Gedichte

Mutprobe

 

Dunkelheit umspannt ihre Sinne
Ein Lufthauch umspannt ihren Geist
Barfuß in nasskalter Rinne
Und er der sie leise umkreist

 

Ihre Zehen umtasten die Steine
Nur die Richtung hat er genannt
Zwischen den Brüsten baumelt die Leine
Das Spiel ist mehr als riskant

 

Den Schlüssel fest in den Händen
Erreicht sie den Abgrund der Welt
Das Gewicht zerrt schwer in den Lenden
Und donnernd der Wasserfall bellt

 

Einheit

Gefangen in Symmetrie, dein Körper nackt, der Blick gesenkt. Die Beine weit, die Füße linientreu zum Schienbein, die Arme hinter dir. Die Haut ist gespannt, die Haltung gerade, deine Ruhe kann die Zeit vernichten.

Ich hebe dein Kinn an, suche einen Kuss, fühle deine Lippen und ergreife deinen Hals. Du streckst ihn mir entgegen, legst den Kopf in den Nacken, erwartest. Meine Zunge streicht über deine, du forderst nicht. Meine Hand verweilt, deine Halsschlagader reizt mich. Du atmest aus, ich drücke zu, deine Augen schließen sich. Du nickst, ich lasse ab, dein Blick erfrischt mich. Das Glücksgefühl im Rausch, die Macht als Droge, wiederholen wir es.

Stille als Pflicht, Pause der Bewegungslosigkeit, der eigenen, lasse ich ab. Sekundenstaub fällt, du besinnst dich. Zurückgekehrt in die Realität, dein Geist vollständig da, fahre ich fort. Ein Fingertipp, Ziel dein Mund, öffnest du ihn. Weiteres Ziel der Hals, ich streiche über ihn. Dein Kopf im Nacken, die Augen offen, empfängst du. Dein Würgen lenkt ab, und hindert nicht. Behutsam führe ich ein, das Silikon in deinen Rachen, deine Konzentration steigt. Ein Erbrechen ist fern, ich verschließe dich. Du ringst mit dir, der Situation, dem Knebel. Deine Augen sind offen, flehen mich an, tränen. Die Verzweiflung, das Würgen, es erfasst mich.

Nach Bruchstücken der Minuteneinteilung, Unveränderlichkeit, schlage ich dich. Deine Oberschenkel als Ziel, dezente Färbungen der Haut, Begleitung deiner Töne. Die Sorge schreit mich an, dein Speichel rinnt, zeichne ich weiter. Dein Körper zittert, dein Wimmern als Untermalung, die Angst im Blick. Unruhe bricht aus, deine Tränen laufen, dein Würgen verstärkt sich. Fassung verloren, Selbstsicherheit weg, erlöse ich dich. Dein Kopf gesenkt, der Atem hastig, verlierst du dich. Aufgelöst tröste ich, dein Kopf neben meinem, die Hand am Haaransatz, halte ich, dich.

Grenzenlos mein Stolz, in dir Versagen, akzeptiere ich nicht. Dein Zorn, die Wut übernehmen dich. Das Schluchzen versiegt, der Wille bricht durch, forderst du mich. Mein Weg, mein Wille, dein falsches Ehrgefühl, ohrfeige ich dich. Der ausweichende Blick, das Bewusstsein des Fehlers, maßregeln dich. Kleine Dinge, in der Wirkung groß, ereilen dich. Dein Ehrgeiz geweckt, verfolgst du ihn nicht.

Meine Zunge folgt deinen salzigen Spuren, ich presse dich wieder an mich. In Scherben die Zeit, genieße ich dich.

"La cathedral" Teil 6: Versuchsanordnung aus der Feder eines irren Arztes

 

Er besitzt keine Vorstellung mehr, worauf er sich hier eingelassen hat. Erwartungshaltung war einer apathischen Neugier gewichen. Frisch gereinigt und perfekt gepflegt wartet er. Worauf? Er weiß es nicht. Zur selben Zeit, wo mit derlei Fragen beschäftigt, gehen andernorts Vorbereitungen vonstatten. Davon nichts ahnend. Vergeblich nach Schmerzen suchend, tastet er sich gedanklich komplett ab. Jede einzelne Körperzelle wird sondiert. Nichts. Dabei ist ihm, als wäre er übel zugerichtet worden.

Irren ist halt menschlich. Error. Das Geschöpf Gottes ist einziger Geburtsfehler. Mängelbehaftet, unvollkommen und geistig beschränkt. Versucht es, dieses zu ignorieren und erdreistet sich womöglich auch noch, sich darüber zu erheben, landet es schnell in Situationen wie dieser. Denken ist den Pferden zu überlassen, sie besitzen die größeren Köpfe. Vielleicht auch deshalb wird weltweit gern geritten. Selbst der Teufel und der Wahnsinn tun es freudvoll mit dem Menschen. Er eignet sich ja auch gut dafür. 

Vor seinem inneren Auge tauchen Bilder auf, die früher die Stürmer auf den Plan gerufen hätten. Ein Fenster! Wo ist hier ein Fenster, um sich zu stürzen? Heiß und ungemütlich streicht ein tropenartiger Luftzug durch die vergitterte Öffnung. Erst jetzt, Stunden nach seiner Ankunft, fällt ihm die eigenartige Anordnung der Wände auf. Hier ist nichts normal. Aber was ist schon normal? Dodekaeder sind mitunter regelmäßig, aber nicht normal.

* * *

Ohne die Antwort ihres neuen Spielzeugs abzuwarten, entfernt sich Griselda zu ihrer eigenen Sicherheit von der Baracke mit den Worten „Also viel Spass Jungs!“, nicht ohne den leicht zynischen Unterton ihrer Stimme und doppelt gleich noch: „Wenn er ordentlich verpackt ist, könnt ihr das Jhon mitteilen, oder Gacha. Die beiden werden mich dann sicherlich gern informieren. Ich muss jetzt los zum Mathematiker.“ Denn wer wusste schon, ob die beiden Koksnasen in der Lage waren, diese anspruchsvolle Handarbeit zu vollbringen…

Leicht genervt und gestresst erreicht Griselda gerade noch rechtzeitig den Parkplatz.

„La cathedral“ in Antioquia; l‘ enfer c’est les autres- die etwas andere huis clos- Story Teil 2

 

„Oh Mann, brummt mir der Schädel“, kommt er langsam mit einem seltsamen Geruch in der Nase zu sich. Ein gemischter Duft aus Innereien und Leichenhalle. Ohne Vorwarnung steigt es in ihm auf, erst im letzten Augenblick das Übergeben verhindernd. Der Geschmack von Galle vermengt sich brutal mit der Luft. Harte Schläge in die Magengrube könnten nicht wirksamer sein. Würgen, schlucken, würgen, schlucken … die Konvulsionen nehmen kein Ende. „Eins und zwei, rein und raus“, zählt er in Gedanken und zwingt den Körper zur Ruhe. Es gelingt, mühsam zwar, aber erfolgreich.

Irgendwie dreht sich um ihn herum alles. Ein Planetensystem ist ein Scheißdreck dagegen. Der Versuch, sich zu erheben, einfach zwecklos. Für jeden Zentimeter, den er die Erdanziehung überwindet, drückt sie ihn zwei zurück, bis er Kopf und Nacken an das wenig kühlende Gemäuer lehnt. „Wo bin ich hier nur hingeraten?“, fragt sich das Häufchen Elend schweigend. Die Augenlider flimmern, der Körper zittert bei tropischen Hitzegraden und ebensolcher feuchtwarmer Luft. Das sonst kühlende Gestein spendet keinerlei Erleichterung. Die geöffnete Tür und das dadurch eindringende Licht nimmt der ermattete Körper nicht mehr wahr. So sehr kämpft dieser mit sich selbst und den Umständen.

Klatsch. Ein Eimer voll Wasser schwappt ihm ins Gesicht. Wie eine kalte Dusche oder ein Bad in zugefrorener See. Der Kreislauf rotiert, hüpft wild durch die Gegend. „Aufstehen, fauler Sack!“, zerrt man ihn lautstark auf die Beine, die wie Gelantinestelzen zu stützen versuchen, was zu stützen möglich scheint. „Na geht doch“, wird gelobt, was einem bildlichen Tadel gleicht. Das fiese Grinsen dazu bekommt von ihm keinerlei Notiz. Erst das fast schraubzwingenartige Zusammenpressen des Unterkiefers und zwei kräftige Ohrfeigen verschaffen ihm Einblick ins Geschehen.

„Nur für mich bist du am Leben
Ich steck dir Orden ins Gesicht
Du bist mir ganz und gar ergeben
Du liebst mich, denn ich lieb dich nicht“

Klappa mitt hjärta, klaga och hör

noch'n Gedicht, mit tejo

Der deutsche Originaltext von tejo hat mit dem schwedischen, ebenfalls sehr schönen, Vårvindar friska (unter gleichem Link) gar nichts zu tun. Es ist in Schweden eines der bekanntesten Volkslieder.

Es ist wohl hilfreich, vor dem Lesen das erstmal zu hören, um ein Gefühl daführ zu bekommen.

Man kann es, zur immer gleichen Melodie, klassisch streng punktiert singen wie die Bergman 1945 oder strahlend, jazzig fließend wie Sissel (oder hier).

Ich kenne noch einen dritten Rhythmus dazu, in 6/4 immer eine lange und vier kurze Noten, am Ende der verkürzten Takte die letzte nach Geschmack gestreckt. Melancholisch getragen, nur die ersten beiden Zeilen des Refrains zaghaft etwas lebhafter, hoffnungsvoll.

 


 

Schilf bleicht die langen, welkenden Haare
strähnengleich unterm Regenwind grau.
Schilft taucht die heißen Sommerglanztage
wild in den See, die Möwe schreit rauh.

Refrain: Kiefern im Wind, die Klippen sind wach,
jäh sprüht der See ins Schilfhüttendach.
Asche ist auf die uralten Steine
wie weißer Staub geweht.

Lege mich zu dir, leck meine Wunden,
lang noch wird diese Nacht bei mir sein.
Dir zu gehören, dich zu verwöhnen,
sehnsüchtig schlaf ich neben dir ein.
Kiefern ...

Feuer ist in den dämmernden Stunden
lange erloschen, Tag wird es schon.
Graugänse sind am Morgen gekommen,
welk auf der Schwelle schläft roter Mohn.
Kiefern ...

Schläge und Tritte, Peitschen und Fesseln,
liebevoll zeigst du mir deine Macht.
Rausch aller Sinne, tiefes Eintauchen,
niemals vergesse ich diese Nacht.
Kiefern ...

Weht aus den Fugen weiß in die Ödmark,
frierend macht mich das Sturmsausen taub.
Schlaft noch, und träumt von Felsen und Birken,
legt euch im Mantel unter das Laub.
Kiefern ...

Warn noch vor kurzem einfache Menschen
wurden zu Göttern stark wie der Fels.
Werden wir ewig leben und lieben?
Kuschel mich an dich im Bärenpelz.
Kiefern ...

Ach, diese letzten Tage und Stunden –
morgen ist unsre Fahrt schon vorbei!
Weit ist die alte Tür aufgesprungen,
strandhell erschallt der Herbstmöwenschrei.
Kiefern ...
 

Stairway To Heaven

Sir Heinz hatte M. zum Fernsehabend zu sich nach Hause eingeladen. Er wollte mit ihr seine neue Audio/Videoanlage ausprobieren. M. hatte einen langen Tag hinter sich, am Vormittag gab es mit ihrem Steuerberater eine nervige Diskussion über die Finanzen ihrer Firma und danach ein schwieriges Interview mit einem zickigen Schauspieler. Das Interview hatte sie gut hinbekommen, sie hatte sein zickiges Benehmen gut aufnehmen können, während dem Interview war sein Vertrauen sichtlich gewachsen, jedenfalls hatte er viel von sich erzählt. Sie freute sich auf einen entspannten Abend, sie wollte nur noch konsumieren: Einen Film sehen, etwas Feines essen, guten Wein trinken.

 

Sie fuhr auf der Stadtautobahn Richtung Norden, wie oft etwas zu schnell und näherte sich der Ausfahrt Schulzendorfer Straße. Dort verließ sie die Autobahn und fand gut den Weg durch die schmalen, ruhigen Vorstadtstraßen zu seinem Haus. Wie immer gab es kein Problem einen Parkplatz zu finden, sie konnte ihr Auto fast direkt vor seinem Haus abstellen. Sie stieg aus dem Auto, noch bevor sie die Autotür schloss, strich sie ihren kurzen Rock glatt und sah an sich hinunter. Ihre neuen roten High Heels saßen wirklich gut, trotz der Höhe konnte sie wunderbar darin laufen, nur beim Wechsel von flach auf hoch musste sie ihr Gleichgewicht neu justieren. Sie klingelte, Sir Heinz öffnete nach kurzer Zeit und umarmte sie stürmisch, um gleich danach auf Distanz zu gehen und sie von oben bis unten zu mustern. „Mann, siehst du wieder gut aus!“ „Danke“ sie lachte, „wie findest du meine neuen Schuhe“. „Oh, wow die sind so chic, ich kann kaum noch woanders hingucken. Aber jetzt komm rein der Fernsehabend wartet auf uns.“ Sie kam ins Haus, beim Ablegen der Jacke spannte die Bluse über ihren Brüsten, der Glanz des dunklen Seidenmaterials verstärkte die Wirkung. Sie hatte Sir Heinz Blick deutlich registriert. 

Wund

Wo zu finden? Überhaupt vorhanden? Gegeben? Wem? Genommen? Von wem? Kein klarer Gedanke, in Fetzen - wie lose Haut. Blutrot und feucht. Schwindel, Taumel, schwarze Löcher, Sterne, Asteroidenringe.

Aus den Fugen, haltlos, doch fest im Griff. Geordnet im totalen Chaos. Geerdet frei schwebend. Hart und unerbittlich Schmerz, gefordert, verflucht, ersehnt, verrucht, gefühllos sentimental, fröstelnd verbrennen.

Richtung gnadenlos. Vielleicht egal? Ziel orientiert, viel probiert, alles riskiert, sich verliert., jede Regung spürt. Wohin? Woher? Kreuz und quer. Ein Stich, ein lautlos Schrei. Einerlei? Dir? Mir? Uns? Wem sonst? Wichtig? Richtig?

Antworten? Reaktionen? Fragen. Emotionen. Verlust? Gewinn? Ein Tausch. Rausch. Vergangenheit vorbei, Gegenwart dabei, Zukunft Sein. Nicht plagen, schlagen!

Mich quälen, will nicht wählen. Sondern wagen, ertragen. Endlos. Bis zum Schluss. Körper, Geist. Leere Hülle, Gedankenfülle. Weit ab, fern Geschehen. Nah, mittendrin, dabei. Dein!

Kälte, Widerstand. Ohne Gefühl, Verstand. Liegen, sich verbiegen. Krümmen, wimmern innen. Wunden, Stunden. Fort vom Ort. Erlöst, Hoffnung frei und los. Unerreicht. Lust. Frust. Schluss ...