Weihnachten 2017

 

„Hau endlich ab“, schreie ich lautlos hinaus durch das geschlossene Fenster. Der Blick leer in die Ferne gerichtet, selbst voller Wut auf Alles und Jeden. Ich kann nicht anders. Die einzige Hilfe gegen Erinnerungen und das ewige Mitleid Bekannter und Unbekannter. Mein Schweigen liegt gefühlt jenseits der 200 Dezibel und vertreibt meinen Besuch mit beschämtem und hilflosem Gesichtsausdruck. „Lasst mich endlich in Ruhe“, flehe ich in das triste vorweihnachtliche Grau. Das Klappen der Tür verschafft mir Erleichterung – endlich allein.

Weihnachten mochte ich noch nie. Keine sinnlosen Geschenke und auch nicht dieses familiäre Getue. Nicht als Kind, als Vater später erst recht nicht. Fest des Friedens … dass ich nicht lache. Was hat mir dieser Frieden beschert? Ich bin ein Krüppel, gefesselt an den Rollstuhl. Ja, ich könnte, wenn ich wollte. Das behauptet ihr alle. Ich will aber nicht mehr – versteht ihr!? Ich will nicht! Habe es satt und das bis Oberkante Unterlippe, immerzu zu kämpfen und ein kleiner Held zu sein. Es gibt Tage, an denen wäre ich lieber tot als für alle Zeit lebendig begraben.

„Darf ich?“, flüstert die Stimme eines jungen Mädchens hinter mir. Die Träne sucht sich ihren Weg über meine Wange. Beinahe wie auf frischer Tat ertappt ziehe ich die Nase hoch und schweige. Du redest nie viel, aber du bist da. Immer, wenn ich dich brauche. Wenn ich dich nicht brauche, dann auch. Der einzige Mensch, den ich nicht verfluchen kann. Du kannst ja nichts dafür. Dabei hättest du allein Grund, aus allem ein Drama zu machen.

Genau dreihundertfünfundsechzig Tage ist es her, dass wir uns kennen lernten. Dabei wollte ich niemanden kennen lernen, genügte mir selbst vollauf. Zumindest redete ich mir das damals tagtäglich ein. Die Wahrheit sah ganz anders aus. Aber wen ging das etwas an? Niemanden außer mir! Die Hände greifen in die Räder, langsam drehe ich mich um. „Wo sind die beiden Knirpse?“, frage ich dich und schaue erwartungsvoll zu dir hinüber. ‚Wie schön du bist’, denke ich noch und versinke in deinen Augen. „Vor der Tür“, antwortest du, „sie wollten unbedingt mit.“

Ich lächle, sofern man die unmenschliche Grimasse mit einem solchen Attribut versehen kann. Du siehst es und trittst lächelnd näher. „Erträgst du sie?“, fragst du mich ernsthaft und hoffnungsvoll zugleich. „Es ist Weihnachten“, antworte ich und denke: ‚das erste nach dem kleinen Zwischenfall’, wie ich die Tragödie seitdem sarkastisch verharmlose. Wir hätten uns unter anderen Vorzeichen begegnen sollen. Nicht wie geschehen. Andererseits: nur so konnten wir uns je näher kommen. Unter anderen Umständen wäre das nie passiert.

Etliche Tote, zig Verletzte … darauf baut unser Glück. Makaber und geschmacklos. Inhuman bis ins Mark der Seele. Deine Hände umfassen mein Gesicht – besser: das, was davon übrig ist. Du küsst diesen erstarrten Horror aus plastischer Chirurgie, ekelst dich nicht wie sich all die anderen Besucher vor dir schon auf Distanz vor mir ekelten. Ich weiß nicht, was in dir vorgeht. Doch ist es nicht diese verfluchte und beschämende Dankbarkeit zwischen Geretteter und Retter. Im Grunde lehne ich dieses Prädikat für mich auch ab. Ich war zur falschen Zeit am richtigen Ort. Und ich habe gehandelt. Spontan, instinktiv, ohne viel nachzudenken. Nichts als Reflexe. In einer Zeit antrainiert, die den Holms von damals so gern vorgeworfen wird. Am liebsten von denen, die von nichts keine Ahnung haben.

„Hi Paps!“

„Ihr Rabauken, habt euch einfach herein geschlichen.“ Der Kleine feixt, die Große grinst wie ein Honigkuchenpferd. „Ich bin nicht euer Vater … wer bringt euch nur solchen Unfug bei?“ Wieder lächelst du wie eine Siegerin. ‚Immer diese kleinen Kämpfe um meinen Gemütszustand, kannst es nicht lassen’, denke ich und ziehe den Stirnlappen in Falten. Ernst nimmt mich von euch keiner.

„Mama hat gesagt, wir wären zweimal geboren worden und du wärst der richtige Vater. Und was Mama sagt, stimmt“, erwidert die freche Göre. Fehlt nur noch das bekannte „Basta und keine Widerrede“ eurer Mutter.

„Na dann: her mit euch!“, bleibt mir keine andere Wahl als die Kapitulation vor der nachwachsenden Generation. Minutenlang wird gedrückt, gepresst und geknuddelt. Ich glaube, Brotteig wurde niemals besser durchgeknetet.

Erst jetzt bemerke ich den aufgeschnittenen Stollen und die vier Kerzen auf dem Tisch. Im Kopf sind die Bilder von damals sofort präsent. Ihr da in der Schlange vor dem Stand auf dem Markt, beobachtet von mir, der sich an eurer Unbekümmertheit erfreut. Dann das Unfassbare. Ein lautes Motorengeheul, das alles idyllische Kling-Klang der Weihnachtsmusik zerfetzt. Links hinter mir ein hölzernes Splittern, das Klirren von Glühweingläsern. Ich schließe die Augen und spüre meinen Atem, wie er sich nach und nach wieder beruhigt. Die Bilder verschwinden so plötzlich, wie sie erschienen sind.

„Iss! Morgen ist dein großer Tag!“ Dein Blick ruht auf mir wie ein Marschbefehl nach Kurdistan. Widerspruch zwecklos. Wie kann ein so zartes Wesen solche Macht über mich besitzen? Nahezu unsichtbar heben sich deine Augenbrauen und verleihen der Order Nachdruck. Ich warte vergeblich darauf, dass du mir ein Stück vom Kuchen reichst. Für dich kommt nichts als Normalität infrage. Ebenso normal rolle ich zum Tisch. Die Kinder sind keine Fans von Süßkram und zudem unruhige Geister. Eben Kinder, lebendig und frei aller Erwachsenensorgen. Ihre unausgesprochene Frage beantworten wir unisono mit Kopfnicken. Schön, wenn sich Eltern einig sind. Die Kids sind es sich auch und toben hinaus in die Spiel- und Malecke des Spitals.

Stille. Nichts als Schweigen. Deine Aufforderung durch die Augen ignoriere ich mit starrer Gegenwehr. Minuten vergehen ohne ein einziges Wort. Dann umfasse ich die Seitenlehnen meines Gefährts, umklammere das kalte Metall so fest, dass die Knöchel so weiß wie Neuschnee werden. Kraftvoll stemme ich mich hoch und entlasse den Rollstuhl aus meinem Griff. Du schaust alles andere als erfreut. Weißt du doch um die Anstrengung, die mich dieses Ritual kostet.

„Ich gehe morgen da nicht hin.“ Noch immer verstehst du nicht.

„Wie auch? Du kannst dich ja kaum auf den Beinen halten … natürlich fahre ich dich.“

„Begreifst du nicht, was ich sage?“, schreie ich dich an.

„Nein, und ich will es auch nicht!“

„Ich tauge nicht zum Helden. Keine Audienz bei Merkel, kein Händedruck von Steinmeier. Ich gehe da nicht hin! Sollen sie dieses Stück Blech antuckern, wem sie wollen, nicht mir.“

„So?“, ist alles, was du entgegnest. Nur dieses: „So?“

Dann sind sie wieder da, die Bilder. Ich reiße dich nach hinten und packe das kleine Mädel mit den geflochtenen Zöpfen grob um die Hüfte. „Alles weg von der Straße!“, brülle ich mitten in die „stille Nacht, heilige Nacht“ und dränge euch nach einigen Schritten und waghalsigem Sprung aus der Gefahrenzone. „Max!“, brüllst du nach erstem Schock zurück. „Maaaax!!“ Die Angst in deinen Augen lässt mich verstehen – der Junge an deiner Hand, … wo ist der Junge? Ich rapple mich auf, Planen wirbeln durch die Luft. Hilflose Schreie und einsetzendes Chaos. Ein Ohren betäubendes Krachen und endloses Entsetzen in den Gesichtern der Massen. Ein Wunder, dass ich ihn in diesem Drunter und Drüber entdecke. Dann geht alles so schnell. Ich werfe ihn von mir und stürze. Irgendetwas rumpelt über meine Beine, zu spüren gibt es nichts mehr. Mir wird schwarz vor den Augen. Mein letzter Blick gilt dir. Du nickst und presst die Hand vor den Mund.

Zwei kräftige Ohrfeigen verscheuchen das Szenario. „Du gehst also nicht hin, du toller Hecht?“ Noch kämpfe ich mit der Rückkehr in die Gegenwart. Du glättest mein Revers. „Gut, deine Sache.“ Verständnislos starre ich dich an. Ich hatte erwartet, dass du mich agitierst. Aber nicht das. Plötzlich stößt du mir mit voller Wucht vor den Brustkorb. Ich habe null Chance, mich auf den wackligen Beinen zu halten und lande krachend auf dem Boden.

„Dann komm hoch und steh zu der Entscheidung! Überzeug mich, dass du all den Opfern, die dich brauchen, um ihre eigene Geschichte, ihren Verlust, ihren Schmerz zu verarbeiten, ins Gesicht spuckst.“

Ich bin wütend und zappele wie ein Fisch im Netz. Dann endlich gelingt es mir, mich auf die Seite zu drehen und das Bettgestell zu fassen. Endlos langsam quäle ich mich hinauf. „Es bleibt dabei!“, keuche ich. „Never!“

Dein Knie landet zwischen meinen Beinen, der nächste Schlag ist eine Art Kung-Fu vor den Oberkörper. Dieses Mal falle ich wenigstens weich in das Bett hinter mir. „Erklär das nicht mir, du selbstgefälliges Arschloch! Erklär das all den Anderen!“ Dann sitzt du auf mir und die Schläge nehmen kein Ende. Ich schmecke längst das Blut zwischen den Zähnen. „Na los, du Weichei! Fick mich, wenn du kannst!“ Ich versuche mich zu wehren. Doch du bist eine Furie, nicht zu bändigen, nicht zu bremsen. Zerreißt mir das Hemd und ziehst deine Krallen über die Haut. „Brennt’s?“, fragst du und lachst dabei höhnisch. Und wie es brennt, es geht unter die Haut. Von einem Moment auf den anderen habe ich vergessen, worum es eigentlich geht. Ich will nur noch diesen Schmerz. Ich will, dass du mir weh tust.

Verrückt, einfach nur verrückt. Zwei Irre im Wahn. Was dann folgt, ist nicht als normal zu bezeichnen. Ohne jede Rücksicht auf meinen Zustand ergreifst du Besitz von mir. Ich habe keine Ahnung, wie ich in dich gelangt bin. Aber es war schön – schmerzhaft, aber schön. Ein letztes Mal eine Schelle und deine schwarz lackierten Fingernägel auf – nein, nicht auf – in meiner Haut. Wie konntest du es wagen? „Danke“, flüstere ich ausgepowert und ergebe mich. „Bekomme ich das jetzt immer von dir?“

„Noch mehr, wenn du das brauchst, mein Schatz.“ Wir sehen uns endlos an und ich verstehe: Nur, wenn ich all die Opfer nicht enttäusche und ihrer Seele den nötigen Frieden gebe.

„Scheiß Politik! Okay, fahr mich morgen zur Kanzlerin, du Bestie!“

Bewertung

7 Votes with an average with 4.5

Kommentare

Ein heißes Eisen was Du hier schmiedest.
Bewerten kann ich die Geschichte wohl, nur das Eintauchen will mir nicht gelingen.
Zu frisch sind die Spuren der vergangenen Tage. Zu groß die angestaute Wut, um mir am
Ende ein schmunzeln zu entlocken.
Trotz allem, ein echter Tony halt.

VG. Daydreamer

In reply to by Daydreamer

Das ist nicht mehr die Seite von Tony, die alle kennen. Wahrscheinlich kommt dieser Geschichte nur meine frühere Story zum Thema "Todesstrafe" in etwa nahe. Bin Megs trotzdem dankbar, dass er sie frei gegeben hat. Schmunzeln ist hier weniger angesagt - Nachdenken schon eher.

Danke für deinen Kommentar.

Ist das eine klassische BDSM Geschichte? Ich denke nicht. Ist das wichtig? Ich denke auch nicht.  Tony beschreibt hier gekonnt die Tragödie von Berlin und die möglichen Folgen für ein überlebendes Opfer. Ich konnte mich gut in die Person hinein versetzen. Das spricht für die Kunst des Autoren.  Tony, das hast du gut gemacht. Großes Lob. 

In reply to by Artaxerxes I

Es gibt so viele Arten von BDSM-Geschichten. Die einen wollen nur berichten, die anderen ein Mit- und Hineinfühlen ermöglichen. Wieder andere Fragen stellen und noch andere welche beantworten. Hier ist BDSM "nur" Transportmittel und Teilaspekt. Wie so oft geht es bei mir um mehr: um Tagesthemen, Persönliches, Fremdes, Gedankengänge, Gefühle und eben - last, but not least - um BDSM. Kurz: um das Leben.

Hynda z.B. hat es drauf, "reines BDSM" zu schreiben. Und doch spürt man dort: es gibt kein reines BDSM. Aus einfachem Grund: im Mittelpunkt steht der Mensch! Nicht mehr und nicht weniger.

Erst fragt man sich: „Was hat das mit BDSM zu tun?“ Dann folgt ein stilles ,Oh Scheiße...‘ wenn man begreift worum es geht. Die Krallen in der Haut am Ende empfand ich nahezu als Erlösung.

 

Einerseits ein typischer Tony, weil weit und breit keine Spur von hirnloser Gewalt oder unwilligem Rein-Raus - andererseits tu ich mich nach wie vor schwer mit dem „Seitenwechsel“... 

 

Fast ein Jahr nach dem Anschlag in Berlin wirkt dieses Mahnmal auf mich merkwürdigerweise erschütternder als frisch aus der Feder.