Rico – Teil 1: Ein guter Fang

 

[Diese Geschichte spielt in einer modernen Welt, in der es üblich ist, Menschen zu besitzen.]

Rico war auf dem Heimweg und musste sich zurückhalten, um nicht fröhlich vor sich hin zu pfeifen. Er hatte heute reiche Beute gemacht und das machte ihn glücklich, denn es bedeutete, dass seine kleine Familie heute satt werden würde. Die Lebensmittel waren ein Geschenk des Himmels gewesen: Erst einen Tag über dem Haltbarkeitsdatum und alle noch originalverpackt – Rico hatte nichts davon gegen die Füchse, Ratten und Waschbären verteidigen müssen, die sonst den Straßenkindern die Abfälle der Stadtbewohner streitig machten.

Er verlagerte das Gewicht der schweren Tüte auf die andere Schulter und legte einen Zahn zu, um schneller nach Hause zu kommen, denn er freute sich auf die überraschten Gesichter seiner jüngeren Geschwister, wenn er die ganzen guten Sachen heimbrachte. Geschickt duckte er sich in den Schatten eines Hauses, spähte um die Ecke, und ging dann weiter. Es war nicht leicht, gleichzeitig schnell und unauffällig zu laufen. Aber es war nötig, denn in dieser Stadt gab es nicht nur vierbeinige Raubtiere, sondern auch zweibeinige. Und die waren besonders gefährlich.

Als Rico nur noch einen Straßenzug von seinem Ziel entfernt war, machte sich die Vorsicht bezahlt. Wie gewohnt spähte er um die Ecke – und zuckte sofort zurück um sich flach gegen die Hauswand zu pressen. Auf der anderen Seite stand einer der berüchtigten Lieferwagen!

Er stellte die Tüte auf den Boden und lauschte. Aus der Ferne waren kurze Rufe zu hören, und er meinte einen abgehackten Schrei vernommen zu haben. Ricos Hände ballten sich zu Fäusten. Der Wagen stand genau zwischen ihm und der Baracke, in der er mit seinen Geschwistern wohnte, und schnitt ihm den Weg ab. Er würde hier warten müssen, bis die Gefahr vorüber war – und tatenlos zuhören, wie diese Schweine Menschen verschleppten. Vielleicht sogar seine eigenen Geschwister!

Alles in Rico schrie danach, hinüberzulaufen und aufzupassen dass es seinen Geschwistern gut ging. Aber er wusste, dass das Selbstmord gewesen wäre. Es blieb ihm nichts anderes übrig als warten und hoffen.

Ein wütender Schrei erklang, dann kreischte eine Frauenstimme und brach plötzlich ab. Rico hielt sich die Ohren zu um es nicht ertragen zu müssen. Er hatte die Stimme seiner Nachbarin erkannt. Er mochte sie nicht, aber dennoch war es feige, ihr nicht zu Hilfe zu kommen.

Plötzlich wurde eine stark behaarte Hand von hinten auf sein Gesicht gepresst. Rico versuchte zu schreien, aber er bekam keine Luft. Dann spürte er einen stechenden Schmerz an der Seite und fand sich zuckend auf dem Boden wieder. Über ihm schwebte das unrasierte Gesicht eines kräftigen Mannes. Der Mann grunzte zufrieden und steckte den Elektroschocker wieder an den Gürtel. Er packte Rico grob am Hemdkragen und schleifte ihn um die Hausecke auf die Straße.

„Tonio, hab einen“, knurrte er im Laufen in Richtung Lieferwagen.

„Gut gemacht, Kalle“, antwortete ihm eine fröhliche Männerstimme, „mir sind wieder nur Hühner ins Netz, und eine hat mich sogar gebissen.“

Rico erhaschte einen Blick auf Tonio, der gerade eine junge Frau mit Kabelbindern fesselte. Sie wehrte sich nach Kräften und trat nach ihm, aber Tonio lachte nur, schubste sie ins Innere des Wagens und band ihr auch noch die Füße zusammen. Dann wandte er sich Rico zu, der von Kalle angeschleppt wurde: „Hübscher Bursche“, sagte er anerkennend, „wird 'nen guten Arbeitssklaven abgeben. Das gibt Kohle.“

Kalle grunzte zustimmend und sah zu, wie Rico ebenfalls verschnürt wurde. Es war auch höchste Zeit, denn Rico bekam langsam wieder Gefühl in den Gliedern.

Plötzlich ertönte ein gurgelnder Schrei aus dem Auto, gefolgt von: „Fuck! Haltet die Schlampe!“ Gehetzt sprang die Frau von gerade eben aus dem Wagen und rannte an dem verdutzten Kalle vorbei.

Tonio fluchte, ließ Ricos gefesselte Hände los und rannte ihr hinterher.

Das war Ricos Chance! Mühsam rappelte er sich auf die zum Glück noch ungefesselten Füße, und stolperte in die andere Richtung davon. Ein paar Meter weiter stand eine Tür offen, die musste er erreichen! Es fehlten nur noch ein paar Schritte.. Plötzlich warf sich ein schwerer Körper auf ihn und quetschte ihn zu Boden. „Hab dich“, keuchte ihm Kalle ins Ohr. Rico schrie vor Schmerz und wand sich verzweifelt. Aber Kalle setzte sich einfach auf ihn drauf, und drückte mit den Händen Ricos Schultern zu Boden.

„Hilf mir!“, raunzte er den Mann an, dem gerade die Frau entwischt war.

„Mann, die Schlampe hat mich voll am Hals erwischt“, motzte der, und brachte neue Kabelbinder zu Kalle und Rico. „Tonio hat die Scheißdinger zu locker gemacht!“

Tonio hatte inzwischen die entflohene Frau wieder eingefangen und brachte sie über die Schulter geworfen zurück zum Auto. Sie zappelte nicht mehr, und Tonio wirkte wütend. „Wenn sie zu eng sind faulen die Hände ab, das ist auch scheiße!“, verteidigte er sich, „Das Huhn ist dir abgehauen, nicht mir!“

Aber der andere war damit beschäftigt, den um sich tretenden Rico zu fesseln und antwortete nicht. „Fuck, halt still!“, brüllte er, als Rico ihn zum zweiten Mal mit dem Fuss getroffen hatte und natürlich alles andere tat, als stillzuhalten.

„Hilfe!“, schrie er mit bereits heiserer Stimme, und versuchte sich mit den gefesselten Armen vom Boden abzustemmen.

„Stillhalten!“, knurrte Kalle, und verpasste ihm zur Bekräftigung einen derben Schlag auf den Hinterkopf, worauf Ricos Körper erschlaffte und zusammensank.

„Prima Kalle, noch einer bewusstlos“, kommentierte Tonio genervt, „schaff ihn in die Karre, dann hauen wir ab.“

Weiter zu Teil 2 →

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Kommentare

Von mir alle Sterne für den Anfang. Ich bin direkt in die Geschichte mitgenommen worden. Der Charakter wird durch die Handlung selber vorgestellt. Wenig Worte führen direkt in die Handlung der Geschichte und zu den ersten Charakteren.

Klasse und weiter !