Schlachthaus

Alles in Weiß, Gummistiefel, Gummischürze fast bis zu den Fußknöcheln, Hose aus synthetischem Material, einfaches T-Shirt und die kleine Haube für das Haar. Rechts ein Gummihandschuh und links der schnitt feste Kettenhandschuh. So war das jahrelang meine tägliche Arbeitskleidung und jetzt stehe ich derart ausgestattet in einem stillgelegten Schlachthof weit weg von zu Hause, weil ich eine Rolle in einem Sexfilm habe, der ganz anders ist, als die, mit denen ich sonst zu tun habe.

Normalerweise verdiene ich als Wachschutzmann mein Geld. Das reicht aber nicht mehr, um über die Runden zu kommen, seit mein Vermieter ordentlich auf die Miete drauf geschlagen hat. Mein Freund Semir hatte mir den Tipp gegeben, doch mal ein wenig bei Pornofilmen mitzumachen. Bringt zwar auch nicht riesig was ein, ich helfe da mehr oder weniger aus, aber einmal durfte ich auch schon richtig ran. Ansonsten wäre ich zu klotzig, um eine richtige Rolle zu bekommen, haben die mir gesagt. So geh ich schon mal auch der Technik zur Hand und das Zugucken bei den Mädels gefällt mir sowieso. Dann wurde eines Tages ein Metzger für eine Rolle in einem Fetischfilm gesucht. Das hörte sich für mich richtig an, obwohl ich nicht wirklich wusste, worum es da ging.

Die Rohrbahn läuft zwar noch, ist aber schon ewig nicht geschmiert worden. Das hör ich sofort. Ich bin überrascht, dass sogar die Anschlingketten noch dran sind. Der große Metalltrichter gehört aber nicht dazu, den gab es in unserer Schlachthalle nicht. Er sieht so ein bisschen aus wie diese Einnetzgeräte für Christbäume. Vielleicht ist das sogar eines. Nur so, wie es auf dem Gestell montiert ist, im 45-Grad-Winkel nach unten, kann höchstens von oben etwas hindurchgeschoben werden. Darüber hängt ein mechanischer Flaschenzug, der die Last genau in den Trichter ablässt. Am Ausgang ist Folie angeklemmt, die wie sie aufgerollt ist, mich an riesigen Kunstdarm erinnert. Ich habe noch nichts Schriftliches über diesen Teil des Drehs, aber eine Ahnung, wie das ablaufen könnte.

Wegen der Dekoration liegt mein altes Messerset auf einem Rolltisch gleich nebenbei. Die drei Polker, das Darmmesser, mein sauteueres Filiermesser, der Spalter, das breite Stechmesser, das Abhäutemesser, ein Fliesmesser und natürlich Hackbeil und Wetzstahl. Niemals hatte ich die alle bei der Arbeit dabei, jetzt liegen sie aber parat, als würde mir gleich noch einmal die Gesellenprüfung abgenommen. Die haben mir einen dicken Stift gegeben, den soll ich wie ein Messer führen. Auch das erinnert mich an meine Zeit als Lehrling, als der versierteste Fleischzerleger unseres Betriebes uns Lehrlingen die Schnittfolgen mit einem abwaschbaren blauen Stift an einem Schwein zeigte.

Mir ist irgendwie mulmig. Ich laufe umher und schaue mir den alten Pausenraum an, der komplett ausgeräumt ist, aber unserem von damals ähnlich ist. Da in der Ecke stand bestimmt der Tisch mit den Kuchenpaketen. Metzger lieben Kuchen, weil der ständige Fleischgeruch einen den Appetit auf Wurstbrote verdirbt. Die Frau von unserem Chef kam meist freitags mit Frischgebackenem für das Wohlfühlen. Den zogen wir allemal dem gekauften Kuchen vor.

Die Frauen sind da. Zu mir kommt keine rüber. Sie begrüßen sich, geben sich Wangenküsse und im Raum des Schichtleiters, der mit dem großen Fenster zur Arbeitsstraße hin, ziehen sie sich um und sitzen und rauchen. Wie ich dazu komme in meiner Montur, wird es gleich still in dem Raum. Ich werde angestarrt. Sechs Frauen sind es und ich bin überrascht, denn die sehen zehnmal besser aus als die, die sich in den Filmen durchvögeln lassen, bei denen ich sonst mitmache. Keine ist älter als Ende Zwanzig und keine ist nuttig geschminkt. Niemand sagt etwas und ich stelle mich ein bisschen unbeholfen vor. Eine der Frauen will wissen, ob ich Erfahrung im Pigplay habe, doch ich weiß darauf nichts zu antworten. Ich staune, dass es ihnen nichts auszumachen scheint, für diesen Film als nacktes Schlachtvieh herzuhalten. „Wir proben!“ Der Chef der Filmer ist im Raum und pickt sich eine der Frauen heraus. Sie drückt ihre Zigarette aus und steht auf. „Du!“, damit meint er mich, „Du bist jetzt dran. Du siehst schon perfekt aus. Ihr kommt beide mit.“

Nebenan ist ein Pferch, wo wahrscheinlich 10 Schweine hineingepasst haben. Ich habe nur einen Satz zu sagen. „Zieh dich aus und mach schnell!“ Ich schiebe sie, als sie nackt ist, an den Anfang der Rohrbahn und deute ihr mit einem Zeichen meiner Hand an, sich auf den gefliesten Boden zu setzen. Die Anschlingkette ist umgebaut, an ihr hängt jetzt ein klassischer Fleischerhaken. Das ginge auch sonst nicht, daran einen Menschen, an seinem Fußknöchel festgemacht, aufzuhängen. Sie bekommt von mir, wie es mir aufgetragen wurde, eine Seilschlinge ans Bein gebunden, die ich am Ende zu einer Öse verknote. Ich ziehe sie mit beiden Händen am Fuß hoch. Es macht mir große Mühe, sie hoch zu bekommen; 63 kg wiegt sie, hat sie mir verraten. Sie versucht noch, ihr freies Bein auszubalancieren, dann habe ich sie eingehängt. Ich starre auf ihre glattrasierte Möse und obwohl sie ein hübsches Mädchen ist, macht es mich in diesem Moment nicht an. Ihre Arme baumeln lose herunter und ihr Haar berührt fast den Boden. Sie schaut ängstlich, vertraut wohl nicht der Aufhängung. Ich verbinde laut Anweisung des Filmers ihre Hände am Rücken mit einem kurzen Strick, was gar nicht einfach ist, besser vorher hätte passieren sollen, und lasse per Knopfdruck an einer Wandschalttafel die Rohrbahn anlaufen. Sie kreischt ein wenig dabei, wohl weil sie hin und her schaukelt und das Ganze ziemlich unbequem ist, bis sie einige Meter weiter am Rolltisch mit meinen Werkzeugen angekommen ist. Für den eigentlichen Dreh würden spätestens hier alle sechs Frauen auf diese Art an der Rohrbahn hängen.

Ich greife mir den Stift, der zwischen meinen Messern parat liegt und drehe sie mir mit der linken Hand zurecht. Das habe ich früher mit jedem Schwein getan, auch wenn es eigentlich richtig hing. Ich spüre ihre Wärme nicht durch den Kettenhandschuh hindurch. So war das aber mit den Schweinen immer, nachdem sie abgebrüht, geschrammt und abgeflämmt waren. Dafür schießt mir der Schweiß aus den Poren. Es geht daran, die Keulen, die Dickbeine, das Filet und den Märbraten, den Bauchspeck, die Vorderkeulen und den Rest zu markieren. Ich will den Stift an ihrem Oberschenkel ansetzen, schaffe es aber nicht, sie mit ihm zu berühren. Von den Fingerspitzen bis in den Bauch hinein bin ich blockiert. Es fühlt sich alles zu echt an.

Der Filmer steht hinter mir und fragt, „Was denn nun?“ Er stellt sich mir an die Seite. „Hey, gibt es ein Problem?“ Ich bin erstarrt und fühle mich wie damals zu Beginn meiner Lehrzeit, als ich den ersten Schnitt nicht ansetzen konnte und der Geselle mich dasselbe fragte. Nur, es ist viel schlimmer. Für mich kann das niemals geil sein, stelle ich fest. Der Stift liegt in meiner Hand als wäre er ein Messer. Szenenhaft sehe ich in Gedankenbildern, wie ich Haut durchtrenne, Fettschichten zerteile, ausbeine. „Mann, ist doch nur ein Stift, du Idiot!“, brüllt er mich an. Mechanisch, zu nützlichen Gedanken gerade nicht fähig, lege ich den Stift wieder zu den Messern und starre auf meine altgedienten Werkzeuge, die mir sonderbar fremd erscheinen. Ich will sie gar nicht mehr in meinem Besitz haben und ich lasse alles liegen, verlasse die Halle, ohne mich noch einmal umzudrehen.

Draußen stecke ich mir eine Zigarette an, und ich fange an, wieder klar zu denken. Sie haben mir einen Helfer hinterhergeschickt, der mich verwundert fragt, ob mir nicht gut sei. Ich will ihn nicht weiter beachten, weil ich ahne, wie ich aus der Geschichte rauskomme und so ziehe ich Stück für Stück meiner alten Berufsbekleidung aus, drücke sie dem Kerl in die Arme und laufe in Unterwäsche gemächlich zu meinem Auto, das nicht weit entfernt auf dem ehemaligen Werksgelände abgestellt ist. Als ich meine Kleidung aus dem Kofferraum geholt und mich fertig angezogen habe, beschließe ich, auch mit den Pornofilmen aufzuhören. Fleisch mag ich schon seit Jahren nicht mehr essen.

© 2013

 

Anm.:

Ich schreibe seit etwas mehr als zwei Jahren vorwiegend Kurzgeschichten unter einem anderen Pseudonym und an anderen Stellen. Ich freue mich auf eine kritische Auseinandersetzung mit diesem und vielleicht folgenden Texten. Und ich hoffe, dass es Euch ein kleines Lesevergnügen bereitet.

Bewertung

2 Votes with an average with 3.5

Kommentare

So geht Kurzgeschichte. Alle Informationen, die für die Story wichtig sind, befinden sich da, wo sie hingehören: Im Verlauf. Der distanzierte Stil passt perfekt zum Schlachthaus-Dreh und die Emotionen des Protagonisten werden nicht fett aufs Brutterbrot geschmiert, sondern ohne jeden Bruch in ein weiteres Bild (mit Unterhose) gepackt. Für mich war das kein kleines, sondern ein großes Lesevergnügen ... und sogar die Botschaft "nicht einmal im Film!" gefällt mir. Weniger als sechs sternförmig angeordnete Grünkern-Bratlinge kann mir das gar nicht wert sein.

In reply to by Chris Dell

in den technischen Feinheiten kann ich mich Chris nur anschließen, in der Dramaturgie ist es ein umgedrehter Dahl: kurz und knackig, aber nicht von harmlos zu höllisch, sondern umgekehrt: och nöö, lieber nich! Obwohl die junge Dame selbst sicher einen aufreizenden Anblick bot: nöö, nich hier, nich so! Sehr schöne Pointe.

Um literaturkritisch noch einen draufzulegen: die Abwendung erst lässt das, was er hinter sich ließ, und wir uns hier interessiert reinzogen, als sei es das normalste der Welt, auf einmal surreal, fantastisch erscheinen, Regie Darren Aronofsky. Man stelle sich vor, in einem Poe oder Hoffmann würde der Protagonist auf einmal beschließen: abäh, ist doch schräg hier, ich gehe.

Da will ich auch gern sechsmal Nein! sagen.

In reply to by fukov

Klassischer Fall von vorsätzlicher Nestbeschmutzung, würde ich meinen. Ab und zu lasse ich mich hinreißen. Ich kann aber jetzt schon Besserung geloben. ;-) Merci vielmals!

Myka Night

Es gibt ja schon sehr eigenartige sexuelle Vorlieben und Fetische. Ich selbst kann diesen Reiz einer Scheinschlachtung nicht im Geringsten nachvollziehen. Ist es da nicht einfacher mit dem Holzwagen zum Schafott gekarrt zu werden und sich ein Weilchen gemütlich unter die Guillotine zu legen, um dem Nervenkitzel genüge zu tun?

Doch trotz des eigenartigen Szenarios finde ich die Geschichte wirklich toll, was nicht zuletzt dem Unvermögen des Protagonisten geschuldet ist, die Erinnerungen an die echten Tötungen zu verdrängen und sich auf das Schlachtspiel einzulassen. Es war, trotz anfänglicher Skepsis, ein wirkliches Lesevergnügen. 6 Tofuwürstchen sind das Mindeste.

LG, nachthimmel

Dem Schlachter reichts. Porno fressen Seele auf und auch Metzger haben eine. Tolles, vor allem schönes Lesevergnügen. Sechs Sterne. LG George

Ja, das ist echt das 1A-Musterbeispiel einer Kurzgeschichte. Kein Wort zuviel, aber auch keines zu wenig. Einfach auf den Punkt. - Dafür klick ich auf den Punkt auch mal 6 Sterne an.

In reply to by FlorianAnders

Sehr freundlich! Ich verrate jetzt schon mal, dass es auch noch kompakter geht. Ist eine echte Leidenschaft von mir. Bis hin zur SM-Miniatur. Tausend Dank für diesen liebenswerten Kommentar!

In reply to by kanalfischer

Anders formuliert: "Her damit!" Oder, mit allem gebotenen Respekt und angemessener Höflichkeit: "Das hört sich ja vielversprechend an. Das würde ich sehr gerne lesen wollen und damit bin ich in Anbetracht der anderen Kommentare wohl bei weitem nicht allein." Oder mit den Worten des geschätzten Kollegen fukov (gewissermaßen stellvertretend, falls er gerade im geliebten Absurdistan weilen sollte, mithin also i. A. - steht für "in Anmaßung"): "Hau rein!"