Trine - (Teil 6)

 

Ich hatte mich mit dem Gesicht zu ihr auf die Fensterbank gelehnt und hielt die Arme verschränkt vor der Brust. Neben mir stand ein weinroter Sessel, auf den ich einen Fuß lässig abgestützt hatte. Was sollte ich jetzt mit ihr anfangen? Sie rührte sich nicht vom Fleck. Genau da, wo ich sie abgestellt hatte, war sie stehengeblieben. Zunächst sah sie mich noch an und ich beschloss, mich erst einmal auszuziehen. Spätestens dann musste sie begreifen, hoffte ich. Aber während ich nun mein Sweatshirt über den Kopf zog und es auf den Sessel warf, richteten sich ihre Augen zu Boden. Erst als ich meine Unterhose über meinen pochenden Schwanz zog und der fordernd in den Raum wippte, hatte sie einen Milli-Blick auf ihn geworfen.

Wie sollte es jetzt weitergehen, fragte ich mich. Sollte ich auf sie zugehen? Oder sie zu mir herrufen? Es dauerte noch eine Weile, in der wir nur so dastanden, aber auf einmal fing sie an, zu sprechen. Ganz leise klang sie geradezu schüchtern, auch wenn ihre Wortwahl nicht zu ihrem sanften Ton passte.

„Soll ich dieses ganze kaputte Zeug da ausziehen? Es ist vielleicht nicht gerade erotisch, mich so zu sehen, wenn du mich gleich fickst?“

Ihre Unverblümtheit verblüffte mich unerwartet heftig. Kurz rief ich mir in Erinnerung, wer und was sie eigentlich war und dennoch, bei den Bildern, die sich da gerade in meinem Kopf formierten, von „ficken“ zu sprechen, das passte so überhaupt nicht mit dem zusammen, was ich gerade empfand.

„Nein. Auf keinen Fall“, reagierte ich vielleicht zu heftig, als dass ich meine drückende Unsicherheit hätte damit verbergen können.

„Was möchtest du dann? Was …. Was soll ich jetzt denn tun“,

fragte sie und sah mich dabei kurz an. Auch sie strahlte Verlegenheit aus und das kam mir, gerade von einer Professionellen, ziemlich unangebracht vor. Dabei war ich ganz sicher der Armseligere von uns beiden.

„Wenn du eine von ihnen oder mehrere ficken solltest, dann denk dabei auf keinen Fall an die Sklavin, hörst Du? Konzentrier´ dich ganz allein auf dich, mein Lieber. Ehrgeiz ist bei einer Sklavin nicht angebracht. Du würdest sie mir sonst nur zu sehr verzärteln“,

klangen mir auf einmal Charlys Worte im Ohr. Kurz nachdem wir uns hinsichtlich des Jobs bei ihm einig geworden waren und als er mich durchs Haus führte hatte er mir sozusagen ganz beiläufig die Erlaubnis gegeben, mich der Weiblichkeit dort zu bedienen. So, als habe er gesagt: „Wenn Du Durst hast, nimm Dir Wasser so viel du willst. Aber mach den Kühlschrank wieder zu!“ Genauso war mir damals sein Satz erschienen.

Aber bis zu diesem Zeitpunkt, wo ich jetzt hier ein paar Meter entfernt von Memori stand, hatte ich keine Anstalten gemacht, mich einer der Mädels auf diese Weise zu nähern. Zu fremd waren mir die Frauen vorgekommen, die sich leicht bekleidet und nahezu schamlos wie selbstverständlich im ganzen Haus bewegten. Auch ihre Gespräche über die Kunden, denen ich fasziniert lauschte, hatten mir das Gefühl vermittelt, es sei besser, abzuwarten. Und nun sollte ausgerechnet Memori die erste werden. Sie war es, an die ich mich zuallerletzt herangetraut hätte. Mir kam das alles so wirr vor, dass ich nur dastehen und sie anstarren konnte. Und nun war ich wirklich dankbar, dass sie den direkten Blickkontakt zu mir vermied. Damit hätte sie eine Erwartung ausgesandt, die ich in diesem magischen Moment nicht gerne gespürt hätte. So aber kam es mir vor, als ließe sie mir bewusst Zeit, mich an die Situation zu gewöhnen.

Dafür stieg die Spannung von Sekunde zu Sekunde und was ganz langsam und erleichternd wich, war meine Beklommenheit. Ein wenig belustigt bemerkte ich, wie Memoris Augen, auch wenn sie sich noch immer gen Boden wandten, anfingen, sich nervös hin und her zu bewegen, während ich mir ausmalte, wie wundervoll es sein müsste, sie bald zu nehmen, ohne mich dabei auch nur selbst für einen Moment aus den Augen verlieren zu müssen.

Geh auf die Knie,

gab ich ihr nach einer Weile so sachlich zu verstehen, dass ich mich über meine Wortwahl und den Ton nur wundern konnte. Sie hakte nach:

„Wohin?“

 „Auf die Bettkante. Ich will´s im Stehen. Sorg´ dafür, dass ich an alles gut rankomme.“

Woher nahm ich nur die Frechheit, so mit ihr zu sprechen, dachte ich und gab mir selbst die Antwort, indem ich mir eingestand, dass die kurze Zeit bei Charly schon Spuren bei mir hinterlassen hatten. Vor etwa fünfzehn Tagen noch, hätte ich mich eher teeren und federn lassen, als so mit einer Frau zu reden.

„Keine Diskussionen und  geh´ ausgesprochen sparsam mit „Bitte“ und „Danke“ um!“ Auch so ein Satz von Charly, der an mir offensichtlich schon seine Wirkung zeigte. Geradewegs wollte ich jetzt einfach auf mein Ziel zugehen und mir wollte kein Wort einfallen, mit dem ich den Genuss hätte ausdrücken können, ihr dabei zuzusehen, wie sie sich etwas umständlich mit den Ketten zwischen ihren Fußgelenken auf dem Rand des Bettes für mich herrichtete.

Ihre gut durchblutete, leicht geschwollene Mitte lag auf einmal in einer Perspektive vor mir, wie ich sie schon immer gerne betrachtet hatte. Allerdings konnte ich die Gelegenheiten dazu in meinem bisherigen Leben an einer halben Hand abzählen. Denn in solchen Momenten hatte ich immer einen gewissen Druck verspürt, nicht zu lange Zeit verstreichen zu lassen, weil von einem erwartet wurde, zu handeln. Aber hier, jetzt?

Nun, wo sie mich nicht mehr sehen konnte, umfasste ich liebevoll den Körperteil, der mich vehement in ihre Richtung zog und ging die drei Schritte auf sie zu. Aber ich begnügte mich damit, ihr die Fetzen des Rockes in Richtung ihrer Taille zu legen. Dann konzentrierte ich mich auf den Moment und kostete ihn aus. Hin und wieder sah ich, wie sie den Kopf leicht zur Seite drehte. Ein Zeichen ihrer Ungeduld? Sehnte sie sich etwa nach mir? Zumindest schien es mir, als könne sie es kaum erwarten, bis ich mich zu irgendetwas entschließen würde und die Faszination über ihre geduldige Hilflosigkeit, steigerte das Gefühl in meinen Lenden von einer Sekunde auf die andere.

Irgendwann beugte ich mich noch einmal über sie und zog das weiche Gummi aus ihren Haaren. Die samtene Pracht fiel, gleich einem seidigen Vorhang, an ihren Wangen herunter und das Licht der Nachttischlampe spiegelte sich in ihnen. Ein paar Mal ließ ich eine Strähne fast berauscht durch meine Finger gleiten. Sie sah jetzt gar nichts mehr von dem, was seitlich oder hinter ihr geschah.

„Kannst du dein Mieder für mich aufknöpfen“, fragte ich wieder etwas höflicher.

Gleich richtete sie sich auf, drückte das Kinn unter ihren Kehlkopf und öffnete ein kleines Häkchen nach dem anderen. Ich hatte mich etwas seitlich neben sie gestellt und beobachtete, wie sich der rote unnachgiebige Stoff langsam teilte. Zunächst sah ich in das tiefer werdende Tal, das sich durch das Zusammenpressen ihrer Brüste gebildet hatte. Aber auf einmal waren sie frei und auch sie raubten mir, genau wie die ganze Frau, fast den Atem.

„Das reicht“,

gab ich ihr zu verstehen. Ich musste nichts mehr sagen, denn sie richtete sich auf, spannte ihren Nacken und machte ein Hohlkreuz. Ihr Blick fiel geradeaus auf die Wand, die ihr gegenüberlag und die Hände legte sie auf den Rücken.

‚Welch ein Anblick! Ihre Brüste sind von der Natur so perfekt geformt, wie dieses ganze ästhetische Wunder. Hellrosa die Aureolen, fast durchscheinend und nicht groß, aber in einem exakten Rund geformt. Und die etwas dunkleren Knöpfe ragten geradezu ein wenig keck in Richtung der Zimmerdecke.‘ 

Ich hatte das Gefühl, nicht mehr sprechen zu können, so bewegte mich ihre ganze Erscheinung und ich fragte mich, wie sie reagieren würde, wenn ich sie mit meinen Händen dirigiere, statt ihr Anweisungen zu geben. Deswegen tat ich einen Schritt auf sie zu und legte nur meine Handfläche auf ihren Nacken. Nur ganz leicht gab ich etwas Druck darauf und schon schien sie zu wissen, dass ich sie zurück in der knienden Positition haben wollte. Schnell brachte sie ihre Hände auf die Unterlage und stützte sich wie vorhin auf dem Bett ab.

Jetzt konnte ich es nicht mehr aushalten und begab mich hinter sie. Ohne den geringsten Widerstand gleitete ich zwischen ihre Schenkel und bewegte mich wie auf einer Welle. Ich konnte es nicht verhindern, einen Seufzer in den Raum zu lassen, als ich spüre, wie sie ihre Wände zusammenpresst. Dann beginne ich, mich rhythmisch aber sachte zu bewegen. Langsam, ich möchte nicht, dass eine einzige Sekunde unbewusst verstreicht.

Sie gehört mir leider nicht, kommt es mir in den Sinn. Aber ich verscheuche den Gedanken und sehe die anmutige Zeichnung ihrer Rückenmuskeln und wie sich die Linien ihrer Erhebungen bei jedem meiner Stöße mit bewegen.

„Heute! Jetzt! Gehörst! Du! mir“, kommt es stimmvoll, aber abgehackt aus mir heraus.

„Ja“,

hörte ich sie leise antworten und vernahm gleichfalls, dass sie fast ebenso außer Atem war, wie ich selbst. In einem Gewaltakt, den ich an meinem Willen vollführte, zog ich mich aus ihr und vernehme mit Genugtuung den Laut ihrer Enttäuschung. Einmal will ich es ausprobieren: eine Frau ficken und sie benutzen, ohne einen Anflug von Ehrgeiz oder Eitelkeit, sie zu befriedigen. Ich möchte wissen, wie es ist, sich alles genommen, ohne etwas gegeben zu haben. Und Memori scheint mir genau die Richtige dafür zu sein.

Als ich das Gefühl hatte, sie sei genügend abgekühlt, drang ich noch einmal ohne jede Vorwarnung in sie und entlud mich nach ein paar wenigen Stößen so, dass ich fast das Gefühl hatte, außer der Lust auch einen Schmerz zu verspüren.

 „Du darfst nicht nur Dein Vergnügen im Sinn haben, sonst bist du kein guter Liebhaber!“ Diese Worte stammten von meinem Vater. Als sechzehnjähriger hatte er gemeint, sie mir mit auf meinen Lebensweg geben zu müssen. Und genau so hatte ich stets gehandelt.

Und jetzt gerade? Hatte ich das genaue Gegenteil gekostet. In dem Moment wurde mir klar, warum es einige gab, die so viel Geld für eine Sklavin bezahlten.

Nachdem ich wieder einigermaßen normal atmen konnte, zog ich sie an ihren Haaren nach oben. Jetzt kniete sie wieder und ich warf mich vor sie, quer übers Bett.

„Soll ich Dich sauberlecken“, fragte sie und ihr Satz bewirkte, dass ich sofort den Atem anhielt.

Was willst du sauberlecken“, fragte ich bestürzt zurück, obwohl ich damals schon geahnt haben musste, worauf sie anspielte, es aber nicht glauben wollte.

„Deinen Schwanz“,

hatte sie geduldig und ergeben und so, als sei das das Selbstverständlichste der Welt erwidert

„Ach so ja“, tat ich einmal wieder wissend. Dabei konnte ich es noch immer nicht glauben.

„Ja, gut“, antwortete ich schließlich und mir kam es so vor, als bewege sich in dem Moment ihr Kopf in Zeitlupe nach unten. Sie war so behutsam und bedacht, dass ich förmlich ergriffen war von ihren Bewegungen. Und mir fiel auf, dass sie gar nichts ausspuckte, ohne daran zu denken, dass es ohnehin kein Gefäß dafür gegeben hätte.

„Danke.“ Das war eine mir anerzogene Geste, aber sofort kamen mir Charlys Worte in Erinnerung und ich hatte das Gefühl, einen Fehler begangen zu haben.

„Ich meine, das hast Du schön gemacht“, korrigierte ich mich hastig und stand auf und sah im Augenwinkel, dass sie lächelte.

„Du schläfst am Fenster, ich an der Tür“, gab ich ihr auf dem Weg zu dem kleinen angrenzenden Badezimmer zu verstehen.

„Darf ich bitte auch duschen“, war ihre Erwiderung, mit der ich natürlich gerechnet hatte.

„Nein, heute nicht. Und pack dich wieder ein, ja“,

rief ich so beiläufig, wie ich konnte. Die Tür ließ ich offen. Und als das warme Wasser schon wohlig über meinen Körper rannte, sah ich durch die transparente Duschkabinentür, wie sie noch immer auf dem Bettrand kniete und die kleinen Häkchen schloss. Mein Sperma klebte in ihrer Scheide und woanders noch. Wenigstens den Mund hätte ich sie ausspülen lassen können, dachte ich, dann aber überließ ich mich der wohligen Wärme.  

Als ich rauskam, sah ich nur noch ihre blonden Haare. Sie schien tief und fest zu schlafen. Ich verschränkte die Arme hinter meinem Kopf und sah in die Dunkelheit. Während ich ihren ruhigen Atem hörte und an den nächsten Tag dachte, überkam mich so etwas wie Traurigkeit. Gerade hatte ich entdeckt, dass ich in meinem Leben etwas Wunderschönes versäumt hatte, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, dass es existierte. Und nach den zwei Jahren im Gefängnis, empfand ich diese ruhig atmende Frau hier neben mir als besonderes Geschenk.

Memori, dachte ich. Genau wie meiner war auch ihr Lebensweg unförmig verlaufen. Etwa siebenundzwanzig mochte sie sein, vielleicht ein zwei Jahre jünger also als ich. Und sie war, wie ich, auch bereits geschieden. Ihr Mann hatte ihr sanftes Wesen schamlos ausgenutzt. Krumme Geschäfte schienen zu seinem Alltag gehört zu haben. Aber nicht genug damit, hatte er Memoris Unterschriften unter allerlei Bürgschaften gefälscht, die sie finanziell mit in den Abgrund reißen sollten, als er sich verspekuliert hatte. Obendrein musste er sie nicht nur im Spiel geschlagen haben. So zumindest hatte ich es einigen ihrer Andeutungen auf der Fahrt hierher entnommen. Aber ich hatte ihr angemerkt, dass sie nicht gerne über dieses Kapitel sprach und daher nicht weiter insistiert.

Jedenfalls war sie irgendwann zu Charly geflüchtet, der sie aufgenommen und vor den Verfolgungen dieses rüden Gesellen beschützt hatte. Von der Geliebten ihres Mannes hatte sie Charlys Adresse erhalten. Offenbar hatte Charly sie sogar abgeholt und damit ganze siebenhundert Kilometer zwischen seinen neuen Schützling und deren „liebenden Gatten“ gelegt. Außerdem hatte er mit Hilfe eines Anwaltes, eines guten Freundes, von denen er viele besaß, nachweisen lassen, dass die Unterschriften Memoris auf den Dokumenten gefälscht waren.

Mit seiner Hilfe hatte sie also zumindest keinen finanziellen Schaden aus dieser Ehe davongetragen. Und ein seelischer? Ich kannte sie ja erst kurze Zeit und sie machte durchaus keinen unglücklichen Eindruck. Im Gegenteil, sie strahlte sogar etwas durch und durch Zufriedenes aus. Aber vielleicht war sie auch aufgrund dieses traumatischen Erlebnisses so schweigsam geworden? Ein Wesenszug, den die Kunden offenbar an ihr schätzten. Sie sprach nie, wenn man sie nicht ausdrücklich nach etwas fragte. Auch zu Hause nicht, wenn sie mit den Mädels alleine war. Und das machte vielleicht auch ihre Sanftheit aus. Manchmal schien sie mir daher nicht so ganz von dieser Welt zu sein.

Am nächsten Tag, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass Memori auch ohne mich gut untergebracht sein würde und dem Doktor eine Liste mit den verbotenen Lebensmitteln von Memori in die Hand gedrückt hatte, fuhr ich zurück. Allerdings verabredeten wir, dass ich in spätestens zwei Wochen wieder nach Memori sehen würde. Falls Charly das nicht für nötig befinden würde, würde ich eben an einem freien Wochenende zu ihr fahren.

„Natürlich, kommen Sie ruhig. Vielleicht können Sie uns sogar etwas zur Hand gehen“, sagte der Doktor beim Abschied und ich fragte mich natürlich, wobei? Dabei hatte ich nur Memori im Sinn. Ich wollte sehen, ob und wie sie sich ihrer Aufgabe stellen würde. Dass dann alles anders kommen sollte, das konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ahnen.

***

„Wo bist Du mit Deinen Gedanken?“, riss mich Kyra aus meinen Erinnerungen an Memori, die erst ein paar Tage zurücklagen. Sie hatte sich auf dem Bauch ausgestreckt und hielt die Tube mit der Salbe in die Luft. Wieder sah ich auf ihre roten Male, die sie trug, als seien sie das Selbstverständlichste der Welt und für die ich mich verantwortlich fühlte.

„Ach, ich musste an Memori denken. Und was sie wohl jetzt machen wird?“

„Du denkst an Memori? Sie wird es gut haben, sonst hätte sie sich schon längst gemeldet. Schmierst Du die anderen Striemen denn auch noch ein. Oder war das schon alles?“

„Nein, nein. Natürlich. Dreh´ dich wieder richtig hin“, antwortete ich.

„Könnte sie denn zurück, wann immer sie wollte?“

„Ja und Nein. Natürlich könnte sie zurück. Aber sie wird niemals ohne Weiteres einen Kunden einfach so verlassen, weil ihr etwas nicht passt. Sie wird die Zähne zusammenbeißen. Da gibt es so etwas wie eine innere Verpflichtung, weißt Du?“

„Wer bindet sie denn an diese Verpflichtung? Charly?“

„Charly ist nur das Symbol für dieses Über-Ich, das uns leitet und das in solchen wie uns angesiedelt ist, wie die Leber oder die Milz. Und man braucht jemanden, der dieses Über-Ich verkörpert. Das ist Charly. Aber in Wirklichkeit sitzt die Instanz in uns allen selbst und Charly ist wie ein Wächter, der auf sie aufpasst, verstehst Du?“

„Offen gestanden, kein Wort“, gab ich meinem Erstaunen über das Gesagte Ausdruck.“

„Ach, wie soll man das auch jemandem erklären, der so überhaupt keinen Sinn dafür hat. Einem Mann, der eitel ist und sich im Rudel anderer Männer behaupten möchte. Du wirst das wahrscheinlich nie nachvollziehen können. Das einzige, was Du erreichen kannst, ist zu lernen, wie man damit umgeht. So eben, wie man ein Handwerk erlernt. Und vielleicht findest Du sogar Gefallen daran und das Lernen wird Dir leichtfallen.“

Ich musste an die Nacht mit Memori bei Kyras Worten denken. Wie sehr ich es geschätzt hatte, dass offensichtlich Memoris Über-Ich es verhinderte, mich auch nur mit einer einzigen winzigen Geste zu irgendetwas zu drängen.

Kyra räkelte sich wohlig unter meinen Händen. Auch sie gefiel mir, aber auf eine andere Weise wie Memori. Mit ihr hatte ich eine Art Freundschaft entwickelt. Mit ihr konnte ich sprechen, konnte ihr Fragen stellen, deren Antworten sie mir niemals verweigerte. Und sie beantwortete sie auch nicht mit Plattitüden. Man merkte ihr an, dass sie sich viele Gedanken um alles machte.

„Aber. Nutzt Charly Euch denn nicht aus? Ich meine, ich muss doch nur an vorgestern denken. Du musst zehn Tage ohne Lohn arbeiten“, wollte ich von ihr wissen und da erzählte sie mir etwas, das ich selbstverständlich zum damaligen Zeitpunkt noch nicht ahnen konnte.

Alle Mädels, die hier bei ihm waren, hatten aus irgendwelchen Gründen Zuflucht bei ihm gefunden. Er hatte ihnen seine Regeln erklärt und sie vor die Wahl gestellt, hier bei ihm zu bleiben, oder wieder zu gehen. Zu einer seiner Regeln gehörte es, dass jede von ihnen in der Zeit, die sie hier bei ihm verbrachte, eine Ausbildung absolvierte. Was, das konnte jede von ihnen selbst entscheiden. Auch die Länge der Ausbildung war, selbstverständlich in Absprache mit ihm, flexibel zu gestalten. An einer Fernuni waren jeweils fünf Kontingente gebucht, für die er einen Rabatt herausgehandelt hatte. Eine Art Uni-Flat. Wenn sich die Frauen, die immer verzweifelt waren in dem Moment, wo sie bei Charly aufschlugen, für das Leben bei ihm entschieden hatten, dann hatten sie sich zu einhundert Prozent zu unterwerfen. Er regelte dafür ihre gesamten „Altlasten“. Das ging von Eheangelegenheiten bis hin zur Abwendung von Privatinsolvenzen oder Gerichtsverfahren wegen kleinerer, krimineller Delikte. Zwei von ihnen, Leonore und Caro waren vor ihren Zuhältern geflüchtet. Charly hatte ihnen eine neue Identität verschafft, denn natürlich unterhielt er Kontakte zur Unterwelt. Die Mädels waren so unterschiedlich, wie man kaum sein konnte. Nur eines hatten sie alle gemeinsam: Sie waren devot, masochistisch oder beides.

Nur um mir anhand eines Beispiels klar zu machen, wie Charly vorging, erzählte mir Kyra auch die Geschichte von Jessi.

Jessi, die kleine, etwas gedrungene Sklavin, die oftmals direkt auch ein wenig maskulin wirkte, hatte sich für ein Studium in Betriebswirtschaft entschieden. Charly ließ sich selbstverständlich konsequent wie er war und sein musste, die Prüfungsergebnisse seiner Sklavinnen allesamt vorlegen und den Grund für ein eventuelles Versagen bis ins kleinste Detail erklären. Meinte er dabei Ausreden aufzudecken, dann konnte das ernsthafte Konsequenzen haben. Das erfuhr jede von ihnen gleich beim ersten Mal, wenn sie versuchten, sich mit läppischen Ausflüchten vor Strafe zu bewahren. Spätestens beim zweiten Rapport gab jede von ihnen offenherzig zu, unter Umständen doch einfach nur faul gewesen zu sein.

Bei Jessi allerdings musste Charly allerdings gleich so ein Gefühl gehegt haben, dass sie einfach nicht geschaffen war, sich mit Theorie jedweder Art zu beschäftigen. Gleichzeitig hatte er festgestellt, dass Jessi geradezu verrückt auf Autos war. Nach den ersten Prüfungen, die auf Totalversagen schließen ließen, bestellte er Jessi zu sich ins Büro. Ein Termin, der jeweils Anlass zu Befürchtungen gab und so hatte sich auch Jessi zu diesem Besuch bei Charly fast in die Hosen gemacht. Als sie wiederkam allerdings strahlte sie über alle Backen und alle Mädels im Haus hatten sich auf sie gestürzt.

„Nun, sag schon. Was war denn“, wollte Leonore wissen.

Jessi setzte sich nicht hin, während die anderen sich schon auf das riesige Sofa gelümmelt hatten und weiter baten, doch endlich mit der Sprache rauszurücken. Es dauerte eine Weile bis sie imstande war, ihrem offensichtlich großen Glück Ausdruck zu verleihen.

„Stellt Euch vor. Charly hat das Scheiß-BWL-Studium gecancelt. Immer wenn ich hier bin, gehe ich ab sofort zu einem Bekannten von ihm in seine Kfz-Werkstatt. Natürlich kriege ich keine richtige Lehrstelle. Geht ja nicht, wenn ich zwischendurch weg bin. Aber der Typ will mir alles beibringen. Nur das Theoretische muss ich mir selbst reinziehen. Aber das ist ja ein Klacks, wenn ich mir nicht Buchhaltung und so´n Scheiß reinziehen muss. Wenn ich dann so weit bin … Keine Ahnung, der Typ ist wohl in so´ ner Art Verband oder was, dann meint er, meldet er mich auch ohne das ganze Gedöns mit Lehrstelle und so, einfach zur Prüfung an. Wenn ich brav mitarbeite kriege ich sogar anschließend so eine Pappe.“

„Mensch, Jessi, das ist ja klasse“, hatten die meisten sie beglückwünscht bis sie den Finger hob.

„Aber das ist noch nicht alles. Der Inhaber der Werkstatt hat auch irgendwas mit Formel I zu tun. Wenn alles klappt, dann kann ich in ein, zwei Jahren bei einem Rennen sogar mal mit in die Boxen. Ist das nicht irre? "

Jessi machte eine Pause und man merkte, wie sich die anderen für sie freuten.

„Allerdings“, jetzt verdüsterte sich Jessis Gesichtsausdruck. Sie zog seitlich ihren Rock hoch und streckte die Hüfte heraus. Alle sahen gebannt auf ihren Hintern.

„Das meint Charly, ist dafür, dass ich ihm und mir die Zeit mit meiner Entscheidung zu einem BWL-Studium gestohlen habe. Ich hätte wissen müssen, sagt er, dass ich mich dazu nicht eigne. Und in einer Woche muss ich deswegen für eine zweite Sanktion zu ihm kommen. Denn, so sagt er, das oberste Gebot einer Sklavin sei es, die eigenen Fähigkeiten einschätzen zu können, aber auch die eigenen Unzulänglichkeiten.“

Leonore war aufgestanden und hatte Jessi in den Arm genommen. „Er hat ja recht“, meinte Leonore und alle hatten ihr zugestimmt, sogar Jessi.

"Und wie ist das nun mit dem Lohn? Was bekommt er von Euch" wollte ich von Kyra wissen.

"Er bekommt die Hälfte von allem", fuhr Kyra fort. Dafür erhalten wir ein Zuhause, genießen seinen Schutz, den er sehr ernst nimmt, Essen und Kleidung sind frei, zumindest die Berufskleidung und er versorgt uns mit der nötigen Strenge."

Jede Sklavin besaß, so berichtete Kyra weiter, ein eigenes Konto, auf das ihr Verdienst von Charly überwiesen wurde. Davon allerdings erhielten sie selbst lediglich ein Taschengeld. Denn Charly wollte nicht, dass sie das Geld für Kinkerlitzchen ausgaben. Wenn eine von ihnen eine Sonderausgabe hatte, zum Beispiel für Geschenke an die Familie, dann war das mit Charly abzusprechen und man erhielt das Geld in bar von ihm, das er von dem jeweiligen Konto abgehoben hatte.

„Wenn ihr mich nicht vorzeitig verlasst, sondern ein paar Jahre bei mir bleibt, dann habt ihr eine abgeschlossene Berufsausbildung und mindestens das Kapital, um Euch eine kleine Eigentumswohnung zu erwerben“, tat Charly bei jeder Neuen, allerdings stets im Kreise aller anderen, die das Prozedere schon hinreichend kannten, kund. „Erkundige Dich“, wandte er sich dann nur an die Neue, „wie hoch die Kontostände Deiner Kolleginnen bereits sind und frage sie, ob sie Angst vor der Zukunft haben!“

Natürlich hatte keine von Ihnen Zukunftsängste. Im Gegenteil, einige von ihnen besaßen in relativ jungen Jahren schon ein erkleckliches, kleines Vermögen, auch wenn sie hin und wieder wirklich schrecklich darunter litten, sich nicht eine tolle Handtasche oder ein sündhaft teures Kleid nach dem anderen leisten zu können. Was sie sahen, waren die Zahlen auf den Kontoauszügen, die sich stetig steigerten. Und daher wollten nur die wenigsten unter ihnen  einsehen, dass man mit einem solchen Kontostand zwei oder drei Jahre immer die gleichen Klamotten tragen sollte.

„Was wollt ihr permanent mit neuen Kleidern“, fragte Charly einmal, als sich drei der Mädels zusammengetan und beschlossen hatten, Charly zu einem hohen Betrag für „Sonderausgaben“ zu überreden. „Hier im Haus lauft ihr ohnehin nackt oder in euern Bademänteln rum, bei den Kunden tragt ihr Arbeitskleidung und für die paar Mal, die ihr ausgehen wollt, da muss es nicht jedes Mal ein neues Aussehen sein. Schaut Euch die Queen in England an. Sogar die erscheint hin und wieder im selben Outfit irgendwo, obwohl sich Millionen von Augen auf sie richten. Also, ganz einfach und um die ganze Sache abzukürzen: es gibt kein Geld für neue Fummel. Aber ich will nicht so sein. Caro hat, da sie aus armen Verhältnissen stammt, nähen gelernt. Ihr bekommt eine Nähmaschine und dann könnt ihr Euch aus den alten Klamotten was Neues zaubern. Das erfordert Erfindungsgeist, Durchhaltevermögen, Geschicklichkeit, Teamfähigkeit und trainiert das Talent, aus einem „angeblichen“ Mangel etwas Gescheites hervorzubringen. Alles Eigenschaften, die ihr ohnehin ständig schon jetzt braucht und die in eurem ganzen Leben nur hilfreich sein können.“

Als Kyra mit ihren Ausführungen über Charly endete, hatte ich das Gefühl, den genialsten Erzieher, Psychologen, Kleinkriminellen, Lebensweisen und Mäzen als Chef zu besitzen. Und dass er alles, nur kein Zuhälter im herkömmlichen Sinne war. Außerdem waren mir in Kyras Schilderungen immer wieder die Bewunderung und der Respekt für ihn aufgefallen. Etwas, das sich in einem Tonfall oder einer ihrer Gesten ausgedrückt hatte und mich offen gestanden etwas eifersüchtig zurückließ. Ein Gefühl, das ich gar nicht verstand, weil ich doch immer noch in den Erinnerungen an Memori schwelgte.  

 

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Kommentare

Ein Intermezzo, dieser Teil? Ich hoffe, beim nächsten Mal gibt es wieder etwa mehr Action ...