommentar, ich freu mich sehr, dass Dir meine Herschmerz-Geschichte gefällt!

LG, nachthimmel

nach Worten und findet doch keine ... hinterlässt 6 vollgeschluchzte Taschentücher und verzieht sich schweigend wieder

Myka Night

In reply to by Kya

... ich werde sie liebevoll über die Leine legen, bügeln, falten und sorgfältig aufbewahren.

Es freut mich sehr, wenn ich Dich berühren konnte. Genau das hatte ich mit dieser Geschichte erhofft.

LG, nachthimmel

liebe Nachthimmel, ich muss leider ins Dienst und bin sogar schon zu spät., weil ich fertig lesen wollte - musste. Ich halte Deine Geschichte fest im Kopf und werde hier nach Dienstschluss etwas schreiben. Derweil nur ein großer Dank und 6 Sterne.

Tolle Geschichte, sprachlich, stilistisch sehr gut, mit traurigem Ende.

Aber das muss es auch geben.

Zumal das Ende sich für mich zwar überraschend, aber stimmig anfühlt.

Ich hoffe es gibt davon noch mehr. Also nicht von dem traurigen Ende.

Aber weitere Geschichten in diesem Stil wären toll.

Myka Night

In reply to by anatsein

Eigentlich hatte ich gar kein trauriges Ende geschrieben, sondern nur ein offenes. Meine Prota hat zwei Richtungen, in die sie gehen kann. Welche sie wählt, bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.
Denn aus welchen Gründen der Zug früher stoppt, ist irrelevant...

Vielen Dank für dein Lob, ich freue mich, dass dir meine Erzählung gefällt. So viele Reaktionen spornen an, sich weiter anzustrengen, um weiterhin mit guten Geschichten unterhalten zu können.

LG, nachthimmel

spielen die Doors in meinem Kopf. Danke fuer die geschichte. Ich kenne dieses Gefuehl.Auch ich habe fuer einen Mann alles aufgegeben. Er hat mir alles zum Ueberleben beigebracht. Wir haben die Welt gesehen. Ich habe ihn mehrfach zusammengeflickt. Dann verschwindet er 2007 bei der Durchquerung des Darien Gap. Von Mensch und Maschine fehlen bis heute jede Spur. Wie kann jemand verschwinden, der schon in Kriege geriet, im Aouzo Streifen war.... wie kann jemand verschwinden auf einer Strecke von weniger als 100 Meilen. Die Leere bleibt. herzlichst 

Elvira

Myka Night

In reply to by elvi_bitche

Es tut mir so leid, dass du so eine Leere spüren musst. Dir ergeht es ja noch vieundchlimmer als meiner Protagonistin, denn an Dir nagt seit Jahren die Ungewissheit.
Ich wünsche dir, dass du diese Leere gut füllen kannst mit positiven Erlebnissen und guten Freunden...

Dankeschön fürs Lesen und dass dir die Geschichtet gefällt!

LG, nachthimmel

Ich habe den Autor dieses Zitats ehrlich vergessen, - vermutlich, weil ich diesen Satz so gerne selber geschrieben hätte. - Da predigt Abraham einem heidnischen Priester den Monotheismus und preist die Allmacht und Größe des EINEN Gottes. Das hört sich der Mann aufmerksam an und antwortet: "Wenn Dich aber dieser Dein EINZIGER Gott verläßt, dann ist kein Mensch auf Erden einsamer als Du." 

Was mich immer neu an diesen TPE-Beziehungen so erstaunt, ist der Gehorsam als Selbstzweck. Ich glaube, dass gerade diese "Inhaltslosigkeit" des Gehorsams, das Fehlen eines übergeordneten Ziels die Ursache eines malignen Verlaufs in vielen Fällen ist. Es gibt mehrere menschliche Gemeinschaften, die nach einem mehr oder weniger vorbehaltslosen Gehorsamsprinzip funktionieren. Doch immer hat der "Führer" ein Ziel, zu dem er seine Leute anleiten will. Dieses Ziel kann gut oder böse sein, - die Ordnung auf einem braven Schiff der britischen Marine ist nicht viel anders als auf einem Piratenschiff. Aber immerhin haben die beiden Kapitäne irgendwas rational Fassbares vor. 

Was hat ein TPE-Dom vor? Ich hatte schon zig Diskussionen geführt und nichts daraus verstanden. Er will eine gehorsame Sklavin. Zu was? Was soll sie dann "gehorsam" TUN? Auf einer Galeere rudern? Gratisstunden im Hospitz ableisten? Einen Selbstmordanttentat begehen? Ein Buch schreiben? NÖ. Keine großen Pläne. Sie soll einfach gehorsam SEIN. Ohne nix. Dazu werden extra Aufgaben erfunden, die nichts außer dem Exerzieren eben dieses leidigen Gehorsams beinhalten. 

Man liest immer wieder, dass bei der Ausbildung von Elitekämpfern gewisse "persönlichkeitszersetzende" Techniken angewandt werden um dann einen "perfekten Soldaten" oder so etwas daraus zu basteln. - Wenn ich an meine Kindheit im Sportinternat des sowjetischen Nachwuchskaders denke, muss ich auch einiges aus dieser Grabbelkiste vermuten. Es ist eine ethische Frage, ob es wert ist, eine angeborene Persönlichkeit abzubauen um ein gesichtsloses Exemplar "Soldat" oder "Athlet" zu werden. Aber da wird wenigstens irgendwas auf die ausradierte Fläche draufgemalt. So eine "Sklavin" ist aber kein Beruf, kein Können, kein gar nichts. - Man kann doch nicht die ganze Seelenfläche mit Blastechniken und Gor-Positionen ausfüllen! 

Da höre ich schon die Leute schreien: "Aber die Liebe!" "Aber die Liebe" ist doch gar nicht vorgesehen, - sie ist an sich schon Ungehorsam genug um das System zu sprengen. - So wie sie in dieser Geschichte das System sprengt. Genau deswegen springt sie vor den Zug, weil sie gar keine "Sklavin" ist, sondern eine hörige verliebte Frau. Wäre sie eine perfekte TPE-Sklavin, wäre ihr JEDES Befehl gleich recht und gut, - inklusive den Befehl, einem anderen Herrn zu dienen. 

Doch ich frage mich wieder und ich habe bis jetzt jeden Dom mit TPE-Ambitionen gefragt: "Wofür zum Henker brauchst Du so eine Maschine?" Und ich bekam nie eine vernünftige Antwort. - Die paar "Extrawünsche", die sie sich da einfallen ließen, erfüllt ihnen eine sexuell aufgeschlossene Frau auch ganz ohne Kadavergehorsam und Seelanabbau.

Ich frage mich auch, was die Menschen bewegt, als "dienendes Glied", bzw. als Objekt eine TPE-Beziehung anzustreben. Was erwarten sie davon? Es gibt ja sehr viele Menschen, die eine arge Sehnsucht danach haben und für alles anfällig sind, wo man diese "Hingabe" irgendwie unterbringen kann. Manchmal denke ich, dass es für viele diese Menschen der "übergeordnete Zweck" ihrer Sekte, politischer oder nationaler Gruppierung nur ein vorgeschobener Anlaß ist, - eine rationale Erklärung für den Wunsch nach Selbstaufgabe.

"Wer auf des Preußens Fahnen schwört, hat nichts mehr was ihm selbst gehört". - Warum vermag diese Armut Menschen so glücklich zu machen, bevor sie sie tötet?

In reply to by TaugeniX

ist eine gefaehrliche Sache. Vor meiner Zeit gab es Sekten. Diese Hare Krishnas haben den #baghwan reich gemacht. Die Kinder Gottes betrieben dieses flirting fishing,..... Es gipfelte im Massenselbstmord in Jonestown, Peoples Temple von Jim Jones. Ich lass von sowas die Finger, LG

Juleit --- die gottlose

In reply to by julie01

sondern das Bedürfnis nach totaler Selbstaufgabe. - Ohne diesen fanatischen Zug ist Religion nur eine mehr oder weniger ausgefeilte Vorstellung von der Weltordnung. Ein Fanatiker findet sich in der Religion natürlich einen herrlichen Anlaß zu brennen und zu ver-brennen, - darauf ankommend, auf welcher Seite der Leidensachse sein Gemüt liegt. Aber er findet auch OHNE Religion einen Anlaß. 

Das muss man sich vorstellen, die abscheuliche Folteranleitung des Pater Krammer "Hexenhammer", die liebesglühenden Gedichte des Johannes von Kreuz und die süße Strenge der Musik von J.S. Bach entspringen dem gleichen Glauben...

In reply to by TaugeniX

tun das was GOTT tun wuerde, wuesste der Bescheid. Genauso schlimm sind Prinzipienreiter, die ich fuer die Kavallerie der Dummheit halte. LF

Juliet

In reply to by julie01

Fanatiker tun sehr unterschiedliche Dinge. Fanatismus ist lediglich das Tempo, nicht die Richtung. 

"Gebunden durch selbstbereiteten Bindungszwang, also - frei" so schreibt Thomas Mann z.B. über die Prinzipien der Komposition. 

Myka Night

In reply to by TaugeniX

...als wenn ein Text zum Nachdenken anregt und zum Gedankenaustausch anregt... Ich liebe es! :-)
Noch schöner, wenn es Menschen gibt, die den Text genauso verstehen, wie man ihn gemeint hat.
Der Text ist entstanden, weil ich in einem Forum für Subs und Sklavinnen einen Austausch übers Verlassenwerden verfolgt habe. In Verbindung damit hatte mir ein Dom in einem Gespräch mal gesagt, dass er überlege, die Beziehung zu seiner Sub aus o. g. Gründen zu beenden.
Herzschmerz hatte jeder von uns schon einmal, wie fühlt es sich jedoch an, wenn man in einer BDSM- Beziehung verlassen wird. Oder in einer mit einem starken D/s-Gefälle? Rein theoretisch muss es sich doch noch viel extremer anfühlen, schmerzen.

Von 18-23 war ich in einer sehr schmerzhaften On-Off-Beziehung, ich hatte eindeutig hörige Tendenzen. Von daher konnte ich beim Schreiben dahingehend ein wenig nachfühlen, was in abhängigen Subs vorgehen kann. Keine Erfahrung die ich wiederholen muss...
Andererseits kann ich auch gut nachvollziehen, was einen als Bottom in eine TPE-Beziehung treibt. Überbeanspruchung, Ausgebranntsein... als berufstätige Mehrfachmutter würde ich es manchmal nur zu gerne wie die drei berühmten Affen machen - nichts sehen, nichts hören, nichts reden... Nichts entscheiden. Ich denke, vielen geht es da manchmal ähnlich.

Aber genau wie Du, liebe TaugeniX, verstehe ich Doms nicht, die einen Menschen wie einen Hund abrichten und sich an diesem 'Kadavergehorsam' erfreuen, aufgeilen oder sonst was...
Im Spiel ist diese Machtverschiebung wirklich spannend und erotisch, doch ich muss zugeben, dass ich auch da wirklich gerne aufmüpfig und widerspenstig bin. Bei mir und meinem Mann/Dom ist es wie das Salz in der Suppe, lässt eine Session nicht langweilig werden, sondern sie durchaus auch mal im Gelächter enden (Oh Gott, böse Erinnerungen bemächtigen sich meiner! :-))

Mir war es ein Anliegen, diese Fragestellung/Thematik des Verlassenseins, des Sinns oder auch der Sinnlosigkeit einer 24/7-Beziehung auch einmal in dieses Forum zu tragen und einfach in den Raum zu stellen, auf das sich jeder darüber seine Gedanken machen kann. Für sich alleine oder als Wortmeldung.

Von daher danke ich Dir sehr für Deine Sternchen, noch mehr aber für deinen Kommentar und die spannende Kommunikation per PN, liebe TaugeniX!

LG, nachthimmel

PS: Schon vorweg - es kann sein, dass ich den Kommi u.U. nochmal ergänzen muss...
Der Ungehorsam mit dem die Protagonistin sich aus ihrer Sklaverei/Hörigkeit 'sprengt', sollte eine Befreiung von ihren Ketten sein. Die erste Entscheidung für ihr neues Leben. Egal welchen Weg sie wählt...

kommt dais unerwartete Ende. Der rote Faden, der sich durch mein Lebnzieht. Projekte, die nicht realisiert werden, maschinen, die schlagartig ausfallen, der Kumpel, mit dem man abends ein Bier trinken wollte liegt im Zinksarg........ Danke liebe Nachthimmerl, dass du mich daran erinnerst. LG

Juliet

Myka Night

In reply to by julie01

...ist wohl die beständigste Komponente im Leben. Umso wichtiger, dass wir die uns gegebenen Dinge immer zu schätzen wissen, denn man weiss nie, wann sie uns wieder genommen werden.

Bei uns im Rheinland sagt man deshalb 'Et kütt wie et kütt, wat mud dat mud, un et hätt noch immer joot jejange'. Ich finde, das passt!

LG nach Island, grüss mir die Yksi Vuori ... ;-), nachthimmel

In reply to by MykaNight

Liebe Nachthimmel,

Du hast es sicherlich schon gemerkt: Ich bin nicht gerade die große "Rezensentin". Mir gefällt eine Geschichte, sie berührt mich oder auch nicht, aber meist möchte ich gar nicht intelektuell darüber nachdenken, warum das so ist und sie einfach auf mich wirken lassen. Eher im Bauch als im Kopf. So, wie ich einen Wein auf meiner Zunge wirken lasse und nicht überlege, ob er am Südhang oder am Westhang gereift ist, ob eher Kalk oder Sandboden seinen wundervollen Geschmack entwickelt hat. Insofern bin ich eher eine stille Sternthaler(in). Und wenn es deren acht gäbe, würde ich sie Dir in Dein Hemdchen fallen lassen, so waren es leider nur sechs..

Aber da du immer so lieb warst und Deine Zeit auch mir gewidmet hast, habe ich mich gezwungen, über Deine nachzudenken und ich finde, sie enthält alles, das man über eine sagen kann, die sich verschenkt hat. Den Körper zu verschenken ist doch nur ein physisches Symbol, für einen Reichtum, den man weder sehen noch anfassen könnte. Darum sind beide für mich am Ende Deiner Geschichte denkbaren Konsequenzen aus der Zurückweisung, die sie erfährt, gleichermaßen sehr traurig und darum durchaus eine Träne wert.

Der Freitod zum einen aber auch eine mögliche Abkehr davon, sich jemals noch einmal verschenken zu wollen. Wäre nicht zweiteres auch eine Form von Tod?

Du schreibst sehr schön und flüssig, finde ich, und ich freue mich auf weitere Werke von Dir!

Deine fantasy

Myka Night

In reply to by Magd-Alena

Ich danke dir für die Sternchen und deinen Kommentar, nichts ist schöner für einen Autor, als die Gedanken und Empfindungen zu seiner Geschichte zu erfahren.

Ob die Abkehr von seiner Neigung ein Tod ist? Das kann schon sein, weil man gegen seine Natur handelt. Aber manchmal braucht des 'den Tod', um psychisch Abstand zu gewinnen, und dann stärker als vorher wie 'Phoenix aus der Asche' zu steigen.

LG, nachthimmel

vom Niveau und den Inhalten dieser Diskussion - ja, ich dachte mir auch beim Lesen der Geschichte, was für ein Arsch dieser Typ und wie banal sein Verhalten doch eigentlich ist, wenn ich das BDSM-Lametta mal abkratze: Mann verlässt Geliebte für eine neue, Jüngere ... die alte ist zur Gewohnheit geworden, die neue Frau ist eine neue Herausforderung. Taugenix spricht's an ... das Problem, wenn das, was im Spiel erregend reizvoll ist, diese Verdinglichung der Partnerin, die Ernniedrigung zum Objekt, zur Maschine, die auf Knopfdruck reagiert, auf einmal oder allmählich zum konstituierenden Element der Beziehung wird. Wenn die Partnerin tatsächlich das Ding wird, die Sache ... aber umgekehrt natürlich überhaupt nicht als Ding, als Sache antwortet und auch nicht die Reaktionen eines Dings, einer Sache zurückgibt. Da wird es asynchron ... und ich kann eher noch die Lust der dienenden Frau nachempfinden, zumal sie in ihrer Hörigkeit wohl auch keine Wahl hat, bis sie letzten Endes einen Tritt in den Arsch bekommt und rausfliegt aus ihrem Paradies, verstoßen von ihrem Gott ... diese Lust wurzelt immerhin in ihrer Neigung zu leiden, und es mag sogar authentischer, tiefer sein, wenn der Kontext nicht Spiel ist, sondern bitterer Ernst. Was ich viel schwerer nachempfinden kann, ist das, was Taugenix auch in Frage stellt: Was hat ein Dom von einem Ding, das schlicht funktioniert? Doch, er hat Einiges, wenn er entsprechend gebaut ist: einen Punching Ball, an dem er sich abreagieren kann. Putzfrau und Köchin, die ihm sicherer ist als etwa eine aufmüpfige Vanilla-Ehefrau. Den ästhetischen Genuss, wenn er Glück hat. Den leichten Sex, wann immer und wie immer. Und wenn ihm der Sinn nach Abwechslung steht, holt er sich die oder den ins Haus, sein Hab und gut daheim spielt mit oder schaut zu oder nimmt's zur Kenntnis ... ich kann mir schon vorstellen, dass das für schlichte Gemüter mit verlässlich abgespaltenen emotionalen Bedürfnissen durchaus genügend ist. Und irgendwann, wenn doch das Abenteuer locken sollte, geht man mit dem Ding um wie mit dem alten Auto: ab in den Gebrauchtwagenhandel. Aber erst dann, wenn der flotte neue Flitzer schon in der Garage steht.

Und ich meine, auch da unterscheidet sich eine BDSM-Beziehung, wieder abgesehen vom schwarzen Lametta, herzlich wenig von sehr vielen trostlosen Vanilla-Beziehungen. Es ist schlichte (Un)Menschlichkeit. Und leider oft genug tragisch ungleich verteilt im Geben und Nehmen. Ich finde, das kommt in der Geschichte von nachthimmel wirklich sehr, sehr schön heraus. Auch in diesem Ende, das ein Zurückgewinnen des Selbstbewusstseins signalisiert. Wie immer der nächste Schritt sein mag ...

Und ich meine auch, als wirklicher Verlierer bleibt der Mann zurück. Er erinnert mich an den Don Juan, wie ihn Albert Camus in seinem "Mythos von Sysiphos" beschreibt ... einer, der das Leben zu bannen, zu beherrschen versucht, der sich in immer wieder neuen Abenteuern beweisen muss, wer er ist, nämlich einer, dem er selbst nicht zutraut zu lieben. Er kann nur herrschen und vernichten ... und muss immer wieder den Stein auf den Berg hinaufrollen, eine Endlosschleife ohne Entwicklung ... ohne irgendwo anzukommen. Ich projiziere da freilich auch, mache es ja auch ähnlich mit meinem Sessionplay, meinen wechselnden Spielbeziehungen - die allerdings von vornherein nichts anderes vorgeben, als sie dann halten können. Das macht dann doch einen Unterschied. Hoffe ich .-)

In reply to by BonSado

in Rockbands: ei neuer Drummer, Bassistin, Saengerin soll rein. Vor allem juenger. Besser aussehend. Im Sport muss es ein neuer Stuermer sein. Die alten versauern auf der Bank und koennen froh sein in der 2. Liga unterzukommen. Im Motorsport. Junge Fahrer ins Team. Ich bin zu alt um in ein Werksteam zu kommen. Bin Privatfahrerin. Wie lange noch? Ich finde keine Sponsoren mehr. LG

Juliet

Myka Night

In reply to by BonSado

Das habe ich beim ersten Mal Korrekturlesen gedacht. Eine ganz normale Herzschmerz-Geschichte wenn man das ganze 'BDSM-Lametta' mal ausser acht lässt. Stimmt ja auch, die Gefühle sind die gleichen.
Viele Menschen reiben sich auch in Vanilla- Beziehungen für den Partner und andere auf, werden verletzt und mitunter ausgetauscht.

Der Unterschied zu einer 24/7-Beziehung ist aber, dass beide Partner sich ganz bewusst auf dieses Machtgefälle einlassen und damit
bestimmte Verpflichtungen eingehen. Was bei Vanillas oft einfach aus Gewohnheit, Bequemlichkeit und eingeschlafener Kommunikation 'passiert', wird in einer D/s-Beziehung mitunter bewusst gefördert oder unterbunden. Man könnte sagen das eine passiert 'im Affekt' wohingegen das andere 'Planung und niedere Beweggründe' aufweist.

Danke übrigens für deine Erklärung, was ein Dom an einer beinahe zur Maschine abgerichteten Sklavin finden könnte. Sehr logisch und genauso hilfreich wie deine Ausführungen zur 'Lust des Sadisten'. Auch die Beweggründe der Sklavin, sich so abfällig behandeln zu lassen, finde ich nachvollziehbar.

Beziehungen die sich ausschließlich auf Sessions beziehen schmerzen zwar auch wenn sie beendet werden, aber da ist der Ausgleich des normalen Alltags ja noch vorhanden. Dieser 'Puffer' fehlt im 24/7 ja völlig, es gibt keine Rückzugsmöglichkeit.
Und wenn einem schon bei einem 'normalen' Beziehungsende der Boden unter den Füßen weggezogen wird, kann ich mir gut vorstellen dass eine hörige Person durchaus an Erlösung durch den Tod denkt. Zumindest für einen Moment...

Schön, sich mit Euch auszutauschen! :-)

In reply to by MykaNight

Ich denke, dass das eigentliche Übel dieser TPE-Beziehungen darin liegt, dass der Mensch, der sich zum Objekt reduziert, nicht nur auf Freiheiten verzichtet, sondern auch alle Pflichten ablegt, die wir alle als Mitglied der Gesellschaft haben. 

Ein Mensch ist als Kind seiner Eltern, Bürger seines Landes, Mitarbeiter wo auch immer gefordert. Man soll sich nicht mutwillig zu einem Gegenstand degradieren. Es ist nicht nur selbstschädigend, sondern auch eine Pflichtverletzung. 

In reply to by MykaNight

"Eine ganz normale Herzschmerz-Geschichte wenn man das ganze 'BDSM-Lametta' mal ausser acht lässt." 

Vielleicht sehe ich solche Dinge mit anderen Augen, aber ich habe diese Geschichte gar nicht damit in Verbindung gebracht. - Für mich war eigentlich die Beziehung "Lametta". Der Kern ist das unselige TPE, - die Auflösung der Persönlichkeit im Kadavergehorsam und die letzte Notbremse zur "Ich"-Rettung, auch wenn auf kosten des Körpers... (falls man die Suizid-Version annimmt)

Myka Night

In reply to by TaugeniX

... wie unterschiedlich ein Text aufgenommen wird.
Aber wenn verschiedene Facetten wahrgenommen wurden, ist es mir ja gelungen sowohl den Herzschmerz, als auch die 24/7-Beziehung deutlich genug herauszustellen... Ihr wisst gar nicht, wie mich das freut! :-)

@Juliet: Die Frauen von Stepford sind Klasse. Passt! :-)

In reply to by TaugeniX

Dieses Wort - Kadavergehorsam - ist mir gerade in seiner Widersprüchlichkeit aufgefallen: ein Kadaver, der gehorcht? Wer ist es denn, wer ist das "Ich", die Person, die gehorcht, wenn alles vernichtet ist? Was könnte noch die Entscheidung treffen , zu gehorchen oder nicht zu gehorchen? Es bleibt eine Art Roboter. Ein Zombie ist lebendiger, der hat zumindest sein eigenen Intentionen ...

Wobei das Bild auch anders interpretiert werden kann - es geht um Gehorsam, der wie von einem Kadaver geleistet wird, als hätte das gehorchende Subjekt keinen eigenen Willen mehr. Als wären alle eigenen Wünsche und Bedürfnisse ausgelöscht. Als wäre der Mensch "gebrochen", was ja tatsächlich manche als Ziel dominanter Machtausübung aussprechen und wobei es mir immer kalt über den Rücken läuft. nachthimmel zeigt in der Geschichte, dass ihre Protagonistin keineswegs gebrochen ist. Dass ihr Gehorsam nicht von einem Kadaver, sondern aus ihrer Person, aus ihrer (zu)Neigung und ihrer Leidenschaft kommt. Wäre da nicht auch ein starkes Selbstbewusstsein, dann würde die narzisstische Verletzung nicht so stark ausfallen, und sie würde als "Kadaver" einfach fraglos einem neuen Befehlshaber gehorchen. Am Leben bleiben, in einem Leben, das nur noch Existenz wäre. Nützlichkeit für irgendwen Austauschbaren, da sind dann die Herren ja genauso tauschbar wie die Sklavinnen.

Ich glaub aber schon, liebe Taugenix, dass die Beziehung eine Rolle spielt. Sicher nicht die klassische Liebes- oder Paarbeziehung, aber auch im TPE ist ja das E enthalten, der Exchange, und Austausch kann es nur geben, wenn mehrere im Spiel und aufeinander bezogen sind. Und wie komplex Beziehungen in aller Regel sind, wissen wir doch alle. Helm Stierlin, ein Pionier der Systemischen Familientherapie, bezeichnet das Wort "Liebe" als Komplexitätsreduktion, um überhaupt sprechen zu können über die extrem vielschichtigen Wechselbeziehungen zwischen Mann und Frau, die man nie alle auf einmal formulieren könnte, sofern man ihrer überhaupt gewahr wird ... darum reden wir von LIebe oder, neutraler, von "Beziehung" - und wissen meistens nicht annähernd genau, was damit eigentlich "wirklich" gemeint ist. Wir sehen die Spitzen von Eisbergen (oder den Rauch über Vulkanen) ..

Myka Night

In reply to by BonSado

Selbstbewusstsein im Sinne von Wertigkeitsempfinden haben hörige Personen wohl weniger. Ansonsten würden sie einem anderen nicht erlauben, sich so übermäßig breit in ihrem Leben zu machen, mehr auf sich und ihre Bedürfnisse achten.
Selbstbewusstsein im Sinne von Wahrnehmung verletzter Gefühle ist glaube ich ein Instinkt der irgendwann als Überlebensmechanismus greift. Bei Hörigkeit viel später als bei 'gesunden' Geistern.

Bei 'Kadavergehorsam' muss ich immer an medikamentös ruhiggestellte Psychatrieinsassen denken, denen jeder Handlungsablauf kleinschrittig angeleitet werden muss...
Wieviel schöner ist es doch aus freiem Willen zu dienen, und die Anerkennung und den Stolz seines Herrn zu genießen. Und als Herr die Hingabe seiner Sklavin.

Das der verlassende Herr der eigentliche Verlierer ist, sehe ich wie Du, BonSado. Unfähig, sich mit seiner Sklavin mitzuentwickeln, sucht er immer wieder das Neue und doch ewig gleiche. Es gibt Menschen, die bleiben bei einem bestimmten Entwicklungsstand stehen, und kommen einfach nicht darüber hinaus. Warum, weiss ich nicht, ist es Bequemlichkeit oder irgendeine emotional-geistige Begrenzung? Doch schlussendlich sind sie einfach nur bemitleidenswert, da sie sich ihr Leben lang im Kreis drehen...

Myka Night

In reply to by imperator1974

... wenns auch kompliziert geht?

Ich freu mich, dass Dir die Geschichte so gefällt, dass Du eine Fortsetzung verlangst.

Aber es geht in meiner Geschichte gar nicht wirklich um die Person, sondern um die Gedanken, den inneren Monolog, die Verzweiflung, wenn einem plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen wird und man ins Nichts geworfen wird, weil die Beziehung gestorben ist, und man selbst fatalerweise gar nichts davon mitbekommen hat.

Von daher steht die Erzählung schon sehr gut und geschlossen für sich, und bedarf keiner Weiterführung.
Fortsetzungen schreibe ich dann an anderer Stelle...

Danke aber fürs Lesen und Gefallen!

LG, nachthimmel

In reply to by BonSado

@ BonSado, um diese "Auflösungs" des eigenen "Ich", das komplette Aufgehen im Geliebten (Gott oder auch nicht) ringen die Mystiker aller Coleur seit Menschengedenken. 

Das soll die letzte Konsequenz und die Erfüllung der großen Liebe sein: "Nicht ich lebe, sondern XY lebt in mir." Das können und wollen nicht nur die Christen. 

Aber es gibt auch eine "pflichtbasierte Variante". EIner meiner politischen Lieblinge, Otto von Bismarck, hat zu meiner hellen Freude einen Begriff aus dem Kernbereich der christlichen, iesuitischen Mystik in den Mund genommen! 

 "Ein ablehnendes Votum würde dem Kaiser mißfallen. Meine Collegen hatten ein sacrificium intellectus*** dem Kaiser, mein Stellvertreter und Adlatus hatte mir gegenüber eine Unehrlichkeit begangen.

*** Opfer des Verstandes. 

Ich bedauere nur, dass es keinen eigenen Begriff für Opfer des Gewissens, sacrificium conscientiae, gibt. - Denn genau das ist es, was mich zum Feind jeder noch so lieblichen TPE-Konstellation macht.

In reply to by TaugeniX

Die Unio Mystica, nach der sich die Mystiker sehnen ... ich glaube eher nicht, dass sich das mit dem "Verschmelzen" in einer menschlichen Beziehung gleichsetzen lässt. Die mag als Abbild davon gesucht und erlebt werden, aber es wäre doch nie dieses Paradoxon, diese coincidentia oppositorum einer Vereinigung des Absoluten mit dem Kontingenten. Darauf bezieht sich ja auch das "Post coitum omne animal triste est, sive gallus et mulier" von Galen ... die nicht einzulösende, unbewusste Erwartung. Einige wenige Mystiker scheinen die Erfahrung der unio mystica gemacht zu haben ... oder eine Erfahrung, die sie so interpretiert haben. ohne inneren Widerspruch. Andere sprechen vom Buddha-Bewusstsein, wobei mir die Idee des Nirwana sogar sinnvoller und nachvollziehbarer erscheint als die Idee eines Absoluten.

Ein Erleben, das sich dem Verstand entzieht. Vom sacrificium intellectus spricht auch Saint-Exupéry einmal, als er sagte, er würde eher seinen Verstand als einen Glauben opfern ... ich erinnere mich jetzt leider nicht an die Stelle und kann's nur unscharf aus dem Gedächtnis zitieren. Er war ja auch ein Mystiker unserer Zeit, und seine "Stadt in der Wüste" ist voller herausfordernder Sentenzen zu Herrschaft und Dienen.

Das "sacrificium conscientiae" sehe ich eher als Opfer des Bewusstseins und weniger als Opfer des Gewissens ... Gewissen wäre ja eine moralische Funktion, und wie leicht die aufgegeben werden kann, sehen wir eh tagtäglich. Bewusstsein - in der zugespitzten Form des Selbst-Bewusstseins ... auch das ist zunächst einmal eine neurologische Funktion; es liegt nicht im Bereich unserer Wahlfreiheiten, das Bewusstsein zu opfern. Es kann sich freilich ändern, ganz gravierend ändern, und das Selbst-Bewusstsein, also die Bilder und Gedanken und Vorstellungen, die jemand über sich hat, kann unter Fremdeinfluss ganz erheblich modifiziert werden. Folterpraktiken in aller Welt beschäftigen sich damit. Ich glaube nicht, dass ein IS-Schlächer von heute dasselbe Bewusstsein hat, das er vor zwanzig Jahren auch schon gehabt hat. Selbst-Bewusstsein heißt auch: Ich bin das, was ich mir selbst und anderen über mich erzähle. Und diese Erzählungen sind nicht in Stein gemeißelt ... nicht zuletzt ist das ja auch ein Therapieansatz, die Modifizierbarkeit des Selbst-Bewusstseins.

Aber opfern, meine ich, kann ich mein Selbst-Bewusstsein auch im TPE nicht ... ich beschreibe meine Rolle nur anders bzw. lasse sie mir bis ins Detail vorschreiben. Und kann, wenn ich nicht aufpasse oder wenn ich es sogar anstrebe, an den Punkt kommen, an dem ich sozusagen die letzte Tür zu mir öffne und "mich ausliefere", ohne wenn und aber. Damit gebe ich auch jede Verantwortung für mich ab ... was freilich auch etwas Bequemes hat. Und es bleibt trotzdem noch immer ein Selbst-Bewusstsein, sofern sich keine multiple Persönlichkeitsstörung einstellt. Da kommen wir dann doch auch in die Nähe des Gewissens ... das Latein hat ja dasselbe Wort für beides, das Gewissen und das Bewusstsein. Auch interessant ... wie umgekehrt ja auch Gewissen und Bewusstsein eines Doms, der in solchen Bereichen agiert, ein interessantes Thema wären ...

In reply to by BonSado

"Post coitum omne animal triste est, sive gallus et mulier" Tja, dieses arme "mulier" ist es aber auch, das in ihrer Naivität den coitus mit unio mystica gleichziehen will. - Ich meine nicht nur den körperlichen Koitus natürlich und auch nicht nur die BDSM-erweiterte Version davon, sondern die Vereinigung mit dem Mann/Lebenspartner/Herr. 

Das TPE zerstört die Kontinuität der Persönlichkeit. Natürlich ist das Selbstbewußtsein nicht in Stein gemeißelt, - es verändert sich durchaus. Aber es besteht gewisse Kontinuität und "Zuverlässigkeit" der Person, ihre Beständigkeit in irgendwelchen Werten, denen sie sich zugehörig fühlt. Ein Mensch kann zum IS-Schlächter werden, aber wenigstens nicht von heute auf morgen. Eine "perfekte TPE-Sklavin" kann aber ex nunc zum IS-Schlächter werden, indem sie an einen solchen weitergegeben wird. Wenn sie "perfekt" ist, dann gerät sie dadurch in keinen Gewissenskonflikt, denn der Inhalt ihres Gewissens ist nur der Gehorsam. - Gott möge uns diese Perfektion ersparen!

Liebe Nachthimmel,

Du meine Güte, da hast du ja etwas angestossen! Mag sein, weil ich neu hier bin, aber so eine Riesendiskussion habe ich noch nicht erlebt. TPE scheint mehr als ich dachte, doch ein sehr polarisierendes Thema zu sein!? Und sicher eines, zu dem sich wirklich vieles sagen läßt.

Deine Geschichte, vor allem wie Du sie aufbereitet hast, bringt aber auch wirklich alles so ganz auf den Punkt.

Die Abhängigkeit, die man sich nur gestatten sollte, sofern sie an die richtige Adresse gerichtet ist? Den Gesichtspunkt, den jeder aus seinem Leben kennt: Das Zurückgewiesenwerden. Vielleicht noch die vermeintliche Ausweglosigkeit, die auch so einige Menschen trifft.

Was mich persönlich aber am allerdeutlichsten (zum wiederholten Male in meinem Leben) förmlich aus Deiner Geschichte anspringt, ist der für mich absolut unumstößliche Umstand, dass

eine devote Seele und ein auf körperliche oder sonstige "Maximierung" ausgelegter DOM einfach sind, wie Feuer und Wasser

Wobei sinnigerweise der DOM in dem Fall nicht, wie man vielleicht meinen könnte, das Feuer ist, sondern (leider) nur das fade Wasser!

Ich möchte wetten, die meisten würden das gerne anders herum sehen. Is aber nicht, Jungs!

Es grüßt Dich

Deine fantasy

Myka Night

In reply to by Magd-Alena

Vielen lieben Dank, liebe fantasy, für dein neuerliches Lob!
Ich muss ehrlich sagen, dass ich zwar auf Reaktionen gehofft hatte, einfach weil es mir ein Bedürfnis war dieses Thema einmal anzustoßen, aber mit diesem tollen Gedankenaustausch hatte ich nicht gerechnet...
Was gibt es Schöneres, als mit einem Text zu berühren, nachdenklich zu stimmen und zum Austausch anzuregen?
Tust Du übrigens bei mir mit deiner Geschichte auch...