Kunterbunt

In erster Zusammenarbeit mit tony!!! Ich hoffe es gefällt, konstruktive Kritik ist willkommen!

 

 

Was soll ich nur anziehen?

Planloser Blick in unseren begehbaren Kleiderschrank. Die Regenbogenparade ist in vier Tagen und ich weiß nicht, was ich anziehen soll. Irgendwie sind da so viele Klamotten im Schrank und doch wieder nichts. Helfen kann auch er nicht wirklich, da ihm meine Garderobe völlig unbekannt ist. Dennoch wurde seine Meinung abgefordert und gespannt warte ich auf seine Antwort. 

Eigentlich habe ich mich eh schon dazu entschlossen, einkaufen zu gehen, auch wenn es das Budget nicht wirklich erlaubt. Aber ich möchte nicht, wie letztes Jahr, nur mit Halsband und Leder um die Handgelenke gehen. Ich möchte ein wenig mehr auffallen. Weibliche Eitelkeit? Weibliche Eitelkeit!
Nach einiger Zeit ohne Antwort, noch zwei weitere Nachrichten an ihn geschickt, mit dem Kommentar, der mich als Selbstunterhalterin deklariert, habe ich dann wohl den Vogel abgeschossen. Bei mir gedacht, dass ich jetzt komplett gaga bin, wollte ich eigentlich gar nicht mehr wissen, für wie bescheuert er mich momentan hält. 

Doch dann die erlösende Antwort ... Sein Browser ist abgestürzt. War eigentlich nicht das, was ich hören oder lesen wollte, aber immerhin – eine Erklärung. Dann sein Kleidungsvorschlag: "In dem Punkt hast absolut freie Hand. Wenn ich es festlegen müsste: Minirock, nichts drunter und eine schwarze Lederweste dazu." Da unser Spiel noch nicht richtig seinen Anfang gefunden hat, verneine  ich sofort. Viel zu unbequem, ganz davon zu schweigen, dass ich so etwas nicht wirklich besitze. Zumindest nicht für die Öffentlichkeit gedacht. 

Daher möchte ich ihm mit einem Hofknicks danken, diese Entscheidung mir zu überlassen. Schnell ging ich also in den Garten, wohl wissend, dass er mich sah, und machte einen Knicks. Seine Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Das vibrierende Handy noch in der Hand las ich seine Worte und funkelte böse hinauf zum Fenster.
"oh gott, das nennst du hofknicks?"
Aufbrausend, meine Natur halt, tippe ich eine freche Antwort.
Sein Kommentar: "sah i-wie aus wie gewollt und nicht gekonnt :)", brachte mich auf eine Idee. Vielleicht war es ja genau umgekehrt!?

So fordere ich ihn auf, es besser zu machen, worauf er erst mit einem müden Smily und dann mit einem Youtubevideo "Gräfin Anna zeigt den Hofknicks" kontert. Da das Video trotz ausgeprägten Rocks so überhaupt nicht meine Zustimmung fand, werde ich etwas forscher. Jetzt hat es bei ihm Klick gemacht und unflexibel, wie Männer nun bekanntermaßen einmal sind, liegt schon die erste Beschwerde vor, dass ich das Spiel umgedreht und ihn dominiert hätte. Ich lächle schelmisch zum Fenster hinauf, in dem ich sein Gesicht sehe und schreite erhobenen Hauptes zurück ins Haus. 

Ich sitze im Café, es ist 07:30 ...  Allerlei bekannte Gesichter und seines natürlich auch.
In Jeans und meinem violetten Shirt, bei dem eine Ratte aus der Bauchtasche schaut, sitze ich an meinem Stammtisch und beobachte amüsiert die Szene, die sich gerade im Café abspielt.
Er sitzt mit zwei weiteren Gästen an einem Tisch. Ebenfalls Stammgäste. Zu dieser Zeit irgendwie logisch. Die zwei durfte ich schon öfter hier beobachten. 

Es handelt sich um eine Dame und einen Herrn. Erst schien es ein nettes Gespräch zu werden, als die Dame dann begann im bayrischen Dialekt mit IHM zu schimpfen:
"Mauschall gfällig?" 
"aggressiv heit?"
"a na, i do net, wie kummsn daruf?"
"hab moas gdenkt"
"des kannsch du?"

Belustigt beobachte ich den schnellen Wortwechsel zwischen ihm und der mir schon sehr sympathischen Lady. Auch der Herr, der ebenfalls dort am Tisch saß, schmunzelte während der Unterhaltung vor sich hin. Dann begann er ein Gespräch über die Logik und ihren Ursprung bei Aristoteles. So schnell könnte ich gar nicht reagieren, bekam die Dame einen Lachkrampf und meinte: "nu hab ich ein Bild im Kopf von einem aufgezäumten Wagen ziehenden, Toga tragenden weißhaarigen alten Mann ..." 

Nach einiger Zeit, in der der weibliche Gast kaum noch Luft bekam, da ihr Kopfkino immer mehr angefacht wurde, stand dann der mir unbekanntere Herr auf und verabschiedete sich mit den Worten: "Ich muss in Unterricht!"
In der Zwischenzeit kam noch eine Dame herein und grüßte in die Runde. Die Lady immer noch am Lachen, weil er weitermachte:
"nö, mach mal Bocksprung mit ohne was an, als Mann natürlich, nicht zu empfehlen"
"nur wenn Mann nicht Bockspringen kann ..."

Und so geht es weiter, von "nackt am Balken" über "nackt am Pferd" bis hin zur "Kniefelge am Reck". Ich dachte schon, die Lady müsste sich vor Lachen langsam aus dem Café rollen. Sogar ich konnte mich kaum halten, als dann noch die "Eier aus Bodenhaltung im alten Griechenland" in das Gespräch mit einflossen, musste auch die zweite Dame unweigerlich lachen und meinte: "Ihr seid doch so verdorben!" Schlagfertig wurde weiter gekontert, als er dann schloss:
"So, ihr Lieben. Ich verflüchtige mich mal und erwarte vor allem eine Zuarbeit von Kate, damit ich dann darauf aufbauen kann. Der restliche Tag gehört dann den anderen wichtigen Damen in meinem Leben. Ciao Ihrs!"

Mit diesen Worten steht er auf, verbeugt sich leicht, schaut mir dabei frech in die Augen und macht sich auf den Weg zum Ausgang des Café. Was sollte das nun heißen, welche Damen meint er denn nur? Dem folgenden Geplauder der zwei Frauen im Café, wollte ich dann nicht mehr folgen. Ich schnappe das Wort "Harem" auf, aber das wollte ich dann, so genau doch nicht wissen. Langsam verstummt auch dieses Gespräch und ich widme mich wieder meinem Getränk, dass mittlerweile kalt auf dem Tisch steht, an dem ich sitze und über seine letzten Worte nachsinniere.

Zuhause lässt mir Gehörtes immer noch keine Ruhe. Mittlerweile kennen wir uns lange, doch so viele Frauen wären mir jetzt nicht bekannt, ihn betreffend. Da fällt mir eine Freundin ein, sie bat mich, ihre Geschichte zu lesen und darauf folgend um eine Meinung. Da ich mir die Zeit bereits genommen habe, sie zu lesen, war ich neugierig bezüglich der Fortsetzung. Außerdem stehen bei ihr vermutlich wieder einige Veränderungen auf dem Plan, die ich genauer hinterfragen wollte. Deswegen schreibe ich ihr eine Nachricht und frage sie, wie es ihr geht. Auch bezüglich der Neuigkeiten spreche ich sie an und sie hatte Positives und Negatives zu berichten. Somit konnte wenigstens in dieser Richtung meine Neugierde befriedigt werden.

Dann wandern meine Gedanken erneut zur Regenbogenparade ... Ich weiß noch immer nicht, was ich anziehen soll und draußen ist so ein Sauwetter, dass Einkaufen auch keine Variante ist und er ist ebenfalls keine große Hilfe. Entspannung ist fällig!

Wieder mal in der Badewanne, in letzter Zeit täglich, versuche ich meine Gedanken zu ordnen. Ich streife unbewusst mit meiner Hand über die Beine: "Dringend wieder eine Rasur notwendig!" Wenn er da wäre, würde es vermutlich als Strafe einige auf den Hintern geben und meine Beine erlebten eine Enthaarung mit heißem Wachs. Die Vorstellung lässt meinen empfindlichsten Punkt leicht zucken.  

Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie er auf einmal neben der Wanne auftaucht und probehalber über die Beine streicht, die gestreckt auf dem Wannenrand liegen und mich danach böse anschaut ... Ich muss schmunzeln.
"Schau nicht so böse", sagte ich keck, "sonst darfst du nicht in die Wanne!"
Schon lächelte er und er durfte hinter mir Platz nehmen, sodass ich mich an ihn anlehnen konnte. 
"Willst du mich nicht ein wenig verwöhnen?", meinte ich, da er keine Anstalten machte, mich mit den Händen irgendwie zu berühren. 

Erfreut begann er warmes Wasser, immer wieder, über meine Schultern und meine Brust zu verteilen. Dazwischen massierte er meine stark verspannten Schultern mit genau dem Druck, den ich brauchte. Ich schmolz dahin, in so einem Moment könnte er alles von mir haben! Meine Brustwarzen stellten sich auf und er fuhr immer wieder mit seinen Finger drüber, nahm sie auch dazwischen und drehte sie leicht in beide Richtungen. Ich schnurrte wie ein Kätzchen. Seine Hand wanderte langsam hinunter über den Bauch Richtung Lustzentrum ...

Erschrocken setzte ich mich auf. Ich liege in der Badewanne, die Hand zwischen meinen Beinen. Ich bin eingenickt. Jetzt wird es aber Zeit ... Ich verlasse mein warmes Bad. Ob ich es ihm sagen soll?
* * *
Sie steht jetzt bestimmt wieder stundenlang vor, in und was weiß ich noch wo bezüglich dieses Schranks. Begehbare Kleiderschränke sind etwas Furchtbares. Eigens dafür erfunden, um die Weiblichkeit zu beschäftigen, damit sie der Manneswelt keine Ohren abkaut. Und natürlich stellt sie wie alle Frauen fest: „Ich habe gar nichts anzuziehen.“ Weiber!

Am schlimmsten ist die Nummer mit dem „Was soll ich nur anziehen, Schatz? Dieses hier oder doch lieber jenes? Was meinst du?“ Sagst du dazu etwas, verlangen sie eine ausführliche Begründung. Denn sie mögen ja alle ihre Sachen. Fettnäpfe über Fettnäpfe, die da auf die Herren der Schöpfung warten. Einen triffst du in der unvermeidlichen Modenschau auf jeden Fall. Kein Kerl kann dem entgehen.

Wer eisern schweigen kann und dabei beredt gucken, der ist klar im Vorteil. Doch vier Stunden lang ist das selbst dem genügsamsten Gemüt zuviel. Es kapituliert zwangsläufig. Augenrollen, Stirnfalten, zusammengezogene Brauen und das Treten von einem Bein auf das andere – schließlich muss jeder irgendwann einmal Pipi – sind untrügliche Zeichen der Ermattung. Zum Glück wollen die Damen von Welt nach so einer Tortur nie, aber auch wirklich niemals, unmittelbar danach gefickt werden.

Ich bezweifle, dass je ein Mann in diesem Moment einen Ständer bekäme. Er hat ja dann schließlich nur noch solche für Kleider vor Augen. Der einzige positive Umstand eines solchen Anprobemarathons ist der, dass Mann nicht auch noch mit im begehbaren Kleiderschrank sitzen muss während dieses Theaters. Bin ich froh, dass ich keinen solchen besitze, also begehbaren Kleiderschrank, nicht Ständer. Vorhang fällt!

Eine Ausrede muss her und zwar schnell. Diese Ausrede ist die beste der Welt. Im Computerzeitalter ist Stürzen angesagt. Nicht selbst, nein nein. Das gibt nur unnötig blaue Flecke. Wozu gibt es Technik, die uns das Leben erleichtert? Natürlich PC oder Server. Egal, welche Form von Nachrichtengerät … Hauptsache, selbige kann stürzen. Manchmal nur wenige Sekunden, zumeist jedoch sinnvoller Weise Minuten bis Stunden. Ein Sturz kann Leben retten und Beziehungen ebenfalls.

Na ja, sie meint es gut und gibt sich Mühe. Ich will nicht meckern. Vielleicht sollte ich doch dankbar sein. Schließlich ist sie eine ganz Liebe. Und immerhin knickst sie mir auch noch brav zu. Ihr schelmisches Grinsen dabei ist göttlich. Versteckt und doch keinesfalls zu übersehen. Und wie schön sie ist, wenn sie ein wenig aufbraust. Obligatorisch meine nicht wirklich ernst gemeinte Beschwerde, sie würde meine Rolle übernehmen und versuchen zu dominieren. „Aus der Reserve locken“ nenne ich das. Klappt immer! Frauen sind berechenbarer als sie glauben. Und wer sollte so etwas besser beurteilen können als Männer mit ihrem glasklaren Verstand!?

Also wird sich mit Blabla aus der Affäre gezogen: „Du hast freie Hand. Wenn ich es festlegen müsste: Minirock mit nichts drunter und eine schwarze Lederweste dazu.“ Bin eben wirklich kreativ. Augenrollen inklusive. Eine geistige Meisterleistung, nahezu der ultimative Gipfel und Nobelpreis verdächtig. Die Erfindung des Dynamits war dagegen ein Vogelschiss. Sie findet es unbequem. Pah, als wenn das wichtig wäre. Ich will was zu sehen kriegen und notfalls auch zu greifen. Diese Gedankenzusammenhänge von Frauen, einfach nur unlogisch. „Nicht für die Öffentlichkeit gedacht“, meint sie. Die spinnen, die Römer. Römer? Asterix lässt grüßen.

Jedenfalls hält es sie nicht davon ab, freche Lippe zu riskieren, als sie mir für die freie Hand, die ich ihr gewähre, dankt. Wie kann man sich nur ernsthaft über Hofknickse unterhalten? So etwas Verstaubtes und Antiquiertes. Trotzdem schicke ich ihr einen Musterclip aus der Youtube-Grabbelkiste. Soll ruhig sehen, dass es mich nicht wirklich interessiert. Mein begeistertes Gesicht spricht Bände und das zugehörige Grinsen ist höflich, korrekt und bestimmt wie immer. Ein Dienstvorschriftslächeln á la k.u.k.-Monarchie. Wer den Schwejk kennt, weiß spätestens jetzt Bescheid. Sie lächelt zurück. Ich erahne gleichartige Gedankengänge und erwidere mit Verbreiterung.

Da sitzt sie. Kann sie vergessen, dass ich sie nicht gesehen habe. Ich sehe alles. Und was ich nicht sehe, werde ich sehen. Mit vorwitziger Ratte – ich liebe Ratten, bin ja selbst eine – in der Bauchtasche ihres violetten Shirts sitzt sie da, an ihrem vermeintlichen Stammtisch. Dabei ist das meiner, den ich nur geschickter Weise hinterrücks an sie abgetreten habe. Frauen meinen immer alles zu wissen. Dass ich nicht lache. Sie lauscht. Auch so eine Eigenschaft, die mir als Mann total abgeht. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Nur halbherzig und –ohrig bin ich beteiligt. Sie scheint interessierter, es amüsiert offenbar. Was an den alten Griechen nur so Lächerliches war und ist? Turnvater Jahn wird sinnbildlich das Thema der Gesprächsrunde, welcher ich gelegentlich meine unnützen Beiträge widme. Heute haben wir eine Überflussgesellschaft, damals in der Antike herrschte halt noch Mangel. Logisch, dass da nackt geturnt wurde, mit allen Vor- und Nachteilen. Vorteile? Ich verliere den Faden und entschließe mich zum Rückzug. Ein letzter Blick und weg bin ich. Der Weiblichkeit zuviel Aufmerksamkeit zu schenken, ist nicht gesund. Es geht um Balance und vor allem das geschickte Setzen von Sinuskurven. Mathematik bestimmt das Leben!

Ich war schon immer ein kluger Rechner, gravierende Rechenfehler inklusive. Sie stören nicht wirklich, solange man trotzdem von der Richtigkeit des Ergebnisses überzeugt ist. So haben manche Irrtümer schon goldene Hochzeiten gefeiert. Wie bei allem kommt es nicht auf das Was an, sondern auf das Wie. Die Geschichte der Menschheit ist voll mit solchen Beispielen. Das begann schon mit Adam und Eva. Wer den Apfel teilt, muss damit rechnen, dass auch etwas hängen bleibt. Sag ja: Mathematik ist alles! Oder nichts?

Die Augen geschlossen wird versunken, in tiefe Träume – wachend, nicht schlafend. Diese dahinfliegenden Gedanken sind eh die schönsten. Es sind die, an die wir uns meist erinnern. Fantasien im Schlaf gehen oft verloren, werden einfach mit folgenden überlagert oder durch die Dunkelheit um und in uns weggewischt. Keine Ahnung, warum das so ist. Es ist so. Punkt. Muss denn immer alles bis ins Kleinste analysiert und verstanden werden? Einfach dankbar hinzunehmen, was uns das Leben bietet, ist so voller Überraschungen und Unwägbarkeiten. Nicht vorgezeichnet wie die Linien regelmäßiger Flächen. Eben Leben – kein vergewaltigtes Dahinvegetieren auf Mutter Erde!

Gedankenversunken lasse ich mich auf dem Wannenrand nieder. Ihre Beine sind nicht rasiert, ohne jede äußere Regung nehme ich es zur Kenntnis. Das Gesicht zeigt keine Mimik und doch kann sie darin lesen. „Schau nicht so böse“, sagt sie keck, „sonst darfst du nicht in die Wanne!“ Ein Lächeln meine stumme Antwort. Zu gern sitze ich hinter ihr in dem wohlig warmen Nass, genieße das Anlehnen ihres Körpers voller Vertrauen und Sehnsüchte. Dabei vergessend, dass sie in eben solchen schwelgt. Ein Tadel, der keiner ist. Zwischen meinen Fingern rinnendes warmes Wasser, das sich den Weg sucht über Schulter und Brust. Muskeln und Haut haben genau die richtige Spannung für eine Massage. Ich tue ihr gern den Gefallen und werde belohnt wie von einem schnurrenden Kätzchen. Meine Hand sinkt langsam tiefer, sucht nach dem Punkt der Leidenschaft … Träume, nichts als Träume.
* * *
 Es ist soweit! Gestern habe ich noch Raster mit Fäden drinnen bekommen, schaut wirklich toll aus, Regenbogen im Haar. Außerdem erfüllte mir ein Freund meinen Geistesblitz bezüglich meines Outfits auch noch und hat mir einen Harness geschnürt. So gut hab ich nachts schon lange nicht mehr geschlafen!  Jetzt ziehe ich mein Papageienshirt, extra für die Parade gekauft und gestern noch zerschnitten, und blaue Jeans dazu an. Halsband und Armmanschetten dürfen auch nicht fehlen. Da ich vorher noch bei meinen Eltern Essen war, habe ich auch eine Weste mit, um sie nicht total zu schocken. Dann war ich auch schon mit meiner Sis und ein paar anderen am Weg zur Parade.
Er meinte, er meldet sich übers Wochenende nicht. Ob er vielleicht ... Nein. Wieso sollte er? So etwas hat ihn doch nie wirklich interessiert. Viele Menschen, viel, in seinen Ohren vermutlich, Lärm, und tanzen ist nicht so sein Ding. Würde er kommen, würde er mir vermutlich beim Gehopse nur zuschauen und das vermutlich von weitem oder ...? Meine Gedanken schweifen schon wieder ab ... dass er vielleicht plötzlich hinter mir steht, wenn ich etwas zum trinken holen will ... Huuu, ich bekomme Gänsehaut ... Ich muss wieder aufwachen, vermutlich sitzt er zuhause und gibt sich die Parade höchstens im TV ... Shit, wo sind denn jetzt nur die anderen hin!?
So, wieder vereint ... Langsam werden es immer mehr, die Stände sind wir durch und Ricci ist auch endlich da. Jetzt stehen wir blöd bei unserem Stammwagen, Jägermeister, herum und warten bereits über eine halbe Stunde, dass die Parade endlich startet. Es ist mittlerweile schon fast 16:00 Uhr, eine Stunde verspätet ...  diese Warterei macht keinen Spaß. Ich gehe daher als erster zum Wagen und spendiere eine Runde Jägermeister-Shots. Danach hatte ich noch etwas Zeit unser Umfeld zu beobachten, das war einfach nur interessant. So viele verschiedene, bunte Menschen auf einem Haufen, wirklich spannend. So sollte es immer sein, jeder wie er will, ohne Kommentare von anderen! "Ob er wohl auch da irgendwo ist?", ich schaue weiter, "suche ich ihn etwa?" Plötzlich werde ich aus meinen Gedanken herausgerissen: "Komm, es geht los!" Freudig beobachte ich, wie sich der riesige Truck vor uns in Bewegung setzt und unser Wagen auch. Zur Feier, dass es jetzt doch endlich losgeht, eine Stunde verspätet, wird die zweite Runde spendiert. Anfangs nur gegangen, begann relativ schnell das Tanzen, nachdem Riccis Freund ein heißes Solo beim Wagen hinlegte, wo alle in Jubel ausbrachen und ihn mit Pfiffen anfeuerten. Eine Zeit lang war dann nichts außer tanzen und trinken und es wurde immer schwüler. Jetzt bin ich wieder dran mit zahlen und ich tanze vor zur Anhängerbar. Ich bestelle, ohne Stimme, also Gebärdensprache für Dumme, sieben Shots. In der Zeit, wo die Hübsche oben das Restgeld abzählt, nutze ich schnell die Gelegenheit und hole meine Wasserflasche aus dem Rucksack, um zu trinken. 
Ein fordernder Rempler von hinten, Aufmerksamkeit fordernd, lässt mich verschlucken und ich spucke mir, halb hustend, das Wasser auf mein Shirt. Ehe ich mich umdrehen und fragen kann, ob er einen Klopfer hat, hat er längst um Verzeihung gebeten und gemeint, ob er einen Schluck haben könne, da ihm die Hitze so zusetzt. Die Barkeeperin hindert mich gerade, mit dem Restgeld in der Hand, mich umzudrehen, da sie mir dieses eben in die Hand legt und so schiebe ich die Flasche dem Unbekannten einfach zu. 
Plötzlich war ich von oben bis unten nass und durchsichtig. Ich kann es nicht fassen, hat der Typ hinter mir wirklich das Wasser über meinen Kopf geleert. Wie ein begossener Pudel stehe ich da und lasse einige an mir vorüber ziehen. Der Typ hinter mir bleibt ebenfalls stehen ... vorbeiwandernde Menschen schauen, grinsen oder zeigen auch den Daumen hoch ... wutschnaubend drehe ich mich mit den Shots, zu meinem Hintermann um: „Was soll das du A...?“ Mmpff. So schnell kann ich gar nicht schauen, habe ich einen kleinen Ballknebel im Mund. Es war er. Heruntergebeugt zu meinem Ohr meint er mit strenger Stimme:  „Wir wollen doch keine Strafe riskieren!" Ich atme tief durch die Nase ein und aus, nehme dann den Knebel aus dem Mund, er lässt es zu, gebe ihm den Knebel zurück und trete ihm gegen das Schienbein. Ich laufe, so schnell wie möglich, zu meiner Gruppe, die Blicke kommentiere ich mit: "irgend so ein betrunkener Vollidiot“, und teile dann, den warm gewordenen, Jägermeister aus.
Ich blicke nach hinten, kann ihn aber nirgends mehr sehen. Der weitere Verlauf der Parade war dann ereignislos. Um 17:00 Uhr die Schweigeminute und so schnell das Shirt nass war, war es, Dank der Hitze, auch wieder trocken.
Am Ende, ich bin am Ende. Ende der Parade, Ende der Kräfte. Wir sitzen noch im Park, lauschen halbherzig den Reden und Essen dabei. Mir tut alles weh. Das Sitzen, da das Seil sehr spannt, klappt nicht auf Dauer, so knie ich eine Zeit lang und dann stehe ich auf. Jetzt spüre ich die Füße, ich will nur noch nach Hause. Ich verabschiede mich von unserer Gruppe, es war für mich ein toller Tag, und gehe dann Richtung U-Bahn.
Plötzlich packt mich wer von hinten und ehe ich’s mich versah, liege ich im Gebüsch und auf mir er. Wütend zische ich, aber wehren kann ich mich nicht mehr. Ich bin zu entkräftet. Er fixiert mich mit eisigem Blick, richtig zum Fürchten schaut er aus. Auf meinem Bauch sitzt er, meine Hände hält er mit seinen gefangen, das Seil drückt gegen meine Arschritze, als würde es mich, wortwörtlich, aufreißen wollen. Ich stöhne schmerzvoll, winde mich, kann aber nichts tun, auch etwas zu sagen möchte ich bei diesem Blick nicht riskieren.
"Was war das vorher?", ist nur seine geflüsterte Frage, doch kann ich jedes Wort so gut verstehen, als wäre es mir eingebrannt worden.
* * *
Regenbogenrasterlocken. Schick sieht sie aus. Ich sag ja schon immer: mehr Farbe braucht die Welt! Kriege wären auch eine lustige Sache, wenn da Sylvesterraketen verschossen würden statt Atombomben. Opfer gäbe es dann keine und die Verwüstung ganzer Landstriche entfiele auch. Friede, Freude, Eierkuchen. Naja, was nicht ist, kann ja noch werden. Was dieses Gestrippe an ihr soll, ist mir jedoch unklar. Wozu soll das gut sein? Ja, es ist schon symmetrisch und sicher auch kunstvoll wie Makramee, aber sonst … die Funktion erschließt sich mir nicht ganz. Sagte ja: bin ein Mann der Mathematik, also auch der Logik. Weibliche Logik? Ist keine Logik!

Sie hat das falsch verstanden. Geht Frauen oft so, ist nichts Neues. Wochenende ist Wochenende, da geht man sich nicht gegenseitig auf den Puffer. Natürlich meide ich die Masse. Die Masse ist dumm und lässt sich gern verführen. Ich bin lieber ich – also individuell, unnachahmlich und einzigartig. Ja, auch ein einzigartiger Kotzbrocken. Wer mich liebt, soll mich lieben, wie ich bin. Nicht, wie er mich gern hätte. Und natürlich reizt mich immer der Gedanke der Überraschung. Sie ist immer möglich. Und bei mir erst recht. Paraden im TV? So ein Schmarren! Ich doch nicht. Schon seit Jahren steht das Gerät unbeachtet in der Ecke und staubt vor sich hin. Selbst Fußball, meine alte Leidenschaft, treibt mich eher vor anderer Leute Mattscheibe als vor meine eigene. Only real is life!

Weiß ich doch nicht, wo die anderen hin sind. Musst du eben besser aufpassen, Schätzchen. Da sind sie doch. Noch mal Glück gehabt. Selbst, wenn du mich in diesem bunten Menschengewirr entdecken würdest, könntest du mich nicht erkennen. Du weißt heute nicht wirklich, wie ich aussehe. Klar, das eine oder andere Bild wechselte schon mal die Seiten. Trotzdem. Schon vergessen? Heute ist Colour Trumpf. Steh du dir nur ruhig die Beine in den Bauch, ich drehe noch ein paar Runden. Jägermeister ist ehedem nur etwas für Magenkranke. Wie kann man sich so ein Zeug nur freiwillig in die Birne schütten? Und wieso suchst du eigentlich nach mir? Du hast doch alles, was du brauchst. Du bist unter Freunden, was soll ich da noch, Mister Menschenscheu persönlich?

Sie soll endlich starten, diese Parade. Aber so sind sie halt – die Wiener. Alles erstirbt in Gemächlichkeit. Bei der EURO 2016 beweist sich das gerade wieder einmal auf das Neue. Nicht ohne Grund fahren die Kicker nach drei Spielen wieder heim. Sie bringen es eben einfach nicht. Sie bräuchten eben etwas von ihren ehemaligen Landsleuten, etwas mehr Paprika im Hintern. Oder anders formuliert: mehr Feuer im Arsch. Na gut, ist eben nicht, Pusztakuchen. Grins. Na endlich. Jetzt geht’s los. Wurde auch Zeit. Lassen sich tatsächlich von einer anderen Demo aufhalten, eben echte Revoluzzer, die die Welt verändern wollen.

Ich will nicht ungerecht sein, wir Mitteleuropäer sind alle etwas trübe Tassen, was das Feiern angeht. Das können die Südländer eindeutig besser. Neidlos anzuerkennen. Hoppla, habe ich einen Moment nicht aufgepasst? Der Typ rempelt sich durch das Gemenge, ich verpass ihm noch einen leichten Stoß. Schließlich will auch ich mein Vergnügen haben. Zielsicher landet er im Rücken meiner Verfolgten. Sag ja: only real is life! Ach, hat sich die Arme verschluckt … und erst das erboste Gesicht. Zum Verlieben! Und die paar Spritzer Wasser auf dem Shirt wird sie verkraften, trocknet bei der herrschenden Witterung ohnehin in Nullkommanix. Schade eigentlich, ich mag klitschnasse Shirts. Sie geben das preis, was sie verhüllen sollen. Und ehrlich: sie hat da echt was zu bieten.

Fasse es nicht. Der Depp entschuldigt sich auch noch. Lahmer Vogel! Na wenigstens hat er verstanden, was ich will. Schüttet ihr doch glatt den Inhalt ihrer eigenen Flasche übers Haupt. Genial. Scheint doch kein Idiot zu sein. Er weiß, wie man Freude verbreitet. Dafür erntet er berechtigt gereckte Daumen und beifälliges Lachen. Vor lauter Wut bekommt sie gar nicht mit, dass ich mich eiligst zwischen ihn und sie geschoben habe. Ich lächle. Unwiderstehlich natürlich.

„Was soll das, du Ar…“, mmpff. Nana, wer wird denn gleich ausfallend werden? Kein Benehmen mehr, die Damen von heute. Aber wenn ich schon mal für schuldig erklärt werde, entgegen jeder Faktenlage selbstverständlich, darf ich auch. Steht ihr prächtig, der flugs verpasste Ballknebel. Trotzdem muss ich sie zurechtweisen: „Wir wollen doch keine Strafe riskieren!“ Offenbar doch, wie mir mein Schienbein kurz darauf signalisiert. Meinen Kontrollblick nutzt sie zur Flucht. Kann mir schon denken, was sie bei ihrer Gruppe als Entschuldigung für das lange Warten auf die nächste Runde Jägermeister anführt: "irgend so ein betrunkener Vollidiot.“ Ich bin schuld, wie immer. Was sich Männer auch immer gefallen lassen müssen. Dabei ist das nichts Neues Von Beginn an sind wir schuld, schon mit Adams Apfel. Na und?!

Den Rest der Zeit humpele ich hinterher. Lauft ihr doch erst einmal stundlang mit gefühlt gebrochenem Schienbein durch Wien, dann reden wir weiter. Der Zufall treibt sie mir wieder in die Arme, nichts sonst. U-Bahn lautet ihr Ziel. Das gibt mir die Chance und Gelegenheit, das letzte Wort zu sprechen. Ich packe sie am Arm und zerre sie hinter das Gebüsch. Dann liege ich auf ihr. Ihre Wut ist nur halbherzig. Sie ahnt im Stillen, woher der Wind weht. Und den Rest besorgt mein stahlblauer Blick. Der Griff um ihre Handgelenke ist schon schmerzhaft. Bin es gewohnt fest zuzupacken. Und jetzt erfüllt auch das kunstvolle Seil um ihren Körper einen sinnvollen Zweck. Es dürfte nicht sehr angenehm zwischen den Hinterbacken drücken.

"Was war das vorhin?", flüstere ich fast lautlos. Vier Worte, kaum zu verstehen, aber brennend heiß.

* * * 

Mein Puls rast, mein Körper schmerzt, mein Atem... Wo ist mein Atem? Geraubt von ihm. Er über mir wie ein Höllenengel, der ewige Qualen verspricht. Qualen, die anscheinend auch er erleiden musste. Was zur Hölle, ja das passt gerade zu ihm, soll denn das? Ich will nur noch nach Hause, das Seil macht sich weiterhin schmerzhaft zwischen meinen Backen bemerkbar. 
Ob er überhaupt weiß, was Schmerzen sind? Männer halten ja bekanntlich weit weniger aus, als wir Frauen. Ob man das dann schon Schmerzen nennen kann? Mann anscheinend schon, Frau, das bezweifle ich! Kaum dass Schnupfen da ist, sind Männer schwer krank und müssen sofort ins Spital oder liegen drei Tage lang flach und müssen bemuttert werden. 
Bei ihm gerade unvorstellbar, wie er, wie das personifizierte Unheil höchstpersönlich, über mir schwebt. Schweben ist eigentlich weit hergeholt, dafür spüre ich sein Gewicht doch sehr deutlich auf mir und seine Kraft an meinen Handgelenken, trotz der Ledermanschetten. Das Halsband hab ich während der Parade abgenommen, da es schon sehr stark gerieben hat, ob das eine gute Idee war? Bin ich mir bei meinem Gegenüber jetzt nicht mehr so sicher. Wir liegen jetzt eine geschlagene Ewigkeit hier in diesem Gebüsch er auf mir, immer noch zornig. Als ich mich bewege und sein Bein dabei berühre, merke ich, dass er sein Gesicht leicht verzieht, verzieht ist übertrieben, sein Mundwinkel bewegte sich ein zwei Millimeter nach unten. Das muss ich nochmal testen, wieder bewege ich den Fuß, diesmal etwas mehr. Sein Griff wird kurz noch fester und der Mundwinkel wandert 5mm nach unten.
Er hat definitiv Schmerzen und er muss mit dem Bein die ganze Parade mitgegangen sein, der Typ ist ja irre. Irre triffts, sowas machen doch nur Perverse, einfach einem fremden einen Knebel in den Mund. Irre... Gehöre ich denn dann nicht auch dazu? Anstatt mich zu wehren, liege ich unter einem anderen Irren und lasse zu, das er mich festhält und auf mir sitzt, nicht einmal geschrien habe ich und trotz der Angst... fühle ich...  Ich fühle mich dennoch wohl. 
Da der erste Schrecken vorbei ist, merke ich die anderen Gefühle in mir aufkeimen. Der Druck, das nicht bewegen und nur schwer atmen können löst in mir eine Art Sicherheit aus, obwohl ich nicht weiß, wie sicher dieser Mensch ist, der auf mir sitzt. Ich beginne ruhiger zu atmen und fühle in mich hinein, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Er scheint die Veränderung zu merken, denn er lockert den Griff um die Handgelenke. Immer noch mit strenger Stimme meinte er: "Hattest du nicht ein Halsband?" Seine Stimme war immer noch sehr durchdringend und klingt außerdem sehr gefährlich. Ich nicke zögerlich und schaue zu meinem Beutel, reden traue ich mich noch nicht ganz. "Wieso ist es nicht an seinem Platz?", kam es gefährlich von meinem Gegenüber, oder besser gesagt Übermir.
An seinem Platz ist einiges nicht. Mein Platz wäre jetzt Zuhause in der Badewanne, meine Wunden vom Tag lecken. Sein Platz wäre definitiv beim Arzt, sein Bein untersuchen lassen, da ist doch der Platz des Halsbandes am wenigsten relevant. Für ihn anscheinend nicht, als ich nicht gleich antworte, wird sein Griff wieder fester und holt mich aus den Gedanken. Männer... Er scheint immer noch auf eine Antwort zu warten, dabei muss er nur die Augen öffnen, die Reibungsspuren am Hals sind doch nicht zu übersehen. Da er anscheinend nicht gewillt ist, der Sache selbst auf den Grund zu gehen, sage ich: "Weil ich mir den Hals aufgerieben hab." Er scheint es gelten zu lassen, beugt sich jedoch tiefer über mich und flüstert: "Du weißt, warum ich dich hier festhalte?!" 
Die geflüsterten Worte lassen mich erschauern. Mein Körper reagiert anders, als dass es der klare Menschenverstand verlangen würde. Auch meine empfindlichsten Punkte, bleiben von dieser Reaktion nicht unberührt. Ich nicke nur, um nicht zu viel von meinen Gefühlen zu verraten, und warte ab. Doch es geschieht nichts, auch er scheint zu warten, worauf denn nur? Durch die Stille zwischen uns wird mir das Stimmengewirr der Paradengäste bewusst. Ich liege hier neben ein paar 100 Menschen, einfach schreien und er würde mich gehen lassen müssen, aber will ich das?
Das Liegen wird mittlerweile richtig unangenehm, meine Arschritze brennt wie Feuer und irgendwie tut er nichts weiter, worauf wartet er nur? Immer noch sitzt er über mich gebeugt und wartet. "Ist das alles?", meinte er und zieht plötzlich an dem Seil an, sodass es noch mehr auf die schmerzhafte Stelle drückt. Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen, er wartet auf mich. Auf mein Verständnis, oder sogar Einverständnis!
"Ja Sir!", flüstere ich zurück. Der Zug auf das Seil lässt wieder nach und ich stöhne erleichtert auf. Doch etwas anderes wollte nicht zur Ruhe kommen, meine Vulva pumpt wie verrückt. "Dann wirst du dich jetzt nicht rühren, hast du mich verstanden?", sagt er wieder mit eisigem Blick. Abermals laufen Schauer über meinen Körper, ich nicke nur vor Anspannung, in Erwartung, was als nächstes passiert. Mit einer schnellen Bewegung hat er wieder das Seil zwischen seinen Fingern und zieht daran. "Ja Sir!", keuche ich laut vor Schmerz auf, verstumme daraufhin schnell, aus Angst jemanden auf uns Aufmerksam gemacht zu haben. Zum Glück war diese unbegründet. 
Das Seil wieder losgelassen, lockert er jetzt auch den Griff von meinem zweiten Handgelenk und legt die Hände unten an den Saum meines Shirts. Aus Sorge er würde es zerreißen fiepe ich leise auf, schaffe es aber, meine Hände dort zu lassen, wo sie liegen. Zum Glück irrte ich und er schiebt es nur über meinen Kopf, sodass die nackte Haut und die Schnürung darüber zu sehen ist – zumindest für ihn, ich sehe nichts – und die Brust ebenfalls frei zugänglich ist. 
Ich halte die Luft an und warte gespannt, wie ein Flitzebogen, auf das Unaufhaltsame, doch höre ich nur ein Klicken und wieder und wieder...  Fotografiert er mich etwa? Ein nettes Schmuckstück hast du da, meinte er noch, bevor er das Shirt wieder herunter zieht, nicht ohne zufällig die rechte Brust mit dem Ring daran zu streifen. 
Er beugt sich wieder über mich, sein Atem streicht über meinen Hals. Ich höre ein Rascheln, zucke zusammen, ist da wer? Plötzlich ein Biss, auf der Stelle, wo die Haut vom Halsband schon beleidigt ist. Ich bäume mich auf, ein Keuchen entweicht meinen Lippen. Dann fährt er mit der Zunge vorn herum auf die andere Seite, wieder ein Rascheln und ein zweiter Biss, der noch intensiver zu spüren ist als der erste. Ich keuche wieder, kann meine Hände nicht liegen lassen und kralle sie in die Schultern von ihm. So schnell wie es begonnen hat, war es dann auch wieder vorbei. Dann spüre ich das Halsband wieder auf meinem Hals. 
"Hebe deinen Kopf!" 
Ich tue wie mir geheißen und er schließt das Band, nicht ohne es ordentlich fest zu ziehen, sodass das Luft holen etwas erschwert ist und es auf die Wunden drückt. Danach steht er auf, ich vermisse auf einmal das Gefühl seines Körpers auf meinem, und hält mir die Hand hin. Er zieht mich auf die Beine und drückt mir meinen Beutel in die Hände. "Du wirst jetzt nach Hause gehen, am Weg das Band oben lassen und erst zuhause abnehmen!" Verdutzt schaue ich ihn an, mit dieser Geschwindigkeit ziemlich überfordert, sodass ich wieder die Antwort vergesse. Wieder ein Zug seinerseits am Seil erinnert mich jedoch schnell daran! "Ja Sir", stöhne ich auf und stelle mich auf die Zehenspitzen. Grinsend beobachtet er meine Reaktion... "Und du wirst darauf warten, bis ich mich wieder melde!" "Ja Sir!", antworte ich diesmal schneller. "Sehr gut, dann wünsche ich dir eine gute Nacht!" Mit diesen Worten scheucht er mich aus dem Gebüsch, nicht ohne mir einen kräftigen Schlag auf den Hintern zu verpassen, und ich gehe automatisiert in Richtung U-Bahn weiter.
Zuhause nehme ich meinen Schmuck ab, am Ende das Halsband. Es fühlt sich an, als würde ich es noch immer tragen. Dann ziehe ich mich aus und löse vorsichtig den Harness. Das Badewasser läuft schon in die Wanne. Als das Wasser schon meinen Körper umschmeichelt, kommt mir der Gedanke: Er hat noch die Fotos!

* * * 

„Scheiß Spiel!“, denke ich. Der Schmerz am Schienbein nimmt mir für Sekunden die Sinne, ein Moment der Bewusstlosigkeit. Fast wäre ich wie ein nasser Sack auf ihr zu liegen gekommen. Noch einmal schließe ich kurz die Augen und schüttle das unangenehme Gefühl von mir. „Du Aas, dir werde ich es zeigen!“, fluche ich innerlich. Wo ist eigentlich dein Halsband? Hatten wir uns nicht auf eine Kleiderordnung für den heutigen Tag geeinigt? Es ist lästig und scheuert, dein Hals ist schon wund? Mir doch egal, hat dich bei deinem Tritt auch nicht interessiert, was die Folge sein könnte. Die zwei Bisse als Zugabe wirst du verschmerzen, schließlich kommen sie von Herzen. Ich lächle hämisch und weiß, dass du mir jetzt am liebsten die Augen auskratzen wollen würdest. Deshalb halte ich dich noch einen Moment lang gut fest.

Ich reiche dir die Hand und du nimmst sie dankbar entgegen. Bevor ich weitere Dummheiten begehe, drücke ich dir deinen Beutel in die Hand und lasse ich dich ziehen. Noch ein letzter Zug am Seil, welches du offensichtlich liebst. Du kommst mir auf Zehenspitzen entgegen, dass ich fast meine Entscheidung revidiere. Verführerisch na bist du mir jetzt. Zu nah, entscheide ich. Einen Abschiedsklaps auf den Allerwertesten kann ich mir jedoch nicht verkneifen. Ich mag sie halt, das freche Stück. Und für heute habe ich genug, da sind ja noch die Fotos. Schöne Bilder, erregende Bilder. Meine Ideen sind manchmal wirklich gut und praktisch. Vielleicht sind sie eines Tages mehr als nur Erinnerungsstücke.

„Träum weiter, du Idiot!“ Außerdem sind die Ambitionen andere. Manchmal habe ich diese Spiele sogar satt. Sie stehen mir dann bis zur Halskrause und noch darüber. Habe ich sie deshalb gehen lassen? Wahrscheinlich. Keine Ahnung. Manchmal weiß ich eh zuviel. Dumm lebt sich oft leichter. Ich denke: „Beziehungshindernis Intelligenz“, und lächle. Ein süßsaures Schmunzeln, es hilft mir wie so oft nicht wirklich. Ein Blick auf die Uhr. Spät geworden. Eine halbe Stunde danach sitze ich auf einer der vielen Bänke in Wien und stochere lustlos in chinesischen Essensresten. Was soll ich daheim? Da wartet niemand auf mich. Außerdem liebe ich es, die Nacht im Freien zu verbringen. Bin jede Nacht draußen.

Keine frustierten Autofahrer, keine nervende Menschenseele. Zum Tagesanbruch dann zumeist die Stimmen der erwachenden Natur. Zwitschernde Vögel lösen die streunenden Füchse zur Morgendämmerung ab. Niemand, der dir weh tut. Niemand, der dich enttäuscht oder verletzt. Von mir aus könnte es jeden Tag rund um die Uhr dunkel und schummrig sein. Vampir wäre der richtige Beruf für mich. Aber dafür gibt es keine Lehrstellen oder Masterstudienplätze. Eine echte Lücke im Arbeitsmarkt. Da versagt sogar das berühmte soziale Netz. Ich sag ja schon immer: die Menschheit besteht nur aus Bildungslücken.

Vor kurzem las ich von einem Informatik-Professor der Princeton University, der sich einer Nachrichtendiät unterzieht. Kein Twitter, kein Facebook … eben wohltuende geistige Entschlackung. Lieber unwissend als falsch informiert? Trifft das auch auf die Gefühlswelt zu? Lieber gar keine als falsche? Auf jeden Fall hat er den Makel des Postfaktischen erkannt. Wir prüfen uns und unsere Quellen nicht mehr. Wir konsumieren das Zeug, was weltweit kursiert. Das raubt uns den Blick zu unterscheiden und für das Wesentliche. Während ich hier sitze, laufen unzählige wandelnde Handyhalter an mir vorüber. Was nehmen sie noch wahr von der realen Welt? Nicht einer, der zu mir herüber sieht. Dabei lächle ich jeden von ihnen freundlich an. Arme Irre!

Da sind mir selbst die zahllosen übrigen Spinner lieber. Zum Beispiel die „Bewunderer“ von Chemtrails. Gezieltes Versprühen von Chemikalien am Himmel, um Zeugungsfähigkeit zu senken oder die Böden für aluminiumresistente Saaten vorzubereiten? Wie schön! Ich liebe Chemtrails. Sie sehen herrlich aus. Vor allem, wenn der Himmel purpurrot bis golden strahlt. Es gibt nichts Schöneres als diese Streifen in der Luft. Ich könnte stundenlang da sitzen und ihnen beim Werden und Vergehen zusehen. Es gibt kaum Dinge, die romantischer sind. Wie auf Bestellung zeichnen zwei Düsenflieger gerade Muster ans Firmament. Sie haben bestimmt ihren Spaß dabei. Ich auch.

Da wird man glatt zum Flacherdler. Ich sollte vielleicht weiter gehen, bis über den Rand der Arktis hinaus. Wenn es da nicht so kalt wäre, würde ich es glatt einmal versuchen. Vielleicht nächstes Jahr. Bestimmt. Gute Vorsätze sind was Praktisches. Man kann sie getrost vergessen und muss noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei haben. Ersatzweise kann ich mir ja auch mein ganz persönliches Reptiloid zulegen. Da sind die Deutschen wie so oft im Vorteil, sie haben Angela Merkel und Till Schweiger, spitze Zähne und vertikale Pupillenschlitze. Aber ich sollte solche Dinge besser für mich behalten. Denn wie Macciavelli schon sagte, droht, „sobald die Zahl der Mitwisser drei oder vier übersteigt“, die Aufdeckung der Verschwörung. Geheimnisse haben doch was Gutes.

Bist du mein Geheimnis? Oder bin ich es selbst? Im Moment werden wir wohl beide aus uns noch nicht schlau. Wozu auch? Sagt der Volksmund nicht: „dumm fickt besser?“ Mit diesen Gedanken erhebe ich mich und sende eine Nachricht an dich. Bin gespannt, ob du diesen nächsten Schritt wagst. Wünsch dir eine schöne Nacht. Ich bleibe heute draußen. Zu schön ist Wien gerade heute, um das zu verschlafen.

Bewertung

Votes with an average with