La cathedral - Teil 7: Sternzeichen Ratte?

 

Diese Geschichte ist einmal als Gemeinschaftsarbeit von fünf Autoren gestartet worden. Ich selbst war daran nur geringfügig beteiligt, befand mich absolut im Hintergrund. Das war meine selbst gewählte Rolle in diesem Spiel. Diese offizielle Version behielt ich auch gegenüber allen Mitautoren bei (ausgenommen der Initiatorin gegenüber), als es interne Differenzen über kritische Punkte gab, die letztlich eine Fortsetzung des Projekts stoppten. Der folgende Abschnitt entstand schon vor dem Crash von Meg's Seite und lag seitdem auf Eis. Vielleicht findet ja der eine oder andere Hobbyschreiber doch noch Interesse an dieser ungewöhnlichen Geschichte und dem Projekt. Dann kann er sich gern an mich wenden. Werde das Interesse dann weiterleiten.

„Nenn mich, wie du willst. Aber beißen und ficken tue ich, wen und was mir gefällt … Imothep? … Du hast sie doch nicht mehr alle!“ Ein Biss. „Tut ihm ganz recht. Hoffentlich krepiert er daran. Verdient hat er es allemal. Das Sprichwort sagt nicht umsonst: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Tja, bist wohl nicht bibelfest, mein Gutster.“ Das Tier zuckt die Achseln, soweit einer Ratte möglich.

 

„Aua!“, stöhnt der Wissenschaftler lautstark spontan und entlässt den Übeltäter verschreckt in die kubistische Freiheit. Dankbar wird das unerwartete Geschenk angenommen. Auf der Flucht prallt das Versuchstier zuerst gegen den Riegel des nächsten Käfigs, so entflieht auch noch ein weibliches Exemplar der Spezies und flitzt dem unerwarteten Retter hinterher. Zwecklos, ihnen zu folgen.

 

Der Professor flucht leise vor sich hin, Gott soll ihn nicht erwischen. Das Blut quillt quälend langsam aus der kleinen frischen Wunde. Nicht viel, nur winzige Tröpfchen. Dennoch eine Gefahr. Bluter sind oft panisch. Ob berechtigt oder nicht, sei dahingestellt. Es ist einfach an dem. Gebannt starrt er auf den Finger. Zwei kaum sichtbare Punkte, die sich tiefrot färben. Wie in Trance wird dem Geschehen gefolgt. Forscheraugen eben. Alles um sich herum vergessend, wenn es den Besitzer selbiger einmal packt.

 

Minuten später ist die Hand fast erlahmt, tiefblau bis nahezu schon schwarz leuchtet der Unterarm leblos in den Raum. Worauf nur wartet er? Es wäre längst Zeit zu handeln. Doch nichts dergleichen passiert. Das Schicksal schlägt ohne Erbarmen und gnadenlos zu. Stände ein Metronom oder alter Regulator auf dem Tisch, könnte man den Takt des Todes schon deutlich und klar vernehmen. Gespenstische Stille herrscht. Hin und wieder das Kratzen von Spinnenbeinen an der Wand und alle paar Sekunden der versiegende Odem.

 

* * *

 

Auf der Flucht wird öfter an Grenzen gestoßen. Imothep prallt in vollem Lauf gegen die Wand und demzufolge zurück. Es trifft seine Verfolgerin beinahe mit voller Wucht. Gerade noch rechtzeitig drückt sie sich flach auf den Boden und der Fluchtführer fliegt über sie hinweg. „Von Flughunden habe ich ja schon gehört“, kichert es wenig respektvoll. „Aber Flugratten …?“

 

„Ach, halt doch deine Schnauze!“, murmelt es nicht gerade ladylike zurück. „Hat dich jemand nach deiner Meinung gefragt?“ Ratte bleibt Ratte. Trotz aller ihr zugeschriebenen Intelligenz. Eben einfach bissig. Auch in der Wortwahl und im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Das schreit nach Belehrung. Die Herren der Schöpfung sind zwar im Grunde lernresistent, aber Weiblichkeit steht ihnen stets gut zu Gesicht. Haben Ratten Gesichter?

 

Der weibliche Rattenschwanz landet gekonnt zwischen den Hinterläufen des Ungehobelten, kraftvoll und wuchtig. Ein Fiepen in höchsten Tönen die Antwort. „Spinnst du?“ Der Kommentar ist Auslöser für einen zweiten Hieb. Weitere Fragen stellt der Empfänger nicht, er hat verstanden. Weiße weibliche Zahnreihen ergänzen das Geschehen und loben für das Verständnis. „Scheint ein Hobby von dir, gegen die Wand zu laufen.“ Das Lächeln nimmt kein Ende. Überlegen und demütigend zugleich. Er ist wohl doch kein Rattenkönig, sie dafür eine Königin.

 

Viel Zeit für Erholung bleibt dem armen Opfer nicht. Die Gefahr nähert sich fluchend mit weit ausladenden Schritten. „Ich mag diesen Kerl einfach nicht“, versteht sich der Kommentar von selbst. „Denkst du, ich mag ihn?“ Hastig aber nicht hektisch schaut sich das Paar um, fieberhaft nach einem Ausgang suchend. „Da! Sieh nur, da!“ Noch ehe sie die Rettung erspähen kann, packt sie der männliche Mitflüchtling bei der Vorderpfote und zerrt die Rättin mit sich durch ein viel zu enges Loch.

 

„Es muss gehen“, spornt er sich innerlich an, sich selbst mit aller Kraft durch den Tunnel treibend wie ein riesiger Bohrer durch einen granitenen Berg. Trotzend jeglicher Gefahr, auf dem Weg in die Freiheit stecken zu bleiben. Dabei zerquetscht er fast das zarte Händchen, so angespannt geht er zu Werke. Sein Näschen signalisiert einen ersten zarten Hauch, das Ziel naht. Endlich durchbricht er die Mauer. Doch noch immer ist die Begleiterin in Gefahr. Ihre Hüftpartie ist ausgeprägter als das männliche Gegenstück und will ihm nicht so recht folgen. Der Rättin Schwanz liegt noch blank und zuckt verräterisch auf der anderen Seite durch die Luft.

 

„Halt! Hier geblieben!“, zetert es. Nein, es grollt fast. Das Konstrukt erbebt und zittert. „Ihr Undankbaren, das zahle ich euch heim. Ich lege euch in Ketten. Schon greift der Professor nach dem langen Teil weiblicher Eleganz. „Wehe wehe, wenn ich auf das Ende sehe.“ „Sofort kommt ihr da heraus“, schnappt die Falle zu, die Hand packt nach dem zitternden Stück. Plopp! Im letzten Augenblick die Rettung, der Griff erfolgt ins Leere. „Bande! Verräter!“, sind die letzten Worte des Wissenschaftlers. Dann knallt er mit dem Kopf gegen das harte Gemäuer. Bewusstlos bleibt er liegen. Zu ungestüm und voller Wut war seine Attacke.

 

 „Puh, das war knapp“, bedankt sich die Lady bei ihrem Galan und Retter mit einem zärtlichen Nasenstüber. Könnten Ratten erröten, wäre er jetzt eine Art Mars in der Dunkelheit, die sie umgibt. „Papperlapapp“, reibt sich der Verlegene die Spuren der Empfindlichkeit aus dem Gesicht. „Lass uns lieber nachdenken, wie weiter.“

 

Ihre Lage hatte sich kaum verändert. Noch immer von Dunkelheit umfangen und eingesperrt. Schwach leuchtende zwei Punkte in der Ferne, mehr nicht. Sonst alles schwarz und leer. Vorsichtig und ohne jedes Geräusch geht es die Wand entlang. Geduckt und eng aneinander geschmiegt. Langsam kommen die Punkte näher. Flackernd. Unruhig. Ohne jede Ahnung, was das sein könnte, zieht es an wie ein Magnet. Also weiter, aber immer auf der Hut.

 

Nur noch wenige Meter, dann die Erkenntnis. „Ein Mensch. Hat man hier nirgends seine Ruhe?“ Fragende Blicke begegnen sich. Antwort keine. Eben noch einem Exemplar dieser unheilvollen Spezies entkommen, stehen sie jetzt vor dem nächsten. Doch es riecht weniger nach Gefahr, fast schon wehrlos. Stopp. Witterung aufnehmen. Die Lage checken. Dann weiter, immer näher. Das Menschliche bewegt sich nicht. Als warte es auf die Flüchtlinge, um nicht mehr allein zu sein. Nur noch ein Sprung entfernt. Das Paar setzt an, bereitet die Attacke vor, duckt sich, spannt alle Sehnen und Muskeln. Und springt.

 

Boing! Die schwere Metalltür schlägt auf wie das verlorene Eingangselement einer Boeing 737 aus tausenden Metern Höhe. Zwei kleine fast ohnmächtige Gestalten zurücklassend, die nach dem Mars nun auch noch die Milchstraße kennen lernen. Sterne über Sterne vor ihren Augen. Hätte die Tür keinen Knauf, der das Gemäuer auf Abstand hält, wären sie jetzt platt wie Flundern.

 

* * *

 

„Sieh dir einer diesen Faulpelz an, während wir schuften müssen, pennt der hier in aller Seelenruhe.“ Die Kritik erreicht den Adressaten nicht. Noch immer lehnt er starr und unbeweglich an der nur wenig kühlenden Wand. Den beiden Söldnern in Griseldas Diensten kann es gleich sein. Sie haben einen Auftrag, der Rest ist Pusteblume. Mit kraftvollem Schwung zerren sie das Elendshäuflein auf die Beine. Zwecklos. Allein zu stehen vermag es nicht. Vor dem endgültigen Zusammensacken wird es wieder senkrecht gezerrt. Gefühlt eine halbe Tonne. Zwei schwere Atem gegen federleichten Hauch. Die Ratten staunen und kichern.

 

„Zustände herrschen hier!“, schüttelt Herr Ratte mit fragendem Blick zu Fräulein Rättin das noch immer orbitierende Haupt. „Sei doch mal still!“, flüstert sie nahezu lautlos und legt ihm die Flosse auf die vorlaute Gusche. Zeitnah erscheint SIE. Steht mit einem Mal in der Türöffnung. Griselda. „Heute seid ihr wirklich zu nichts zu gebrauchen. Schert euch zum Teufel, versoffenes Pack. Zwei kräftige Tritte in die Hinterteile besorgen den Rest.

 

„Wow, das ist eine Frau! Die hat Format!“ Diesen Kommentar versteht Herr Ratte so gar nicht. Verkehrte Welt, findet er. Weiber an die Macht? Die Frage steht ins Gesicht geschrieben und verschafft ihm mitleidiges Belächeln. Wenn er es richtig deuten könnte, wäre darin sogar eine gewisse Vorfreude zu entdecken. Doch er sieht nichts. „Warte ab, mein Lieber! Wir werden noch viel Spaß miteinander haben.“, denkt sie und schweigt breit grinsend.

 

Das leuchtende Augenpaar ist vor Griselda auf die Knie gesunken. Eine Szene wie bei Caravaggio. Voller Schwermut, in gespenstisch dunklem Farbton. Demut, Ehrfurcht, göttliche Gewalt. Leben und Tod zugleich. Aber alles Finsternis. Zwei sich streitende Strahlen des Lichts. Der eine wie eine Griselda umgebende Aureole, der andere mit stählernem Schattenmuster. Alternative? Nur ein einziger Weg – Unterwerfung oder Tod. Ihre Hand unter seinem Kinn, seine Lider gesenkt. Kein Leuchten mehr. Stille. Schier endlose Stille. Ruhe vor dem Sturm, Schweigen vor der Entscheidung.

Ein Kuss auf seine Stirn wird begleitet von festem Griff um den Hals. „Atme, wenn du kannst!“ Mühevoll kämpft er gegen den Druck auf den Kehlkopf an. Mit jeder weiteren Sekunde nimmt sie weitere Luft, umschließt sie alles enger. „Was siehst du? Was fühlst du?“ Wie soll er darauf antworten? Glucksend schluckt und würgt er, die Augen quellen hervor. Sie hat ihn im wahrsten Sinn des Wortes in der Hand. Schwindel. Noch leicht, aber genug, um eine Art Trance zu erzeugen.

 

Es geht noch lange nicht dem Ende entgegen. Sie lässt es nicht zu, lockert kurz den Griff, um sofort noch fester zuzupacken. Der Sauerstoffschub wirkt wie eine Droge. Adrenalin pur schießt durch seine Blutbahnen und ins Hirn hinein. Griselda lächelt und genießt. Ihre Macht und seine Qualen. Was ihre Schraubzwinge noch an Luft übrig lässt, nimmt sie mit einem Tritt zwischen seine Beine. Dann ist er frei. Ebenso frei wie sein Schmerzensschrei. „Brav. Gut gemacht, Sklave.“ Wieder ein Lächeln, dann zwei Ohrfeigen, die ihn an Klitschko denken lassen.

 

Die Ratten trauen sich fast nicht hinter der Tür hervor, sind ergriffen vom Geschehen vor ihren Augen. Erstarrt vor Ehrfurcht und Erstaunen. Wer genau hinschaut, kann in der Rättin Blick ein Blitzen und Funkeln erkennen. Mit diesen Augen schaut sie kurz hinter sich, mustert ihren Wegbegleiter und findet Gefallen an den in ihr aufkeimenden Gedanken. Rumms. Die Tür fällt wieder ins Schloss. Zurück bleiben ein sich vor Schmerz windender Zellhaufen, sich entfernendes gedämpftes schallendes Lachen.

 

Bewertung

Votes with an average with