Von Schwester Irmgards Liebesnot 4. Kapitel

 

Liebe Kollegen, nun ich habe versucht, mein Mittelalter-Kauderwelsch ein wenig zu glätten und zurückzunehmen, ohne einen krassen Stilbruch zu begehen. 

Die Vertreibung der Sünderinnen machte unter den Kreuzfahrenden ein großes Aufsehen, der reinigenden Grausamkeit wegen, aber auch des Umstandes, dass eine Frau ihren Willen in geistlichen Dingen durchsetzte. Man konnte ein richterlich urteilendes Weib in der Weltordnung nicht unterbringen. Ein junger Minorit, der von seinem Ordensmeister eine Art scherzhafte Leichtigkeit der Rede übernommen hat, begegnete dem Unfassbaren mit einem Witz: „everriculum Dei“, nannte er Irmgard, -  Gottes Kehrbesen, und wies lachend darauf hin, dass es durchaus Weibersache ist, das Haus sauber zu halten. Irmgard griff aber diesen Spottnamen begeistert auf und trug ihn mit stolzer Demut als ihr auferlegtes Amt. Sie befestigte am Strickbund ihrer Kutte einen Rutenbesen und machte sich an die Arbeit, die Heilige Fahrt von allem zu säubern, was noch sündig zu wimmeln und zu sprießen wagte. Ihr Reinheitseifer traf zunächst nur die Weiber und Männer des Fußvolks, so wuchs ungehindert in ihrem Amt und gewann mit Befürwortung der hohen Geistlichen an Einfluss und fast ehrfürchtiger Zustimmung.

Es war Vorabend des Pfingstsonntags, als sie nach der Liturgie nicht zur Ruhe kam und einen so heftigen Bewegungsdrang verspürte, dass sie allein in die laue Frühlingsnacht hinauslief. Auf einem sanften Hügel, etwas abseits, erblickte sie zwei Menschen. Blass, aber gestochen scharf war das Bild, das ihr die helle Mondnacht geboten hat: der Ältere in härener Kutte der Minderbrüder saß gegen eine einsam stehende Buche gelehnt, an seiner Brust ruhte ein Jüngling von so zarter kindlicher Gestalt, dass man ihm das Schwert und die schwere Rüstung, die er achtlos neben sich geworfen, nicht als sein eigen glauben wollte. Ruhe und Frieden strahlte dieses Bild aus, doch klopfenden Herzens und verstört schlich sich Irmgrad in ihre Nähe. Der alte Mönch las vor, – sie erkannte die Verse des Canticum Canticorum sogleich, - sein Schüler wandte ihm ein selig lächelndes und doch so andächtig ernstes Gesicht zu. „Wie schön, wie erhebend ist der Anblick der reinen Liebe“, sinnierte Irmgard, „so ruhte wohl der Apostel Johannes an Chrisi Brust, als Der ihn lehrte. So schmiegt sich die Seele innig und vertrauensvoll an ihren Schöpfer“ – „Siehe, mein Freund, du bist schön und lieblich“, deklamierte der Alte und seine knochige Hand berührte zärtlich die Wange des Jünglings, „unser Bett grünt, unserer Häuser Balken sind Zedern, unser Getäfel Zypressen.“ Wie gebannt sah Irmgard den inniglich Vereinten zu und Tränen der Rührung schossen ihr in die Augen.

„Naivchen!“ Der Gefährte versetzte ihr einen heftigen Ellbogenstoß unter die Rippen. „Da frömmelst du rum und gaffst in aller Andacht! Es sind doch Sodomiten! Fass, Liebchen, die schönste Beute für deinen Herrn, - der Lustknabe ganz besonders, aber von mir aus auch der Kuttenträger, nicht dass sie sich vor dem Höllenrost trennen müssen.“ – „Nein!“ schrie sie entsetzt auf, - so laut, dass der Gefährte ihr den Mund zuhalten musste. „Nein?“, höhnte er, „sehr wohl, Liebchen. Verweile hier für eine Stunde und du wirst Dinge sehen, Potztausendsakrament!“ Der Gefährte trat Irmgard so nahe, dass sie den Schwefelgeruch seines Atems spürte, und unterrichtete sie, direkt ins Ohr flüsternd, über die Einzelheiten der sodomitischen Lust. - In diesem Augenblick neigte der Mönch sein herbes Greisengesicht über dem Jüngling und küsste seine Locken.

Rasend vor Wut stürmte Irmgard zurück ins Lager und riss die Leute aus dem Schlaf. „Schwefelstinkende, abscheuliche Sünde!“ kreischte sie, „da draußen sind sie, diese Bestien und frönen ihrem Laster!“ – „Beruhige Dich, gutes Weib“, mahnte Pater Berengarius, „und sage uns in deutlichen Worten, was Du gesehen.“ Nun stutze sie und suchte nach deutlichen Worten. Wer von uns will der Zornigen verübeln, dass sie nicht von geringer und nichts sagender Zärtlichkeit berichtete, die sie sah, sondern von den Abscheulichkeiten, die ihr ins Ohr geflüstert wurden? Waren sie doch so lebhaft geschildert, dass sie fast wie bereits geschehen waren…

An fünfzig Mann der Sittenhüter und Schaulustiger überrannten den Zufluchtstort des sündigen Pärchens. Als man sie ergriff, war von all den Abscheulichkeiten nichts zu sehen, doch des Jünglings abgelegte Rüstung und sein offenes Hemd, vor allem aber die Angst, welche Beiden in den Gesichtern stand, sprachen Bänder. Man drehte ihnen die Ellbogen harsch hinter den Rücken, zerrte sie ins Lager und befragte sie peinlich noch vor Aufgang der Sonne.

Folter aber, die echte seelenöffnende Folter, ist eine Kunst, die gelernt und geübt werden will; dieser Kunst war unter den Kreuzfahrenden leider Gottes keiner mächtig, sodass die peinliche Befragung auf recht gewöhnliche Grobheiten beschränkt blieb. Kein Wunder, dass die Sünder nicht gestanden, sondern unentwegt ihre Unschuld beteuerten bis ihre Gesichter von Schlägen so anschwollen, dass sie gar nicht mehr sprechen konnten. In flagrante hat man sie nicht überführt und ohne Geständnis war die Schuld nicht erwiesen. So stand Irmgards Sache an der Kippe. An einem kultivierten Ort, in einer Stadt oder großer Abtei, der es nicht an kündigen Wahrheitsfindern mangelt, wäre so etwas bestimmt nicht passiert. Was tun? Sie griff wieder zu flagrum, fiel in die Knie und geißelte sich stöhnend und singend, bis sie in einer Blutlache lag und man sich um das Leben der Gotteseifernden fürchten musste. Doch auch diese ergreifende Szene konnte die zweifelnden Herren nicht zum Schuldspruch bewegen.

Der Gefährte sah deutlich, dass Irmgard in dieser Sache direkte Unterstützung braucht:  „In paradiesische Gärten kann ich dich nicht versetzen, Liebchen, da ich selber nicht mehr reinkomme seit meinem Zerwürfnis mit dem Höchsten und der großen Schisma der Engelränge. Aber auch in meinem Reich ist manches, womit du deine Zuhörer beeindrucken kannst. Trete ein und siehe!“ Und sie sah mächtige Flammen aufsteigen aus einem Abgrund, der tief und eng gleich einem bodenlosen Brunnen vor ihren Füßen klaffte. Dieses verzehrende Feuer war allen Lichtes und Helligkeit beraubt und finsterer als tiefste Nacht. Mit grauenvollem Zischen züngelte es aus der Tiefe wie eine tausendköpfige Schlange. „Die Hölle hat sich aufgetan vor meiner Seele!“ schrie Irmgard und verdrehte ihre prophetischen Augen, „sie trachtet nach denen, die abscheulich gesündigt, und wird aus dem Abgrunde heraustreten und uns alle in Flammen setzen, wenn wir die Verfluchten schonen.“

Ritter Wiprecht war ein Mann ohne bildliche Vorstellungskraft und konnte sich aus ihren Worten nicht viel machen. Auch die hohen Geistlichen waren sich der Verbindlichkeit einer solchen Botschaft nicht ganz sicher, sie berieten sich flüsternd und schüttelten die tonsurierten Köpfe. Eigentlich wurde die Männerliebe bis dahin zwar scharf getadelt, aber milde bestraft. Mehr als ein saftiger Geldbetrag für den verbrieften Ablass der Sünde und eine Anzahl der Fastentage bei Brot und Wasser wurde dem Lüstling nicht aufgetragen. 

Doch plötzlich rief jemand aus dem Volk: „Herr Jesus, ich seh die Flammen in ihren Augen spiegeln, das Weib spricht die Wahrheit!“ Und ein Anderer: „Ich sehe auch! Wehe uns, Armen!“ Und dann „Tötet die Verfluchten! Sollen sie in die Hölle fahren, bevor dieses Feuer uns alle verschlingt!“ Dieser Stimmen wurden immer mehr, sodass bald ein entsetztes und wütendes Schrei durch die Reihen ging. Vielleicht sahen einige von ihnen die Höllenflammen deswegen so gut, weil die Anklage ausnahmsweise zwei feine Herren traf. Doch was tat es zur Sache? - Wie ein Schwarm angriffsbereiter Hornissen surrte das Fußvolk im aufsteigenden Zorn. Da wurde Ritter Wiprecht plötzlich blass im Gesicht, rasch ging er zu den Geistlichen hinüber und sagte ihnen etwas in seinem recht bescheidenen Latein. Noch einige Minuten berieten sie gemeinsam, dann trat Wiprecht vor das Volk, seufzte, schaute schielend weg von den Angeklagten, seufzte wieder … und ordnete ihre Hinrichtung an.

Irmgard scheute sich der grausamen Strafe beizuwohnen, doch der Gefährte drängte sie, vertraulich am Ellbogen führend, in die ersten Reihen. „Liebchen, du hast dieses Vergnügen redlich verdient! Siehe zu, wie der junge Frevler entblößt wird: die Kleider, die er vorhin zu willig ablegte, werden ihm jetzt mit Gewalt weggerissen, siehe ruhig zu!“ Der Gefährte fasste sie an den Wangen und drehte ihren Kopf mit sanftem Druck zum Schafott „es ist nichts daran, diesen Leib zu betrachten, denn seine Nacktheit ist ein Teil seiner Strafe.“ Leicht errötet schaute Irmgard zu, wie der schlanke jugendliche Männerkörper an Holzbalken aufgespannt wird. Dabei glitt die Hand des Gefährten von ihrem Ellbogen ab und berührte sie an der Hüfte. Das Urteil wurde zuerst in Latein und dann für das gemeine Volk in Deutsch vorgelesen, ein zum Henkerberuf bestimmter Knecht kam hinauf mit einem schweren Beil in der Hand und zerschlug den Verurteilten das Kreuz und dann den Nacken. Da dachte Irmgard an ihr eigenes baldiges Martyrium und verspürte ein sehnliches Ziehen im Unterleib und in der Brust. Doch es war schnell vorbei, denn der Todeskampf der Sodomiten dauerte enttäuschend kurz. „Was ist es für eine Hinrichtung“, ärgerte sich der Gefährte, „höchst ordinär! Ich lieferte doch die feinste Vorführung mit meinem Liebchen und das soll der Dank sein? Ach, weh, die Menschen halt… Sei gewiss, meine Teure, deine Agonie wird Format haben, dafür sorge ich höchstpersönlich.“

Als begnadete Seherin und Gotteseifernde wurde Irmgard in höchste Kreise aufgenommen und saß zu Rat mit den Männern, auch wenn es um militärische und wirtschaftliche Dinge ging, von denen sie nichts verstand. Immer wieder hielt es der Gefährte für nötig, ein Wörtchen mitzureden, dann verdrehte sie die Augen, geißelte sich und sprach die Worte nach, die er ihr zuflüsterte. Und diese Worte hatten großes Gewicht. Ihr Spottname wurde nur noch mit ängstlich zurückgehaltener Stimme ausgesprochen, denn keiner fühlte sich sicher vor ihrem blutig kehrenden Rutenbund. Hoffnungsvoll dachte Ritter Ruprecht daran, dass der Zug bald in die fremde Gebiete vorstoßen wird und die heilige Frau endlich ihrer selbstgewählten Bestimmung folgen kann. „Was an mir liegt, werde ich tun, dass sie bald zu ihren Sarazenen kommt“, dachte er im Stillen.

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Kommentare

... mit seinen züngelnden Flammen hätte die beiden Delinquenten von mir aus etwas länger in ihrer Nacktheit umflackern können und sicher gab es bei einigen Zuschauern auch unkeusche Gedanken. Aber so hat mein Kopfkino mehr Raum und höchst ordinär fand die Kürze der Zurschaustellung ja auch der Schwefelriechende tiefstselbst. Fünf leichte, schnelle Tagreisen für Irmgard, die sie ihrem ersehnten Ziel näher bringen.

steckt im Detail. Liest sich nicht mehr ganz so "anstrengend". Du hattest dich zu sehr in der Auseinandersetzung mit der Sprache verloren. Jetzt ist es besser. Der Inhalt tritt mehr ins Licht. So wird es noch zu einer Geschichte. Moralpredigten überlass der Kanzel und dem Popen. Der Teufel schert sich ja auch nicht darum. Gedanken und Gefühlen einfach freien Lauf lassen. Egal, wohin es dich führt. Und wenn du damit in der Hölle landest, hast du zumindest gelebt.

dass ich Dich wieder verstehe, liebe TaugeniX.

Es wäre zu schade, wenn ich nicht mehr daran teilnehmen könnte, in Deine Welt mit Dir abzutauchen. Eine für mich so ganz und gar fremde, daher faszinierende Welt !!!

Ausreichend Atemmasken hab ich im Gepäck, genug für uns beide.

LG

fantasy

Myka Night

In reply to by Magd-Alena

Ich muss fantasy recht geben, der letzte Teil war wirklich schwer zu verstehen, liebe Taugenix. Ich habe ihn wohl 3 oder 4 Mal durchlesen müssen um alles zu verstehen.

Jetzt verstehe ich dich wieder auf Anhieb und kann mich wieder auf das Gesagte konzentrieren, und klamüser nicht mit Worten herum. Der wachsende religiöse Fanatismus in Schwester Irmgard fällt mir auf. War sie am Anfang noch wirklich eine reine, unschuldige (wenn auch, meines Erachtens, irgendwie völlig fehlgeleitete) Seele, wird sie mir zunehmend unsympathischer, je mehr der Teufel Einfluss auf sie nimmt. Aber du beschreibst diesen schrecklichen, alles zerstörenden Wahn sehr gut. Deine Protagonistin versinkt schon jetzt in einem Fegefeuer der Eitelkeiten.

Wann geht die Reise weiter?

LG, nachthimmel