Trine - (Teil 4)

 

Ich suchte nach einer Klingel. Nichts dergleichen war zu finden. Also öffnete ich einfach die Tür. Bellend und freudig jaulend kam uns ein Hund entgegen, setzte seine beiden Vorderpfoten einmal auf meine Oberschenkel und sprang gleich darauf wie wild nur noch an Memori hoch. 

Als ich den massigen Körper des Tieres sah, der mich daran erinnerte, dass sein Gebiss vermutlich nicht weniger kräftig war, beruhigte mich nur noch der Gedanke, dass niemand einen bissigen Hund einfach so frei herumlaufen lassen würde. Aber erst als sich das Tier ein wenig beruhigt hatte, sah ich Memoris weit aufgerissene Augen und gleich darauf fiel mein Blick auf ihr Äußeres.

Die Krallen unseres „Willkommensgrußes“ hatten große Löcher in ihre Nylons gerissen. Sogar zwei ihrer Strumpfbänder hatten sich gelöst und baumelten unter ihrem Rocksaum hervor. Zumindest von der Taille abwärts, sah sie auf einmal wie eine billige Nutte nach dem zehnten Kunden auf dem Straßenstrich aus. Und die mit Matsch überzogenen Lackschuhe bestärkten den heruntergekommenen Eindruck noch mehr. Doch nicht nur an Memoris Beinen hatte das Tier seine Spuren hinterlassen. Es musste bis an ihre Brustansätze herangekommen sein, denn das hauchdünne Oberteil hatte einen langen Riss. Die Teilung begann an ihrem einen Nippel und endete da, wo es im Bund des Rockes verschwand.

Memori beugte sich etwas vor und sah fassungslos kurz an sich herunter. Mir war klar, dass sie jetzt beruhigt werden musste.

„Keine Angst, das kann ich dem Auftraggeber schon erklären“,

versuchte ich mein Glück bei ihr und legte ihr kurz zum Trost meine Hand auf die Schulter. Danach machte ich mich auf den Weg in den Flur. Glücklicherweise folgte der Hund jetzt erst einmal neugierig nur noch mir. Das Rasseln von Memoris Ketten fiel mir jetzt erst so richtig auf. Das Geräusch vermischte sich mit dem Hecheln des Tieres.

Ich war unschlüssig, wo wir hingehen sollten, als sich der Kopf eines dunkelhaarigen, großen und schlanken Mannes mittleren Alters durch eine Tür streckte. Ohne nachzudenken, hätte ich ihn als Architekten eingeschätzt, dachte ich, als mir einfiel, wie meine damalige Frau und ich auf irgendeiner Piazza Umbriens gesessen waren und den vorbeilaufenden Touristen Berufe nach ihrem Aussehen oder ihren Gesichtszügen zugeordnet hatten.

„Ach, Sie sind ja schon da. Kommen Sie doch herein“,

bat die sonore Stimme des Mannes, die hervorragend zu seiner Erscheinung passte. Memori tippelte hinter mir her und auf einmal hörte ich einen kurzen spitzen Schrei und sah mich nach ihr um. Das ursprünglich handtellergroße Loch gab jetzt ihr gesamtes Knie und ein Stück ihres Oberschenkels frei. Selbst der Hund hatte kurz den Atem angehalten, seine Ohren gespitzt und sah jetzt gespannt auf die Frau hinter mir.

„Moody, komm her! Platz“,

kam aus der Küche die Ansage unseres Gastgebers endlich und Moody folgte dem Befehl und legte sich ein Stück weit von uns entfernt, flach wie eine Flunder vor uns auf den Bauch. Endlich konnte ich mit Memori die Schwelle passieren, die in eine typische Bauernküche führte. Riesengroß, mit einem Tisch für etwa zehn Personen, wenn nicht mehr.

Seltsam, dachte ich, hier sieht alles so bürgerlich aus. Damals diese Villa, in die Caro einfach so gezogen worden war ... Hinter dieser Tür konnte man sich gut Menschen mit ausgefallenen Gewohnheiten vorstellen, aber hier? Der hagere, grauhaarige Typ kam nun auf mich zu und reichte mir die Hand zur Begrüßung. Mir fiel nichts anderes ein, als auf Memori mit dem Kopf zu deuten und dann sagte ich:

„Ich bringe ihre Bestellung. Ihr Hund hat sie so zugerichtet. Glauben Sie bitte nicht, dass wir unsere Ware für gewöhnlich so ausliefern.“

Das Wort „Ware“ im Zusammenhang mit Memori, ich hatte es tatsächlich in den Mund genommen. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, niemals so wie Charly über eine der Frauen zu sprechen.

 „Unsere Ware ist kostbar und so wollen wir sie auch behandeln, mein Lieber“,

hatte der irgendwann bei irgendeiner seiner gefühlt fünfzig Einarbeitungsrunden mir gegenüber verlauten lassen. Warum behandelte man etwas, das so kostbar und erlesen sein sollte, hin und wieder wie billigen Plunder, hatte ich mich gefragt. Denn kurz vor der Bekanntgabe seines angeblichen Grundsatzes, hatte er Jessi einen Tag lang in den Käfig sperren lassen, nur, weil sie ihm die Tür nicht schnell genug geöffnet hatte.

„Nun stehe ich schon fast zwei Minuten hier, meine Liebe“, hatte ich ihn in einem freundlichen Ton sagen hören, der gar nicht zu dem passte, was danach folgte. „Das ist untragbar, meine Liebe! Morgen, Jessi, verbringst du im Käfig. Es muss nicht unbedingt in der Ankleide sein!“ Dass dieser Satz, wie ich im Nachhinein erst kapierte, eigentlich zu einer meiner ersten Herausforderungen werden sollte, das wusste ich in diesem Moment noch nicht.

„Der Tag, an dem Jessi die Konsequenzen für etwas zu tragen hatte, das Charly normalerweise noch nicht einmal geahndet hätte, war ein herrlicher Sommertag. Die anderen Mädels waren Charlys Anweisung gefolgt und hatten den Käfig, der normalerweise in der Ankleide stand, auf die Terrasse gerollt. Dort kroch Jessi gleich am Morgen, noch vor dem Frühstück hinein. Später musste sie vom Rand der Terrasse zusehen, wie die anderen sich eine fröhliche Sommerzeit zwischen Pool und den Liegen gönnten. Auch ich hatte es mir auf einer Liege bequem gemacht und mir vorgenommen, ein wenig zu lesen. Aber ich kam keine Minute dazu, denn Jessi jammerte und bat mich ständig, mich doch bei Charly für sie zu verwenden. Es sei ein so schöner Tag, und es sei so heiß. Vielleicht könne man die Strafe auf einen anderen Zeitpunkt verschieben. Ich sähe ihre Argumente ja durchaus ein, diskutierte ich mit ihr, aber ich sei nun einmal erst kurze Zeit hier und da wolle ich nicht gleich …

Aber sie erreichte es tatsächlich, dass ich Charly anrief:

„Charly“, begrüßte ich ihn und merkte, dass ich selbst ein wenig larmoyant klang, „Jessi, sie ist im Käfig, wie Du es angeordnet hast. Aber Charly, es ist so heiß heute. Meinst Du nicht, wir könnten sie an einem anderen Tag bestrafen? Vielleicht wenn es regnet?“

„Frag sie, ob sie, vorausgesetzt ich lasse sie heute raus, drei Regentage, statt heute bei dem schönen Wetter absitzen will. Sollte sie sich dagegen entscheiden und hocken bleiben wollen, dann rate ich Dir, schau, dass sie im Schatten steht, stell ihr ein paar Flaschen Wasser rein und sprich am besten kein Wort mehr mit ihr. Vergnüg´ dich mit den anderen, als sei sie gar nicht da. Weißt Du, was ich meine, mein Lieber? Jessi´s Strafe darf auf keinen Fall zu deiner eigenen werden! Sieh zu, wie du das hinkriegst.“

„Ja, ich glaube, ich weiß, was Du meinst, Charly“, hatte ich geantwortet. Und wirklich, ich glaube, ich hatte begriffen, dass ich mich gegen die Stimmung der Mädels immunisieren musste. Ich durfte mich nicht von ihren Launen mit hinunterziehen lassen.

Später, als ich mich genüsslich in der Sonne räkelte, fielen mir Charlys Worte noch einmal ein. Wenn er so genau wusste, wie ich als Neuling noch mitlitt, dann musste er das ja selbst irgendwann einmal so empfunden haben. Vielleicht war er doch nicht so gefühllos, wie er sich darstellte, dachte ich. Und mittlerweile war ich mir sogar sicher, dass Jessi, die Arme, lediglich zu meiner Abhärtung den Tag im Käfig verbringen musste. Dass der Chef sie sonst nicht wegen dieser Kleinigkeit so hart bestraft hätte. Als mir das klar wurde, sprang ich auf, schnappte mir Kyra, die sich gerade einschmieren wollte, schmiss sie ins Becken und sprang mit dem Kopf zuerst, hinterher.

„Darf ich mich zuerst einmal vorstellen? Mein Name ist Dr. Kneisel. Ich bin hier der Projektleiter. Und ich war es auch, der die Bestellung gemeinsam mit ihrem Chef konfiguriert hat. Und wegen der Strümpfe ...“,

deutete der Hausherr jetzt auf die Beine meiner vorhin noch hinreißend aussehenden Begleiterin, und riss mich dabei aus meinen Gedanken. 

„da machen Sie sich mal keine Sorgen. Ich hätte ihrem Chef sagen sollen, dass so dünnes Material hier nicht lange überlebt. Mein Fehler! Aber es ist auch egal, denken Sie sich wirklich überhaupt nichts dabei.“

„Am besten wäre es vielleicht, wenn sie die zerrissenen Sachen gleich ausziehen würde“

bot ich Dr. Kneisel an und dachte an das wundervolle rote Mieder, das sie darunter trug. Der aber warf nur einen kurzen Blick auf Memoris enge Ketten und grinste, als er sagte,

„Nein, nein, das ist zu viel Aufwand und wirklich unnötig. Lassen Sie sie einfach grade so, wie sie ist. Aber Sie können mir, bevor wir es vergessen, gleich die Schlüssel für diese netten Accessoires zwischen den Knöcheln geben.“

„Sie hat übrigens den schönen Namen „Memori“,

bemühte ich mich, das Gespräch nicht stocken zu lassen, während ich in meiner Hosentasche kramte. Schließlich musste ich ja irgendwann einmal anfangen, unsere Produkte als etwas Besonderes anzupreisen, also marketingtechnisch zu denken. Meine staubige Denke als Buchhalter konnte mir in dem neuen Metier nicht groß weiterhelfen. Auf Charlys Rat hin, hatte ich mir deshalb ein Sachbuch zugelegt und durchgearbeitet. In dem hieß es, als erstes müssten bei jeder Ware zunächst einmal die USPs herausgearbeitet werden. Bei den anderen Mädels stand mir das ja noch bevor, aber bei Memori schienen mir die wirklich eindeutig: Ihre Haarpracht, die absolut aufrechte Statur und überhaupt ihr ganzes Wesen waren wirklich einzigartig, wie ich fand. Aber auch beispielsweise ihr Name gehörte für mich zu ihren Liebreizen.

„Namen spielen bei uns nicht die geringste Rolle“,

enttäuschte mich Dr. Kneisel jetzt. Mit einer solch herben Sachlichkeit hatte ich nicht gerechnet. Schon gar nicht, angesichts der Frau, die da vor uns stand.

„Hier ist sie nur „12“ und am besten, sie prägt sich diese Zahl gleich ein, damit sie nicht verpasst, wenn man sie ruft oder ihr einen Auftrag erteilt“,

fügte er mit Blick in mein wahrscheinlich erstauntes Gesicht hinzu.

Und augenblicklich fiel es mir auch auf. Dieser Herr sprach tatsächlich die ganze Zeit in der dritten Person von Memori. Sie wurde von ihm behandelt, als sei sie Luft. Noch kein einziges Mal hatte er ihr ins Gesicht geblickt. Und nun wunderte es mich auch, dass sie ihm noch nicht einmal die Hand zur Begrüßung gereicht hatte.

Nun öffnete sich die Tür und ein weiterer Hund sprang herein, der nicht weniger massig war als Moody. Er sprang kurz dem Doktor mit seinen dicken Pfoten an den Bauch und gleich darauf wedelten er und Moody gemeinsam um Memori herum. Dann traute ich meinen Augen nicht, als der „Neue“ unverhohlen seine Schnauze zwischen die Beine meiner verunsicherten Fracht steckte. Dass sie unter dem Rock nichts trug, wusste ich. Aber auch der Doktor musste davon Kenntnis haben, denn er hatte sie ja schließlich „unten ohne“ bestellt.

„Nein“, konnte ich nun mitansehen und hören, wie Memori auf den Angriff der Beiden reagierte. Jeder Hundebesitzer, den ich kannte, wäre sofort zwischen das Opfer und seine Tiere gegangen. Nicht so unser Auftraggeber. Der stand da, mit den Händen in den Hosentaschen und sah schmunzelnd zu, wie sich die Hunde darin abwechselten, ihre Zungen zwischen Memoris ungeschützten Spalt zu drängen. Als sich der Doktor offensichtlich entschlossen hatte, genug gesehen zu haben, fragte er in die Geräuschkulisse,

 

„möchten Sie sehen, wo 12 untergebracht wird oder haben Sie erst einmal Hunger“,

„Nein, wir haben keinen Hunger“,

versuchte ich gegen die spitzen Schreie von Memori mit meiner Stimme anzukommen.

„Dann kommen Sie doch gleich mit“

ließ unser Gastgeber nun keine Zeit mehr für Nachdenklichkeit und bewegte sich Richtung Ausgang. Im Gehen wollte er von mir wissen, ob ich über Nacht bleibe, da er dann Anweisungen geben müsse, dass man mir ein Zimmer herrichte.

Während ich Memori einfach am Arm packte und sie mit mir zog, musste ich nicht lange überlegen. Es war ja schließlich genau meine Aufgabe, danach zu sehen, wo Charlys Frauen untergebracht wurden. Und ich sollte auch begutachten, ob man sie anständig behandelte.

„Es gehört nicht dazu, dass sie unbedingt unversehrt bleiben, und schon gar nicht haben sie ein Anrecht auf Höflichkeit“,

hatte Charly doziert, was mir im Moment gerade wieder einfiel, als ich versuchte, Dr. Kneisel zu folgen, der keine Rücksicht auf die Fesseln meiner Begleiterin nahm.

„Sie sind Sklavinnen, Du weißt ja mittlerweile, was das bedeutet“,

hatte mich Charly irgendwann zum wiederholten Male belehrt.

„Sie dürfen gezüchtigt, zu Arbeitszwecken hergenommen oder weggesperrt werden. Hinzu kommt ihre Pflicht, alle sexuellen Bedürfnisse ihrer jeweiligen Auftraggeber zu erfüllen“.

Dass sie sich von Hunden attackieren lassen mussten, davon war kein Wort gefallen, dachte ich jetzt, nachdem die beiden Köter noch nicht einmal während Memori mit ihren kleinen Schrittchen hinter mir her tippelte von Memoris Rocksaum wegzubekommen waren.

Nach meinem Einverständnis, hier zu übernachten, telefonierte der Doktor und erteilte irgendjemand seine Anweisungen. Ganz langsam, wegen Memoris Ketten, kamen wir nur hinter ihm her. Und bereits an der Ausgangstür hatte unser Gastgeber die Geduld mit Memoris langsamen Vorwärtskommen verloren und blieb stehen.

„Sehen Sie ganz da hinten, die braune Tür?“

Er deutete auf die Stallungen, die seitlich vom Hauptgebäude angeordnet waren und dort, ganz am Ende des Hofes, sah ich die Tür, auf die sein Finger zeigte.

„Lassen Sie sich Zeit. Ich gehe voraus. Wenn Sie dort sind, kommen sie einfach rein mir ihr.“

Und dann richtete sich der Doktor zu meiner Erleichterung an die Hunde.

„Moody, Brutus, ab in den Zwinger!“

Die beiden mächtigen Tiere ließen endlich ab von Memori ab und liefen dem Doktor voraus, auf die Tür zu, die er auch uns gezeigt hatte. Die Erlösung Memoris äußerte sich in einem erleichterten Aufstöhnen. Allerdings schien es mir auf einmal, als sei ihr eine solche Äußerung grundsätzlich verboten. Denn sie sah mich schuldbewusst an und legte wie automatisch die Hände auf ihren Rücken. Ich musste an die Hunde denken und daran, dass Memoris Geste etwas vom Anlegen der Ohren bei Hunden hatte. Ein paar Sekunden blickte ich ihr nachdenklich in die Augen, bis ich sie wieder am Arm packte.

„Komm! Jetzt mach zu! Du hast doch gehört, der Kunde wartet auf uns“,

 „Ja“, reagierte sie, wie gewohnt, und ich nahm sie zum x-ten Mal an diesem Tag auf meine Arme und setzte sie unterhalb der paar Stufen ab. Wieder sah ich ihre zerrissenen Strümpfe und stellte mir vor, wie sie sich fühlen musste. Ausgerechnet sie, die es gewohnt war, in den teuersten Dessous und den besten Klamotten, immer gepflegt und elegant, irgendwo aufzutauchen.

„Sie ist meine Edelste“, hatte der Chef sie mir ganz am Anfang vorgestellt. Damals waren die Mädels, die grad da waren, in einer Reihe gestanden und Charly hatte die ungewöhnliche Aufstellung mit mir zusammen abgeschritten wie beim Militär. Und zu jeder von ihnen hatte er ein paar Worte gefunden.

Er hatte eindeutig Recht gehabt. Memori, auch wenn sie zum damaligen Zeitpunkt nicht einen Deut besser angezogen war, als die anderen, hatte sie einfach am elegantesten ausgesehen. Für mich jedenfalls, hatte sie sich, zumindest Äußerlich, gleich deutlich von allen anderen abgehoben.

Das Hundegebell, das wir die ganze Zeit gehört hatten, kam genau hier aus diesem Trakt, auf den wir jetzt zusteuerten. Mit Memori im Vorraum angekommen, sah ich den Doktor hinter einer Glaswand sitzen. Gerade wollte ich seine Richtung einschlagen, als er sich umdrehte und uns entgegengeeilt kam.

„Nein, nein! Hier nicht hin! Stellen Sie sie einfach da unten im Studio ab!“

Mit den Augen folgte ich seinem ausgestreckten Zeigefinger und sah auf eine Tür. In großen, schwarzen Lettern stand darauf „Vorbereitung“. Im gleichen Moment ging sie schon auf und eine kurzhaarige Frau hielt sie uns auf und bedeutete uns wortlos, einzutreten.

„Stellen Sie sie einfach ab und kommen Sie“,

wiederholte er seine Anweisung. Noch einmal waren vier oder fünf Stufen zu überwinden. Ich packte Memori und stellte sie auf die weißen Fliesen. Es war ein Raum mit vielleicht fünfundzwanzig oder dreißig Quadratmetern. Er hatte etwas von einem Labor. Eine Art Pritsche konnte ich noch sehen und einen Stuhl, aber dann wurde der Doktor auch schon ungeduldig.

„Kommen Sie! kommen Sie! Folgen Sie mir!“

Ich wurde von meinem Gastgeber am Ärmel förmlich fortgezogen. Dabei hätte ich gerne meiner Begleiterin noch ein paar aufmunternde Worte mit auf den Weg gegeben. Aber es war zu spät! Sie war jetzt offiziell an die Kundschaft übergeben worden, dachte ich und spürte, dass sich etwas in mir sträubte. Aber natürlich folgte ich dem Doktor in den Schaltraum, in dem drei von vier Wänden mit Glasausschnitten versehen waren. Ein Schaltpult war an der breiten Seite aufgestellt und dahinter konnte ich hinunter zu Memori sehen.

Sie stand noch immer genau an der Stelle, wo ich sie abgesetzt hatte und sah sich misstrauisch um. Ziemlich dunkel war es. Man musste wohl das Licht hinter mir gelöscht haben. Nur von einem schmalen Fenster, das allerdings weit oben, fast schon an der Decke angebracht war, fiel etwas Tageslicht herein. Dass es sich um einen ehemaligen Stall handeln musste, konnte man nicht mehr erkennen.

„In diesem Raum, den Sie da sehen, werden die Sklavinnen vorbereitet, bevor sie zu den diversen Sets verschwinden, wo wir drehen. Vor ein paar unterschiedlichen Kulissen. Von hier aus wird alles gesteuert“,

hörte ich den Doktor erklären, konnte meinen Blick aber nicht von Memori wenden. Der Doktor drückte auf irgendeinen Knopf des riesigen Tableaus vor sich und unten im Raum gingen Scheinwerfer an. Eine fiese Helligkeit, die alles durchdrang, so dass Memori erschrocken die Hand vor die Augen riss.

„Sehen Sie da, die Kameras“,

fragte mich der mittlerweile neben mir sitzende Doktor und ich bemerkte, dass er vollkommen unbeeindruckt von Memoris offensichtlicher Furcht war. Er war gerade dabei, sich seine Jacke auszuziehen und deutete auf zwei der Ecken, die man von hieraus sehen konnte. Kleine drehbare Kameraobjektive konnte ich erkennen. Sie waren fest installiert. Er führte mir vor, wie sie jeden Winkel des Raumes ansteuern konnten. Auf zwei Monitoren stellte er mir seine Worte unter Beweis.

„Und da, sehen Sie da, die kleine Kamera am Boden? Die ist für ganz bestimmte Close-ups, verstehen Sie? Denn diesen Raum nutzen wir auch für Klinikszenen.“

Klinikszenen, nackte Sklavinnen, Vorbereitung, Sets, Kameras, anscheinend war ich hier in eine Pornoproduktionsfirma geraten.

„Worum genau geht es noch einmal?“

Damit tat ich so, als habe es mir schon einmal jemand gesagt und als habe ich es lediglich vergessen.

„Hat ihnen ihr Chef etwa nicht Bescheid gesagt? Wir drehen SM-Pornos in vielen verschiedenen Varianten, verstehen Sie?“

„Nicht so ganz“,

stammelte ich und sah mein Gegenüber fragend an. Unten stand Memori und beugte sich gerade nach vorne, um die Löcher in ihren Strümpfen zu untersuchen.

„Na ja. Alle Genres eben. Von Klinik bis Zoophilia“.

Als er mir ansah, dass ich wohl immer noch nicht richtig verstanden hatte, lachte er und legte mir die Hand auf die Schulter.

„Zoophilia“, fragte ich verdattert, weil ich mit dem Begriff wirklich nichts anzufangen wusste.

„Sex mit Tieren.“ Sein Lachen drang genauso wie seine Worte, wie durch einen Schleier an mein Innenohr.

„In unserem Fall mit Hunden, verstehen Sie?“

Langsam fing ich an, zu erahnen, wovon dieser Mann da sprach. 

„Wie? Memori soll ...?“

Ich war mitten im Satz steckengeblieben und sah von ihr in das mittlerweile lächelnde Gesicht des Doktors, der seine Arme vor der Brust verschränkt hielt.

„Ganz genau. Sie wird sich, um es einmal nicht gerade akademisch auszudrücken, von unseren gut ausgestatteten Rüden rammeln lassen. Verstehen Sie jetzt?“

Daher also die Gleichgültigkeit vorhin, dem Angriff auf Memoris Möse gegenüber, wurde mir auf einmal klar. Ich sah zu ihr hin, in dem Moment, als ich wirklich begriff. Konnte beobachten, wie sie verzweifelt versuchte, den Dreck von ihren Schuhen zu kratzen. Darum wahrscheinlich fuhr der Doktor jetzt ungerührt fort mit seinen Erklärungen.

„Wir nehmen dafür nur Sklavinnen. Aber nicht jede eignet sich. Mal sehen, wie es sich mit ihrer 12 da unten verhält.“

Mir fiel die abfällige Art auf, mit der der Doktor über Memori sprach und ich war mir nicht sicher, ob sie überhaupt eine leise Ahnung davon hatte, wozu sie eigentlich hier war. Dass sie nicht, wie sonst, einem „netten“ dominanten Herrn zur Verfügung gestellt wurde, sondern …. Vielleicht ging sie tatsächlich davon aus, dass hier zwar nicht wie sonst ein feiner Pinkel aus der Stadt, der sich eine solche Sklavin, wie Memori es war, überhaupt leisten konnte, wartete, sondern ein Landwirt oder der Doktor, den sie ja schon kennengelernt hatte. Denn eines war klar, ein Ottonormalverbraucher hätte den Tagessatz, den der Chef für seine Sklavinnen verlangte, nicht aufbringen können.

Wenn ich sie so betrachtete, kam es mir mehr als abwegig vor, dass Charly ausgerechnet seine wundervollste Sklavin für diese Aufgabe ausgewählt hatte. Es gab da noch Jessi, die hatte einen etwas gedrungenen Körper und ihre Beine waren auch etwas zu kurz geraten. Sicher hatte sie andere Qualitäten, so dass sie bei den Kunden sehr beliebt war. Hunden jedenfalls hätte ihr leicht unausgewogener Körper sicherlich nichts ausgemacht, dachte ich und ganz spontan rutschte mir raus:

„Ist Memori dafür nicht viel zu schade? Ich meine, sehen Sie sich diese Frau doch einmal an!“

Der Doktor lachte verhalten.

„Warum zu schade? Glauben Sie etwa, Schönheit käme nicht bei jeder Zielgruppe an? Wissen Sie, außerdem müssen wir nehmen, was wir kriegen können. Bei einer solchen Aufgabe, wie sie ihr bevorsteht, darf man nicht wählerisch sein. Ihr Chef wird sich schon etwas dabei gedacht haben, dass er diese hier geschickt hat. Ausreichend devot sollte sie sein, hatte ich bei meiner Bestellung gefordert, und davon kann ich doch ausgehen, oder etwa nicht?“

„Auf jeden Fall. Ja, davon können Sie ausgehen, ganz bestimmt sogar“,

beeilte ich mich, halb wissend, halb vermutend zu bestätigen.

„Ich wollte damit ja auch nur sagen, dass sie eigentlich zu schade…. Ach, vergessen Sie es“, sagte ich jetzt, „was den Gehorsam anbelangt, so ist sie auf jeden Fall die talentierteste. Da können Sie sich drauf verlassen!“

Ob das stimmte, was ich mit einigermaßen sicherer Stimme zum Besten gegeben hatte, das wusste ich offen gestanden überhaupt nicht. Aber wie hätte es denn ausgesehen, zuzugeben, dass ich Memori im Grunde gar nicht kannte?

Memori tippelte eben etwas in den Raum hinein. Ihr schwerer Pferdeschwanz wippte, wenn sie vorwärts hopste und das Licht spiegelte sich in den streng zurück gekämmten, von einer Spange gehaltenen Haaren. Sie hat bestimmt wundervolle Brüste, dachte ich und sah das Fleisch, wie es aus dem Rand ihres Mieders hervorquoll. Ein Jammer, dachte ich und sprach den Doktor an:

„Weiß Memori denn, was sie erwartet?“

„Sie meinen 12“,

berichtigte er mich sofort.

„Nein, ihr Chef hat es wohl vorgezogen, sie nicht einzuweihen. Er sagte lediglich, er suche mir eine aus, die an ihren Aufgaben bisher immer über sich selbst hinausgewachsen sei. Er wollte sie wohl nicht im Vorhinein schon ängstigen. Und wissen Sie, wir müssen uns hier darauf verlassen können, welches Vorgehen die Besitzer für das Beste halten. Die Eigentümer kennen ja schließlich ihre Sklavinnen, im Gegensatz zu uns.“

Mein Mund war staubtrocken geworden. Unvorstellbar, dachte ich, was mir dieser Mann mit der größten Selbstverständlichkeit da vor Augen führte. Die Hunde sollten Memori bespringen, dachte ich, als ich die Hand des Doktors auf meinem Arm spürte, die mich mit sanftem Druck seitwärts schob und einen zweiten Monitor einschaltete.

Ich sah einen riesigen Raum, voll mit Hunden. Kleine, niedliche waren auf jeden Fall nicht dabei, soviel konnte ich auf den ersten Blick erkennen. Eine Dogge machte ich in dem ganzen Gewusel aus. Sie ragte über die anderen hinaus und spitzte die Ohren. Und jetzt schaltete der Doktor auch den Ton hinzu. Auf einmal drang das Gebell direkt zu uns in den Schaltraum und ich hörte den Doktor, wie er erklärte.

„Dort halten wir die Rüden. Wir nennen es Zwinger, obwohl das Ganze so überhaupt nichts von "Zwingen" für die Tiere hat. Im Gegenteil. Die Männchen können tun und lassen, was sie möchten. Sie sind hier die Stars. Sehen Sie? Da hinten die Klappen?“

Ich war seinem Zeigefinger gefolgt und sah zwei Klappen über dem Boden.

„Dort können sie ins Freie, wenn sie wollen und wieder rein, wenn sie wollen. Sie leben hier wie die Götter.“

„Und wo wird gedreht“,

versuchte ich Memoris nahe Zukunft noch etwas weiter zu erforschen und dabei mein Entsetzen zu verbergen.

„Wir haben mehrere Sets. Wir kombinieren SM mit jeglicher denkbaren Spielart und versuchen, im Gegensatz zu dem, was man meistens und ziemlich fantasielos, wie wir finden, sonst so sieht, eine wirkliche Atmosphäre zu einer Geschichte herzustellen. Wissen Sie, die aus jedem Zusammenhang gerissene, reine Popperei, die halten wir für ausgesprochen unerotisch. Vor allem Frauen können damit wenig anfangen. Wir haben tatsächlich trotz der Sättigung an Pornomaterial auf allen Kanälen, eine Marktlücke entdeckt. Und dafür benötigen wir eben viele kunstvoll ausgestaltete Kulissen: Ein Verlies, eine Folterkammer, einen Klinikraum, aber durchaus auch ein edles Hotelzimmer mit dem Meer im Hintergrund, und einen Stall natürlich. So richtig mit Stroh und Spinnweben aus der Dose und allem Drum und Dran.“

Der Doktor lachte wieder, bevor er fortfuhr.

„Alle Frauen, die wir hier für eine Zeit lang halten, haben das Talent für jeden Bereich. Im SM-Bereich soll ja ihre Sklavin schon eine kleine Berühmtheit sein. Unvorstellbar eigentlich, dass sie sich noch nicht selbständig gemacht hat und immer noch unter Charly arbeitet. Den bräuchte sie gar nicht mehr und könnte ohne ihn das doppelte und dreifache verdienen, wenn das stimmt, was ich über sie gehört habe.“

Mir surrte es auf einmal im Kopf und ich hatte das dringende Bedürfnis nach frischer Luft. Memori war also eine Berühmtheit, dachte ich, und jetzt sollte sie ...

„Ich muss mal kurz raus hier“,

sagte ich und fasste mir an die feuchte Stirn.

 

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Kommentare

Sehr spannende Entwicklung, die wirklich Grenzen überschreitet. Wie geht es wohl weiter... 

In reply to by Der_Feinschmecker

... findest Du? Ja! Vielleicht! 

Und doch kennen wir das schon aus Jahrhunderten. Ein Thema, über das man nur hinter vorgehaltener Hand sprach und immer noch spricht. 

Danke, dass Du einen Kommentar verfasst hast.

 

Alexander

 

Auf jeden Fall ist dieser Teil hart an den Grenzen. An welchen auch immer...
Bisher ist mir der Protagonist noch ein bisschen zu unbekannt zu schemenhaft, ich würde ihn gerne besser kennen lernen, im Laufe der Geschichte.

Und auch mehr über die Bio der Damen erfahren. Die sind ja nun einfach "da", aber wie und warum kamen sie zu "Charly".

Und sind es eigentlich 3 Damen bzw. drei Engel für Charly?

In reply to by Wuffff

Eine Atmosphäre zu schaffen, die die Leser mit ihren eigenen Fantasien anfüllen, das ist eigentlich mein Ziel.

Da gibt es die Maler weit vergangener Zeiten, die jede Wimper, jede Reflexion des Lichts, mit einer atemberaubenden und anbetungswürdigen Akribie ausgeführt haben, da sind aber auch die der Moderne, die mit dem Schwung eines Pinselstrichs dem Betrachter eine ganze Welt geöffnet haben, nämlich die, die sich in ihnen selbst befindet.

Sollte es mir gelingen, Deinen inneren Pinselstrich fortzuführen, Wuffff, dann wäre ich schon zufrieden.

 

 

Alexander 

In reply to by Alexander

Das ist eine sehr schöne und anschauliche Darstellung, Deine Beschreibung der Arten von Malern. Wenn sich diese Geschichte zwischen beiden Extremen einpendelt, fände ich es zumindest, sehr angenehm.

Aber: Nicht durch Gemecker beirren lassen - es ist Deine Story und es ist eine der guten hier.

In reply to by Wuffff

... was so ein gestandener Dom ist, der hält Gemecker gut aus. Allerdings könnte es sein, dass es dafür die eine oder andere Abreibung gibt *g*.

Aber Spaß beiseite: Ich habe da mal eine Frage. Vielleicht kannst Du mir die beantworten. Früher gab es doch hier ein Suchfeld, wo man Begriffe eingeben konnte, oder irre ich mich da? Damit, meine ich, konnte ich Autoren oder Geschichten finden. Ich suche da beispielsweise ein wahres Schmankerl von George Shield, weiß aber nicht mehr den Titel.. Ist das Feld jetzt woanders, wo ich zu blöd bin, es zu finden?

Alexander  

die Waldfee ... die ersten drei Teile habe ich ja schon mit Spannung - geradezu fiebriger - gelesen, aber das ist mal eine unvorhergesehene Wendung, sehr gut! Grenzen sind da, um überschritten zu werden *g*, nun denn, schreibe Er weiter, hier wird mit noch höherer Spannung gewartet, wie es wohl weitergeht :-D

LG Kya

In reply to by Kya

... wenn man nicht Grenzen in der Fantasie überschreitet, wo denn dann?

Danke für die Motivation.

Alexander